ändernde Sonnen.
Sternbilder verändern sich. — Reisegesellschaften im Wettenraum.
Von Or. Erwin Kosstnna.
Seit uralten Zeiten hat die Pracht des gestirnten Himmels die Menschen beschäftigt. Sie faßten die helleren Sterne zu Gruppen oder Sternbilder zusammen und gaben ihnen den Namen von Göttern und Heroen. Bei fast allen Kulturvölkern des Altertums finden wir dieselbe Gruppierung der Sterne zu Sternbildern, wie sie heute nach Jahrtausenden noch üblich ist. Für das freie Auge scheinen die Sterne ihre Lage zu einander im Laufe eines Menschenalters nicht zu ändern. Alte Leute sahen den Sternhimmel genau so, wie sie ihn als Kind gesehen hatten. Man glaubte, die F i x st e r n e seien unbeweglich — bis die mit äußerst genauen Instrumenten messende Astronomie den Beweis führte, daß im Weltenraum alles in Bewegung ist. Auch die Fixsterne verändern ihre Stellung am Himmel, allerdings so langsam, daß erst nach vielen Jahrtausenden ausfällige Verschiebungen dem freien Auge erkennbar werden Die auf zahllosen, durch Jahrzehnte fortgesetzten Beobachtungen beruhende Untersuchung der Sternbewegungen führte bald au dem bemerkenswerten Ergebnis, daß gewisse Sterngruppen eine gemeinsame Bewegung besitzen. Aber diese Sterngruppen decken sich nicht immer mit unseren Sternbildern, die oft nichts miteinander zu tun haben. Ein Beispiel dafür das wohlbekannte Sternbild des Großen Bären oder Wagen am Nordhimmel, in dem sieben helle Sterne die Figur eines Wagens mit Deichsel darstellen. Von diesen sieben Sternen zeigen nur fünf durch ihre gleichgerichtete und parallele Bewegung im Raum an, daß sie zusammengehören und gewissermaßen eine Familie bilden. Für diese konnte Professor Ludendorff in Potsdam aus der gemeinsamen Bewegung den mittleren Abstand zu 90 Lichtjahren bestimmen. Benetnasch, der äußere Deichselstern, und der Stern rechts oben im Viereck des Wagens, laufen aber gerade entgegengesetzt durch den Raum. Sie sind auch viel weiter von uns entfernt und durch ungeheure Räume von den übrigen fünf Sternen des Wagens getrennt. Die anders gerichtete Bewegung aber führt dazu, daß nach Jahrtausenden das Sternbild sich so verändert haben wird, daß es kaum noch wieder zu erkennen ist, ebenso wie es vor 10 000 Jahren wesentlich anders ausgesehen haben muß. Eine chinesische Darstellung des Himmelswagens aus dem 2. Jahrhundert vor Christus läßt bereits geringe Veränderungen dieses Sternbildes erkennen.
Merkwürdigerweise nehmen an der gemeinsamen Bewegung der fünf Sterne des Wagens auch noch einige andere helle Sterne teil, die, von der Erde aus betrachtet, in ganz anderer Richtung liegen. Dazu gehören vor allem Sirius, Beta im F u h r m a n n und der Hauptstern Alpha in der nördlichen Krone. Alle diese Sterne sind von dem gleichen Spektraltypus wie Sirius. Außer der Bewegung deutet also auch die gleichartige physikalische Beschaffenheit auf den gemeinsamen Ursprung hin. Ebenso auffällig ist, daß unsere Sonne in völlig anderer Richtung zwischen Sirius und den Bärensternen hindurchlauft. Sie wandert auf das Sternbild des Herkules zu und entfernt sich vom Orion. Wie die Bäume auf der Landstraße scheinbar auseinanderstreben, hinter uns sich zusammenschließen, so zeigen die Herkules- und Orionsterne die gleiche perspektivische Erscheinung am Himmel, hervorgerufen durch die Bewegung unseres Sonnensystems im Raum.
Die Bärensterne mit ihrer gleichartigen Bewegung sind nur ein Beispiel von vielen. Da gibt es große Sterngesellschaften, deren Mitglieder scheinbar alle einem Punkt des Himmels zustreben, was aber in Wirklichkeit nur die perspektivische Folge ihrer gemeinsamen parallelen Bewegung durch den Raum ist. Der Astronom nennt sie kurz „S t e r n st r ö m e". Die bekanntesten Beispiele dafür sind die Hyaden und die Plejaden im Stier. Diese beiden prächtigen Sternhaufen finden wir jetzt im Frühjahr zu Beginn der Dunkelheit hoch am Südhimmel, und das Feldglas zeigt
uns interesiante Einzelheiten in der Gruppierung der Sterne. Als ein lockerer Schwarm von weit über hundert Sonnen umgeben die weißglitzernden Hyaden scheinbar den rötlichgelben Aldebaran, der uns aber viel näher steht und physisch nicht zu dem Sternhaufen gehört. Aldebaran ist „nur" 55 Lichtjahre, die Hyaden aber rund 130 Lichtjahre entfernt. Bei der Betrachtung durch das Opernglas fallen besonders die beiden Doppelsterne Theta und Sigma Tauri auf. Die Mitglieder dieser Stern- gesellschast wandern alle parallel durch den Raum und streben scheinbar einem Punkte zu, der etwas östlich von Beteigeuze im Orion gelegen ist. Aus der Lage des Zielpunktes, der jährlichen Eigenbewegung am Himmel und der Geschwindigkeit in der Sehlinie, lassen sich die räumlichen Verhältnisse des Sternhaufens recht genau festlegen. Danach sind seine nächsten Sterne 109, die fernsten 163 Lichtjahre von uns entfernt. Der Durchmesser des ganzen Sternhaufens beträgt also 54 Lichtjahre. Der Hyadenschwarm entfernt sich von uns mit einer Geschwindigkeit von 45 Kilometer in der Sekunde oder 1400 Millionen Kilometer im Jahr. Das erscheint uns außerordentlich schnell, ist aber im Vergleich 3iix den enormen Entfernungen im Weltall ein wahres Schneckentempo. Denn erst in 9000 Jahren vergrößert sich der Abstand des Sternhaufens um ein Prozent. Zu Beginn des Eiszeitalters in Europa waren die Hyaden der Erde am nächsten-, in 15 Millionen Jahren werden sie so klein erscheinen wie gegenwärtig die Plejaden. Die Plejaden, im Volksmund auch Siebengestirn oder Henne mit Küchlein genannt, bilden einen ähnlichen offenen Sternhaufen wie die Hyaden. Sie schweben aber in 500 Lichtjahren Entfernung, sind also viermal so weit und drängen sich daher auf einer wesentlich kleineren Himmelsstriche zusammen als die Hyaden. Ohne Fernglas erkennt man gewöhnlich nur sechs helle Sterne, ein besonders scharfes Auge vielleicht sieben bis zehn. In Wirklichkeit sind in den Plejaden über 200 Sonnen zu gemeinsamer Reise durch das Weltall vereinigt. Die helleren Sterne, von denen uns ein Prismenfernglas etwa 30 bis 40 zeigt, sind ausnahmslos Lichtriesen im Vergleich zu unserer Sonne. Dies gilt namentlich von den sechs mit freiem Auge erkennbaren Plejaoensternen, die wahre Giganten sind. A l k y o n e, der hellste von ihnen, übertrifft die Sonne 600mal an Leuchtkraft. Der ganze Schwarm erstreckt sich über einen Raum von 30 bis 40 Lichtjahren. Der zentrale Teil mit den Giganten hat etwa 12 Lichtjahre Durchmesser. Die Mitglieder des Plejadenstroms sind also durch riesige Entfernungen von einander getrennt, so daß die Anziehungskräfte der mächtigen Sonnen auf die Bewegung keinen störenden Einfluß ausüben, sondern lediglich genügen, um den Schwarm zusammenzuhalten. Im Sternbild des Perseus finden wir einen Strom von 16 Heliumsternen, zu welchen außerdem noch mehrere helle Sterne der Cassiopeia und einer im Fuhrmann gehören. Dieser Schwarm ist im Gegensatz zu den Plejaden merkwürdig auseinandergezogen, wahrscheinlich infolge der Bewegung und Durchdringung von andern Sternwolken, wobei sich einzelne Sterne verhältnismäßig nahe kamen und in ihrer Bewegung störten. Em ähnlicher Fall liegt in dem langgestreckten Sternbild Haar der Berenice vor. Die Fähigkeit, Sternströme zu bilden, scheint auf Sonnen mit großen Massen beschränkt zu sein, wobei die frühen Spektraltypen auffällig bevorzugt werden. Hauptsächlich handelt es sich also um Sonnen vom Typus des Sirius und der Orionsterne, die sich durch große Leuchtkraft auszeichnen. So hat Algenib, der Hauptstern im Perseusstram, bei 400 Lichtjahren Abstand 2000fache Sonnenhelligkeit. Die in dem offenen Sternhaufen beobachteten Sternströme liegen durchweg in oder nahe der Milchstraße, und auch die Bewegungen vollziehen sich hauptsächlich in der Ebene der Milchstraße.
Zwischen den Sternströmen aber ziehen unzäh-
liche Einzel- und Doppelsterne ihre vorgeschriebene Bahn durch den weiten Raum, darunter manche Schnelläufer, die mehrere hundert Kilometer in der Sekunde zurücklegen. Alle folgen dem einen großen Gesetz der allgemeinen Massenanziehung, Das jede Bewegung im unendlichen Raum regelt und sie zwingt, das Zentrum des Milchstraßensystems zu umkreisen. Hunderte von Millionen Jahren müssen vergehen, ehe sie bei ihrer Wanderung einen Umlauf vollendet haben. Könnten wir das Weltall durch einen Zeitraffer betrachten, der Jahrtausende zu Minuten und Sekunden zusammenschrumpfen läßt, so würden wir
die Sterne durcheinanderwirbeln sehen wie die Flocken eines Schneegestöbers. Und doch ist dieser Vergleich sehr unvollkommen. Denn während Schneeflocken sich beim Herabschweben bis zur gegenseitigen Berührung nähern können, bleiben die Sterne durch Räume von einander getrennt, die millionenmal größer sind als ihr eigener Durchmesser. Nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeitsrechnung vergehen Milliarden Jahre, ehe zwei Sterne zufällig auf Jupitersweite — das sind immer noch 800 Millionen Kilometer — einander nahe kommen. Die Befürchtung des Zusammenstoßes zweier Sonnen ist daher unbegründet.
Das übertünchte Grab.
Erinnerungen eines evangelischen Pfarrers aus der Sowjet-Union.
„Das übertünchte Grab" hat der Herausgeber Carlo v. Kügelaen die „Erinnerungen eines evangelischen Pfarrers aus der Sowjetunion" genannt. Der Titel dieses Büchleins des Nibelungen-Verlages wird erst verständlich, wenn man das Motto liest: „Ihr gleicht übertünchten Gräbern, die von außen schön aussehen, im Innern aber voll von Totengebeinen und lauter Verwesung sind". Denn wie viel Abstoßendes und Schreckliches man vom Wirken des Kommunismus hört, — sein Werk erscheint von außen gesehen, selbst wenn man die Poternkinschen Dörfer durchschaut, noch geradezu schön im Vergleich zu seinem dunklen Innern. „Wer kennt, wer ahnt auch nur die Größe und Grausamkeit der C h r i st e n Verfolgung dieses Landes?" fragt der evangelische Pfarrer Kern. „Selbst wir Christen Rußlands hatten bei allem Haß, der uns umgab, trotz Hohn und Raub und Verfolgung noch keinen vollen Einblick in den schwarzen Abgrund kommunistischer Vernichtungsgier der christlichen Kirche gegenüber."
Und nun schildert der schlichte deutsche Kolonistenpfarrer, was er persönlich erlebt hat. Erschütternd wirkt die Schilderung grausamster Leiden ganzer großer Schichten der Bevölkerung, die das Los des Pfarrers teilen.
Pfarrer Kern wird, nachdem die Behörden ihm den Dienst an seinen Gemeinden immer schwerer gemacht, ihn wie ein Tier gehetzt und mit Steuern zu erdrücken versucht haben, ohne Angabe jeden Grundes verhaftet. Zuerst sitzt er mit Hunderten deutscher Bauern im Dorfgefängnis unter Verhältnissen, die man in Deutschland nicht Hunden zumuten würde. Dennoch erscheint ihm diese Gefangenschaft später als „selige Zeit", als er in den Fängen der GPU. schmachtet.
Seine Erlebnisse im Gefängnis der GPU. bilden wohl den Höhepunkt dieser ergreifenden Erinnerungen. Pfarrer Kern wird hier, wie alle seine Mitgefangenen, durch furchtbare Qualen an den Rand der Selbstauflösung getrieben. 2 2 Tage und 22 Nächte dauert bas Verhör, das den alleinigen Zweck hat, den Pfarrer zur Aufdeckung einer Verschwörung unter den deutschen Bauern oder den evangelischen Pfarrern au bringen. 22 Tage und 22 Nächte wird er verhindert, e i n z u s ch l a f e n. Man gibt ihm kaum etwas zu esien, läßt ihn stundenlang stehen, zum Schluß immer 4Vz Stunden, um dann eine halbe Stunde sitzen zu dürfen, läßt ihn sich nicht waschen, seine Wäsche nicht wechseln, — alles, um den aufrechten, an seinem Glauben und seiner Ehrlichkeit standhaft festhaltenden Mann zu zermürben. Tagtäglich und nachtnächtlich wird er von seinem jüdischen Untersuchungsrichter Finkel bearbeitet. In Gutem und in Bösem, mit Verlockungen und widerlichen Drohungen gegen seine Frau und seine Kinder sucht man ihn kleinzukriegen. Stets liegt das weiße Blatt vor ihm, wenn er mit seinen Wächtern in der Zelle sitzt, auf dem er ein Geständnis niederschreiben und damit sich von der Fortsetzung der Verhörsfolter befreien soll. Er bleibt standhaft als Christ, auch, als man ihn, den schon halb Wahnsinnigen, in den Gefängnishof führt, um ihn zu erschießen. Es ist eine Scheinerschießung.
Der körperlich gebrochene, mit nervösem Ausschlag bedeckte Mann erhält wieder die Erlaubnis zu schlafen, weil die GPU. ihre Gefangenen weder körperlich noch geistig gänzlich zugrunderichten will, da sie der Staat als Zwangsarbeiter benötigt. Als
auch alle anderen Versuche, Kniffe, Uebertölpelungen und Ueberredungskünste sich als vergeblich erweisen und aus Kern kein Geständnis herauszupressen ist, wird er kurzerhand, natürlich in seiner Abwesenheit, zur Zwangsarbeit verurteilt.
Seine Erlebnisse als Sklavenarbeiter auf Land- gütern der GPU., in einer Waldkonzession Nordrußlands, in Sibirien, am Weißmeerkanal und in den verschiedensten Gefängnissen füllen die letzten Kapitel des Buches. Sie geben ein anschaulich lebendiges Bild von einer Hölle, in der Zehntausende unschuldiger Menschen völlig schütz- und rechtlos unter teuflicher Willkür leiden und großenteils zugrundegehen.
Fast unvorstellbar ist es, daß die Sklavenhalter in den Arbeitszwangslagern und Gefängnissen großenteils selber Verbrecher sind und stets gemeine Sache mit den gefangenen Kriminellen gegen die Politischen und insbesondere auch gegen die um ihres christlichen Glaubens willen Verurteilten machen. Die Erzählungen des Pfarrers von den sogenannten „Banditen" oder „Indianern" oder „Urkachany" sind geradezu phantastisch. Diese Verbrecherzunft gebärdet sich in den Gefängnissen und Lagern überall als der Herr, beraubt die übrigen Gefangenen und quält sie bis aufs Blut.
Im ganzen Buch kommt das Wort „Nationalsozialismus" nicht vor. Dennoch ist es der denkbar stärkste Beweis für die Größe und Richtigkeit der nationalsozialistischen Tat in Deutschland. Das Schicksal des echt deutschen Bauernpfarrers und wahren Christen muß jedem Zweifler die Binde von den Augen reißen, denn es offenbart den Abgrund, in den das deutsche Volk bei einem Siege des Kommunismus versunken wäre. Dieser Abgrund, dieses Grab, voll von Totengebeinen und lauter Verwesung, hätte nicht nur das deutsche Volk, sondern leicht auch die andern Völker Europas verschlungen, wenn Die Vormacht des Kommunismus nicht in Deutschland vernichtet worden wäre.
Darum verdient das Buch von C. v. Kügelgen die größte Verbreitung nicht nur im deutschen Volk, in dem manche Kreise leicht geneigt sind, über Tagesfragen und Nöten das Wesentliche zu vergessen, sondern auch über die Grenzen Deutschlands hinaus. Denn der Kommunismus hat feinen Ansturm auf Europa auch nach der Niederlage in Deutschland nicht aufgegeben. Er kämpft um jedes Land, um jedes Volk, um jede Position und ist, wie die Ereignisse an der Saar bewiesen haben, sogar bereit, als Beschützer der Kirche aufzutreten, nur um sie und mit ihr alle nationale Kultur nach feinem Siege um so rücksichtsloser zu vernichten.
Brandstifter Kahn beqeht Selbstmord.
LPD. Frankfurt a. M., 22. April. Wie die Justizpressestelle Frankfurt a. M. mitteilt, hat der Brandstifter Julius Kahn, der Mitinhaber des im Februar durch Brandstiftung eingeäscherten Textilwarengeschäfts Veit Wohlfahrt, am Samstagmorgen im Strafgefängnis Preungesheim S e l b lt- mord durch Erhängen verübt. Der Generalstaatsanwalt, der Vertreter des Oberstaatsanwalts und der Untersuchungsrichter haben sich alsbald in das Strafgefängnis begeoen. Nach den von ihnen getroffenen Feststellungen kommt irgendein Verschulden oder Fahrlässigkeit eines Dritten, insbesondere eines Beamten der Strafanstaltsverwaltung, nicht in Frage.
Bachs Ahnen und Söhne.
Von Or. Herbert Just.
Hier siehst du geigen Hansen Bachen.
Wenn du es hörst, so mußtu lachen.
Er geigt gleichwohl nach feiner Art, und trägt ein'n hibschen Hans-Bachen-Bart.
So heißt die Inschrift auf einem alten Kupferstich, dem Bildnis eines Fiedlers, feiner Tracht nach aus der Reformationszeit. Dieser lustige Geiger Hans Bach ist der Ahnherr Johann Sebastian Bachs, des größten musikalischen Genies, das Deutschland, ja vielleicht die Welt, je besessen hat. Johann Sebastian stammt also aus einer alten Familie von Fiedlern, Stadtpjeifern, Kantoren und Organisten, die in seiner Heimat Thüringen so bekannt und geschätzt war, daß man lange Zeit unter einem Bach nichts anderes als einen Musiker verstand. So ist Johann Sebastian Bach der Größte einer Ahnen- folge von zwei Jahrhunderten; nicht wie Händel, dessen musikalisches Genie in seiner Familie ganz allein dasteht, ohne Vorgänger und Nachfolger, ähnlich einem Felskegel, der unvermittelt aus flachem Lande steilragend emporschießt, sondern Bach gleicht eher dem höchsten Gipfel eines Gebirgsmassivs, der auf viele Spitzen in weitem Umkreis wie auf eine Schar von Gefolgsleuten hinabblickt.
In dem bürgerlich - behaglichen Haufe, in dem Johannes Ambrosius Bach, der Stadt- und Hof- mufikus von Eisenach, wohnte, muß ein munteres Leben geherrscht haben. Zwölf Kinder wurden dort geboren, und von diesen Zwölf war Johann Sebastian das Jüngste. (Händel war das achte Kind.) Den Namen Johannes hatten übrigens alle Söhne, und alle wurden sie Mufici. Die Kinder des Hauses, dazu die Lehrknaben und Gesellen, die ebenfalls im Haufe lebten — sie machten zusammen das Orchester des Ambrosius Bach aus. Sie spielten nicht nur zum eigenen Vergnügen, sondern mit dieser Truppe mußte Vater Bach sauer genug das tägliche Brot verdienen, indem er bei Hochzeiten und Begräbnissen den musikalischen Teil lieferte. Als ein Gesetz herauskam, das den üppigen Aufwand bei Hochzeiten verbot, da bedeutete diese im Interesse der guten Sitte gewiß begrüßenswerte Maßnahme für die Familie Bach selbst einen empfindlichen Verlust an Einkommen, so daß Ambrosius Bach sich schließlich bereitfinden muhte, auf eine Weise Geld zu verdienen, die eigentlich unter seiner Würde lag. Er
mußte im Wirtshaus zu Tanz und allerlei Lustbarkeit den Bierfiedler machen. So mag in feinem Haufe manchmal Schmalhans Küchenmeister gewesen sein.
Als Johann Sebastian heiratete — und zwar seine Base Maria Barbara Bach — und sich in Arnstadt, wo er Organist war, einen eigenen Hausstand gründete, da hatte er immerhin schon ein für einen 22jährigen jungen Mann ein gan^ hübsches Einkommen, das außer in 86 Gulden in Naturalien — drei Malter Korn, zwei Klafter Holz, sechs Schock Reisig und drei Pfund Fischen — bestand. In Weimar ging es ihm geldlich noch wesentlich besser. Nun wurden ihm seine Kinder geboren: Katharina Dorothea, Wilhelm Friedemann, Philipp Emmanuel, Johann Bernhard, Leopold Augustin, dazwischen auch einmal Zwillinge, die aber noch am Tage der Geburt starben. Freudig würden wir es begrüßen, wenn uns irgendwo geschildert wäre, wie die Geschwister Bach miteinander lebten, wie es im Hause zuging und wie Vater und Mutter die Erziehung handhabten. Aber man machte damals von der Kindheit weniger Aufhebens als heute; so können wir froh sein, wenn wir auf Umwegen ein wenig Nahrung für unsere Phantasie und Neugierde finden. Wir haben eine Aufzeichnung aus der Familie eines Weimarer Freundes von Bach, des Konrektors G e ß n e r , wo uns erzählt wird, wie Vater Geßner, während er an einem großen Werk schrieb, mit der linken Hand die Wiege seines Jüngstgeborenen schaukelte. Daneben sitzt seine Frau Elisabeth, „bessert fleißig an den Kleidern der Kinder und verhandelt launig mit den Kleinen, die sich gegen die aufgesetzten Flecken sträuben, bis ihnen die Mutter vorschlägt, die neuen Stücke als Sonne, Mond und Sterne auszuschneiden und in dieser prachtvollen Gestalt auf^unähen ..." Eine so herzhafte Bereitwilligkeit und einen so guten Humor, sich mit den Sorgen des Alltags herumzuschlagen und daneben an Großem zu wirken, dürfen wir gewiß auch im Hause Bach suchen.
Johann Sebastian Bachs Frau starb nach dreizehnjähriger Ehe. Anderthalb Jahre später heiratete er Anna Magdalena Wülken, die jüngste Tochter eines Hof- und Feldtrompeters. In 28jähriger Ehe schenkte sie ihm weitere 13 Kinder. Wenn wir hören, daß der größte Teil im geräumigen Haus des Thomaskantors Bach in Leipzig aus Schlafstuben bestand, so nimmt uns das nicht weiter wunder. Groß und Klein in dieser zahlreichen Familie stand bereits um 6 Uhr morgens um das Clavecin versammelt und stimmte ein frommes Morgenlied an. Nicht ohne Stolz schreibt Johann Sebastian einmal an einen Freund: „Meine Kinder sind geborene Musici und kann versichern, daß ich schon ein Kon
zert oocaliter und inftrumentaliter mit Gesangsund Jnstrumentenstimmen mit meiner Familie formieren kann, zumal da meine itzige Frau gar einen sauberen soprano finget und auch meine älteste Tochter nicht schlimm einschläget."
Die Söhne Bachs setzten also die Ueberlieferung der Familie fort und wurden ebenfalls Musiker. Freilich nur vier von ihnen haben Bedeutung in ihrem Beruf erlangt und mit ihnen ist bann der Ruhm des Mufikergeschlechts zu Ende gegangen, gerade als habe sich die musikalische Kraft der Familie in Johann Sebastian Bach und feinen berühmten Söhnen erschöpft.
Don ihnen entfernte sich der Jüngste — Johann Christian Bach — am weitesten vom Vater, in seiner Musik wie in seiner ganzen Lebensart. Komponierte Johann Sebastian Bach seine Chöre, Kantaten, Klavierstücke und Lieder nach seiner eigenen Aussage „allein zum Lobe Gottes und zur Ergötzung des Gemütes", so schrieb Johann Christian Bach seine Opern, Konzerte und Arien, um zu leben. Und wie zu leben!
Schon in jungen Jahren ist er Hofkomponist der Königin von England — also gewissermaßen Händels Nachfolger — und führt das Leben eines eleganten Kavaliers. Seine Opern werden bejubelt. Die vornehmen Familien Londons reißen sich darum, ihren Töchtern von Bach Klavierunterricht geben zu lassen. Zwanzig Mark zahlen sie ihm für die Stunde. 30 000 Mark Jahreseinkommen soll er gehabt haben, eine für die damalige Zeit mit ihrem viel höheren Geldwert ungeheure Summe. Aber als er stirbt, da hinterläßt er seiner Witwe nicht etwa ein Vermögen, sondern nur Schulden, nichts als Schulden. Denn sein üppiges Leben hatte trotz seines riesigen Einkommens weit mehr verschlungen als er verdiente.
In einer ganz anderen Welt lebte der nur weniger ältere Bruder des Londoner Bach, Johann Christoph Friedrich Bach. Er war es zufrieden, seinem Herrn, dem Grafen von Schaum- burg-Lippe, in dem Residenzstädtchen Bückeburg als Konzertmeister und Kammermusikus zu dienen und für die Hofkapelle die nötigen Kompositionen zu liefern. Natürlich hatte er auch eine zahlreiche Kinderschar, und es ging in seinem Hause darum oft laut und luftig zu. Das war ihm an sich wohl recht. Aber der Lärm der Kinder störte chn doch oft beim Komponieren, besonders im Winter, wenn im ganzen Haus nur ein Zimmer geheizt werden durfte, um bas teure Holz zu sparen. Darum richtete er an ben Grafen im Jahre 1771 folgenbes Gesuch:
„Durchlauchtigster Herr, gnädigster regierender Landesherr, Ew. Durchlaucht werden sich noch
gnädigst erinnern geruhen, daß vor einigen Jahren das mir huldreichst zugeteilte Holz bis auf 12 klafter eingeschränkt worden ist. Ich habe dabei die Unbequemlichkeit, daß ich nur einen Ofen Hitzen kann und meine Arbeiten in dem nämlichen Zimmer, wo meine ganze Familie versammelt ist, verrichten muß. Ew. Durchlaucht werden aber selbst gnädigst zu beurteilen geruhen, daß die Komposition der Musik bei dem Geräusch der verschiedenen Gegenstände nicht den gewünschten Erfolg haben kann, und daher ergeht an Ew. Durchlaucht meine untertänigste Bitte, Höchstdieselben wollen mir die 3 abgekürzten Klafter Holz wieder zuzulegen die hohe Gnade haben. Ich ersterbe in tiefster Ehrfurcht, Ew. Durchlaucht, meines gnädigst regierenden Landesherrn treu untertänigster Knecht Johann Christoph Friedrich Bach."
Nun, der Graf hat wohl eingesehen, daß Bach zum Komponieren ein eigenes Zimmer brauchte, wenn er von ihm gute Musik verlangen wollte, und hat an den Rand Des Gesuches geschrieben:
„Es sind unserem Konzertmeister Bach jährlich drei Klafter Brennholz zu desselben jetzigen Holzdeputat zugelegt."
Dem jüngeren Brüderpaar aus Bachs zweiter Ehe stehen die beiden älteren Brüder Wilhelm Friedemann und Karl Philipp Emanuel gegenüber, beide genial begabt. Aber Friedemann hat nicht das gehalten, was fein Vater und feine Brüder sich von ihm versprachen. Philipp Emanuel sagte z. B. von ihm: „Er konnte unfern Vater eher ersetzen als wir alle zufammengenom- men". So bescheiden hätte dabei Philipp Emanuel nicht zu fein brauchen; denn er selbst war auch ein Komponist höchsten Ranges, vor allem ein meisterhafter Klavierspieler, dessen Ruhm den seines Vaters zu feinen Lebzeiten weit überstrahlte. Musiker und Musikfreunde aus aller Welt rechneten es sich zur Ehre an, wenn sie ihn in Hamburg besuchen dursten. Dort wirkte er zwei Jahrzehnte lang, nachdem er vorher 25 Jahre lang Hofcembalist Friedrichs des Großen gewesen war.
Mit diesem Namen verbindet sich der größte Augenblick in der Geschichte der Familie Bach. Am 7. Mai besuchte Johann Sebastian Bach mit feinem Sohn Friedemann im Stadtfchloß zu Potsdam Friedrich den Großen, an dessen Hof Philipp Emanuel Bach Cembalist war. Ein Augenblick von seltener geschichtlicher Größe: Der größte Herrscher und der größte Musiker des Jahrhunderts, der junge König und der greife Kantor, stehen Äug' in Äug' gegenüber, um nach einer kurzen Spanne von Stunden jeder nach eigenen Gesetzen feinen Lebensweg fortzusetzen.


