Ausgabe 
23.9.1935
 
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185. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhesfen

nt. 222 Giftes Blatt 185- Zahlgang Montag, 25. September 1455

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Treugruß an das Memelland am Tage des deutsche« Volkstums.

Bundesleiter des VOA. Nr. Steinacher spricht in Hamburg.Oie Soli­darität aller deutschen Volksgenossen der Welt ist Wirklichkeit geworden.

Hamburg, 28. Sept. (DNB.) Wie überall im Reich stand auch Hamburg am Sonntag im Zeichen des Tages des deutschen Bolkstumes. Auf der gro­ßen Kundgebung im Hause der Deutschen Arbeit hielt der Bundesleiter des Volksbundes für das Deutschtum im Auslande Dr. H. Steinacher die Festrede, in der er u. a. ausführte:

Mit der nationalsozialistischen Revolution habe sich Volkstum und Staat wiederge­funden. Es sei von dem Heroismus des ewig wäh­renden Kampfes, der draußen jenseits der Grenzen geführt wird, zu künden. Bei diesem Kampf der Deutschen da draußen gehe es um die deutsche Sprache, um die deutsche Schule, um den Arbeitsplatz und um die Existenz des Einzel­nen. Dies gehe jeden deutschen Volksgenossen im Innern des Reiches an. Jeder Schlag, der einen un­serer Volksgenossen da drauhenn treffe, sei unser Leid. Jede Ehre, die da draußen gewahrt wurde, sei unsere Ehre.

Ls sei nicht unsere Schuld, daß das Memel- gebiet, von jeher deutsches Land, 1919 vom Deutschen Reich abgetrennt wurde. Es sei nicht unsere Schuld, wenn die Memelfrage heute mehr und mehr eine Konfliktsfrage geworden sei, die zwischen den Staaten steht. Das Memel- gebiet habe in den letzten 15 Jahren eindeutig seine Treue zum deutschen Volkstum bewahrt und gehalten. Alle von litauischer Seite zu den bevorstehenden Wahlen getroffenen Maßnahmen seien Lug und Trug. Das deutsche Volks- tum im Memelgebiet werde durch diese Prak­tiken nicht gebeugt werden. Die stärkste Kraft, die die Memetdeutschen besäßen, sei das Bewußtsein, daß die deutschen Volks­genossen im Reich an sie dächten und mit ihnen fühlten. Wir blickten mit Zuver­sicht auf die Weiterentwickelung der Frage. Wir alle wollten uns so einstellen, wie die Volks­genossen in den Kerkern von Kowno, die st o l z aus ihr Deutschtum seien und an die Zu­kunft glaubten.

Dr. Steinacher gedachte sodann aller übrigen deut­schen Volksgruppen im Auslande, besonders auch der Millionen Deutscher in Uebersee, die über Hamburg und Bremen in die Welt hinausgezogen seien. Zu der vertikalen Solidarität unseres Volkes im Innern des Reiches gehöre die horizon­tale Solidarität aller deutschen Volksgenossen der Erde. Mit dem Jahre 1933 habe auch eine neue .Zeit für unsere Volksgenossen im Auslande begonnen. Eine neue seelische Gemein­schaft aller Deutschen wachse auf, ein Deutschland, Idas größer sei als der StaatDeutsches Reich".

Gruß über den Memelstrom.

^Tilsit gedenkt am Tage des deutschen Volks­tums der Not der Memeldeutschen.

Tilsit, 22. Sept. (DNB.) In Tilsit, der nord- östlichsten Stadt des deutschen Vaterlandes, wo im 'Augenblick die Not der Ausländsdeutschen im Me­melland am stärksten empfunden wird, hielt der 'VDA. am Sonntag ebenfalls denTag des deut­schen Volkstums und der deutschen Schule" ab. : Die Ausführung des von sudetendeutscher Not kün- idenden dreiaktigen Schauspiels von Hans Chri- sstoph Kergel am Vorabend gab dem Tag des ldeutschen Volkstums einen würdigen Auftakt. Eine ^Angelegenheit des ganzen deutschen Volkes wurde !die Feier auf der Thing st ä t t e. Unter Fan- jfarenklängen marschierten die Abstimmungsfahnen saus den Abstimmungsgebieten auf die Spielfläche. »Ein Rufer sprach die'Worte, die der Führer in sseinem BuchMein Kampf" schrieb:Nur wer jselber mit eigenem Leibe fühlt, Deutscher zu sein, aohne dem lieben Vaterland angehören zu dürfen, wermag die tiefe Sehnsucht zu ermessen, die zu allen ^.Zeiten im Herzen der vom Mutterlande Getrennten Sbrennt." Vier gewaltige Rauchsäulen flammten üdann im Hintergründe auf.

iDer Landesführer des VDA., Prof. Dr. Oberländer, owies auf die Machtmittel hin, die fremde Staaten aanwendeten, um deutsche Volksgruppen zu vernich- üten. Der VDA. mahne jeden deutschen Volksge- massen daran, sich stets zum Deutschtum zu beken- men, aber nie seine Pflicht gegenüber dem Staat zu werletzen, in dem er lebe. Der Redner ging dann oauf das uns heute am tiefsten bewegende Problem üdes Memellandes ein und führte unter Hin- nveis auf die Entnationalisierungspolitik Litauens iiim Memelgebiet aus: Wir müssen heute feststellen, Laß sich Litauen unfähig gezeigt hat, das Mernel- ggebiet zu regieren.

Die Well muß begreifen, daß verglichen mit dem ungeheuren Unrecht, das Litauen dem Memelgebiet angetan hat, die Loyalität der Memelländer beinahe bis zur Selbstaufopferung gegangen ist. Wir mischen uns nicht in die Angelegenheiten fremder Staaten, aber wir haben als VDA. das Recht und die Pflicht, die ganze Welt auf die­ses Unrecht hinzuweisen, das heute an den 2Re- melländern begangen wird. Niemand kann uns verwehren, heute, am Tage des deutschen Volkstums, alle jene Menschen zu grü­ßen, die in stiller Pflichterfüllung alles für ihr Volkst m opfern. Vor allem gedenken wir heule jui« Männer und Märtyrer für ihr

Volkstum, die unschuldig in litauischen Kerkern schmachten.

Wir fühlen uns am heutigen Tage mit allen un­seren Volksgenossen in allen Teilen der Welt ver­bunden und besonders mit unseren Brüdern im Me- melland. Auch der letzte Deutsche soll am heutigen Tage wissen, daß ein großes Volk in allen seinen Gliedern eine große Aufgabe hat und daß sich nie­mand in diesem großen Ringen der Ideen aus- schalten kann.

Berlin gedenkt der deutschen Volkstumsarbett.

Im Mittelpunkt der Kundgebungen in der Reichs­hauptstadt stand eine Veranstaltung des Landes­verbandes Mark Brandenburg des VDA. im Theater des Volkes. Schon in den Mittagsstunden strgmten Tausende von Berlinern zurVolks­deutschen Feier st und e", die in dem dicht­besetzten Haus einen überaus eindrucksvollen Ver­lauf nahm. Nach Darbietungen eines Massen­chores der Berliner Schulen sprach Vizepräsident Steeg. Er führte u. a. aus: Es muß sich jeder darüber klar sein, daß nicht nur aus dem Stand­punkt der völkischen Ehre die Verpflichtung zur volksdeutschen Arbeit folgt, sondern daß sie in demselben Maße eine wirtschaftliche und politische Notwendigkeit ist. Die M e -

m e l d e u t s ch e n , die in wenigen Tagen an die Wahlurne treten werden, gehen jetzt in einen schweren Kampf, in dem die litauischen Behörden mit Terror und Schikanen arbeiten. Gerade in der heutigen Zeit, da im Auslande ein bewußter Verleumdungsfeldzug gegen uns geführt wird, ist der Ausländsdeutsche mehr denn je Verfechter deutscher Ehre und deutschen Ansehens. Seif über 50 Jahren ist der VDA. nun schon ein Träger der volksdeutschen Arbeit, der Sieg des Nationalsozia­lismus hat dieser Arbeit und dem VDA. einen neuen Aufschwung gegeben. Darum wird sich auch das deutsche Volk nicht den Anforderungen ent­ziehen, die der VDA. als Mittler und Treuhänder der Grenzlanddeutschen und der deutschen Volks­gruppen im Ausland an das deutsche Volk stellt. Der heutige Tag des Volkstums, der als Fest der deutschen Schule in den vergangenen Jahren schon Millionen von Deutschen in zahl­reichen Städten und Orten des Reiches zu gewal­tigen Kundgebungen vereinte, wird alle volksbe­wußten Deutschen im Reiche zusammenführen, da­mit ihr Fest. Gruß und Aufruf, ist. für alle Deutschen draußen.

Der zweite Teil derVolksdeutschen Feier­stunde" brachte dann ein auslanddeutsches Trach­tenspiel von Frau Kunze-Menning. Den Aus­klang der Darbietungen bildete das LiedHeilig Vaterland", dessen dritte Strophe die 5000 deutschen Männer und Frauen stehend mitsangen.

Paris stellt die Wahrheit aus den Kops.

Törichte Verdächtigungen der französischen presse über Deutschlands Stellung zum Memelskandal.

Paris, 21. Sept. (DNB.) Die Pariser Zeitun­gen beschäftigen sich plötzlich mit der Memelfrage in Artikeln aus Berlin und Kowno unter Ueberschrif- ten, die von vornherein ihre Einstellung zu dem gesamten Fragengebiet erkennen lassen. Die Ueber- schriften sind unter anderem folgende:Die deutsche Presse speit Feuer und Flamme gegen Litauen" (Petit Parisien),Der Ton der deutschen Presse hin­sichtlich Memel wird schärfer" (Le Jour),Memel­land 10 Tage vor den Wahlen unter der Bedro­hung der deutschen Flotte und des deutschen Heeres" (Journal),Litauen verteidigt sich energisch gegen die nationalsozialistische Propaganda (Petit Jour­nal),Nationalsozialisten drohen gegen Litauen ein­zuschreiten" (Humanitö).

In einem Telegramm desIourna l" aus Kowno heißt es, es scheine jetzt sicher, daß d i e Deutschen nicht die Absicht haben, die Meknelbevölkerung ruhig ab stimmen zu lassen. Die gesamte Grenze zwischen Memel und Ostpreußen sei reichlich mit deutschen Soldaten besetzt. Zwischen Tilsit und Eydt- kuhnen seien schätzungsweise 100 000 Mann zusam­mengezogen. Die Artillerie befinde sich im großen Park von Eydtkuhnen. Die Deutschen behaupteten allerdings, diese außerordentlichen Zusammenzie­hungen von Truppen müßten auf die Herbstmanöver zurückgeführt werden. Mehrere große Einheiten der deutschen Kriegsmarine befänden sich ebenfalls auf der Höhe von Memel.

Petit Parisien" gibt immerhin zu, daß in Memel zahlreiche Deutsche wohnen, die seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland der litauischen Regierung viel Besorg­nis machten. Die starken SA.° und SS.-Abteilungen seien in Tilsit und am preußischen Memelufer zu­sammengezogen, die beim geringsten Zwischenfall den Fluß überschreiten und ihren Rassebrüdern in Memel zu Hilfe eilen könnten, wenn die Memellän­der verhaftet oder in Streit hineingezogen werden. M atm" schließt einen Artikel über den abessi­nischen Streit mit der Bemerkung, daß der dunkelste Punkt darin zu sehen sei, daß er Deutsch­land die Möglichkeit über st ürz ter Hand­lungen in Memel eröffnet, während die Mächte anderswo beschäftigt seien. Es werde aber auch hier alles von den Beziehungen zwischen Eng­land, Italien und Frankreich abhängen.

Journal" schreibt, daß man sich in Deutsch­land anstrenge, um den Beweis einesMogelns" der Litauer zu erbringen. Deutschland verdächtige Li­tauen des Zusammengehens mit Sowjetrußland. DieE r e N o u o e l l e" schreibt: Militärisch sei Li­tauen so schwach, daß Deutschland die Garantie­mächte vor eine vollendete Tatsache stellen könnte. Jedoch ganz so einfach werde sich das doch nicht ab­wickeln können. Ein Einbruch in das Einfallstor Mem^l werde die baltischen Staaten und Sowjetrußland nicht gleichgültig lassen. Dann würden die Verträge und Pakte zu spie- len beginnen. Wenn man einige zur Zeit im Mittel­meer befindliche Einheiten vor Memel auffahren ließe, so wären sie für eine Viertelstunde in der Ost­see sicher am rechten Platz, natürlich lediglich als Vorsichtsmaßnahme.

Die französische Presse hat über Nacht das Me­melproblem entdeckt. Natürlich konnte nicht erwar­tet werden, daß von Poris aus Gerechtigkeit ge­predigt wird. Die französische Presse hat vielmehr herausgefunden, daß sich der Memelkonflikt vorzüg­lich eignet, um einmal Herrn Laval zu ent­lasten und zum andern Deutschland zu ver­dächtigen. Daß Laval händeringend nach ir­gendeiner Ablenkung sucht, ist angesichts seiner we­nig angenehmen Situation im englisch-itakenijchen

Abessinienstreit schon zu verstehen. Nur spricht es nicht zugunsten der ihm zu Hilfe eilenden französi­schen Presse, wenn man die Memelfrage in höchst unsachlicher Weise hervorholt. Die Wahrheit über Memel hat sich eben schon zu stark durchgesetzt, auch einige große englische Zeitungen können nicht umhin, absolut sachlich gehaltene und mit den tat­sächlichen Verhältnissen übereinstimmende Berichte über die ungeheuerlichen Zustände an der Memel zu veröffentlichen. Die französische Betriebsamkeit ist aber höchst verdächtig, soweit die Behauptung eine Rolle spielt, daß Deutschland plane, mit Waffen­gewalt im Osten für Ordnung zu sorgen. Das ist eine Giftmischerei, wie sie schlimmer in der Kriegszeit und den finsteren Nachkriegsjahren nicht getrieben worden ist. Die ihre Hand zu diesem schmählichen Treiben reichen, können sich vor dem Urteil der Geschichte niemals damit rechtfertigen, daß sie höheren Zielen gedient hätten. Was hier beabsichtigt ist, ist nichts anderes, als grundlos Er­regung und Erbitterung zu züchten und im Interesse Frankreichs zum Abessinienstreit eine entsprechende militärische Parallele zu schaffen. Ein hoffnungs­loses Beginnen. Wir werden den Hauptangeklag­ten im Memelkonflikt, den Garantiemächten, jedenfalls nicht den Gefallen tun, sie von ihrer Schuld zu entlasten.

Scharfer Protest gegen Litauens Wahlschiebungen

Memel, 21. Sept. (DNB.) Die Vertreter der memelländischen Einheitsliste haben bei dem nur aus Litauern gebildeten Wahlausschuß s ch ä r f st e n Einspruch gegen d i e einseitige Zu­sammensetzung dieses Ausschusses sowie aller lokalen Stimmbezirksausschüsse eingelegt. Dse Ver­treter der Einheitslist protestieren dagegen, daß sich in diesen Ausschüssen kein einziger Vertreter der hinter der Einheitsliste stehenden memelländischen Parteien, die i m letzten Landtag 24 von 2 9 Si tz e n innegehabt haben, befindet. Sie ver­wahren sich ferner dagegen, daß der litauische Vor­sitzende und ein Mitglied . des Wahlausschusses gleichzeitig auch als Spitzenkandida­ten auf litauischen Li st en fungieren und damit aegen Paragraph 82 Punkt 1 des Landtags­wahlgesetzes verstoßen, wonach ein und dieselbe Per­son nicht Richter über ihre eigenen Angelegenheiten sein kann. Daß bei einer Probeabstim- mung nach der neuen Wahlordnung nur 20 v. H- der an dieser Abstimmung beteiligten Personen ihr Wahlrecht richtig auszuüben vermochten, spreche Bände für die Unmöglichkeit einer geord­neten Durchführung der Wahlen.

Großartiger Verlauf

des Deutschen Tages in Chikaqo

In schöner Einmütigkeit feierte Chikagos deutsch- stämmige Bevölkerung den alljährlich wiederkehren- den Deutschen Tag. lieber 200 Vereine und etwa 20 000 Personen nahmen an der Feier teil, deren erster Teil der alten Heimat gewidmet war, während im zweiten Teil ein farbenprächtiges Schauspiel die Geschichte des Deutschtums in Ame­rika zur Darstellung brachte. Am Festspiel allein wirkten 2000 Personen mit. Auch die amerikanische Presse Chikagos, die schon Wochen vorher das Fest angekündigt und die Vorbereitungen beschrieben hatte, brachte rühmende Schilderungen der groß­artigen Feier, bei der die Reichsregierung durch Generalkonsul Jäger vertreten war, während amerikanischerseits die Spitzen der Behörden sowie Abordnungen der American Legion ihre deutsch- > stämmigen Mitbürger ehrten.

Aarecchio."

Das Wort, das als Ueberschrift über dieser Be­trachtung steht, ist ein ganz gewöhnliches italienisches Wort; es ist so bescheiden, daß es dies selbst in seiner Bedeutung ausdrückt, denn es heißt so viel wieeiniges, manches", etwas". Mehr an Beschei­denheit und Selbsterkenntnis kann man von einem Wort, das noch etwas auf sich hält, schließlich nicht verlangen. Und doch ist es einmal in der ita­lienischen Politik zu einer großen Berühmt­heit gekommen und der wilde Schlachtruf zweier Parteien gewesen, von denen es die eine im Sinne diplomatischer Beson­nenheit gebrauchte, während es die andere in höhnische Anführungszeichen setzte und ihm das BrandmalnationalerSchmach aufdrückte.

Es war im Frühjahr v o r z w a n z i y I a h r e n, als sich in Italien die Entscheidung darüber näherte, ob man im Kriege neutral bleiben oder an die Seite der Entente gegen die früheren Bundesgenossen treten solle. Die nach beiden Seiten geführten Verhandlungen hatten feste For­mulierungen des Kaufpreises ergeben. Die Entente bot viel, was sie selbst nicht besaß und was sich Italien durch das Blut seiner Söhne selbst er­obern sollte. Die Mittelmächte boten weniger, das in österreichischem Besitz befindlicheTreu- tino", den unzweifelhaft volksmäßig zu Italien gehörenden südlichen Teil von Südtirol mit Trient, und die Jsonzog^renze, an der Italien dann in zwölf blutigen Schlachten die Blüte seiner Ju­gend opferte. Die Italiener sind an sich sehr nüch­terne und geschäftlich kühl rechnende Menschen, und es gab viele, die es vorgezogen hätten, ohne Opfer etwas Sicheres zu bekommen, wenn es auch weniger war, als mit dem Risiko eines Krie­ges Größeres, aber Unsicheres zu erkaufen. Damals entstand, von (Biolitti, dem Führer der Neu­tralitätspartei in die parlamentarische Kampfarena geworfen, das WortP a r e c ch i o" und wurde, kaum daß es ausgesprochen war, zum Kennwort einer historischen Entscheidung zwischen einer real- politischen Auffassung von den Zielen und Wegen Italiens und dem in imperialistische Weiten grei­fenden jungen Nationalismus. Das Ende kennt man: ©iolitti wurde als Strohpuppe mit dem Parecchio" um den Hals auf den Plätzen der Städte verbrannt, und Italien, in dem der Stern M u s s o l i n i s zu leuchten begann, marschierte an den Jsonzo!

Wir werden heute an das Wort und die in ihm liegende historische Bedeutung wieder erinnert und durch Ausführungen, die der PariserT e m p s" den Verhandlungen-in Genf und der gegenwärtigen Lage Italiens widmet. Es heißt dort:Italien steht auf dem Punkte, wo es durch den Völkerbund quelque chose", etwas, angeboten bekommt, was sich mit der Zeit den Zielen sehr wohl nähern könnte, die sich Mussolini gesetzt zu haben scheint. Man kann nicht glauben, daß er, der so viele Be­weise seines Wirklichkeitssinns gegeben hat, um des eitlen Ruhmes willen die Kanonen sprechen lassen und die schwierige und verdienstvolle Vermittlung Frankreichs zunichte machen wird. Würde er damit seinem Lande einen Dienst erweisen? Glaubt man, daß ein im Anfang vielleicht erfolgreicher, aber im weiteren Verlauf sicher schwieriger und harter Feld­zug Italien Ergebnisse bringen wird, die wesent­lich über das hinausgehen, was es mit einiger Ge­duld ohne Schwertstreich haben kann?"

Man sieht, das alte Wort vomParecchio" ist in der französischen Form vonquelque chose wieder zu Ehren gekommen. Wenn man in den Ausgaben desTemps", die vor zwanzigJah- r e n erschienen sind, nachblättern wollte, so würde man sicherlich finden, daß das, was jetzt als höchste Staatsweisheit gepriesen und empfohlen wird, da­mals als feiges Schachern mit den heiligsten natio­nalen Zielen Italiens verdammt wurde. Wir ver­stehen die veränderte Sprache des französischen Blattes und rechnen es ihm nicht an, daß es von anderen französischen Interessen aus die italienische Lage anders sieht, als im Jahre 1915. Aber das Fatale ist, daß es seine Mahnung heute an die­selbe politische Geistesrichtung in Italien, ja a n denselben Mann richtet, deren Entscheidung es vor zwanzig Jahren gepriesen hat und von de­nen es jetzt das Gegenteil verlangt und erwartet. Ist dies möglich, selbst wenn man die Politik als die voraussetzungsloseste und veränderlichste Kunst ansieht?

In der Tat ist die Lage Italiens der vor zwanzig Jahren Überraschend ähnlich. Jetzt wie damals hat es Europa durch feine Rüstungen und die hinter ihr stehenden Forderungen unter einen Dru,ck gesetzt, dem sich dieses durch das Angebot vonParecchio" zu entziehen sucht. Auch jetzt können für die ita­lienische Entscheidung zwei Auffassungen ober, wenn man will, Weltanschauungen geltend gemacht werden, die einer nüchternen rechnenden Realpoli­tik, die Gewinn und Verlust abwiegt, und die einer romantisch-heroischen Gestaltung des nationalen Schicksals zu großen imperialistischen Fernzielen, für die fein Opfer an Blut zählt. Das faschistische Italien hat sich dieser letzteren Anschauung voll und ohne Vorbehalt verschrieben, und wenn dar­über noch ein Zweifel bestand, so ist er gerade durch die Methoden der Vorbereitung des abessini­schen Krieges behoben. Wenn Mussolini und das von ihm geführte Italien die Tugenden und Eigen­schaften hätten, die derTemps" 'jetzt von ihnen er­wartet, und nicht ganz andere, entgegengesetzte, so hätten sie schon im Jahre 1915 einen andern Weg eingeschlagen, als den, der zum Kriegsbündnis uno im Januar dieses Jahres zu neuer intimer Freund­schaft mit Frankreich führte. Man darf von seinen Freunden nicht erwarten, daß sie sich immer nacft den Bedürfnissen des andern richten, sondern mutz firt nehmen, wie sie sind. Wie kann man in Frank- "" 'ch hoffen, bah 'Tp-,lHlini dasParecchio" ©io-

i- als ©te ilst it verkündet, das er einst I an den Pranger gquut hat? Q« AL