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24.12.1935
 
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Dienstag, 24. Dezember 1955

Lr. 500 Erstes Blatt

Euch ist ein Kindlein heul gefront

ins R-.ch jener Stille, wo da, leise Atmen der Grötzte ist und aus der Ebene de Seele hörbar wird und mit Goldklang der Grund I gültigen Drnge den Endjreg behalt.

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Es war vor langer Zeit zwei Jahre vor |2m Krieg da weilte ich den Weihnachts- r onat über in Paris. Ich wohnte in Montpar- nsse, in einer jener traurigen möblierten Stu- ten, in fcenen schon zu gewöhnlichen Zeiten die paue, kalte Verzweiflung an den Wänden klebt.

Am Weihnachtsabend ging ich, krank vor S udenelend und schlimmer Einsamkeit, auf die i tratze. Da standen nahe der Avenue de lDbser- Mtoire einige Buden. Ich dachte: Weihnachts- f.-arkt! Ein Strahl bunter Kinderwelt! Aber es raren Schießbuden und sonstiger Kirmes- runder; arme, nüchterne Verdienerei im Halb- lunkel. Dunkel lagen auch rings in den Häusern be Fenster der Wohnungen. Aber desto mehr Ivcht gab es in allen Gaststätten und Speise- Skalen. Da sahen die Leute, Familie bei Fa- uilie, und begingen Weihnachten in der Oeffent- Ichkeit mit munterem Schlemmen und Fröhlich- jiin nicht unähnlich der Art, wie es in Deutsch­land etwa an Fastnacht zugeht.

Landesart, Landesbrauch aber nie hat vor Meinem inneren Auge der Glanz deutscher Weih- mcht sehnlicher geleuchtet als an diesem Pariser Ü bend. Ich dachte mich über die meeresweite, brodelnde Stadt, über Berg und Tal hinüber in tos kleine Dorf im Herzen des Pfälzerlandes, ftie ersten Kinderweihnachten stiegen aus. 93er- Hneite, vereiste Winterwälder hoch an den Äergen, der Bachlauf schwarz und schmal, zwi­lchen den Dicken Schneepolstern der User, Schnee ms der Dorsstrahe und tiefes Schweigen im pmen Tal und über den geduckten Hütten d>er drinnen im Vaterhaus Wärme vom Holz- j-uer, in der Stubenecke der Tannenbaum mit | inen brennenden Lichtern, darunter das erste Märchenbuch, die erste Fibel, die ersten Gold- «isfel sür die Schultasel, und Spielzeug in -.olzschachteln, die ebenso wie der brennende Baum nach Tannendust rochen. Wie eng, wie I bein alles, wie arm aber wie durchgoldet loort einem inwendigen Glanz, von dem das S.erz zehren wird bis zum letzten Tag! Ein Wehen 7»ar im Stübchen wie von heimlichen Flügeln tor Engel, und fast hörbar ein Harfenklingen von ;«r Weihnachtsbotschaft, wie sie mit unvergeh- -chen Worten im ersten kleinen Gottbuch der Volksschule stand. Welch ein Geborgensein in ;auter Seligkeit! Welch ein Blick in ein wirkliches V.anb der Liebe und der ewigen Heimat.

Wir feiern vielleicht Weihnachten unser Leben lnndurch. Aber wer das unschätzbare Glück c-ehabt hat, als ein deutsches Kind unter seinem lasten Weihnachtsbaum zu stehen, dem ist in (irlebnisgestalt etwas mitgegeben, das er im foäteren Dasein vielleicht überlärmen, aber nie wieder austilgen kann. Der Weihnachtsweg nach innen ist ihm einmal gewiesen. Der Blick in den tiefen, kindlichen Grund, von dem aus sich fern Dasein ständig erfrischt, ist ihm ausgetan. Ins Dräuen und Glauben ist er einmal gerufen als in die wahre Lebendigkeit seiner Seele. Einmal hat er, nicht durch Lehre und Unterweisung, tondern in leibhaftiger Erfahrung Gott als Kind, stich selbst als Kind, das ganze Weltwesen als Liebendes und Geliebtes erlebt. Das bleibt itehen sein Leben lang, und wo irgend in ein gealtertes Herz, in eine verirrte Seele später a in Strahl der heimholenden Gnade fällt: das kindliche Weihnachtserlebnis ist das erste, was unter diesem Strahl ausglänzt und ihm sehn-

Lche Antwort gibt.

Die deutsche Art, das Weihnachtssest zu be­gehen, hat das Zeichen der Innerlichkeit, der Verinnerlichung. Gerade mit diesem Zug der Innerlichkeit schließt sich das christliche Weih- Lachtssest der Deutschen an das alte Iulsest der germanischen Vorfahren an. In innerlicher Anschauung als eine Herzenshofsnung und eine gläubig angenommene Zuversicht wurde die Sonne im Iulsest gefeiert.Mitten im kalten Winter Wohl zu der halben Nacht" begibt sich Joie Fröhlichkeit der Sonnenbegrüßung. Das Außen ist noch dunkel, aber innen das Herz weiß um das künftige Licht und ehrt seine frühe, kindliche Jugend.

Das christtiche Weihnachtsfest feiert den Auf- Zang desSonnenhelden" Jesus Christus. Es weiß daß da die göttliche Liebe neu in die Jountle West hereinscheint die unbedingte Sonne" in der ernstesten und unausdenkbaren Hochgestalt, in der sie zugleich Gott selbst und Mensch selbst ist. Es findet sie vor der Wiege, als etwas Junges und Anfangendes, als em Kind, das zunächst nichts andres nut sich bringt als die Anmutnng, daß wir selber vor ihm

gläubig und einfach werden: Kinder. Wie liebend gerne hat das Hexz des Deutschen diese Anmu- 1 ung auf genommen! Wie leicht und froh hat das Kindliche im deutschen Wesen sich bereit ge- unden, vor dem Kind in der Krippe liebend und ehrfürchtig die Knie zu beugen! Tiefer und chöner als jede andre Art der Weihnachtsfeier )at die deutsche Art das Kind als Herz und Kern >er Heiligen Nacht begriffen. Sie stellt da alles, was Erwachsenenwelt ist, beiseite und läßt nichts gelten als das Kind, wie es schläft und lächelt

in der treuen Hut der Gottesmutter, wie es glaubt und selig ist in der eigenen Brust, wie es der armen Krippe naht in der Gestalt der Hirten und wie es aus frommen Tieraugen mitten in den unverstandenen Glanz blickt.

Wie die Iulfreude vor der jungen Sonne, |o steht die Christenfreude der deutschen Weihnacht vor der als Kind erschienenen Gottesliebe. Die ewig scböne, holde Gestalt der deutschen Weih­nacht ist nichts anderes als die Wiedergeburt der alten Lichtgeburtsfeier. Sie ist ihre Verklärung und ihre Erlösung zu ihrem höheren, alles Irdische und Geistige umfassenden Smn. Sie ist dies im selben Sinn, wie der christliche Gottes- alaube die einzig echte Wiedergeburt, Auf­erstehung und Verklarung alles dessen ist, was im Glauben der Vorfahren wahre Frömmigkeit und wahres, selbstvergessenes Trauen war auf die Liebe, die überall um uns lebt.

Deutsche Weihnacht heißt: Immer erneuter Aufbruch aus dem Gealterten und Erstarrten in die blühende, paradiesische Jugend der Seele! Deutsche Weihnacht heißt: Fahrt nach innen; auf den Grund kommen; Zurückfmden zu dem, was wir als gläubige, vertrauende Kinder waren. Der Deutsche kann nicht leben, wenn er nicht zeitweise durchdringt auf denGrund",

des Daseins aufklingt, die unbedingte Liebe. Und wenn sich für uns die Weihnachtsstimmung so oft als einHeimweh" anfühlt, so ist das nicht nur ein Heimweh nach Haus und Erde und Sippe, sondern es ist immer zugleich Heimweh nach dem Kinderland, Heimweh nach dem kind­lichen Trauen und Schauen, das wunderbar im Einklang mit allem Leben steht.

Das Märchen ist mit der deutschen Weihnacht verbunden und kein Deutscher lebt, der nicht einmal unterm Weihnachtsbaum zu dem Wissen

geiangt ist, daß das Märchen nicht von leeren Fabelweiten erzählt, sondern einzig wahre Kunde ist von der tiefsten und gültigsten Wirk­lichkeit. Als Kinder hören wir sie erzählen, als Väter und Mütter überliefern wir sie den

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bliebe, deren unausweichliche Schlußfolgerung die Darwinsche Abstammungslehre und noch manches andere Produkt einer einseitig materia­listisch eingestellten Naturwissenschaft ist. In der beseligenden Tatsache des Weihnachtsmyste­riums wird die erste Erklärung durch eine zweite korrigiert, die um so viel wahrer ist, als sie die ganze Oberflächlichkeit der ersten einhüllt und den Menschen über sich selbst erhebt, ihm die Gewißheit einer höheren Abstammung gibt!

Und diese Antwort sagt etwas ganz anderes: wohl seid ihr elend und vergänglich, und keine Macht kann euch dem Tode der Materie ent­reißen. Aber schaut auf dieses göttliche Kind! Wird es nicht hungern und dürsten wie ihr? Wird es nicht leiden und sterben wie ihr? Ist es nicht in Armut geboren wie viele unter euch? Atmet und bewegt es sich nicht ganz ähnlich wie die Tiere neben ihm, mit denen es den gleichen Lebensraum teilen muß? Ja, das alles ist so dem Fleische nach! Seine Eltern haben es ge­zeugt, wie ihr auch gezeugt wurdet, es ist kein Mirakel dabei. Allein, das alles berührt nicht den geistigen Wesenskern dieses Neugeborenen. Der ist von Gott in die Welt gesandt und kehrt in ihn zurück, der überwindet den Tod, weil ec ewig, unsterblich ist wie ihr auch! Dieses Jesuskind im bethlehemitischen Stalle sei euch ein Beispiel, es erinnere euch an eure doppelte Herkunft! An die irdische, dunkle denkt ihr zwar nur zu oft, an die himmlische, göttliche nur zu wenig. Dieses Verhältnis aber muß sich ändern, wenn die Menschheit nicht seelisch ganz ver­kümmern soll. Der heutige Mensch wird wieder lernen müssen, das Christentum als eine geistige Offenbarungstatsache nicht immer nur von dec moralisch-erbaulichen Seite zu nehmen; und nicht eher wird er sich von seinem blinden Glauben an die Stoffeswelt freimachen können.

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Weihnachtsboischafi.

Von Ernst v. Niebelschüh.

Als zu Beginn unserer christlichen Zeitrech­nung in jener längsten Nacht, die dem kürzesten Tage voranging, das göttliche Licht in die Erden- sinsternis trat, als der Engel des Herrn den Hirten aus dem Felde die große Freude ver­kündigte und der Stern über der Herberge den weisen Priesterkönigen aus dem Morgenlande den Weg zur Krippe des Weltheilands wies, da geschah etwas, was durchaus nicht soschlicht und einfach" war, wie es gewöhnlich dargestellt wird. Da öffnete sich der Vorhang, mit dem sich der gottentsremdete Mensch den Ausblick in eine geistige Heimat immer mehr versperrt hatte, und es wurde der Erde und allen Men- chen auf ihr eine Kraft geschenkt, die seit dieser ersten Weihnacht nfeiter und weiter wirkt und trotz aller Nückfälle in bas Dunkel bis in die 'ernste Zukunft zu wirken nicht aufhören wird. Denn Weihnachten recht feiern heißt ja nicht, in mehr oder weniger sentimentaler Weise sich eines einmaligen historischen Vorgangs erin­nern. Weihnachten feiern heißt, das Geburtsfest dieser Christuskraft in der Menschenseele immer neu zu begehen, und den ewig wirkenden, den ewig lebendigen Christus in sich aufzunehmen. Von der irdischen Geburt des Jesus von Naza­reth im Stalle zu Bethlehem, der Fleischwer­dung von Gottes Sohn, ist der gewaltigste Impuls ausgegangen, fähig, die Menschenseele im Innersten umzuwandeln, in der herrschenden Finsternis das Licht einer neuen Erkenntnis zu entzünden.

Dieses Licht aber was anderes ist es als die Flamme einer Wahrheit, die bislang in den Herzen nur noch ganz schwach glühte? Dec Wahrheit, die sich zwar nicht wissenschaftlich beweisen, um so mehr aber erleben läßt; daß wir Gottes Kinder sind, daß wir in aller Ver­gänglichkeit an Gott teilhaben, wenn auch nur wie die Wassertropfen am Weltmeere. Das Christentum ist die seitdem allein mögliche, auch die allein erschöpfende Antwort auf die nie verstummende Frage: Was ist der Mensch? Die mächtigsten Gehirne haben sich darüber zuschanden gedacht, und je finsterer es in der Welt wurde, um so eifriger waren sie bemüht, dem Menschen denHochmut" auszutreiben, ihm zubeweisen", daß er ein elendes Wesen sei, kaum mehr als ein höher entwickeltes Tier, aus Staub geformt und nur dessen Gesetzen unter­worfen. Nun, auch das Evangelium ist nicht so weltfremd, diese tragische Verbundenheit mit dem Stoff und dam t die Macht des Todes in Abrede zu stellen. Aber es wäre keineBotschaft aus dem Reiche der Engel" denn das ist die wörtliche Uebersetzung vonEvangelium" wenn es bei dieser einen Erkenntnis stehen

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Weihnachtsheimweh

Von Wilhelm Michel.

Kindern, die uns mit weit offenen Augen lauschen, als. alte Menschen lesen wir sie an Winterabenden, wenn Sturm ums Haus geht und wissen da vielleicht erst am tiefsten um ihre unzerstörbare selige Wahrheit. Wir lassen das alte, zerlesene Buch auf den Tisch sinken und denken still: Wv wären wir, wenn das nicht Wirklichkeit wäre, was die Märchen sagen? Wenn nicht den Schritten des Kindes ein Engel folgte? Wenn nicht böser Zauber, der uns ständig umgibt, ständig gebrochen würde von unbegreif­lichen Kräften der Hilfe? Wenn die kindliche Arglosigkeit nicht einen geheimen Freund hätte, der sie oft zum Sieg bringt, wo die schlaue Berechnung versagt? Wenn nicht tausend schlimme Verwünschtheiten in und außer uns fortwährend aufgehoben würden vom redlichen Mut und von der Liebe tapferer Herzen? Die Wahrheit der Märchen ist nicht in allen Fällen die äußere, sie ist die innere Wahrheit; die Wahr­heit im Herzen der Welt. Sie ist die Weihnachts­wahrheit, daß das Kindliche insgeheim das Größte ist und auf der Ebene der wahrhaft

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Gietzemr Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck und Verlag: vrühl'sche UniverfitStr-vuch- und Steindruckerel «.Lange in Gietzen. Schristleilung und Seschästrstelle: Schulstrahe 7

Muttergottes eines mittelrheinifchen Meisters des 15. Iahrhunoerrv.

(Alte Pinakothek, München.)