Nr-M Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheften)Montag, 2§.Zuni 1935
Aus der Provinzialhaupistadt.
Heimatfeste rufen.
In diesen Tagen begegnen wir vielen Berichten oder Bildern von deutschen Heimatfesten. Hier feiert eine Stadt ihr 700jähriges Bestehen. Da ist es eine feindliche Belagerung, die vor grauen Zeiten von den tapferen Stadtbewohnern abaewehrt wurde. Dort ist es das Jubiläum eines dieser Stadt eigentümlichen Handwerks oder Gewerbes, das Anlaß zum Feiern gibt. Oder ist der alljährlich wiederkehrende Trachtenzug eines Dorfes der Mittelpunkt der festlichen Veranstaltung, der „Heimatwoche" ist. Fast scheint es so, als ob der ganze Sommer nur aus Heimatfesten und Heimatwochen bestünde, und es gibt Leute, die behaupten, daß der Heimatfeste zu viel begangen und gefeiert werden.
Wir wollen uns um diese Leute wenig kümmern. Es sind jene Menschen, denen in der Welt eigentlich nichts recht ist außer ihrer werten Persönlichkeit und ihren eignen, höchst nebensächlichen Angelegenheiten. Es sind Menschen, die sich nicht mit anderen Menschen zusammen freuen können. Menschen, denen jede Spur von Gemeinschaftsfreude abgeht. Aber diese Gemeinschaftsfreude wollen ja gerade die Heimatfeste Hervorrufen.
Selbstverständlich ist es nicht gleichgültig, welcher Art das Heimatfest ist, das man begeht. Diese Feste sind nicht nur der Feste wegen oder nur um der Gemeinschaftsfreude wegen da. Feste um der Feste wegen wäre nicht das richtige. Auf den Anlaß kommt es wohl an. Denn dieser Anlaß ist es erst, der die Freude schafft und hervorbringt. Wir wollen Freude und Stolz empfinden, wenn wir einer Stadt angehören, deren langes Bestehen Zeuge tüchtigen, echten deutschen Bürgersinnes ist. Wollen stolz sein, wenn die Vorfahren der Stadt tapfer und heldenhaft gewesen sind. Wenn der Ruf des einheimischen Gewerbefleißes weit in die Lande dringt. Wenn es Sitte ist, altes Brauchtum zu pflegen und zu erhalten.
Wollten wir feiern, nur um zu feiern, brauchten wir nur — Rummelplätze! Es gab eine Zeit, die sich darin erschöpfte, und die darin nicht genug tun konnte! Zum Glück sind diese Zeiten vorbei! Jene Zeiten hatten ein überlegenes Lächeln, wenn die buntgeschmückten Jnnungswagen der Schmiede, der Schneider, der Bäcker, der Schornsteinfeger durch die Straßen fuhren. Oder wenn „trutzige Reisige" mit Hellebarden und Spießen im Festzug einherzogen. Es war in Wirklichkeit ein süß-saures Lächeln jener „Weltbürger", denen es ein Dorn im Auge war, wenn deutsche Menschen sich ihres Deutschtums freuten.
Aber immerzu und überall Heimatfeste? Getrost! Nur zu! Den ganzen Sommer über! Denn das ist ein Zeichen, wie reich wir in unferm Deutschland an Geschichte und Brauchtum und Kulturstätten sind, um die uns andere Völker beneiden, deren einziaer „interessanter" Mittelpunkt die Hauptstadt des Landes ist.
Hören wir drum, wenn uns Heimatfeste rufen! Nehmen wir stolz und froh daran teil! Und reichen wir in dieser Festesfreude allen deutschen Volksgenossen die Hand. So nur kommen wir zur echten Volksgemeinschaft. Denn:
Gemeinschaft können wir nur finden, Wenn wir uns an die Heimat binden.
H. D.
Deutsche Arbeitsfront.
Verwaltungsstelle 19 Gießen.
An sämtliche Ortsgruppen- und Betriebsgemein- schaftswalter des Kreises Gießen!
Im Monat Juli bzw. Anfang August werden die Mitgliedsbücher zwecks Umschreibung eingezogen. Wir machen den Ortsgruppen- und Be- triebsgemeinschaftswaltern zur Pflicht, sämtliche Mitglieder zur Zahlung ihrer Rückstände aufzufordern, damit ihre alten Rechte gewahrt werden und ihre Mitgliedschaft nicht gefährdet ist. Es werden voraussichtlich nur Mitgliedsbücher zur Um-
schreibung eingezogen, wenn die Beiträge restlos entrichtet sind. 1
Heil Hitler! Verwaltungsstelle 19. kreiswaltung Gießen.
Fachgruppe Hausgehilfinnen.
Am Dienstag, 25. Juni 1935, 8% Uhr, findet im Safe Ebel, Burggraben, eine Versammlung für alle Gießener Hausgehilfinnen statt. Es spricht der Kreiswalter der DAF., Pg. Hermann W a g n e r. Es ist selbstverständlich, daß an diesem Abend sämtliche Hausgehilfinnen erscheinen.
Jahresfeier uno Eemesterschlußappeil der Universität Gießen.
Die Landesunioersität veranstaltet am Samstag, 29. Juni, 11.15 Uhr, in der Reuen Aula ihre Jahresfeier und den Semefterschlußappell. Für die Feier ist folgendes Programm vorgesehen: 1. Einzug der Lehrer; 2. Chor: „Danklied" (Haydn); 3. Arbeitsberichte der Dekane der theologischen, juristischen und medizinischen Fakultäten; 4. Orchester: Allegro von Händel; 5. Arbeitsberichte der Dekane der veterinär-medizinischen und der beiden philosophischen Fakultäten; 6. Chor: „Heilig Vaterland" (Spitta); 7. Ansprachen und Preisoerteilung: Dozentenschaftsleiter, Studentenschaftsleiter, Rektor.
Nachtrag zum Taschenfahrptan des Gießener Anzeigers.
Die Zunahme der Verkehrsdichte brachte es mit sich, daß im Taschenfahrplan bei einzelnen Strecken auf die Aufführung von nur für den Nahverkehr in Frage kommenden Zügen zu Gunsten der durchgehenden Verbindungen verzichtet werden mußte.
Auf der Strecke Gießen —Kassel sind im Sommerfahrplan 1935 folgende Nahzüge nicht aufgeführt worden: Gießen ab W-6.21 (Lollar an W 6.29), ab 10.30 (an 10.38), ab W 13.23 (an W 13.31), ab 15.15 (an 15.23), ab W 17.00 (an W 17.08, weiter: Lollar ab W 17.16, Niederwalgern an W 17.31, nach Weidenhausen), ab W 18.20 (an W 18.28), ab 21.17 (an 21.25).
Auf der Gegenstrecke Kassel — Gießen sind folgende Züge nachzutragen: Lollar ab W 5.07 (Gießen an W 5.14), ab S 6.34 (an S 6.42), ab W 7.31 (von Marburg: W 6.59, Gießen an: W 7.39), ab 9.09 (an 9.16), ab 9.41 (von Marburg: 9.12, Gießen an: 9.49), ab W 13.18 (von Niederwalgern: W 13.04, Gießen an: W 13.27), ab 14.16 (an 14.24), ab W 16.04 (an W 16.11), ab W 17.50 (an W 17.57), ab S 19.48 (an S 19.56), ab W 22.06 (an W 22.13), ab W 22.56 (an W 23.04).
Für die Neuausgabe des Planes ist eine restlose Aufführung solcher Nahzüge beabsichtigt. Es empfiehlt sich, obige Ergänzung auszuschneiden und in das Fahrplanhejt einzulegen.
Werbeabend der Vereinigung für koloniale Wiedergewinnung.
Die Vereinigung, für koloniale Wiedergewinnung veranstaltete am Samstagabend in Gemeinschaft mit dem Verein Deutscher Studenten in dessen Heim einen gut besuchten Werbeabend. Bundesführer Eifert, dem die Leitung der Veranstaltung oblag, führte nach einer kurzen Begrüßungsansprache u. a. folgendes aus: Die Wände zwischen Akademikern und den übrigen Teilen unseres Volkes seien im Trommelfeuer des Weltkrieges zusammengebrochen, ihre letzten Reste habe die nationale Revolution beseitigt. Heute fühlten wir uns als Glieder eines Volkes, wobei jeder einzelne eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen habe. Alle erfüllten ihre Aufgabe in gleicher Verantwortung und gleicher Liebe gegen Volk und Staat. Aus der Sorge um das Wohlergehen unseres Volkes sei die Erkenntnis der Notwendigkeit von Kolonien für unser deutsches Volk geboren. Wenn sich der Verein Deutscher Studenten für den kolonialen Gedanken einsetze und Mitglied des Vereins
für koloniale Wiedergewinnung werde, fo greife man damit eine alte Tradition unseres Verbandes auf. Man beabsichtige, im nächsten Semester in Zusammenarbeit mit den Dozenten der Universität und der hiesigen Studentenschaft koloniale Arbeitsgemeinschaften ins Leben zu rufen, die die einzelnen Gebiete des kolonialen Gedankens wissenschaftlich bearbeiten und behandeln sollen.
Anschließend sprach Kriminalhauptwachtmeister E. S ch n e i d e r (Gießen) über feine „Erlebnisse in Südwestafrika". Der Redner schilderte zunächst seine Eindrücke auf der Reise nach Südwestafrika, um sich dann eingehend mit der Beschaffenheit dieser Kolonie, den Witterungs- und Wegeverhältnissen sowie mit deren Naturschönheiten zu befassen. Er schilderte dann die Schwierigkeiten, unter denen die Kolonialtruppen dort ihren aufreibenden, aber abwechslungsreichen Dienst versehen mußten. Weiter zeigte der Redner, wie tapfer sich die Kolonialtruppen, unterstützt durch die deutschen Farmer, bei Kriegsausbruch gegen eine große Uebermacht der Engländer trotz ungenügender Ausrüstung und trotz der Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Proviant und Wasser gewehrt hätten, bis schließlich im Juli 1915 die Uebergabe habe erfolgen müssen. Bei der Vorführung einer Anzahl von Lichtbildern gab der Redner Erläuterungen über Land und Leute in Südwestafrika, schilderte das Verhältnis der Eingeborenen zu den Kolonialtruppen und zeigte eine
Reihe bedeutender Wahrzeichen deutscher Kultur. Er schloß mit dem Wunsche, daß alle Schichten des deutschen Volkes für die Kolonien interessiert würden.
Hierauf wurde der in den Kolonien Gefallenen durch Erheben von den Sitzen mit dem Lied vom guten Kameraden gedacht.
Der Vereinsfüher Tetzner dankte dem Referenten für seine Ausführungen sowie dem Verein Deutscher Studenten für die Mitarbeit und das Eintreten für den kolonialen Gedanken, er berief gleichzeitig den 1. Chargierten dieses Vereins, ftub. Otto Erb, in den Vorstand der Vereinigung. Dieser betonte die Notwendigkeit der Mitarbeit der deutschen Studentenschaft an den Bestrebungen zur Erlangung von Kolonien. — Anschließend sand ein unterhaltsamer Kameradschaftsabend statt.
Versammlung Gießener Bienenzüchter.
Die Ortsgruppe Gießen der Reichs- fachfchaft Imker hielt gestern nachmittag im Hotel Hopfeld ihre erste Sommertagung ab, die so zahlreich besucht war, daß sich der Saal als zu eng erwies. Ortsgruppensührer Bodenbender, Gießen, begrüßt die zahlreich erschienenen Imker und befaßte sich mit dem Thema „Honiggewinnung undHonigbehandlung." Echter deutscher Bienenhonig, so führte der Redner u. a. aus, ist edelstes Naturerzeugnis, gewonnen aus dem Nektar von Millionen Blüten, in denen er unter dem
Oer Rotkreuztag in Gießen.
Gefatlenen-Ehrung. - Ilaggenhisiung am Depot. — Kundgebung.
Der vergangene Samstag und der geftriae Sonntag waren als Sammeltage dem Roten Kreuz gewidmet. Um der Bevölkerung unserer Stadt die Bedeutung des Roten Kreuzes für das allgemeine Wohl eindrucksvoller, als es sonst im täglichen Leben möglich ist, vor Augen zu stellen, unternahm es das Rote Kreuz, ebenso wie im vergangenen Jahre, einige Veranstaltungen damit zu verbinden.
Am Nachmittag fand, nachdem die Sammeltätigkeit bereits lebhaft ausgenommen worden war, am Ehrenmal der Gefallenen 116er am Landgras- Philipp-Platz ein Gedenken der Toten des Weltkrieges statt. Der Vorsitzende des Ortsmänneroereins Gießen
Prof. Dr. Eger
hielt eine kurze Ansprache, in der er die teuren Toten als Kämpfer für Deutschlands Ehre schilderte. Unsere Gedanken, so führte er u. a. aus, gingen in dieser Stunde zu all den Millionen, die als ein lebendiger Wall gegen die Unzahl der Feinde standen, um das Vaterland mit ihrem Leben, dem größten und höchsten Opfer, zu schützen. Sie sollten uns stete Mahner zu treuester Pflichterfüllung sein und in unserem Herzen immer weiter leben. Im Anschluß an diese kurze Ansprache legte Prof. Dr. Eger einen prächtigen Kranz am Ehrenmal nieder. Der Musikzug unserer Garnison spielte, während die zahlreichen Teilnehmer der Feier mit der zum deutschen Gruß erhobenen Hand in Stille verharrten, das Lied vom guten Kameraden.
Unmittelbar im Anschluß an diese Gedenkfeier traf man sich zur Flaggenhissung und zur Kundgebung vor dem prächtig mit Tannengrün geschmückten Depot der Freiwilligen Sanitätskolonne (Sonnenstraße). Von feiten der verschiedenen Organisationen unserer Stadt wurde dieser Veranstaltung starkes Interesse entgegengebracht. PO., SA., SS., Behörden, Wehrmacht, Feuerwehr, Technische Nothilfe, Luftschutz sowie die Arbeitsgemeinschaft der Militär- und Regimentsvereine nahmen daran teil. Selbstverständlich waren auch die Mitglieder der Freiwilligen Sanitätskolonne, ferner die Mitglieder des Alice-Frauen- vereins, des Frauenvereins vom Roten Kreuz für Deutsche über See und die Helferinnen des Roten Kreuzes in ihrer schneeweißen Tracht zahlreich er
schienen. Die Bevölkerung unserer Stadt nahm nicht weniger starken Anteil.
Nach der feierlichen Flaggenhissung unter dem Kommando des Kolonnenfüyrers L. Kratz hielt auch hier der Vorsitzende des Ortsmänneroereins Prof. Dr. Eger eine Ansprache.
In allen Gauen des Reiches, so führte er u. a. aus, wehten heute von allen Masten vor den Gebäuden des Roten Kreuzes die Flaggen des Reiches gemeinsam mit der des Roten Kreuzes, als deutliches Zeichen dessen, daß ganz Deutschland den Rotkreuztag begehe. Das ganze deutsche Volk besinne sich heute auf die Bedeutung des Roten Kreuzes im Kriege wie im Frieden zum Wohle der Nation.
Den alten Soldaten klinge auch heute noch der hilfeheifchende Ruf „Sanitäter" im Ohr, denn sie hätten meist alle an sich selbst erfahren, wie wichtig die Arbeit des Roten Kreuzes in jenen Jahren war. Der Soldat wisse, welche gewaltige Aufgaben das Rote Kreuz zur Sicherung des Friedens erfüllen müsse. Die Aufgaben seien nun noch gewachsen. — Im friedlichen Alltag seien wir immer wieder Zeugen der Tätiakeit des Roten Kreuzes.
Bä Katastrophen, in Fällen von Krankheiten, bä der Hilfeleistung für Schwerkranke fei das Bote Kreuz immer Hilfs- und opferbereit zur Stelle. Deshalb gehe auch heute der Ruf an alle Dokksgenoffen, dazu beizutragen, daß Mittel zur Verfügung stehen und alle notwendigen Hilfeleistungen auch gegeben werden können. Das sä äne Pflicht der Volksgemeinschaft gegenüber. Gleichzeitig erfüllten wir damit auch änen Wunsch unsere» Führers und Rächs- kanzlers Adolf Hitler. Unter feinem Vnmen stehe der heutige Tag.
Mit einem dreifachen „Sieg-Heil!" auf den Führer, in das jedermann kräftig einstimmte, schloß Prof. Dr. Eger fäne Ansprache. Mit den gemeinsam gesungenen beiden Nationalhymnen sand die Kundgebung ihren Abschluß.
Auf dem Landgraf-Philipp-Platz wurde nach dieser Kundgebung ein Platzkonzert gegeben — ausgeführt von Mitgliedern des Musikkorps der hiesigen Garnison —, das viele aufmerksame und dankbare Zuhörer fand.
AG -Gemeinschaft „Kraft durch Freude".
Tanz-Gastspiel im Stadttheater.
Das von der NS. - Gemeinschaft „Kraft durch Freude" gestern abend im Gießener Stadttheater veranstaltete Tanz-Gastspiel wurde bestritten von Hannah Spohr, die dem hiesigen Publikum von mehrfachem früheren Auftreten her bereits gut bekannt ist, und von der Tanzgruppe Lotte Müller, Frankfurt. Das Programm wurde eingeleitet mit einigen, von Herrn Geiger (Gießener Stadttheater) verlesenen Sätzen aus Hannah Spohrs Rede zu den Frankfurter Tanzfest, spielen: es handelte sich da um etliche gormulurun» gen allgemeiner Art, wie über den Tanz u.-ö Kunstwerk, über die ernste und die heitere Seite dieser Kunstübung, und über die Wirkung des Tänzers und seines Tanzes auf das Publikum. Außerdem wurde zu fast jedem der Tänze dieses Abends eine Erläuterung von Hannah Spohr verlesen; der breiteste Teil dieser Erläuterungen war der im ersten Teil vorgeführten Tanztrilogie gewidmet: diese drei Tänze behandeln das Leben des Heiligen Franziskus von Assisi. Hannah Spohr legt m ihrer tänzerischen Ausdeutung den Nachdruck auf den in Franziskus verwirklichten Gedanken der Nächstenliebe, wodurch diese mittelalterliche Gestalt unserer Zeit und unserem Empfinden überraschend nahegerückt scheint.
Die Tanzfolge wurde eröffnet von der Tanzgruppe Lotte Müller mit dem „Auftakt (Polonaise von Liszt); an einem Tanz wie diesem konnte man etwa erkennen, wo wir heute im künstlerischen Gruppentanz ungefähr angelangt sind; es ist noch Zusammenhalt und Gemeinschaftsarbeit wie beim alten Ballett; aber die konventionellen Schritte, Sprünge und Gesten sind vielfältiger geworden und aufgelockert; zugleich ist aber auch in Der Gruppe die einzelne Tänzerin als Individualität noch (oder wieder) erkennbar; dasselbe war fpater zu beobachten bei dein Walzer von Strauß, starker noch bei der Bauernpolka, die sich als ein roißiges Terzett erwies und nach stürmischem Beifall sogleich wiederholt werden mußte. Den stärksten Eindruck machte die Gruppe mit dem „Feierlichen Tanz von Dollrath, dem künstlerisch „reinsten" Tan^ dieses Abends überhaupt; dieser wurde „an sich', um seiner selbst willen getanzt und brachte nichts weiter zum Ausdruck als die in Bewegung übertragene Vorstellung des Feierlichen.
In der Tanzgruppe wirkten mit: Reni Guntermann, Gretl Hörner, Anneliese Leonhard, Karola Lutsch, Lotte und Trude Rademacher, Friedl Spath, Marei Schneider, Annemarie T y s s e n ; im Schlußduett: Gustl Lach. — Helmut Franz gab am Flügel sehr korrekt die nötige Unterstützung.
Die Reihe der Solo-Tänze wurde von Hannah Spohr mit einer kleinen Doppelszene eröffnet: Der Page (Erstes Geständnis und Pavane). Es war schon hier zu erkennen, daß dieser Tanz keineswegs Tanz an sich sein will, sondern Ausdruck eines Motivs ober sogar einer gedanklichen Entwicklung. Schon gleich zu Anfang wurde die stark pantomimische Färbung, ja stellenweise der schauspielerische Charakter der Tänze von Hannah Spohr deutlich erkennbar. War schon „Der Page" eine in Bewegung und Mimik umgesetzte Szene, so war in noch stärkerem Maße die im Mittelpunkt des Programms stehende Tanz-Trilogie „gespielt", d. h. es wurde hier der Versuch gemacht, mit tänzerisch- pantomimischen Mitteln zum Ausdruck zu bringen, was sonst etwa in einer Erzählung oder in einem Drama gestaltet zu werden pflegt.
Es sind hier drei Stationen der inneren Entwicklung des Franziskus herausgegriffen, und man mag etwa einmal bei Timmermans, der aus dem gleichen Stoff einen ziemlich dicken Roman gemacht hat, nachlesen, worum es sich handelt, und was es tänzerisch für ein Unternehmen bedeutet, dergleichen in drei immerhin knappen Tanzszenen erschöpfend oder auch nur anbeutenb zum Ausbruck zu bringen. Zwar würbe jeber einzelne Tanz zuvor mit Worten nach Sinn unb Inhalt beschrieben; aber bie Probe auf bie tänzerische Leistung konnte ber aufmerksame Beschauer baburch machen, baß er sich fragte, was von ber an sich klaren unb grablinigen Entwicklung in ben brei Szenen ohne jegliche Wort-Begleitung ober Erläuterung zum Ausbruck gebracht würbe.
Rein tänzerisch schien uns übrigens ber erste Teil — „beim Spiel" — am ergiebigsten zu sein, währenb im zweiten bas Kreuz-Motiv eine nicht eigentlich tänzerische Lösung gefunben hat; bas berühmte Air auf ber 0-Saite (Bach-Burmester) gab dem 3. Satz „Das große Ringen" seinen Ernst unb feine musikalische Würbe. — Anschließenb tanzte bie Gruppe ben „Feierlichen Tanz", von bem schon bie Rebe war. *
Von ben übrigen Solo-Tänzen charakterisierte sich etwa bie „Koketterie" als ein „kleines Nichts" mit leichtem Gewanb unb wehenben Banbern, ber Tanz in der Frühe" als eine zarte und liebliche
Mozart-Melodie in Rosa und Himmelblau, leicht und stilsicher vorgebracht; ein ausgesprochener Publikumserfolg war der „Geck", eine Parodie, die wir hier wohl früher schon einmal gesehen haben, unb bie sogleich wieberholt werben mußte. Die Gabe bes Humors, über bie Hannah Spohr verfügt, kam am unmittelbarsten in ber hübschen Schlußszene „Abschieb" zur Geltung; eine bunte unb luftige Episobe zu zweit (mit Gustl Lach) nach ber volkstümlichen Melobie ber „Annemarie". — Am Flügel wirkte Paul Menzel als aufmerksamer unb geroanbter Begleiter. Uebrigens sah man in ben Gruppen- wie in ben Einzeltänzen eine ganze Anzahl außerorbentlich geschmackvoller Kostüme.
Der Beifall bes recht gut besuchten Hauses nahm zuletzt stürmische Formen en unb erzwang eine Wieberholung. hth.
Hochschulnachrichten
Professor Dr. von Brill, orbentlicher Professor ber Mathematik an ber Universität X ü hingen, ift am 18. b. M. im Alter von 93 Jahren g e ft o r b e n. Alexanber von Brill ist 1842 in Darmstabt geboren, würbe 1867 Privcttbozent in Gießen, 1869 Professor an ber Technischen Hochschule in Darmstabt. 1875 kam er in gleicher Eigenschaft nach München, 1884 nach Tübingen, wo er 1918 in ben Ruhestanb versetzt würbe. Don seinen Arbeiten nennen wir: Vorlesungen über Mechanik raumerfüllter Massen, über bas Relativitätsprinzip.
Die folgenben orbentlichen Professoren finb von ben amtlichen Verpflichtungen entbunben worben: an ber Universität Leipzig: Ernst Hertel (Augen- heilkunbe); Ernst Jäger (Zivilprozeß unb beutsches bürgerliches Recht); Rubolf K ö tz s ch k e (Geschichte); an ber Universität Jena: Heinrich K i o n f a (Pharmakologie); Albert Leitzmann (Deutsche Philologie); an ber Universität München: Karl von Kraus (Deutsche Philologie); Erich Lexer (Chirurgie); an ber Universität Würzburg: Karl van Marbe (Philosophie); an ber Universität Freiburg: Gustav M i e (Physik); an ber Technischen Hochschule in Dresben: Robert Luther (Photographie); an ber Technischen Hochschule in Stuttgart: Wilhelm Kutta (Mathematik).
An ber Universität Hamburg würben ent» pflichtet: ber orbentliche Professor für Chemie Dr. Paul Rabe; ber ordentliche Professor für Astronomie Dr. Richard Scharr und der ordentliche Professor für Geographie Dr. Siegfried Pass arge.
Kuriose Naturkunde vor 300 Zähren.
Seitdem der Tieroater Brehm uns die erste zuverlässige Zoologie gab, haben wir für die seltsamen Vorstellungen über unsere Tierwelt, die in manchem alten „Bestiarium" ihren Niederschlag fanden, nur ew überlegenes Lächeln übrig. Aber solange das Ungeheuer von Loch Neß noch so viele Gläubige findet, sollte man nicht allzu hochmütig sein. Immerhin finden sich in einem naturwissenschaftlichen Bilderbuch aus dem 17. Jahrhundert manche etwas ungewöhnliche Feststellungen. Von dem König der Tiere heißt es: „Der Hals des Löwen ist aus einem steifen Knochen ohne Wirbel. Seine Knochen haben kein Mark und sind so hart, daß sie Funken schlagen. Seine Augäpfel sind schwarz. Löwen essen unb trinken nur alle zwei Tage einmal. Es gibt auch eine Abart von Löwen mit Menschengesichtern." Die Tiere, benen man eine Ähnlichkeit mit bem Menschen nachsagen kann, finben befonbere Beachtung. So wirb von einer „Samia" berichtet, bie äußerlich einem Ochsen unb innerlich einem Maulesel ähnlich sehe, aber „ein schönes Weibsgesicht" habe. In dieser Aufzählung barf natürlich auch die Sphinx nicht fehlen: „Die Sphinx ober Sphinga gehört zur Art ber Affen. Der untere Teil ihres Körpers ist rauh wie ber eines Affen, ber Oberkörper aber gleicht bem einer Frau. Die Sphinx hat eine Männerstimme, bie so klingt, als ob jemanb hastig ober kummervoll spräche. Sie kommt in Indien unb Aethiopien vor." Auch bie Mantichora beschäftigte damals die Naturforscher. „Die Mantichora kommt bei den Indern vor; sie hat eine dreifache Reihe von Zähnen oben und unten, ihr Gesicht und ihre Ohren sind einem Menschen ähnlich, ihr Schwanz hat einen Stachel, ihre Stimme klingt wie eine kleine Trompete. Die Mantichora ist ein schreckliches Gemisch von Mensch und Tiger. Schon Plinius unb bie alten Reisenden wissen.von ihr zu berichten, und sicherlich ist auch Alexander ber Große ihr begegnet. Ader wie sollte jemanb ein Tier erjagen, bas einen Menschenkopf hat?" Dom „Colus" heißt es: „Unter ben Skythen unb Sarmaten gibt es ein vierfüßiges Tier, bas einem Hirsch ähnlich sieht. Es trinkt burch bie Löcher seiner Nüstern unb schlürft so gewaltige Mengen Wasser in seinen Kopf. Es lebt in trockenen ©egenben unb kann seinen Durst nur burch biese Zisterne in seinem Kops löschen." Der Elch wirb als ein vierfüßiges Tier beschrieben, „besten Oberlippe so weit vorhängt, baß es nicht anbers fressen kann, als wenn es rückwärts geht. Es leibet an Fallsucht unb heilt sich selbst ba'bei, inbem es bie rechte Klaue bes Hinterfusses zu seinem linken Ohr führt."


