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derl, und glab's: so a teuflische Hoffart tuat koa guat net!" Und durch alle Wirtshäuser ging darauf
Vortragsabend Kreya Monis-Sturmfels.
Freya MonjL-Sturmfels, die vor
Der Vollbari.
Von Michael Kohlhaas
Namen haben oft die Menschen, Namen, so seltsam und ausgefallen, daß zunächst einmal gewiß e n jeder, der erstmals eine derartige Absonderlichkeit hört, erstaunt fragt: „Wie, bitte? Wie heißen Sie?" und selbst auf die Wiederholung hin noch ein paarmal den Kopf schüttelt ob der vernommenen Unglaublichkeit.
Der Pächter des ärarialischen Solgenhofes bei Nußberg zum Beispiel heißt Roßbüxportner, ja, — auf Ehr! — Michael Roßbüxportner, und seine Feinde — denn wer hat schließlich solche nicht! — die sagen ihm nach, er habe schon einmal, um eine peinliche Zwangsvollstreckung abzuwenden, durch den Gerichtsvollzieher seinen Familiennamen versteigern lassem wollen: doch nicht ein einziges Gebot sei erfolgt: das langatmige Familienstück wäre eben für den täglichen Gebrauch einmal zu unpraktisch. Indes, das Gegenteil ist wahr: der Roßbüx- portner bildet sich sogar noch etwas ein auf seinen Namen und das nicht wenig: keine Rede davon, daß er ihn los sein möchte.
Und noch eine Eigenart besitzt dieser Gutspächter. Einen wallenden Vollbart nämlich, der ihm gut bis auf den Hosenbund hinunterreicht. Und auf dieses Geschenk der Natur ist der Roßbüxportner um so stolzer, je unansehnlicher ihm seine übrige Gestalt geraten ist. So klein und putzig nämlich, daß er schon so manches Mol in seine eigenen Ohren hinein den Spott hat hören müssen: „Gschwind, da schaugts? Wo geht denn heut wieder der Dollbart mit'n Roßbüxportner hi?" oder etwa: „Js iatz dös der Roßbüxportner oder is leicht der Kaiser Karl aus 'm Untersberg auskömma?" Denn so viel wird hoffentlich ein jeder Leser aus der Geschichte wissen, daß Kaiser Karl der Große im Untersberg einen Riesepvollbart trägt, der ihm bis jetzt schon fast zweimal um seinen Marmeltisch herumgewachsen ist, und daß, wenn dieses zum dritten Male sich ereignet, überhaupt mit jeglicher Barttracht Schluß gemacht wird, indem der Weltuntergang dann unmittelbar bevorsteht.
an diesem Tag die Rede: „Heut hätten bei Haar zwoa Ochsen an Kaiser Karl g'fressen."
durch Abkürzung, wo nicht gar Weglassung der sonst üblichen Gesichtsreinigung. Und auch das kann nicht geleugnet werden: der lange Bart verhilft dem kurzen Mann zu einem Ernst der Erscheinung, der ihm sonst nie zukäme. Solchen Vorzügen gegenüber kann es unschwer auf die allenthalben in das Menschendasein verflochtene Tragik zurückgeführt werden und wiegt es eigentlich leicht, daß der hemmungslose Bartwuchs in einem Falle den Pächter Roßbüxportner unbedingt der unfreiwilligen Komik preisgibt. Immer dann nämlich, wenn Michael Roßbüxportner über seinem Leibgericht, einer Nudelsuppe mit Huhn, sitzt. Denn bei solcher Gelegenheit sieht es aus, als schmücke Vater Roßbüxportner, der Lieblingsspeise zu Ehren, seine Manneszier sogar noch mit Girlanden, die in Wirklichkeit freilich nur die „geschnittenen Nudeln" sind und überall hängen bleiben gleich Schlinggewächsen im Urwald. Ehedem blond, ist heute die Farbe des Bartes längst in ein ineinanderfließendes Spiel von Grau und Gelb übergegangen.
Diese Verfärbung mochte auch die Ursache zu folgendem Begebnis sein: Auf dem Halsbacher Hornviehmarkt wollte der Pächter Roßbüxportner ein Paar Ochsen kaufen. Fand auch die geeigneten Exemplare und handelte mit dem Besitzer, zäh und unnachgiebig, hin und her und her und hin. Dabei stand er, wohlgefällig seinen Bart streichend, den Ochsen ungemein günstig, sozusagen griffnahe, vor dem Maul. Und weil es der erste Vollbart war, der den beiden Ochsen dermaßen gelegen vor die Nase kam, weil ferner für einen Ochsen kein Un- terschied besteht zwischen einem graumelierten Dollbart und einem vielleicht etwas angeschimmelten Bündel Heu und weil endlich die Ochsen seit vielen Stunden nichts mehr genossen hatten, so ergriffen sie wie auf Verabredung mit gierigen Mäu- lern die vor ihnen befindliche grau-gelbe Verschimmelung, zerrten damit noturnotwendig den Michael Roßbüxportner zu sich her, oben ihn daran mit leichter Mühe in die Höhe und wollten eben als zweites Frühstück den berühmten Dollbart zu sich nehmen, als gerade noch im letzten Augenblick die Bauern in der Nähe die drohende Katastrophe gewahrten und mit Geschrei, Stockschlägen sowie handfesten Griffen den Ochsen Dollbart und Roßbüxportner entrissen.
Und wie die Bauern nun schon einmal sind, wenn
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Reihe von Jahren am Gießener Stadttheater wirkte, und deren Name noch zahlreichen Theaterbesuchern in guter Erinnerung ist, gab am Samstag im Gartensaal des Gesellschaftsvereins vor einem kleinen Kreise geladener Gäste einen Vortragsabend. Das mit sicherem Geschmack zusammendestellte Programm umfaßte im ersten Teil überwiegend klassische Balladen, im zweiten Lyrik, im dritten eine moderne Novelle. Da die gesamte Vortragsfolge von Anfang bis zu Ende völlig frei gesprochen wurde, erwies sich die Bewältigung des Stoffes schon rein gedächtnismäßig als eine respektable Leistung. Das volle, biegsame, bühnenmäßig geschulte Organ der Vortragenden kam vor allem im ersten Teil der Folge in den balladesken Stücken mit ihren dialogisierten Episoden und dramatischen Steigerungen 3U einer (Entfaltung, für die der immerhin kleine Raum gelegentlich kaum die nötige Resonanz bot. Entschiedener Höhepunkt dieses ersten Teiles war die übersichtlich gegeliederte Wiedergabe von Goethes wunderbarer Ballade „Der Gott und die Bajadere". Dem verhaltenen Jubel in Conrad Ferdinand Meyers „Noch einmal" und Mörikes „Schön-Rohtraut" war zum Schluß dieses Teils die herbe Strenge der „Frauen von Nidden" (Agnes Miegel) kontrastreich gegenübergestellt. Von den rein lyrischen Gedichten im zweiten Teil gelang das unvergängliche Abendlied vom alten Claudius in seiner zarten und im schönsten Sinne einfältigen Haltung, die keinerlei rezitatorischen Aufwand duldet, am besten. Ueberzeugend und eindringlich wirkten auch Hölderlins „Heimat" und Kellers „Winternacht", während ein so edles Gedicht wie „Um Mitternacht" von Mörike sich der vollkommenen Ausschöpfung im Vortragssaal zu entziehen scheint. Ein starker und sympathischer Eindruck zuletzt: Schaeffers Novelle „Die Rosse der Hedschra" aus dem Bande „Das Prisma": die hohe Erzählkunst Schaeffers, feine strenge und dennoch leidenschaftliche Prosa fand eine klare, gebändigte und von innen her gesteigerte Interpretation. Die kleine Gemeinde dankte nut herzlichem Beifall.
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Uebrigens, mit den Dollbärten wenigstens hat schon die heutige Mode aufgeräumt: doch je uner- bittlicher sie das tut, um so stolzer nur wurde der Roßbüxportner auf sein Haargestrüpp. Auch weiß er seinem Bart allerhand wohltätige Wirkungen lein, nachzurühmen: so einen ganz unvergleichlichen sogar a d Ochsen kennt, daß du öir auf Dein Bart Schutz vor Erkältung und eine nötigenfalls sehr oamal z'vui ei'bildst, und drum Hamm s n dir ganz willkommene Beschleunigung der Morgentoilette oafach wegfressen wollen. Laß da's g'sagt sei. Man-
einer den Schaden und Schrecken hat, so sagten sie auch da zu dem geretteten und zerzausten Männlein: „Woaßt, Roßbüxportner, dös sell Hamm halt
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Zeitschriften.
— Soeben sind neue Ullstein-Modealben herausgekommen, um zu zeigen, was man im Frühjahr und Sommer tragen wird. Im Vergleich zu früheren Ausgaben Haven sie sich verbessert: jede Abbildung ist bunt. Hunderte von Modellen bieten sich lebendig und verlockend dar, Kleider, Kostüme, Mäntel, Blusen, Röcke u. a. m. Es gibt ein Ullstein- Album für „Damen-Kleidung", eines für „Jugend- und Kinoer-Kleidung" und ein „Großes", das beides vereinigt.
Hochschulnachnchten.
Eines der namhaftesten Mitglieder der Medizinischen Fakultät der Universität Amsterdam, der bekannte Chirurg Professor Dr. Otto Lanz, ist im Alter von 70 Jahren gest 0 rben. Professor Lanz, Schweizer von Geburt, hatte an den deutschen Universitäten Leipzig und München studiert und genoß als Gelehrter europäischen Ruf. Die von ihm verfaßten wissenschaftlichen Arbeiten wurden in verschiedenen europäischen medizinischen Zeitschriften, namentlich in deutscher Sprache, veröffentlicht. In Holland hat sich Prof. Lanz insbesondere als einer der bekanntesten Blinddarmoperateure einen Namen gemacht
Ihren 7 0. Geburtstag begingen dieser Tage der em. Professor Dr. Ernst Schultze von der Universität Göttingen, der als Psychiater zahlreiche Arbeiten auf kriminalistischem Gebiete veröffentlicht hat, und Professor Dr. Camillo von K l e n z e an der Universität München, der sich als Germanist mit Arbeiten über deutsch-amerikanische Kulturbeziehungen und zur amerikanischen Literatürgeschichte einen Namen gemacht hat.
Professor Dr. Anton I i r k u, Ordinarius für alt- testamentliche Wissenschaften an der Universität Breslau, ist an die Universität Bonn berufen worden.
Professor Dr. Erich Seidel, Ordinarius an der Universität Jena, erhielt einen Rus auf den Lehrstuhl für Augenheilkunde an der Universität Göttingen.
Professor Dr. Georg Heck, Extraordinarius für Archäologie und Kunstgeschichte an der Universität Würzburg, ist zum ordentlichen Professor ernannt worden.
Professor Dr. Enrique Paschen ist zum Honorarprofessor in der Medizinischen Fakultät der Universität Hamburg ernannt worden. Professor Paschen hat sich große Verdienste um das hamburgische Impfwesen und um die Erforschung der Ursache der Pocken 'erworben.
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1901 wurde er mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.
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Professor von Röntgens 90. Geburtstag.
darum gekämpft und gearbeitet hat, sein Ziel zu erreichen: eines Tages nicht mehr an der Drehbank, sondern auf der Opernbühne zu stehen.
Krollmann erzählt seinen Lebenslauf.
„Ich war das jüngste von elf Kindern", beginnt Metallarbeiter Krollmann mir zu erzählen. „Mein Vater war auch schon in unserem Werk anaestellt und hat dort sein Brot verdient. Früh ist die Mutter von uns gegangen, und uns Kindern blieb nichts anderes übrig, als recht schnell einen Beruf zu ergreifen und zum Unterhalt der Familie beizutragen. Die meisten von uns fanden eine Anstellung in den umliegenden Fabriken. Dom frühen Morgen an standen wir an den Maschinen. Die Abende verbrachten wir meist im Sundwiger Gesangverein, dem noch heute zwei meiner Brüder angehören."...
Man hatte den jungen Krollmann oft wegen seiner besonders schönen Stimme gelobt. Schon der Schullehrer hatte den Tenor des halbwüchsigen Burschen bewundert. „Glauben Sie mir, es ist nicht so einfach, sich ausbilden zu lassen, wenn nicht die geringsten Geldmittel dazu vorhanden sind. Aber meine Brüder, von denen einer in Hagen lebt, ließen mir keine Ruhe. Karl, du mußt zur Oper, laß deine Stimme schulen, paß auf, es klappt! So hatten sie mir immer wieder gesagt..
Und es hat geklappt! Karl Krollmann fuhr eines Tages nach Feierabend nach Hagen und fang den Musiklehrern vor. Sie waren begeistert. Das Ergebnis war, daß der junge Metallarbeiter von nun an regelmäßig zum Gesangsunterricht in das Konservatorium nach Hagen fuhr und hier fleißig studierte.
Das Fahrgeld und den Stundenlohn hungerte er
Die Geschichte eines heute noch völlig unbekannten Drahtschneiders aus dem Sauerlande klingt fast wie ein modernes Märchen, wie Erfüllung langersehnter Träume. Heute noch steht der namenlose Arbeiter Karl Krollmann an einer der vielen Drehbänke im „Sundwiger Messingwerk": in paar Monaten schon wird er seinen herrlichen Tenor auf jenen Brettern, die dann auch für ihn die Welt bedeuten werden, erklingen lassen.
Die Gowjetbahnen versagen
Ein starker Mann soll Ordnung schaffen.
Von unserem A.-Äerichierstatier.
Strecke hergestellt, also eine schnelle Verbindung zwischen dem westlichen Grenzgebiet und dem Fernen Osten geschaffen werden soll. Kaganowitschs Aufgabe ist weniger verwaltungsmäßiger Natur, er wird durch organisatorische Maßnahmen dem Uebel nicht beikommen können. Der Grund liegt vielmehr ganzen System der Sowjetwirtschaft!
27. März d. I. wäre der große deutsch« Physiker Professor Wilhelm Konrad von R ö n t • gen 90 Jahre alt geworden. Die Menschheit verdankt ihm die Entdeckung der nach ihm benannten Röntgenstrahlen, die heute von unschätzbarem Wert auf fast allen Lebensgebieten geworden sind. Professor von Röntgen war 1845 in Lennep geboren und hatte im Jahre 1895 die Röntgenstrahlen entdeckt. Er starb am 10. Februar 1923 in München. Röntgen wurde 1875 Professor in Hohenheim, 1876 in Straßburg, wirkte von 1879 bis 1888 an der Universität Gießen, seit 1888 in Würzburg und von 1900 bis 1920 in München. Im Jahre
Der Laruso von Sundwig.
Akkordarbeiier Karl Krollmann setzt sich durch.—Gn Drahtschneider wird Operntenor.
der Dienstvorschriften, auf Nachlässigkeit, ober gar auf Trunkenheit der Angestellten zurückzuführen inb. — Die anbere Erklärung aber liegt baran, laß bie Bahn, biefes empfinblichste Nervensystem eher Wirtschaft, heute bie Probuktivnsverteilkng )er Ueberinbuftriaüfierung zu Kriegszwecken zu besorgen hat, währenb sie im wesentlichen noch in bem ersten Nachkriegszustanb steckt. In ben letzten Jahren hatte bie Probuktion eine Zunahme von ast 25 v. H. aufzuweisen, — ber Güterverkehr aber konnte nur um wenige Prozent gesteigert werben.
Wirb Kaganowitsch bie Aufgabe bewältigen? Ihm werben schon jetzt große Vorschußlorbeeren gespen- bet unb es heißt, er sei mit weitgehenden Vollmachten versehen. Als erste Opfer feiner Tätigkeit finb ber Chef ber politischen Abteilung Polonski und 40 Direktoren auf der Strecke geblieben. Offensichtlich plant er zunächst eine gründliche Säuberungsaktion — es wäre d i e vierte im Laufe der letzten drei Jahre. Wird Kaganowitsch das Mißverhältnis zwischen Können und Wollen beseitigen, wird er die Nachlässigkeit und Oberflächlichkeit der Sowjetbeamten erfolgreich bekämpfen, wird er vor allem die Sowjetindustrie zu besserer und pünktlicherer Belieferung der Bahnen zwingen können?
Das Eisenbahnwesen hat neben der enormen wirtschaftlichen auch eine wichtige strategische Bedeutung. Erst in diesen Tagen wurde bekannt, daß ber Kreml ben Bau neuer Linie plant, durch die eine Verbindung der Ostsee mit dem Schwarzen Meer und von hier aus ein direkter Anschluß an bie transsibirische
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Moskau, 8. März 1935.
Die Sowjetregierung hat in den ersten Märztagen einen für den wirtschaftlichen Aufbau und damit für die Zukunft des Landes außerordentlich bedeutungsvollen Beschluß gefaßt: der bisherige Derkehrskommissar Andrejew ist seines Postens ent« hoben worden und an seiner Stelle wurde Kaganowitsch zum Verkehrskommissar ernannt. Kaganowitsch war jahrelang als Parteisekretär der wichtigsten Organisation der kommunistischen Partei, des Moskauer Bezirksverbandes, die rechte Hand Stalins, und seiner Ernennung wird in den amtlichen Kreisen größte Bedeutung beigelegt. Die Berufung Andrejews zum Parteisekretär, die Versetzung des bisherigen Sekretärs des Vollzugsausschusses Nenukidse nach dem Kaukasus und andere Neuernennungen treten gegenüber diesem Platzwechsel an Bedeutung zurück. Er ist ein Ausdruck der schweren Sorge, mit der die Sowjetvegierung den unaufhaltsamen Niedergang des Transportwesens verfolgt: und die Berufung Kaganowitschs, dem neben großem organisatorischen Talent besondere Energie nachgerühmt wird, bedeutet, daß der beste Mann eben gut genug ist, um die Gefahren abzuwenden, die im gegenwärtigen Verkehrschaos für die gesamte Volkswirtschaft des Landes erblickt werden.
Die Krise des Eisenbahnverkehrs, die drohende Transportkatastrophe ist keine Neuerscheinung. Aber es liegt an dem Umfang des von der bolschewistischen Regierung in Angriff genommenen Pro- gramms „des sozialistischen Aufbaus", dem niedrigen Ursprungsniveau und der Beschränktheit der Mittel, daß die Schaffung der „fortgeschrittensten Wirtschaft der Welt" sich nur in Etappen vollzieht, bfcren Kennzeichen eine für die Volkswirtschaft des ganzen Landes außerordentlich kostspielige Sprunghaftigkeit ist. Wie sich die Pläneschmiede ursprünglich kopfüber in ihre Wirtschaftsexperimente gestürzt haben, ohne zu beachten, daß die Grundlagen, auf denen sie bauen wollen, überhaupt er st geschaffen werden mußten, so haben sich auch die Mängel erst später gezeigt, so kamen Zug um Zug und Jahr um Jahr die „engen Stellen". Mithin ist das Land in einem dauernden Kriegszustand. Immer taucht eine neue „Front" auf, und ein neuer „Feind" gefährdet den Aufbau. Man kündigt neue Offensiven an, alle Kräfte werden eingesetzt, — während auf anderen Gebieten die Zügel schleifen ...
So war es bisher auch im Verkehrswesen. Im ersten Fünftahresplan hatte man, von der Jagd nach Rekorden, von der Gigantomanie befallen, zunächst das Transportproblem fast ganz übersehen. Jahre hindurch hatte die Sowjetregierung alle Aufmerksamkeit nur dem Ausbau der Jndustri e zugewandt. Die Errichtung von Riesenwerken, die Erzielung gigantischer Produktionszisfern — wenn auch immer in der Zukunstsform — das waren die eigentlichen Ziele des ersten Plans Im Herbst 1931, als die schlechte Arbeit der Sowjeteisenbahnen dazu führte, daß in der Lebensmittelversorgung der Städte, sowie in der Versorgung der wichttgsten Industriezweige und Sowjetbetriebe mit Rohstoffen St 0 k - f ungen eingetreten waren, griff die Regierung ein. Volkskommissar Andrejew, dem der Ruf eines ersten Fachmannes vorausging, wurde mit der Leitung des Transport- und Verkehrswesens betraut. Er führte eine Reihe von Maßnahmen durch, die eine vorübergehende Erleichterung brachten. Was er aber nicht zu beheben vermochte, waren die schlechte Arbeitsdisziplin, der Mangel an technisch geschulten Kräften und das Versagen der Eisen- und Stahlindustrie, die ttotz aller Maßnahmen die Be
friedigung der Bedürfnisse der Eisenbahnen nur zu einem geringen Prozentsatz durchführen konnte. Wenn Andreiew zunächst auch den darniederliegen- den Verkehr auf die Beine zu bringen vermochte, so wurden schon zwei Jahre später erneut die Rufe laut: „Die Bahnen versagen! Die Bahnen sabotieren den Plan
Mitten in der Erntekampagne 1933, während das ausgehungerte Land nach Brot schrie, spitzten sich die Verhältnisse erneut in unerträglicher Weise zu. Die Regierung erkannte die Gefahr. Notdürftig wurden alle anderen Lücken verkleistert, man brachte alle Sorgen zum Schweigen — die Bahnen mußten um jeden Preis die Beförderung des Brotes bewältigen. Zwar gingen Tausende von Tonnen verloren, an den Knotenpunkten herrschte babylonische Verwirrung, und nur unter Aufbietung aller Kräfte gelang es, die größte Gefahr abzuwenden, — aber der laute Alarm verhallte wieder. Wie ein Strohfeuer brannte die vorübergehende „Transport- Begeisterung" nieder. Die den Russen eigene „Schlafrock-Stimmung" kam wieder auf: „Napljewatj" (ich spucke drauf), „es wird schon gehen" ..
Aber es ging nicht! Auf dem letzten Parteikongreß sagte Stalin wörtlich: „Der Transport ist der Engpaß, in dem unsere ganze Volkswirtschaft stolpern kann oder bereits zu stolpern begonnen hat". Die Wagengestellung und die Wagenbeförderung gehen von Monat zu Monat zurück, der Zustand des rollenden Materials wird in den offiziellen Verordnungen als für die Zukunft des Landes gefahrdrohend bezeichnet und die Werkstätten sind durch das Sinken der Erzeugung von Eisen und Stahl, von Maschinen und Ersatzteilen in vielen Fällen völlig lahmgelegt. Vorübergehend mußten die Bahnen die Beförderung der wichtigsten Frachten ganz einstellen. Trotz der vermehrten Aufwendungen der Regierung ist die Lage in den letzten Monaten eher schlechter geworden. Es können täglich nur etwa 70 bis 80 v. H. der erforderlichen Wagen zur Verfügung gestellt werden, jährlich wird, wie auf dem Sowjetkongreß der stellvertretende Vorsitzende des Rates der Volkskommissare Tschubar ausführte, der dritte Teil des Lokomotiv- beftanbes unbrauchbar gemacht unb bie „Behcmd- lung bes Materials ist bei uns gerabezu barbarisch".
Währenb im Auslanbe bie Schienen normaler» weise 10 Jahre lang bienen, übernehmen bie Sowjetfabriken nur eine fünfjährige Garantie — oft aber müssen sie schon nach einem Jahre ausgewechselt werben. „Schlecht ist bas ganze System: Rücksichtslose Behanblung bes Materials, schlechte Organisation, Leerlauf, Disziplinlosigkeit..." Eine Ergänzung zu biesen Worten des Volkskommissars bilden folgende Zahlen: Seit Anfang 1935 warten allein bei der Schwerindustrie rund 500 000 Wagen Waren auf Abtransport, und in den anderen Industriezweigen herrscht ein gleiches Bild, während die Wagenstellung abnimmt, 29 v. H. der Güterwagen ständig leerlaufen, die Betriebsgeschwindigkeit sinkt Für die Verwaltung ist bezeichnend, daß der bisherige Kommissar Andrejew in einer besonderen Verordnung angedroht hat, die Erteilung unnötiger Befehle mit strenger Strafe zu belegen. Und von besonderem Interesse ist, daß bis in bie jüngste Zeit im Verkehrswesen über eine Million ber verschiebensten Vorschriften unb Verorbnungen galten.
Wo liegen bie Ursachen bieser Krise? Sie ist zu einem Teil zu erklären aus ber falschen Einschätzung bes Faktors Mensch, mit ber schematischen bürokratischen Verwaltung unb dem Mangel an Pflichtbewußtsein unb Verantwortungsgefühl. So kommt es, baß sich bie Eisenbahnunfälle von Woche zu Woche häufen: bie allgemeine Verkehrsunsicherheit wirb am besten ba»
Von der Drehbank zur Opernbühne.
Die Maschinen bes Messingwerkes in Sundwig singen bas hohe Lieb ber Arbeit. In bas schrille Kreischen ber rotierenben Räder mischt sich das wuchtige Stampfen öltriefender Kolben. Akkordarbeiter K r 0 l l m a n n steht an der Drehbank. Fest hält er die Drahtschere in der Hand. Pflichttreu verrichtet er die ihm aufgetragene Arbeit. Zu privaten Unterhaltungen hat er jetzt keine Zeit.
Erst nach Feierabend hat man Gelegenheit, ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Seit seinem 16. Lebensjahr ist er hier im Werk. Acht Jahre ist er in den Arbeitprozeß eingespannt. Ein kleiner unbekannter Drahtschneider in der Belegschaft von siebenhundert Mann.
Wir wandern gemeinsam durch die abendlichen Kleinstadtstraßen seines Heimatdorfes. Karl Krollmann, der jüngste lyrische Tenor Deutschlands, erzählt mir seine Geschichte. Mag sein, daß sie manchem im ersten Augenblick ein wenig unwahrscheinlich klingt. Sie ist nichts anderes, als der nüchterne Tatsachenbericht eines jungen beut= durch gekennzeichnet, daß diese Unfälle zum über-1 schen Arbeiters, dessen Lebenswunsch in Erfül- wältigenden Teil auf oberflächliche Durchführung • lung gegangen ist, eines Arbeiters, der jahrelang


