Ur. 249 Zweiter Statt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstag, 24 Oktober (935
Aus dem Büro des Gießener Stadttheaters wird
an
etwa 50 Liter Most Herstellen können. Es ist not-
für
den höheren Knabenschulen hat die Landesregierung — Abteilung II — folgende Verfügung an die Schul-
Ver- Fol-
die Durchführung der dritten Turnstunde zur fügung gestellt hat, ordne ich hiermit da» gende an:
leitungen gerichtet:
„Nachdem das Reich die notwendigen Mittel
In den letzten Jahren hat die Herstellung von Obstmost aus Apfel- und Traubensäften einen un
kommenden Samstag, 26. Oktober, werden die Samstagmitglieder die Mozartsche Oper „Cosi fort tutte" („Alle machen s so") hören und sehen. Diese Oper hat in den Abonnementsvorstellungen ihr dankbares Publikum gefunden. Wir sind überzeugt, daß auch unsere Mitglieder in der Mozartschen Musik vollen Genuß finden werden. Weitere Mitgliedsanmeldungen können noch erfolgen, und zwar an der Theaterkasse, Johannesstraße 3 (Montag,
Aus der Provinzialhauptstadt
Most als tägliche Mahlzeit.
Mittwoch und Samstag von 10—1 Uhr).
Dritte Turnstunde in den höheren Knabenschulen.
Heber die Einführung der dritten Turnstunde
Bornoti en
Tageskalender für Donnerstag.
Einzug der I. Abteilung des Artillerie-Regiments 9 in Gießen
Die Pressestelle der Stadtverwaltung teilt uns folgendes mit:
Am kommenden Freitag, dem 2 5. Oktober, wird die I.Abteilung des Artillerie-Regiments 9 ihren Einzug in die Garnison Gießen halten. Aus diesem Anlaß findet auf dem Oswaldsgarten um 8.3 0 Uhr ein feierlicher Empfang durch den Slandortällesten Herrn Generalmajor Lüdke und durch Herrn Oberbürgermeister Ritter statt. Im Anschluß an diese Begrüßung wird die Abteilung nach einem Marsch durch verschiedene Straßen der Stadt die Artillerie-Kaserne an der Grünberger Straße beziehen. Vor der Artillerie-Kaserne wird die feierliche Uebergabe an den Abteilungskommandeur Herrn Hauptmann Welte erfolgen.
Am Freitagabend, 8 Uhr, findet in der Volkshalle aus Anlaß des Einzugs der Artillerie in Gießen im Rahmen der RS.-Gemeinfchaft „Kraft durch Freude" ein großes Militär-Festkonzert statt, das vom Trompeterkorps des Artillerie-Regiments Fulda ausgeführt wird.
Die Bevölkerung wird gebeten, die Veranstaltungen recht zahlreich zu besuchen.
Die Marschstraßen. — Zahnen heraus!
Die Artillerie-Abteilung wird nach der Kundgebung auf Oswaldsgarten durch folgende Straßen marschieren:
Horst-Wessel-Wall — hindenburgwall — hitlerwall — Walltorstrahe — Lindenplah — Kirchenplah — Marktplatz — Mäusburg — Kreuzplah — Seltersweg — Frankfurter Straße — Friedrichstraße — Röntgenstraße — Ludwigstraße — Ludwigsplah — Kaiserallee — Grünberger Straße.
Die Anwohner dieser Straßen werden gebeten, ihre Häuser zu beflaggen.
rung. Der Beginn ist auf 19 Uhr festgesetzt. Mit der Neuregelung, den Theaterbeginn an Sonn- und Feiertagen regelmäßig auf 19 Uhr festzulegen, kommt die Intendanz vielfach geäußerten Wünschen entgegen, hierdurch ist auch den auswärtigen Theaterbesuchern Gelegenheit gegeben, die Sonn- und Feiertagsvorstellungen bis zum Schluß zu besuchen.
RS.-Kulturgemeinde, Ortsverband Gießen, Ring Deutsche Bühne.
Man schreibt uns: Am vergangenen Montag, 21. Oktober, wurde die Spielzeit unseres Vorstel- lungsringes mit einer wohlgelungenen Aufführung des „Prinzen von Homburg" von Heinrich o. Kleist eröffnet. Das gutbesetzte Haus folgte mit steigender Spannung und spendete begeisterten Beifall. Am
Mit der Einführung des gleitenden Sechstageplans ist für jede Turnklasse neben der pflichtmähi- gen Zeit von je zwei Turn- und Spielstunden eine weitere zusätzliche Turnstunde einzurichten.
Die beiden Spielstunden der Klassen Illa bis la können bis zur Reichsregelung bzw. der Gestaltung des Staatsjugendtages auf den Samstag verletzt werden. Die drei Turnstunden dieser Klassen sowie die fünf Stunden Leibesübungen der Unterstufe sind dagegen auf die sechs Tage der Schulwoche zu verteilen.
Durch die Einrichtung des Sechstageplanes braucht mit der Einführung der dritten Turnstunde eine
uns geschrieben:
Am Sonntag, 27. Oktober, kommt die graziöse Rokoko-Oper „Cosi fan tutte" von W. A. Mozart, außer Abonnement, im Stadttheater zur Auffüh-
wendig, darauf hinzuweisen, daß das Obst nicht durch einen Zucker- oder Säurezusatz ersetzt werden kann. Maßgebend ist einzig und allein der naturreine Obstsaft. Unvergorene Apfel- und Trauben- fäfte, nach den neuesten Verfahren hergestellt, sind hochwertige, der Gesundheit überaus zuträgliche Getränke. Der blumige Geschmack der herstellungs- frucht findet im Obstmost seine Wiederkehr.
Nicht allein Wanderer, Sportler und Feinschmecker wissen den hervorragenden, gesunden und vor allen Dingen zu jeder Zeit erfrischenden Obst- most zu schätzen, sondern auch in den Familien hat dieses Erzeugnis heute vielfach Eingang gefunden, um hier eine erstaunliche Arbeit auf gesundheitlichem Gebiet zu verrichten. Obstmost ist nicht nur ein ausgesprochen erfrischendes Sommergetränk, sondern überhaupt ein köstliches Getränk für alle Jahreszeiten. Der Most ist ein wirkliches Stärkungsmittel des menschlichen Organismus. Dies beweist auch der ständig steigende Verbrauch. So werden in Deutschland augenblicklich etwa 20 Millionen Liter Obstmost in den handel gebracht. Das macht auf den Kopf der Bevölkerung etwa ein Drittel Liter aus. Der Most bürgert sich mehr und mehr ein, und der noch in den Vorjahren geringere Verbrauch zeigt mit jedem weiteren Jahr eine aufsteigende Kurve.
Der regelmäßige Genuß von Obstsäften bewirkt eine Anregung der Darmtätigkeit bei Stuhlträgheit. Man nimmt morgens in nüchternem Zustande, etwa eine halbe Stunde vor dem Frühstück, zwei bis drei Zehntel Liter zu sich. Die Wirkung vermindert sich, wenn zugleich eine andere Nahrung genommen wird. Im Hinblick auf den beachtlichen Nährwert, der bei hohem Zuckergehalt den der besten Vollmilch erreicht, genügen etwa drei Fünftel bis zwei Drittel Liter täglich, um bei Kindern vom dritten Jahre an und bei jungen Menschen als Ergänzungskost zu dienen. Dr. Karl von Norden hat durch grundlegende Untersuchungen und Versuche festgestellt, daß Obstsäfte (zuckerarme und zuckerreiche) bei manchen Formen akuter und chronischer Durchfallskrankheiten geradezu verblüffende Erfolge hervor- brachten. Er empfiehlt sie und sagt, daß bis zu ihrer Auswirkung nichts anderes daneben gereicht werden darf. Gleichsam neu entdeckt wurde dieses Verfahren in Form der neuzeitlichen Anwendung der Apfelkuren bei Darmkatarrhen der Kleinkinder.
Diese erfolgreichen Feststellungen beweisen eindeutig, daß der Genuß von Obstsäften in jeder Weise auch aus einen normalen Gesundheitszustand günstigen Einfluß ausübt. Zum Beispiel wirkt Obstmost auch bei allen Formen des Appetitmangels günstig. Obstmost gehört daher in jeder Familie zur Kräftigung und zur Erzielung beständiger Gesundheit. Zur Förderung der allgemeinen Volks- gefündheit ist der Genuß von Obstmost in jeder Hinsicht zu empfehlen. Obstmost trinken heißt „gesund leben". Gerade im laufenden Jahre einer nicht allzu reichlichen Obsternte wird für die obstarme Zeit der Most für die tägliche Mahlzeit unentbehrlich fein. Da außerdem Devisen für die Einfuhr von Südfrüchten in geringerem Umfange zur Verfügung stehen, erfüllt der Most auch in dieser Beziehung eine wichtige volkswirtschaftliche und haus- wirtfchaftliche Aufgabe. H. G.
NSG. „Kraft durch Freude": 16 bis 17.30 Uhr allgemeine Körperschule auf dem Unioersitätsfport- platz; 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr (nur für , - ö;-rr7'r' '.Ti. <- .. , Frauen) fröhliche Gymnastik und Spiele im Ly-
aeahnten Aufschwung genommen Die haupther- ^urn, Dammstrahe: 20 bis 21 Uhr Reiten, Reit- «n-^^b^te finb irJ öie schule Schömbs, Brandplatz. — Lichtspielhaus,
Württemberg, hohenzollern und Baden. Obstmost Bahnhofstraße: „Vergiß mein nicht!" - Oberhessi- muh nach den Ausführungen der Gesetzesbestimmun- fd)^ Kunstverein, Turmhaus am Brandplatz: 16 gen mindestens zwe, Drittel Dbflfaft enthalten. bi'5 17 Ausstellung friesischer Maler der Gegen- Wird also zum Mosten gutes gesundes nicht mur- roart Kleintierplastik von Lily König. 8 des, aber ausgereiftes Kernobst verwendet, o wird ' . ' „ . _
man mit praktischen Keltern aus 1 Zentner Obst vi- Sonnfa^ootffettungen itn Sl-dtthealer Gießen
Kürzung des übrigen Unterrichts nicht verbunden zu fein.
Mit der Derrnehruntz der Turnstunden wird den Schulen aufgegeben, die im Reichserlaß besonder» genannten Gebiete zu berücksichtigen. In der Unterstufe ist überall, wo keine Schwimmgelegenheit besteht, das Kampfspiel zu pflegen bzw. bei schlechter Witterung Mut- und Willensschule an den Geräten, im Bodenturnen, Freiringen u. ä. zu betreiben. Dieser ergänzende Hinweis gilt sinngemäß auch für die Mittel- und Oberstufe,
Besonders geschulte Kräfte werden den einzelnen Anstalten nach Maßgabe der auf Verfügung 29. Juni 1935 zu Nr. II/IV 24 016 gemeldeten Stundenvermehrung überwiesen, wobei die Schulen mit einem Mehrbedarf bis zu drei Stunden nicht berücksichtigt werden können."
Gleitender Sechstageplan in den höheren Schulen.
Die Landesregierung — Abteilung II — hat an die Direktionen der höheren Schulen folgende Verfügung gerichtet:
„Ich beauftrage Sie, die gemäß Ausschreiben des Herrn Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung im Ministe- riafamtsblatt heft 18 vom 20. September 1935 S. 385 f. notwendigen Maßnahmen sofort zu treffen. Bis zum 15. Dezember 1935 sehe ich Ihrem eingehenden Bericht darüber entgegen, welche Erfahrungen Sie mit der Einrichtung gemacht haben. Der Termin ist unter allen Umstände pünktlich einzuhalten.
Es ist denkbar, daß bei der einen oder anderen Anstalt besondere Umstände vorliegen, die ein Abweichen von dem dem Ausschreiben angefügten Muster notwendig erscheinen lassen. So hat z' B. eine Schule um Genehmigung folgenden Planes nachgesucht, nach dem lediglich der Samstag „gleitet":
Woche: 1 Mo Di Mi Do Fr
2 3 4 5 6
Sa Mo Mo Mo Mo Di Sa Di Di Di
Mi Mi Sa Mi Mi
Do Do Do Sa Do
Fr Fr Fr Fr Sa
Die Vorteile des hier gekennzeichneten Vorschlags sind offensichtlich. Ich habe daher gegen die Durchführung keine Bedenken. Selbstverständlich kann nicht jede Anstalt nach einem eigenen Plan arbeiten; im Grundsätzlichen muß die Einheitlichkeit gewährleistet sein. Wenn daher sich aus den oben angeführten Gründen Abweichungen als zweckmäßig ergeben sollten, so sind mir entsprechende Vorschläge mit eingehender Begründung vorzulegen. Die Genehmigung behalte ich mir in jedem Falle ausdrücklich vor."
Oie Anmeldung von Schweinen zur Schlachtvieh- und Fleischbeschau.
Die Landesregierung — Abteilung Ib — hat den Kreisämtern eine Verordnung des Reichsministers des Innern über die Anmeldung von Schweinen zur Schlachtvieh- und Fleischbeschau zur Kenntnisnahme und weiteren Veranlassung zugehen lassen, in der bestimmt wird:
Wer außerhalb der Gemeinden mit Viehgroßmärkten gewerbsmäßig Schweine schlachten ober schlachten lassen will, hat bis auf weiteres dem
gegen spröde Haut
Um die Waffenehre.
Don Robert Hohlbaum.
In seiner neuen Erzählung „Getrennt marschieren" deutet der bekannte österreichische Dichter Robert H o h l b a u m anschaulich die geschichtliche Begegnung der Feldherrn Moltke und Benedek als eine der wichtigsten Etappen der deutsch - österreichischen Auseinandersetzung. Mit Erlaubnis des Verlages Albert Langen / Georg Müller in München veröffentlichen wir den nachstehenden Abschnitt, der gerade in unserer Zeit besondere Beachtung verdient.
Benedek reitet an die Tete. Zieht den Säbel. Ein einziger Ruck reißt die Pallasche frei. Preußische Infanterie fetzt ihr Flankenfeuer in das österreichische Reiterheer, reihenweise stürzen Roß und Mann, immer wieder schließt sich Reihe um Reihe. Und wieder, reicher und beglückender noch als beim Sturm der Infanterie, fühlt Benedek, wie alles Bedenken, alles Klügeln, Rechnen, Ueberlegen weit hinter ihm versinkt, auch der Zweck dieses letzten großen Aufbäumens, die Deckung des Rückzuges, verblaßt, verweht, nur das fühlt er jedem Nerv, in jedem Tropfen feines hoch auffiebernden Blutes, daß es gilt, eines zu retten, das Letzte, das Einzige, die Waffenehre! Und er fühlt: Was da hinter ihm braust und dröhnt, diese Tausende zu einem ungeheuren Körper Gewordenen, auch sie fühlen, klar oder dumpf, Helden- oder schicksalhaft das eine Wort. Dieses Wort hat Benedek dem andern entgegengehalten als schimmernden Schild gegen die überscharfe Waffe der Bücherweisheit. Dem andern, den er sucht, den er in allem erkannt hat, was dessen Wille bewegt, im klug gemessenen Salvenfeuer, in bssr Vorsicht bes hartnäckigen Wiberstanbes, im rounberbaren Zusammenspiel ber Waffengattungen unb Heereskorper, ber ihm in zahllosen Gestalten und Verhüllungen entgegengetreten war unb ber sich ihm boch hinter biefen tausend Masken verbarg, unerreichbar, unverwundbar.
Nun prallen sie aneinander, nun vermengen sich die beiden Heere zu unentwirrbar scheinenden Meise, nun kämpft Mann gegen Mann. Unb mieber starrt Benebek unter betn Helm bes Gegners bas Gesicht entgegen, bas er sucht, ben ganzen furchtbaren Tag fang hinter tausend Verkleidungen unb Masken. In dem Augenblick, da er den Femd mit einem Hiebe fällt, verändern sich die Züge, aber der nächste trägt oas Gesicht, der dritte, alle, alle!
Das Vordringen der preußischen Kavallerie ist ge- hemmt, die Verfolgung stockt, die Trompeter blasen zum Sammeln. Der Rückzug ist gedeckt. Die Infanteriewaffen, die sich in unabsehbarer Flut gegen
die Elbe wälzen ins östliche Dämmern des Abends, haben einen sicheren Vorsprung gewonnen, der Zweck der Kavallerieschlacht ist erreicht. Ein Oberst ber Suite, ber sich an ben Feldzeugmeister herangekämpft hat, sagt es mit klarem, nüchternen Wort. In bie bunte Welt, bie Benebek noch immer ver- blassenb umrauscht, bringt es als leerer Hall ohne Kraft unb Sinn. Er weiß nur: sie haben bie Ehre gerettet, bie Waffenehre. Aber ber Oberst schweigt nicht, bittet um weitere Dispositionen für ben Rückzug. Benebek muß sich zu Klarheit unb Nüchternheit, muh sich noch einmal bas ganze Bilb ber Schlacht ins Gebächtnis zwingen, bas noch schmerzlichere bes Rückzugs, muß orbnen unb scheiben, erwägen unb rechnen.
Aber nun brängt bie preußische Infanterie von neuem nach, bie Kavallerie ber Flügelarmee sammelt sich, ber man keine gleichwertige Truppe mehr entgegenzustellen hat. Nur Teile ber Artillerie halten noch bie Höhen, jagen bie Salven unb Lagen ihres Abwehrfeuers mit unoerminberter Kraft gegen ben anbrängenben Feinb unb halten ihn zurück, erkämpfen fo,' wie es bie Reiter getan haben, ben fliehenben Kameraden mit jeber Minute bes Aus- Harrens wachsenbe Sicherheit.
Auch ber Kommanbant ber Artillerie melbet Benebek, baß er auf bem letzten Hügelkranz Stellung bezogen habe, bittet um weitere Befehle.
„Aushalten unb bas Letzte retten, bie —", leise spricht er bas Wort, unverstänblich in Lärm unb Schlacht. Aber ber Artillerist lieft es von ben harten Lippen, unb es ist gar nicht nötig, baß er bas tut, denn auch in ihm lebt in biefer Stunde bas Wort, nichts als bas eine Wort: Die Ehre, bie Waffenehre!
Unb klar unb bumpf lebt es in jebem ber Seinen, in ben Offizieren, bie ben Säbel heben zum Feuerbefehl, in bem Vormeister, ber bas Geschütz richtet, unbeirrt unb ruhig in ber Hölle bes letzten Kampfs, in bem letzten Kanonier, ber bie Zünbschnur vom gehobenen Geschütz reißt. Von Batterie zu Batterie reitet ber Felbzeugmeister, schreit selbst ben Feuerbefehl, richtet, reißt bie Zündschnur vom Geschütz, in einem wilden, rasenden Rhythmus, ben er allein mitteilt, bie sich hier opfern für bas ganze Heer unb für bas eine große, heilige Wort. Unb jeber Schuß ist gegen ben Einen gerichtet, gegen ben, ber sich hinter taufend Masken unb Gestalten birgt, ber nun in ben übermächtigen Infanteriewaffen heranstürwt, benen bie Tapferen bie letzte Kartätsche entgegen« feuern. Auch diese letzte Aufgabe ist erfüllt. Was noch lebt, was noch Pferde hat, spannt an iw feindlichen Salvenfeuer, der, dem das letzte Pferd erschossen wurde, vernagelt die Geschütze. Unb erst als das Allerletzte getan ist, verkästen auch sie den Platz.
Oer verschwundene Kranz.
Eine Karl-Valeniin-Anekdote.
Der Münchner Komiker Karl Valentin ist ein leidenschaftlicher Sammler von Lorbeerkränzen. Einmal — nach seinem ersten Auftreten in Berlin — bekam er ein besonders üppiges Exemplar. Ein Hoteljunge erhielt ben Auftrag, den prunkvollen Kranz gut verpackt auf die Poft zu geben. Wer aber ben Auftrag nicht ausfuhrte, das war der Junge, der Bua, der Bazi — um nicht zu sagen ber greisliche Uhu überananb!
Indessen halfen die klangvollsten bayrischen Titulaturen nicht dazu, ben ungetreuen Buben zurückzubringen. Er war feit zwei Tagen nicht mehr im Hotel erschienen und also doch wohl mit dem kostbaren Lorbeer durchgebrannt.
Valentin sand, daß er eine derartige Verworfenheit unmöglich so hingehen lassen könne. Ein Exempel müsse statuiert werden. Denn schließlich handelte es sich ja nicht um irgendein dies ober bas, (onbern eben, wie gesagt, um einen Lorbeerkranz. Auf zur Tat! Er fragte daher feine Part- nerin Lisi Karlstadt, ob sie bereit sei, ihn zur Polizei zu begleiten unb dort für ihn bas Wort zu führen. Jawohl, sie sei es, sagte sie. Also hin!
Im Revier saß ber strenge Wachtmeister.
„Was wünschen Sie'?"
„Ein Kranz ist ihm gestohlen worden — ein Lorbeerkranz", sagte bie Karlstadt, den hilflos schnappenden Valentin beiseite schiebend.
„Ein Kranz? Ein Lorbeerkranz?"
„A scheener, großer!", sagte Valentin, jäh hervorbrechend und mit beiden Händen in die Luft einen Kreis beschreibend.
„Was will der Mann?", fragte der Wachtmeister die bisherige Wortführerin in erhobenem Ton.
„Eahm is er gestohln!", erwiderte die Karlstadt.
Worauf Valentin, unerwartet geistesgegenwärtig, ins Hochdeutsche übersetzte:
„Ihm ist er gestohlen — eahm — ihm — mir?"
„Eahm — ihm — mir — was heißt das?", brauste der Wachtmeister auf, „wer spricht hier überhaupt? Wer ist bestohlen?"
„3d) —", hob Valentin schüchtern wieder an.
„Er —", fiel die Karlstadt, ihn knuffend, rasch ein' „er ist bestohlen, Herr Schutzmann! Ich red ja nur für ihn, er kann nicht reden —"
„Kann nicht reden?", rief der Wachtmeister, „eben hat er doch?"
„3a doch!", sagte die Karlstadt verzweifelt, „i muaß do rebn, weil er bei die Behörden allaweil 's Mäu dahoamlaßt!"
Der Wachtmeister rang die Hände.
„Warum redet der Mann nicht selbst, wenn er bestohlen ist?"
„I red ja scho!", fing Valentin wieder an, „bees is bloß zwegn dem, daß i a bifferl schüchtern bin, oerstehnga 's mi, Herr Wachtmeister?"
Treu sah er dem Beamten ins Auge. Die Karlstadt war dem Weinen nahe. Der Wachtmeister kämpfte mit einem Ausbruch, bezwang sich aber männlich und tunkte die Feder ein.
„Name unb Vorname, Beruf, geboren, wann zugereist, wie lange?" Valentin unb Karlstabt sahen sich betreten an. Bald gab er, bald gab sie Auskunft. Als ber Fall eingehend zur Sprache gebracht war, verlangte ber Beamte zunächst einmal zu wissen, was denn der Lorbeer für einen Wert repräsentiere.
„Wert!", rief Valentin, „wieso Wert?"
Ihm sei er ungeheuer viel wert, der Lorbeerkranz. Es sei eine Ehrensache für ihn. Loorbeer könne, richtig betrachtet, mit Geld überhaupt nicht bewertet werden.
O doch! behauptet ber Wachtmeister, er selbst hätte erst biefer Tage einen Lorbeerkranz für vier Mark fünfzig im Schaufenster gesehen.
Das war zu viel für Valentin.
Röte schoß ihm ins blasse Gesicht, aus war's mit feiner Schüternheit.
„Dees müsfen's do verstehn!", sagte er aufgeregt, „bees es bo klar, baß in bem Lorbeer ein ibealer Wert steckt, ein Wert, ber wo — wie ko i Eahne bees bloß fagn?"
„Wie kann ich 3hnen bas bloß sagen?", verbot- metschte bie Karlstabt.
Plötzlich schrie Valentin erlöst:
„Da!"
Er zeigte auf die ordengeschmückte Brust des Wachtmeisters.
„Eahna Orden — Eahnere Orden, Herr Wachtmeister — taaten denn Se Eahna Orden verkaafa?"
„Würden Sie vielleicht Ihre Orden verkaufen?", übersetzte die Karlstadt.
Der Wachtmeister sah Valentin betroffen an. Natürlich würde er nicht — selbstverständlich würde er nicht und um keinen Preis. Ein Licht ging ihm auf. Wohlwollen strömte aus, die Basis ber Verftändi- gung war gefunben. Der Wachtmeister sah ein, baß ber Verlust bes Lorbeers für Valentin unersetzlich war. Das Protokoll nahm seinen orbnungsgemäßen Fortgang. Als bie Parteien nach zweistünbiger Ver- hanblung schweißgebabet üoneinanber schieben, behielten alle Beteiligten einen Eindruck fürs Leben.
„Siehgst as", sagte Valentin, als sie auf die Straße hinaustraten, „bloß an richtigen Vergleich muß man finden, bloß an richtigen Vergleich!"
Und sie begaben sich voller Hoffnung in ihr Hotel. Ader der Kranz blieb verschollen. Den Jun» gen sah man niemals wieder. Er wird der Strafe des Himmels, die Valentin noch heute auf ihn her- abruft, nicht entgeherr P. S.


