Ausgabe 
24.5.1935
 
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Nr.120 Drittes Blatt

Sietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

5reitag.24.MisW

Lin italienisches Wilämn.

Am 24. Mai jährt es sich zum zwanzigsten Male, daß Italien durch seine Kriegserklärung an Oester­reich-Ungarn als Gegner der Mittelmächte i n d e n Weltkrieg ein griff, denen es bis dahin durch ein Bündnis völkerrechtlich und moralisch ver­pflichtet war. Der Versuch der deutschen Diploma­tie, durch die Vermittlung des Fürsten Bülow zwischen Wien und Rom die italienische Neutrali­tät für die ganze Dauer des Krieges sicherzustellen, war gescheitert. Der formale Beschluß der italieni­schen Kammer am 24. Mai bereitete keine Ueber- raschung mehr, sondern war nur der Abschluß Hef­ter innerpolitischer Kämpfe zwischen der Kriegs­partei und den Neutralisten, deren Führer G i o - litti schon vorher unter der Drohung der durch Agitation und Gold aufgewiegelten Straße aus Rom hatte fliehen müssen. Immerhin zeigten einige Umstände, daß das Gefühl für die Frag- Würdigkeit der Wendung, die die italienische Politik und Geschichte mit dem Ueberfall auf einen in seinem Leben bedrohten Bundesgenossen genom­men hatte, bei den Verantwortlichen und' beim Volke nicht ganz erloschen war: die Kriegserklärung wurde nur an Oesterreich-Ungarn ge­richtet die an das Reich erfolgte erst ein Jahr später, der sofortige Abbruch der diplomatischen Beziehungen durch Deutschland wurde auf der Consulta mit höflichem Bedauern entgegengenom­men, die vorher fieberhaft erregte Hauptstadt er­starrte nach der Bekanntgabe des Beschlusses wie im Schrecken über eine Untat, und als der Fürst und die Fürstin Bülow, eine geborene Prinzessin Cam­poreale, in deren Figuren sich auch für den Ita­liener die alte politische und kulturelle Verbindung der beiden Länder verkörperte, gegen Abend des zweiten Pfingstfeiertages mit dem kleinen Gefolge der Botschaft durch die Straßen Roms zur Station fuhren, um das feindlich gewordene Land zu ver­lassen, lastete sichtbar eine Lähmung auf der men­schenleeren Stadt, die gewiß nicht nur in der un­gewissen Zukunft des Krieges ihren Ursprung hatte. Dieser Tag und seine bewegte Vorgeschichte wer­den keinem, der sie miterleben mußte, je aus dem Gedächtnis schwinden. Das offizielle Italien hat ihn, nachdem der Zusammenbruch der Mittelmächte nach vielen vergeblichen Versuchen, seinen Waffen den mühelosen Sieg über eine der Selbstauslösung verfallene Front in den Schoß geworfen hatte, a l s Ausgangspunkt und Rechtfertigung einer großen Epoche seiner Geschichte ge­feiert; noch dieser Tage las man, daß dieSie­gesbotschaft" des Generals Diaz am Rathaus der Stadt'Bozen angebracht wurde, deren Er­oberung Italien im Frieden für um so dringender hält, als sie im Kriege nicht gelungen war. Gerade das faschistische Italien folgt einer inneren Nöti­gung, wenn es dem Eintritt m den Krieg den zweifelhaften Charakter nimmt und ihn zu einem heroischen Entschluß von nationaler Bedeutung stempelt; denn sein Schöpfer und Führer Mus­solini war in erster Linie an der Umwandlung beteiligt, die Volk und Regierung Italiens in zehn Monaten Neutralität zum Bruch des Bundes führte. So wird es auch in diesem Jahre nicht an italieni­schen Kundgebungen und Erinnerungen an den 24. Mai 1915 fehlen als den Tag, an dem Italien den kühnen und steilen Weg in eine stolze Zukunft angetreten habe. Ja, diese Erinnerungen werden um so ungebrochener und logischer erscheinen, als Italien sich erneut mit Frankreich ver­bündet hat und eifrig an der Gestaltung einer europäischen Politik mitwirkt, die in der Tat die logische und tatsächliche Fortführung des vor zwan­zig Jahren betretenen Weges ist. Das Intermezzo, das die italienische Politik durch die zeitweise Nei­gung Mussolinis geschaffen hatte, in Anlehnung an die alten Traditionen und Interessen Italiens ein starkes Deutsches Reich in der Mitte Europas für notwendig und nützlich zu halten, ist damit auch für uns erledigt: wir gedenken beide. Deutsche und Italiener, des 24. Mai 1915, jeder in seiner Weise.

Die wirkliche moralische und psychologische Stel­lung zweier Völker zueinander oder wenigstens der Schichten, die sie formen, zeigt sich am deut­lichsten in Tagen der Verstimmung. Es ist sehr interessant, festzustellen, daß in der deutschen Öffentlichkeit die Schwenkung der italienischen Politik in die Reihe der Verteidiger von Versailles im wesentlichen mit einer gleichmütigen Gelassen­heit ausgenommen wurde, obgleich durch gewisse Parallelen in der inneren Entwicklung der beiden Länder zweifellos ein Anreiz zur Illusion und Er­nüchterung gegeben war. Im Gegensatz dazu wie­derholen sich in Italien jene ungereimten Betrach­tungen und Verdächtigungen Deutschlands, die im­mer dann laut werden, wenn die italienische Rassen­seele sich mit der französischen Schwester vereint.

Soeben hat der Schwiegersohn Mussolinis, der Pressechef im Ministerium des Aeußeren, Graf Galeazzo C i a n o , bei der Eröffnung der italieni­schen Kunstausstellung in Paris eine neue Probe dieser unbeirrbar durch die Jahrhunderte gehen­den Neigung zum historischen Schema gegeben, in­dem er die deutscheMoral" mit unheimlichen schat­tenhaften Wäldern verglich, in die man sich nur bewaffnet hineinbegeben dürfe! Fürwahr eine poe­tische Ausrede für die prosaische Tatsache einer schwerbewaffneten Armee von 800000 bis 900 000 Mann, mit der sein Schwiegervater ein paar Tage vorher dem nach Rüstungserleichte­rung sich sehnenden Europa ins Gesicht sprang.

Der historisierende Graf und die historisierende Politik Mussolinis schöpfen aus derselben Quelle, den Vorstellungen und Erfahrungen der Antike und des Mittelalters, das heißt der Zeiten, in denen das römische Weltreich mit der nordischen Welt des Germanen zusammenstieß, und in denen die Universalidee des römischen Kaisertums deut­scher Nation am nationalen Widerstand derwel- fischen" italienischen Städte verblutete. Wie die Mittelmeer- und Afrikapolitik Mussolinis den ver­wehten Spuren des alten Roms nachgeht, so ist auch seine Haltung in der österreichischen Frage und sein Widerstand gegen eine natürliche Lösung eingegeben von der Zwangsvorstellung, daß es gelte, einenGrenzwall" gegen den Einbruch der nördlichenbarbarischen" Welt zu errichten.

Eine solche politische Betrachtungsweise wenn sie nicht nur ein historisches Bekleidungsstück eines höchst modernen Jmperalismus ist! könnte einen Professor begeistern, ist aber bei dem Staatsmann Mussolini unbegreiflich. So wenig im heutigen Raum der antiken Welt die Voraussetzungen für eine Wiederherstellung des römischen Imperiums gegeben sind, so wenig besteht für Italien die Ge­fahr einer Wiederholung der deutschen Politik, die

man in der Geschichte die ghibellinische nennt, weil unter den Hohenstaufen die Vereinigung der deutschen und italienischen Länder unter einer Krone den sichtbarsten und mächtigsten Ausdruck gefunden hatte. Wenn Mussolini nicht nur die poli­tische, sondern auch die geistige Entwicklung des neuen Deutschland verfolgt, so müßte er wissen, daß es darin keineGhibellinen" mehr gibt und daß, wenn noch letzte Spuren in der romantischen Betrachtung Italiens und des einstigen Bundes vorhanden waren, wir bemüht sind, sie aus der deutschen Vorstellung gründlich auszurotten. Das neue Deutschland betrachtet die Römerzüge als ein nationales Unglück, das uns unseren eigentlichen Zielen entzog, und die Jtalienschwärmerei als ein Gift für unsere nordischebarbarische" Seele! Trotz Barbarossa, Winckelmann und Goethe, wir wollen

nur wir selber sein und andern das ihrige lassen.

Dies führt uns wieder auf den 24. Mai zurück. Er ist für uns ein Jahrestag einer abgelebten Ge­schichte, die wir nicht erneuern werden. Wir wün­schen Italien, daß es immer mit ungetrübter Freude an einen Entschluß zurückdenken kann, der uns von einer historischen Last befreit hat, die nicht durch dauerhafte Vorteile ausgewogen wurde. Wir wün­schen Italien politische und geistige Freundschaften, die seiner würdig sind, und werden nicht in den Fehler verfallen, uns zu freuen, wenn es Ent­täuschungen erlebt. Und wir hoffen, daß es diese kühle Teilnahmslosigkeit zu schätzen weiß am Jahres­tag eines von ihm leidlich überstandenen Krieges, an dem es sich anschickt, in einen neuen, noch zu bestehenden Krieg zu gehen.

DasneueGewächshausdesVotamschenGartens.

Am kommenden Sonntag wird das neue Ge­wächshaus des Botanischen Gartens, das nach Be­seitigung des alten und völlig unzulänglichen Hauses entstanden ist, zum ersten Male für den Besuch der Bevölkerung geöffnet sein. Dieses neue Heim für den wunderbaren Besitz des Botanischen Gartens weist im Vergleich mit dem früheren Gewächshaus erhebliche Verbesserungen auf. Während der alte, abgebrochene Bau in seinem räumlichen Ausmaß völlig unzulänglich geworden war, ist das neue Ge­bäude, das von der weltbekannten Spezialfirma für Gewächshausbauten Röder in Langenhagen er­richtet wurde, mit einer Länge von 42 Meter und einer Breite von neun Meter erheblich tiefer und dadurch geräumiger geworden. Außerdem kommen ihm noch die Vorteile wesenllicher technischer 23er»

serem Botanischen Garten etwa 8000 Pflanzen der verschiedensten Arten und Formen untergebracht sind, von denen etwa 2000 Pflanzen allein in dem neuen Gewächshaus ihre Unterkunft haben. Das neue Haus in seiner Gesamtheit macht auf den Be­sucher einen sehr guten Eindruck und stellt eine an­sehnliche Verschönerung des Botanischen Gartens dar.

An der Südseite des neuen Gebäudes befindet sich ein Geländestück, das jetzt noch gärtnerisch gestaltet ist, jedoch den Zweck hat, als Bauplatz zur Errich­tung eines für den Botanischen Garten dringend erforderlichen Gebäudes zur Aufnahme der Kultu­ren der berühmten Victoria Regia und anderer tropischen Pflanzen zu dienen. Hoffentlich ist der Zeitpunkt nicht fern, daß auch diese Verbesserung

Palmengruppe im neuen Gewächshaus.

Führertagungen der Deutschen Uebungswirtschast Gau Hessen-Nassau.

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Gesamtansicht des neuen Gewächshauses.

besserungen zugute. So ist z. B. an Stelle der frü­heren Einzelheizung der verschiedenen Gebäude des Botanischen Gartens, die mit mancherlei Unbe­quemlichkeiten und Nachteilen verknüpft war, eine Zentralheizungsanlage für sämtliche Gebäude ge­treten, die nunmehr durch eine Warmwasserheizung allen Räumen die erforderlichen Temperaturen ver­schafft; ferner weist das neue Gewächshaus heiz­bare Wasserbecken auf, in denen die seltensten Was­serpflanzen geeignete gute Existenzbedingungen haben. Weiter sind an Stelle der lichthemmenden Doppelfenster in dem etwa 80 Jahre alten früheren Gewächshaus einfache Fenster des neuen Gebäudes getreten, durch die eine wesentlich größere Licht­fülle in das Innere des Hauses eintreten kann. Interessant ist übrigens, daß die Eisenkonstruk­tion des neuen Gewächshauses in den Werkstätten der Spezialfirma Röder- Langenhagen geschaf­fen und vorgerichtet wurde, so daß sie in allen Einzelteilen fertiggestellt hierher zu transportieren und an Ort und Stelle lediglich zusammenzusetzen war. Alle Arbeiten am Platze sind erfreulicherweise vom Gießener Handwerk geleistet worden, so daß auch dadurch ein ansehnliches Stück Arbeitsbeschaf­fung für die heimische Wirtschaft geleistet werden konnte.

Das neue Gewächshaus ist in vier Abteilungen gegliedert. Die erste Abteilung dient zur Unter­bringung von Pflanzen allerlei Art, die an trockene Standorte gewöhnt sind, darunter viele Kakteen, Aloe, sehr merkwürdige Wolfsmilch-Gewächse, die prächtigen Säulenkakteen usw. Die zweite Ab­teilung beherbergt die Pflanzen der feuchten Stand­orte, z. B. Farne der verschiedensten Arten und prächtigsten Formen. In der dritten Abteilung, dem Palmen- und Warmhaus, findet man allerlei Pal­menarten, dazu Kaffee-, Kakao- und Pfefferpflanzen, sowie mancherlei weitere tropische Wasserpflanzen. Die vierte Abteilung, das Kalthaus, dient zur Ueberwinterunq einer großen Menge von Pflanzen subtropischer Art, die im Sommer im Freien stehen können.

Bei dieser Gelegenheit sei vermerkt, daß in un-

dem Botanischen Garten zur Verfügung gestellt werden kann.

Nachdem jetzt in dem neuen Gewächshaus erheb­lich größere Bewegungsmöglichkeiten als früher für die Besucher gegeben sind, wäre zu wünschen, daß dieser schönen und interessanten Einrichtung in un­serer Stadt fortgesetzt das rege Interesse unserer Bevölkerung während der Besuchsstunden entgegen­gebracht würde.

Die gärtnerischen Vorarbeiten haben sich in den letzten Wochen so fördern lassen, daß demnächst die Schau - Häuser des Botanischen Gartens dem Publikum zugänglich gemacht werden können. Sie werden während der Sommermonate Dienstag und Freitag von 15 bis 17 Uhr, Mittwoch und Sonn­tag von 10 bis 12 Uhr offenstehen. Zum ersten Male werden die Räume der soeben neu errichteten ' Gewächshäuser nächsten Sonntag, 26. Mai, um 10 Uhr geöffnet werden.

Oben: Tropischer Farn.

Unten links: Blick in das große Kakteenhaus.

Unten rechts' Kakteenhaus.

Sämtliche Aufnahmen: Photo-Pfaff, Gießen.

Lpd. Frankfurt a. M., 23. Mai. Die Deut­sche Uebungswirtschast hat im rhein-mainischen Wirtschaftsgebiet eine so erfolgreiche Entwicklung genommen, daß sie heute sämtliche Wirtschafts­gruppen und einzelne Gewerbezweige umfaßt, wo­durch auch die Aufgaben der Leiter und Leiterin­nen sehr gewachsen sind. Die Führung der Deut­schen Uebungswirtschast Hessen-Nassau hat sich des­halb entschlossen, in der nächsten Zeit vier große Wochenendtagungen abzuhalten.

Eine dieser Tagungen wird am 22. und 23. Juni auf der Burg Gleiberg bei Gie­ßen für die Kreise Biedenkopf, Dillenburg, Wetz­lar, Gießen, Alsfeld, Lauterbach, Schotten, Fried­berg, Büdingen, Schlüchtern, Gelnhausen und Ha­nau mit den dazugehörigen Ortsgruppen statt­finden.

Die Tagungen bezwecken, die große Arbeit der Vertiefung und Erweiterung der Uebungsfirmen immer noch wirklichkeitsnaher zu gestalten. Maß­gebende Männer der Partei und der Wirtschaft und die Leitung des Amtes für Berufserziehung Gau Hessen-Nassau werden hierbei die neuen Wege der Arbeit aufzeigen. Auf der ersten Tagung am nächsten Samstag und Sonntag in Zwingen­berg wird der Gauwirtschaftsberater der NSDAP, über die wirkliche Wirtschaft und Auf­gliederung der Arbeitsgebiete sprechen, ferner wer­den Fragen der Betriebtzorganisation und die Auf­gaben der verschiedenen Wirtschaftsgruppen, wie Industrie und Technische Uebungsbüros, Großhan­del-Einzelhandel, Ernährung und Landwirtschaft, Gewerbe, Verwaltung und Recht behandelt.

Auch eine Reihe wichtiger Spezialfragen, wie u. a. Absatz, Werbung, Marktordnung, Marken­artikel, Außenhandel usw. werden von Fachrefe­renten erörtert und kommen zur Aussprache. Der Leiter des Gauamtes für Berufserziehung, Pg. R. Stein, wird über die Zusammenarbeit aller Mitarbeiter in der Uebungswirtschast sprechen, und der Gaureferent der Deutschen Uebungswirt» schäft Hessen-Nassau, Fritz Bernetti, über die ^beitsentwicklung der Deutschen Uebungswirt-

Sonderbesprechungen mit den Uebungsleitern in Verwaltung und Recht, sowie mit den Tech­nikern und den Leiterinnen der Mädels-Uebungs- firmen während der Arbeitspausen und nach Ab­schluß der Tagung ergänzen die Wochenendschu­lungen.

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