Ur. HO Drittes Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, 25. Mai 1955
Vom Schlafraum zur „Weltjugendherberge
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Wie das Zugendherbergswerk entstand und sich ausbreitete. Äon Richard Schirrmann, Burg Altena, Westfalen.
Am 25. Mai wird der Stellvertreter des Führers, Reichsminister Rudolf Heß, die erste deutsche Jugendherberge auf Burg Altena in Westfalen ihrer neuen Bestimmung als „Weltjugendherberge" übergeben. — Wir haben den Begründer und jetzigen Ehrenvorsitzenden des „Verbandes für Deutsche Jugendherbergen", Lehrer Richard Schirrmann, gebeten, uns zu schildern, wie das Jugendherbergswerk entstand und wie es im Laufe der Jahre immer festeren Fuß faßte.
Beide: Jugendwandern und Jugendherbergswerk sind aus derselben Volksnot, der Großstadtnot, geboren. Aber warum haben nicht auch andere Länder mit gleich großen und noch größeren Städten ein ähnliches Werk hervorgebracht? So könnte man fragen und dabei auf Millionenstädte wie Paris und Rom Hinweisen. — Weil gerade dem §?utsch-germanischen Menschen wohl mehr als jedem anderen ein unstillbarer Drang aus der Enge in die Weite ureigen ist!
Die erste Jugendherberge, die zugleich als Ausgang des deutschen JH.-Werkes anzusprechen ist, liegt im neuen Palas der Burg Altena und umfaßte ursprünglich nur 54 Betten. Wie einfach sie eingerichtet war, mag man daraus ersehen, daß sie nur einen einzigen Raum besaß, der zugleich Schlafraum, Waschraum und Tagesaufenthaltsraum war. Anfänglich wanderten ja nur die Jungens. Als aber bald das Mädchenwan- d e r n auch anhub, teilte ich den Schlafraum durch einen aufziehbaren Segeltuchvorhang in zwei Schlafräume nach Bedarf. Später habe ich dann eine Eichenholzwand zwischen beide Schlafräume mit getrennten Zugängen gebaut.
Der Grundriß und die ganze grundsätzliche Einrichtung des Jugendherbergshauses fand hier feine Entwicklung. Es ging nicht an, daß die früh ein- kehrenden Wandergruppen schon am Nachmittag den Schlafraum bezogen und sich müde und verstaubt, oft mit verschmutzten Schuhen in die mit sauberer Bettwäsche bezogenen Betten legten. Und wenn der Riesenkamin, wo alle Gruppen ihre Kochtöpfe an den Halbaum gehängt hatten, nicht ziehen wollte und der gesamte Raum dick verqualmt war, daß die Augen tränten und keine Kehle mehr singen konnte und man vor dem Schlafengehen ein „Türen- und F e n st e r - schwenkkommando" zum Rausmahlen der Rauchschwaden befehlen mußte, so waren das doch ein wenig unangenehme Begleiterscheinungen im lieben Herbergshaus. Und die rabautzigen Jungen wollten auch mal einen Raum zur Einkehr ganz für sich haben, wo sie beim Mönen und Budenzauber niemand der „Langbezopften" störte, aber auch die Mädel wollten mal ganz unter sich sein. Oder der Lehrer kam mit seiner gesamten Schulklasse in die JH. und hatte gleichfalls seine Belange. Und die ortsansässigen Jugendgruppen, die in der Wanderzeit alle Abende auf der Burgbleibe sich einfanden, brauchten ein „H e i m n e st" — und die Sing- und Spielscharen begehrten einen Raum für ihre Darbietungen. Die wandermüden und erhitzten Glieder riefen nach der Erfrischung eines Brausebades in gesonderten Räumen für Jungen und Mädchen, — und der gute Geruch der Schlafräume verlangte ohnehin bei so viel verschwitzten Menschenleibern Säuberungs-Wasserbäder und Seife für alle Einkehrenden vor dem Zuneste- gehen.
So gliederte sich der anfänglich einzigste Herbergsraum bald in besondere Räume für die Uebernachtung und für die Einkehr am Tage, für Küche und Bad und Waschraum. Die Tagesräume mußten gedoppelt und für die Belange von ganzen Schulklassen für tageweise und längere Einkehr im Sinne eines Schullandheimes und die Möglichkeiten von Spiel, Singen und Tanz und mit dafür erweitertem Herbergsgelände im Freien eingerichtet werden. Die ortsansässige Jugend hielt in der wanderstillen Zeit ihre Heimabende im Herbergshaus ab — und aus dem Massenschlafraum wurden kleinere und sinngemäße Abteilungen mit anschließenden Wasch- und Abortgelegenheiten für beide Geschlechter. Und unbedingt mußten ein „H e r b e r g s v a t e r" und eine „H e r- bergsmutter" in dem Herbergshaus wohnen und über dem guten Geist des Heimes wachen, Vater- und Mutterstelle an ihren Gästen vertreten.
Mit einem Wort gesagt: Aus dem anfangs nur billigsten Uebernachtungsraum wurde eine Jugend- und Erziehungsstätte. Und mit den Jahren wuchs daraus ein neuer Kultur- Mittelpunkt für unsere zersplitterte Jugend, der eine bewußte Abkehr von der Asphaltkultur der Großstadtwelt war und eine neue Volkwanderung einleiten half, die rückläufig aus der Stadt aufs Land führte: zu Blut und Boden, nach den Worten unseres Führers.
Allerdings ist insofern ein Unterschied für die JH. als Jugenderziehungsstätte von damals und heute festzustellen, als sie bis dahin vollkommen überparteilich die einkehrende Jugend für deutsche Heimat- und Vaterlandsliebe erziehen wollte, während sie heute, als ein Bestandteil der Reichsjugendführung im Dritten Reich, eine Erziehungsstätte zur Formung der gesamten deutschen Jugend im nationalsozialistischen Sinne zu sein hat.
Und damit vom Gestern zum Heute und Morgen in unserem Werke! Das Vorwärtsschauen ist wichtiger als alles Zurückblicken. Wieviel besser wäre es mit unserer gesamten Erziehungs- und Unterrichtsarbeit in allen Schulen bestellt gewesen nach solchem Grundsätze? Unser JH.-Haus mitsamt dem Jugendwandern habe ich von vornherein dafür als „W ändernde Schule" ins Leben gerufen. Heimat und weites Vaterland und letztlich die unermeßliche Gotteswelt sollen Schulungs- und Erziehungsstätte junger Menschen werden. Alles Wandervolk, jung oder alt, der Stadt und Haus entronnen, denkt ganz von allein im befreienden Wandern, in dem Vorwärtsschreiten, nicht an Vergangenes, sondern an den blühenden Gegenwartsaugenblick und immer an Kommendes. Viel zu lange schon hat ein Stubengelehrtentum uns und Generationen vor uns mit der Knechtschaft der Bücher zu sehr belastet und zu Vergangenheitsmenschen gestempelt und damit untüchtig für die Erfassung des rechten Augenblicks in der Gegenwart gemacht! Das vorwärtstreibende Wandern schützt die Jugend und das unverkalkte Alter vor dem Derliegen, vor dem Satt- und Rostigwerden, vor Spießertum und Blasiertheit und ist eine unsterbliche Revolution zum Wachhalten gesunder Triebkräfte unserer Volksrasse.
Wandern und Führertum? Es gibt kaum eine Seite des Führertums, die im Wanderleben nicht berührt wird. Führer und Gefolgschaft sind ein Gebilde aus einem Guß, geformt in der harten und entsagungsreichen Schule des Vorlebens. Sollen die Grundsätze des Nationalsozialismus mit der lebenden Generation nicht verebben, so muß der
Nachwuchs dafür geschult werden. Unsere Jugendherbergen sind dafür nutzbar gemacht worden im Dienste fast ungezählter Schulungslehrgänge in allen Teilen des Reiches. Damit ist die Uebernachtungsziffer im Reiche von gegen 5 Millionen auf über 6 Millionen hinaufgeschnellt.
Wenn, wie zu erwarten ist, aus diesen Schulungslehrgängen eine neue Jugendwanderbewegung ersteht und dazu führt, daß wirklich die gesamte 10-Millionenjugend Deutschlands davon erfaßt wird, so reichen unsere heutigen Jugendherbergen bei weitem nicht aus. Wir werden mit Dielen Neubauten rechnen müssen. Zwar hat die neue Verbandsleitung mit dem im ganzen Reich durchgeführten „Reichsherbergspfennig" einen gewaltigen finanziellen Erfolg zu verzeichnen, aber dafür sind leider die früher laufenden Staat- und Stadtbeihilfen (5 Pf. auf den Kopf) fortgefallen. Deshalb muß unablässig für unser JH.-Werk als für ein sehr lebenswichtiges Volkswerk geworben werden. Die Mitgliederzahlen und damit die Einnahmen müssen angesichts der erzieherischen und oolksgesundheitlichen Ausgaben des JH.-Werkes wachsen für einen Werksaufbau, der den Kommenden dafür Zeugnis ablegt, daß die heutige lebende Generation alles tat, was in ihren Kräften stand, für die Erneuerung unseres Volkes zu einem neuen und ewigen Deutschland.
Auf der 3. Internationalen Konferenz im „Welt- JH.-Werk" im Herbst vergangenen Jahres in London sind neue Verbände angegliedert worden: Freistaat Danzig, Luxemburg und Amerika, mit denen jetzt also auch ein Gegenseitigkeitsabkommen in der Anerkennung unserer JH.-Aus
weise getroffen ist. Im Ausland in 18 Staaten mit 21 JH.-Verbänden befinden sich heute bereits 1800 JH. mit einer jährlichen Uebernachtungsziffer von über einer Million. Lehrmeister bei allen war und ist unser deutsches JH.-Werk, das in Altena vor mehr als 25 Jahren feinen Anfang nahm.
Am 7. Dezember 1835, also vor nun bald 100 Jahren, lief die erste Eisenbahn zwischen Nürnbera und Fürth. Sieben Jahre vorher, 1828, sprach Goethe ein prophetisches Wort: „Mir ist nicht bange, daß Deutschland nicht eins werde: unsere guten Schossen (Chausseen) und künftigen Eisenbahnen werden schon das ihrige tun!" Und sein Wort hat sich erfüllt. Daß wir aber an dieser Volksoerschmelzung weiter zu arbeiten haben, und daß es letzten Endes nicht allein die Verkehrsstraßen und Verkehrsmaschinen sind, die zum Ziele führen, sondern der lebendige deutsche Mensch, wissen wir auch. Und wenn heute zu Landstraßen und Eisenbahnen auch oogelflugschnelle und schnellere Flugzeuge und Flugschiffe treten, so gehört in diese schnellebige Gegenwart sicher auch das JH.- Werk mit seinen 2 2 0 0 Heimen und 6 Millionen Uebernachtungen für beschaulich wanderndes Jungvolk von Buben und Mädchen, die unter dem heiligen germanischen Sonnenzeichenbanner Heimat und Vaterland immer wieder aufs neue erobern wollen. Die ausländische Jugend, die in unseren Jugendherbergen mit zu Gaste sitzt, wird den Sinn des Dritten Reiches aus eigenster Anschauung verstehen und achten lernen im neuen deutschen Menschen, den unsere JH. mit erziehen helfen will und soll.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Nicht ärgern, nur wundem!
Das ist ein holländisches Sprichwort, aber ein sehr autes. Es hat schon vielen beholfen, und ich bemühe mich, es weiter zu verbreiten. Denn ist es nicht der Aerger, der uns begleitet vom frühen Morgen bis zum späten Abend? Nichts ist anhänglicher und nichts ist zäher als der Aerger, unser treuester Feind. Und wenn wir an gar nichts denken, dann bricht er aus irgendeinem Schlupfwinkel hervor und stört unsere Lebensfreude. Wir sagen uns hundertmal, wir wollen uns nicht ärgern, das wäre zu dumm, aber im letzten Augenblick tun wir es dann doch. Wir wissen, daß Aergern älter macht, wir wissen, daß wir nicht schöner werden, wenn wir täglich unserm Aerger verfallen, aber ...
Unsere Nerven werden verbraucht durch den Aerger. Er ist wie ein schleichendes Gift, nicht so schnell wirkend wie etwa Zorn ober Haß. Er geht langsamer, aber desto sicherer vor. Am Tage nimmt er uns die Freude, nachts stiehlt er uns den Schlaf. Er kann uns den Appetit rauben, und Arbeitsunlust stellt sich ein, wenn er Herr über uns wird.
Was helfen da alle Vorsätze, alle Lehren, die von der schönen Ruhe und der Gelassenheit erzählen? Wir sollen uns in Ergebung schicken, wir sollen den unabänderlichen Tatsachen ins Gesicht sehen und uns nicht ärgern. So wird uns gelehrt. Ueberwinden wir damit den Aerger? Manche Menschen bringen es fertig. Andere wieder stellen diesem alten, giftigen Feind einen Gegner gegenüber, der es wohl mit ihm aufnehmen kann, das ist der Humor. Wenn wir bei ärgerlichen Sachen einmal den Humor herrschen lassen, dann wird der Aerger bald besiegt fein.
Vor allem aber müssen wir Einsicht haben in das Wesen des Aergers. Ueberlegen wir einmal, wie es überhaupt dazu kommt, daß der Aerger in uns hochsteigt. Es ist doch weiter nichts als ein Widerspruch unseres Jchs gegen die Außenwelt. Im tiefsten Grunde also entspringt der Aerger unserer Selbst
sucht. Wir wünschen, daß die Menschen so handeln und so leben, wie wir es uns vorstellen. Wir wollen auch, daß sich alle Geschehnisse so abspielen, wie wir es gern haben. Geschieht das nicht, dann kommt der Aerger, manchmal über uns selbst, allerdings in den seltensten Fällen, in der Hauptsache über unsere Umwelt und unsere Mitmenschen. Unsere Eigenschaften, unsere Neigungen und Anschauungen sind so fest mit uns verwurzelt, daß wir glauben, andere Menschen müßten nun auch so sein. Das ist ein Irrtum. Je mehr wir das erkennen, desto weniger wird der Aerger Herr über uns werden. Deshalb halte ich bei plötzlichen, mir ganz unerwünschten Tatsachen das klare, holländische Sprichwort bereit: „Nicht ärgern, nur wundern!".
Es hilft vielleicht picht immer, es mildert aber ganz entschieden. Im ersten Augenblick können wir ärgerlich auffahren, dann aber sollte man doch eine Pause machen: Nicht ärgern, nur wundern!
Wir können, wenn wir wollen, den Aerger bewußt abstellen. Und die Tatsache, daß wir dieses Sprichwort leise oder laut, je nach dem Fall, vor uns hin- spkechen, ist schon der bewußte Wille, der auch oft zum Ziel führt. Man mache den Versuch!
Hat jemand eine schöne Tasse oder ein Trinkglas zerbrochen, so ist das für viele Menschen ein Grund zum Aerger. Aber was hilft dieser Aerger? Gar nichts! Eigentlich ist doch schon die Tatsache, daß nun die Tasse entzwei ist, genug. Warum legt man
Roman von Charlotte prenzel.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.).
29. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Es war seine Tochter. Auch ohne das Bild hätte Liane Gerda Morland unter Hunderten von Mädchen sofort als seine Tochter erkannt. Wie ähnelte sie dem Vater! Wie hübsch waren ihre großen, sprühenden Augen, ihr dunkles Haar, ihr erregtes, gerötetes Gesicht! Man mußte das Mädchen auf den ersten Blick liebhaben.
Lianes Herz klopfte freudig erregt. „Komm mit in mein Zimmer", sagte sie schnell, „da werden wir den Schaden gutmachen."
„Wirklich?" fragte Gerda erfreut. „Ach, Sie wissen gar nicht, wie dankbar ich Ihnen sein werde. Nähen ist nicht meine Stärke, und wenn Großmutter durch den dummen Riß erfährt, was sich zugetragen Jjat, dann kann ich mich auf allerhand gefaßt machen."
„Wir machen es schon so, daß sie es nicht sieht", tröstete Liane.
„Großmutter hat so gute Augen, sie sieht immer alles." „
Sie traten in Lianes Zimmer. „Nett ist es hier , sagte Gerda. „Wir wohnen da drüben. Großmutter und ich haben auch ein Zimmer noch vorn heraus. Zu hübsch ist die Aussicht — nicht wahr?"
Liane suchte nach Nadel und Faden. „Sehr schön, kleines Fräulein. Ich darf doch noch du zu dir sagen? Wie?" . v ...
„Oh ich höre es noch viel lieber —und überhaupt, da habe ich mich wohl wieder schön damenhaft betragen?"
„Die Hauptsache ist, daß die Katze gerettet wurde."
„So meine ich auch, aber Großmutter wird schelten. Großmutter vertritt nämlich Mutterstelle an mir. Sie ist selten mit mir zufrieden; nur gut, daß ich mich um so besser mit meinem Vater verstehe."
„Dann hast du ihn wohl recht lieb?"
„Und wie!" kam es strahlend von den Lippen des Mädchens. „Wir sind die besten Freunde, Papa und ich. Kein Mensch versteht mich so gut wie er. Augenblicklich ist er weit fort — denken Sie nur, in Amerika."
„Oh, so weit? Da bist du natürlich stolz auf den Vater?"
„Ja, die wenigsten Menschen machen doch in ihrem Leben eine so große Reise. Aber nun muß ich wohl stillstehen? Sie dürfen gleich schelten, wenn ich immer so hin und her zappele. Papa sagt immer, ich sei ein Unband."
Liane fühlte, wie sich ihr Herz diesem Mädchen gegenüber weit öffnete, und sie begriff, daß Fred
dieses Kind nicht verlieren wollte, daß sein ganzes Herz ihm gehörte. Wie lebhaft, wie frisch und natürlich war Gerda! Es war direkt eine Freude, ihn zuzuhören.
Gerda betrachtete aufmerksam Lianes flinke Finger, die den Riß so sauber zunähten, daß man ihn wirklich kaum sah. „So fein hätte ich es nie fertiggebracht", meinte sie seufzend. „Haben Sie das immer fo gut gekonnt?" .
„O nein, es hat recht lange gedauert, bis ich diese Kunst beherrscht habe. Du kannst daraus rechnen, es auch noch zu lernen."
„Glauben Sie? Großmutter behauptet immer, daß ich dergleichen nie lernen werde. Wieviel Mühe habe ich Ihnen nun gemacht?! Wie soll ich Ihnen danken?"
„Der kleine Samariterdienst macht mir doch Spaß; nun habe ich auch meinen Teil an der Befreiung der Katze getan."
„Hoffentlich habe ich Sie nicht aufgehalten. Gewiß wollten Sie baden gehen. Großmutter ist schon fort. Sie schläft danach immer ein Stündchen, und ich mache indessen den ganzen Kurort unsicher." Gerda lachte frisch auf. „Wie komme ich aber nun in die Stadt? Vielleicht passen die Jungen auf mich auf — da habe ich mir was Schönes eingebrockt, bin wohl meines Lebens hier nicht mehr sicher."
„Ich gehe mit dir", erbot sich Liane schnell. „Das paßt auch mir gerade sehr gut. Ich bin erst gestern abend hier angekommen und kenne mich noch gar nicht hier aus. Wenn du allein bist, kannst du mir ein paar hübsche Spaziergänge zeigen."
Gerda hüpfte vergnügt von einem Fuß auf den anderen, unterbrach sich aber schnell in der Bewegung. „Sehen Sie, daß ich nicht Ruhe halten kann. Großmutter hat schon recht mit ihren Klagen."
„Die Großmutter möchte sicher schon gern ein Fräulein zur Enkelin."
„Ja, leider. Wollen wir nun gehen? Uebrigens habe ist mich noch nicht vorgestellt. Ich heiße Gerda Morland."
„Und ich bin Frau Scholz."
„Scholz, Scholz? So heißt ja die Firma meines Vaters."
„Der Name ist bei uns in Frankfurt sehr allgemein."
„Wie? Sie sind auch aus Frankfurt? Da wohnt mein Papa auch. Nun müssen Sie mir recht viel von Frankfurt erzählen. Denken <pie nur, ich kenne es nicht!"
Wäre Liane nicht schon mit den Verhältnissen vertraut gewesen, so hätte sie nach einer Viertelstunde doch alles gewußt, was das Mädchen an- ging.
Sie gingen zusammen durch den Ort, gelangten zu den Enzanlagen, verfolgten den schönen Weg immer weiter. Liane hatte den Arm des Mädchens
durch den ihren gezogen, lebhaft flogen Rede und Gegenrede hin und her. Gerda faßte schnell Vertrauen zu der jungen Frau, die so teilnahmvoll auf ihre Gedanken einging, die zu ihr sprach wie zu einer Freundin. —
So schnell und überraschend Liane die Bekanntschaft des Mädchens gemacht hatte, so leicht und rasch wurde die Freundschaft zwischen ihnen geschlossen. Die Großmutter hatte nichts dagegen, daß sich Gerda an die junge Frau anschloß, mit ihr Spaziergänge und Ausflüge unternahm. Sie selbst hielt sich abseits, und so störte nichts das fröhliche Zusammensein der beiden.
Sehr bald durfte Liane jeden Brief des Vaters an Gerda lesen. Seine väterliche Fürsorge war Liane nicht fremd, sein freundliches Eingehen auf alle Zeilen der Tochter rührte sie tief. Sie hatte immer gewußt, daß er ein gerader, offener Mensch war, daß er aber so kindlich froh sein tonnte, hätte sie nicht geglaubt. Ihr war, als ob sie ihn erst jetzt richtig kennenlernte. Hinter seiner Beherrschung und Kühle steckte ein warmes, gütiges Herz. Wie schwer mußte sich das Erlebnis mit jener Frau damals auf feine Seele gelegt haben, daß er so selten fein wahres Angesicht zeigte!
Auch sie erhielt häufig Karten von ihm, er ließ sie teilnehmen an dem Gelingen seiner Unternehmungen. Seine Geschäfte erledigten sich zu seiner Zufriedenheit schneller, als er gedacht. Fast unvorbereitet traf Liane die Nachricht von seiner Abreise. Nun hieß es auch für sie, schleunigst nach Hause fahren. Sie hatte ja ihren Haushalt fast aufgelöst während seiner Abwesenheit, aus Sparsamkeitsgründen sofort die Köchin entlassen.
Als sie Gerda von ihrer Abreise mitteilte, brach das Mädchen in Tränen aus. „Sie müssen fort?" schluchzte sie auf. „Ach, ich wünsche, Sie könnten mich mitnehmen. Ich weiß gar nicht, wie das werden soll, wieder allein mit der Großmutter zu sein."
„Bald kommt dein Vater zurück!" tröstete Liane.
„Ich habe ihn ja so selten", klagte Gerda. „Und Großmutter wird es noch fertigbringen, daß er mir mißtraut."
„Aber Gerda, wie kommst du auf solche Gedanken? Dein Vater kennt doch doch ebenso gut wie du ihn kennst. Würdest du etwas Schlechtes von ihm glauben, wenn man dir etwas über ihn erzählen würde?"
„Was soll man mir denn von Papa Schlechtes erzählen?" fragte Gerda naiv.
„Als Geschäftsmann wird er wohl Feinde haben, und Feinde wissen immer die schlechten Seiten des anderen."
Gerdas Tränen waren versiegt; sie sah nachdenklich vor sich hin. „Papa hat keine Feinde", erklärte sie entschieden. „Ich möchte den mal sehen, der meinem Papa Feind sein könnte. Der sollte es mit mir zu tun bekommen."
Liane unterdrückte ein Lächeln. „Du hast ganz recht. Tritt nur immer für deinen Vater ein, und halte an ihn fest, wie er auch immer für feine Tochter einstehen wird. Darum darfst du auch nicht solch dumme Gedanken haben, darfst ihn nicht betrüben und mußt dir Mühe mit der Großmutter geben."
Gerda seufzte. „Das kann ich nicht versprechen. Ja — solange Sie hier waren, ging es. Ich sollte halt eine Mutter haben, die immer um mich wäre. Jetzt weiß ich es ganz gewiß, dack mir die Mutter fehlt."
„Gerüchen!" Erschrocken sah Liane das Mädchen an. Sollte ihr Unternehmen gerade das Gegenteil von dem bezweckt haben, was sie gewollt? „Laß solche Gedanken nicht deinen Vater hören. Er hat doch auch niemand weiter als dich. Denk' nur, wenn jetzt eine Frau käme, die dir Mutter sein wollte — würdest du ihr dann folgen, den Vater verlassen?"
„Nein, das gewiß nicht! Aber mit Ihnen ginge ich gleich! Sie wohnen auch in Frankfurt, da wäre ich gleich in seiner Nähe."
Liane zog das Mädchen in ihre Arme. „Warte nur noch ein Weilchen, dann kommst du, mich zu besuchen." —
Liane fuhr mit schwerem Herzen ab. Der Gedanke an Kitty beunruhigte sie wieder. Noch konnte die Kommerzienrätin auftauchen, noch war Fred nicht zurück. Was hatte ihre ganze Reise für einen Wert gehabt? Sie hatte herrliche Tage verlebt —- gewiß, sie hatte das Mädchen liebgewonnen, sie würde nicht zögern, es in ihr Haus zu nehmen, wenn Fred es ihr brachte. War es aber nicht kleinlich von ihr, daß sie nicht einfach zu erkennen gegeben, Gerda nicht mit sich genommen? Wie sollte sie sich nun weiter verhalten?
Von Tag zu Tag hatte Kitty gezögert, ihren Plan auszuführen, immer wieder Dringendes zu erledigen gefunden, immer wieder Unaufschiebbares vvrgeschützt. Sie lächelte über die eigene Torheit und mußte sich doch geschehen, daß sie Angst empfand — Angst vor dem Manne, in dessen Augen ein so harter Wille gelegen, als er von ihr forderte, die Tochter zu lassen. — Angst auch vor . dem Mädchen, in dessen Augen ein mißtrauisch- fragender Blick kommen konnte: Du willst meine Mutter sein? Aber immer, wenn sie an Fred dachte und die Angst nicht meistern konnte, kam auch der Zorn. Sollte sie jetzt kläglich versagen? Nein — sie war in sein Leben getreten, obwohl sie gewußt hatte, daß ein Kampf zwischen ihnen unausbleiblich war. Nun denn, der Einsatz ihres Lebens in diesem Kampfe war des Preises wert. Einmal hatte sie sich feige von ihm gewandt, jcfit, nach so vielen Jahren, wußte sie, daß ihr Herz ihm immer gehört hatte, daß sie ihn auch jetzt noch liebte.
(Fortsetzung folgt!)


