Ausgabe 
24.10.1935
 
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Ur. 2^9 Drittes Blatt

Gtettener Anzeiger (Generr'-Anzelger sur Gderheyen«

Donnerstag, 24. ©hoher (935

Oie arabi und der Krieg

Von unterem W/

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Jerusalem, Oktober 1935.

Die bemerkenswert starke Welle der Erregung, die der italienisch-abessinische Konflikt im Nahen Osten auslöste, ist nicht nur durch die räumliche Nachbarschaft, dre überdies noch nicht einmal sehr eng ist, zu erklären. Ihre Entfesselung ist vielmehr auf eine große Anzahl von einander ergänzenden, wie entgegengesetzten Ursachen zurückzufuhren, die teils im Vorderen Orient selbst und teils in Europa liegen.

Je mehr die englische Macht- und Einflußsphäre in Aegypren verdünnt und daher die Beherr­schung des Suezkanals zum Problem wurde, um so mehr mußte England sich um den Vorderen und Mittleren Orient in seiner natürlichen Rolle als Land - und Luftweg nach Indien be­mühen, wobei die Beherrschung Akabas auch vom Near East her eine gewisse Kontrolle des Roten Meeres ermöglicht. Diese Beziehungen, zu denen noch die europäischen Baumwoll - und Erd­öl i n te re s s e n , sowie die Absatzsehnsucht der abendländischen Industrie verwirrend hinzutreten, mußten im Zusammenhang mit dem Streit um Abessinien das äußere Bild der Levante in gewis­sen Grenzen notwendig verändern. Besonders i n Palästina, das die wichtigsten strategischen Stützpunkte der Briten enthält, lassen sich die Aus­wirkungen am besten feststellen, die sich in einer Erhöhung der Land- und Luftstreit- fr ö f t e in erster Linie offenbaren. Auch die pa­lästinensischen Häfen werden heute von der eng­lischen Mittelmeerflotte stark in Anspruch genom- men. Vor allem bietet heute der neue Hafen von Haifa, dessen Anlage von vornherein die Priori­tät der militärischen vor den wirtschaftlichen Zwecken verriet, einen wesentlich veränderten Anblick, und selbst das fast ausrangierte A k k 0 in der gleichen Bucht wird zur Unterbrechung seiner würdigen Ruhe veranlaßt, um einige Kreuzer aufzunehmen. Es ist bezeichnend, daß arabische Blätter sogar von starken Befestigungen des Karmelge­birges berichten zu können glauben, das nicht nur Haifa, sondern auch den Eingang zu der strategisch so überaus wichtigen und in diesem Sinne histori­schen Ebene Jesreel bewacht.

Die andere Verbindungslinie, die den Nahen Osten zu dem abessinischen Konflikt in Beziehung setzt, geht von der arabischen Nationalbe'- w e g u n g aus. Der arabische Nationalismus, der in den einzelnen Ländern sehr verschiedene Ent­wicklungsstufen aufweist, war durch die Ergebnisse des Weltkrieges tief enttäuscht worden. Er hatte ihnen nicht, wie König Hussein vom Hed- jas geglaubt hatte, die Erfüllung des Traumes vom panarabischen Reiche gebracht, vielmehr wurden wichtigste Gebiete einem Mandatssnstem unter­worfen, das sich fast nur in der juristischen Forrnu- liernna nom Kolonialsyllem nnt-rich-id-t' und gnasi selbständige Reiche, wie der Irak, sind zutiefst in das politische und wirtschaftliche Jntrigennctz verstrickt worden, das Europa über sie geworfen hat. Aber die arabische Bewegung, durch viele zentrifugale Kräfte aufgespalten, durch die territoriale Zerstreuung des Volkes und seine Bindung an eine mittelalterliche Existenzform gelähmt und gehemmt, vermochte auch nach dem Kriege nickt aus eigener Kraft heraus dem Ziele der Emanzipation von Europa näher zu kom­men. So kommt es, daß seit Jahren die arabische Be­wegung auf den kommenden Weltkrieg als auf dendeus ex machina hofft. Es wurde die Vorstellung zum eisernen Bestand ihrer theoreti­schen Strateaie, daß nur in einem kommenden Kriege die Ablenkung und Zersplitterung der euro­päischen Kräfte einem kraftvollen arabischen Vorstoß zum nationalen Endziel Sinn geben werde. Der

in Abessinien.

N -Berichterstatter

Streit um Abessinien als mögliches Auslösungs­moment eines Weltkrieges wird daher auf arabischer Seite mit gespanntester und hoffnungsfreudigster Aufmerksamkeit begleitet und diskutiert! Schon sieht man den Orient in ein Flammenmeer getaucht, aus dem sich dann die arabische Unab­hängigkeit wie ein Phönix erheben werde!

Diese Stimmung, die im Grunde von der ver­zweifelten Lage der arabischen Bewegung zeugt, ver­schafft sich ihren Ausdruck in einem starken Harn- stern von Gold und Lebensrnitteln und einem entsprechenden Steigen der Preise für diese Güter, sowie in einem gefährlichen Run auf diejenigen Banken, bei denen arabische Kreise de­poniert haben; vor allem also bei der arabischen Bank und der Banco di Roma, an deren baldigen Zusammenbruch die erregte Phantasie des Volkes ernsthaft glaubt. Je nach der Intensität der Ge­rüchte wiederholen sich diese Vorgänge oder werden wieder^gängiq gemacht. Auch in dieser Beziehung geht Palästina den übrigen levantinischen Ländern voran. Denn die außerordentliche politische und wirtschaftliche Entwicklung des Jewish National Home in den letzten drei Jahren ließ das Interesse der arabischen Bewegung sick naturgemäß hier kon­zentrieren. Hier wurde ihre Schwäche am deutlichsten enthüllt, und hier ließ sich daher auch die N 0 t - wendigkeitdesKampfes um denJstaklal", um die nationale Unabhängigkeit, am sinnfälligsten demonstrieren.

Buntes

Hochze'iSreise im F-uozeua.

Ein junges Ehepaar, Herr und Frau Littlejohn, ist dieser Tage vom Flugplatz in Southampton auf- aestiegen, um ihre Hochzeitsreise nach Australien im Flugzeug auszu^ühren. Dreizehn Tage wollen die beiden jungen Leute brauchen, bis sie in Sydney ankommen, wo der junge Ehemann als Verkehrs­flieger angestellt ist. Ehe Frau Littlejohn ihren Gatten kannte, wußte sie kaum etwas vom Fliegen, und sie hätte es sich nicht träumen lassen, daß sie bald darauf selbst am Steuer eines eigenen Flug­zeuges sitzen werde. Denn darin waren sich die beiden Neuvermählten einig: Die Rollenverteilung während des Fluges in die neue Heimat sollte keineswegs so vonstatten gehen, daß der Pilot am Steuer, seine Gattin aber hinter ihm auf dem Platz des Fahrgastes sitze. Das zur Reise ausersehene Flugzeug wurde umgebaut, und zwar so, daß Frau Littlejohn neben ihrem Gatten zu sitzen kam. Es war eine naheliegende Folgerung, daß sie sich alsdann mit ihm in die Arbeit und in die Verant­wortung für das Gelingen des Fluges teilen sollte. So nahm sie Flugunterricht, und sie kann nun al^ ausgebildete Pilotin selber das Flugzeug führen, um ihren Gatten zu entlasten. Auf die Mitnahme von Fallschirmen hat das junge Ehepaar verzichtet; der umgebaute Apparat erschwert einen Absprung mit dem Fallschirm, und überdies hat Herr Little­john erklärt, daß er während seiner neunjährigen Tätigkeit als Pilot nie in eine Lage kam, wo er sich durch Absprung mit einem Fallschirm hätte aus großer Gefahr retten müssen. Die beiden unter­nehmungslustigen Ehegatten haben ihren Hochzeits­flug in einfacher Zivilkleidung angetreten, so wie Linddergh einst über den Ozean flog.

Das Obr am fal cken Fleck.

Ein Briefmarkensammler hat diesen kleinen Irr­tum entdeckt: Ein auf österreichischen Briefmarken abgebildeter Landmann trägt das Ohr nicht auf

Es ist schwer zu übersehen, welche konkreten Vor- 'tellung'n über ihre Position in einem Weltkriege die arabischen Kreise beherrschen bzw. ob ihre Vor­stellungen überhaupt sehr deullich sind. Daß in dem italienisch-abessinischen Streit die arabischen Ge­fühle dem afrikanischen Reiche gehören, ist selbstverständlich. Eine so ausgesprochen bedingungs­lose Hinneigung zu Italien, wie sie der Emir Arslan in Genf zeigt, kann ebenso als isoliert betrachtet werden, wie die zionistisch-italienische Verbindung, die der revisionistischenneuen Zionistischen Organi­sation" Jabotinskis wohl mit Recht nachgesagt wird; zwei Erscheinungen, die auf das KoiLo der außerordentlich verstärkten italienischen Pro­paganda im Nahen Osten zu setzen sind.

Trotz der gefühlsmäßigen Hinneigung zu Abessi­nien kann man aber in arabischen Führer-Kreisen der Auffassung begegnen, daß man sich die Politik nicht durch Sentimentalitäten vorschrei- ben lassen dürfe, sondern daß man auch dem Gedan­ken nicht aus dem Wege gehen solle, notfalls gegen Herzensstimmungen Partei zu ergreifen, wenn es sich für das Befreiungsziel als notwendig erweisen sollte. W"nn man auch als sicher annehmen darf, daß die Hoffnungen der arabischen Bewegung in einem neuerlichen Weltkrieg keinesfalls erfüllt wer­den dürften, so ist sie dock jetzt schon stark genug, um das Spiel im Nahen Osten erheblich zu kompli­zieren. Jedenfalls bestätigt die Situation im Vorder­sten Orient die auch aus den europäischen Verhält­nissen abzuleitende Gewißheit, daß infolge der viel­fältigen und engen Verknüvfungen der internatio­nalen Politik heute ein ernsthafter Konflikt zwischen zwei Staaten nichtmehrzu isolieren ist. Am wenigsten, wenn er räumlich und interessenmäßig das spannungsgeladene Mittelmeerbecken be­rührt!

Allerlei.

dem rechten Fleck! Mit dieser Entdeckung hat der Sammler nicht etwa den Künstler bloßstellen wollen, der die Marke entwarf, und auch nicht die Post­behörde, die den Fehler übersah, sondern ihm kam es lediglich darauf an, seine Sammlerfreunde auf diesen Irrtum aufmerksam zu machen. Denn durch einen solchen Fehler kann eine Marke, die sonst keinen besonderen Seltenheitswert haben würde, sehr begehrenswert werden. Man wird vermutlich bei den Neudrucken das Ohr an die rechte Stelle rücken, und der Sammler, der sich eine alte Marke sicherte, kann die beidenAuflagen" nebeneinander ins Album einkleben, und den Neid all jener erregen, die nur die zweite verbesserte Auflage er­halten können. Zudem gibt es Beispiele dafür, daß Briefmarken durch solche Irrtümer erst ihren hohen Wert erhielten. Da fei vor allem der seltenen dun­kelblauen Mauritius-Marken aus dem Jahre 1847 gedacht. Dieseblauen Wunder" sind darum so heiß begehrt, weil sie Fehldrucke sind. Dort wo stehen sollte:Post(age) Paid, d. h. Porto be­zahlt, liest man nämlichPost Office, zu deutsch Postamt. Von Sammlern sehr begehrt sind auch einige deutsche Marken, die einige Irrtümer auf- weisen. Sck kam im Jahre 1921 eine Zwanzig- Pfennig-Marke heraus, die einen Pflüger darstellt, der sich in seinem Arbeitseifer offensichtlich beide Füße abschneidet. Bei dem gleichen Jahrgang findet sich auf einer Marke ein Bergarbeiter dargestellt, der mit der linken Hand den Hammer schwingt. Beim Neudruck hatte er alsdann offenbar auch im Gebrauch der rechten Hand Fortschritte gemacht, denn nun trug er den Hammer rechts. Man hatte das Markenbild umgekehrt. Bei einer spanischen Marke aus dem Jahre 1865 wurde der Zierrahmen verkehrt um das Mittelstück, den Kopf der Königin Isabella, gedruckt, so daß die Sammler jubelnd fest- ftellten:Die Königin steht Kopf!" Welcher Samm­ler würde nicht gern eine solche berühmte Marke in seinem Album besitzen?

Oie deutschen Robinsone.

Von Kurt WeNner

Durch ein halbes Jahrhundert stand der Name Stoltenhoff-Eiland auf allen See-Karten, auf denen die kleine südatlantische Inselgruppe Tristan da Eunha zu sehen war. Kürzlich ließ die britische Admiralität die Drei-Inselgruppe neu ver­messen und taufte dabei bas Stoltenhoff-Eiland in Unattainable Island (Unerreichbare Insel) um. Das Nachbareiland behielt den alten Namen Nachtigall- insel bei, vermutlich, weil noch nie eine Nach­tigall in diese unwirtliche weltverlassene Gegend kam.

Dagegen war der Name Stoltenhoff-Eiland die berechtigte Erinnerung an das Schicksal der Brü­der Stoltenhoff aus Hamburg, die hier abseits der Schiffahrtsstraße zwischen Kapstadt und Süd­amerika ein erzwungenes Robinsonleben führten.

Zu Beginn der Siebzigerjahre des letzten Jahr­hunderts waren die beiden Stoltenhoffs junge Leute, der eine Seemann, der andere Angestell­ter einer Hamburger Frachtenreederei.

Der Bruder Seemann brachte von ein-r feiner Fahrten nach Südafrika den Plan heim, auf der ein­samen und unbewohnten Vorinsel der Gruppe Tri­stan da Eunha die wertvollen Felle der vielen See­hunde zu erbeuten, die dort ihren Ruheplatz hatten.

Dem Bruder Angestellten gefiel der Plan, und so beschlossen b-'ibe, bie Felle zu holen und auf diesem Wege noch in jüngen Jahren wohlhabend zu werden.

Der Bruder Angestellte schloß mit seinem Reeder einen Vertrag, nach dem sein nächstes nach Kapstadt fahrendes Schiff bie beiden Brüder mitnehmen und auf der einsamen Insel aussetzen sollte. Nach drei Jahren sollte das nächste vorbeikommende Schiff des Reeders die beiden Stoltenhoff aufneh- mm und in die Heimatstadt zurückbringen. Eine Sache, bie anscheinend gar nicht fehl gehen konnte.

Es ging aber schon von Anfang alles schief, nachdem die Brüder das Eiland erreicht hatten und das Schiff abgefahren war. Kaum bemerkten die Seehunde, daß sie gejagt und erschlagen wurden, als sie auch schon das Eiland auf Nimmerwieder- kehr verließen.

Damit war der Aufenthalt auf dem Eiland zwecklos geworden, aber die Brüder Stoltenhoff saßen nun Hier fest, mit der wenig erfreulichen Aussicht auf ein müßiges Zuwarten, bis, nach der Vereinbarung mit dem Reeder, sein Schiff nach drei Jahren zum Abbolen kam.

Ihr Eiland lag so außerhalb der Grupve Tristan da Eunha, daß selbst die nachbarliche Nachtigall­

insel nicht sichtbar war. Ihr eigenes Eiland- war ringsum von tückischen Riffen umgeben, und des­halb ningen ihm auch die Schiffe meilenweit aus dem Weg. Durch die Riffkette hat es nur eine ein­zige enge Zufahrt, in der bie Stoltenhoffs infolge örtlicher Unkenntnis schon beim Lauben bas Boot beschädigt hatten, mit dem sie das draußen bei­liegende Schiff verlassen hatten. Daher war nun an ein Verlassen des Eilands mit dem lecken Boote nicht zu denken, abgesehen davon, daß der Bruder Seemann als bloßeDeckhand" nicht bie nautischen Kenntnisse für eine Hochseefahrt mit ein"m offenen Boote besaß.

Beide Brüder sagten sich deshalb vernünftiger­weise, daß jeder selbständige Versuch zum Verlassen ihres Jnselgefängnisses bloß der sichere Weg in den Tod sein mußte, weshalb ein geduldiges Abwarten wohl der schwerere, aber bessere Entschluß war.

So' warteten sie auf das Kommen des vertrags­mäßig verpflichteten Schiffes, so gut es eben gehen wollte...

Doch die drei Jahre waren längst vergangen, ohne daß der erwartete Dampfer erschienen war.

Als das Warten in das fünfte Jahr ging, gaben die Brüder jede Hoffnung auf. Jetzt hätten sie doch die Fahrt mit dem Boote gewagt, wenn es nicht in der Sonnendürre längst zerrottet wäre.

In einer hoffnungslosen Falle steckend, mußten sie als leider echte, weltabgeschnittene Robinsone ihr Leben mit den Dingen fristen, die ihr notgeschärfter Mutterwitz den kargen Möglichkeiten des felsigen Dulkaneilands abgewann.

Zwar dublierte ab und zu ein seltenes Schiss fern auf der Kimm bas Eiland, aber feines sah bas Notsignal ber Brüder, weil jedes nur so weit als möglich an dem rissigen Eiland vorbeizukom­men trachtete.

So kam es, daß jedes Erscheinen eines Schiffes durch die damit verbundene Enttäuschung bloß das traurige Los ber Stoltenhoffs verschlimmerte, weil dabei immer wieder ein gutes Stück Hoffnung ver­loren ging.

Endlich, nach über zehn Jahren sah ein Schiff bas Notzeichen und nahm bie Brüder auf.

Vorzeitig gealtert kehrten sie ärmer in die Heimat zurück, als sie auf dem trügerischen Wege zum raschen Wohlstand ausgezogen waren.

Erst zuhause erfuhren sie, warum man sie nicht rechtzeitig abgeholt hatte. Ihr Reeder war bald nach ihrer Ausreise plötzlich gestorben. Seine Firma war in fremde Hände gekommen, bas Personal würbe gewechselt, und im Drange der schnellen Uebergabe vergaß man bie beiben Stoltenhoffs.

Da ihr Schicksal ein seemännisches Ereignis war, taufte bie britische Admiralität bas bis dahin

namenlose, aber zum Hoheitsbereich des britisch­südatlantischen Kronbesitzes gehörende Eiland auf den Namen Stoltenhoff. Jetzt steht bie Trist an-da- Eunha-Gruppe unter ber Regierung ber Südafrika­nischen Union. Die von den Stoltenhoffs vertriebe­nen Robben find bis heute nicht wiedergekehrt. Gegenwärtig wohnen auf der ganzen Drei-Insel­gruppe etwa achtzig Menschen, die sich vom Fisch­fang und vom Export ber Seevogeleier ernähren.

Jhjnb um düS Fahrrad.

Der badische Forstmeister Karl von Drais hätte es sich sicher nicht träumen lassen, daß allein in Deutschland einmal mehr als zwölf Millionen der anfangs so sehr verspotteten Fahrräder in Ge­brauch sein würden, wie eine Zählung vor einigen Jahren ergab. England gab damals eine Zahl von zehn Millionen Fahrrädern an, und Länder wie Holland und Dänemark konnten geradezu Rekord­ziffern im Verhältnis zu ihren Bevölkerungszahlen mitteilen. Der Siegeszug des Fahrrades ist auch durch den Wettbewerb der elektrischen Bahnen, der Kraftwagen und Motorräder nicht aufgehalten worden, wie eine Beobachtung des Straßenver­kehrs etwa in den Abendstunden lehrt. Auch als Sportsahrzeug hat sich das Fahrrad behauptet, wo­bei es sich der Zuneigung sowohl der Jugend wie ber Alten erfreut. So brachte kürzlich eine englische Zeitung bas Bild einer einundsiebzigiährigen Frau, die munter daherradelt. Diese Frau Spanton Cooper in Hampton ist eine stadtbekannte Erscheinung, da sie eine der ersten radsahrenden Frauen war und dem Fahrrad bis zum heutigen Tage treu blieb. Sie versichert, sich nirgends so wohl zu fühlen, als auf einer Radsahrt: so unternimmt sie ihre Feri°n- reife mit ihrem Stahlroß, und hat auch für bie kommenden Jahre schon große Fahrten geplant. Die Vorliebe ber Jugend für das Fahrrad erwies auch eine Gerichtsverhandlung, die kürzlich vor einem Londoner Polizeigericht stattfand. Vier wegen ^Übertretung der Fahrordnung angeklagte junge Mädchen waren mit ihren Fahrrädern aus Man­chester gekommen, um sich zu rechtfertigen. Mit Verwunderung musterte der Richter die kurzbehosten Angeklagten.Warum kommen Sie in diesem Auf­zug hierher?" fragte er mißbilligend. Die Antwort verriet größtes Erstaunen:Aber wir kamen doch mit dem Fahrrad hierher?" Der Richter schüttelte den Kopf. Was sollte daraus werden, wenn von nun an alle angeklagten Frauen zum Gerichtsort radelten und künftighin, der neuesten Radlermode -nUvrechend, in den sogenanntenShorts" vor die Schranken des Gerichts treten wollten? Ader die unbefangene Sicherheit der Radlerinnen entwaff-

Vom wilden Affen aebiff-n.

Auch einem sonst zu mancherlei Kunststücken be­reiten, gezähmten Assen reißt bisweilen, wie fol­gendes Beispiel lehrt, einmal bie Gebulb. So kam Alfred Howes, ein englischer Affenbändiger, kürz­lich in einem sehr unerfreulichen Zustand zur Poli­zei, um ihre Hilfe zu erbitten. Er hatte mit feinem gezähmten Affen einige Kunststücke geübt, als das Tier, offenbar durch fein eigenes Spiegelbild er­schreckt, plötzlich seine gute Erziehung vergaß und seinen Besitzer an fiel. An dreißig Kratz- und Biß­wunden mußte sich Howes verbinden lassen, und er erklärte, allein den Kamps mit dem Affen nicht mehr aufnehmen zu wollen. Da ber wildgeworbene Affe eine Gefahr für bie Oeffentlichkeit barfteüt, so würbe sofort von Scotland Yard ein Ueberfall- fommanbo ausgeschickt, bas ihn einfangen sollte. Aber ber Anblick ber Polizisten wirkte auf den Affen keineswegs entmutigend, und er fetzte sich so heftig gegen sie zur Wehr, baß bie Beamten bar- auf verzichten mußten, ihn einzufangen. Es blieb nichts anderes übrig, als das Tier zu erschießen. Alfred Howes aber ist für eine Zeit bie Lust ver­gangen, aus einem Urwaldbewohner einen Artisten zu machen. Der Affe aber hat seine Unbotmäßigkeit mit dem Leben bezahlen müssen.

Oie Hand bnnqf es an den Tao.

Vor bem Polizeigerichtshof in Westlonbon stand in biefen Tagen ein Mann namens Percy Charles Wheeler; außer ihm war Frau George Wheeler erschienen, bie behauptete, baß es sich bei bem An­geklagten um ihren Mann handle, ber sie vor un­gefähr zweiunbzwanzig Jahren verlassen und mit ihren Kindern allein gelassen habe. Die Verhand­lung war außerordentlich verwickelt. Frau Wheeler blieb fest bei ihrer Angabe und versicherte immer wieder, daß eine Täuschung ausgeschlossen sei. Percy Charles Wheeler sand bann Gelegenheit zu schilbern, baß er und George Wheeler in Richmond zusam­men auf ber Schulbank gesessen hätten, daß sie sich bamals aber keineswegs ähnlich gewesen seien, benn George sei kleiner unb zierlicher als er gewesen. 1917 haben sich bie beiden zuletzt auf bem west­lichen Kriegsschauplatz in Rouen getroffen, wo George Wheeler im Königlichen Warwickshire Re­giment eingereiht war. Ein paar Stunben nach biefer Begegnung rückte bas Regiment von Rouen ab, und seitdem hat Percy Charles Wheeler von seinem Namensvetter George Wheeler niemals wieder etwas gesehen, er glaubt jedoch, daß George Wheeler nach dem Kriege nach drüben gegangen ist. Immer noch blieb Frau George Wheeler bet ihrer Behauptung, daß ber jetzt neben ihr stehende Mann ihr rechtmäßig angetrauter Ehegatte fei, ber im Jahre 1913 auf unb bavon gegangen sei, ohne sich weiter um sie und ihre drei Kinder zu kümmern. Der Richter war verzweifelt und suchte nach einem Ausweg. Schließlich fragte er Frau George Whee­ler noch einmal um ein untrügliches Erkennungs­zeichen. Darauf erhielt er bie Antwort:Mein Mann hat eine Narbe auf ber Hanbfläche ber linken Hand gehabt. Sie werden sehen, Herr Rich­ter, dieser Mann hier ist ber richtige." Frau George Wheeler aber machte ein äußerst verblüfftes Ge­sicht, als der Angeschuldigte mit einem vernehm­baren Aufatmen der Erleichterung seine Handfläch* vorzeigte und ausrief: ,Hch habe keine Narbe!" Da­mit war bie Angelegenheit entschieden. Immerhin mußte der Richter Frau George Wheeler nach bem ganzen Gang ber Verhandlung guten Glauben zu- billigen, unb es ist nur erstaunlich, wie bie Frau sich in ihren Beobachtungen so weitgehenb irren konnte.

Helden in der Dogelweli.

Es setzt uns in Erstaunen zu hören, baß kleine Vögel unter Umständen große und überlegene Feinde angreifen. Und doch können solche Beob­achtungen immer wieder gemacht werden. So weiß ein englischer Vogelfreund eine Reihe von Fällen zu berichten, in denen er das Heldentum der sonst so fröhlich und sorglos scheinenden ge­fiederten Bewohner ber Luft berounbert hat. So sah er, wie eine Drossel sich auf einen Kampf mit

nete ihn.Sie haben vor Gericht in einem ande­ren Kleid zu erscheinen", bemerkte er tadelnd,der Magistrat will dieses Mal noch von einer Bean­standung ab sehen, aber wenn Sie wieder einmal vor bas Gericht treten sollten, bann suchen Sie sich ein anderes Kleid dazu aus." Der Polizist, der die Fahrkünste ber jungen Mädchen beanstandet hatte, versicherte, daß sie in einem unvorschriftsmäßigen Tempo gefahren seien, mit bem Ergebnis eines Zu­sammenstoßes. Die Radlerinnen erklärten, sichere Fahrer zu fein und den Zusammenstoß nicht ver­schuldet zu haben, und sie kamen mit einer Ver­urteilung zur Tragung der Kosten des Verfahrens davon. Unverzüglich schwangen sie sich auf ihre Stahlroffe und fuhren bie vierundsechzig Kilometer Lange Strecke nach Manchester nicht gerade lang­sam wieder zurück. Das einzige, was sie in ihrem Radlerglück hätte stören können, wäre vielleicht ein harmloser Schuhnagel auf der Landstraße gewesen. Aber auch gegen eine solche Panne soll es nun ein Allheilmittel geben. Zwei Radfahrer aus Rotter­dam wollen nämlich Luftreifen erfunden haben, die zwar nicht gegen einen Nagelstich gefeit sind, aber dennoch bas Rad gebrauchsfähig erhalten. Unter dem Mantel befindet sich nämlich nicht mehr ein Luitschlauch, sondern ein ganzer Ring von sechs- undvierzig luftgefüllten Bällen. Wird nun einer ber Bälle burchstochen, so behnen sick) bie übrigen Bälle entsprechend aus; in jedem Fall aber kann man ungehindert weiterfahren und gelegentlich d-'n durchlöcherten Ball durch einen neuen ersetzen. Ob sich diese Erfindung allerdings wirklich so out be­währt, wie die Erfinder behaupten, muß die Er­fahrung zeigen.

Der »künstliche ©ußdbupf".

Als der in Berlin geborene berühmte Chemiker Adolf von Baeyer, dessen Geburtstag sich dem­nächst zum 100. Male jährt, als Nachfolger von Justus von Liebig nach München berufen wurde, stieß er in dem für feinen Tätigkeitsbereich aufgestellten Haushaltsplan auf einige Ausgabeü- poften für Mehl, Zucker, Eier, Rosinen und ändere schöne Dinge. Darüber wunderte sich von Baeyer nicht wenig und verlangte Aufklärung. Einer der Diener teilte ihm daraufhin mit, der Herr Geheim­rat Liebig habe im Laboratorium alle möglichen künstlichen Sachen" bereitet, wie Säuglingssuppe, künstliche Sahne ober künstlichen Kaffee. Da hätten denn bie Diener auch versucht,künstlichen Gugel­hupf" zu bereiten. Die Herstellung biefes Gebäcks soll auch trefflich gelungen fein.