Ausgabe 
24.6.1935
 
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Nr. 144 Erstes Blatt

185. Jahrgang

Montag, 24-MUY35

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Eden heute von Mussolini empfangen.

Italien und das deutsch-englische Flottenabkommen.

Rom. 23. Juni. (DNB.) Minister Lden traf am Sonntagabend i n R o m ein. Zu seinem emp­fang waren Suvich. Baron A l o i s i und der englische Botschafter an der Bahn. Am Montag wird Lden von Mussolini empfangen werden. Rach einer Meldung derTimes" aus Rom urteilt man dort über die deutsch-englische Alottenvereinbarung mit größerer Mäßigung als in Paris. Man neige sogar zu der Auffassung, daß vom rein technischen Standpunkte aus betrachtet. Italien und auch Japan vielleicht Vorteile aus der Vereinbarung ziehen würden. Die Schaffung einer deutschen Flotte wer­den nach italienischer Ansicht Frankreich und Großbritannien veranlassen, einen Teil ihrer Seestreitkräfte aus dem Mittelmeer zu­rückzuziehen. Dasselbe sei auch für die o st - asiatischen Gewässer der Fall. Besonders werde die Stellung Großbritanniens im Mittel- meer in Mitleidenschaft gezogen werden. Mit der zunehmenden Stärke und Mannigfaltigkeit der An- grifsswaffen seien die Befestigungen von Malta äußerst leicht verletzlich geworden. Es sei daher sehr wohl möglich, daß die italienische Flotte in einigen Jahren die stärkste Flotte im Mittelmeer sei. Jnfolgedessen werde dann auch die Freund­schaft und Mitarbeit Jtalieus in zunehmendem Rlaße ins Gewicht fallen. Dennoch erkläre man sich in Jtalien unangenehm überrascht von dem Ver- halten Großbritanniens, das als Nichtachtung des Geistes der Erklärungen von Lon­don und von Stresa betrachtet werde. Es herrsche in Rom die feste lleberzeugung, daß die Frankreich und Jtalien gegebenen Jnformationen über die Londoner Floltenbesprechungen sehr oberflächlich gewesen seien.

Auch Abessinien auf der Tagesordnung?

Ein britischer Kompromißvorschlag zur Verhütung von Feindseligkeiten.

London, 24. Juni. (DNB. Funkspruch.) Trotz der aus Rom gemeldeten italienischen Versicherung, daß bei den heute beginnenden Besprechungen mit Eden nur europäische Fragen, besonders das deutsch - englische Flottenabkommen und der westeuropäische Luftpakt erörtert werden sollen, sind verschiedene Blätter der Ansicht, daß auch der italienisch-abessinische Str ert zur Sprache gebracht wird.Morning Post glaubt, Eden werde eine letzte Anstrengung unternehmen, um einen Krieg in Abessinien zv- ver­hindern. Eden bringe Vorschläge der bnüschen Regierung mit, die darauf abzielten, berechtigte italienische Bestrebungen zu befriedigen aber zu­gleich die Unabhängigkeit Abessiniens zu wahren. Der Grundgedanke sei, daß Abesiimen wirtschaftliche Zugeständnisse an Ita­lien machen sollte: es solle die Erlaubnis zum 2 u einer Eisenbahn z w l s ch e n Erythraa und Jtalienisch-Somaliland geben bas Benutzungsrecht für gewisse Quellen und Weideplätze im Gebiet von Ogaden ge­währen und die Erlaubnis zur Anlage von Baumwollfeldern im Norden erlauben Diese Rechte seien bis zu einem gewissen Grade m dem Drei-Mächte-Vertrag von 1906 und m dem englisch-italienischen Abkommen von 1925 v o r g e- sehen worden. Die britische Regierung sei bereit, ihren Einfluß in dieser Richtung zu gebrauchen, wenn sie Gewähr erhalte, daß es zu keinem mililärischenAng r i f f kommenwerd^Das Gerücht, daß die britische Regierung Abessinien als Entschädigung für Zugeständnisse einen A us we g nach der See über Bntisch-Soma H- land gewähren werde, sei unbestätigt. Eme solche Maßnahme wäre aber möglich. Sie wurde Abessi­nien zweifellos einen gewissen Vorteil bieten.

Edens pariser Besprechungen.

Fortsetzung am Donnerstag.

London, 24. Juni. (DNB. Funkspruch.) Der Par^ ser Vertreter der "Times" erklärt, bei dem Besuch Edens in Paris fei der Grundsatz der Zu­sammenarbeit wieder hergestellt wor- den. Wenn auch wichtige Fragen über die werteren Mittel noch ungelöst seren, so lasse doch eine merk liehe Besserung der Atmosphäre schsietz liche Vereinbarungen erhoffen. Bei femer n a ch - ft e n Zusammenkunft mrt Laval dre wahrscheinlich am Donnerstag stattfindet, werde Eden voraussichtlich di« Ansicht des bnüsihen Kabinetts beianntgeben. Eden Z°be zu verlteyen gegeben, daß eine mäßigeErho h u n g französischen Kriegsschiff-Tonnage Großbritannien schwerlich zu einer Vergrößerung seiner eigenen Flotte Anlaß geben werde^ Dies habe in erheblichem Maße dazu belgetrager- daß man in Frankreich erneut V er.trau en gefaßt habe und darauf rechne, daß dre noch un­erledigten Fragen nach den Grundsätzen der Fe- bruarerklärung behandelt werden.

Eden habe erneut erklärt, er sei durchaus ein­verstanden mit dem Grundsatz, daß die Rü­stungen von einander abhängig

seien, und daß die Rüstungsfrage und die ver­schiedenen diplomatischen Methoden der Her­stellung der Sicherheit miteinander im Zusammenhang stünden. Großbritannien wünsche dringend, daß praktische Bemühungen um eine baldige und womöglich gleichzei­tige Lösung dieser Frage unverzüglich be­ginnen sollten. Dem britischen Vorstellungskreis liege nichts so fern wie der Gedanke, mit Deutschland Sonderverhandlungen über die Flottenfrage zu führen oder es Frank­reich zu überlassen, sich mit Deutschland so gut wie möglich über die Luftstreilkräfte zu einigen.

Die Aufrichtigkeit Edens habe roieberum über die französischen Zweifel gesiegt. Die Einwendun­gen der französischen Oeffentlichkeit hätten nicht so sehr dem Inhalt wie der Form des Abschlusses der deutsch-englischen Flottenverein­barung gegolten. Die letzten Ereignisse hätten ge­zeigt, daß die britische Politik ihre Unabhän­gigkeit wieder gewonnen habe, nicht im Sinne der Förderung der eigenen nationalen Be­lange ohne Rücksicht auf die Belange anderer Länder, sondern in dem Sinne, bei jeder möglichen Gelegenheit einen eigenen Beitrag zu dem gemein­samen Ziel kollektiver Sicherheit zu leisten. In diesem Sinne bedeute das deutsch-englische Abkom­men ein' Aenderung der Methoden. Großbritannien erkenne an, daß es im allgemeinen

mit Frankreich hinsichtlich der verschiedenen Punkte der Februar-Verlautbarung übereinstimme.

Großbritannien wünsche dringend die Verhand­lungen über ost- und mitteleuropäische Sicher- heilspakte zu fördern, es wünsche aber nicht, daß der konkrete und ungemein verheißungs­volle Vorschlag eines we st europäischen Luflabkommens durch die Schwierigkeiten bei anderen Plänen auf unbegrenzte Zeit aufgehalten werde. Die deutsch-englische Vereinbarung habe sich als praktischeVe- mühung von besonders nützlicher A r t erwiesen. Rach der Ansicht der britischen Regierung sollten schnell andere Ver­einbarungen folgen, die schließlich in einer allgemeinen europäischen Flottenvereinbarung verschmol­zen werden könnten. Jedes dauerhafte Ab­kommen müsse unstreitig eine Vereinba­rung mit Deutschland einschließen. Auf Grund der Ungleichheiten des Versailler Vertrages sei keine dauernde Regelung mög­lich gewesen. Die Zeit der Proteste sei vorüber. Die Zeit des Weiterschreitens sei gekommen. Jetzt sei es wirklich Zeit, den Grundsatz der Gleichberechtigung in die Praxis überzuführen.

Abschluß

der deulsch-englischen Nolienverhandlungen.

Botschafter von Ribbentrop erstattet dem Führer Bericht.

Hamburg, 23. Juni. (DRV.) Die deutsche Flottendelegation kehrte heute von London nach Deutschland zurück und traf um 14.30 Uhr mit dem Flugzeug in Hamburg ein, wo Botschaf­ter von Ribbentrop dem Führer in An­wesenheit des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine, Admiral R a e d e r, sowie der Mitglieder der Dele­gation, Konteradmiral S ch u st e r und Kapitän Kiderlen, Bericht erstattete.

Ueber den Abschluß der Flottenverhandlungen wurde in London folgendes Kommunique ausgegeben:

Die Besprechungen zwischen den deutschen und den englischen Vertretern seit der Veröffentlichung des Notenwechsels vom 18. Juni haben in dem­selben freundschaftlichen Gei sie wie die früheren Besprechungen mit an­

deren Regierungen stattgefunden. Ein um­fassender Meinungsaustausch fand über Fragen, wie zukünftig qualitative Begren­zungen und zukünftige Bauprogt^amme statt, und eine Darlegung sowohl der Stellungnahme Deutschlands als auch der Vorschläge der englischen Regierung bezüglich eines zukünftigen all­gemeinen Abkommens über Flotten- begrenzung wird vertraulich den Regierungen der anderen interessierten Mächte in den zu­künftigen Besprechungen deren Vertretern m i t ge­feilt. Der Meinungsaustausch zwischen der deut­schen und der englischen Regierung hat selbstver­ständlich provisorischen Lharakter, da spätere Entscheidungen auf einer zukünftigen in­ternationalen Flottenkonferenz von der Haltung anderer Mächte abhängen.

Englische Fronttämpserznm Gegenbesuch in Deutschland eingeladen.

London, 24. Juni. (DNB. Funkspruch.) Jm Verlaufe des deutsch-englischen Frontkämpfertref­fens in Vrigthon hat die Bundesleitung der Reichsvereinigung ehemaliger Kriegsgefangener die Ortsgruppe B r i g t h o n d e rB r i t i s h L e g i o n" zu einem Gegenbesuch in Deutschland im Septem­ber eingeladen. Bei der Ueberreichung der Ein- ladung wurde von den deutschen Vertretern die Hoffnung ausgesprochen, daß durch den englischen Gegenbesuch die freundschaftlichen Be­ziehungen, die zwischen der Ortsgruppe Bng- lhon der British Legion und der Reichsvereinigung ehemaliger Kriegsgefangener geschaffen worden seien, e r ro e i f e r t uni) o e r f i e f t werden wurden.

Die deutschen Frontkämpfer legten am Sonntag nach einem Gedächtnisgottesdienst einen Kranz am Städtischen Kriegerdenkmal nieder. Der Abordnungssührer, K l e l n k o r r e s , druckte in einer Rede den Wunsch aus, daß aus den Gra­bern der Kriegsgefallenen eine neue deutsch - englische Verständigung erwachsen möge. Am Nachmittag marschierten die englischen und deutschen Frontkämpfer mit Oren Fahnen zum 5) e lde nfriedhof, um die dort beerdigten deut­schen Frontkämpfer zu ehren. Nachdem die deutsche Abordnung einen Kranz niedergelegt hatte, sprachen deutsche und englische Vertreter zum Gedenken der deutschen Kriegshelden. Eine ähnliche Feier fand bei den britischen S o l d a t e n g r a b e r n statt, wo Botschafsrat Fürst Bismarck, der mit dem Landesgruppensuhrer der NSDAW, Bene erschienen war, das Wort nahm. Zahlreiche ehemalige englische Kriegsgefangene in Deutschland waren von London nach Br ghton Gefahren um die deutschen Frontkamfer zu be­grüßen. Die Ortsgruppe Brighton der British Legion und di- deutschen Frontkämpfer haben ,°l- gendes Telegramm an den Führer gesandtDie zu diesem ersten Treffen in Brighton vereinten eng­lischen und deutschen Frontkämpfer senden dem ft üb r er des Deutschen Reiches, i h rem 5*' r-meraden Adols Hitler, herzlichst« Gruße.

Ferner wurden ein' gemeinsames Grußtelegramm für alle ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen an­läßlich des Gautages in Pirna an Frhr. von ßersner, den Bundesführer der Reichsvereini­gung ehemaliger Kriegsgefangener, und ein Gruß­telegramm der Ortsgruppe Brighton an den Reichs­kriegsopferführer Oberlindober gesandt.

Am Samstagabend hatte der englische Front­kämpferverbandBritish Legion" ein Bankett veranstaltet. Hunderte von englischen Frontkämpfern, der Unterhausabgeordnete von Brighton, Sir Coo­per Rawson, der B ü r g e r m e i st e r, General Lloyd und andere waren erschienen. Nach Ver­lesung eines Glückwunschtelegramms des Prin­zen von Wales und einem schweigenden Toast auf die Kriegsgefallenen sprach Botschaftsrat Fürst Bismarck.' Niemand fei so berechtigt, die Hand der Freundschaft auszustrecken und Vergange­nes vergangen fein zu lassen, wie die Front­kämpfer, die alle Schrecken des Krieges durchgemacht hätten. Deutschland und England hätten nur ein­mal in ihrer Geschichte gegeneinander gekämpft, und diese Katastrophe dürfe sich niemals wieder­holen.

Unter großem Beifall der Anwesenden wurde Walter Klein korr es zum Ehrenmitglied der British Legion, Abteilung Brighton, ernannt.

Zum Schluß der Veranstaltung wurden deutsche und englische Volkslieder gesungen, und alle An­wesenden beschlossen den Abend bei Tanz und ge­mütlichem Beisammensein.

WieGnadenerweise" in Gowjeirußland ausfehen. Werden die zumTode verurteilten deutschen Geistlichen nach Sibirien verschickt?

B e r l i n, 22. Ium. (DNB.) Wie in Moskau ver­lautet, sollen die rußlanddeutschen luthe­rischen Geistlichen Seid und Deutsch­mann deren Verurteilung zumTode kürz­lich größte Erregung in der ganzen Kulturwelt her­

vorrief, zu zehn Jahren Verschickung begnadigt sein

Beide Geistlichen waren unerlaubter Verbindung mit dem Auslande angeklagt, die tatsächlich in nichts anderem bestand, als in der Annahme von Hilfssendungen aus dem Auslande, um ihre eigenen Familien am Leben z u erhalten,, und um die von der Sowjet­regierung garantierte freie Religionsübung zu pfle­gen. Wenn auch die Nachricht, daß die Vollstreckung des Todesurteils unterbleiben soll, Genugtuung er­wecken kann, so ist die 10jährige Verschickung in die trostlosen Gebiete am Weißen Meer oder nach Sibi­rien aber immer noch eine überaus harte, alles Maß übersteigende Strafe. Die Erwartung, daß auch diese Strafe ausgesetzt oder gemildert wird, darf um der Menschlichkeit willen nicht aufgegeben wexden.

OerFührerbesuchidieGchwer- verlehien van Reinsdorf.

Wittenberg, 22. Juni. (DNB.) Der Führer besuchte Samstag vormittag das Paul-Ger- Hardt-Stift in Wittenberg, in dem die 83 Schwerverletzten des Explosions- Unglücks in Reinsdorf untergebracht sind. Chesfarzt Dr. Bosse erstattete Bericht über das Befinden jedes einzelnen und gab dabei der Hoff­nung Ausdruck, daß er nunqiehr alle im Paul- Gerhardt-Stift liegenden Verletzten d u r ch b r i n - gen werde. Dann begleitete er den Führer zunächst zu den Schwerverletzten, die, wie auch alle anderen, in Hellen freundlichen Zimmern untergebracht find. Auf jedem Tischchen stanhen frische Blumen, lagen Erfrischungen der verschiedensten Art.

Der Führer trat an das Bett jedes einzelnen, brüSte ihm die Hand, fragte ihn nach seinem Be­finden und ließ sich vom Kreisleiter über die sozia­len Verhältnisse sowie die bisher getroffenen Für­sorgemaßnahmen unterrichten. Es ist schwer, die Freude zu beschreiben, die sich auf den Gesichtern der Verletzten über den überraschenden Besuch ihres Führers widerspiegelte. Soweit sie dazu imstande waren, hoben sie die Hand zum deutschen Gruß. Wenn sie sich aufzurichten versuchten, drückte sie der Führer unter freundlichem Zuspruch wieder in die Kissen, fragte nach ihrem Ergehen und ihren Wün­schen und dankte auch den Stationsschwestern für die aufopfernde Pflege, die sie ihren Patienten zu­teil werden lassen. Mit leuchtenden Augen beglei­teten Frauen und Männer ihren Führer, bis er in der Tür grüßend noch einmal von ihnen Abschied nahm.

So ging es von Zimmer zu Zimmer. Auch die bereits a u f der Terrasse in den wärmenden Strahlen der Sonne sitzen konnten, wurden nicht vergessen. Nach dem Rundgang ließ sich der Führer noch eingehend über die ärztlichen Maßnahmen in der Unglücksnacht selbst unterrichten, um schließlich auch die Kinderabteilung zu besuchen und den kleinen Patienten baldige Genesung zu wün­schen. Nach der Besichtigung der Säuglingsstation bat der Führer den Chefarzt noch einmal sehr dringend, alle ^Mittel der ärztlichen Kunst aufzu­wenden und alles zu tun, was zur Wieder­herstellung der Gesundheit der todesmutigen Män­ner und Frauen geschehen könne, die bei dem Un­glück von Reinsdorf ihr Leben und ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben und denen die ganze Na­tion Dank schuldet. Vor dem Paul-Gerhardt-Stift hatte sich eine nach vielen Taufenden zählende Menschenmenge eingefunden, die den Führer bei der Abfahrt begeistert begrüßte.

Professor Barth, Bonn, in den Ruhestand verseht.

Berlin, 22. Juni. (DNB.) Der Reichs- und preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung R u st hat den ordentlichen Professor der Theologie Dr. Carl Barth (Bonn) auf Grund des § 6 des BerufsbÄintengefetzes in den Ruhe- st a n ö versetzt.

Wie erinnerlich, hat Professor Barth seinerzeit die bedingungslose Leistung des Eides auf den Führer und Reichskanzler verweigert. Das Preußische Oberoerwaltungs- gericht hat in einer Bestrafung Barths durch Kürzung des Gehalts um ein Fünftel auf ein Jahr eine hinreichende Sühne für fein Verhalten erblickt. Damit ist die disziplinarische Seite der Angelegenheit nunmehr a b g e s ch l-o s s e n. Der nationalsoziali­stische Staat kann aber einen Beamten, der nicht bereit ist, den Eid auf den Führer und Reichs­kanzler sofort bedingungslos zu leisten, nicht mehr aktiv weiterverwenden. Hierbei bleibt völlig außer Acht, ob diese Bedingungen religiöser, allgemein-weltanschaulicher oder sonstiger Art sind. Wer den Eid nur unter inneren Vorbehalten schwört, wird niemals von sich sagen können, daß er jederzeit und unter allen Umstän - den rückhaltlos für Führer und Staat einzutreten in der Lage ist. Dies ist aber die erste an einen Beamten des nationalsozialistischen Staates gerich­tete Forderung.

Auf die durch ben. Reichs- und preußischen Mini­ster für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung nunmehr erfolgte Entscheidung, Professor Barth i n ben Ruhestanb zu versetzen, hat demgemäß d i a religiöse Ueberzeugung Barths fei­nen Einfluß ausgeübt; es war vielmehr ledig­lich die Tatsache maßgebend, daß ein Angriff auf den Eid einem Angriff auf ben Staat gleichkommt und der Staat einen solchen Beamten aus dem aktiven Dienst entlassen muß.