Aus -er Provinzialhauptsta-t
Gang durch die Herbstblumenschau
des Gießener Obst- und Garlenbauverelns.
Die Herbstblumenschau des Gießener Obst- und Gartenbauvereins, die am Samstag und Sonntag in der Turnhalle an der Steinstraße gezeigt wurde und die mit viel Liebe und Sorgfalt und unter Opfern mannigfacher Art aufgebaut worden war, aeftaltete sich für den Verein zu einem schönen Er- folg. Zahlreiche Einwohner unserer Stadt, die sich der schönen Blume verbunden fühlen, statteten der Schau einen Besuch ab und wanden ihr alle Aufmerksamkeit zu. Zahlreiche Fragen, die an die anwesenden Fachleute gestellt wurden, ließen erkennen, daß sich viele Volksgenossen nicht nur obenhin für die Blume interessieren, sondern bemüht sind, mehr zu wissen, als das Auge allein in Erfahrung bringen kann.
Das, was in 6er Schau zusammengetragen ist, ließ erneut die Unerschöpflichkeit und Erfindungskraft der Natur bewundern.. Hunderte von Blumenarten gaben sich hier ein Stelldichein und forderten die Aufmerksamkeit aller Besucher heraus. Unübertrefflich erscheint die Farbenpracht der Dahlien und der Gladiolen, die in allen Schattierungen vom zartesten vornehmen Gelb bis zum dunkelsten feurigen Rot vertreten waren. In geschmackvollen Anordnungen hatten die Aussteller ihr Wirken im Dienste der Natur dargestellt. In glücklicher Verbindung wurde die Blume mit den Dingen unserer unmittelbaren Umgebung, auf dem Eßtisch, dem Kaffeetisch, der Festtafel, in Vasen usw. gezeigt und ihre freundliche belebende Wirkung bewiesen. Dem aufmerksamen Besucher bot sich manches feine und ästhetische Bild. Besondere Aufmerksamkeit galt auch dek"Vlume in der Verbindung mit edlem Porzellan, edlen Keramiken und Metallen.
Waldungen zu decken und können daher keine Kohlenscheine erhalten. Ä „
Lesescheine werden auf der Geschäftsstelle, Kaplansgasse 18, Freitags von 20 bis 22 Uhr aus- g^ietbücher, Quittungskarten und alle fonftiaen Unterlagen über die Einkommensverhaltnstfe sind vorzulegen.
Der Ortsgruppenamtslelter.
RSLS., Kreis Gießen.
Fachschaft: körperliche Erziehung.
Betr.: Ehrengabe des NSLB. im Schwimmen. , _
Von einigen Schulen fehlen noch die zum 20. September angeforderten Aufstellungen über diesen Wettkampf. Dieselben sind umgehend an den Kreis- sachbearbeiter W. Mohr, Gießen, Wilsonstraße 8, einzusenden. .
Betr.: Arbeitsgemeinschaft im Bezirk Gießen.
Nachdem der Schwimmwettkampf und die Wettspiele durchgeführt sind, beginnen in nächster Zeit wieder die Arbeitsgemeinschaften, die von jetzt ab für Lehrer und Lehrerinnen getrennt durchgeführt werden. Die Bekanntgabe der Termine erfolgt baldigst.
Einführung der Gießener Ratsherren.
Am Donnerstag, 26. September, 9 Uhr, findet in Anwesenheit des Gaupersonalamtsleiters Bürgermeister Lindner, Frankfurt a. M. die feierliche Einführung und Verpflichtung der Ratsherren der Stadt Gießen im Sitzungssaale des Stadthauses Bergstraße statt.
Erntedankfeier
der Ortsgruppe Gießen-Süd.
18. Oktober. Bei allen Anfragen ist Rückporto bei-
zufügen.
arnung an Unterstützungsjäger!
die des Glaubens sind, die Volksgemeinschaft aus-1 beuten zu können. Gegen Asoziale und!
'XV
(LPD.) Die Gauführung des Dinterhilfs- werks des Deutschen Volkes 1935/36 gibt bekannt:
In diesen Tagen wird in den Kreisen und Ortsgruppen des Gaugebietes Hefsen-Rasiau die Zahl der vom WHD. zu Unterstützenden festgelegt:
Unterstützt wird, wer unverschuldet in Rot ist und nicht das nötige Einkommen hat, um für sich selbst zu sorgen. Die Kreise und Ortsgruppen haben entsprechende Anweisungen. Sie haben indessen auch weiterhin die Verpflichtung und das Recht, diejenigen vom Unterstühungsbezug fernzuhatten,
Unterstühungsschwindler wird rücksichtslos mit den verschärften Strafen des Winterhilfswerkes vorgegangen werden.
Es wird deshalb eindringlich davor gewarnt, f a l f ch e A n g a b en zu machen. Die Spenden für das Winterhilfswerk müssen pfennigweise zusam- mengetragen werden. Die Spender haben das Recht, zu verlangen, daß neben ordnungsgemäßer Verwaltung die Unterstützungen in die Hand derjenigen gelangen, die ihrer würdig sind.
I Die notwendigen Prüfungen sind auf diese Er- I fordernisse abgeslellt.
Abwicklungsstelle Gießen Hammstraße 4.
Vornotizen.
— Tageskalender für Montag: NSG. „Kraft durch Freude": 18 bis 19 Uhr Tennis auf den Städtischen Tennisplätzen am Schützenhaus; 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Ich liebe alle Frauen . — Damenschneider-Innung des Kreises Gießen: 20 Uhr im Cafö Leib: Große Modell-Schau.
*
** Gewitter über Stadt und Land. Nachdem fast während des ganzen gestrigen Sonntags eine ziemliche Schwüle über dem Lande lag, kam es gegen abend zu einem Gewitter, das einige heftige Entladungen brachte. Zu Schäden ernsterer Art ist es innerhalb der Stadt glücklicherweise nicht gekommen. Durch Blitzschläge wurden lediglich einige Licht- und Kraftstromleitungen gestört, so daß einzelne Stadtteile vorübergehend ohne Licht waren.
Eingesandt.
(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem
Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)
Der Bürgersteig Erdkauterweg.
In dankenswerter Weise hat das Tiefbauamt die Straße E r d k a u t e r w e g an der Bahn entlang wunderbar Herrichten und gleichzeitig den Burger- steig verbreitern und erhöhen lassen. Konnte man aber bei dieser Gelegenheit den Bürgersteig, anstatt ihn mit grobem Splitt und hohem weihen Sand zu beschütten, in dem sich nur waten läßt und der in die niedrigen Schuhe einströmt, nicht auch walzen oder sonst befestigen, so daß er tatsächlich beaanaen werden könnte? Fuhren die Radfahrer, infolge des chlechten Zustandes der Straße, früher metft aus i)em etwas besseren schmalen und niedrigen Burgerteig, so gehen jetzt die Fußgänger auf der Straße. Der Bürgersteig läuft nur nebenher, und sie sind denselben Kollisionen mit den Radfahrern ausgesetzt wie zuvor, nur umgekehrt. Für Abhilfe wäre man außerordentlich dankbar. r-
Eine Vertiefung nach der wissenschaftlichen Seite erhielt die Schau durch die Ausstellung der Haupt stelle für Pflanzenschutz, die in unmißverständlicher Weise die Möglichkeiten der Schädlingsbekämpfung und ihre Erfolge vor Augen führte. Aus der sorgfältigen Auswahl der Präparate konnte der Fachmann, wie auch der Laie sehr vieles lernen.
Die volkswirtschaftlich so überaus wichtige O b st- Verwertung war in anschaulicher Art vor Augen geführt, zum Teil konnte man sich sogar von den Vorzügen und Werten des vergorenen oder unvergorenen Obstsaftes durch Kostproben überzeugen, lieber die Einzelheiten der Ausstellung haben wir bereits ausführlich berichtet.
Winterhilfswerk 1935/36.
Ortsgruppe Gietzen-Mitte.
Unter st ützungsanträge für das WHW. 1935/36 der Volksgenossen aus den Straßen:
1. Neuenweg, Weidengasse, Kaplansgasse, Maigasse, Ludwigstraße können nur am 17.9., von 15 bis 18 und von 20 bis 22 Uhr auf der Geschäftsstelle, Kaplansgasse 18, gestellt werden.
2. Erlengasse, Kreuzplatz, Katharinengasse, Wolken- ?lasse, Löwengasse, Teufelslustgärtchen, Bleich-
traße am 18.9., von 15 bis 18 Uhr und von 20 bis 22 Uhr.
3. Seltersweg, Plockstraße, Hindenburgwall, Bahnhofstraße, Grabenstrahe, Hinter der Westanlage, Löberstraße am 19.9„ von 15 bis 18 Uhr und von 20 bis 22 Uhr.
4. Neustadt, Horst-Wessel-Wall, Mühlstraße, Bruchstraße, Goethestraße am 20.9., von 15 bis 18 Uhr und von 20 bis 22 Uhr.
5. Die Entgegennahme von Anträgen aus den Straßen Schanzenstraße, Tiefenweg, Sandgasse, Rittergasse, In Löbers Hof, Marktstrahe, Marktplatz, Mäusbura, Wagengasse, Kleine Mühlgasse, Alicenstraße, Bismarckstrahe erfolgt nicht am 21.9., sondern am 23.9„ von 15 bis 18 und von 20 bis 22 Uhr.
Kohlenscheine werden im kommenden Winterhilfswerk nur an kranke und alte bedürftige Volksgenossen abgegeben. Alle anderen bedürftigen Volksgenossen haben Gelegenheit, ihren Winterbedarf an Brennholz durch Lesen in den Gießener
Während in den beiden verflossenen Jahren die Ortsgruppe Gießen-Süd den Erntedanktag gemeinsam mit der Ortsgruppe Leihgestern feierte, wird der diesjährige Erntedanktag am 6. Oktober von der Ortsgruppe Süd gemeinsam mit der Ortsgruppe Lana-Göns begangen. Es ist geplant, in einem Sonoerzug hin- und zurückzufahren; Fahrpreis für Hin- und Rückfahrt etwa 40 Pfennig gegenüber 80 Pfennig bei der Benutzung anderer $üge. Die Abfahrt soll gegen 14 Uhr erfolgen, die Rückkehr gegen 22 Uhr. Alle Volksgenossen der Ortsgruppe Süd, die an dieser Fahrt teilnehmen wollen, müssen sich umgehend bei dem Ortsgruppen-Propaganda- leiter Ewald, Liebigstraße 86, anmelden.
Einheitliche Kleidung der Sportvereine wird strengstens geahndet.
(LPD.) Die Zentralabteilung der Hessischen Landesregierung teilt mit:
Der Politische Polizeikommandeur der Länder hat am 12. September 1935 auf Grund des § 1 der Verordnung des Herrn Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 den außerhalb der Organisationen des Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen stehenden Turn- und Sportvereinen und Verbänden das Tragen von einheitlicher Uniform ober Kleidung ober von Teilen einer solchen verboten. Hierzu gehören auch einheitliche Fahrtenhemben, Koppelschlösser u. ä. Das Verbot gilt insbefonbere für bie früher für bie Turn- unb Sportvereine eingeführte Kleibung. Ausgenommen ist lebiglich bas Tragen von Sport- unb Trainingskleibung unb sog. Klubmützen.
Bei Verstößen gegen bas Verbot haben bie in Frage kommenben Verbänbe unb Vereine neben ber Bestrafung ber Verantwortlichen auch mit einem Betätigungsoerbot zu rechnen.
Daltikum-Ireikorpskämpfer! Achtung!
Um Irrtümer zu vermeiben, gibt bie Abwicklungsstelle Gießen solgenbes bekannt:
Alle Anträge auf bie Bescheinigung „Einsatz für Deutschland)" finb von ber unterzeichneten Abwicklungsstelle anzuforbern, nicht bei ber Reichs-Abwick- lungsstelle Berlin. Sämtliche zugegangenen Anträge finb ebenfalls an bie Abwicklungsstelle Gießen ein» Zureichen. Letzter Termin ber Einreichung ist ber
SJlxfpoiit
1900’d Leichtathleten im Versuch um die Deutsche Vereinsmeisterschast.
Am Samstagnachmittag unb am Sonntagvormittag würbe von ber Leichtathletik-Abteilung ber Spielvereinigung 1900 ein Versuch um die deutsche Vereinsmeisterschaft in der ^.-Klasse unternommen. Die erreichte Punktzahl von 7235,04 muß als ein großer Erfolg angesehen werben, rangieren doch bie 1900er damit in ber Reichsliste nach dem Stand von voriger Woche an der siebenten Stelle. Die Ergebnisse folgen morgen.
Handball der Sp.-Dg. 1900.
1900*5 Gauligamannschaft unterliegt dem Gaumeister Kasseler Tgmde. ehrenvoll mit 9:6.
Im ersten Spiel ber Verbanbsrunbe 1935/36 hatten bie 1900er sogleich ben Gaumeister CT. zum Gegner. Die Gießener zogen sich, obwohl sie mit Ersatz für die Gebrüder Schott, Knop und Funks antreten mußten, ausgezeichnet aus der Affäre. Das 9:6-Ergebnis ist ehrenvoll und unglücklich zugleich zu nennen. 4:2 in Führung liegend, verloren die 1900er schon kurz vor Halbzeit ihren Mittelstürmer durch Verletzung und muhten mit zehn Mann bis zum Schluß weiterspielen.
Beide Mannschaften begannen zunächst zerfahren. Man merkte ihnen die Sommerpause an. Nach etwa 7 Minuten Spielzeit erzielten die Kasseler im Anschluß an einen schnell vorgetragenen Angriff ihr erstes Tor. 1900 kam dann etwas auf und zog durch den Mittelstürmer gleich. Bald darauf machte sich der ET.-Halbrechte ein zu weites Aufrücken der Gießener Verteidigung zunutze und brachte feine Mannschaft erneut in Führung. Doch ber Gießener Ausgleich (burch ben Mittelläufer) ließ nicht lange auf sich warten. Das gab ben Blauweißen starken Rückhalt. Durch ein geschicktes Täuschungsmanöver kam ber Mittelstürmer frei an ben Kreis. 1900 führte 3:2! Kurz barauf mußte ber Gießener Spieler ausscheiben, boch kämpfte
bie Mannschaft unverbrossen weiter, und ber Halblinke erzielte kurz vor bem Seitenwechsel noch ein weiteres Tor. Nach bem Wechsel trat bie entschei- benbe Wenbung ein. Innerhalb fünf Minuten hatte bie Gaumeistermannschaft ausgeglichen. Drei weitere Tore folgten bann in regelmäßigen Ab- stäuben. Die Gießener machten sich nun roieber mehr frei, nachbem sie eine Mannschaftsumstellung Dorgenommen hatten. Es konnte auf 7:5 verkürzt werben. Weitere Torchancen waren noch burch Strafwürfe gegeben, jeboch wollte bem 1900er Halblinken in biefer Hinsicht nichts gelingen. Allerbings war ber Kasseler Hüter sehr gut auf dem Posten. Sein Gegenüber mußte noch zwei Bälle passieren lassen, hielt aber im übrigen recht brav. Kurz vor Schluß war es bem Gießener Linksaußen noch vergönnt, ein wunderbares sechstes Tor für
seine Farben zu erzielen.
1900 II — TV. Cid) 3:7 (1:6).
Die zweite Mannschaft, ersatzgeschwächt, mußte den eifrigen Licher Turnern die Punkte überlassen«
Mannschastskampf der Volksturner in Heuchelheim.
Tv. Lollar — Tv. Kinzenbach — Tv. Heuchelheim.
Arn gestrigen Sonntag traten in Heuchelheim drei Mannschaften der genannten Vereine zur 3. Austragung des Mannschaftskampfes an. Der Wettkampf nahm einen spannenden Verlauf. Es wurden sehr gute Leistungen gezeigt. Nachdem die Turner auf bem Sportplatz angetreten waren, begrüßte ber Dereinsführer bes gaftgebenben Vereins, Otto Rinn, bie Mannschaften ber beiben Vereine von Lollar unb Kinzenbach, sowie ben als Obmann ber Wettkämpfe erschienenen Kreisvolksturnwart Dr. Loh (Gießen). Er sprach bie Hoffnung aus, baß bie heutigen Dereinswettkämpfe einen roürbigen Verlauf nehmen möchten. Nach einem Sieg-Heil auf unser beutsches Vaterlanb unb seinen Führer, sowie auf bie Deutsche Turnerschaft im RfL., begannen sofort bie Wettkämpfe.
Carl Gpihweg.
3um 50. Todestage des Malers am 23. September.
Siebermeier. Aus vergilbten Tasten, in zarter Schwermut schwingenben Saiten, rieselt Musik von Chopin. Flöten, Gitarren unb ein nachbenklicher Baß vereinigen sich unter bem weinlaubumsponnenen Altan zu einer kleinen Nachtmusik. Die Hellebarbe über ber Schulter, trottet ber Wächter durch bas schlafenbe Dorf. Durch die winklige Gasse, die gespenstisch im romantischen Mond träumt, klirrt bie Scharwache: eine versunkene Welt, unwirklich, märchenhaft ... In ber Zeit ber historischen Kolossalgemälde Kaulbachs unb seiner Schule hat Spitz- w e g in Hunderten von Spiegelchen bas Deutsch, land von damals aufgefangen, mit seinen spitzgieb- ligen Häusern, moosbewachsenen Brunnentrögen, holprigen Gassen, mit Violinen, Bratenröcken, grünen Pantoffeln und Schnupftabaksdosen.
Der kleine Mann, von seinen Freunden „der Schneider" genannt, ber erst als Dreißigjähriger Stößel unb Mörser, Tiegel unb Pillenbüchsen ber Alten Residenzapotheke in München verließ unb in der Langeweile eines kleines Babes seine Berufung zum Maler entdeckte, hat niemals bie Akabemie besucht Seine Meister waren bie Niederländer ber Pinakothek. Auf einer Reise, bie ihn nach Venedig, Paris, London, Brügge unb Köln führte, lernte er bie jungen Maler ber französischen Romantik kennen. In zahlreichen Bildern — ber „Terrasse", bem „Großinquisitor", ben „Italienischen Straßenfängern" — finbet man bie Farbeffekte Delacroix'; in ben feenhaft golbgrünen Waldlanbschaften mit den badenden und tanzenden Nymphen die Einwirkung des Diaz de la Pena; und steht man in der Berliner Nationalgalerie vor dem „Frauenbad in Dieppe" mit den hellen, flüchtig angedeuteten Gestalten vor der steilen Felswand, dem durchsich- tigen Blau des Himmels und dem Meer, über dem die Silbertöne Corots flimmern, so ist man überrascht, den Namen Spitzwegs daran zu finden. Denn was sich mit dem Klang seines Namens gefühlsmäßig verknüpft, ist die Darstellung des philiströsen und doch so liebenswerten Deutschlands jener Tage, mit seinen Landstreichern, Handwerksburschen, sah- renben Schauspielern, dicken Gendarmen, dürren Schulmeistern und nachtmützigen Spießbürgern.
Sein Atelier am Heumarkt sah aus wie die Staffage zu seinen Bildern von schrulligen Einsiedlern: „Drei steile Treppen hoch, mit erträglichem Nordlicht und der Aussicht auf endlose Dächer, Giebel, Türme und dem herrlichsten Horizont mit Luft-
und Wolkenspielen, während sein, von Urväterhausrat strotzendes und deshalb ob drohender Feuersgefahr unheizbares Schlafgemach gegen Süden den Ausguck bis an die ferne Alpenkette gewährte. Ein gichtbrüchiges Sofa bot kaum behaglichen Sitz. An einem nicht meterlangen Tischchen genoß der Insasse sein Mittagessen und Abendbrot, wozu ihm eine kleine, grüne Blechlampe die Beleuchtung konzentrierte."
Hier hauste er: ein unscheinbares, schmalbrüstiges Männchen mit blauroter Knollennase, auf der bie schwere, silberne Brille mit ben scharfen Gläsern sah, mit luftigen, kurzsichtig oorquellenben Augen, unter benen bie von taufend Fältchen zerrissenen Tränensäcke hingen, schmökerte Gottfried Keller, dessen „Leute von Selbwyla" wie aus Spitzwegs Zeichnungen herausgeschnitten scheinen, übersetzte John Burnets „Practical hints on oil painting“, kritzelte mundartliche Reimereien oder pinselte seine Biedermeieridyllen auf Holzbrettchen — zuweilen sind es nur Zigarrenkistendeckel gewesen —, die er bann wie Bücher nebeneinanber aufschichtet.
An bie taufenb Silber mag er geschaffen haben. Er verschenkte sie an Freunbe, gab sie für wenig ©elb an Kunstvereine, Jnbustrielle unb wohlhabenbe „Privatiers". Professor ist er nie geworben. In ben Ausstellungen hat bie Jury seine Silber abgelehnt, später „tot gehängt". Keines seiner berühmten Ge- mälbe wie ber „Slbliothekar", bie Scharwache" ober „Serenissimi Auffahrt", bie heute Kostbarkeiten bar- stellen, hat chm mehr als 600 bis 800 Mark gebracht. Ohne bie Verbitterung bes „Verkannten" hat er bie Rückkehr in bie Welt bes kleinbürgerlichen Berufs erwogen, bie er fo spät verlassen hatte: wenn s nicht mehr langte, wollte er zusehen, eine Schreiberstelle bei einer Branbversicherung ober etwas Aehnliches zu bekommen.
Aber es hat gelangt. Mit ber Gewissenhaftigkeit d^s ehemaligen Provisors, bie sich auch bei bem Maler nicht verleugnete, wenn er im „Stäubchen" eine Flöte scharf unb minutiös bis in bie Einzelbetten zeichnet, wenn er bie Farbwerte sorgsam abwagt wie wichtige Mebikamente — hat er ein Verkaufsverzeichnis seiner Silber geführt. Als letzte Eintragung lieft man: „No. 480. Wirtshaus, Reiter hinten Dorf unb Srücke. Privatier Sötter. Mün- ^14. (September 1885." - „Es pressiert nicht so , schrieb ber Achtunbsiebzigjährige in biefen Ta- gen an einen Freunb, „ich mag nicht fo schnell schon ein Enger! werben." Am Morgen bes 23. fanb man ibn auf dem alten Sofa des kleinen Schlafkabinetts Der Tod hatte ihm die Gunst erwiesen, um die er einst in dem kleinen Vierzeiler „Epilog" gebeten hatte: „Ganz sanft im Schlafe möckst' ich sterben—"
_u. .. LWalter SohwerdUegeft
0er Mond bringt es an den Tag.
Abraham Lincoln, der Rechtsanwalt war, ehe er der volkstümliche Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wurde, bewies einmal in einer Gerichtsverhandlung, in der ein Mann des Mordes bezichtigt war, die Haltlosigkeit der Anklage, indem er feststellen konnte, daß in der Nacht, in der das Verbrechen geschehen war, Vollmond bei wolkenlosem Himmel geherrscht habe und daß die Zeugen den ängeblichen Täter genau hätten sehen müssen, während sie aber nur angeben konnten, ihn ungefähr erkannt zu haben. Auf diesen Einwand erfolgte der Freispruch. Die Wetterkunde ist vor Gericht schon häufig ein wichtiger Zeuge gewesen, unb nicht nur bie Sonne, wie es im Gehickst heißt, fonbern auch ber Monb hat bie Wahrheit schon mehr als einmal an ben Tag gebracht. In einem vor einiger Zeit verhanbelten Prozeß würben sowohl englische wie russische Meteorologen als Sachverstänbige vernommen. Es hanbelte sich um einen Angeklagten, ber in Rußlanb einen Mord begangen haben sollte unb bann nach Englanb geflohen war. Sein Anwalt brachte bie Gutachten russischer unb englischer Wetterstationen bei, bie barin übereinstimmten, baß in ber fraglichen Nacht Vollmonb gewesen sei, bie Zeugen hätten also auch in biefem Fall ben Verbrecher genau erkennen müssen, was jeboch nicht zutraf. Auch biefer Angeklagte würbe in Freiheit gesetzt. In einer anberen Ge- rickstsverhanblung war bie genaue Angabe, zu welcher Zeit bie Sonne an einem bestimmten Tag aufgegangen ist, von entscheibenber Wichtigkeit. Die roetterfunbigen Sachverstänbigen haben feftgefteüt, baß ein Mensch mit durchschnittlicher Sehschärfe in hellstem Tageslicht eine ihm wohlbekannte Person noch auf eine Entfernung von runb hunbert Metern sehen kann. Die Augen bes anberen können gewöhnlich noch bei ungefähr 70 Metern unterschieben werben, währenb Semegungen ber Gliebmaßen auf eine Entfernung bis zu 130 Meter zu beobachten finb. Auf 500 Meter ist von einem Menschen nur ein ganz ungefährer Einbruck zu erhalten, unb bei Entfernungen von über 600 Metern sind genauere Aussagen fast unmöglich. Diese Einzelheiten finb für bie Seurteilung von Zeugenangaben natür» lich sehr wichtig. In einem Fall würbe ein Einbrecher, ber währenb eines schweren Gewitters nachts ein Haus verließ, von zwei Vewohnern gesehen, bie behaupteten, sie hätten ben Angeklagten bei bem Schein eines grellen Slitzes ganz genau erkannt. Die Verteibigung berief sich barauf, baß ber Schein bes Blitzes nicht stark genug gewesen lein könne, um eine so genaue Beobachtung zu machen. Aber dar Sachoerftündiga war i# bat Lag-
nachzuweisen, baß gerabe biefes Gewitter burch besonders Helle unb lange Blitze ausgezeichnet gewesen sei, unb baß ein auffaüenb starker Blitz um bie Zeit nieberzuckte, bie von bem Zeugen angegeben würbe. Darauf erfolgte bie Verurteilung.
Zeitschriften
— „Die Kun ft", Monatshefte für Malerei, Plastik und Wohnkultur. 36. Jahrgang Heft 12, September 1935. (Verlag F. Bruckmann, München.) Reiches Bikbmaterial unb eine Reihe hervorragender Veröffentlichungen vereinigt auch biesmal wieder die Septemberausgabe. Eine Beigabe von befon- berem Wert ist bas buntfarbig wiedergegebene Gemälde „Auf dem Pfänder" von Felix Bürgers un- viele andere Reproduktionen von Werken diefes Malers, über dessen künstlerische Eigenart Wilhelm Rüdiger interessante Ausführungen macht. In gleicher Weise wird das Schaffen anderer moderner Künstler, z. B. des Bildhauers Werner F. Kunz unb bes Malers unb Bilbhauers Tone Kralj behan- bett. Der zweite Teil über Wohnkultur enthält u. a.: „Das Eigenwohnhaus eines Architekten" von Arch. Albert Hauschildt, Hamburg, „Was einem beim Bauen passieren kann, wenn man nicht „Neue Arbeiten ber „Heimgestalter", Berlin" von Otto Riebrich, „Ein Garten im Rheintal" von Gartengestalter Friedrich Heiler, Kempten, eine Fülle praktischer Beispiele und Anregungen für jeden.
— Die „Berliner Monatshefte" bringen eine Fülle von Aussätzen, bie sich mit der Vorgeschichte und Geschichte des Weltkrieges beschäftigen. Das Septemberhest bringt einen umfassenden Auf« satz über Italiens Eingreifen in ben Weltkrieg aus ber Feber bes italienischen Historikers Mario Tos- cano. Wenn sich ber italienische Professor auch wohl bemüht, bie Dinge objektiv barzustellen, so über- geht er boch vieles, was auf bie mangelnbe Zuverlässigkeit bes ehemaligen Bunbesgenossen einen Schatten wirst. Professor Hashagen (Hamburg) entwirft einige Gedanken, nach welchen Gesichtspunkten bie biplomatische Geschichte bes Weltkrieges zu schreiben ist. Was an Schrifttum zum Weltkrieg vorhanben unb auf welche Weise es bem Forscher zugänglich gemacht worben ist, erfahren wir burch einen Aufsatz von Dr. Max Gunzenhäuser, der in der Weltkriegsbücherei Stuttgart als Wissenschaft licher Mitarbeiter tätig ist. Sehr aufschlußreich auch für den Politiker von heute sind zwei Berichte Paul Cambons an Delcassö vom Dezember 1898, die die englisch-französischen Beziehungen jener Zeit vortrefflich charakterisieren. Das Septemberhest bringt auch ben Wortlaut bes Vertrages zwischen Frankreich, Großbritannien unb Italien über Abes- finieu vom 1& September 1906»


