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ildwest ist nicht tot?

Gefährliche Abenteuer mit AisonS und Mustangs.

Sonderbericht unseres H. M.-Mitarbeiters von einer Reise durch USA.

Eine wilde Sache.

Eines Tages las ich in amerikanischen Zeitungen ein kleines Inserat: Sonntag, nachmittags 2 Uhr, Rodeo, Ricker Ranch, Merrimack, Wisconsin. Und darunter steht der vielversprechende Vermerk: Mächtiger und wilder denn je! Was heißt Rodeo? Ein Bekannter erklärt, das sei eine ganz wilde Sache, wo Cowboys auf unzugerittenen Pferden, Büffeln, Stieren ihre Reiterkunststücke zeigen. Also Notizbuch heraus: Sonntag Rodeo Merrimack.

Merrimack ist ein kleines ab gelegenes Dorf im Staate Wisconsin. Die Ricker Ranch ist äußerlich eine Farm wie alle anderen. Dos Unternehmen hat nicht viel Geld und verfügt über keinen großen Propagandaapparat. Aber das kleine Inserat hat genügt. Schon um die Mittagsstunde zeigen die Straßen nach Merrimack jene einseitige lieber» füllung, die der beste Wegweiser zu großen Ereig­nissen ist. Wir überholen einige Wagen. Im Vorbei­fliegen schweift der Blick über die Nummernschilder. Eine ganze Reihe Chikagoer Wagen ist dabei. Und was für herrliche Wagen! Sonst fahren Frauen im Hermelin in solchen Wagen zur Oper. Aber so sind die Chikagoer: sie fahren ebenso gern 200 Meilen über Land, um am Sonntagnachmittag auf einer gewöhnlichen Farm Cowboys auf wilden Bisons reiten zu sehen.

Merrimack liegt nicht an einer der herrlichen transkontinentalen Autostraßen. Man muß etwa 12 Meilen über eine staubige, unebene, mit grobem Kies bestreute Landstraße fahren. Dann zeigt die übliche Verstopfung der Straße mit Automobilen, daß wir am Ziel sind. Die riesigen Weideflächen der Stiere und der Bisons sind heute ein unüber­sehbarer Parkplatz für die Automobilströme, die aus allen Himmelsrichtungen das Dorf überfluten. Hier begegnen sich Chikagoer Wagen mit Wagen aus der Millionenstadt Minneapolis-St. Paul, die aus anderer Richtung auch etwa 250 Meilen zurück­gelegt haben, und daneben ein ganz altmodischer, ländlicher, westlicher Eindruck: die nähere Umgebung ist zu Pferde herbeigekommen. Auch für die Pferde ist unter einer Baumgruppe ein Parkplatz freige­halten. Unter Erfrischungszelten geht es hmdurch, immer nach dem Schall der Blechmusik. Hier ist die Arena.

Es ist eigentlich keine richtige Arena, weder rund noch elliptisch, sondern ein langgestreckter Auslauf, ein Schlauch, an dessen einem Ende die Stallungen sind und am anderen Ende geräumige Koppeln, in die Pferde und Stiere nach der Hatz getrieben wer­den. Rechts und links sind entlang dem Auslauf provisorische Holztribünen errichtet. Alles wäre so recht ländlich und um fünf Jahrzehnte zurück, wenn nicht die feinen Automobile da wären und die eleganten Damen, die aber heute nichts dabei fin­den, auf wacklige Holzgerüste zu klettern und ihren Kaugummi von einer Backentasche in die andere zu schieben.

Has Süffelrennen.

Eine Parade d e r Cowboys auf tänzelnden Pferden leitet die Vorführung ein. Voran reitet ein Indianer mit einem mächtigen Sternenbanner. Wer behauptet, Amerika sei ein nüchternes Land ohne Farben- und Formenfreude, der sehe sich diese Parade an, diese flatternden Hemdblusen, diese lose geknoteten Halstücher, diese verbeulten breitkrämpi- gen Hüte und diese weiten Hosen, die wie schwere Quasten um den Leib des Pferdes hängen. Und nun die Pferde selbst, die Falben und Schecken: nichts von der dressierten Zierlichkeit von Zirkus­pferden, aber die Elastizität im Gang, die auf Lang­streckenläufer schließen läßt.

Ein Trompetensignal. Die Arena wird freige­macht. Ein Tusch. Der erste Bison stürmt ins Feld. Und da sitzt ein Kerl d e m Büffel im Ge- n i ck und klammert sich an wie ein Raubtier. Wild bockt das Tier und versucht den Reiter abzuschüt­teln. Es springt, dreht sich im Kreise, geht vorne

hoch, schlägt hinten aus vergeblich. Der Kerl hockt darauf wie festgebissen. Jetzt flankieren zwei Indianer zu Pferde den Büffel. Das Tier stutzt einen Augenblick, dann galoppiert es, von den Reitern gehetzt, schnurstracks auf das andere Ende des Auslaufs zu. Das ist ein Rennen! Der Kerl sitzt immer noch auf dem Büfiel ohne Zattel, ohne Zügel, und hinter ihm her jagen die beiden India­ner zu Pferde. Dicht am Gatter hat einer den Bison eingeholt und hebt nach wildwestlicher Art den Reiter auf sein Pferd herüber, wahrend das Tier ins offne Gatter getrieben wird. Das ist also noch einmal gut gegangen. Beifall und Musik ehren den tapferen Cowboy.

Wie wird nun aber solch ein wilder Bison am Eingang desAuslaufs" losgelassen,a b g e - schos s e n", wie man hier sagt? Das Tier wird vom Stall aus in einen ganz engen Gang ge­trieben. Am Ende dieses Ganges ist em starker hölzerner Verschlag mit einer Doppeltür, die in die Arena mündet. In diesem Verschlag kann sich das Tier weder seitlich noch vorwärts bewegen. Jetzt wird von geübten Cowboyhänden ein Seil durch den Verschlag geworfen und dem Stier um den Leib geknotet. Dabei verhält sich der Patient aller­dings alles andere als ruhig, und manchem Cowboy ist schon bei dieser Gelegenheit der Arm gebrochen worden. Ist der Stier oder der Mustang so weit präpariert, klettert der Reiter von oben in den Ver­schlag hinein und läßt sich auf das bockende Tier nieder. Sobald er das Seil in der Hand hat, wird draußen ein Riegel zurückgeworfen, die Doppeltür fliegt auf, und der Stier stürmt ins Freie.

Jetzt gilt es vor allen Dingen, das Seil festzu­halten, und wer ein Meister seines Faches ist, kann in der andern Hand seinen Hut schwenken und durch Scheuchen den Stier bald in diese, bald in jene Richtung lenken. Oft aber löst sich der Knoten bei den wilden Sprüngen, und manchmal gelingt es auch dem Stier, das Seil zu sprengen. Dann besteht die ganze Kunst des Cowboys darin, glück­lich zu Boden zu kommen. Das Spiel ist nicht ganz ungefährlich, aber im allgemeinen fließt fein Blut, wie in den spanischen ober mexikanischen Stierkämpfen.

Jetzt soll ein unzugerittenes Wild­pferdabgeschossen" werden. Unbroken,unge­brochen", wie der Fachausdruck dafür heißt. Und das scheint eine wirkliche Bestie zu fein. Das Holz knirscht und knackt, man hört die dumpfen Schlage der Hufe gegen die Eichenbohlen. Wiehern und Schnauben. Auf einmal bäumt es sich im Verschlage auf und steckt vorne den Kops über die Doppeltür hinaus, der Riegel gibt nach, zwei Männer sprin­gen zur Seite und ehe noch das Seil um denun­gebrochenen" Leib geknotet werden konnte, stürmt durch Die Arena reiterlos mit erhobenem Kopf und bebenden Nüstern, in wundervollem Schwung, den Schweif nach sich tragend. Seine Majestät der Mustang.

Eine amerikanische Europa.

Nun kündigt Der Ansager an, daß Miß Sowieso, ein Cowgirl, einen wilden Stier reiten werde. Das tüchtige Cowgirl klettert in den Verschlag hinein, die Tür springt auf, und Jber Stier jagt mit seiner schönen Reiterin davon. Aber der Stier hält sich nicht an die programmäßigen Sprünge. Im ge­streckten Galopp jagt er auf die andere Seite des Auslaufs zu. Das kam unerwartet. Die Reiter, die die Miß aus ihrer ungemütlichen Lage befreien sollen, kommen zu spät. Es wird ein Rennen um ßeben und Tod. Schaffen sie es? Noch zwei Pferdelängen Abstand, noch eine. Sie schaffen es nicht. Eine Sekunde lang steht das Herz still. Das amerikanische Publikum, aegen Sensationen nicht allzu empfindlich, hält den Atem an. Niemand wagt zu schreien.

Jetzt ist der Stier blind gegen das dicke Draht­gitter gerannt, und die Miß? Sie hat sich mit einem gewaltigen Sprung vorn Rucken des Stieres geschnellt und hängt nun ganz oben im Gitter; sie

hält sich fest und sicher. Der wütende Stier hat mit einem Ruck seine Hörner aus dem Netz zurückge­zogen und, anstatt in das geöffnete Gatter zu tra­ben, wendet er sich um und läuft direkt auf das Eingangsende der Arena zu, wo die Männer ar­beiten. Schnell klettern sie über das Gitter. Aber da ist mitten in der Arena ein Clown, der den Zaun nicht mehr erreichen kann. Der Stier scheint ihn angreifen zu wollen. Werden sie nun das Tier abschießen? Nein. Der Clown schlägt ein paarmal um seine eigene Achse Rad. Der Stier stutzt und ist einen Augenblick lang geblufft. Der Augenblick ge­nügt, damit die Reiter mit den Lassos ihn um­ringen. Angesichts dieser Uebermacht scheint der Stier sich plötzlich besonnen zu haben. Er dreht sich um und trabt, von den Reitern flankiert, in das offene Gatter hinein. Jetzt befreien sie die ameri­kanische Europa aus ihrer luftigen Höhe und brin­gen sie im Triumphzuge zurück. Der Clown wird bei dem lärmenden Beifall übergangen, darum noch ein Wort über Shorty, den Clown.

Shorty, der Clown.

Shorty ist ein Genie. Shorty kann alles. Er reitet einen bockenden Maulesel und klettert unter dem Hals und dem Bauch des galoppierenden Tieres hindurch. Er zündet sich mit einem Peitschen­knall eine Zigarette an, und er hat sogar Öie seltene Gabe, in witziger Weise mit dem Publikum zu kon­ferieren. Sein Haupttalent ist jedoch das Lasso- werfen. Er fängt ein, zwei und drei Pferde auf einmal mit dem Lasso. Er wirft ihnen die Schlinge über den Hals, über die Vorder- und über die Hinterbeiene und auf Wunsch des Publikums auch über den Schwanz. Nichts kann Shorty in Verlegenheit bringen außer feinem Vorkriegs-Ford- auto namens Puddlejumper, was soviel heißt wie

Pfützenhupfer. Durch Verkürzung der Welle sind die Hinterräder viel zu weit nach vorne gerückt, so daß auch das Autobock t", und fertigbringt, was auch dem kapriziösen Maulesel nicht gelungen ist: Shorty abzuwerfen.

Den Clou und Abschluß des Programms bildet dasWerfen" eines Stieres. Ein mäch­tiger Stier wird losgelassen und von Reitern mehr« mals durch die Arena gehetzt. Als der Stier be­ginnt, etwas lässiger zu laufen, reitet einer ber Kerls seitlich an den Stier heran und schwingt sich mit leopardenhafter Gewandtheit aus dem Sat­tel an die Hörner des Tieres. Das Pferd, auf dieses Manöver dressiert, weicht den wütenden Stößen des Stieres geschickt aus. Ein paar Minuten lang versucht der Stier mit aller Gewalt, die Hörner wieder freizubekommen. Man wagt nicht sich aus­zumalen, was geschieht, wenn die Arme ermatten und die Fäuste loslassen. Endlich steht der Stier einen Augenblick lang still. Das ist der Augen­blick zum Angriff. Der Cowboy springt vom Genick Des Stieres und steht nun, Die Fäuste immer noch um Die Hörner gekrallt, vor Dem Kopf Des Stieres. Als Der Stier zum Stoß ansetzt, bringt ein mäch­tiger Ruck seinen Kopf zu Boden, und dann muß der ganze schwere Körper hinterher. Die Hufe stampfen Den BoDen, Mann unD Tier walzen sich in einer Staubwolke, aber Der Stier unterliegt. Mit bebenDen Flanken liegt er .Da, währenD Das Publi­kum vor Beifall rast.

Das ist Amerika, Das ist Der Westen! Alle Ach­tung vor Den Kerls! Packen einfach so einen Stier unD schmeißen ihn hin, als wenn Das gar nichts wäre. Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Wenn ich jetzt ein Buch über Amerika schreiben sollte, käme ber Kerl, ber ben Stier ba hingeworfen hat, auf bas Titelblatt.

Aus aller Wett.

Hinrichtung zweier Mörder.

Am 22. Oktober würbe in Kottbus Karl Sandke hin gerichtet, ber vom Schwurgericht in Kott­bus wegen Raubmorbes zum Tobe verurteilt worben ist. Sanbke, ber vielfach vorbestraft war, hatte in ber Nacht zum 17. April 1935 bie 74jährige Witwe Kasten in Boblitz in ihrer Wohnung erbros- selt, um sich in ben Besitz ihres Gelbes zu setzen.

Am 22. Oktober ist in Dresben Der durch Urteil bes Schwurgerichts in Leipzig wegen Morbes zum Tobe verurteilte Bruno Niezschmann h i n g e r i ch t e t worben Niezschmann, ein schwer vorbestrafter Sittlichkeitsverbrecher, hat im Oktober v. I. eine zehnjährige Schülerin nach ber Begehung eines schweren Sittlichkeitsverbrechens ermorbet, um sie als Belastungszeugin aus bem Weg zu räumen.

Ehemaliger Flugzeugführer wegen fahrlässiger Tötung verurteilt.

Die Große Strafkammer Bayreuth hat das Ur­teil gegen ben Flugzeugführer Michael Schmitt gefällt, unter besten Führung am 5. März 1935 ber Staatsmin-ister und Gauleiter ber bayerischen Ost­mark Hans S ch e m m über bem Flugplatz von Bayreuth töblich verunglückte. Die Verhanblung Drehte sich in Der Hauptsache um Den Punkt, ob in­folge ber Wahl bes Startplatzes ober ber Startrich­tung eine Fahrlässigkeit ober bis zu einem gewissen Grabe, wie ber Angeklagte vorbrachte, eine Zwangslage burch beiberfeitige Gefahrenquellen anzunehmen wäre. Das Urteil lautete auf neun Mo­nate Gefängnis wegen fahrlässiger Tötung unb Tragung der Kosten durch den Angeklagten. Als strafmildernd wurde angesehen, daß der Flieger Schmitt durch den Verlust seiner Stellung und seines Flugscheines sowie insbesondere durch bas hervor- gerufene Unglück ohnehin schon schwer gestraft worben fei.

Starker Schneefall. Frost und Sturm im Riesengebirge.

Die starken Schneefälle, bie in der Nacht zum Dienstag im schlesischen Gebirge einsetzten, führten bis zu einer Höhe von 350 Meter zur Bil­dung einer zusammenhängenden Schneedecke. Wie der Reichswetterdienst Breslau-Krietern meldet, hat die Schneedecke am Dienstagabend auf dem Riesen-

gebirgskamm bei fünf Grad Kälte bereits eine Höhe von einem halben Meter erreicht. Bei star­kem Sturm bildeten sich auf der Schneekoppe Ver­wehungen bis zu eineinhalb Meter.

Königsberger Dampfer auf hoher See verschollen.

Der Königsberger DampferInsterburg", der von Rotterdam nach Königsberg unterwegs war, hat den Hafen von Brunsbüttel bis jetzt noch nicht angelaufen. Das Schiff hatte am 17. Oktober Rot­terdam verlassen. Dieser Tage wurde der Reederei fernmündlich mitgeteilt, daß in Egmont (Holland) ein leeres Rettungsboot des Schiffes mit einem Riemen und einer Rettungsboje angetrieben wor­den fei. Obwohl alle Schiffe und alle Landrettungs­stellen an der deutschen und holländischen Nordsee­küste nach derInsterburg" Ausschau hielten, ist bis jetzt kein weiteres Zeichen von dem Schiff ober seiner Besatzung wahrgenommen worben.

Rundfunkprogramm.

Donnerstag. 24. Oktober.

6 Uhr: Choral; Morgenspruch; Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. In ber Pause, 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 9.15: Musik am Morgen. 10.15: Schul­funk: Volksliebersingen. 11.20: Nur Frankfurt: Nach­richten ber Gauleitung. 11.45: Sozialbienst. 12: Mit- tagskonzert I. 13: Nachrichten (auch aus bem Senbebezirk). 13.15: Mittagskonzert II. 14: Nach­richten. 14.10: Allerlei zwischen Zwei unb Drei. 15: Wirtschaftsbericht: Porzellan für ben Ge­brauch unb zur Zierbe. 15.15: Kinberfunk: Eine lustige Spielstunbe mit ber Plapperliefe. 16: Kleines Konzert. 17: Bunte Musik am Nachmittag. 18.30: Das aktuelle Buch. 18.45: Launiger ßeitfaben für Sprachsreunbe. 19: Volkstümliche Musik. 19.50: Der Tagesspiegel bes Reichssenbers Frankfurt. 20: Nachrichten. 20.10: Orchesterkonzert. 21.15: Stubio. 22: Nachrichten. 22.15: Nachrichten aus bem Senbe- bezirk. 22.20: Die Mikrophonprüfungen unb bie Reichsfachschaft Runbfunk. Walter M. Gensel von der Reichsrundfunkkammer. 22.30: Die Landschaft spricht: Ragende Gipfel am Rhein. Das Sieben­gebirge. 23: Spätabendmusik. 24 bis 2: Nacht­konzert.

Friedrich List und unsere Eisenbahn.

Von Walter von Molo.

In seinem ausgezeichneten RomanE i n Deutscher ohne Deutschlan d", von Dem jetzt im Verlage von Holle & Co. in Berlin eine billige Volksausgabe zum Preise von 3,75 RM. erschienen ist, hat Walter von Molo Dem Leben FrieDrich L i st s, Des Vor­kämpfers Der Deutschen Eisenbahn, ein Dauern» Des nationales Ehrenmal geschaffen.

Ein schwäbischer Weißgerberlehrling mußte am Anfang Des 19. Jahrhunberts, weil er Die väterliche Werkstatt mit Maschinen treiben wollte, ein unter: georDneter Schreiber in einer muffigen Amtsstube werben. Er bildete sich in seinen Freistunden aus eigener Kraft weiter unb mürbe in eines ber Mini­sterien in Stuttgart berufen. Mit 28 Jahren war er Professor ber Nationalökonomie unb ber Staats­wissenschaften an ber Universität Tübingen.

Friedrich List wurde später unser bedeutendster Nationalökonom, ber Erbauer ber ersten größeren Eisenbahnstrecke in Deutschlanb. Er sah um ein Jahrhunbert früher als bie bamals Regierenben, baß ber Urgrunb bes immer wieberkehrenben Un­glücks Deutschland bie Zersplitterung aller seiner politischen unb wirtschaftlichen Dinge war. Jebes Der 39 Deutschen fiänber unseres Damaligen Staa- tenbunbes, ber bas entsetzlich magere Ergebnis un­seres helbenhaften Freiheitskampfes gegen Napo­leon war, hob vom anberen Zolle ein, dehanbelte es als Auslanb, nannte sichGroßmacht". Der Mann ber Tat, List, setzte sich kurzentschlossen mit südbeutschen Kaufleuten zusammen in Nürnberg unb grünbete einen Hanbels- unb Gewerbeverein zur Abschaffung bieser Mißstänbe; es war ber An­fang unseres späteren großen beutschen Zollvereins, Der Lists Jbeen nach feinem Tobe zum Allgemein­gut ber Nation formte. Als List gegen bie rück­schrittliche Bürokratie seiner Zeit auftrat, welche die Durchführung seiner großartigen Pläne immer wieder zu verhinbern wußte, würbe er auf Betrei­ben Metternichs in einen Kriminalprozeß ver­wickelt und zu zehn Monaten Festungshaft mit Zwangsarbeit auf bem Hohen Asperg verurteilt. Er floh, lebte roeiterlernenb unb bie Welt beobach­tend in ber Schweiz, besuchte Frankreich und Eng­land, schließlich fing man ihn, und er mußte doch sitzen. Man entließ ihn, gestattete ihm gnädig, da man seine und seiner Familie Existenz zerstört

hatte, nach Nordamerika auszuwandern unter der Bedingung, daß er auf seine württembergische Staatsbürgerschaft verzichte, also sich nicht mehr Deutscher nennen durfte. In Nordamerika versuchte er es erst als Farmer, hierauf als Redakteur eines kleinen deutsch-amerikanischen Blättchens in Reading in Pennsyloanien, dann entdeckte er die ersten großen Anthrazitlager in Nordamerika, das bis da­hin fast alle seine Kohle über das Meer aus Eng­land bezogen hatte. Zur Ausnutzung ber riesigen Kohlenflöze baute er bie erste Dampfeisenbahn in Amerika; an ihr entstauben zwei Städte. In Ame­rika war es, baß List, bem im Hintergrunbe aller seiner (Bebauten unverrückbar sein Deutschlaub staub, unsere beutsche Eisenbahnkarte zeichnete, für bereu Umsetzung in bie Gegenstänblichkeit er sich von nun an ebenso fanatisch einsetzte wie für bie Zolleiuheit bes beutschen Haubelsgebietes. Er kehrte nach Deutschlanb zurück, unb es gelang ihm als amerikanischer Konsul, zwischen Leipzig unb Dres­ben kurze Zeit nachbem bie Nürnberg-Fürther Bahn gebaut war, bie erste größere Eiseubahnstrecke zu bauen. Als er mit anderen deutschen Ländern ver­handelte, um sein Eisenbahnnetz, auf dem heute unsere Güter und wir rollen, weiter in die Tat umzusetzen, hob sich die Enge seiner Zeit neuerlich gegen ihn auf; die Bürokratie Metternichs wünschte aus kurzsehenden selbstischen Absichten kein einiges Deutschland. Abermals mußte List, gehässig als ehe­maligerSträfling" unbAuslänber" bezeichnet, ins Auslanb fliehen; boch er kehrte roieber zurück, denn er sah die Wirtschaftsentwicklung und die daraus entstehenden Gefahren des 19. und 20. Jahr­hunderts voraus unb bot baher alles auf, um bie Deutschen zu einigen, zu sittlicher Wirtschaftsführung zu erziehen, beren produktive Kräfte für ben Ent- scheibungskamps zu heben, den er unabroenbbar für Deutschlanb herannahen sah, List hat wenige Mo­nate vor seinem frühen Tobe in einer Denkschrift bem englischen Kabinett ben Vorschlag eines Bünb- nisses zwischen Englanb unb Preußen gemacht, bas er, auch hier prophetisch vorausahnenb, als ben Kristallisationspunkt aller beutschen Einheitsbestre­bungen bezeichnete. List forberte unb kämpfte als Privatmann auch für bie beutsche Posteinheit, für einheitliches Maß unb Gewicht, für eine vom Aus­lanb unabhängige Reichsbank, für Kolonien unb eine Kriegsflotte, bafür, baß bie Deutschen bas Geld weniger achten sollten als ihre Ehre unb bie in­nere unb äußere Wehrfähigkeit ber Nation.

Der ehemalige Weißgerberlehrling hätte in Ame­rika, in Frankreich unb Belgien bie entscheibenben Staatsstellungen erhalten können, er lehnte alles ab, um feine ganze Kraft seinem Vaterlanbe zu

geben, bas ihm burch maßlose Beschimpfungen unb Verbächtigungen bankte. Es war einmal so weit, baß ihn ber junge Preußenkönig Friebrich Wil­helm IV. zu seinem Minister ober wenigstens zum Kolonisationsbirektor in Posen machen wollte; wie- ber scheiterte es an bem Wiberstanbe, biesmal ber preußischen Bürokratie, bie einen Mann, ber alles aus sich selbst gelernt hatte, ohnebie vorgeschrie­benen Schulen zu burchiaufen, verbächtigte und ab­lehnte. Ueberarbeitet unb totgehetzt hat List, noch nicht 57 Jahre alt, sich in Kufstein in Tiro! er­schossen. Dort liegt bieser große Deutsche Patriot be­graben. Nahe seiner Ruhestätte steht bas Denkmal, bas ihm bie beutschen unb österreichischen Eisen­bahner vor bem Weltkriege errichteten. Inzwischen finb ihm auch Denkmäler in Reutlingen, Stuttgart unb Leipzig errichtet worben, aber noch fehlt bas schönste Denkmal, sein Denkmal im Herzen eines jeben Deutschen, benn wir alle verbauten bem Vor­kämpfer unserer Einigung, bem Vorkämpfer für eine Wirtschaft, bie nicht, selbstherrlich ist, jonbern sich bem Gemeinwohl unterorbnet, Unenbliches. Seine Jbeen, bie erst ganz in unseren Tagen zur Durchführung gelangen, gehören zu ben grunb- legenben Schöpfungen verantwortlichen beutschen Geistes.

Daher sei, da bie beutsche Eisenbahn ihr lOOjäh- riges Jubiläum feiert, an ben Schöpfer unserer Eisenbahnkarte, an ben großen Deutschen Friebrich List erinnert

Chinesische Spitznamen.

Wir halten ben so häufig zu beobadjtenben Aus- bruck bes Lächelns im Antlitz bes Chinesen weniger für bas Zeichen eines humorvollen Gemüts als für bie Maske einer feit je im Reich ber Mitte vorge- fchriebenen Höflichkeit. Unb boch besitzt ber Chinese viel Witz unb Humor. Das äußert sich nicht nur in zahlreichen luftigen Geschichten, bie im Schrifttum überliefert finb, fonbern auch im alltäglichen Verkehr, auf ber Straße, im Haufe, ja sogar im Umgang mit Den Eurpäern. So geben auch Die chinesischen Diener ihrem Deutschen Herren manchen Beinamen, Der ebenso treffsicher wie einprägsam ist; meistens wäh­len sie chn nach einer körperlichen Eigentümlichkeit. So mürbe ein DeutscherBai mau" = Weibhaar ge­nannt, ein andererDa tou" = Großkopf und ein dritterDa du dsy" = Dickbauch. Ein Europäer, der als Bücherwurm unb Junggeselle bekannt war, er­hielt ben NamenLau bau hsüe" = Alter Taoiften- gelehrter. Ein Beamter, der die unangenehme Aus­gabe hatte, den Bauern auf dem Lande die Steuern

abzunehmen, bekam von diesen, weil er bei ber Er­füllung feiner Ausgabe stets ein wohlwollenbes Lächeln au bewahren pflegte, ben SpitznamenHfiau mien tyr = Tiger mit bem lachenben Gesicht. Die Europäer vergalten biefen Spott verstänblicherweife mit allerlei Spitznamen, bie sie ihren Boys beilegten. Einer bieser fünfen kleinen Diener mit einem aller- bings ausgesprochen bummen Gesicht antwortete auf Frage nach seinem Namen zur nicht geringen lieber- raschung seines neuen Herrn:Ich Bählamm hei­ßen!" Ein Batu, ber hinkte, nannte sichDreiviertel­takt", unb es hörte sich wirklich so an, als ob er im Dreivierteltakt ginge. Diese Spitznamen haben jedoch keinen gehässigen Beigeschmack, sie entsprechen nur bem natürlichen Bebürfnis nach einer anschaulichen Ausbrucksweise.

Vierzig Schweine reffen einenMissionar

Im Innern von Australien gibt es noch Einge­borene, bie Kanibalen sinb. So ist es nicht ohne Gefahr für einen Weißen, sich in ihr Bereich zu begeben, benn leicht fein es geschehen, daß er dort als willfommener Festbraten empfangen wirb. Dem Missionar S. Tomlinson, Der sich Durch diese Gefahr nicht abschrecken ließ, gelang es zwar, sich in furzer Zeit Die Freundschaft eines Dieser Einge­borenenstämme zu gewinnen unb er konnte sicher sein, daß ihm dort kein Leib zugefügt werbe. Aber er hatte nicht bamit gerechnet, baß auch ber Frömmste nicht in Frieben leben kann, wenn es Dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Eines Tages machte ein Nachbarstamm einen kriegerischen lieber- fall auf seine Freunde, in dessen Verlaus S. Tom­linson und seine Gattin geraubt wurden. Da ihre Wächter keinen Zweifel darüber ließen, was fein Schicksal sein werde, glaubte sich das Missionarsehe­paar schon verloren. Aber in ber letzten Stunde wurde es zu seiner größten Ueberraschung mit freiem Geleit entlassen. War ein Wunder geschehen? Die wackeren Freunde hatten ihren Missionar nicht im Stich gelassen und sich mit ihren Gegnern nach langen diplomatischen Verhandlungen auf ein Löse­geld geeinigt. Der friedfertige Stamm erhielt bie beiben weißen Freunbe, wofür er vierzig Schweine an ben Feinb auslieferte. Es ist nicht verwunderlich, baß der Missionar unb seine Gattin nach diesem Han» bei aus bem Kampfgebiet abreisten, um sich einige Wochen in Sybney von bem ausgestandei.en Schrecken unb ben Anstrengungen zu erholen. Sie ffnfc jeboch beibe fest entschlossen, sich roieber in das Land der Menschenfresser zu wagen.