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Nr.fty Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag, 2Z. Mai 1935

Afrika kommt in Sewegmig.

Von unserem römischen E.-Korrespondenien.

Rom, im Mai.

Das heutige Abessinien bildet eine Gefahr für Italien und alle Kolonialstaaten. Abessinien rüstet zum Kriege, es bewaffnet sich, um uns anzugreifen. Seine Pläne sind nun bekannt. Und daher ist es klar, daß Italien die Bedrohung seiner ostafrika­nischen Besitzungen nicht mehr länger ertragen kann. Die Frage unserer Beziehungen zu Abessinien muß, wie der Unterstaatssekretär für die Kolonien ausgeführt hat, ein für allemal gründlich bereinigt werden."

So steht es in den Zeitungen zu lesen, auf diesen Ton war die Aussprache in der Kammer ab­gestimmt, jedermann kann es sogar aus den Italien wohlgesinnten Auslandsstimmen vernehmen, daß Italien in Abessinien nicht nur sein gutes Recht und seine nationale Ehre, sondern auch die Zivili­sation gegen die Barbarei verteidigt". Es ist die Sprache, wie sie politischen Verwicklungen, die auf diplomatische Weise nicht mehr gelöst werden kön­nen, vgrauszugehen pflegt. Sie wird täglich mehr übertönt von oem Waffenlärm eines aufstehenden Heeres.

Es hieße den Kopf in den Sand stecken, den kriegerischen Willen Italiens als Pose zu nehmen. Dieser Tage hat der Kriegsblinde Del Croix, der auch an beiden Armen verstümmelte Heros des neuen Italien, an derselben Stelle die große Rede gehalten, wo sie D ' A n n u n z i o vor 20 Jahren hielt: an der historischen Klippe bei Genua, wo sich Garibaldi mit seinenTausend" einschiffte, um im fernen Süden den römischen Gedanken zu ver­teidigen. Kurz nach der Dichterrede erfolgte die Kriegserklärung, die Jnvalidenrede begleitete die neue Mobilisation und die Kundgebungen in der Kammer.La volontä guerriera esaltata! In Blockschrift steht es da, und schwerlich läßt es sich anders übersetzen alsder Kriegs wille ge­priesen!" Del Croix hat damit nur den schon von Mussolini feierlich betonten Geist der opfer­bereiten Wehrhaftigkeit aufs neue verkündet. In seinem Munde, mit seinen erloschenen Augen ge­sehen, nimmt er ohne Zweifel etwas mystisch Heroisches an, niemand, der das Feuer aus solchen Lippen lodern sah, konnte sich einer tiefen Er­schütterung erwehren.

Im Senat war dann, als die Ausgaben für die Militärmaßnahmen in Afrika zur Sprache kamen, die Stimmung, wenn auch nicht weniger ent­schlossen, so doch etwas ruhiger. Es wurde betont, daß es sich bei diesen Maßnahmen lediglich um Sicherheitsvorkehrungen handle,um den Herausforderungen ein Ende zu machen und unsere Kolonien gegen jeden etwaigen weiteren Angriff zu schützen". Danach wäre also der Casus belli noch nicht gegeben, und wer es sehr genau nimmt, kann ohne Schwierigkeit feststellen, daß von italienischer Seite auch noch niemals offen die Not­wendigkeit kriegerischer Maßnahmen behaup­tet wurde. Hier liegt ein feiner Unterschied vor, der allerdings mehr die Historiker bei ihren Erörterun­gen über die Erörterung der Schuldfrage beschäfti­gen wird.

Die italienische Presse hält es so, daß sie die öffentliche Meinung nicht selbst aufklärt, sondern mittelbar durch die ausländischen Zei­tungen. Tag für Tag kann der Mann auf der Straße infolgedessen vernehmen, wie man in Paris und Wien ein Herz und eine Seele mit Rom sei, wie die Weltsympathien die für die Zivilisation kämpfenden oder kampfbereiten Truppen begleiten, wie sehr England die Sklaverei unter dem König der Könige verabscheut. Und da weit und breit kein Widerspruch zu vernehmen ist, abgesehen von den Erklärungen der abessinischen Gesandtschaft in Rom, befreundet sich das Volk immer mehr mit seinem Kreuzzug im dunkelsten Afrika. Die Tages­zeitung für die Kolonien ist um aktuellen Stoff nicht mehr verlegen, die Karikaturisten bekommen zu tun.

Daneben läuft eine recht ernste d i p l o m a t i -

sche Offensive Italiens gegen die europäischen Waffenlieferanten, die dem Negus alles geben, was er braucht. Zuerst war natürlich, wie immer, Deutschland das Karnickel, und es wurde, besonders auf dem Um­weg über französische Zeitungen, eine böse Stim­mung gegen Berlin geweckt oder gAiährt, jetzt muß sogar das Giornale d'Jtalia zugeben, daß sich die italienische Regierung genötigt gesehen hat, b e i anderen Kolonialmächten zu protestieren, indem es hinzufügt, diese Mächte hätten allen Grund, vom Kriege her Italien dankbar zu fein und sollten sich überdies der Solidarität der weißen Kulturnationen erinnern. Ferner kriegen einige Länder etwas ab, dievor einiger Zeit gegen an­gebliche Waffenlieferungen Italiens die Stimme erhoben". Das geht vor allem auf die Affäre Hir­tenberg. Die belgischen oder schwedischen Instruk­tionsoffiziere, die in Addis Abeba tätig fein sollen, können natürlich auch nicht mit freundlichen Augen betrachtet werden. Kurz, die Stimmung ist manchen­orts recht gereizt.

Wichtiger aber als die geräuschvolle Ouvertüre, wichtiger als der Kolonialfeldzug, der nach be­stimmten englischen Behauptungen sofort nach dem Ende der Regenzeit, also im Herbst, in großem Stil eröffnet werden soll, bleibt die Tatsache, daß damit die ganze afrikanische Frage auf­gerollt, Afrika in Bewegung kommen wird. Abessinien wird zum Sturmbock gegen die selbst nach französischer Darstellung heuchlerische Kon­struktion derM a n b a t e'y werden, alles gerät ins Schwanken, was schon leidlich befestigt schien, kein Sektor der europäischen Politik, der nicht von dieser Flutwelle berührt werden würde. Seit lan­gem schon wird in Rom dem Gedanken an Eur­asien, d. h. dem Zusammengehen Europas mit Asien, der GedankeE u r a f r i k a" entgegengesetzt, und jetzt findet er bereits Widerhall im Senat. Afrika erscheint den Neurömern als ein riesi­ger Absatz- und Arbeitsmarkt, es habe

Rio grande do Sui.

Der deutsche Gesandte in Brasilien Dr. Schmidt- Els ko p hielt es für feine Pflicht, das Deutsch­tum in den einzelnen brasilianischen Staaten näher kennen zu lernen. So kam er November 1934 auch in den südlichsten Staat, Rio Grande do Sul, und zwar in dessen Hauptstadt Porto Alegre. In Rio Grande do Sul leben etwa eine halbe Mil­lion Deutsche; in der Hauptstadt ist ihre Zahl so groß, daß man da überall auf den Straßen deutsch sprechen hört. Große Freude erfüllte die Herzen aller Deutschen, als der Gesandte kam. Ihm zu Ehren veranstaltete am Schluß des Besuches das deutsche Konsulat, die Kreisleitung der NSDAP., der Verband deutscher Vereine einenDeutschen Abend" in dem festlich geschmückten Saal des Turnerbundes. Eine überaus zahlreiche Versamm­lung hatte sich eingefunden, weitaus die meisten aus Porto Alegre. Begleitet von dem Bund Deut­scher Mädel und der deutschen Iungmannschaft be­trat der Gesandte zusammen mit dem Konsul den Saal und nahm am Ehrentisch Platz. Der Veran­stalter des Abends begrüßte die Versammlung mit kurzen Worten. Es folgte ein gemeinsam gesunge­nes Lied und ein Gedichtvortrag. Hierauf ergriff der evangelische Pfarrer Propst Funke das Wort zur Begrüßung des Gesandten. Im Namen des Portv-Alegrenser wie des ganzen Rio-Grandenser Deutschtums begrüßte er ihn und drückte seine Freude aus, daß nach den schweren Jahren, in denen trotz aller Geschehnisse das dortige Deutsch­tum sich bewährt und an seiner Treue zur Stam­mesheimat festgehalten, ein Gesandter des Deutschen Reiches zu Besuch gekommen sei. Das brasilianische Deutschtum habe seit Generationen deutsche Sitte, deutschen Glauben und deutsche Hoffnung hoch ge­halten, die sich nun auf das neue Deutschland und seinen Führer übertrügen. Der Redner bat den Ge­

alles, was Europa brauche. Unverkennbar spielt dabei die Vorstellung märchenhaft billiger Arbeits­kräfte mit, so, als ob sich die von Sklavenarmen getragene Welt des antiken Roms, die in Europa erloschen ist, auf dem benachbarten Kontinent noch einmal ins Leben rufen ließe. In der Tat staunt man in den italienischen Kolonien über die Genüg­samkeit der Eingeborenen, die aber mächtige Nutz­bauten, Militärstraßen wie Wasserleitungen, unter der Führung eines Herrenvolkes zuwege bringt.

Die Schwierigkeiten beginnen freilich sogleich dort, wo der Wunschtraum realisiert werden soll. Wer soll die Aufteilung des Kontinents, der längst nicht mehr dunkel ist, vornehmen? Etwa der Völ­kerbund? Wer von den Teilhaberanwärtern wird abgewiesen werden? Kurz und bündig stellt zum Beispiel die italienische Kolonialzeitung fest, daß Deutschland nichts ^urückkriegt von dem, was ihm gehörte (soll wohl heißen: gehört). Der Herr Leit­artikler erlaubt das nicht. Nun, darüber haben schließlich noch andere Leute zu befinden, selbst in Rom blieb man nicht heiter, als man diese Absage las. Das neue Deutschland hat ja klar genug zu verstehen gegeben, daß es im Gegensatz zu Abes­sinien sogar auf die Fürbitte des Völkerbundes ver­zichten kann. F r a n k r e i ck bläst zwar mit vollen Backen in das Feuer, das der Wind gegen Abessi­nien weht, und es gibt schlechterdings heute keine Handlung Italiens, die nicht den ungestümen, etwas zu lauten Beifall der versöhnten lateinischen Schwester finden würde, aber auch Mussolini weiß sehr wohl, daß diese Unterstützung nichts als ein Ablenkungsmanöver ist. England verhält sich Eurafrika gegenüber ausgesprochen kühl, Japan ist schließlich auch noch da.

Immerhin, zu den beiden großen Zügen der Weltpolitik, wie sie durch den Versuch einer neuen Einkreisung Deutschlands und durch die Spannung im Pazifik gekennzeichnet sind, scheint sich ein drittes Kraftfeld gesellen zu wollen.

sandten, mitzuhelfen auf seinem Posten, daß die alte Heimat die Deutschen in Brasilien in ihren Nöten nicht vergäße. Deutsches Blut, deutsche Ehre, deutscher Wille verbinde sie mit allen Deutschen in Brasilien, ja mit allen in der weiten Welt. Er schloß: So grüße ich Sie, deutscher Gesandter, mit einem stolzen und frohen Siegheil auf Deutschland und seinen Führer. Darauf erklang das Deutsch­land- und das Horst-Wessel-Lied.

Nach einigen turnerischen Hebungen, ausgeführt von der jungen Mannschaft des Turnerbundes, er­hob sich der Gesandte zu einer längeren, bedeutungs­vollen Rede, aus der folgendes hervorgehoben zu werden verdient: In den zwei Jahren meiner Tätigkeit in Rio de Janeiro war es mein lebhafter Wunsch, die drei Südstaaten Brasiliens zu besuchen, nicht nur, um den Präsidenten dieser Staaten den selbstverständlichen Pflichtbesuch zu machen, son­dern vor allem um das nach Hunderttausenden zäh­lende Deutschtum kennenzulernen, das ganzen Land­strichen hier seinen Charakter aufprägt. Ich begab mich zuerst nach Parana, dann durch das wald­reiche Sta Katharina und kam dann nach Porto Alegre, dieser aufblühenden Stadt, die ganz besonders durch das Verdienst ihres Präfekten (Bürgermeisters), unseres hoch geachteten Stam- mesgenossen, in stetem Aufblühen begriffen ist und die ich als dieKönigin Südbrasiliens" bezeichnen muß. Ich sehe mit Freude, wie die Deutschen in diesem Staate in harmonischem Zusammenleben mit der Bevölkerung des Gastlandes stehen und wie hier durch Generationen hindurch das Deutsch­tum hochgehalten wird in Sprache, Kultur, wie in den Schulen blonde Kinder deutsche Lieder singen, in deutschen Kirchen deutsch gepredigt wird, kurz ich fand hier ein kleines Deutschland wieder und in den Kolonien die deutsche Landwirtschaft, wie ich sie aus meiner Heimat Schleswig-Holstein als Sohn einer Bauernfamilie kenne. Ich hoffe,

Das Deutschtum in Süd-Brasilien.

Scherl-Bildmatemdienst

Generalleutnant Knochenhauer, der bisherige Inspekteur der Kavallerie, wurde mit der Füh­rung des X. Armeekorps in Hamburg betraut. Zum Chef des Stabes ded Korps- kommandaos X Hamburg ist Oberst v. Mackensen, Sohn des Generalfeldmarschalls, ernannt worden.

daß diese Pflege deutschen Volkstums hier sich weiter fortsetzen wird auf Kind und Kindeskinder. Ich hoffe auch, daß die brasilianische Gesetzgebung, die dies bisher großzügig gestattete, weiterhin in diesem Sinn sich zeigen wird. Die Aussprache, die ich vor wenigen Tagen mit dem Bundespräsidenten in Rio und einem Minister hatte, erweckten in mir die große Hoffnung, daß es Ihnen auch weiter erlaubt sein wird, deutsche Sprache, Sitte und Kul­tur zu pflegen. Die brasilianische Regierung er­kennt eben, daß deutscher Fleiß und deutsche Orga­nisationsgabe wertvolle Bausteine im Staatsgefüge sind; gerade in diesem Staat, wo deutsche Arbeit so viel vermochte und dem die deutsche Landwirtschaft ungeheure Dienste geleistet, verdient dies besonders Anerkennung und Beloh­nung. Ihre Treue zum deutschen Vaterland, die Sie früher in der Kaiserzeit bewährten, die Sie auch in der Nachkriegszeit festhielten, diese Treue werden Sie nun übertragen auf das Dritte Reich. Die Deutschen im Ausland müssen im Geist des neuen Vaterlandes zusammesthalten und arbeiten. Dadurch wird Einigkeit und Friede hergestellt in der Kolonie. Auf einem Ihrer Häuser hier las ich die Inschrift:Das Schwerste leicht ist zu vollbrin­gen, wenn einig sich ergänzt die Welt!" Handeln Sie darnach, so wird die deutsche Kolonie in Porto Alegre das leidige deutsche Erbübel der Uneinig­keit überwinden. Das neue Deutschland hat in seiner Außenpolitik gleicherweise Frieden verkün­det; indem es den Grundsatz aufstellte, daß, wenn die Achtung, die wir andern Völkern entgegenbrin­gen, ergänzt wird durch die Achtung der anderen vor unserem Volk, dann eine glückliche Friedens­zeit sich anspinnen könne. Wir wollen mit fried­lichen Mitteln unser Recht erkämpfen und die Welt wird einsehen, welche Ungerechtigkeit uns zugefügt wurde. Bismarck hat schon gesagt:Wenn wir Zu­sammenhalten, bilden wir einen harten Klotz im Herzen Europas, den niemand anrühren wird, ohne sich die Finger zu zerquetschen." Das wird auch unser Standpunkt sein. Wir wünschen beson­ders freundschaftliche Beziehungen zu Brasilien und glücklicherweise ist die kurze Unterbrechung der deutsch-brasilianischen Freund­schaft während des Krieges vergessen und beginnt neuem Verständnis Platz zu machen. Manche Be­weise dafür habe ich in Rio de Janeiro erhalten. Ich weise nur hin, in welch freundlicher Weise der Bau der Zeppelinhalle in Rio von der Regierung unterstützt wurde, wie aufrichtig die Trauerkundgebung der Regierung beim Tod unfe-

Der letzte Kavalier des Rokoko.

Stirn Geburtstag des Fürsten Ligne am 23. Mai.

Der Fürst Karl Joseph von L i g n e, den Goethe in dem ihm geweihtenRequiem" alsden frohesten Mann des Jahrhunderts" gefeiert hat, war der letzte Kavalier des Rokokos: Weltmann und Lebemann, Held des Krieges und des Salons. Einer der ältesten Familien der Niederlande entstammend, fühlte er sich als österreichischer Vasall, kämpfte im «Sieben« jährigen Krieg gegen Friedrich den Großen, an des­sen Tafel er später ein gern gesehener Gast war, und als ihn die Revolutionskriege seines angestamm­ten Fürstentums beraubten, lebte er in Wien als Feldmarschall und Hofmann. Sein jugendlicher Ehr­geiz strebte nach kriegerischen Lorbeeren, aber als er in dem Regiment, das den Namen seines Vaters trug zum Obersten ernannt worden war und er dies' dem Fürsten mitteilte, erwiderte dieser, tief verstimmt durch die tollen Streiche seines Sproß- linqs:Mein Herr, nach dem Unglück Sie zum Sohne zu haben, konnte mir nichts fein, als Sie nun auch zum Obersten zu haben.

Ligne hat in seinem langen Leben ganz Europa bis nach Asien durchquert. Ein großer Liebling der Fürsten, Josephs II. wie Friedrichs des Großen der Königin Marie Antoinette wie der großen Katha­rina, nahm er im Gefolge der Souveräne an vielen Feldzügen und Fahrten teil, begleitete tue "Semi- ramis des Nordens" auf ihrer phantastischen Fahrt nach der Krim, auf jenerReise nach Cythere , die zum Krieg gegen die Türken führte. Als das kaiser­liche Schiff in der Nähe des Felsens vorbeifuhr, auf den die Üeberlieferung die Opferung Spljigenies verlegt, und man sich über die Wahrheit dieses Mythos unterhielt, sagte die Kaiserin mit graziöser Handbewegung:Mein Fürst, ich schenke Ihnen das umstrittene Land", worauf Ligne in Uniform sofort vom Deck aus ins Wasser sprang, um von öem Felsen Besitz zu ergreifen; er erzählt, daß er auf der dem Schiff zugewandten Seite den Namen Katharina einritzte, auf der anderen den ganz be­scheidenen Namen seiner damaligen Herzensdame.

Wie mit den Herrschern der Staaten stand er auch mit den Fürsten des Geistes in enger Beziehung, hat lange Gespräche mit Voltaire und Rous­seau und Wieland und Goethe geführt. Er hat wichtige Aufzeichnungen hinterlassen, die für die Geschichte seiner Zeit unschätzbar sind. Der Fürst war ein leidenschaftlicher Verehrer Goethes, obwohl der ganz französisch Erzogene nicht so viel Deutsch

konnte, um Goethes an ihn gerichtete Gedichte zu verstehen, und sein von dem Olympier so hoch­geschätztes Urteil über dieWahlverwandtschaften" gab er auf Grund der französischen Übersetzung ab.

Berühmt war er durch seine geistreichen Wort­spiele. Dafür ein paar Beispiele, so weit sie sich übersetzen lassen. Als Daun nach seinem Sieg bei Hochkirch, anstatt den Befehl zur Verfolgung des Sieges und völligen Vernichtung des Feindes zu geben, an einen Stein gelehnt, feinen Siegesbericht an die Kaiserin verfaßte, sagte Ligne:Dieser Stein da war der Stein unseres Anstoßes!" Ser Herzog Albert von Sachsen-Teschen, der nach der Nieder­lage bei Jemappes schwer erkrankt war, fragte den Fürsten, der ihn in Wien wiedersah, wie er ihn finde:Meiner Treu, Monseigneur, ich finde Sie ziemlich abgeschlagen!" lautete die Antwort. Als er, aus seinen Besitzungen vertrieben, sich in Wien be­scheiden einrichten mußte, ließ er das engbrüstige Häuschen, den sog.Papageienstock", das er einem Schneider abmietete, mit seiner Lieblingsfarbe Rosenrot anstreichen und fuhr in einer alten, eben­falls rosenroten Kalesche aus.

Den guten Humor behielt er bis zuletzt. Noch auf dem Wiener Kongreß war er der gesellschaftliche Mittelpunkt, von ihm stammt der berühmte Aus­spruch:Der Kongreß tanzt, aber er kommt nicht vorwärts".Der Kongreß ist mit Festlichkeiten übersättigt", sagte er ein andermal.Er langweilt sich. Man wird ihm, um ihn zu zerstreuen, das Be­gräbnis erster Klasse eines Fürsten und Feldmar­schalls bieten müssen!" Und Ligne hielt Wort. Als er am 13. Dezember 1814 starb, wurde feine Be­stattung zu einem Schauspiel, das die ganze damals in Wien versammelte Welt in Spannung versetzte.

Die Lorelei bekommt die Nase geputzt. Don Martin Dey, Frankfurt am Main.

Im engen Felsental des Rheins bei St. Goar hallen seit Wochen Tag für Tag dumpfe Schüsse; und wenn das berühmte siebenfache Lorelei- Echo grollend wie ferner Donner nachklingt, dann nicken die Steuerleute auf dem Strom wehmütig mit bem Kopf. Sie wissen, was die Schüsse be­deuten: die Lorelei bekommt die Nase geputzt mit Vorschlaghämmern, Gesteinsbohrern und Dyna­mit, denn anders ist der Nase einer Lorelei nicht gut beizukommen.

Mit der Mqse der Lorelei hat es, wie überhaupt mit dem ganzen Felsen, feine besondere Bewandt-

nis. Wenn es auch Zweifler gibt, die nicht recht daran glauben wollen, daß in grauen Vorzeiten auf der Spitze des Berges eine schöne Nixe ge­sessen habe, um die Schisser auf dem Strom mit verführerischem Gesang ins Verderben zu locken, so steht doch eins zweifellos fest, daß die Lorelei, so lange man zurückdenken kann, immer ein besonde­rer Gefahrenpunkt für den Verkehr im Rheintal gewesen ist. Die Vorüberfahrt an der Lorelei war von den Schiffern von jeher gefürchtet; und selbst heute, nach zahllosen Strombettregulie­rungen, wagt auch der älteste Rheinschiffer es nicht, sein Fahrzeug ohne Lotsen am Fuße des sagen­umwobenen Berges oorbeizusteuern. Der Fels schiebt sich so weit in den Strom vor, daß fein Bett sich hier auf nur 120 Metsr, die schmälste Stelle seines ganzen Laufes von Bafel bis zum Meer, verengt. Und dabei fällt der Fels so steil ins Strom­bett ab, daß ursprünglich nicht einmal ein schmaler Fußpfad zwischen dem aufragenden Gestein und den wirbelnden Fluten des «Stroms Platz hatte. Als vor gut einem Jahrhundert die rechte Rhein- uferstraße angelegt wurde, mußte sie um den Fuß der Lorelei herum zur Hälfte aus dem Gestein her­ausgehauen und zur anderen Hälfte künstlich in den Strom hinausgebaut werden. Obwohl die Straße seitdem manche Verbesserung erfahren hat, wand sie sich doch bis in unsere Tage noch immer in scharfer Kurve eng und schmal zwischen steilem Fels und jäh abfallender Ufermauer um den mäch­tigen Berg.

Bei der schnellen Entwicklung des Autowesens und der besonders starken Beanspruchung der Rheinuferstraßen wurde die Lorelei daher für den modernen Autoverkehr bald zu einem ebensolchen Gefahrenpunkt, wie sie für die Schiff­fahrt schon immer gewesen ist. Besonders gefähr­lich war eine am Fuße des Berges weit und mäch­tig vorspringende Felsnase, die nicht nur die Straße zu einer scharfen und engen Kurve zwang, sondern auch jede Sicht auf entgegenkommende Fahrzeuge nahm.

Bei der im Laufe des letzten Jahres begonnenen Verbreitung der rechten Rheinuferstraße auf 12 Meter, gab die gefährliche Felsmasse der Lorelei den Straßenbautechnikern eine harte Aufgabe zu lösen. Nach langem Ueberlegen mußte man sich endlich entschließen, den gefährlichen Felsvorsprung am Fuße der Lorelei zu beseitigen; denn allein damit, daß man die Sraße noch zwei Meter weiter in den Rhein vorbaute, konnte die Gefahr nicht beseitigt werden. Es half nichts: die Nase des romantisch verklärten Felsens mußte geputzt, ja, einfach und glatt fortgeputzt werden! Und so sind

denn jetzt gut vier Wochen einige Arbeitskolonnen dabei, auf der Loreleinase herumzuklettern, um sie Stück für Stück in die Lust zu sprengen.

Das losgeschossene Gestein wird gleich an Ort und Stelle wieder benutzt. Es dient dazu, die auch nach dem Strom hin verbreiterte Straße bis an die neu errichtete Betonmauer aufzuschütten. Schon heute kann man übersehen, wie sicher und weit die neue Straße den Autofahrer in Zukunft um den gefürchteten Berg führen wird. Seitdem die Lorelei ihre Nase verloren hat, wird sie auch dem leicht­sinnigen Fahrer so schnell nicht mehr gefährlich werden.

Das soll allerdings nicht heißen, daß die Lorelei durch die notwendige Operation ihre «Schönheit ver­loren habe. Nein, ganz im Gegenteil. Heute, da die Sprengarbeiten am Fuße des Berges wenigstens im Großen so gut wie beendet sind, kann man mit ruhigem Gewissen sagen, daß die nüchternen Tech­niker die viel bewunderte Schönheit des roman­tischen Felsens nicht verschandelt haben. Jetzt, da der Felsen von der verbreiterten Straße nahezu senkrecht hoch aufragt, bietet sich dem Reisenden auf dem Schiff und ganz besonders den Autofahrern auf der bald vollendeten neuen Straße ein viel einprägsameres Bild der Lorelei, von deren Gefahren man in allen Teilen der Welt ja schon immer fingen und sagen gehört hat.

Seiftoriften.

D i e Kun st", Verlag F. Bruckrnann, Mün­chen, bringt in ihrem Maiheft eine ganze Samm­lung hoher Werte aus dem Bereich der modernen Künste. Die VeröffentlichungenHans Reinhold Lichtenberger" von Bruno Kroll,Berliner Kunst in München" von Ulrich Christoffel undGroße Frühjahrsausstellung im Kunstverein Hannover" von K. Fifchoeder undOtto Pankok" bringen viele gute Reproduktionen. Von besonderem Reiz sind die Plastiken, die in einem ArtikelZu den Arbeiten von Joachim Karsch" von Fritz Hellwag behandelt werden; ebenso aufschlußreich ist der AufsatzHol­bein, Leibi und die malerische Sachlichkeit" von Ulrich Christoffel. In dem der Wohnungskunst ge­widmeten Teil folgen wir einer Führung durch die mit auserlesenem Geschmack ausgeführten Baulich­keiten, Wohnräume und gärtnerischen Anlagen des HausesIm Forster" in Zürich. Zur Veranschau­lichung dienen viele prächtige Bildaufnahmen. Eine PlaudereiMietwohnung" von Architekt Otto Völckers hat aktuelles Interesse, während dem Leser in dem AufsatzAlltagsformen deutscher Vergangen­heit" von Dr. W. Dexel Erzeugnisse vergangener Haubwerkskunst vor Augen geführt werden.