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Nr.,Yb Erstes Blatt

185. Jahrgang

Zrettag, 23. August,935

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Sietzener Anzeiger

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England legt sich nicht fest.

Wer verrät Europa?

Lon Or. Hans von Molottki.

Eden berichtet dem Kabinett.Keine Aenderung der politischen Linie.Bis zur Tagung des Völkerbundsrats am 4. September keine neuen Entschlüsse zu erwarten.

Nach dem ergebnislosen Abbruch der Pa­riser Dreieroerhandlungen sind nahezu alle Mittel zur friedlichen Beilegung des italienisch­abessinischen Streitfalles auf diplomatischem Wege erschöpft. Die offensichtliche Verschärfung der Lage

Vorerst bleibt alles unverändert

die Hand geliehen hätten.

Erleichterung in Paris

Sie sehen an die sie denen sie betrifft

gewachsen sind, lungert gestellt, haben, sondern und Frankreich

sich heute vor Entwick- nicht nur nicht gedacht auch was England wohl nie ohne weiteres- Die Frage ist nur, ob

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daß es sich nicht um einen polit Zwischenfall handele. Der Zustand d suls ist vorläufig nicht besorgniserregend.

In Rom werden entschieden die im Auslande um­

laufenden Gerüchte dementiert, wonach die diplomatischen Beziehungen zwischen Abessinien und Italien infolge dieses Zwischenfalles abgebro­chen worden sein sollen. Man betont ausdrücklich, daß ein politischer Zwischenfall nicht o o r l i e g e, sondern das Falconi einen Jagdunfall erlitten hat. Daß man irgendeine politische Schluß­folgerung aus diesem Unglücksfall ziehen werde, wird entschieden in Abrede gestellt.

Paris, 23. Aug. (DNB. Funkspruch.) Die Pa­riser Morgenpresse ist in ihren Betrachtungen über die Beschlüsse des englischen Kabinetts recht zu» rückhaltend. Man zeigt zwar eine gewisse = leichterung darüber, daß das W a s f e n a u s - fuhrverbot nach Abessinien noch nicht auf­gehoben worden ist und daher die Brücken zwi­schen London und Rom noch nicht abgebrochen sind, aber man befürchtet, daß Londons unbedingtes Be­stehen auf den Völkerbundspakt z u Sanktio­nen führen werde, die den europäischen Frie­den beeinträchtigen könnten. Wie sehr Frankreich gegenwärtig zwischen London und Rom schwankt, kommt am deutlichsten im Leitartikel desEcho de Paris" zum Ausdruck. Das Blatt ist mit Rom und London gleichermaßen unzufrieden. England habe sich ein für allemal auf den Völker- bundspakt zurückgezogen, der ihm ge­statte, im Namen des Weltsriedens seine eigenen Interessen in Ostafrika zu schützen. Niemand glaube mehr an die Möglichkeit einer friedlichen Lösung des italienisch-abessinischen Streit­falles; in London aber gäbe man vor, eine solche gemeinsam mit der französischen Re- gi et-ung zu suchen. Man wolle nämlich nach einem Mißlingen sagen können, daß die Schuld bei Paris liege.

Die Politik Italiens hingegen fei seit Be­ginn des Streitfalles so impulsiv und ner­vös, wie man es von einer Großmacht nicht ge­wohnt sei: Der italienische Standpunkt, daß die Sicherheit Italiens durch dasrückständige" Abes­sinien bedroht sei, finde heute keinen Glauben mehr, Mussolini hätte lieber erklären sollen, daß Abes­sinienunorganisiert" sei; dann hätte sein Abenteuer den Charakter eines Straf­unter nehme ns gegenbarbarische" Feinde dargestellt und nicht einen Angriff gegen ein Dölkerbundsmitglied. Dann hätte Mussolini Frankreich auch die Doktrin vom Aus­dehnungsbedürfnis der Völker mit hoher Bevölkerungsziffer erspart, die Frankreich nicht zu­lassen könne, wenn es nicht eines Tages Europa b e n Deutschen überlassen wolle. (!) Würden noch einige Artikel ähnlichen Inhalts, wie der letzte desGiornale d'Jtalia" er­scheinen', so sähe Mussolini sich nicht mehr einem Großbritannien gegenüber, bas sich auf Rechts- reqeln stütze, fonbern einem stolzen macht- bewußten Englanb. Im Interesse ber italie- Nischen Sache selbst sei es baher notwendig, baß biefes Spiel in Nom aushöre. Der italienifch-adef-

Die Kabinettssihung.

London, 22. Aug. (DNB.) Unter dem Vorsitz des Premierministers 23 atbroln begann am Don­nerstag um 10 Uhr die Sondersitzung des britischen Kabinetts zur Erörterung des ttalienischabejsini- scheu Streitfalles. Alle 22 Minister nahmen fett. Die Sitzung wurde um 16.30 Uhr nach fast fünfstündiger Dauer beendet. Der Minister für Völkerbundsangelegenheiten Eden erstattete zu­nächst ausführlich Bericht über die Besprechungen der drei Mächte in Paris. Das Kabinett erörterte hierauf die mit dem italienisch-abessinischen Streit­fall zusammenhängenden Fragen. Ls herrschte die einmütige Auffassung, daß in engster Zu- fammenarbeit mit Frankreich die diplomatischen Bemühungen zur Er­zielung einer friedlichen Regelung in den nächsten 14 Tagen, also bis zum Beginn der Rats­tagung fortgesetzt werden sollen. Angesichts der zur Zeit noch mit der italienischen Regierung im Gange befindlichen diplomatischen Verhandlun­gen wurde die Entscheidung über die Aufhebung des 2v a f f e n a u s f u h r v e r- bots aufgeschoben. Außenminister Sir Sa­muel Hoare erhielt den Auftrag, diese Frage im Benehmen mit anderen zuständigen Ministern wei­ter zu beobachten. Eine Notwendigkeit für eine Aen­derung der englischen Völkerbundspolitik besteht nicht. Es wird an die Erklärung des Außenmini­sters am 31. Juli im Unterhaus erinnert.Ich glaube, es besieht kein Zweifel darüber, daß wir uns unserer Verpflichtungen unter den Verträgen und unter der Völkerbundssahung voll bewußt sind, und daß wir bestimmt beabsichtigen, sie einzuhalten."

Weitere Sitzungen sind vor der Genfer Rats­tagung am 4. September nicht vorgesehen, die mei­sten Minister begeben sich in die so jäh unterbroche­nen Ferien. Rach der Kabinettssihung sagte Mac- d o n a l d zu einem Pressevertreter:Wir sind uns in aller Ruhe und mit kühler Ueberlegung schlstssig geworden. Wir sind uns sehr klar über das, was getan werden soll."'Der Führer der Arbeiter­partei, Lansbnrry, erklärte zum Ergebnis des Ka- binettsrales, daß das Kabinett bisher einig zu fein scheine. Der Kampf werde kommen, wenn es notwendig fein werde, daß Großbritannien feine Haltung gegenüber der Völkerbundssahung ohne Rücksicht auf Frankreich erkläre.

Die Sankttonsfrage verschoben.

Englische Pressestimmen zum Kabinettsbeschlutz.

in London und Paris finden. Aber England fei nicht in der Stimmung, eine grobe Verletzung des Kellogg pattes zu dulden, und einen R a u b z u g" eines führenden Völkerbundsmit- gliedes mit anzufehen. Das System von Sanktionen, das bei der öffentlichen Meinung Englands immer stärkeren Anklang finde, fei die Zurückhaltung von Lieferungen aller Art an den Friedensbrecher. Es würde befriedigend ge­wesen sein, wenn die Kritische Regierung in der Lage gewesen wäre, eine Erklärung in dieser Rich­tung abzugeben. Aber ihre Abneigung, dies zu tun, würde mißverstanden werden, wenn sie als unbedingte Abneigung gegen die Anwendung von Sanktionen überhaupt ausgelegt werden würde.

AuchM o r n i n g P o st" hofft, daß Mussolini die versöhnliche Absicht der britischen Regierung nicht als Schwäche auslegen werde und nennt die Störung des englisch-italienischen Freundschafts­verhältnisses tief bedauerlich.Daily Telegraph" er­klärt, falls der Apparat des Völkerbundes versage, werde jede Nation ihre eigene Entschei­dung zu treffen haben. Aber dieser Augenblick sei noch nicht gekommen. Das Blatt hofft, daß der

vorsähe. Dann, aber bestimmt nicht früher, könnte der Sanktionsartikel 16 zur An­wendung gebracht werden. Aus diesen Gründen hätten die Minister die Entscheidung über den künf­tigen Kurs Englands nicht vorweg genom­men. Die britische Regierung sei entschlossen, nichts zu tun, was Italien zu einer übereilten Handlung herausfordern könnte.Morning Poft"

sagt, die britische Regierung werde zur Verhinde­rung des Ausbruches von Feindseligkeiten nichts anderes als eine kollektive Aktion ins Auge fassen. Inzwischen werde jede Anstrengung unter­nommen werden, um mit der französischen Regierung eine gemeinsame Front auf der Völkerbundsratstagung $u vereinbaren. Die Verhandlungen würden unverzüglich auf diploma­tischem Wege eröffnet werden. Es fei als wün­schenswert angefeyen worden, nichts geschehen zu lassen, was in der Zwischenzeit die Möglichkeit eines gemeinsamen englisch-französischen Auftre­tens im Völkerbundsrat gefährden könnte. Des­halb fei beschlossen worden, die britische Politik unverändert zu lassen.

Völkerbundsgeist wenigstens so viel leisten werde, daß Italien keine Kredite mehr bekomme. Ge­linge es ihm dann nicht, Abessinien binnen we­niger Monate zu unterwerfen, dann werde Italien in finanzieller Beziehung ausgehun­gert und sein Volk werde große Entbehrungen erleiden. In politischer Hinsicht müsse die Autorität Italiens in Europa leiden. Der evtl. Gewinn in Afrika stehe in keinem Verhältnis zu dem Einsatz.

Englische Minister sehen ihren Urlaub fort.

London, 23. Aug. (DNB. Funkspr). Minister­präsident Baldwin hat am Donnerstagabend die Rückreise nach Aix-les-Bains an­getreten. Der Lordkanzler Lord hailsham ist nach Frankreich abgereift. Der Schatzkanzler Neville Chamberlain kehrt nicht nach der Schweiz zurück, und der Landwirtschaftsminister E l l i o t, der aus Südfrankreich zurückberufen worden war, bleibt ebenfalls in England. Auch die meisten anderen Minister werden nicht ins Ausland gehen, sondern ihre Ferien auf dem Lande verbringen.

L o n b o n , 23. Aug. (DNB. Funkspr.)Time s" sagt, es sei anzunehmen, daß der britische Außen­minister jetzt genau wisse, w i e weit Groß­britannien nach Ansicht des Kabinetts in ber Sanktionsfrage gehen könne. Es fei aber nicht für ratsam gehalten worden, eine endgültige Erklärung über einen Fall abzugeben, der noch nicht genügend geklärt sei. Viele Leute hätten geglaubt, daß England dem Völker­bund den Weg weisen werde. Sie würden enttäuscht fein. Die Regierung habe beschlossen, sich nicht fest zulegen.Times" gibt zu, daß es kaum als ehrliches Spiel erscheine, dem schwach ausgerüsteten Abessinien Waffen zu verwei­gern, während Italien in seinen beiden ostafrika­nischen Kolonien an der abessinischen Grenze Kriegsmaterial anhäufe. Aber möglicherweise könne Abessinien Waffenlieferungen gar nicht be­zahlen. Abessiniens Widerstand habe nicht in einer offenen Feldschlacht, sondern nur in einem Klein­krieg Aussicht auf Erfolg. Somit fei der Unter­schied wahrscheinlich gar nicht so groß.

Der französische Standpunkt, einen Krieg a u f Afrika zu beschränken, habe viel für sich. Gin Argument, und zwar keineswegs das schwächste, sei, daß Mussolini später möglicherweise mehr Bereitwilligkeit zeigen werde, auf Friedensvorschläge zu Horen, als gegenwärtig. Wenn er gleich zu Beginn einen Sieg erringe und die Genugtuung habe, behaup­ten zu können, daß Rache für A d u a genom­men sei dann werde vielleicht der italieni­schen Ehre Genüge getan sein. Die sehr beträchtlichen wirtschaftlichen Zugeständnisse, die ihm bereits angeboten worden seien, könnten dann vielleicht die Grundlage einer Regelung bilden. Die britische Regierung habe oft gezeigt, daß sie dem italienischen Wunsch nach Ausdehnung nicht übel­wollend gegenüber stehe und daß sie sich über die Stimmung der Länder klar sei, die sich einem hal­ben Monopol einiger roenger Mächte, vor allem Englands und Amerikas, über Die Rohstoffe und die strategischen Punkte an den Handelswegen der Welt gegenüber sehen. In England bestehe die Ueberzeugung, daß etwas geschehen sollte, um einige3 ber wirtschaftlichen Ursachen zu beseiti- g e n , die der jetzigen Unruhe in Europa zugrunde ^Wenn Italien noch verhandeln wolle, dann werde es vielleicht großes Verständnis für feine Ansprüche

London, 23. Aug. (DNB. Funkspr.) Aus der Morgenpresse geht hervor, daß der gestrige Ka­binettsrat die Lage völlig unverändert ge­lassen habe. Das Verbot der Ausfuhr von Kriegs­material aus England nach Abessinien dzw. Ita­lien bleibt bestehen, und zwar, wie in konservativen Blättern betont wird, mit Rücksicht auf d i e italienische Reizbarkeit. England wird nach wie vor seine Dolkerbundspolitik befolgen, eine Erklärung über die Frage von Sanktionen wird b i s auf weiteres nicht abgegeben werden.

Daily Telegraph" meint, Mussolini werde auf der Genfer Ratssitzung seine Anklage gegen Abessinien vorbringen. Sie würde es dem Völkerbund ermöglichen, die ganze Lage zu er­wägen und ein Versöhnungsverfahren oder eine Untersuchung einzuleiten. Von Italien werde er­wartet, daß es nicht eher als drei Monate nach erfolgter Berichterstattung den Krieg beginne. Sollte Italien dem entgegenhandeln, dann würde der Dölkerbundsrat genötigt sein, die Lage auf Grund des Artikels 15 der Völkerbundsfatzung zu erwägen, die Untersuchung und Berichterstattung

der Stein, einmal ins Rallen gekommen, jetzt noch aufzuhalten ist. An der Entschlossenheit Italiens, sich auch auf kriegerischem Weg das zu holen, was ihm zugestanden wurde, ist nicht zu zweifeln. Offensichtlich will der Duce aber noch mehr. England ist in der vorteilhaften Lage, den Kampf für seine eigenen Interessen auf der Platt­form der internationalen Moral zu führen, weil der Genfer Mechanismus in diesem Falle zugunsten Englands spielen würde, ein Umstand, der in Italien besonders verschnupft. Am übelsten hat die neue Entwicklung aber Frankreich mitgespielt. Der Vermittler von gestern, der das Hauptgeschäft zu machen suchte, sieht sich plötzlich in einer mehr als unbehaglichen Situation, in der es wahrschein­lich nichts zu gewinnen, sondern nur z u ver­lieren gibt. Daß England im Falle einer Unterstützung der italienischen Position durch Frank­reich mit der Rückkehr zursplendid iso- 1 a t i o n, mit der Zurückziehung von der europä­ischen Kontinentalpolitik droht, hat in Paris be­reits Angstzustände ausgelöst. Daß andererseits ein von Frankreich enttäuschtes und im Stich gelassenes Italien, wie dieInformation" argwöhnt, s i ch den r e v i f i o n s f r e u n d l i ch e n Staaten a n s ch l i e ß e n , den Donaupakt aufgeben und den Völkerbund verlassen könnte, wiegt kaum weniger schwer für die französische Politik.

Nun ist es zweifellos Frankreichs eigenste An­gelegenheit, einen befreienden Ausweg aus einer Situation zu suchen, für die es in hohem Maße mit­verantwortlich ist. In welcher Richtung aber auch die französische Politik vorgehen wird, eines wird sie nicht mehr verhindern können: die wachsende Er­kenntnis der Völker, daß der gesamte Apparat, der seit 1919 unter dem Stichwort des Friedens und der Sicherheit von den Westmächten geschaffen wurde, sich in einem höchst kritischen Zustand befindet. Denn die Logik, man müsse die Prinzipien der kollektiven Sicherheit und die Grund­sätze des Völkerbundes in einem Falle miß­achten, um sie im Hinblick aufandere Fälle" zu retten, ist allzu halsbrecherisch. Sie wird für das gesunde Urteil der politischen Welt nicht ohne Folgen bleiben, welche taktischen Manöver und Win­kelzüge eine spitzfindige Diplomatie auch noch finden mag. Unter größeren und grundsätzlichen Gesichts­punkten gesehen handelt es sich um nichts anderes als die zwangsläufige Demaskierung jener Politik, die von S i ch e r h e i t sprach und die Ein­kreisung Deutschlands meinte. Weil diese Politik innerlich unwahr fein mußte, mußte sie ein­mal an den Punkt kommen, wo die Diskrepanz zwischen dem Anspruch, mit dem sie auftrat, und der Wirkung, die sie auslöste, offenbar wurde. Daß die Entwicklung der abessinischen Frage ebenfalls dazu beigetragen hat, ist bemerkenswert, weil hier ehe­malige Siegermächte unter sich sind. Der Prozeß der Selbstentlarvung der französischen Kon­tinentalpolitik erfährt damit nur eine Beschleuni­gung: an seinem Beginn standen andere Dinge, die besonders aktuell sind in einem Augenblick, wo in der französischen Publizistik wieder viel von gesamt­europäischer Verantwortung die Rede ist.

Welch leidenschaftlichen Widerfprucy lösten in Frankreich die Bedenken aus, die gegen seine Bündnispolitik mit Moskau geäußert werden mußten! Weder wollte man die ausschließ­lich gegen Deutschland gerichtete Tendenz dieser Instrumente zugeben, noch die Gefahr erkennen, di«

sinische Streitfall müsse auf Afrika begrenzt bleiben. Italien bedürfe der englischen Nachsicht, um seine Operationen mit den geringsten Kosten durchzuführen, und um zu vermeiden, daß der ge­waltige Apparat der internationalen Sanktionen sein Vorgehen beeinträchtige, oder gar verhindere. Da die englische Regierung zu vermitteln wünsche, biete sich für die französische Regierung eine neue und letzte Gelegenheit. Sollte die Uneinigkeit zwischen den drei Mächten fortbestehen, würde sich über das übrige Europa eine Beunruhi­gung verbreiten undDeutschland würde a u der Lauer liegen." (!!)

DerMatin" sieht in den Beschlüssen des briti­schen Kabinetts ein gewisses Zurückwei­chen. Man habe nicht beschlossen, in Genf Sank­tionen gegen Italien zu fordern. Das wolle zwar nicht heißen, daß diese Forderung nicht später erhoben werde. Immerhin fei diese Zu­rückhaltung festzustellen. Es sei d o ch vielleicht noch möglich, bis zum 4. September eine Eini­gungsgrundlage zu finden.

Iagdunfall ernes italienischen Konsuls in Abessinien.

A d d i s - A b e b a , 22. August. Der italienische Konsul in Godjam (Südabessinien), Muzzi Fal­coni, reifte in Begleitung italienischer Diener von der hiesigen Gesandtschaft mit einer Karawane nach Godjam. Am Mittwochabend wurde der Konsul mit einem Schulterschuß in das italienische Krankenhaus in Addis Abeba zurückge­bracht. Die italienische Gesandtschaft erklärt, daß der Konsul Baron Muzzi Falconi sich beim Waffenreinigen einen Schuß in d i e linke Lunge beigebracht habe. Seine Frau, die ihn auf der Reife begleitete, fand ihn in feinem Blute liegend abseits vom Lager, das er allein verlassen hatte. Die Italiener betonen,

beruht aber keineswegs nur auf der immer größer werdenden Verwicklung des Streitfalles selbst. Was die Teilnehmer der Dreierkonferenz noch viel mehr beunruhigte, war die Schärfe, mit der sich nun zwischen ihnen s e l b st Gegensätze ernster und weittragender Natur abzeichneten. Die Beunruhi­gung darüber ist nur zu verständlich, denn keine )er drei Mächte hatte ernsthaft auch nur mit der Möglichkeit einer Veruneinigung gerechnet. Im Ge­genteil, alle drei hofften auf ihre Kosten zu kom­men. Italien, indem -es seine Kolonialforderun­gen leicht zu verwirklichen gedachte, England, indem es diese unbequemen Forderungen auf abes­sinisches Gebiet ableitete, Frankreich, indem es für feine Zustimmung Italien in die Ringpolitik gegen Deutschland einschalten wollte.

Diese Berechnung war geschickt, aber abhängig von zrpei Voraussetzungen: von der Bereit­schaft Abessiniens, dem Arrangement der drei zu entsprechen, und von der Bereitwillig­keit Italiens, nicht über den Rahmen der ihm zugedachten kolonialen Konzessionen hinauszugehen. Daß Italien schließlich doch weitergehende Ziele entwickelte, ist noch nicht direkt zu beweisen, liegt aber angesichts der Umstände, unter denen die Dreierbesprechungen aufflogen, sehr nahe. Denn es ist nicht anzunehmen, daß die englische Politik Ita­lien in einem Maße entgegengekommen war, das eine Gefährdung seiner eigenen kolonialen Inter­essen bedeutet hätte. Sicher ist jedenfalls, daß Eng­land nur eine friedliche Verwirklichung der italienischen Forderungen in Rechnung stellte und sie allein gebilligt hat. An einen Widerstand Abes­siniens hatte merkwürdigerweise niemand gedacht!

Man muh sich dieser hintergründigen Vorge­schichte erinnern, um zu ermessen, in welchem Um­fang allen drei Mächten die Dinge über den Kopf