Ausgabe 
25.3.1935
 
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derl, und glab's: so a teuflische Hoffart tuat koa guat net!" Und durch alle Wirtshäuser ging darauf

Vortragsabend Kreya Monis-Sturmfels.

Freya MonjL-Sturmfels, die vor

Der Vollbari.

Von Michael Kohlhaas

Namen haben oft die Menschen, Namen, so selt­sam und ausgefallen, daß zunächst einmal gewiß e n jeder, der erstmals eine derartige Absonderlich­keit hört, erstaunt fragt:Wie, bitte? Wie heißen Sie?" und selbst auf die Wiederholung hin noch ein paarmal den Kopf schüttelt ob der vernommenen Unglaublichkeit.

Der Pächter des ärarialischen Solgenhofes bei Nußberg zum Beispiel heißt Roßbüxportner, ja, auf Ehr! Michael Roßbüxportner, und seine Feinde denn wer hat schließlich solche nicht! die sagen ihm nach, er habe schon einmal, um eine peinliche Zwangsvollstreckung abzuwenden, durch den Gerichtsvollzieher seinen Familiennamen ver­steigern lassem wollen: doch nicht ein einziges Ge­bot sei erfolgt: das langatmige Familienstück wäre eben für den täglichen Gebrauch einmal zu unprak­tisch. Indes, das Gegenteil ist wahr: der Roßbüx- portner bildet sich sogar noch etwas ein auf seinen Namen und das nicht wenig: keine Rede davon, daß er ihn los sein möchte.

Und noch eine Eigenart besitzt dieser Gutspächter. Einen wallenden Vollbart nämlich, der ihm gut bis auf den Hosenbund hinunterreicht. Und auf dieses Geschenk der Natur ist der Roßbüxportner um so stolzer, je unansehnlicher ihm seine übrige Gestalt geraten ist. So klein und putzig nämlich, daß er schon so manches Mol in seine eigenen Ohren hin­ein den Spott hat hören müssen:Gschwind, da schaugts? Wo geht denn heut wieder der Dollbart mit'n Roßbüxportner hi?" oder etwa:Js iatz dös der Roßbüxportner oder is leicht der Kaiser Karl aus 'm Untersberg auskömma?" Denn so viel wird hoffentlich ein jeder Leser aus der Geschichte wissen, daß Kaiser Karl der Große im Untersberg einen Riesepvollbart trägt, der ihm bis jetzt schon fast zweimal um seinen Marmeltisch herumgewachsen ist, und daß, wenn dieses zum dritten Male sich ereignet, überhaupt mit jeglicher Barttracht Schluß gemacht wird, indem der Weltuntergang dann un­mittelbar bevorsteht.

an diesem Tag die Rede:Heut hätten bei Haar zwoa Ochsen an Kaiser Karl g'fressen."

durch Abkürzung, wo nicht gar Weglassung der sonst üblichen Gesichtsreinigung. Und auch das kann nicht geleugnet werden: der lange Bart verhilft dem kur­zen Mann zu einem Ernst der Erscheinung, der ihm sonst nie zukäme. Solchen Vorzügen gegenüber kann es unschwer auf die allenthalben in das Men­schendasein verflochtene Tragik zurückgeführt wer­den und wiegt es eigentlich leicht, daß der hem­mungslose Bartwuchs in einem Falle den Pächter Roßbüxportner unbedingt der unfreiwilligen Komik preisgibt. Immer dann nämlich, wenn Michael Roßbüxportner über seinem Leibgericht, einer Nu­delsuppe mit Huhn, sitzt. Denn bei solcher Gelegen­heit sieht es aus, als schmücke Vater Roßbüxportner, der Lieblingsspeise zu Ehren, seine Manneszier so­gar noch mit Girlanden, die in Wirklichkeit freilich nur diegeschnittenen Nudeln" sind und überall hängen bleiben gleich Schlinggewächsen im Urwald. Ehedem blond, ist heute die Farbe des Bartes längst in ein ineinanderfließendes Spiel von Grau und Gelb übergegangen.

Diese Verfärbung mochte auch die Ursache zu folgendem Begebnis sein: Auf dem Halsbacher Hornviehmarkt wollte der Pächter Roßbüxportner ein Paar Ochsen kaufen. Fand auch die geeigneten Exemplare und handelte mit dem Besitzer, zäh und unnachgiebig, hin und her und her und hin. Dabei stand er, wohlgefällig seinen Bart streichend, den Ochsen ungemein günstig, sozusagen griffnahe, vor dem Maul. Und weil es der erste Vollbart war, der den beiden Ochsen dermaßen gelegen vor die Nase kam, weil ferner für einen Ochsen kein Un- terschied besteht zwischen einem graumelierten Doll­bart und einem vielleicht etwas angeschimmelten Bündel Heu und weil endlich die Ochsen seit vielen Stunden nichts mehr genossen hatten, so er­griffen sie wie auf Verabredung mit gierigen Mäu- lern die vor ihnen befindliche grau-gelbe Verschim­melung, zerrten damit noturnotwendig den Michael Roßbüxportner zu sich her, oben ihn daran mit leichter Mühe in die Höhe und wollten eben als zweites Frühstück den berühmten Dollbart zu sich nehmen, als gerade noch im letzten Augenblick die Bauern in der Nähe die drohende Katastrophe ge­wahrten und mit Geschrei, Stockschlägen sowie handfesten Griffen den Ochsen Dollbart und Roß­büxportner entrissen.

Und wie die Bauern nun schon einmal sind, wenn

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Reihe von Jahren am Gießener Stadttheater wirkte, und deren Name noch zahlreichen Theaterbesuchern in guter Erinnerung ist, gab am Samstag im Gartensaal des Gesellschaftsvereins vor einem klei­nen Kreise geladener Gäste einen Vortragsabend. Das mit sicherem Geschmack zusammendestellte Pro­gramm umfaßte im ersten Teil überwiegend klassi­sche Balladen, im zweiten Lyrik, im dritten eine moderne Novelle. Da die gesamte Vortragsfolge von Anfang bis zu Ende völlig frei gesprochen wurde, erwies sich die Bewältigung des Stoffes schon rein gedächtnismäßig als eine respektable Leistung. Das volle, biegsame, bühnenmäßig ge­schulte Organ der Vortragenden kam vor allem im ersten Teil der Folge in den balladesken Stücken mit ihren dialogisierten Episoden und dramatischen Steigerungen 3U einer (Entfaltung, für die der immer­hin kleine Raum gelegentlich kaum die nötige Re­sonanz bot. Entschiedener Höhepunkt dieses ersten Teiles war die übersichtlich gegeliederte Wieder­gabe von Goethes wunderbarer BalladeDer Gott und die Bajadere". Dem verhaltenen Jubel in Conrad Ferdinand MeyersNoch einmal" und MörikesSchön-Rohtraut" war zum Schluß dieses Teils die herbe Strenge derFrauen von Nidden" (Agnes Miegel) kontrastreich gegenübergestellt. Von den rein lyrischen Gedichten im zweiten Teil ge­lang das unvergängliche Abendlied vom alten Claudius in seiner zarten und im schönsten Sinne einfältigen Haltung, die keinerlei rezitatorischen Aufwand duldet, am besten. Ueberzeugend und ein­dringlich wirkten auch HölderlinsHeimat" und KellersWinternacht", während ein so edles Ge­dicht wieUm Mitternacht" von Mörike sich der vollkommenen Ausschöpfung im Vortragssaal zu entziehen scheint. Ein starker und sympathischer Eindruck zuletzt: Schaeffers NovelleDie Rosse der Hedschra" aus dem BandeDas Prisma": die hohe Erzählkunst Schaeffers, feine strenge und dennoch leidenschaftliche Prosa fand eine klare, gebändigte und von innen her gesteigerte Interpretation. Die kleine Gemeinde dankte nut herzlichem Beifall.

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Uebrigens, mit den Dollbärten wenigstens hat schon die heutige Mode aufgeräumt: doch je uner- bittlicher sie das tut, um so stolzer nur wurde der Roßbüxportner auf sein Haargestrüpp. Auch weiß er seinem Bart allerhand wohltätige Wirkungen lein, nachzurühmen: so einen ganz unvergleichlichen sogar a d Ochsen kennt, daß du öir auf Dein Bart Schutz vor Erkältung und eine nötigenfalls sehr oamal z'vui ei'bildst, und drum Hamm s n dir ganz willkommene Beschleunigung der Morgentoilette oafach wegfressen wollen. Laß da's g'sagt sei. Man-

einer den Schaden und Schrecken hat, so sagten sie auch da zu dem geretteten und zerzausten Männ­lein:Woaßt, Roßbüxportner, dös sell Hamm halt

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Zeitschriften.

Soeben sind neue Ullstein-Modealben herausgekommen, um zu zeigen, was man im Früh­jahr und Sommer tragen wird. Im Vergleich zu früheren Ausgaben Haven sie sich verbessert: jede Abbildung ist bunt. Hunderte von Modellen bieten sich lebendig und verlockend dar, Kleider, Kostüme, Mäntel, Blusen, Röcke u. a. m. Es gibt ein Ullstein- Album fürDamen-Kleidung", eines fürJugend- und Kinoer-Kleidung" und einGroßes", das beides vereinigt.

Hochschulnachnchten.

Eines der namhaftesten Mitglieder der Medizini­schen Fakultät der Universität Amsterdam, der bekannte Chirurg Professor Dr. Otto Lanz, ist im Alter von 70 Jahren gest 0 rben. Professor Lanz, Schweizer von Geburt, hatte an den deutschen Uni­versitäten Leipzig und München studiert und genoß als Gelehrter europäischen Ruf. Die von ihm ver­faßten wissenschaftlichen Arbeiten wurden in ver­schiedenen europäischen medizinischen Zeitschriften, namentlich in deutscher Sprache, veröffentlicht. In Holland hat sich Prof. Lanz insbesondere als einer der bekanntesten Blinddarmoperateure einen Na­men gemacht

Ihren 7 0. Geburtstag begingen dieser Tage der em. Professor Dr. Ernst Schultze von der Universität Göttingen, der als Psychiater zahl­reiche Arbeiten auf kriminalistischem Gebiete ver­öffentlicht hat, und Professor Dr. Camillo von K l e n z e an der Universität München, der sich als Germanist mit Arbeiten über deutsch-amerika­nische Kulturbeziehungen und zur amerikanischen Literatürgeschichte einen Namen gemacht hat.

Professor Dr. Anton I i r k u, Ordinarius für alt- testamentliche Wissenschaften an der Universität Breslau, ist an die Universität Bonn berufen worden.

Professor Dr. Erich Seidel, Ordinarius an der Universität Jena, erhielt einen Rus auf den Lehr­stuhl für Augenheilkunde an der Universität Göt­tingen.

Professor Dr. Georg Heck, Extraordinarius für Archäologie und Kunstgeschichte an der Universität Würzburg, ist zum ordentlichen Professor er­nannt worden.

Professor Dr. Enrique Paschen ist zum Hono­rarprofessor in der Medizinischen Fakultät der Universität Hamburg ernannt worden. Professor Paschen hat sich große Verdienste um das hambur­gische Impfwesen und um die Erforschung der Ur­sache der Pocken 'erworben.

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1901 wurde er mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

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Professor von Röntgens 90. Geburtstag.

darum gekämpft und gearbeitet hat, sein Ziel zu erreichen: eines Tages nicht mehr an der Drehbank, sondern auf der Opernbühne zu stehen.

Krollmann erzählt seinen Lebenslauf.

Ich war das jüngste von elf Kindern", beginnt Metallarbeiter Krollmann mir zu erzählen.Mein Vater war auch schon in unserem Werk anaestellt und hat dort sein Brot verdient. Früh ist die Mutter von uns gegangen, und uns Kindern blieb nichts anderes übrig, als recht schnell einen Beruf zu ergreifen und zum Unterhalt der Familie bei­zutragen. Die meisten von uns fanden eine An­stellung in den umliegenden Fabriken. Dom frühen Morgen an standen wir an den Maschinen. Die Abende verbrachten wir meist im Sundwiger Ge­sangverein, dem noch heute zwei meiner Brüder angehören."...

Man hatte den jungen Krollmann oft wegen seiner besonders schönen Stimme gelobt. Schon der Schullehrer hatte den Tenor des halbwüchsigen Burschen bewundert.Glauben Sie mir, es ist nicht so einfach, sich ausbilden zu lassen, wenn nicht die geringsten Geldmittel dazu vorhanden sind. Aber meine Brüder, von denen einer in Hagen lebt, ließen mir keine Ruhe. Karl, du mußt zur Oper, laß deine Stimme schulen, paß auf, es klappt! So hatten sie mir immer wieder gesagt..

Und es hat geklappt! Karl Krollmann fuhr eines Tages nach Feierabend nach Hagen und fang den Musiklehrern vor. Sie waren begeistert. Das Ergebnis war, daß der junge Metallarbeiter von nun an regelmäßig zum Gesangsunterricht in das Konservatorium nach Hagen fuhr und hier fleißig studierte.

Das Fahrgeld und den Stundenlohn hungerte er

Die Geschichte eines heute noch völlig un­bekannten Drahtschneiders aus dem Sauer­lande klingt fast wie ein modernes Märchen, wie Erfüllung langersehnter Träume. Heute noch steht der namenlose Arbeiter Karl Krollmann an einer der vielen Dreh­bänke imSundwiger Messingwerk": in paar Monaten schon wird er seinen herrlichen Tenor auf jenen Brettern, die dann auch für ihn die Welt bedeuten werden, erklingen lassen.

Die Gowjetbahnen versagen

Ein starker Mann soll Ordnung schaffen.

Von unserem A.-Äerichierstatier.

Strecke hergestellt, also eine schnelle Verbindung zwischen dem westlichen Grenzgebiet und dem Fer­nen Osten geschaffen werden soll. Kaganowitschs Aufgabe ist weniger verwaltungsmäßiger Natur, er wird durch organisatorische Maßnahmen dem Uebel nicht beikommen können. Der Grund liegt vielmehr ganzen System der Sowjetwirtschaft!

27. März d. I. wäre der große deutsch« Physiker Professor Wilhelm Konrad von R ö n t gen 90 Jahre alt geworden. Die Menschheit ver­dankt ihm die Entdeckung der nach ihm benannten Röntgenstrahlen, die heute von unschätzbarem Wert auf fast allen Lebensgebieten geworden sind. Professor von Röntgen war 1845 in Lennep gebo­ren und hatte im Jahre 1895 die Röntgenstrahlen entdeckt. Er starb am 10. Februar 1923 in Mün­chen. Röntgen wurde 1875 Professor in Hohenheim, 1876 in Straßburg, wirkte von 1879 bis 1888 an der Universität Gießen, seit 1888 in Würzburg und von 1900 bis 1920 in München. Im Jahre

Der Laruso von Sundwig.

Akkordarbeiier Karl Krollmann setzt sich durch.Gn Drahtschneider wird Operntenor.

der Dienstvorschriften, auf Nachlässigkeit, ober gar auf Trunkenheit der Angestellten zurückzuführen inb. Die anbere Erklärung aber liegt baran, laß bie Bahn, biefes empfinblichste Nervensystem eher Wirtschaft, heute bie Probuktivnsverteilkng )er Ueberinbuftriaüfierung zu Kriegszwecken zu besorgen hat, währenb sie im wesentlichen noch in bem ersten Nachkriegszustanb steckt. In ben letzten Jahren hatte bie Probuktion eine Zunahme von ast 25 v. H. aufzuweisen, ber Güterverkehr aber konnte nur um wenige Prozent gesteigert werben.

Wirb Kaganowitsch bie Aufgabe bewältigen? Ihm werben schon jetzt große Vorschußlorbeeren gespen- bet unb es heißt, er sei mit weitgehenden Vollmachten versehen. Als erste Opfer fei­ner Tätigkeit finb ber Chef ber politischen Abteilung Polonski und 40 Direktoren auf der Strecke geblieben. Offensichtlich plant er zunächst eine gründ­liche Säuberungsaktion es wäre d i e vierte im Laufe der letzten drei Jahre. Wird Ka­ganowitsch das Mißverhältnis zwischen Können und Wollen beseitigen, wird er die Nachlässigkeit und Oberflächlichkeit der Sowjetbeamten erfolgreich be­kämpfen, wird er vor allem die Sowjetindustrie zu besserer und pünktlicherer Belieferung der Bahnen zwingen können?

Das Eisenbahnwesen hat neben der enormen wirtschaftlichen auch eine wichtige strategische Bedeutung. Erst in diesen Tagen wurde bekannt, daß ber Kreml ben Bau neuer Linie plant, durch die eine Verbindung der Ostsee mit dem Schwarzen Meer und von hier aus ein direkter Anschluß an bie transsibirische

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Moskau, 8. März 1935.

Die Sowjetregierung hat in den ersten März­tagen einen für den wirtschaftlichen Aufbau und damit für die Zukunft des Landes außerordentlich bedeutungsvollen Beschluß gefaßt: der bisherige Derkehrskommissar Andrejew ist seines Postens ent« hoben worden und an seiner Stelle wurde Ka­ganowitsch zum Verkehrskommissar ernannt. Kaganowitsch war jahrelang als Par­teisekretär der wichtigsten Organisation der kommu­nistischen Partei, des Moskauer Bezirksverbandes, die rechte Hand Stalins, und seiner Ernen­nung wird in den amtlichen Kreisen größte Be­deutung beigelegt. Die Berufung Andrejews zum Parteisekretär, die Versetzung des bisherigen Sekre­tärs des Vollzugsausschusses Nenukidse nach dem Kaukasus und andere Neuernennungen treten gegen­über diesem Platzwechsel an Bedeutung zurück. Er ist ein Ausdruck der schweren Sorge, mit der die Sowjetvegierung den unaufhaltsamen Niedergang des Transportwesens verfolgt: und die Berufung Kaganowitschs, dem neben großem organisatorischen Talent besondere Energie nachgerühmt wird, bedeutet, daß der beste Mann eben gut genug ist, um die Gefahren abzuwenden, die im gegenwärtigen Ver­kehrschaos für die gesamte Volkswirtschaft des Lan­des erblickt werden.

Die Krise des Eisenbahnverkehrs, die drohende Transportkatastrophe ist keine Neuerscheinung. Aber es liegt an dem Umfang des von der bolschewisti­schen Regierung in Angriff genommenen Pro- grammsdes sozialistischen Aufbaus", dem niedri­gen Ursprungsniveau und der Beschränktheit der Mittel, daß die Schaffung derfortgeschrittensten Wirtschaft der Welt" sich nur in Etappen vollzieht, bfcren Kennzeichen eine für die Volkswirtschaft des ganzen Landes außerordentlich kostspielige Sprung­haftigkeit ist. Wie sich die Pläneschmiede ur­sprünglich kopfüber in ihre Wirtschaftsexperimente gestürzt haben, ohne zu beachten, daß die Grund­lagen, auf denen sie bauen wollen, überhaupt er st geschaffen werden mußten, so haben sich auch die Mängel erst später gezeigt, so kamen Zug um Zug und Jahr um Jahr dieengen Stellen". Mithin ist das Land in einem dauernden Kriegszustand. Immer taucht eine neue Front" auf, und ein neuerFeind" gefährdet den Aufbau. Man kündigt neue Offensiven an, alle Kräfte werden eingesetzt, während auf anderen Gebieten die Zügel schleifen ...

So war es bisher auch im Verkehrswesen. Im ersten Fünftahresplan hatte man, von der Jagd nach Rekorden, von der Gigantomanie be­fallen, zunächst das Transportproblem fast ganz übersehen. Jahre hindurch hatte die Sowjetregie­rung alle Aufmerksamkeit nur dem Ausbau der Jndustri e zugewandt. Die Errichtung von Rie­senwerken, die Erzielung gigantischer Produktions­zisfern wenn auch immer in der Zukunstsform das waren die eigentlichen Ziele des ersten Plans Im Herbst 1931, als die schlechte Arbeit der Sowjeteisenbahnen dazu führte, daß in der Lebensmittelversorgung der Städte, so­wie in der Versorgung der wichttgsten Industrie­zweige und Sowjetbetriebe mit Rohstoffen St 0 k - f ungen eingetreten waren, griff die Regierung ein. Volkskommissar Andrejew, dem der Ruf eines ersten Fachmannes vorausging, wurde mit der Leitung des Transport- und Verkehrswesens be­traut. Er führte eine Reihe von Maßnahmen durch, die eine vorübergehende Erleichterung brachten. Was er aber nicht zu beheben vermochte, waren die schlechte Arbeitsdisziplin, der Man­gel an technisch geschulten Kräften und das Versagen der Eisen- und Stahl­industrie, die ttotz aller Maßnahmen die Be­

friedigung der Bedürfnisse der Eisenbahnen nur zu einem geringen Prozentsatz durchführen konnte. Wenn Andreiew zunächst auch den darniederliegen- den Verkehr auf die Beine zu bringen vermochte, so wurden schon zwei Jahre später erneut die Rufe laut:Die Bahnen versagen! Die Bahnen sa­botieren den Plan

Mitten in der Erntekampagne 1933, während das ausgehungerte Land nach Brot schrie, spitzten sich die Verhältnisse erneut in unerträglicher Weise zu. Die Regierung erkannte die Gefahr. Notdürftig wurden alle anderen Lücken verkleistert, man brachte alle Sorgen zum Schweigen die Bahnen mußten um jeden Preis die Beförderung des Brotes bewäl­tigen. Zwar gingen Tausende von Tonnen verloren, an den Knotenpunkten herrschte babylonische Ver­wirrung, und nur unter Aufbietung aller Kräfte gelang es, die größte Gefahr abzuwenden, aber der laute Alarm verhallte wieder. Wie ein Stroh­feuer brannte die vorübergehendeTransport- Begeisterung" nieder. Die den Russen eigeneSchlaf­rock-Stimmung" kam wieder auf:Napljewatj" (ich spucke drauf),es wird schon gehen" ..

Aber es ging nicht! Auf dem letzten Partei­kongreß sagte Stalin wörtlich:Der Transport ist der Engpaß, in dem unsere ganze Volkswirtschaft stolpern kann oder bereits zu stolpern begonnen hat". Die Wagengestellung und die Wagenbeförde­rung gehen von Monat zu Monat zurück, der Zu­stand des rollenden Materials wird in den offiziel­len Verordnungen als für die Zukunft des Landes gefahrdrohend bezeichnet und die Werkstätten sind durch das Sinken der Erzeugung von Eisen und Stahl, von Maschinen und Ersatzteilen in vielen Fällen völlig lahmgelegt. Vorübergehend mußten die Bahnen die Beförderung der wichtigsten Frachten ganz einstellen. Trotz der vermehrten Auf­wendungen der Regierung ist die Lage in den letz­ten Monaten eher schlechter geworden. Es können täglich nur etwa 70 bis 80 v. H. der erforderlichen Wagen zur Verfügung gestellt werden, jährlich wird, wie auf dem Sowjetkongreß der stellvertre­tende Vorsitzende des Rates der Volkskommissare Tschubar ausführte, der dritte Teil des Lokomotiv- beftanbes unbrauchbar gemacht unb bieBehcmd- lung bes Materials ist bei uns gerabezu barbarisch".

Währenb im Auslanbe bie Schienen normaler» weise 10 Jahre lang bienen, übernehmen bie Sow­jetfabriken nur eine fünfjährige Garantie oft aber müssen sie schon nach einem Jahre ausgewechselt werben.Schlecht ist bas ganze System: Rücksichtslose Behanblung bes Materials, schlechte Organisation, Leerlauf, Disziplinlosigkeit..." Eine Ergänzung zu biesen Worten des Volkskom­missars bilden folgende Zahlen: Seit Anfang 1935 warten allein bei der Schwerindustrie rund 500 000 Wagen Waren auf Abtransport, und in den ande­ren Industriezweigen herrscht ein gleiches Bild, während die Wagenstellung abnimmt, 29 v. H. der Güterwagen ständig leerlaufen, die Betriebsge­schwindigkeit sinkt Für die Verwaltung ist bezeich­nend, daß der bisherige Kommissar Andrejew in einer besonderen Verordnung angedroht hat, die Erteilung unnötiger Befehle mit strenger Strafe zu belegen. Und von besonderem Interesse ist, daß bis in bie jüngste Zeit im Verkehrswesen über eine Million ber verschiebensten Vorschriften unb Verorbnungen galten.

Wo liegen bie Ursachen bieser Krise? Sie ist zu einem Teil zu erklären aus ber falschen Ein­schätzung bes Faktors Mensch, mit ber schema­tischen bürokratischen Verwaltung unb dem Mangel an Pflichtbewußtsein unb Verant­wortungsgefühl. So kommt es, baß sich bie Eisen­bahnunfälle von Woche zu Woche häufen: bie all­gemeine Verkehrsunsicherheit wirb am besten ba»

Von der Drehbank zur Opernbühne.

Die Maschinen bes Messingwerkes in Sundwig singen bas hohe Lieb ber Arbeit. In bas schrille Kreischen ber rotierenben Räder mischt sich das wuchtige Stampfen öltriefender Kolben. Akkord­arbeiter K r 0 l l m a n n steht an der Drehbank. Fest hält er die Drahtschere in der Hand. Pflichttreu verrichtet er die ihm aufgetragene Arbeit. Zu pri­vaten Unterhaltungen hat er jetzt keine Zeit.

Erst nach Feierabend hat man Gelegenheit, ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Seit seinem 16. Lebensjahr ist er hier im Werk. Acht Jahre ist er in den Arbeitprozeß eingespannt. Ein kleiner unbekannter Drahtschneider in der Belegschaft von siebenhundert Mann.

Wir wandern gemeinsam durch die abendlichen Kleinstadtstraßen seines Heimatdorfes. Karl Kroll­mann, der jüngste lyrische Tenor Deutsch­lands, erzählt mir seine Geschichte. Mag sein, daß sie manchem im ersten Augenblick ein wenig unwahrscheinlich klingt. Sie ist nichts anderes, als der nüchterne Tatsachenbericht eines jungen beut= durch gekennzeichnet, daß diese Unfälle zum über-1 schen Arbeiters, dessen Lebenswunsch in Erfül- wältigenden Teil auf oberflächliche Durchführung lung gegangen ist, eines Arbeiters, der jahrelang