Ausgabe 
24.4.1935
 
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Ur. 95 Dritter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, 24. April (935

Jubiläums- und Arbeitstagung der oberheUchen Imker.

Unter dem Vorsitz des Leiters der Fachgruppe Oberhessen der Reichsfachgruppe Im­ker, Lehrer Braun, Rodheim v. d. Höhe, fand gestern in der Turnhalle am Oswaldsgarten zu Gie­ßen die Feier des 75jährigen Bestehens der Fachgruppe Oberhessen, des frühe­ren ober hessischen Bienenzüchterver­eins, bei sehr starker Beteiligung von Imkern aus allen Teilen der Provinz Oberhessen und darüber hinaus statt. Die Jubiläumstagung war zugleich

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In der unteren Reihe von links nach rechts: der Leiter der Imker-Fachgruppe Oberhessen Lehrer Braun (Rodheim v. d. H.); in der Mitte der stell­vertretende oberhessische Fachgruppenleiter Verwal­tungsbeamter Bodenbender (Gießen); rechts der Fachgruppenrechner S t a u b a ch (Staden bei Friedberg).

In der oberen Reihe von links nach rechts: der Landesfachgruppenleiter Hessen-Nassau S e y d e l (Treisa bei Darmstadt); der Schriftleiter der Biene" Lehrer i. R. R un k (Nidda); der juristische Beirat Oberamtsrichter i. R. Klietsch (Büdingen). (Aufnahme: Photo-Pfaff.)

eine fruchtbare Arbeitstagung, die den Teilnehmern reiche Anregungen für die Praxis der Bienenzucht gebracht hat.

Der Führer der Landesfachgruppe Hessen der Reichsfachgruppe Imker

LandwirkGeydel,Traisa bei Darmstadt, überreichte zu Beginn der Jubiläumssitzung namens der Landesfachgruppe der Fachgruppe Oberhessen eine aus deutschem Saareisen hergestellte Pla­kette mit dem Bilde unseres Führers und Reichs­kanzlers Adolf Hitler mit dem Geleitwort:Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte." Darum habe er uns diesen Mann als Führer gegeben, dem wir allezeit in Treue nach­eifern müßten. Wenn alle Volksgenossen sich be­mühen würden, gute Nationalsozialisten zu werden, dann stehe es um Deutschlands Sache gut.

Der Führer der Fachgruppe Oberhessen der Im­ker, des früheren Oberhessischen Bienenzüchter­vereins,

Lehrer Braun, Rodheim,

dankte dem Landesfachgruppenleiter für dieses wert­volle Jubiläumsgeschenk mit herzlichen Worten und

sagte dann u. a.: Wir Oberhessen wissen dieses Geschenk voll zu würdigen und werden immer be­müht sein, auch aus unserem Arbeitsgebiet der Bienenzucht allezeit im Geiste unseres Führers Adolf Hitler zu arbeiten. Mit unserer Jmkertätig- keit und der Befruchtung des heimischen Obstbaues durch unsere Bienen stehen auch wir im Dienste von Volkstum und Heimat. Wir werden bei dem Bestreben, das deutsche Volk zur Nahrungsfreiheit zu bringen, fest hinter dem Reichsnährstand stehen, dessen Vertreter heute zum erstenmal in unserer Mitte erschienen ist.

Wir Bienenzüchter sind fest verbunden mit Blut und Boden, wir dienen, wie alle anderen Berufsstände, gerne und mit ganzer Hingabe unserem deutschen Volke und sehen uns dafür ein, daß es auf dem Gebiete, auf dem wir ar­beiten, nach besten Kräften wieder aufwärts geht mit unserem Volke.

Wir hoffen, daß nunmehr die Kurve der Entwick­lung auch in der Bienenzucht wieder steiler auf­wärts gehen wird als früher, und ich hoffe, daß alle Imker eifrige Mitarbeiter fein werden bei dem Streben nach dem Ziele, die Honigverforgung un­seres Volkes durch eigene deutsche Produktion zu gewährleisten. Wenn wir uns allezeit eifrig und hingebungsvoll für dieses Ziel einsetzen, so ist zu hoffen, daß auch die oberhessische Bienenzucht wei­tere Fortschritte machen wird Mit dreimaligen, von der Versammlung freudig aufgenommenen Heilrufen auf die oberhessische Bienenzucht schloß der Redner seine eindrucksvollen Worte.

Der Geschäftsführer des Deutschen Jmker- verbandes,

Kickhöffel, Berlin,

betonte in seiner längeren Ansprache zunächst die große Bedeutung der Bienenzucht für den deut­schen Obstbau. Er erinnerte dann an die Schwierig­keiten, die in den letzten beiden Jahren bei dem Neuaufbau der Organisation im Rahmen des Reichsnährstandes zu überwinden waren und er­klärte, daß die Organisation nunmehr im großen und ganzen vollzogen sei. Es sei in diesen beiden Jahren aber nicht nur an dem Aufbau der Orga­

nisation gearbeitet, sondern auch sachliche Aufbau­arbeit geleistet worden. In diesem Zusammenhänge wies der Redner auf die Ausarbeitung einheitlicher Richtlinien für die K ö n i g i n n e n z u ch t hin, durch die ein wesentlicher Schritt nach vorwärts in der deutschen Erzeugungsschlacht geschehen sei. Der Erfolg der Bienenzucht und der Erzeugungs­schlacht hänge aber nicht allein von diesen Richt­linien ab, sondern in hohem Maße auch von der Leistung des einzelnen Imkers am Bienenstand und von der Leistung der Ortsfachgruppe. Ferner seien zwei Bild st reifen über Königinnenzucht ge­schaffen worden, die in den Ortsfachgruppen zur Belehrung der Imker vorgeführt werden sollten.

Die Richtlinien und die Bildstreifen seien ein vorbildliches, geschlossenes Werk für die fiö- niginnenzuchl, das den Imkern reiche Hilfe bei ihrer Arbeit bielen werde.

Wenn die Erträge an Bienenhonig in Deutsch­land steigen sollten, um unser Volk aus der eigenen Scholle zu versorgen, dann sei auch die Aus­nutzung aller Trachtquellen dringend er­forderlich. Dieses Ziel könne in weitem Ausmaß durch die Wanderung der Bienenvölker nach guten Trachtgebieten erreicht werden. Zur Förderung dieser Bestrebungen seien die Richt­linien für Wander-Bienenzucht ausge­arbeitet worden. Wenn auch die Königinnenzucht und die Wanderbienenzucht schwere Aufgaben für den Imker seien, so müsse doch mit aller Kraft an der Verwirklichung dieser beiden großen Gedanken gearbeitet werdens um auf diesem Wege zu einer allgemeinen Erhöhung der Leistungsfähigkeit der Bienen und der einzelnen Imker zu kommen.

In der Frage des Honigabsatzes und der Marktregelung seien die Erwartungen bisher nicht ganz erreicht worden. Erfreulicherweise sei es aber möglich gewesen, die in früheren Jahren 3um Schaden der Imker immer wieder eingetretene Ueberschwemmung des deutschen Marktes mit aus­ländischem Honig zu verhindern und auch für die Zukunft unmöglich zu machen.

Die Sicherheit für den deutschen Imker gegen die Schädigung durch die Honigschwemme aus dem Auslande sei in der strikten Anwendung

Die Gruppe der Jubilare. (Ausnahme: Photo-Pfaff.)

des Grundsatzes der Bedarfsdeckung zu er­blicken. Niemals werde bei dieser Bedarfs­deckung in Zukunft wieder eine Entscheidung gegen die deutschen Imker getroffen werden können.

Während noch im Jahre 1929 fast 100 000 Doppel­zentner Honig aus dem Ausland den deutschen Markt überschwemmt hätten, sei es bis jetzt ge­lungen, diese Einfuhr auf rund 45 000 Doppelzent­ner zu vermindern. In Zukunft werde nur noch so viel ausländischer Honig hereinkommen, als zur Be­darfsdeckung unbedingt erforderlich sei. An Stelle der bis jetzt noch nicht erreichten Marktregelung von oben her, sei es durchaus möglich, eine Marktregelung von unten her durch die immer stärkere Einführung des Einheitsglases zu erreichen. In den ersten drei Monaten dieses Jahres seien erfreulicherweise bereits 60 Prozent mehr Einheitsgläser als in der gleichen Zeit des Vorjahres zur Verwendung gekommen. Das Ein­heitsglas müsse seinen Siegeszug überall weiter fortsetzen.

Die Imker müßten mit dafür sorgen, daß immer mehr Hausfrauen den Honig nur im Einheitsglas zu kaufen wünschten, und in der gleichen Richtung müßten auch die Kaufleute im wohlverstandenen Interesse der deutschen Gesamtwirtschaft mithelfen. Wenn in dieser Weise die Imker, die Hausfrauen und die Kauf­leute Zusammenarbeiten würden, dann sei eines Tages die Marktregelung aus der Praxis des täglichen Lebens von selbst entstanden.

Zur Erreichung dieses Zieles müsse jede Ortsfach- aruppe der Imker durch Einwirkung auf die Haus­frauen und die Kaufleute mithelfen.

Der Reichsbauernführer wolle, daß unser Volk aus der eigenen deutschen Erzeugung ernährt wer­den könne. Die Imker seien mit ihrer jetzigen Or­ganisation auf dem besten Wege zur Erreichung dieses Zieles und damit auch in wirksamster Weise zum Nutzen der deutschen Bienenzucht tätig.

Die Versammlung dankte dem Redner mit leb­haftem Beifall, den der Vorsitzende Braun in warmen Dankesworten an den Redner bekräftigte.

Dr. Wagner, Frankfurt a. M.,

als Vertreter des Landesbauernführers überbrachte dessen und der Landesfachgruppe der deutschen Kleintierzüchter herzlichste Wünsche zu dem 75. Jubiläum. Im Gebiete der Landesbauernschaft Hessen-Nassau werde man immer bestrebt sein, ge­meinsam und fruchtbar auch mit den Bienenzüchtern zusammenzuarbeiten.

Für die hessischen Imker sei es bereits von großem Nutzen gewesen, daß sie das Seuchen- geseh erhallen hätten, mit dem sie auf gesetz­licher Grundlage die Bekämpfung der Bienen- feuchen durchführen könnten. Ferner sei es für die Bienenzucht in Hessen von großem Vorteil, daß nunmehr durch eine Polizeiverordnung das Spritzen mit arsenhaltigen Mitteln in die offene Obstbaumblüle verboten sei.

Zu wünschen sei für die Zukunft, daß sich das Ver­hältnis zwischen den Obstbauern und den Imkern zum Nutzen beider Teile weiter verbessere. Weiter betonte der-Redner, daß die Ortsbauernfüh- r e r von der Landesbauernschaft angewiesen wor­den seien, den Imkern größtes Entgegen­kommen zu bekunden, auch bei der Wan­derbienenzucht. Die Imker müßten sich mit den örtlichen Stellen des Reichsnährstandes in Ver­bindung setzen. Mit der Hoffnung auf ein weiteres gedeihliches Zusammenarbeiten zwischen den Im­kern und dem Reichsnährstand zum Nutzen des einzelnen und zum Wohle des ganzen Volkes schloß der Redner seine Ansprache.

ÄermeffungSrat Karle, Gießen,

als Vertreter des am Erscheinen verhinderten Ober­bürgermeisters der Stadt Gießen der seine Glückwünsche in einem Schreiben an den Leiter der Fachgruppe Oberhessen zum Ausdruck gebracht

Gießener Gtadttheaier.

Hans Sturm und Moritz Färber:

So ein Mädel!"

Dieses Stück, bekannter unter dem NamenDas Extemporale", ist schon viele Jahre alt, aber, wie man gestern merken konnte, völlig unverwüstlich. Der erste Akt strotzt von jenen Unwahrscheinlich­keiten, die seit undenklichen Zeiten den Schwank auf der Büyne kennzeichnen. Daß ein Gymnasial­professor sich wieder zu verheiraten wünscht, aber wegen der Ehefeindlichkeit seines Direktors sich nicht recht getraut, bis seine hoffnungsvolle Tochter, ein Backfisch frisch aus dem Pensionat heimgekehrt, dem alten Herrn auf die Schulter klopft und die Sache in die Hand nimmt". Daß ferner diese Tochter sich als Nichte ausgeben muß, weil Papa sich bis­her nicht entschließen konnte, seiner zukünftigen Gemahlin von seinem Kinde erster Ehe Kenntnis zu geben. Daß die Dame ihrerseits einen Sohn hat, hat sie auch schamhaft verschwiegen, und es ist bloß ein freundlicher Zufall, daß dieser junge Mann in die Klasse des Herrn Professors geht und sich ausgerechnet zu gleicher Zeit in dessen Woh­nung einfindet, um sich nach dem Ergebnis seines Extemporales zu erkundigen, als seine Mutter, von der kurz entschlossenen Tochter (Nichte) eingeladen, zum Verlobungsabendessen beim Professor erscheint. Daß natürlich der Professor von der nahen Ver­wandtschaft nichts ahnt, daß endlich die Nichte (Tochter), eine Tanzstundenbekanntschaft des Dri- maners, aus Mitleid die von Fehlern wimmelnde Arbeit aus dem Extemporaleheft reißt und vom Konzept ihres Vaters abschreibt: fast fehlerlos, aber leider um einen Absatz zuviel, der wegen Zeit­mangels tags zuvor nicht mehr mitdiktiert worden war.

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Uff! Das ist ein bißchen viel auf einmal, aber es lohnt sich. Die Häufung der Zufälle im ersten Akt trägt in den folgenden beiden glänzende Früchte, und es erweist sich, daß die beiden Autoren auf eine nahezu raffinierte Weise das Grundprinzip aller Schwankdramaturgie ausgeschlachtet haben, welches darauf beruht, daß die handelnden Perso­nen auf der Bühne von dem, was der Zuschauer dank der erwähnten hanebüchenen Exposition im ersten Akt längst weiß, keine oder nur eine schwache Aynung haben. Die Folge davon ist hier, daß sich das am andern Morgen folgende Verhör im Kon­ferenzzimmer des Gymnasiums zu einer Ange­legenheit mit wahrhaft kriminalistischen Spannungs­

und Ueberraschungsmomenten steigert, da die Affäre mit dem abaefchriebenen Extemporale gleichzeitig die privaten Vorgänge in der Wohnung des Pro­fessors zur peinlichen Bestürzung der Hauptbeteilig­ten und zum Gaudium des schadenfrohen Publi­kums Stück für Stück ans Licht bringt. Das ist den beiden Verfassern mit einer erstaunlichen Lücken­losigkeit und Folgerichtigkeit gelungen; und obwohl der Zuschauer längst im Bilde ist, wird er dennoch immer aufs neue überrascht von der Fülle der aus den persönlichen Verwicklungen dieses Falles sich ergebenden Pointen, und es kann ihn nicht wun­dern, daß nach und nach statt des schuldigen Back­fisches sich der Professor, seine Verlobte und zuletzt der ausnahmsweise unschuldige Primaner selbst des Deliktes bezichtigen, das sie nicht begangen haben.

Die von Herrn 93 o I cf inszenierte Aufführung ließ alle Minen springen, ließ sich auch keinen der dankbaren Effekte entgehen und führte zu einem überaus heiteren Erfolg schon um deswillen, weil allen Darstellern der komplizierte Ulk offensichtlich selber Spaß machte und jedermann mit Hingabe bei der Sache war. Herr Löffler hatte die pas­senden Dekorationen entworfen; insbesondere das Konferenzzimmer im zweiten und dritten Akt schien uns der beklemmenden Atmosphäre des Kriminal­falles in hohem Maße zu entsprechen.

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Fräulein Pflug war die hoffnungsvolle und bezwingend jugendliche Dame aus dem Pensionat, die mit ihrem stürmischen Temperament die ganze Geschichte anstiftet: sie hüpfte wie ein Wirbelwind durch die privaten und amtlichen Gemächer und erwies sich als ein enfant terrible von erstaunlicher Vollendung. Herr L ü p k e machte den Oberlehrer auf Freiersfüßen, schrecklich schwankend zwischen väterlich - pädagogischem Autoritätsbedürfnis und peinlicher Verlegenheit. Herr 23 o I cf erschien in der Paraderolle des Professors Jeremias, der an den Direktor Heinzerling bei Eckstein lebhaft er­innert, ein Schulgewaltiger mit herrlichem Rausche­bart und dem Brustton des scharfsinnigen Unter­suchungsrichters. Fräulein W i e l a n d e r hatte sich als die Aufwärterin Frau Hultzfch betörend aus­staffiert und brachte ihre trefflichen sächsischen Poin­ten anerkennenswerterweise ohne störenden Wiener Beigeschmack. Herr Göbel spielte den Primaner mit Begeisterung: teils furchtbar verlegen, teils voll gekränkter Unschuld, zuletzt mit stürmischen Freudenausbrüchen. Frau S t i r l als besorgte Mama und verschämte Braut, Herr Nieren als biereifriger Kastellan Krumbiegel und auch der

kleine Heinz Vogel als Untertertianer machten ihre Sache recht wacker.

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Die Heiterkeit war allgemein, der Beifall, be­sonders zum Schluß, sehr herzlich. hth.

Kleines Märchen im Alltag.

Bon Hans Franke, Heilbronn.

Ein Briefträger in Stellingen bei Hamburg wurde eines Tages von dem Befehl überrascht, sich um die und die Stunde bei seiner vorgesetzten Behörde ein­zufinden. Der gute Mann ging auf dem Wege dahin alle seine vermeintlichen Fehler und Ver­gehen sorgfältig durch, konnte sich aber nicht ent­sinnen, vom schmalen Wege der Pflicht jemals ab­gewichen zu sein. Als er vor den Vorgesetzten stand, die ziemlich zahlreich das Bürozimmer füllten, sagte ihm ein Blick, daß nur eine freudige Ueberraschung seiner harren konnte, und in der Tat wurde er von den Herren sehr liebenswürdig in einen Sessel kom­plimentiert, man bot ihn eine Zigarre an, und es schien dem Briefträger fast, als werde vor ihm eine Art Märchen gespielt.

Märchenhaft war auch, was ihm nach diesem Ein­leitungszeremoniell eröffnet wurde: daß er nämlich zum Erben von dreitausend Mark und einer wenn auch ältlichen und abgegriffenen Wohnungseinrich­tung eingesetzt worden sei. Mit Willen ließen die Herren, auf deren Gesicht ein fröhliches Lachen stand und die nun schon in einem Nebel von Zigar­renrauch beinahe verschwanden, unseren überrasch­ten Freund im Unklaren, so daß er zunächst die Reihe seiner Verwandten überschlug, aber keinen dem Lebensabend Nahen fand und sich nur wun­derte, was eine Erbschaft denn mit seinem Amte zu tun haben könne.

Ihm sollte bald Aufklärung werden. Es wurde jetzt nämlich mit konkreteren Bescheiden gearbeitet und er erfuhr, daß die Witfrau Else K., eine Frau von siebenundachtzig Jahren, wohnhaft in der Kie­ler Straße, ihn als Universalerben eingesetzt habe, rechtskräftig und in einem hier vorliegenden Te­stament.

Jetzt entsann sich der Briefträger dieser Alten und daß er ihr immer am Monatsende ein paar Mark Rente gebracht hatte und dann und wann auch wohl einen Brief. Stets hatte er einige Minyten bei ihr verbracht, sich mit ihr über die Zeitläufe unterhalten, ihr auch einmal mit schnellen Griffen den Lautsprecher repariert, ja als es auf Weih­nachten ging und er der Alten gedachte, hatte er in feinem guten Herzen ihr einen Kanarienvogel ge­

kauft und auf den Tisch gesetzt, der nun wie er in der nächsten Minute hörte auch mit an ihn gefallen war. Die alte einsame Frau nämlich hatte mit einer rührenden Zärtlichkeit an dem aufmerk­samen und guten Manne gehangen, sie hatte ihn in ihrer zitternden Greisenschrift als 2)enbesten Menschen" bezeichnet, den es gäbe, er fei in den fünfzehn Jahren ihrer Einsamkeit der netteste und freundlichste Mann gewesen, mit dem sie zu tun gehabt hätte. So vermache sie ihm denn ihr kleines Vermögen und ihre Wohnungseinrichtung, die er vielleicht gebrauchen könne, wenn seine kleine Ger­trud, von der er ihr so oft erzählt hatte, groß ge­worden sei.

Dies alles wurde dem überraschten Beamten vor- gelesen, es folgte noch eine offizielle Belobigung, dann konnte der also Bedachte mit einem leichten und frohgemuten Herzen den Heimweg antreten.

Gesundheitsdienst unter den Eskimos.

Die Eskimos gelten als ein außerordentlich zähes und widerstandsfähiges Volk. Dennoch ist immer wieder feftgestellt worden, daß sie den Leiden und Beschwerden gesundheitlicher Natur, die ihnen von den Weißen in ihr Land gebracht worden sind, stärker ausgeliefert sind als die Fremden selber. Krankheiten wie Erkältungen und Influenza sind erst mit den Walfischfängern zu ihnen gekommen, und es ist deshalb eine der wichtigsten Fragen des Gesundheitsdienstes im hohen Norden, wie der Ausbreitung der importierten Krankheiten Einhalt geboten werden kann. Die kanadische Regierung beschäftigt in den Siedlungsgebieten der Eskimos augenblicklich acht Aerzte, die ihre Aufgabe unter Zuhilfenahme aller nur erdenklichen Verkehrsmittel, dem Flugzeug, Dampfer, Motorboot, Kanu und Hundeschlitten erfüllen. Die Erfahrung hat gezeigt, daß der Gesundheitszustand der Eskimos um so schlechter wird, je mehr sie sich von ihren alten Lebensgewohnheiten entfernen. Aus diesem Grunde wird großer Wert darauf gelegt, daß sie ihre über­lieferten Jagdgewohnheiten beibehalten und vor allem in ihrer Ernährungsweise keine Aenderung eintreten lassen. Von den Krankheitsfällen, die in den Krankenhäusern am Mackenziefluß in den letz­ten Jahren behandelt worden sind, waren allein rund 90 v. H. auf eine den Eskimos nicht ange­messene Ernährung zurückzuführeN. Die AerztO verordnen deshalb eine Diät, die möglichst den alten natürlichen Bedingungen entspricht und in der die von den Weißen eingeführten Nahrungs­mittel eine geringe Rolle spielen.