Ur. 222 Zweites Blatt
Giehenn^nzetger (General-Anzeiger für Gverheffen-
Montag, 23. September (935
Lebt Oberst Fawcett?
Auf den Spuren eines im brasilianischen Urwald Verschollenen.
„Er kehrt zurück!" So lautet die sensationelle Meldung, die vor kurzem der katholische Missionar Pater Molloy, aus Brasilien kommend, nach Neuyork gebracht hat. Aus seinen Nachrichten scheint hervorzugehen, daß der verschollene Forscher Oberst Fawcett nicht nur am Leben, sondern sogar im Begriff ist, wieder zur Zivilisation zurückzukehren. Der Pater will diese Kunde von einem einflußreichen indianischen Häuptling mit dem poetischen Namen „M eißer Sohn der Sonne" erhalten haben. Fawcett, von dem auch der Pater nicht in Erfahrung zu bringen vermochte, was er denn nun eigentlich ein Jahrzehnt im Urwald getrieben, wünsche jetzt, nach Europa heimzukehren — er müsse sich jetzt schon nördlich der Kordilleren, auf der Wasserscheide Zwischen dem Amazonas und dem Parana-Fluß be- finden ... Dies die Nachricht, welche die ganze Welt aufhorchen macht und noch einmal Hoffnung gibt auf Fawcetts Rückkehr — eine Hoffnung, die aller- dings schon oftmals zunichte wurde im Verlaufe des letztvergangenen Jahrzehnts.
In diesem Jahre nämlich jährte sich zum zehnten- mal Oberst Fawcetts Auszug. Man schrieb den 10. Januar 1925. Aus dem Neuyorker Hafen fuhr ein Segelschiff, breitete seine weißen leuchtenden Schwingen aus und nahm den Weg die Küste entlang nach Rio de Janeiro. Drei Männer waren an Bord außer der Schiffsbesatzung: Oberst P. K. Fawcett, sein Sohn und Raleigh R i m m e l, des jungen Fawcett Schulfreund. Diese Drei zogen aus, um noch den verschollenen, nur aus Legenden der südamerikanischen Indianer bekannten alten Kulturstätten der sagenhaften weißen Indianer Brasiliens zu forschen.
Märchenhafte Gerüchte sind seit Jahrhunderten über diese Stätten im Umlauf. Eine Legende erzählt: Gott setzte zwei Brüder auf die Erde, deren einer westwärts zog und das Reich der Inkas begründete. Der andere blieb am Ort, in der Gegend Der heutigen brasilianischen Provinz Matto Grosso, und baute, dem Gebot Gottes folgend, eine Stadt mit mächtiger Ausdehnung. Die Häuser waren aus lauterem Gold, die Dächer übersät mit Diamanten. Bekannt ist die Ueberlieferung südamerikanischer Indianer über ungeheure Schätze, die beim Vordringen der Spanier und Portugiesen auf den Grund von Seen versenkt wurden. Obwohl diese Schätze bis heute nicht gefunden werden konnten, spricht doch die Eifersucht der indianischen Bevölkerung, mit der sie jeden Weißen von diesem See fernzuhalten versucht, für die Wahrscheinlichkeit, daß an dieser lieber- lieferung etwas Wahres ist.
Diesen sagenhaften Kulturen nachzuspüren machte sich Oberst Fawcett auf den Weg. Er schätzte das umfangreiche Gebiet Brasiliens auf zwei Millionen Quadratmeilen und hoffte, der Archäologie unerhörtes Material verschaffen zu können. 8665 Kilometer I dehnen sich zwischen Rio be Janeiro und Bolivien. Berge, Pampas, mächtige Flußläufe, Urwalddickicht im ununterbrochenem Wechsel. Jeder Schritt vor- i märte bedeutet ein mühseliges Ankampfen gegen ibie Natur, die sich ihre Geheimnisse nur widerwil- Uig entreißen läßt; jeder Schritt einen Kampf gegen »den Tod, der vielgestaltig auf allen Pfaden lauert: in Klapperschlangen im Unterholz der Wälder, in reißenden Stromschnellen, in den Stichen von Mos- lkitos und Skorpionen und in den Fieberdünsten wersumpfter Gebiete. Schritt um Schritt bahnen sich ibie drei Menschen den Weg tief ins Innere des !Landes. Bis C u y a b a, im Bezirk Matto Grosso, siind sie Zufälligkeiten noch wemger ausgesetzt, da Riefe Stadt, fast schon an der Grenze des von Wei- sßen noch bewohnten brasilianischen Gebiets, mit Mio de Janeiro durch eine Art Straße, wenn auch micht Straße im europäischen Sinn, verbunden ist. iJn Cuyaba nimmt dann ihre eigentliche Forschungs- »reise ihren Anfang. Langsamer noch als bisher geht es weiter. Axthieb um Axthieb muh jeder Zenti
meter Boden erobert werden. Nur ab und zu, meist in der Nähe eines Flusses, Siedlungen von Indianern, mitten im Urwald. Schon das ist ein großer Gewinn, daß sie den weißen Eindringlingen nicht feindlich gegenüberstehen. Oberst Fawcett schlagt die Richtung gegen den Rio Linau ein. Nordwestlich von Diamantino hofft er die sagenhafte goldene Stadt der sagenhafen weißen Indianer zu finden.
In einem vom 22. April 1925 datierten Bericht spricht der Forscher von den Spuren einer alten weißen Kultur und Zivilisation, die er gefunden zu haben glaubt und deren tatsächliches Vorhandensein er beweisen will. Die unwegsame Wildnis, das unwirtliche Klima, ungewohnte Anstrengung und Fieber aber fordern ihr Opfer. Raleigh R i m m e l und der junge Fawcett erkranken am Rio Lingu — und zurück geht es auf Cuyaba zu, um dort Heilung zu suchen. Ein zweiter Bericht, Datiert vom 30. Mai 1925, bringt an Stelle neuer Forschungsergebnisse Nachrichten über die Leiden, Denen die Forscher durch Jnsektenbisse Ausgesetzt sind —: Rimmel sei durch einen solchen fast gelähmt —: dies war das letzte Lebenszeichen des Obersten Fawcett ... Dann geriet die Expedition in Vergessenheit; die Wenigsten in Europa wußten sich noch des Namens Fawcett zu erinnern — nur in England bangte und zerbrach ein Gattinnen- und Mutterherz ...
Erste Kunde von dem Verschollenen hörte man erst wieder im Jahre 1927. Damals befand sich Roger C o u r t v i l l e, ein französischer Ingenieur in brasilianischen Diensten, nur von seiner Frau und einem Mechaniker begleitet, auf einer Autoreise quer durch Brasilien. Zweck: die Erkundung einer Möglichkeit, Rio de Janeiro auf dem Landweg, nämlich durch eine Autostraße mit Lima zu verbinden. Er erhält
- L i ch, 22. Sept. Der Rote-Kreuz-Gedanke hat in unserer Stadt schon feflr früh Eingang gefunden. Bereits im Jahre 1868 wurde auf Anregung des Prinzen Ferdinand zu Solms-Hohensolms-Lich ein Alice-Frauenverein gegründet. Das Fürstliche Haus hat seit diesem Jahre den Roten-Kreuz-Gedanken weiter gefördert und gepflegt. So war es denn selbstverständlich, daß das heute in dem freundlich zur Verfügung gestellten Schloßpark abgehaltene Gartenfest zum Besten des Roten Kreuzes und seiner Arbeit unter der freudigsten Anteilnahme der Bevölkerung unserer Stadt und ihrer Umgegend wieder zu einem vollen Erfolg wurde. Heber zweitausend Menschen waren der Einladung gefolgt.
Don dem Hessischen Alice-Frauenverein war die Landesvorsitzende, die ehemalige Großherzogin Eleonore, erschienen und griff sofort helfend in der Tombolabude ein. Der Kreisverband und Ortsverein Gießen war durch eine größere Anzahl von Vorstandsmitgliedern vertreten, ebenso hatten die Vertreter der Stadt Lich und der Ortsgruppe der NSDAP, der an sie ergangenen Einladung zahlreich Folge geleistet.
Unter den Klängen der Feuerwehrkapelle (Leitung Rudolf Jung) entwickelte sich bald auf dem mit den Fahnen des Dritten Reiches geschmückten Festplatz und in den von der Brauerei Jhring- Melchior und dem Fürstlichen Haus in dankenswerter Weise erstellten großen Zelten ein richtiges Volksfest, das aufs neue die Verbundenheit des hiesigen Alice-Frauen-Ortsvereins mit der Bevölkerung zeigte. Die Tombolabude und die Schießbude, die durch die Gebefreudigkeit der Mitglieder, der Geschäftsleute sowie der Gönner des Vereins mit etwa 700 Gewinnen (darunter ein Schwein, eine Saategge, verschiedene Faß Bier, ein Stallhase) ausge» stattet war, konnte den Massenbetrieb kaum bewäl-
durch Indianer geheimnisvolle Nachricht von weihen Männern, die von Norden her in diese Gegend gelangten — bahnt sich weiter feinen Weg in Richtung Rio Costa — und trifft dabei angeblich einen grauhaarigen Weihen, sehr verwahrlost und nieder- gebrochen. Der Fremde antwortet kaum auf feine Fragen, flieht zurück in den Urwald. Als Courtville in Cuyaba einem Regierungsbeamten von diesem Zusammentreffen erzählt, meint dieser, es könne sich um niemanden anders gehandelt haben als um den Obersten Fawcett.
Zu Beginn des Jahres 1928 machte sich eine Expedition der Londoner Geographischen Gesellschaft unter Leitung des Obersten D y o 11 auf, um den brasilianischen Urwald zu durchdringen. Indianer, und zwar Anauquas, haben Dyott berichtet, daß Fawcett mit seinen Begleitern schon 1925 von einem indianischen Stamm überfallen und er- mordet worden sei; Dyott hat sogar Gegenstände gesehen, welche die Indianer von dem „weihen Gott" erhalten haben wollen ...
Abermals vier Jahre Schweigen. Da kehrt der süd- amerikanische Waldläufer Ratti, ein geborener Schweizer, aus dem Herzen des brasilianischen Urwaldes, roo' er sich als Orchideenjäger aufgehalten, nach Rio de Janeiro zurück und berichtet, daß er in der Nähe eines größeren Indianerdorfes einen Weihen getroffen habe, der habe sich ihm als Oberst Fawcett zu erkennen gegeben und um Befreiung aus den Händen der Ureinwohner gebeten ... Ratti selbst führte eine Expedition, die von dem britischen Konsul in Rio de Janeiro ausgerüstet und finanziert wurde, in den Urwald — die Suche ist ergebnislos ...
Neues Gerücht im vergangenen Jahr — neue Hoffnung — neue Enttäuschung. Bis zu diesen gegenwärtigen Sommertagen, da der Pater Molloy mit verheißungsvoller Botschaft aus Brasilien nach Neuyork gekommen ist —: darf die Welt noch einmal hoffen?! O. H.
tigen. Ebenso groß war der Andrang im Kaffee- und Kuchenzelt, für das allein 88 Torten und Kuchen gestiftet worden waren. Eine eigens für das Fest eingerichtete und elekritfch betriebene Waffelbäckerei der Fürstin Karl konnte die vielbegehrten leckeren Herzen gar nicht schnell genug Herstellen. Im Bierzelt herrschte bald fröhlichste Stimmung.
Als gar um 16 Uhr das Theaterzelt mit feinen 250 Sitzplätzen feine Pforten zur Uraufführung von „Katrinche von Goarwedäch Verlobungsfest" öffnete, wurde der Andrang so groß, daß die Vorführung dreimal wiederholt werden muhte. Am Schluß der zweiten Vorstellung wurde der Verfasserin dieses von echtem Humor durchwehten Dolksstücks, der Prinzessin Elisabeth zu Solms-Hohensolms-Lich, als 2)ant und Anerkennung ein Strauß herrlicher Gladiolen überreicht. Zwischen den einzelnen Darbietungen spielte die Musik unermüdlich zum Tanz auf, der Turnverein (Leitung Schuhmachermeister Volz) führte mit seinen Turnerinnen drei hervor- ragend gelungene Reigen auf, die Sängervereinigung „Cacilia" fang unter der Stabführung von Chormeister Jlge mit bekannter Meisterschaft „Köln am Rhein, du schönes Städtchen" und „Morgen marschieren wir". Die Kinder vergnügten sich an drei mächtigen Krabbelsäcken, die die schönsten Sachen bargen und im Nu geleert waren. Eine amerikanische Versteigerung eines zu diesem Zweck von einem hiesigen Schreinermeister gespendeten Blumenständers erheiterte die Gemüter. Ein Zigarren- und Zigarettenstand versorgte die Festgäste mit den nötigen Rauchwaren. Gegen Abend erstrahlte der Festplatz im Glanz der von der Firma Walz kostenlos gelegten Festbeleuchtung. Verschiedene niedergehende Regengüsse taten der Feststimmung keinen Abbruch, bis dann um 19.30 Uhr mit einem
schneidigen Musikstück der Festkapelle Das in allen Teilen wohlgelungene und unter der Leitung der Fürstin Reinhard zu Solms-Hohensolms-Lich, unter Der Mitwirkung Der Sanitätskolonne (Leitung Halbzugführer L o tz), der Samariterinnen (Leiterin Frau Regina Giese» 1 e r) und vieler Helfer und Helferinnen durchge- führte Fest feinen Abschluß sand. Entsprechend der glänzenden Vorbereitung und Durchführung war natürlich auch das finanzielle Ergebnis (Reinertrag über 1000 Mark), das Dem Ortsverein Lich wieDer für längere Zeit Die Möglichkeit gibt, Die alte und immer wieder bewährte Rote-Kreuz-Lofung in die Tat umzusetzen: „Helft helfen!"
Kampf den Volkskrankheiten!
Wanderausstellung der Landesversicherungsanstalt Hessen.
LPD. Darmstadt, 22. Sept. Die Landes» Versicherungsan st alt Hessen eröffnete am Sonntag im Haus Der Kunsthalle am Rheintor eine ÜBanDerausftellung „VolksgesunD- heitspflege — Kampf Den Dolkskrank- feiten!" Nach Den einleitenDen Worten Des Prä- fibenten Der LanDesversicherungsanstalt Hessen, E m • m e r I i n g, Der u. a. Den Vertreter Des Reichsstatthalters in Hessen, Regierungsrat Reiner, den Vertreter der Landesregierung, Ministerialrat Ringshausen, Kreisleiter und Oberbürgermeister W a m b o l d t, sowie zahlreiche Vertreter der Partei, ihrer Gliederungen und die Vertreter der hessischen Aerzteschaft begrüßte, nahm Oberregie- rungsrat Dr. Heinemann, der sich um den Aufbau der Ausstellung sehr verdient gemacht hat, das Wort. Er ging zunächst auf die Lage der Sozialversicherung vor Der Machtübernahme durch die NSDAP, ein und konnte an Hand von Zahlenmaterial feststellen, daß in Hessen eine Leistungssteigerung auf allen Gebieten der Sozialversicherung erfolgt sei. Weiter sprachen noch Pg. Finger als Vertreter des Leiters des Rassepolitstchen Amts der NSDAP, in Gießen Dr. Kranz und der Chefarzt der Heilstätte Winterkasten Dr. Starke. Die Ausstellung wird von Darmstadt aus ihren Weg durch bas ganze Hessenland nehmen und auch in dem kleinsten Dorf die hygienische Volksbelehrung weiter ausbreiten. Ein Gang durch die Ausstellung zeigt u. a. Räume für Säuglingspflege, eine Blldabtei- lung der NSV., die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, der Tuberkulose und des Krebses, ferner der Zahnkrankheiten. Eine besonders reichhaltige Schau ist der Rassenkunde und der Erbgesund- heitepflege gewidmet. Daneben werden auch die für die Dolksgesundheitspflege zuständigen Stellen in Hessen auf großen Tafeln aufgezeigt. Es ist beabsichtigt, SA-, SS., HI. und die Schulen möglichst geschlossen durch die Ausstellung zu führen.
Eröffnung der „1. Frankfutter Gaflwittemeffe"
Frankfurt a. TI., 21. Sept. (LPD.) In einer eindrucksvollen Kundgebung der Wirtschaftsgruppe Gaststätten und Beherbergungsgewerbe wurde am Samstag die „1. Frankfurter Gastwirts- messe" auf dem Festhallengelände eröffnet. Neben den zahlreichen Angehörigen dieses Gewerbes waren viele Vertreter der Partei, der Verwaltung und der Wirtschaft und ein Vertreter des Werberates der deutsche^ Wirtschaft erschienen, u. a. der Reichsführer des Handels, Professor Dr. Lüer, Polizeipräsident SA.-Gruppenführer B e ck e r l e, Bürgermeister Linder, der Treuhänder der Arbeit Schwarz.
Namens der Ausstellungsleitung begrüßte Direktor Dr. Schnorr die Versammlung und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die „Frankfurter Herbst- rnefje" und die „1. Frankfurter Gastwirtsmesse" einen weiteren Baustein zum Aufbau unserer Wirt
Rotes-Kreuz-Fest im Schloßpark zu Lich
Mund mochte noch was versuchen, öffnet sich halb, schnappt wieder zu und weiß, er bringt nichts mehr zustande. '
Auch das Fräulein selbst, das bisher hin und wieder einen kleinen Tip gab, hat anscheinend ausverkauft. Wenigstens in der leichten, umgänglichen Ware, die hier in der siebenjährigen Welt gehandelt wird. Ein wenig macht sie bte Augen schmal, ein paar Augenblicke scheint sie sich noch zu besinnen, dann läßt sie es genug fein. Gut und Schluß für heute!
Aber wie sie sich eben wenden und nach der Kreide langen will, gewahrt sie da hinten noch einen Finger. Ein allereinziger Finger ist es, und zag wie ein letztes Kerzlein aus einem erlöschenden Lichtfest schimmert es über der Klasse. Uno was das Merkwürdige ist: dieser Finger gehört einem Jungen, der sich die ganie Stunde hindurch noch mit keinem Wort geregt hat. Was konnte er jetzt noch wollen?
Er stört eigentlich, dieser Finger, denn die Sache ist doch nun abgeschlossen. Die Lektion ist nun zu Ende. Das Fräulein will schon abwinken. Aber im letzten Augenblick bedenkt sie sich noch, kommt es ihr, daß dieser Finger, dieser nachzügelnde Finger doch schließlich ein Finger war, so gut wie jeder andere. Unb so fragt sie: „Nun was wolltest bu noch sagen?"
„Verantwortung!" sagt Da hinten der kleine Junge. Es ist ein Dünnes Sttmmchen. Einem Mäd- chen konnte es gehören. Aber es paßt zu diesem blaßen, schmalen Gesichtchen, paßt zu dieser fein- gliedrigen, fast kümmerlichen Gestalt, die kaum über die Köpfe Der anderen hinwegblicken kann.
Das Fräulein steht ein paar Sekunden da in einem Erstaunen. Ihr ist, wie wenn sie sich verhört hätte. Verantwortung! Kam das wirklich dort von diesem blassen Jungen? Sie hat ihn noch kaum bemerkt in Der kurzen Zeit, da sie in der Klasse steht. Aber nun muß sie sich ihn doch wohl etwas genauer ansehen.
Unb sie fragt: „Verantwortung, hast Du gesagt, nicht wahr? — Heißt du übrigens nicht —V
„Fritz TieinoID!" sagte rasch Der Junge.
„Jawohl, Fritz MeinoÜ) also. — Ick wollte aller- Dings sagen — Nun ja, ich will mir s merken für bas nächste Mal. — Aber nun sag' mir, wo hast Du bloß dies schwere Wort her?"
Statt einer Antwort nestelt der Junge an seinem verwehten Ioppchen herum. Einen Schlüssel bringt er hervor, Der ihm an einer Schnur um Den Hals hängt, und Den hebt er nun Dem Fräulein vor die Augen.
„Das ist der Schlüssel von unserem Korridor",
Verantwortung.
Von Karl Burkert.
Sie ist die jüngste Lehrerin an der Schule, noch »nicht einundzwanzig. Sie darf noch keine eigene Masse führen, muh nur immer zuhören unb sehen, nvie man’s macht. Iebe Woche einmal barf sie sselbst eine Stunbe halten. Aber babei kommt sie stich boch mehr wie eine Schülerin vor. Sie ist ja »nicht allein mit ben Kinbern. Hinter ihrem Rücken stitzt ber „Chef, notiert hin unb roieber ein paar Worte auf ein Blatt: Die Anhaltspunkte für die machfolgende Kritik.
Aber heute ist das nun anders. Eine Lehrkraft nft als erkrankt gemeldet, sie hat die Vertretung zu ^übernehmen, und nun steht sie zum allererstenmal iin ihrem Leben mit voller Verantwortung vor einer Klasse.
Ein seltsames Gefühl diese volle Verantwortung, troenn man noch jung ift! Fünfzig Kinder sind einem □noertraut. Man soll sie hüten, zügeln, beschäftigen. Mein, das ist keine Kleinigkeit! Man spürt es bis in die Fingerspitzen, dah es etwas Wichtiges ist. ZZast mochte man sagen, etwas Großes. Ganz anders als gestern und vorgestern und alle Zett her Kommt man sich plötzlich vor. Es schwingt etwas iin einem, was man bisher noch nicht getannl hat. iSelbstbewußstein? Oder vielleicht gar Stolz? Es macht ben Schritt sicherer. Es spricht aus bem Blick, lohne baß man es weiß. Es klingt aus ber Sprache, !Die auf einmal gar nicht mehr so schüchtern ist unb •nun fast eine metallische Tonfarbe angenommen ihat. Wer „bas Fräulein" heute sieht, erkennt sie Kaum roieber.
Für bis erste Stunbe war Rechnen angesetzt unb Jbas wäre jetzt glücklich vorüber. Nun käme Deutsch nm bie Reihe. Wörter auf „ung" finb zu bilben, mnb bie kleinen siebenjährigen Jungen gehen babei mächtig ins Zeug. Kaum zu glauben, was sie alles nufbringen. Schätze, bie man bei ihnen wahrhaftig micht vermutet hätte. In allen Winkeln burchstöbern isie ben grünen Garten ber Muttersprache. Hei, was Oa nicht alles wächst! Wo man hintippt, schießt wie- Der solch ein Wort empor. So ein rares feines Wort! Don allen Seiten platzt es bem Fräulein -entgegen. Mitunter natürlich em Doppelschuh. Aber Das tut nichts. Zwischenhinein auch mal ein Blinb- weiter nichts zu bebeuten. Immer frisch brauflos- gänger. Kommt in ber schönsten Schlacht vor, hat
gesucht!
Allmählich versiegt ber muntere Quell, will nichts mehr von sich geben. Die sich melbenben Finger, Die vorhin zu keck in bie Luft stachen, ermatten mehr unb mehr, bleiben zuletzt weg. Die Jungens .. wissen sich keinen Rat mehr. Da unb bort ein I sagt er.
„Jawohl, euer Schlüssel!" sagt bas Fräulein. „Aber ich hab' dich boch nach Dem Wort gefragt!"
Der Junge läßt sich nicht beirren. „Meine Mutter ist 'den ganzen Tag im Geschäft", fährt er fort. „Immer erst abends kommt sie heim. Da muh ich den Schlüssel immer bei mir tragen."
„Freilich, Der Schlüssel — Das kann man verstehen!" sagt bas Fräulein.
„Unb Da muß ich immer gut adsperren, daß nichts vorkommt, sagt die Mutter!"
Auch bas scheint bas Fräulein zu begreifen, Denn sie nickt.
„Und Dann muß ich meine Inge alle Tage von Der Kinberschule abholen — urto muß gut acht geben, baß ihr nichts passiert. — Meine Mutter sagt immer, ich hau für alles bie Verantwortung."
Das war nun endlich bas Wort. Nun wußte man, wo es herkam bei diesem Jungen. Und nun hatte alles seinen Sinn.
Das Fräulein schaut verlegen drein. Sie bemerkt einen scharfen, fast wehtuenben Zug auf diesem jungen Gelickt. Und sie bemerkt eine unkindliche Runzel auf Dieser Kindersttrne, unb sie sagt sich, baß bie noch nicht hierher gehört. Aber sie weiß auch, wie bas alles zusammenhängt und worin Das seinen Grund hat. Die Verantwortung! Jawohl: bie Verantwortung?
Unb sie kommt sich auf einmal so unwichtig vor, so gar nicht mehr als Mittelpunkt dieser Wett. Sie denkt nicht mehr Daran, daß sie heute zum erstenmal eine Klasse selbständig in der Hand hat, denkt nicht mehr, daß das etwas Großes wäre. All ihr Stolz ist vor diesem ernsten Kinderantlitz verflogen. Sie hat nur noch bas Ges ich! in sich, als müßte sie sich schämen vor diesem Meinen, schwachen Jungen.
Das geht entschieden zu weit!
Die englische Postverwaltung trägt sich mit einem Plan, ber zunächst sehr hübsch unb nett ist, aber bei näherer Betrachtung boch zu einigen Einwän- ben Veranlassung gibt. Also ber Plan, kurz unb bünbig: sie will bie öffentlichen Telephonzellen etwas gemütlicher unb bequemer gestalten. Unter allen Umftänben soll ein Spiegel in ben Fernsprechzellen angebracht werben. Soll man sich etwa währenb bes Sprechens selbst beobachten können? Nein, aber für bie Damen unb eitlen Herren ist ber Spiegel gebacht. Englänber finb immer vernünftig, unb so protestierten sie benn auch lebhaft gegen biefe Plane ber Postverwaltung. In ben Tageszeitungen konnte man jeben Tag mehr ober weniger lebhafte Briefe in ben bafür bestimmten Spalten lesen, bie gegen bie Anbringung von Spiegeln in ben Telephonzellen wüteten. Wenn — so argumentierte man richtig — Spiegel angebracht
werben, bann verlängert sich ber Aufenthalt in ber Telephonzelle gewaltig, unb bie Wartenben müssen mit ansehen, wie in ber Zelle bie Dame erst mal nach beenbetem Gespräch sich roieber zurechtmacht mit Lippenstift unb allen anberen Requisiten. Da konnte man sogar ein Protestschreiben lesen, in bem genau ausgerechnet war, baß jeher Aufenthalt in ber Fernsprechzelle sich um 12 Minuten verlängert — burch ben Spiegel. Der Schreiber jener Zeilen hat ausgerechnet, baß bavon vier Minuten ber Betrachtung im Spiegel geroibmet finb, bie übrige Zeit ist ausgefüllt mit Wieberherftellung ber Schönheit burch Lippenstift, Puberquaste ufro. Die Postverwattung mußte Stellung nehmen zu ber «roßen Zahl ber Proteste. Sie erklärte also: ber Spiegel barf zur Verschönerung nur zwei Sekunden in Anspruch genommen werden. Ja, das wäre die Vorschrift. Aber wer würde sich darum kümmern?
Hochschulnachnchten.
In Hamburg starb im Alter von 84 Jahren ber emeritierte orbentliche Professor ber Augenheilkunbe an ber Hamburger Unioerfität, Dr. meb. Her- mann WilbranD. Sein mehrbändiges Werk über die Neurologie des Auges hat eine außerordentliche Verbreitung gefunden. Professor Milbrand war geborener Gießener, wo bereits sein Vater und sein Großvater als Professoren der Medizin wirkten: Franz Joseph Julius Milbrand, geboren 1811 in Gießen, war hier von 1843 bis 1888 ordentlicher Professor ber Mebizin unb ist 1894 ebenfalls in Gießen gestorben. Johann Bernhard Milbrand, 1779 in Klarholz (Wesst.) geboren, war ordentlicher Professor ber Anatomie uno Physiologie (1808—1844) sowie ber Naturgeschichte, außerbem Direktor bes Botanischen Gartens unb bes Zoologischen Kabinetts in Gießen, wo er 1846 starb.
Geh. Rat Professor Dr. Paul Clemen, der seit über drei Jahrzehnten den Kunstgeschichtlichen Lehrstuhl der Unioerfität Bonn innehatte, tritt in den Ruhestand. Geh. Rat Clemen hot in Bonn, wo er 1902 Nachfolger von Professor Justi wurde, eine überaus fruchtbare Lehrtätigkeit entfaltet; aus seiner Schule sind eine Reihe ber besten Denkmalpfleger hervorgegangen; als Vorsitzender bes Denkmalrates ber Rheinprovinz war sein Einfluß auf bie beutsche Denkmalpflege außerorbentlich groß. Seine Theorien hat er in zwei Schriften, bie 1933 erschienen sind, niedergelegt: „Der Denkmalbegriff unb seine Symbolik" unb „Die beutsche Kunst unb Die Denkmalpflege". Als Nachfolger Clemens wurde Professor Dr. Alfred Stange, Ordinarius für Kunstgeschichte an der Universität Erlangen, nach Bonn berufen.


