Ur. 248 Drittes Blatt
GietzenerAnzeiger (General-Anzeiger für Dberhesien)
Mittwoch, 2Z. Oktober (935
Aus der Provinzialhauptstadt.
Väter und Söhne.
Es ist nichts mehr mit unserer Bildung, liebe Mitväter. Wir mögen ganz nette Sachen gelernt und diese netten Sachen auch einigermaßen nutzbringend angewandt haben, aber was nutzt uns das alles, wenn wir bei den Famitienmahlzeiten unseren nachdrängenden Herren Söhnen gegenüber» sitzen und aus ihre Fragen auch nicht eine einigermaßen zufriedenstellende Antwort haben.
Oder sind Sie, lieber Herr Amtsbruder in väterlichen Dingen, Besitzer und gleichzeitig genauester (aber auch ganz genauester) Kenner eines modernsten Radioapparates, eines repräsentablen Autos, eines Motorrades, eines Segel- und eines Motorflugzeuges? Weichen Sie nicht aus; denn es genügt ja keineswegs, wenn Sie Besitzer und Kenner eines dieser Dinge sind: Ihr Sohn, Grundschüler oder höherer Jahrgang, das ist ganz gleichgültig, kennt sie alle, weiß alles von allen, besitzt sie alle um so mehr geistig, als er sie tatsächlich nicht besitzt, und druckt Sie (ebenfalls geistig) glattweg an die Wand mit seinen Kenntnissen.
Vielleicht wünschen wir manchmal, diese kleinen Ingenieur- und Techniker-Anwärter möchten uns etwas über Latein, Mathematik, Geographie, unsertwegen auch über Physik (soweit wir sie noch verstehen), über Kunstgeschichte oder Literatur fragen. Wir wären ja bescheiden und gäben wahrhaftig nicht mehr, als mir selbst noch wissen (was unter Umständen ja immer noch mehr ist, als sie, die Herren Söhne, davon wissen); aber sich darum zu kümmern, was w i r wissen, oh, das fällt ihnen nicht im Traume ein.
Und so wenden sich die Söhne stolz an die Mutter (die das alles nicht zu wissen braucht, weil sie ja eben nur die Mutter ist) und stechen den völlig unwissenden Vater aus mit Schwebeachse, mit Frontantrieb und Heckmotor, mit Limousine, Cabrio und Cabriolet, mit Zweitaktmotor, Pullman, Auf-, An- und Abtrieb, mit Differenzial, Röhrenempfänger, Kuppelung und Drosselung, mit Innenlenker und Außenbordmotor, mit Opel, Dixi, Auto-Union, Chlorodont, Adler, Löwe und Panther, mit Carra- ciola, Stuck, Schmeling, Leichum, v. Gramm und Schalke 04, mit Welle soundsoviel und Do X und Diesel, mit ...
Aber nun erwachen wir Väter aus unserer Betäubung, legen "Messer und Gabel hin und behaupten nach einem entsprechenden Räuspern, daß wir hier doch wohl zusammengekommen seien, um zu Mittag zu essen. Doch wenn es nun auch etwas stiller wird (Gott sei dank, das packen wir ja schließlich noch!), so sind wir doch die geschlagenen Sieger, und unsere Söhne fragen sich verwundert hinter ihren klaren Stirnen, wie die Mutter überhaupt so einen Mann nehmen konnte, der noch nicht einmal in den einfachsten Dingen Bescheid weiß. D.
Vornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
RSKOV., Ortsgruppe Gießen: 20.30 Uhr Monats- versammlung im Ccue Leib, Vortrag von Pg. B o n h a r d über „Spionage im Weltkrieg". — NSG. „Kraft durch Freude^: 20.30 bis 21.30 Uhr Allgemeine Körperschule in der Schillerschule; 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs, Brandplatz. — Stadttheater: 19.30 bis 21.45 Uhr .Holzappel". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Vergiß mein nicht!" — Oberheffischer Kunstverein, Turmhaus am Brandplatz: 16 bis 17 Uhr Ausstellung friesischer Maler der Gegenwart, Kleintierplastik von Lily König.
Stadtthealer Gießen.
Heute, 19.30 Uhr, als 4. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement der Uraufführungserfolg „Holzappel", ein lustiges Volksstück von H. A. Weber. Spielleitung: Intendant Schultze-Griesheim. Ende 21.45 Uhr.
Oie Seiet des 9. November.
Don der Landesstelle Hessen-Nassau des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda wird schon jetzt darauf aufmerksam gemacht, daß die Durchführung des 9 November einzig und allein Angelegenheit der NSDAP, ist. Die Gliederungen und angeschlossenen Verbände beteiligen sich an diesem Tage restlos im Rahmen der Veranstaltungen der NSDAP. Alls übrigen Vereine und Verbände werden besonders darauf hingewiesen, daß an diesem Tage Stjftunasfeste, Dergnüaungen vfro. zu unterbleiben haben. Auch die Saalbesitzer wollen hiervon Kenntnis nehmen, damit sie vor unnötigem Schaden bewahrt bleiben.
Lehrerschaft und Buchwoche.
Die Landesregierung — Abteilung II — hat an die unterstellten Schulen folgende Mitteilung gerichtet:
In der Zeit vom 27. Oktober bis 3. November 1935 findet die „Deutsche Buchwoche" statt. Wie im
vorigen Jahre, erwarte ich von der Lehrerschaft, daß sie sich an der Durchführung der Buchwoche tatkräftig beteiligt. Folgende Wege werden hierfür vorgeschlagen:
1. Plakat.
In sämtlichen Dienststellen und Schulen kommt das Plakat zur „Woche des Deutschen Buches": „Das Buch — ein Schwert des Geistes" zum Aushang. Der Preis des sehr wirkungsvollen Plakates beträgt 20 Rpf. Es ist zu beziehen durch den örtlichen Buchhandel.
2. Sonderschrift „Buch und Vol k".
Die Sonderschrift „Buch und Volk", 48 Seiten stark, mit vielen Bildern inhaltlich darauf abgestellt, weiteste Kreise des Volkes für das Buch zu
gewinnen, nennt etwa 600 bis 1000 der besten deutschen Bücher. Es ist sehr erwünscht, wenn sich insbesondere die Lehrerschaft mit dieser Sonderschrift „Buch und Volk" vertraut macht, um daraus auch bei den Schülern das Interesse für das gute deutsche Buch zu wecken. Es wird also angestrebt, daß gerade von diesen Kreisen möglichst viele Exemplare dieser Sonderschrift, deren Preis ebenfalls nur 20 Rpf. beträgt, vom örtlichen Buchhandel bezogen werden.
Die Sonderschrift selbst enthält ein großes Preisausschreiben, an dem sich jeder deutsche Volksgenosse, auch die Jugend, beteiligen soll und für das wertvolle Preise ausgesetzt sind.
3. Vorträge in den Schulen.
Es wäre weiterhin sehr erwünscht, wenn gerade zur Buchwoche der eine ober andere Dichter zu den Schülern sprechen könnte, sei es im Rahmen einer geschlossenen Schuloeranstaltung, oder im Rahmen einer geeigneten Stunde.
Tag der deutschen Hausmusik.
Die Landesregierung — Abteilung II — hat an die Direktionen der höheren Schulen, der gewerblichen Unterrichtsanstalten und die Kreis- und Stadtschulämter folgende Verfügung gerichtet:
Im Herbst 1935 wird die „Arbeitsgemeinschaft für Hausmusik in der Reichsmusikkammer", wie im Vorjahre, den „Tag der deutschen Hausmusik" durchführen, und zwar am 21. November. Aus der Erkenntnis heraus, daß ohne ein Wiederaufblühen des eigenen Musizierens der Laien im deutschen Hause, ohne den tätigen Anteil des ganzen Volkes an der Musik ein gesundes Musikleben nicht denkbar ist, vereinigen sich an diesem Tage
Einzug der I. Abteilung des Artillerie-Regiments 9 in Gießen
Die Pressestelle der Stadtverwaltung teilt uns folgendes mit:
Am kommenden Freitag, dem 2 5. Oktober, wird die LAbteilung des Artillerie-Regiments 9 ihren Einzug in die Garnison Gießen halten. Aus diesem Anlaß findet aus dem Oswaldsgarteu um 8.3 0 Uhr ein feierlicher Empfang durch den Standortättesten Herrn Generalmajor Lüdke und durch Herrn Oberbürgermeister Ritter statt. 3m Anschluß an diese Begrüßung wird die Abteilung nach einem Marsch durch verschiedene Straßen der Stadt die Artillerie-Kaserne an der Grünberger Straße beziehen. Bor der Artillerie-Kaserne wird die feierliche Uebergabe an den Abteilungskommandeur Herrn Hauptmann Delte erfolgen.
Am Freitagabend, 8 Uhr, findet in der v o l k s h a l l e aus Anlaß des Einzugs der Artillerie in Gießen im Rahmen der RS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" ein großes Militär-Festkonzert statt, das vom Trompeterkorps des Artillerie-Regiments Fulda ausgeführt wird.
Die Bevölkerung wird gebeten, die Veranstaltungen recht zahlreich zu besuchen.
Die Marschstraßen. — Fahnen heraus!
Die Artillerie-Abteilung wird nach der Kundgebung aus Oswaldsgarten durch folgende Straßen marschieren:
Horst-Wesfel-Mall — hindenburgwall — hitlerwall — Malltorstraße — Lindenplah — Kircheuplah — Marktplatz — Mäusburg — Kreuzplah — Settersweg — Frankfurter Straße — Friedrichstraße -- Röntgenstrahe — Ludwigstraße — Ludwigsplah — Kaiserallee -- Grünbergec Straße.
Die Anwohner dieser Straßen werden gebeten, ihre Häuser zu beflaggen.
alle von ber Äulturbebeutung ber beutschen Musik Überzeugten Kreise unb Stellen zu einer großzügigen Kunbgebung unb Werbung für bie Pfleg- ber Musik im beutschen Hause.
Trotzbern bie Arbeit für bie Hausmusik immer weitere Kreise zieht, bleibt nach wie vor wichtigster Ansatzpunkt bie Jugenb im schulpflichtigen Alter. Nur wenn bie Jugenb in ber Schule an bie» fern Tage nachbrücklich auf Wesen unb Bebeutung der Hausmusik hingewiesen wirb, ist ber Sinn bes „Tages ber beutschen Hausmusik" wirklich erfüllt.
Da ber „Tag ber beutschen Hausmusik" alle musikerzieherischen unb musikinteressierten Kräfte zu gemeinsamer Arbeit vereinigt, hat er sich auch in weitem Maße zu einer Gelegenheit fruchtbaren Zusammenwirkens zwischen Schul- unb Privat» musiklehrerschaft entwickelt, eine Arbeitsverbinbung, die sich für beide Teile nur förbernb auswirken kann.
Aus diesem Grunbe unb unter Hinweis auf meine Verfügung vorn 25. Oktober 1934 — zu Nr. V 36 024 — empfehle ich eine reürbige Begehung bes „Tages ber beutschen Hausmusik" am 21. November 1935, sei es in Form einer musikalischen Schulfeier, eines Glternabenbs ober einer anderen, den Schulbispositionen ber jeweiligen Anstalt entsprechenben Weise.
NSV., Ortsgruppe Gießen-Nord.
Donnerstag, 24. Oktober, 20.15 Uhr, finbet im Cafe Leib eine Versammlung aller NSV.-Mit- güeber ber Ortsgruppe Gießen-Norb statt. In biefer Versammlung werben bie eingegangenen Mitgliedskarten ausgegeben.
Alle Mitglieber ber NS.-Volkswohlfahrt, bie im Bersche der Ortsgruppe Nord wohnen, werden zu dieser Versammlung eingelaben. Vollzähliges Erscheinen erwünscht.
NGB., Ortsgruppe Gießen-Osi.
Lebensmittel-Pfundpäckchen- Sammlung für das Whw. des deutschen Volkes 1935/36 in der
Ortsgruppe Giehen-Ost.
Donnerstag, 24., unb Freitag, 25. Oktober, wird die Sammlung in allen Haushaltungen burch bie NS.-Frauenschast burchgeführt. Es wirb gebeten, bie Spenbev bereitzuhalten unb ben Inhalt ber Päckchen burch Aufschrift auf bie Umhüllung anzugeben.
Volksgenossen, benkt an bie Worte bes Führers: „Wer sein Volk lieb hat, beweist es einzig burch bie Opfer, bie er für biefes zu bringen bereit ist!"
Sportamt „Kraft d»nch Freude".
Achtung! Kursus für Ski-Trocken!
Der erste Ski-Trockenkursus beginnt am kommen» ben Freitag, 21 Uhr, in ber Reitschule Schömbs. Schneeschuhe unb Stöcke werben vom Sportamt gestellt. Die Kosten betragen für DAF.-Mitglieber 4 Sportmarken zu 60 Pfennig bzw. 4 Sportmarken zu 80 Pfennig. Umgehende schriftliche ober persönliche Anmelbung an bas Sportamt, Schanzenstraße 18, Telephon 2919, erbeten.
heute finden folgende Kurse statt.
Allgemeine Körperschule, für Frauen unb Männer: Von 20.30 bis 21.30 Uhr, Lyzeum, Dammstraße 26. Don 19.45 bis 20.45 Uhr, Großen» Buseck, Gasthaus Wagner.
Fröhliche Gymnastik unb Spiele, nur für Frauen: Von 20.30 bis 21.30 Uhr, Wieseck, Gasthaus Braun.
Reiten: Von 20 bis 21 Uhr unb 21 bis
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Roman von Anny von panhnys
Urheberrechtsschutz Auswärts-Verlag G. m. b. H., Berlin SW 68.
25 Fortsetzung Nachbruck verboten!
Gretels Lippen waren leicht geöffnet vor frohem Staunen unb Ueberraschung, aber sie brachte vor grctibe kein Wort heraus. Wirklich, genau wie Tyras sah der Schäferhund aus unb er hieß auch so unb wie er bie Pfote gab, so hatte sie Tyras auch gegeben — Tyras lebte wieder.
Ihr feines Gesicht überzog sich mit sanftem Rot unb bie blauen Augen leuchteten vor Glück. Sie mußte ein paarmal ansetzen, ehe sie sagen konnte: „Wie gut Sie zu mir sind, Herr Doktor!" Sie streckte ihm beibe Hände entgegen.
Ein kindlich liebes Geschöpf ist sie, dachte er unb freute sich üoer ihre Freube. Er ließ ihre Hänbe los unb in bem Augenblick hob Gretel Syben impulsiv beide Arme, legte sie um seinen Hals.
„Ich banke tausendmal, ich bin Ihnen ja so gut und werde Sie nie vergessen."
Schon sanken ihre Arme wieder herab: „Nicht böse sein, bas bürste ich nicht tun, ich schäme mich, aber--"
Sie streichelte ben Hunb.
„Wenn Sie uns im Frühjahr besuchen werben im Walbschloßchen, bann sind wir schon sehr gute Freunbe geworben, Tyras unb ich."
Er kämpfte mit einer leichten Verlegenheit und meinte: „Es war ja so einfach, einen Hund zu finden, der Ihrem Tyras ähnelt. Ganz einfach war bas, nachdem Sie mir seine Photographie gezeigt."
Sie nickte: „Das mag wohl richtig sein, mir aber erscheint es wie ein Wunder."
Es stimmte ihn plötzlich sehr traurig, daß bie zierliche Komtesse von morgen an nicht mehr hier im Hause sein würbe. Wie hübsch war es zum Beispiel gewesen, wenn sie ihm, wie feit Tagen, an dem großen Tisch im Eßzimmer gegenübergesessen mit ihrem reinen feinen Jungmädchengesicht und so lieb unb nett von baheim geplaubert. Wie eine Erfrischung hatte er bas stets empfunden. Morgen aber, in aller Herrgottsfrühe um halb sechs Uhr würde sie abreifen.
Sie streichelte den Hund und sah zu Gerhard Diendorf auf. Sie fand ihn meist sehr ernst und mochte ihn doch so übergern. Sie spürte ein ganz unbändig starkes Verlangen, ihm etwas Gutes, Cieufcs zu sagen, ehe sie abreiste. Ob sie es wagen iburfte, ihn zu trösten? Er trug sich mit kummer
vollen Gedanken herum, das sah man ihm an und sie wußte ja auch, mit welchen Gedanken er sich quälte.
Sie nahm feine Hand: „Lieber Herr Doktor, ich weiß, was Sie Trauriges erlebt haben. Ihre Mutter hat es Großmutter und mir erzählt. Glauben Sie mir, es tut mir sehr leid, daß Sie Ihre Braut auf so schreckliche Weise verlieren mußten. Ick; habe Ihnen das schon jeden Tag sagen wollen, seit ich es weiß, doch ich wagte es nicht. Ehe ich nun fort» gehe, mußte ich es aber doch tun. Ich meine, es tröstet immer ein wenig, wenn andere Menschen mit einem fühlen."
Wie fest die schmalen Mädchenfinger sich um seine Rechte legten.
Er hätte am liebsten laut aufgelacht. Wer wußte denn, wie häßlich für ihn dis Erinnerung an Wally Walb war! Seine Mutter wußte es nicht und niemand wußte es, außer ein paar Menschen. Niemand, außer dem alten Konrad Wildeling, Bettina Hochwald und dem Manne, der die Schuld an dem Unheil trug, dessen Name er aber nicht kannte und auch nicht mehr erfahren wollte. Damals, als ihn Bettina Hochwald vor schlimmer Tat bewahrt, hatte er sich gelobt, nicht weiter danach zu forschen, wer der Fremde war.
Zweimal hatte ihn das Schicksal mit ihm zusammengeführt. Einmal an Wally Walbs Grabe, als er noch nichts von ihrem Treuebruch geahnt und dann auf der Rheinreise. Ein drittes Treffen mochte des Himmels Güte für immer verhindern.
Grtel, durch sein langes Schweigen irritiert, sagte schüchtern: „Ich hätte das Thema wohl doch nicht berühren dürfen, Herr Doktor, es tut mir leid, weil sch Sie nur noch trauriger stimmte. Verzeihen Sie mir."
Er lächelte: „Ich danke Ihnen, Komtesse, für jedes liebe Wort, aber machen Sie sich keine Vorwürfe. Sie haben mir nicht weh getan."
Da glitt ein heller Schein über ihr Gesicht und sie kniete sich neben den Hund hin, der sich jetzt auf dem Teppich niedergelassen hatte und sprach auf ihn ein. Sie erzählte ihm vom Waldschlößchen, wo er es gut haben sollte, Gerhard Diendorf aber sann wieder, es war eigentlich seltsam, mit welch großem Bedauern er daran dachte, daß die kleine blonde Komtesse morgen um diese Zeit schon beinahe daheim sein würde am Rhein.
Durch ihren und Gräfin Sydens Aufenthalt hier war er doch sehr von seinen bitteren Gedanken abgelenkt worden, er wurde sich erst in diesem Augenblick so richtig darüber klar. Die beiden Damen würden auch seiner Mutter fehlen.
Es klopfte. Das Mädchen meldete: „Ein Mann ist draußen, er will den Hund abholen!"
Als hätte das Tier die Worte verstanden, erhob es sich und stand wie abwartend.
„Gib Pfote, Tyras!" sagte die Komtesse, er tat es sofort und schwänzelt^ dabei lebhaft, als wollte er ausdrücken: Auf Wiedersehen!
Noch einmal legte Gretel ihren Kopf zärtlich an den des Tieres, dann befand sie sich allein, Dr. Diendorf hatte mit dem Hund das Zimmer verlassen.
Gretel ließ sich in einen Stuhl nieder und chr war wieder so traurig ums Herz, so traurig, wie schon so oft während des ganzen Tages. Sie freute sich auf daheim, aber es tat ihr leid, daß sie Gerhard Diendorf nun nicht mehr sehen konnte. Schon wieder wollten sich Tränen hervordrängen und sie schämte sich auch, weil sie Dr. Diendorf vorhin so einfach um den Hals gefallen war. Wie hatte sie das tun dürfen? War sie doch viel zu alt dazu, sich noch wie ein törichtes Kind zu betragen.
Sie wollte lieber in ihr Zimmer gehen, die Tränen saßen heute zu locker und wenn Dr. Diendorf wieder Tränen bet ihr sah, mußte er sie ja für eine richtige Heulsuse halten.
In ihrem Zimmer aber ließ sie den Tränen freien Laus, sie konnte sie nicht mehr zurückhalten. Warum sie weinte? Sie hätte keine richtige Antwort auf dte Frage gefunden, hätte sich immer damit zufrieden gegeben, sie hatte Dr. Diendorf gern, weil er so gut zu ihr gewesen. Sie ahnte ja nicht, daß sie ihn liebte, daß sie ihn liebte mit erster, reiner, wundervoller Liebe.
Er hob leicht den Kopf. Was war denn das, hörte es sich nicht an, als ob jemand leise meinte?
Er erhob sich, jedes Geräusch vermeidend, und lauschte an der Tür. Wahrhaftig, da drinnen meinte Gretel Syden. Sein Gehör mar ausgezeichnet, sonst hätte er es kaum vernommen
Er schüttelte den Kopf. Statt sich auf die Heimreise zu freuen und über den Hund, der einen Tag nach ihrer Heimkehr bei chr sein mürbe, meinte die kleine Komteß. Mit Ueberreizung der Nerven, als Folge der Krankheit, ließ sich das Weinen mohl doch nicht ganz erklären. Sollte ihr vor dem Abschied hangen? Das zu glauben, märe lächerlich von ihm. Weg damit! Vielleicht hatte sie irgend einen Kummer, der sie drückte — vielleicht —. Er biß die Lippen auseinander. Er konnte sie nicht fragen — meil er selbst nichts mehr begriff, sich nicht und die kleine Komtesse nicht. Er glaubte wieder die schlanken Arme zu fühlen, die um feinen Hals lagen und die meiche Wange, die sich an die feine schmiegte.
Gern hatte er bas Komteßchen, sehr gern, sein Frauenhaß mar schnell vor ihrer Einfachheit unb Lieblichkeit zu Kreuze gekrochen.
Wie meh ihm bas leise, ganz leise Schluchzen tat. Er buchte: Jeben Augenblick könnte bas Mäbchen hier hereinkommen und so mie er das Weinen hören ober bie Damen könnten befonbers früh heimkehren unb bie Komtesse mit vermeintem Gesicht finben.
Er entschloß sich unb klopfte an ihre Tür. Sie schien es nicht zu hören, benn kein Herein antwortete. Da drückte er, ohne weiter zu überlegen, die Klinke nieder und sah in das Zimmer hinein, in dem das gleiche Dämmerlicht herrschte, mie im Wohnzimmer. Er sah das zierliche Mädcken auf dem kleinen Sofa hocken und knipste das Licht an ber Tür an. Hell mürbe ber hübsche Raum, den so viele Jahre Wally Wald bewohnt hatte.
Gretel schaute mit blinzelnben Augen auf. Ihre Liber brannten.
Er trat bicht zu ihr heran.
,Komtesse, Sie finb noch nervös von der Krank- heit, aber Sie müssen sich zusammenreißen, sonst erschrecken Sie doch Ihre Großmama so sehr. Sie hat sich mährend Ihrer Krankheit eigentlich schon genug Jhretmegen geängstigt. Seine Stimme wurde fast hart. „Man darf nicht immer nur an sich denken, glaube ich."
Gretel stand langsam auf, feine Stimme konnte auch mehetun, bas hatte sie noch nicht gemußt. Sie lächelte schmerzlich oermirrt
„Ich mill mich zusammennehmen — aber marum ich meine, weiß ich selbst nicht. Die Tränen kommen immer reicher, wenn ich mich auch bagegen mehre."
Er nahm ihre beiben Hände fest in die feinen.
„Jetzt versprechen Sie mir, bitte, nicht mehr zu meinen und nur daran zu denken, mie schön es bet Ihnen zu Hause ist und daß Sie bald dort sein werden. Später schreiben Sie dann meiner Mutter manchmal und lassen mich grüßen und im Frühjahr besuchen mir Sie, Mutter und ich, und überzeugen uns, mie gut Sie sich inzreischen erholt haben."
Gretel konnte schon micber lächeln. Wie ange» nehm jetzt Dr. Dienborfs Stimme mar. Sie ging an ben Waschtisch unb fuhr sich mit hem Schmamm über bie Augen, vor seinem Arzt brauchte man sich ja nicht zu genieren unb bann folgte sie ihm reicher ins Wohnzimmer unb beibe unterhielten sich gut unb lustig. Gretel konnte so überaus herzlich und anftedenb lachen. Gerharb Dienborf buchte: Gott sei Dank, bas Mädel war wirklich nur noch ein bißchen nervös von ber Krankheit.
Komteßchen lächelte glücklich: „Ich freue mich auf bas Wiehersehen mit Tyras."
Ein Kind ist sie, dachte er reicher, ein Kind, lf| hem Weinen unb Lachen nahe beisammen wohnen.
(Fortsetzung folgt!),


