bis er an sich selber erfahren hat, was im dritten Kapitel des Johannes-Evangeliums nachzulesen und als Wahrheit der eigentliche Schlüssel des Christentums ist: die Wiedergeburt aus dem Geiste!
Der Geist, der hier gemeint ist, gibt sich aber als wenschenverbindende Kraft, als eine Gotteskraft zu erkennen. Er ist nicht der Verstand, der im Dienste der fünf Sinne seinen Erdengeschäften nachgeht „und froh ist, wenn er Regenwürmer findet". Er ist, um wieder mit Faust zu sprechen, die Kraft, die uns erkennen lehrt, „was die Welt im Innersten zusammenhält" und die ein altes weises Kirchenlied den „Creator Spiritus“, den Schöpfergeist, nennt. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn wir behaupten, daß in der Weihenacht mit jenem Jesusknaben, der später den Christus in sich aufnehmen sollte, die erste,
wahrhaft menschheitliche, die erste Weltreligion geboren wurde. Das Christentum ist nicht einfach die Fortsetzung des Alten Bundes, sondern die Stiftung eines neuen, der die freie Sittlichkeit des Menschen, des Menschen schlechthin, zur Voraussetzung hat. Schon der Friedensgruß der Engel in der heiligen Nacht an die Menschen, die eines guten Willens sind, enhält den Missionsauftrag, eine jede Menschenseele zur Aufnahme des Christus vorzubereiten.
Das ist für den Christenmenschen der letzte und tiefste Sinn jedes Weihnachten: sich selber so mit Licht und Glanz zu erfüllen, daß „das Geisteskind im Seelenschoße": der Heiland und Gottessohn in einer Welt der Sünde und des Todes immer neu geboren werden kann.
Deutsche m aller Well unter dem Weihnachtsllern.
r. on Maria Kahle
Um die deutsche Weihnacht rauscht der Wald. Das innigste, seelenhafteste unserer Feste ist erfüllt von dem Weben und Raunen des Märchenhaften, das der Wald gebar und in das Leben unserer frühen Vorfahren hineinwachsen ließ. Ewigkeitsschauer und fromme Ehrfurcht vor unfaßbaren Geheimnissen strömten im Wald in ihr Gemüt. Ahnten sie schon die göttliche Verheißung, wenn sie im Traumdunkel der letzten Jahrestage sehnsüchtig ihre Hände hoben in Erwartung der Licht-Wiedergeburt? Aus der Gewalt kosmischer Kräfte, in die sie noch urwüchsig hinein verflochten waren, drang Gottes Stimme in ihre Herzen. Verkündigung, die si" noch nicht ganz verstehen konnten, wenn fie die Wintersonnenwende begingen und in ihren nebel- umbrauten Walddörfern die Niederkunft des jungen Lichtes feierten, — Jahrhunderte vor der Nacht von Bethlehem.
So mußte das Licht der Weihnacht, der Stern von Bethlehem, Erschütterung tragen in die Herzen der Menschen im rauhen Nordlande, in denen von Geschlecht zu Geschlecht Winterdüster und Kargheit der Erde, Vergangenheit der Wälder die Sehnsucht entzündet hatten nach der Lichtfülle hoher Zeit. So sank b<*r Stern in der Wälder Schoß und wurde zur blühenden Rose, und aus den Rosenblättern strahlte des Kindleins heller Schein. Und das deutsche Gemüt leuchtete auf in diesem Schein und begann zu singen von dem Kinde, das Gottes ganze Lichtgewalt in sich barg, und die Rauheit der Nordgesänge wich zurück vor diesem lieblichen (Sinnen ber zur Liebe erwachten deutschen Seele: Eia, Eia, susani'
Der Wald rauschte: unter eitlem hohen Tannen- bnum, im Schirm seiner Zweige saß die ielige Magd Maria und herzte ihr Kind, und Licht floß um ihr goldenes Haar. Eia, Eia, susani.
Lukas C ranach hat sie geschaut, ruhend auf der Flucht, und ein deutsches Waldmärchen ist sein Bild: der Tannenbaum steht ganz verzaubert, die Birke säuselt ein Wiegenlied, die Elfen sind huschende Englern geworden, Waldblumen atmen zärtlich, Susani, Susani, Eia.
Wir Deutschen tragen aus ferner Vorzeit noch im Blute das Dunkel sehnsüchtiger Jahrhunderte, das Lichtrufen der Ahnen, die graue Sage von dem Lebensbaum, der Weltesche, hat sich verzweigt in unter Wesen, und darum ist uns das Fest der Erfüllung, des Lichtes, das deutscheste Fest geworden. Unb wie unsere Vorfahren in tumber Ahnung zur Weihenacht bie Wiebergeburt bes Göttlichen, bes Lichten, feierten, so webt sich um unsere wissenb geworbene Weihnachtsfreude noch geheimnisvoller Zonber alter Walbnächte.
Nun wächst ber immergrüne Lebensbaum über dem Winterschnee und her Dunkelheit bes Jahres- enbes hoch über alle Bäume, breitet bie Zweige über das ganze deutsche Land und schimmert von Licht, verstrahlt das Licht der Wintersonnenwende, das Licht der frohen Christenbotschaft: der deutsche Weihnachtsbaum. —
Und die Herzen der Deutschen, wo immer sie wohnen mögen auf weiter Erde, wenden sich dem hohen Lichterbaume zu, versunkene Lieder der Kind->rzeit beginnen zu klingen, Weihnachtslieder: der Wald
rauscht, und über dem Tannenwald schimmert der Stern von Bethlehem. Aller Märchenzauber des deutschen Gemütes webt sich um den Lichterglanz, um den immergrünen Lebensbaum aus unserm Walde.
Alle Völker feiern Weihnacht, in ihren Kirchen klingt die frohe Botschaft des Weihnachtsevangeliums: „Seht, ich verkündige euch eine große Freude!" — aber die lichtgesegneten Völker in den heitern Mittelmeergärten ober im ewigen Sommer ber Tropen, bie Stämme ber Wüstensteppen wissen nicht um bie Einsamkeit bunkler Winternächte, in benen Adventsklage aufsteigt, wissen nicht von der vergrübelten Sehnsucht im Nordland. Es sind die geheimnisvollen Kräfte der deutschen Volkheit, die uns in Winterdämmerung den Adoentsgesang anstimmen lassen, es sind bie eingeborenen Kräfte ber deutschen Volkheit, bie Deutsche in frember Umwelt unter ben Weihnachtsbaum führen, sie bas deut- seheste aller Feste feiern zu lassen Deutsche Weihnacht, grüner Lichterbaum, sie bringen ihnen das Raunen des Waldes und den stillen Glanz blau- weißer Schneenächte: Jahrtausende brechen in ihrem Blute auf, — aufgespeicherte Gottesfehnsucht vergangener Geschlechter wird Stimme im deutschen Weihnachtslied Ja selbst dort, wo sie ihr Volkstum in der Fremde schon fast eingebüßt haben, wo ihre Sprache, ihre Sitten untersanken in der sie umgebenden fremden Welt, rührt das Weihnachtsfest an verschüttete Herzenstiefen, daß sie vor dem Christbaum stammeln wie jener alte Bauer im Jndianerdvrf Südamerikas: „Dies Weihnachtslied habe ich einmal — als Kind — mit meiner Mutter gesungen--"
Die tiefsten KräUe von Deutschtum und Christentum verbinden sich im deutschen Weihnachtsfest, das in der Familie der Märchenzauber des deutschen Gemüt"s umm-'bt. und manche Heimwchtr^ne steigt am Heiligen Abend irgendwo fern in ber Welt aus ergriffenem Herzen auf. Und wenn auch viele Kin- ber unseres Volkes in ber Frembe im langen Jahreslauf, der erfüllt ist von hartem Daseinskampf, nicht zurückgedenken an die alte Heimat, — in der heiligen Nacht stehen sie um ihren Weihnachtsbaum, und wenn sie die alten Lieder singen, gehen ihre Gedanken zurück zum Mutterlande, das sie gebar, und Deutschland wird ihnen ein großer prangender Lichterbaum, der Wald rauscht um sie —.
Tannenduft und Kerzenschein und Klang der deutschen Weihnachtslieber aus frohen Kinderstimmen, und immer wieder die Heilsbotschaft der Weihenacht: „Heute ist euch der Heiland geboren!" das bindet über den Erdball hin in der heiligen Nacht die Herzen der Deutschen zusammen, das ist deutsche Weihnacht in den Bauernhöfen der Donauschwaben, in Siedlungen Südamerikas, in der Kirchenburg der Siebenbürger Sechsen im südtiroler Dorf; das ist deutsche Weihnacht bei den armen halbverhungerten, im Elend einsamen Deutschen an ber Wolga, in deutschen Vereinshäusern Nordamerikas, bei den schwäbischen Siedlern in Bethlehem, das ist Weihnachten in deutschen Kirchen Polens und im um- büfterten kampferfüllten Grenzlanbe, in ber Einsamkeit unserer geraubten Kolonien; — aus allen Län- bern ber Erbe, aus ben abgeschiebensten Dörfern
Weihnacht des jungen Schiller
Von Wölfer von Molo
Des Hauptmanns Gaul war an ben Haken bes runbbogigen Haustores festgeknüpft. Das sprach nicht für langes Bleiben, trotzbem 's ber Tag ber heiligen Nacht war.
Trüb war die Stimmung der Ehegatten, scheu saßen die Kinder im Winkel und hielten sich dicht zueinander.
Schweren Trittes schritt der Hauptmann Schiller in der schmalen Stube auf unb nieber. Das geschmückte Tannenbäumchen zitterte mit seinen Zweiglein, wenn es ber Lufthauch bes unmutig Wandelnden traf, ber laut feine Gebauten in Ordnung brachte:
„Ich hab' den gemessenen Befehl, auf Werbung zu gehen. Da ist nichts zu wollen; es hat auch seinen Profit: Du unb bie Kinber werbet jetzt zu mir ziehen. Es ist mir verstattet, weil's bort billiger ist."
Kaspar Schiller legte Hut unb Degen auf bie Bank, ernst sah er feine Kinber an, bie sehr ums Christfest bangten. „Das Hebe Christkinblein kommt eventuell früher", sprach er feierlich, „wenn brave Kinber im Hause sind! Sollte ich", schloß er, sich wenbenb, einen früher angefangenen (Bebantengang ab, ber zu seiner Frau Dorothea Meinung führte, „sollte ich opponieren, bamit ich im Hohenasperg Kasematten-Quartier nehmen muß? Wie ber Oberst Rieger ober ber Oberamtmann Huber, ber auch nichts getan hat unb boch sitzt?"
Frau Schiller streichelte ihres Buben Kopf. Der hob sich unb fragte mit Kinberfreimut:
„Derf benn ber Herzich bas mache?"
„Fritzle", sprach bie Mutter erschrocken, „er ist boch Herr über Leben unb Tob! Er barf alles!"
„Dann ischt also fei Unterschieb zwischen 'em Herrgöttle unb 'em Herzich?"
„Dorothea!" sagte Vater Schiller, „geh mit den Kindern auf die (Baffe! Ich will das Christkindlein um Verzeihung bitten, daß ich einen so unheiligen Buben hab'!"
„Des hätt'scht net sage solle", flüsterte die Schwester mahnend ihrem Bruder zu.
Die Mutter nahm ihrer Kinder Händchen.
„Marschiert aber nicht zu den Großeltern!" rief Kaspar Schiller; er setzte pharisäerisch hinzu: „Es wird sonst zu spät!" Die Seinen hatten ihn allein zu lieben!
Die Türe klappte zu: der Hauptmann seufzte; er sah zum Bäumchen auf. Was sich der Fant für Gedanken machte? „Kein Unterschied zwischen ’em Herrgöttle und ’em Herzich?" Gar net übel! Kaspar Schiller rollte bi^ Augen? freches Munbwerk ist's! Man merkt ben Mangel ber väterlichen Erziehung! Das Wohl bes Ganzen heifcht Gehorsam unb Unter-
orbnung; anbers lebt ber Mensch nicht im Leben. Freches Maulwerk!
Energisch schlug er Feuer unb zündete die vier Lichtlein aus Unschlitt an, bie bas Tännlein schmückten. Vor bem Fenster wisperten die Kinderstimmen und stampfte der Gaul. „Dorothea!" rief Kaspar Schiller; er gab mit ber Degenspitze bem Wachs- engelchen auf bem Tannenwipfel einen Stoß, damit es schwankend schwebte — das schuf mehr Illusion! „Das Christkindlei war da; habet ihr es nicht bavonfliegen sehen?"
Das aufgeregte Zappeln ber Kinberbeine war tm Vorraum hörbar. „Kinder", sagte die Stimme der Mutter, „am Ende hat's Christkindle gar ein paar Sternle vom Himmel aufs Bäumle g'hängt? Guckt nur fleißig!"
„Ischt das schön!" sagte das Phinele. Vergoldete Aepfel und Nüsse schwankten im harzigen Grün. Die drei standen mit ehrfurchtsvoll erhobenen Blicken in der Türe. Tiefgerührt sah bie Mutter ihren Fritz: der hatte mit Inbrunst bie kleinen Hänbe gefaltet, bas rötlichgelbe Haar umwallte seine feine, weiße Kinberstirn Die blauen Augen blickten anbächtig zum Lichte empor. Wie ein Englein ftanb er, schien es ber Mutter, vor bem Weihnachtsbaum.
„Fritz", sprach ber Vater ernst, „bring’ Er bie alt' Bibel!"
Frau Dorothea tat hastig bie Schürze ab unb fühlte, ob ihre Haube zur hohen Andacht in Orb- nung säße. Sie knieten alle in einer Reihe vor dem Weihnachtsbaum nieder; die Weihe der Stunde floß in sie. Der Vater betete glaubenskräftig mit lauter Stimme vor:
„... Als Maria, feine Mutter, dem Josef vertrauet war, erfand sich's, daß fie schwanger war vom Heiligen Geist. Doch der Engel des Herrn sprach: ,Sie wird einen Sohn gebären, bes Namen solltst bu Jesus heißen; benn er wirb sein Volk selig machen von beffen Sünden^ ..
Frau Dorotheas friedliches Glaubenswort und der Kinber helle Stimmlein klappten nach: „... von beffen Sünden."
„Maria gebar ihren Sohn ..."
„Gebar ihren Sohn."
Das Kind wuchs und ward stark im Geiste voller Weisheit; Gottes Gnade war in ihm. Simeon hatte recht gesprochen: „,Es wird ein Schwert durch feine Seele bringen auf baß vieler Herzen Gebauten offenbar werben!'"
„... Auf baß vieler Herzen Gebanken offenbar werben..."
„Haltet immerbar Gottes Gebote!" sprach Kaspar Schiller, erhob sich und wischte sich die Knie ab. Er schlug bie Bibel zu, baß es klappte. „Tu Er, Fritz, das heilige Buch an seinen Ort'." Er hängte die Mahnung an: „Ehret die, so euch vorgesetzt sind? Ihm,
und Hütten, steigt in dieser Nacht das Singen auf zu dem ewigen Lichterbaum am Himmelszelte, das Weihnachtslied unseres Volkes!
Selbst in ben tropischen Weltstäbten Südamerikas, wo im Dezember bie Hochsommersonne glüht mit weißem Glast, feiern bie Deutschen ihr Weihnachtsfest. Für bie Deutschen in Rio be Janeiro zieht ein Gärtner im hochgelegenen Petropolis, in ber früheren Sommerresidenz ber brasilianischen Kaiser, eigens Tannen für ihre Feier, unb wer keine Tanne erstehen kann, besorgt sich wenigstens ein paar grüne Zweige. Der deutsche Siebter in Sübbrasilien holt aus bem Urwalb bie grüne Araukarie. Von einem heiligen Abenb im armen Rancho ber beutschen Sieblerfamilie kann ich erzählen, wo bie Mutter, die Kolonistenfrau mit hartgearbeiteten schwieligen Händen die Pinie schmückte, — mit solch frommem Tun, als sie bie Kerzen aufsteckte unb ent- zünbete, als wäre es Gottesbienst. Unb bann rief sie die Kinder herein, und da sangen die Kleinen, ht- f4nn im Urwald geboren waren, unsere innigen Weihnachtslieder, daß es durch bie offene Tür in den nahen Urwald hinaus klang. Und im Schein der Kerzen sprach der Vater zu den Kindern von Deutschland, von dem fernen Nordland, das sie nie gesehen hatten, sprach ihnen davon, wie es dort ift in der heiligen Nacht, wenn Schnee die Lande deckt und zur Mitternachtsstunde das Läuten anhebt aus den Dorfkirchen über das Schneeland hin, — und bie Menschen aus ben Dörfern mit ihren Laternen, viele gelbrote Lichtlein über bem Schnee, ber hell- erleuchteten Kirche zustreben. Unb bann sagte ber Urwaldbauer zu feinen Kindern: „Seht, wo immer Deutsche leben in ber Welt, in dieser Stunde find sie vereint unter bem Weihnachtsbaum; in biefer Stunbe, wo immer sie wohnen unter fremden Völkern, fingen sie unsere lieben Weihnachtslieber unb denken an Deutschland."
So klingt in der Dämmerung des heiligen Abends aus wobl hundert Millionen von deutschen Herzen in der W"lt das innige Weihnachtslied: „Stille Nacht, heilige Nacht", das alte Lied aus dem Salzburger Lande, das am 24. Dezember in der Wintersonnenwende erstand. Ein Pfarrer und ein Schullehrer — überall die besten Hüter des deutschen
Volkstums — haben es geschaffen, der Pfarrer Josef Mohr war der Dichter, der Lehrer Franz Xaver Gruber war der Komponist. Das Lied zog mit der deutschen Weihnacht durch die ganze Welt.
Pater Peter Klotz erzählte darüber: „In Botchia, am Fuße des Himalaya, hörte ich das Lied von indischen Kindern in hindostanischer Sprache, in Neuseeland, in Deutschostafrika und am Sambesi sogar in deutscher, aber auch in heimischer Sprache. Jndianerknaben sangen es am Aequator, in Süd- -'•Y|'ripn yrnb^naben im Süden, und erst in Bethlehem, der Stätte, wo die .Stille heilige Nacht« die Erfüllung fand."
Solange aus geheimnisvoller Tiefe noch die Kräfte der deutschen Volkheit leben, solange von Geschlecht zu Geschlecht der Strom aus bem Born ber Herkunft weitergegeben wirb, solange bie Deutschen jenseits ber Grenzen ben Wert ihrer eingeborenen Volkheit erkennen unb schätzen und es bewußt empfinden, daß sie Art find von unserer Art, Flamme von unserer Flamme, so lange wirb die deutsche Weihnacht hundert Millionen Deutsche in der Welt zu seiner sennsuchtsvollen frommen Gemeinschaft vereinen, werden die deutschen Weihnachtslieder von Kind zu Kindeskind weiterklingen. Und wir in der Vvlkesheimat wollen in der Stunde, da wir unter dem Lichterbaum stehen, unserer Schwestern unb Brüdern im Grenzlanb unb Auslanb gebenden, wollen fühlen, wie ein Hin- unb Herfluten der Verbundenheit uns vereint, fühlen, wie ir|re Stimmen zu uns bringen:
Norblands Tannenwälder rauschen in unfern Traum, Da wirb uns Deutfchlanb ein großer, ftrahlenber Lichterbaum,
Und die Heimatfterne funkeln über dem grünen Gezweig, —
Und im Traum find wir wie Kinder, und tun den Kindern gleich:
Wir strecken die Hände sehnend und wollen die Lichter fassen ...
Deutschland! Von deiner Seele wollen wir nimmer lassen!
Weihnackien in aller Welt.
Unsere Auda^ds-Bcr'ck» erstoiter cräMcn.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Erst..Escalade“ — dann Weihnachten.
Dr. Rbst. Genf.
Wie zu Hause in Deutschland ist Weihnachten sonst nirgends auf der Welt! Aber auch in Genf kommt der Deutsche bei einem abendlichen Gang vor Weihnachten durch die alte Stadt auf ihrem dunklen, gemütlichen Hügel, mit ihren uralten Hand- werkerlädchen, in denen jetzt erhöhte Tätigkeit herrscht, sehr bald in die richtige Stimmung. Von den Plätzen, wo Christbäume verkauft werden, weht heimatlicher Weihnachtsduft herüber. Die allgemeine Vorbereitung auf das Fest beginnt hier aber erst sehr viel später als bei uns. Weihnachten ist im Kanton Genf stark von einem Nationalfeier- Vg überschattet, der am 12. Dezember gefeiert wird. £lan gedenkt nämlich des Sieges über die Scharen des Herzogs von Savoyen, die im Jahre 1602 versuchten, die freie Stadt mit Hilfe langer Leitern nächtlicherweile zu erstürmen. Das Wahrzeichen dieses Festes ist ein beftielter Kochtopf, den eine unerschrockene Genfer Bürgersfrau in jener Nacht einem stürmenden Savoyer von ihrem Fenster herunter auf den Kopf geworfen haben soll, was er nicht überlebte. Das Ereignis wird eigentlich um zehn Tage zu früh gefeiert, denn in Wirklichkeit geschah es in der längsten Nacht des Jahres, also vom 21. auf den 22. Dezember. Die Vorverlegung, die der Einführung des gregorianischen Kalenders im Jahre 1701 zuzuschreiben ist, läßt den Genfern etwas Zeit, sich von dem lauten Trubel der „Escalade“ nfit ihren Karussells und Maskenbällen auf das stille Weibnachtsfeft umzustellen. Adventssonntage zum langsamen Dorbereiten gibt es hier
nicht, und nach überstandener Escalade müssen die kleinen Mädchen schleunigst mit ihren Handarbeiten für Patentante oder -onkel, die in dieser Beziehung entschieden eine Vorrangstellung genießen, beginnen. Allerdings haben sie es insofern gut, als sie nicht unbedingt bis Weihnachten damit fertig werden müssen: wenn die Zeit nicht langt, können sie ihre Machwerke gernhe fo aut erst am Neuiahrstaae überreichen. Dieser Feiertag spielt hier Überhaupt in weitaus den meisten Familien eine viel größere Rolle als Weihnachten. Nur, wer kleine Kinder hat und an Neujahr in die Berge gehen will, putzt einen Christbaum auf und bereitet eine Bescherung am 25. Dezember.
Die Weihnachtsgeschichte wird dabei aber nie vor- gelesen, auch Lieder werden nicht gesungen, sondern es gehört hier mehr oder weniger zum guten Ton, das englische Weihnachten nachzuahmen, das mit dem Kuß unter dem Mistelzweig, Knallbonbons und Freudentänzen um den Baum herum wohl auch besser in die noch etwas verhaltene Escalade» Stimmung paßt als das deutsche. Auch der Strumpf, den die Kinder am Vorabend erwartungsvoll in den Kamin hängen und beim Erwachen dank einer Persönlichkeit, die unserem Knecht Rupprecht entspricht, gefüllt finden, stellt eine Reminiszenz englischer Gebräuche dar. Der Christbaum ist zwar :n den Familien immer mehr im Vordringen begriffen, aber doch hauptsächlich eine Angelegenheit der zahlreichen Vereine, Sonntagsschulen, Waisen- und Krankenhäuser. Sogar in Feiern linksgerichteter politischer Gruppen ist er zuweilen anzutreffen. Es gibt nur einen Feiertag, auch keinen „Heiligen Abend", und am „zweiten Feiertag" geht das Leben schon wieder seinen gewöhnlichen Gang.
Fritz, roär’s besser gewesen, Er wär' mehr in die Kirch' gegangen; Er kann nicht gut beten im Ton! Nun muß ich reiten, Dorothea!" Der Hauptmann wandte sich und nahm wieder Hut und Degen an sich
Sie folgten ihm vor die Tür hinaus.
Als er im Dämmerlicht auf Einem struvvigen Gaul faß und sich in den strohumsponnenen Bügeln zurecht schob, musterte er das hochgiebelige Häuschen mit den Riegelwänden, aus dem nun seine Familie ausziehen mußte „So was umschließet den Menschen und heget ihn, und er meint, es sei fein alles", sagte er. „Dann ziehet er fort, und das Haus hütet den andern, der nachfolgt, ebenso. — Fritzle", sprach er mit Nachdruck, als er die großen Augen seines Buben nachdenklich in gleicher Richtung blicken sah, ..nun kommet Er unter meine Zucht! Lebet wohl!"
Mit der Hand grüßend ritt der Hauptmann davon. Die patschenden Huftritte verhallten im Schnee.
Die drei liefen ins armselige Logis zu den Großeltern und heulten dort los:
„Es gehet in die Fremde!"
In den Winterwäldern.
Von Johan Luzian
In dem engen Waldweg hingen die Bäume voll eisblauen Schatten; wir krochen tiefer in Fußsack und Pelz und Decken und riefen schallender „Hüh!" und schlugen den Gaul, den faulen, daß er die schlenkernden Zottelbeine vor dem leichten Schlitten warf und sich, wie ein Jungpferd schnaubend, das Eis aus den Nüstern blies. Aber indessen öffnete sich über den Wäldern das Auge Gottes, und als wir nun aus der Fichtenenge kamen und schon die Acherkuppe entlang fuhren, fühlten wir aufatmend die Wärme und Freundlichkeit in der besonnten Stille.
Und auch Muli, her lahme Gaul, fühlte die Güte des Himmels und wollte teilhvben daran. Er blieb einfach stehen und hob feinen alten, weißbraunen, zoteihaarigen Kopf der Sonne entgegen und schnob tief lind behaglich durch die Nüstern und ließ sich das Eis um das Maul tauen; er bleckte feine langen gelben Zähne der Sonne entgegen, als wolle er fie schmecken, und erhob sein rechtes, altersblaues Auge dem Licht entgegen, und das linke, das blinde, weiße, grauenhaft weiße sah uns an. Das Alter sah uns daraus an, der Tod und die Krankheit und das verkrüppelte Leben sahen uns aus diesem blinden Pferdeauge an mitten in der Hellen Sonne, die über das stille, schöne Wälderland schien.
Ich hob schon die Peitsche, um Muli zu schlagen, daß er seinen Zottelkopf der Straße vor uns wie
der zuwende und uns mit feinem Schauderauge verschone; aber du legtest mir deine rote Handschuhhand leicht auf den Arm und sagtest mitleidig: „Laß doch das alte Tier sich verschnaufen!" ... Da ließ ich die Peitsche sinken und zog dich, mein junges Leben, enger zu mir heran. Mir legten die Kopse gegen das Schlittenpolster zurück und saßen schweigend da nebeneinander in dem stehenden Schlitten unh blinzelten in das wärmende Licht.
Muli hatte den Kopf auf die geschwungene Deichsel gelegt und rührte sich nicht, und sein totes, weißes Auge rührte sich auch nicht, es sah uns an. Aber war das nicht gut so, war das nicht ganz in der Ordnung, daß uns dieses Auge ansah, dieses Gegenstück zu dem Auge Gottes dort oben? War das nicht ein besonderes Zeichen der Vollkommenheit, daß wir es ansehen mußten in der blitzenden Schönheit dieser Schneestunde? Ja, dieses Auge wollte uns erproben: seid ihr starken Herzens, könnt ihr fröhlich fein in euch selber, könnt ihr lachend dem Alter und dem Vergehen ins Auge schauen?...
Ja, wir waren es zufrieden, hier auf der Kuppe zu halten und beieinander zu fein und uns aneinander zu wärm"n und uns kleine Tannen zu zeigen, die aus dickem Schnee prächtige Kaiserkronen trugen, ober rn*" B""ren vi entdecken, die aus dem verwilderten Buschwerk schimmerten, und den Rauch aus dem Taldorf dort unt°n in die blaue Luft (feinen zu sehen und dem Falken nachzuschauen, der übAr bem weißen Acker flügelflirrend stillstand, bis er blitzend herunterstieß auf die Beute.
Aber dann nahm ich doch die Peitsche wieder aus der Lasche und schlug den Muli, die lahme Mähre, schlug ihn, bis er ins Traben und Laufen und Rutschen kam und wir riefen beide fröhlich unser „Hüh!" über die Straße h;e sich zum Dorf und mm Wirtshaus hinun^rjenkte. Und Muli, der Alte zog uns durch die Wälder; schellenläutend fuhren wir im Schlitten dahin und fangen vor Uebermut: „Hüh, Schimmel, zieh!" ...
Der verbotene Meihnochisbonm
Als die Feier des Weihnachtsfestes in Deutschland noch nicht so volkstümlich^war wie heute, ist es des öfteren zu behördlichen Verboten weihnachtlicher Bräuche gekommen: einmal richtete ein solches sich sogar gegen den Weihnachtsmann persönlich. Ursache und Folgen dieses einzigartigen fürstlichen Erlasses aus dem Jahre 1682 sind nachzulesen in der Weih- nachtsnummer der „I11 u st r i r t e n Zeitung" (Verlag I. I. Weber, Leipzig). Wie alljährlich wird in dieser Nummer viel echte deutsche Weihnachtsstimmung lebendig; Kinderglück unterm Christbaum lacht aus einer Reihe sprechender Photographien: künstlerische Darstellungen ber Weihnachtsgeschichte wechseln ab mit Weihnachtserzählungen.


