Kt.169 Zweiter Blatt Siebener Anzeiger tSenelal-Anzetger fflt Gbeeheiieni Dienstag, 23.3uli 1955
Gommerblumen am Berliner Funkturm.
Eine Leistungsschau
Kühn spreizen sich sechs breit gelappte Blütenblätter zurück nach dem tragenden Stengel. Dunkel- violette Tupfen enthüllen das innerste Geheimnis einer reisen Blüte. Sechs samenschwere Staubgefäße beugen sich auf langen Fäden zur Erde und bieten ihre leichte Fracht dem Spiel des Windes und der Bienen dar. „Welch prächtige Orchidee!" — so wird mancher Blumenfreund denken, wenn er dieses Blütenschauspiel auf den Anschlagsäulen der Bahnhöfe bewundert. Es lädt ihn ein zu der Sommerblumenschau, die für vierzig Tage am Fuße des Berliner Funkturms ausgebreitet ist. Hier wird der schwärmerische Bewunderer aber bald erkennen, welch angenehmem Irrtum er-verfallen ist. Die „exotische Orchidee" ist nämlich eine Lilie, eine Tigerlilie, die in deutschen Gärten wächst.
An solchen Ueberraschungen und Entdeckungen ist die Ausstellung „Sommerblumen am Funkturm" reich. Sie wendet sich nicht an die Besitzer prunkender Villen und ausgedehnter Parks. Sie will dem Kleingärtner und Balkonbesitzer, dem Laubensiedler und der blumenliebenden Hausfrau den Reichtum des deutschen Gartens nahebringen. Sie will die Liebe zu Natur und Land, zu den stillen, leuchtenden Wundern der heimischen Blüten erwecken und pflegen. Deshalb haben die Veranstalter, die Berliner Ausstellungs-, Messe- und Fremdenverkehrs - Gesellschaft und die Deutsche Gartenbau - Gesellschaft, ihrer diesjährigen Sommerschau klare Grenzen gezogen.
Es gibt keine augenblendenden Arrangements gärtnerischer Züchtungserfolge. Es ist auch kein glanzvolles Hauptstück aufgebaut, das seine Umgebung zu „Mauerblümchen" herabdrückt. Statt dessen zeigen zwanzig musterhafte Klein- g ä r t e n , wie auch unter räumlich beschränkten Verhältnissen aus verschiedenartigsten Blumen und sparsamem architektonischen Aufbau sich bescheidene Wünsche geschmackvoll erfüllen lassen. In mehreren in sich geschlossenen Höfen sind die heimischen Natur- blumen stilvoll vereinigt. Durch den „blauen Höf" schreitet man auf breiten Plattenwegen zwischen unregelmäßig angelegten mit Leberbalsam bepflanzten Beeten, während große Kübel mit hellblauen Hortensien gefüllt sind und von der Mauer blauviolette Petunien nicken. Die Mauern sind ja keine toten trennenden Wände, an ihnen rankt sich Feuerbohne, Zierkürbis und Prunkwinde empor, und von oben neigen sich blühende Topfgewächse herab. Man wird hier auf gärtnerische Einzelheiten aufmerksam gemacht, unmerklich wird durch die besondere Gestaltung dieser Schau der Blick auf eine hübsche Verbindung von Rankpflanze, Mauernische und Bank, auf das Nebeneinder von Wasserbecken, Blume und Steintreppe gelenkt. Ein Durchblick zu den anderen Gartenhöfen: hier wachsen rote und weiße Malven, leuchtet die gelbe Kapuzinerkresse und steht die (Sanna, das stolze Blumenrohr, in dekorativer Strenge. Wasserstrahlen springen aus den Becken, die hier und da unauffällig in die Blumendecke eingeordnet sind.
Durch Mauern und berankte Wandelgänge gehen wir aus der begrenzten Gartenwelt in die Weite einer Landschaft. Ueber leicht hügeligem Gelände dehnt sich die Wiese auf und ab, umrahmt von bunt- lew Nadelgehölz, durchsetzt von niederen Saum» gluppen. Der Rasen — eine wundervoll ruhige, gepflegte Fläche — ist locker bepflanzt mit grazilem Ziermohn und gefülltem Schlafmohn, der sich von den Rändern her in das ruhige Grün einfügt. Margaretenblumen, rotgelb flammende Kokardenblumen säumen die Plattenwege, weiß leuchten die Blütentrichter der Tabakpflanze. Der freie, gelockerte Charakter ist am wirkungsvollsten in der Heidelandschaft gewahrt. Schon summen die Bienen um die niedrige Erika und die geheimnisvollen Gestal-
deutscher Gartenkunst.
ten der Wacholderbüsche, Ehrenrettung des berüchtigten märkischen Sands, ein Naturgarten mit allem, was die Mark an Farbe und würzigem Ruch dem dürftigen Boden zu entfaugen vermag^ Schafgarbe und Weiderich, Salbei und Ringelblumen, Strohblumen und Sommerhyazinthen.
Wem diese blühende Mannigfaltigkeit nur Augenweide, nur unbestimmte Freude ist, der mag in die „B l u m e n s ch u l e" gehen. Die findigen Gärtner kennen ja ihre Pappenheimer genau. Wer die einladende Tigerlilie für eine Orchidee hält, der wird wahrscheinlich ebenso wenig wissen, wie Hydrangen und Zinnien, Verbenen und Nemesis aussehen. Aber „was nutzet mir der schönste Garten, wenn ich die Blumen drin nicht kenne"? In der Blumenschule klären kleine Schilder über Namen und Herkunft, Kultur und Betreuung der Blumen auf. 100 Sorten sind auf 70 Beeten vereinigt. Hier können Blumenliebhaber sich unterrichten lassen, welche Arten anbaufähig für jeden deutschen Garten sind.
Selbstverständlich vereinigt die Schau auch alle Geräte, die zur Pflege der Zöglinge erforderlich lind, und gibt Balkon- und Laubenbesitzern eindrucksvolle Anweisung, welche Blumen sich auf der Süd- oder Nordfeite, im Licht und im Schatten am besten entwickeln. Selbstverständlich auch, daß die deutschen Gärtner in einem besonderen Teil mit ihren neuesten Züchtungserfolgen bescheiden aufwarten. Da sieht man Blumen, die es noch gar nicht gibt — nämlich im Handel. In über- zeugender Gegenüberstellung zeigt die „Dergleichs-
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Moskau, Juli 1935.
Am Anfang des ersten Fünfjahresplans stand einst das stolze Wort: „Einholen und überholen!". Es war nicht nur Losung, sondern Inbegriff wirtschafkspolitischer Gesamthaltung geworden. Es sollte nicht nur anfeuernd, es sollte auch richtungweisend wirken. Aus den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Jahre 1925 bis 1928 wollte man einen radikalen Ausweg finden. Die kapitalistische Umwelt, die dem Wirtschaftssystem der Sowjets feindlich gegenüberstand, wollte man mit ihrer eigenen Waffe schlagen.
Seitdem sind sieben Jahre verflossen. Heute ist das Schlagwort „Einholen und überholen" zwar noch nicht ganz vergessen, es findet aber eine ganz andere, eine weit nüchternere Beurteilung. Man hat schon Erfahrungen gesammelt. Und der Vergangenheit gehört auf Grund dieser Erfahrungen ^ebenfalls die ehemalige Forschheit an, mit der man ans Werk ging, als bedürfe es nur des „echt bolschewistischen Willens" dazu, um allen Wünschen und Hoffnungen Erfüllung zu verschaffen. Heute ahnt man, daß eine systematische, ununterbrochene Entwicklung nicht übersprungen werden kann, daß es jahrzehntelanger Kleinarbeit, der Erziehung zur Achtung der Arbeit, des Menschen und der Sache, der Erziehung zu einem eisernen Fleiß und zum Verantwortungsbewußtsein, daß es schließlich auch eines harten Kampfes gegen die „Nit- schewo"-Stimmung, die Gleichgültigkeit, bedürfen wird, wenn man es schaffen will. Denn nicht zuletzt diese Schlafrock-Stimmung ist das charakteristische Merkmal des russischen Volkes, nicht zuletzt von ihr wird es beherrscht — sei es nun zaristisch oder bolschewistisch regiert. Reformen brauchen hier mehr denn anderswo Zeit, damit sie ausreifen und damit ihre Notwendigkeit ins Bewußtsein der Men-
unb Neuheitsschau" z. B. die alte Hebwigsnelke unb ihren feinziselierten Sproß, bie „Nelke 1935/36". Neben Fuchsien, bie in gewohnter Weise ihre roten Köpfchen hängen lassen, stehen hochgebilbete Art- genossen, bie ihre Blüten aufrecht tragen.
Eine Liliputbahn, bie die ganze Ausstellung durchzieht, fährt den staunenden Besucher schließlich zum TerrassencafL zu erholsamem Ueberblick. Eine neue Ueberraschung bildet den Abschluß des lohnenden Rundgangs: Auf dem Oval einer Wiese führen hundert Tänzerinnen zweimal täglich einen Reigen auf. Gelbe Schleiergewänder schwingen anmutige Figuren über dem Grün des Rasens zu den leichten Rhythmen der Musik. Schließlich fallen die Hüllen, bleiben als gelbe Punkte zurück und hundert menschliche Körper streben im Sportdreß radschlagend dem Rande der Ellipse zu. Dahinter bietet sich das letzte Wunder dieser Schau: eine riesige B l ü t e n u h r auf ber Wiese. Ihre Zeiger kreisen über einem Zifferblatt aus weißen Petunien. Ein Blick auf bie Taschenuhr überzeugt, bah ber bunte Chronometer wahrhaftig richtig geht — das ist die heiterste Sensation der „Sommerblumen am Funkturm".
Wir schieden alle ungern, durch bie sinkenbe Dämmerung genötigt. Aber wir ließen uns nur vertreiben, um wieberzukommen unb viele anbere Menschen mitzubringen, um sie gleich uns bes Zaubers teilhaftig werben zu lassen, ben bie reine Schönheit eines blühenben Gartens auf alle übt, deren Herzen der Natur entgegenschlagen. Ein Dank gebührt schon heute all den fleißigen Gärtner- Händen, die in unermüdlicher unb unenblich oebul- biger Arbeit seit Monaten an diesem Werke geschafft haben, das in feiner vollendeten Schönheit Zeuge ist für die Höhe deutscher Gartenkunst und Gartenkultur.
schen eindringt. Deshalb nimmt heute die Erkenntnis auch in Sowjetrußland zu: Die Fünfjahrespläne haben die Welt nicht ruiniert, sie sind ihr nicht zum Verhängnis geworden; sie haben damit auch ihren Schrecken verloren.
Wie steht es heute um bie Sowjetwirtschaft? An der Halbjahreswenbe brachte bas Blatt bes Volkskommissars für bie Schwerindustrie eine Sonderausgabe heraus, bie der Erfüllung bes Halb- jahresplanes gewidmet war. In spaltenlangen Leit» artikeln wurden hier Uebersichten über ben Stanb ber Wirtschaft gegeben, ber auf ben ersten Blick bestechend wirken muß. Aber derartige Artikel sind seit Jahren in Moskau auf diese Manier zuge- schnitten: Am Anfang werden Lobeshymnen gesungen; man stellt Erfolge über Erfolge fest, feiert Siege über Siege. Schon oft im zweiten Absatz jedoch kommt bas große Aber ... Dieses wirb genauestens zerlegt, von allen Seiten beleuchtet unb beqrünbet. Die Ausbrücke „Fehler unb Mängel", „Schlamperei unb Faulheit", „Unkenntnis und Unbildung", „Verantwortungs- unb Kulturlosigkeit" treten in ben verschiedensten Verbindungen auf unb Epitheta wie „völlig unzulässig, unerhört, schandbar", beleben das Bild der sachlichen Kritik.
Seit je liegt ein Zweig ber Sowjetwirtschaft besonders stark darnieder: der Verkehr. Seit Jahren wird auf diesem Gebiet ein immer von neuem einmal aufflammenber, eine kurze Zeit alles und alle beherrschender, allerdings sehr bald wieder in die Aussichtslosigkeit versinkender Kampf geführt. Da nützen aber alle Beschönigungen nichts: e s gibt in S o w j e t r u ß l a n d keine Ber- kehrswirtschaft! Es ist im europäischen Aus« land wahrscheinlich kaum bekannt, daß diese Tatsache bei dem Besuch Lavals in Moskau eine sehr erhebliche Rolle gespielt hat, daß die Verkehrsfrage von den französischen Berbünbeten Sow» jetrußlands ebenfalls als „der Engpaß" im gan-
DasgroßeA-erin-erGowjetwirtschast...
Don unserem 71 -Äerichierssatier.
Zen Plan betrachtet wirb — unb zwar insbesondere oom militärpolitischen, vom ft rate« gischen Standpunkt aus.
Sowjetrußland besitzt in seiner ganzen unenb- hajcn Ausdehnung Chausseen, Die auch europäischen Anforderungen entsprechen würden, nur in einer Gesamtlänge, wie sie etwa — der des yreiftaates Sachsen gleichkommt. Während die Bahnen der europäischen Länder sich einer narje^u absoluten Sicherheit rühmen können unb ^f°rbe ber Schnelligkeit, Bequemlichkeit unb technischen Vervollkommnung aufweisen, geht hier bie Stunbenkilometerzahl immer mehr herunter, nehmen die kleinen und großen Unfälle in erschrecken- bem Maße zu, ist der Oberbau vollkommen zerrüttet, die Ersatzfrage dauernd ungelöst und die Leistungsfähigkeit der Industrie völlig unzureichend, versinkt alles im Chaos der Verantwortungs- und Organifationslosigkeit. Während schließlich die Schiffahrt der Welt nach der großen Krise wieder zu der alten Blüte gelangt ist, stellen sich der Entwicklung ber Fluß- unb Seeschiffahrt in ber Sowjetunion infolge des Versagens der Leitung und der Überall herrschenden unvorstellbaren Schlamperei immer größere Schwierigkeiten in den Weg. Der Verkehr stellt heute in der Sowjetunion das dringend st e und aktuellste Pro- b l e m des wirtschaftlichen Aufbaues dar, ein Pro» dlem aber auch, an dem die Sowjetregierung ihre Fähigkeit, das Jndustrialisierungsprogramm Durchzuführen, am ehesten zu erweisen haben wird.
Die drei Zweige des Sowjetverkehrs, Eisenbahnen, Schiffahrt unb Straßenbau, liegen gleicher- maßen noch in ben Anfängen unb kämpfen verzweifelt, um mit ber forcierten Entwicklung z. B. der Schwerindustrie Schritt zu halten. Im März dieses Jahres ist die rechte Hand des Diktators, sein Schwiegervater Kaganowitsch, zum Ver- kehrskommissar ernannt worden, da dessen Vorgänger, ber jetzige Parteisekretär Andrejew, mit dem Problem einfach nicht fertig werden konnte. Kaganowitsch standen unbeschränkte Mittel zur Verfügung, um dem Chaos im Eisenbahnwesen zu steuern, er erhielt zudem Vollmachten, die ihn in ber Tat zum „Eisenbahndiktator" machten. Was hat er erreicht?
Will man nach den Lobpreisungen gehen, die bie Presse täglich bringt, so haben die Bahnen die schwerste Zeit hinter sich. Denn eines hat Kag- nowitsch in Wirklichkeit vollbracht: durch drakonische Härte und Zurückstellung aller anderen Notwendigkeiten hat er bie täglich v e r ö f f e n-t l i ch 1 e Zahl ber be- bzw. abgelabenen Gü- t e r ro a g e n auf bie burch ben Plan vorgesehene Höhe gebracht. Aber bas eben nur beshalb, weil gerabe diese Zahl in der Sowjetöffentlichkeit seit je eine besondere Rolle spielt. Daß sie nicht im entferntesten als Barometer für die allgemeine Beurteilung des Zustandes der Sowjetbahnen gelten kann, geht schon aus folgendem hervor:
Es ist überall in der Sowjetunion offenes Geheimnis, daß die Güterwagen zwar mit wertvollen Gütern be- oder abgeladen werden, daß sie im übrigen aber — nicht zu befördern sind. Es mangelt nämlich an Lokomotiven, der Zustand der Strecken erlaubt keine größere Beanspruchung, das Personal ist nicht genügend leistungsfähig, die meinen Strecken und alle großen Knotenpunkte sind dauernd verstopft, das Signalwesen funktioniert nicht — kurz: die Dahnen versagen eben. Denn den durch die künstlich aufgeblähte Industrialisierung an die Bahnen gestellten Anforderungen sind die, die im wesentlichen noch im Zustand „der Zarenzeit" stehen, nicht gewachsen. Die Epoche des Bürgerkrieges unb des Kriegskommunismus hat auf ben meisten Strecken furchtbare Zerstörungen angerichtet, unb selbst bie Sowjetsachoerständi-
walle
RASIERCREME macht das Rasieren zum Genuß Große, langreichende Tube 50 Pf.
ganzen unter Richarb Schneiber-Ebenkv- bene Spielleitung ein erfreulich hochstehenbes Ensemble-Spiel unb ein Film, bem man auch in ben Hunbstagen bie Beachtung wünscht, bie er verdient. — Im Beiprogramm anscheinend in freier Wildbahn gemachte Aufnahmen aus dem Leben des Edelhirfchs von einer Schönheit und Lebendigkeit, wie man sie sicher nur selten sehen kann; außerdem die Ufa - Tonwoche mit Bildern vom Boxkampf Schmeling — Paolino und anderem. —e.
Die törichte Jungfrau.
August Hinrichs, der mit seinen Bauern- komödien in den letzten Jahren den deutschen Bühnen die sonst seltenen Serienerfolge beschert hat, hat auch zu diesem Film den Stoff geliefert, eine behaglich ausgesponnene Kleinftadtgeschichte, humorvoll und schalkhaft. Niedersäch ifch ist auch diesmal das Milieu. Eins der romanti ch winkeligen Städtchen am Fuße des Harzes will mit einem Roswitha-Festspiel die Fremden locken. Die ganze Bevölkerung spielt mit, ein Kunsthändler aus altem Hause führt Regie. Ihn und die Darstellerin ber Roswitha oerbinbet halb mehr als sachliches Interesse am Festspiel. Eifersüchtig sucht feine Schwester eine ernstere Zuneigung ber beiden zu hintertreiben, um die Herrschaft im Hause nicht teilen zu brauchen, das ganze Städtchen umspinnt das Paar schon mit seinem Klatsch, noch ehe auch nur ein Wort zwischen ihnen selbst gefallen ist. Er ist in feiner von der Schwester eifrig gepflegten lieber- heblichkeit auch feiner Sache zu sicher, um sich mit einer Erklärung zu beeilen. Erst ein tragikomisches Zwischenspiel, in dem es um echte Hilfsbereitschaft, Mut und Stolz geht, belehrt ihn über den inneren Wert des jungen Mädchens, das er durch kränkende Zurückhaltung fast für sich verloren hätte. Etwas von Wilhelm Raabes heiter-schmerzlicher Besinnlichkeit leuchtet hier unb ba in biesem Film auf. Nicht nur bei bem philosophierenben Schustermeister (Hans L e i b e 11) unb feiner nicht bloß mit bem Munbwerk energischen Alten (Lotte W e r t m e i ft e r) hat Raabe, ber ja auch ein echter Sohn Niebersachfens war, Pate geftanben. Eine echte Raabefigur ist befanbers ein junger Künstler, besten Zwischenspiel bie beiden Liebenden zueinander führen muß; Walter Ladengast sahen wir schon in „Musik im Blut" in einer sehr ähnlichen Rolle, ein junger Schauspieler von großem Können unb kultivierter Haltung. Die „törichte Jungfrau" ist Karin H a r b t, blond und blauäugig, voll jugendlichen Charmes, heiter beschwingt, von echtem Gefühl und ehrlichem Mitempfinden hingerissen auf einen Weg, ber bei ber Klatschsucht unb Enge ihres Heimatstäbtchens ihr zum Verhängnis geworden wäre, hätten nicht Mut unb Stolz ben Bann gebrochen unb mit Hilfe bes Brubers, eines prächtigen Jungen (Günter Brackmann) zum guten Enbe geführt, was sich so bös anließ. Ihr Partner ist Rolf W a n f a, gepflegt, etwas zu kühl selbst für einen Liebhaber von dieser Reserve. Die Schwester, eine arrogante, giftige Spinatwachtel, mißgünstig und neidisch, in allen gesellschaftlichen Rankünen der Kleinstadt geübt, spielt Erika von T h e 11 m a n n, eine sehr sauber gefeilte Rolle. Im
Geheimnisse um den BraunschweigerLöwen
Von Professor Dr. Emil Waldmann, Direktor der Äremer Kunsshalle.
Jrn Braunschweiger Dorn wurde die Gruft des großen Sachsenherzogs Heinrichs des Löwen geöffnet. Auf Weisung des Führers wird sie in würdiger Weise ausgestaltet werden. Nichts veranschaulicht den königlichen Sinn dieser gewaltigen, heute erst ganz verstandenen Herrschergestalt prachtvoller als das neben dem Dom stehende Löwenstandbild, das zu den großartigsten Schöpfungen mittelalterlicher Plastik gehört.
Dor seiner Burg Dankwarderode in Braunschweig errichtete sich Herzog Heinrich, mit dem Beinamen der Löwe, im Jahre 1166 ein Denkmal, einen bronzenen Löwen auf hohem Sockel. Als Symbol feiner Macht, so wie die ägyptischen Pharaonen sich einst gegenüber ihren Totenhäusern, den Pyramiden, die Sphinx hinstellten.
Das Wüstentier steht aufgereckt da, sprungbereit, mit eingezogenen Flanken und straff zurückgestellten Hinterbeinen und knurrt und brüllt, drohend und schreckhaft. Man sieht die Adern unter der gespannten Haut über den Weichteilen.
Früher glaubte man gern, diese Tierplastik, zweieinviertel Meter lang und eindreiviertel Meter hoch, wäre eine orientalische Arbeit, vielleicht ein Beutestück aus einem der Kreuzzüae. Aber Heinrich war damals noch gar nicht im Osten gewesen. Es ist eine deutsche Arbeit, allerdings das bedeutendste W^rk der Freiplastik in Bronze aus dem hohen Mittelalter. Werkstätten des Kunstgusses gab es in Deutschland seit mehr als einem Jahrhundert, die meisten am Nordrande des erzreichen Harzes, seit Bischof Bernward in Hildesheim diesen Kunstzweig mit beispielloser Energie gepflegt hatte. Die Magdeburger Gieherschule lieferte sogar ans Ausland, Bronzetüren für die Dome in Nishni-Nowgorod unb Gnesen, unb die schöne Grabplatte des Erz
bischofs Friedrich von Wettin im Magdeburger Dom, eines der ersten Großbildniffe der deutschen Kunst, ist heimische Arbeit, wahrscheinlich um die gleiche Zeit entstanden wie ber Braunschweiger Löwe. Byzantinische Kunst, auch bie späte, sieht ganz anbers aus wie bieses mächtige Tier, eleganter unb ornamentaler meistens.
Wahrscheinlich hat ber Künstler nie einen Löwen in Wirklichkeit gesehens Er schuf bies aus ber aeiftigen Vorstellung. Unb obwohl er sicherlich auch bildliche Vorlagen benutzte, etwa bie in ber romanischen Zeit so geläufigen liturgischen Gießkannen in Löwenform, ober Figuren auf orientalischen Geweben, ober, falls er einmal mit feinem Herzog in Oberitalien war, bie ruhenben fäulentragenden Löwenfiguren an den Portalen ber lombardischen Kirchen — das Wesentliche konnte er nirgends lernen: diese unerhörte .Charakteristik bes Königlichen, bie zwingenbe Ausdruckskraft in ber Führung bes Umriffes, biefen von links anfteigenben unb bann steil abfaüenben Aufbau, diese Herrlichkeit im Spiel ber Gegensätze zwischen bem glatten Leib unb ber schuppenartig zottelig stilisierten Mähne, diese Gewalt des Gesichtsausdruckes, vor dem man erschrickt. Dies ist der schönste Löwe bes Mittelalters. Was ba gleichzeitig im Hof ber maurischen Alhambra in Spanien hingestellt würbe, bieses Löwengeschlecht wirkt klein unb zaghaft bagegen, ganz ohne Größe. Unb selbst bei ben Griechen muß man in archaische Zeiten zurückkehren, um einen ähnlichen Grab von Monumentalität zu finben. Wie aber biefer beutscher Künstler hieß unb woher er kam unb wie sein Auftrag lautete, baoon weiß man bis heute nichts unb wird es wohl nie erfahren. Das Größte in der Kunst des deutschen Mittelalters ist alles, fast alles, namenlos auf uns gekommen.
Beklagenswerter noch als dieses Nichtwissen ist die Tatsache, bah biefer so genialen Kunst offenbar bie ganz großen Aufträge fehlten unb ihr nur sehr selten einmal zuteil würben. Die beutsche Kaisergeschichte jener Jahrhunberte ist boch ranbvoll von großen Figuren, wenn auch Heinrich ber Löwe sie alle noch um Haupteslänge überragte. Seine mächtigen Gegner mochten schäumen über bie Heraus- forberung bes mächtigen Welfen mit feinem Hochmut: „Von ber Elbe bis an ben Rhein, von bem Harze bis zur See ist mein!" Alles was mächtig war, stand gegen ihn unter Führung des Kölner Erzbischofs, alle geistlichen und weltlichen Fürsten, bis nach Jülich-Berg im Westen und den brandenburgischen Bären im Osten. Schließlich fielen sogar bie Stäbte, die boch burch ben Welfen erst groß geworben waren, von ihm ab; Darbowieck, wo er bann bie Stabt zerstörte unb nur ben Dom stehen ließ, unb selbst Lübeck. Er war ihnen allen zu hoch
fahrenb, zu herrisch unb zu übermütig. Es war mit biesem löwenmäßigen Mann nun einmal kein Auskommen.
Jedoch, man darf ihn nicht als ben Verräter an seinem kaiserlichen Vetter, Friedrich Barbarossa, ansehen, ben er einst, gleich nach besten Kaiserkrönung, aus ben Haufen ber reooltierenben Römer herausgehauen hatte unb ben er später bann boch, als es in Oberitalien am schlechtesten um ihn stanb, durch Verweigerung der Heeresfolae im Stich ließ und in bie Nieberlage jagte. Gewiß mußte Barbarossa fürchten, baß ihm ber Löwe einst zu mächtig würde, baß er ein Königreich im Narben grünben unb bann selber einmal gar Kaiser werben wollte. Aber bas trotzige Löwenbenkmal ist boch an einem sehr entscheibenben Augenblick der deutschen Geschichte aufgerichtet worden.
Es handelte sich um die Frage: Ostpolitik oder Südpolitik für das deutsche Reich. Der Kaiser, einer romantischen Idee, der historisch längst nicht mehr möglichen Wiederaufrichtung des Imperiums Karls des Großen nachjagend, glaubte an den Süden und vergeudete deutsche Kraft und deutsches Blut in den ewigen Kämpfen mit Päpsten unb Gegenpäpsten unb mit ben Stäbtebünben in ber ßombarbei. Und hat nichts davon gehabt. Der Löwe sah, realpolitisch, weiter und tiefer. Er sah, daß in Deutschland im Bürgertum und in den Städten eine neue Macht heraufkam, und so schützte und stärkte er bie Träger biefer neuen Politik. Zugleich kolonisierte er friedlich ober kriegerisch weit in ben Osten hinein, auch in ben Narben hinein, gewann Macht und Einfluß und verbreitete die deutsche Kultur in die slawischen Gebiete, die künftige Entwicklung der deutschen Verhältnisse sehr weise voraus berechnend. Wenige Jahrhunderte später lag ein Schwerpunkt deutscher Macht ja doch in Osteibien.
Hätte bes Löwen kaiserlicher Vetter Barbarossa, in reiferen Jahren unromantischer geworben, Sinn für biefe große Politik gehabt unb ben Löwen, statt ihn zu ächten und ihm seinen Besitz im Osten und im Süden zu nehmen, gestützt und mit ihm zusammengearbeitet am Ausbau des Reiches diesseits der Alpen, auf dem Boden, wo doch einst die großen germanischen Stämme gesessen hatten, es wäre bem Deutschen Reiche unsägliches Unglück erspart geblieben, unb vielleicht hätte ber nationale Staat damals eine geschichtliche Wirklichkeit werden können. Der kaiserliche Adler und der königliche Löwe vereinigt, wären unüberwindlich gewesen. Sv aber, da Deutschland in einer Schicksalsstunde einmal wieder Unglück hatte, steht dieses Denkmal einsam in ber Welt.


