kenthal, Dürkheim, Wochenheim, Deidesheim, Kreuznach, Bingen, Gernsheim. Als der Herbst ins Land kam, lag das ganze Gebiet ausgeraubt, verbrannt und zertrampelt. In Kurtrier und im «südlichen Kurköln sah es nicht anders aus. Von den Höhen der Mo-sel, der Ahr, der Lahn und des Rheins, auf den Kuppen der Eifel reckten 'schwarzgebrannte Ruinen ihre Mauerreste traurig zum feuerüberlvhten Himmel. Mit Rechte konnte Joseph Görres ein Jahrhundert später schreiben: Wo irgendeines euer alten Denkmäler verwüstet steht, die Franzosen haben es ausgeführt; wo irgendein alter Tempel im Rauche aufgegangen, die Franzosen haben ibn angezündet; wo ein Palast in Trümmern liegt, dies Volk hat ihn zerstört; wo eine alte Stadt aufgelvdert, alles ist von diesen Menschen hergekommen".
Und während in West, Ost, Süd und Norden die Kriegsfurie über deutsches Land hinraste, klimperte der junge Georg Friedrich Händel auf dem Klavichord im Dachstübchen seine ersten Melodien zusammen, schrieb der kleine Sebastian Bach beim Licht des Kiensoans in nächtlicher Stunde die Kompositionen seines älteren Bruders Johann Christoph heimlich ab, entstanden die großartigen Bauten des Klosters Einsiedeln, der Klosterkirche Melk an der Donau und Grüßau in Schlesien, der Schönbornkapelle in Würzburg, von St. Martin in Bamberg, der Klosterkirche in Tegernsee, des Domes in Passau, der Kollegienkirche in Salzburg, des Palais im Großen Garten von Dresden. Es ist das Zeitalter de s Barock, in das das deutsche Volk eingetreten war. Aller politisch unterdrückter und zertretener Wille entlud sich in einem ungeheuren Ueberschwang des künstlerischen Willens. Dieses Barock ist so sehr eine deutsche Angelegen
heit wie kaum irgend eine. „Die schon von Natur aus energiegeladene Zeitströmung des Barock findet in der dynamischen Kultur Deutschlands von dem Mutterland Italien aus im 17. Jahrhundert raschen Eingang und wird besonders in Oesterreich, Süddeutschland und Sachsen zu einer deutschen Kulturb cwegung. Im Gegensatz hierzu nimmt Frankreich das Barock n u r^ ä u ß e r l i ch an; innerlich bleibt es völlig der Statik der Renaissance'verhaftet, deren'strenge Form es in der Kunst wie in der Politik nur mildert und in den Zeitstil überträgt, ohne sie wirklich aufzugeben. So stehen sich französisches Pseudo-Barock, das das Land in streng abstrakte Formeln preßt, und deutsches Barock, das das Leben voll Beaeisterung übersteigern will, ebenso gegenüber wie Ludwig XIV., der sein Ich in allem der Welt aufzuprägen sucht, und Leo- pold, der seiner Zeit und seinen Völkern gerecht zu 19 erben sucht."
So Helmuth Rößler in seiner schönen Biographie Prinz Eugens. Das Zeitalter Prinz Eugens, des „Soldaten des Reiches", das uns heute erst in seiner ganzen Größe bewußt wird, war auch das Zeitalter Georg Friedrich Händels. Als der Sohn des kurfürstlich brandenburgischen Kammerdieners die Londoner bereits mit seinen Oratorien begeisterte, schrieb Prinz Eugen die prophetischen Worte: „Das Selbstvertrauen, das eine so gerechte Sache wie die unsrige einflößt, die gemeinsame Gefahr und die Unwürdigkeit, mit der Frankreich wider Kaiser und Reich gehandelt hat, sind Beweggründe, um die natürliche Tatkraft der deutschen Nation zu verdoppeln. Diese wird denn auch die übrigen Vorteile aufwiegen, die der Feind für sich hat".
Geschichten aus aller Wett.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
„Meinen Thron für einen Lautsprecher!“
(h) Kapstadt.
Als König Alrchaia vom Stamme der Watupie aeau drei Monate regiert batte, war er den Betrieb so leid, daß er in einer Negerversammlung sagte: „Wenn mir jemand einen schönen Radioapparat nebst Lautsprecher schenkt, kann er meine Königswürde haben..."
Dieser Preis schien nur einem jungen Neger nicht zu hoch zu sein. Er pilgerte also los nach Kapstadt und kam nach einigen Wochen wieder zurück: Auf dem Buckel schleppte er einen Radioapparat. — So ging der Tausch eines Thrones gegen einen Rundfunkempfänger in aller Ordnung vor sich!
Und wenn der Radioapparat nun nicht mehr funktioniert? Ist das Geschäft endgültig, oder gilt es nur, solange der Apparat Töne gibt? Das wird dann wohl das Negerzivilrecht entscheiden müssen.
Die Höllenfahrt.
(tz) Schanghai.
„Gespensterschiffe" sind in genügender Zahl in die Ge>schichte der Meere ausgenommen worden. Ein Schiff der schwedischen Handelsmarine, das kürzlich eine Fahrt von Kiotfchwang nach Schanghai machen mußte, dürfte einer gleichen Behandlung würdig fein...
Der Schwede hatte europäische Passagiere, eine stattliche Anzahl chinesischer Rekruten und eine Ladung aus Früchten und Sojabohnen an Bord. Die ersten beiden Tage verliefen ohne Zwischenfälle, — aber gegen Ende des dritten Tages ertönte plötzlich ein markerschütternder Schrei: einer der chinesischen Rekruten lag am Boden. Mit allen Zeichen des Entsetzens und der Todesangst zeigte er aus Blasen an seinen Händen. Bald stellte sich heraus, daß die Tarantel an Bord war! Der Geißelskorpion, dessen Biß die Fremden ängstlich vermeiden und vor dem die Eingeborenen eine tödliche Angst haben!
Wenige Stunden nach diesem Vorfall war das Schiff überschwemmt von diesen widerlichen Spinnen, die überall herrmi-krochen und — wohl unbeachtet mit der Ladung eingeschleppt — sich furchtbar vermehrt hatten, so daß sie die Passagiere bald buchstäblich belagerten. Die chinesischen Rekruten
kletterten auf 'die Masten. Tag und Nacht hingen sie so ohne Schlaf, ohne Nahru-ng und steckten mit ihrer Todesangst auch die übrigen Passagiere an, die sich in ihren Kabinen verbarrikadierten, nachdem sie alle Dehnungen mit Watte verstopft hatten. Auch sie blieben lieber die ganzen Tage hindurch ohne Nahrung, als den „Feind" durch eine Türspalte einzulassen. Die Fahrt wurde zur Höllenfahrt, — und als das Schiff nach fünf Tagen Saigon erreichte, flohen die Reisenden geradezu in wilder Flucht. Zweiunddreißig von ihnen mußten ins Kranken- Haus gebracht werden, wo man feststellte, daß ihre Krankheit hauptsächlich durch die ausgestandene Angst und den Mangel an Nahrung verursacht war. Nach neuesten Forschungen soll übrigens der Stich der Tarantel gar nicht tödlich sein.
Revolverhelden.
(th) Neuyork.
Ein im Neuyorker Norden wohnender Verkehrsbeamter wurde kürzlich nachts durch ein verdächtiges Geräusch im Nebenzimmer aufgeschreckt. Er verließ leise sein Bett und nahm, weil er keine andere Waffe im Hause hatte, eine Kinderpistole an sich, die er seinem sechsjährigen Sohne unlängst geschenkt hatte.
Als er die Tür zum Nebenraum öffnete, sah er sich einem maskierten Einbrecher mit einem Browning in der Hand gegenüber. Kaum erblickte der aber den Wohnungsinhaber und die auf ihn gerichtete Kinderpistole, als er feinen Browning fallen ließ und beide Hände erhob. Telephonisch rief 'der Beamte die Polizei an, die wenige Minuten später erschien, um den Einbrecher abzuführen.
Und aus der Polizeiwache stellte sich dann heraus, daß auch der Browning, mit dem der Verbrecher geprotzt hatte, nur eine harmlose Theaterattrappe war! Es war übrigens schwer festzustellen, wer beim Anblick der beiden harmlosen Waffen verblüffter war: der Einbrecher oder sein „Besieger".
Das Luxushotel als Geflügelfarm.
(th) Miami (Florida).
Man muß sich nach der Krise und bereit Folgen richten! Da hatte eine Gesellschaft — im Glauben an bi<e ewig-schönen und blühenden Zeiten — in Miami am Strande ein Hotel erbaut, das eine riesige Ausdehnung haben sollte und eine prachtvolle
Welipoliiik um Dach und Händel.
Als Johann Sebastian Bach am 21. März 1685 zu Eisenach am Fuße der zerfallenen Wartburg das Licht dieser Welt erblickte, da war dieses Licht trotz Leibniz und seiner „praestabilierten Harmonie" für den geplagten deutschen Bürger recht, recht trübe. Sein Vater, der Stadtmusikus Bach, konnte von einer bösen und leiderfüllten Zeit ein ebenso garstiges Lied fingen wie der kurfürstlich brandenburgische Kammerdiener Georg Händel, der soeben in Halle seinen wohlgeratenen Filius Georg Friedrich über das Taufbecken hielt.
1685! Noch war fein halbes Jahrhundert vergangen, seitdem zu Münster und Osnabrück die Herren und Fürsten Europas einen dreißigjährigen Kampf mit einem Friede n beendet hatten, der den Keim zu neuen Kriegen in si ch trug. Kaum waren die Wunden und Narben, die der Dreißigjährige Krieg dem deutschen Volkskörper geschlagen hatte, notdürftig verheilt, als zwischen Schweden und Polen ein neuer Waffengang ausgetragen wurde, in den schließlich auch der Kurfürst von Brandenburg, Seine Kaiserliche Majestät Leopold I. und der Dänenkönig hineingezogen wurden. Als die Rauferei ihren Höhepunkt erreichte und sich Polen, Preußen, Oesterreich und Dänemark gemeinsam gegen Schweden wandten, schalteten sich die Fra n- z o s e n ein und erzwangen im Frieden von Oliva (1660) die Wiederher st ellung des Status q u o. Polen, Vorpommern und Schleswig-Holstein waren der Kriegsschauplatz. Und wieder vier Jahre später kämpften Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz um das ihm scheinbar feit Jahrhunderten stehende „Wildfangrecht" und der Bischof von Münster, Christoph Bernhard von Galen, seine Händel mit anderen Ständen des Reiches aus, kamen sich Schweden und Bremen wegen des zu leistenden Untertaneneids heftig in die Wolle. Und als dann glücklich Schweden und Bremen unter friedlicher Vermittlung des Großen Kurfürsten in Habenhaufen am 25. November 1666 Frieden geschlossen hatten, hielten es „Seine Allerchriftliche Majestät", Ludwig XIV. von Frankreich, für notwendig, den alten Streit um die Erbfolge auf dem spanischen Königsthron auf deutschem Reichsboden zu entfesseln.
Der Angriff der Franzosen richtete sich zuerst nur gegen hie Niederlande, die zwar im Besitz der spanischen Krone waren, aber als „burgundischer Kreis" noch zum Reiche gehörten. Seine „Allerchristliche Majestät" hatten die Louis d’or nicht unnütz rollen lassen. Es gab mehr als einen deutschen Potentaten, der die Partei Frankreichs ergriff, auch wenn er sich nicht wie der Kurfürst von Brandenburg betrogen glaubte. Im Jahre des Heils 1673 entbrennte der Krieg zwischen Habsburg und Bourbon schließlich in offener Schärfe. Er währte in seiner ersten Phase nur ein Jahr lang, aber das Elsaß war nach den Schlachten von Sinsheim, Engheim und Türkheim endgültig v e r • 1 o r e n. Der oberste Herr des Herrn Kammerdieners Georg Händel, Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, sah sich, ungeachtet seines mit dem Kaiser, Holland und Spanien abgeschlossenen Bündnisses, genötigt, die schwedischen Verbündeten seiner „Allerchristlichen Majestät" erst einmal aus feinem Stammland Brandenburg hinauszuwerfen was denn in Fehrbellin am 28. Juni 1675 mit allem Glanz geschah. Was half es aber Kaiser Leopold, daß der Brandenburger die Schweden aufs Haupt geschlagen und aus Pommern vertrieben hatte? Seine Feldmarschalle Montecuc- coli und Herzog Karl von Lothringen wie auch der Dränier hatten Mühe genug, die französischen Heerführer Turenne, Conds und Crequi den deutschen Grenzen feipi zu halten. Der Friede von St. Germain und das Bündnis, das der Große Kurfürst am 25. Oktober 1679 mit Ludwig XIV. ab« schloß, ist wahrlich kein Ruhmesblatt deutscher Geschichte. In dem Bündnisvertrag verpflichtete sich Friedrich Wilhelm I. gegen Verbürgung seines Besitzstandes und gegen eine jährliche Zahlung von 100 000 Livres, französischen Truppen den Durchzug
Der kleine Mensch.
Von Escile Lauder.
Der kleine Mensch war kaum zur Welt gekommen und hatte schon die Herrschaft an sich gerissen.
Er konnte noch gar nichts richtig tun, nicht richtig sehen, nicht richtig hören, nicht richtig strampeln, aber er hatte schon zu regieren angefangen. Und,wenn er meinte, gab es noch lange keine Tränen/ bloß so ein kraftloses Quäken, das komisch anzuhören war, aber niemand lachte ihn deswegen aus.
Das Quäken klang weder stark noch gebieterisch, man hätte es leicht überhören können; jedoch keiner überhörte es. Der leiseste Ton, der aus diesem win- Sigen Mündchen drang, machte alles im Hause auf« tordjen, und die junge Mutter, die vielleicht ge- chlummert hatte, wachte sogleich auf, hob den Kops aus dem Kissen und fragte mit Unruhe: „Schwester, was mag ihm fehlen?"
„Er wird Hunger haben", antwortete die Schwester und packte das Bündel auf (denn der kleine Mensch war noch nichts weiter als ein bloßes Bündel, ein Gegenstand).
Sie legte ihn an die Brust der Mutter und da zeigte es sich, daß er nicht einmal von selbst bas Mündchen aufzumachen verstand. Man mußte ihm feine süße Speise auf das Zünglein legen, und damit das Zünglein ihrer gewahr würde und sie begreifen, ließ man ein paar Tropfen darauf fallen.
Die Tropfen lagen auf dem Zünglein wie ein kleiner grauweißer Tümpel, und es schien, daß er selbst damit nichts anzufangen wisse; aber da liefen die Tropfen nach einer Seite zu ab und das Zünglein krümmte sich zu einem hohlen Löffel- chen und wollte die Tropfen wieder haben. Es quetschte das süße Ding, an das es rührte, und preßte es, und auf einmal stieß die junge Mutter einen Laut des Entzückens aus und rief: „Er saugt, er saugt! Oh, ich höre ihn richtig schlucken!" Ihr Gesicht rötete sich vor Erregung und ihre Augen schwammen in Tränen.
Denn der kleine Mensch, dadurch, daß er zu saugen und zu schlucken angefangen hatte, schenkte in einem einzigen Augenblick seiner Mutter mehr Freude, als ein großer Mensch in einem langen Zeitraum ihr zu geben vermocht hätte.
„Wie klug er ist! Wie gut er das kann!" flüsterte die Mutter in tiefer Rührung, und die Schwester nickte bewegt dazu; denn weil das, was da hinein kam ins Mäulchen, gar so gut war, hatte der kleine Schlingel wie ein richtiger Feinschmecker zu schmatzen angefangen.
Als der kleine Mensch satt war, lieh er die Mutter fahren, sperrte die Augen auf und guckte sie an.
zu gestatten und nötigenfalls feine f^eftigungen su öffnen, bei einer Thronerledigung in Polen für den französischen Kandidaten einzutreten und bei der nächsten Kaiserwahl für Ludwig XIV. oder dessen Nachfolger zu stimmen.
Zwei Jahre später — und Ludwig XIV. hatte durch plumpe Ueberrumpelung Straßburg dem deutschen Reichskörper entrissen. Das „Gedenke, daß du ein Deutscher bist", war zu spät und in den Wind gesprochen. Die französischen Kronjuristen arbeiteten vor zweihundert und fünfzig Jahren nicht schlechter als die modernen Advokaten des Quai d'Orsay. Der Status quo war ihnen genau so geläufig wie die „Rsunions". Der Augenblick war nicht schlecht gewählt, denn vor den Toren Wiens lagerten, von den aufständischen Ungarn unterstützt, d i e T ü r k e n. Sie wurden zurückgeschlagen; aber der Friede kehrte damit in den deutschen Landen nicht ein. Im Geburtsjahr Johann Sebastian Bachs und Georg Friedrich Händels kam es um bie Erbfolge auf bem pfälzischen Kurfürstenstuhl erneut zum Konflikt zwischen Habsburg unb Bourbon. Unb nun schloß sich Krieg an Krieg an, würbe Deutsch- lanb wie in ber Zeit bes breißigjährigen Ringens erneut ber Kriegsschauplatz Europas. Wir lernten in ber Schule: Reunionskriege, Frieden von Rijswiik, Spanischer Erbfolgekrieg, Nordischer Krieg, Friede von Utrecht, Polnischer Erbfolgekrieg, Oesterreichischer Nachfolgekrieg, Schlesische Kriege, Siebenjähriger Krieg, Bayerischer Erbfolgekrieg, Revolutionskriege, Valmy, Napoleon, Wiener Kongreß.
Ein unb ein halbes Jahrhunbert hindurch war dieses Deutschland, in dem der große Leibniz vergeblich die französische „gloire" auf Aegypten abzulenken versuchte, in dem Prinz Eugen seine glorreichen Schlachten schlug, in dem Bach seine Passionen, Händel seine Oratorien, Gluck seine tragisthen Opern, Mozart, Haydn, Bee t- Hoven ihre Symphonien komponierten, Kant den kategorischen Imperativ postulierte, K l o p st o ck den „Messias" sang, Goethe, Schiller, Wieland Herder, Kleist Unsterbliches schufen. Winckelmann Griechenland neu entdeckte, bas Nibelungenlied, die Minnesänger Walter von der Vogelweides wieder lebendig wurden, die Brüder Boisserse verstaubte Bilder Dürers, Holbeins, Cranachs von den Speichern holten — in diesem ein und ein halbes Jahrhundert war deutsches Land ununterbrochen der Kriegsschauplatz Europas.
Machen wir uns das in diesen Tagen ber Debatte um iben Ostpakt, mit dem die Frage bes Durchmarschrechts ja unzertrennlich oerbunben ist, einmal an einem einzigen Beispiel klar! Drei Jahre nach ber Geburt Friedrich Händels und Johann Sebastian Bachs beschloß ber französische Kriegsrat, um den Vormarsch ber kaiserlichen und verbündeten Truppen über ben Rhein zu hemmen, bie gesamte Kurpfalz und bie Markgrafschaft Baben-Durlach in ein nacktes Glacis zu verwandeln. Frankreich schritt — wie Hermann Stege mann schreibt — zu einer „Devastation", die in ber Kriegsgeschichte aller Zeiten und aller Völker nicht ihresgleichen hat. Es handelte sich darum, vor den französischen Grenzen einen O eb la nbgü r t e l, eine Wüstenei zu schaffen, bie von ber Kinzig bis zur Nahe unb von ber Tauber bis zur Saar reichte unb in bem weder Dörfer noch Burgen, weder Städte noch Festungen, weder Felber noch trinkbare Brunnen geschont wurden. Das Zerstörungsgebiet hatte eine Länge von 160 und eine Breite von 80 bis 180 Kilometer. Am 18. Januar 1688 begann General M 4 lac sein furchtbares Zerstörungswerk. Sämtliche Städte und Dörfer von Heilbronn bis Heidelberg und von Rastatt bis Mainz gingen in Flammen auf, Obst- bäume unb Reben fielen unter Axthieben, sämtliche Trinkbrunnen versickerten. Am 16. Februar flog das Heidelberger Schloß brennend in die Lust. Am 3. März sank Mannheim in Schutt und Asche. Wenige Tage später Offenburg, Pforzheim, Durlach, Rastatt und ungezählte Dörfer und Flecken. Was Mslac übrig ließ, vernichteten nicht minder gründlich bie Generäle Du ras unb Monte- claer. Im niebergebrannten Speyer flogen bie Gebeine der deutschen Kaiser aus ben Grüften des Domes. Worms würbe ausgeplündert unb verbrannt. Wie riesige Fackeln loderten Alzey, Fran-
Unb sie senkte ihren Blick mit größter Erschütterung in diese seltsamen, runden Augen des Kindes, in denen noch bie Schatten seiner geheimnisvollen Herkunft stehn, und sagte ihm in stummer Sprache Guten Tag und Willkomm.
Sie sagte zu ihm in stummer Sprache:
„Gott grüße dich, mein Liebling, mein Hdrz, mein Leben! — Ich will dich behüten und aufziehn und deine gute Mutter sein. Ich will dich an meiner Brust behalten dein Leben lang, so wie jetzt, unb meine Arme hergeben zur Arbeit für «dich und um dich zu tragen, zu stützen, zu führen. Ich will auch immer meine Liebe hergeben für dich, meinen Leib in harter Arbeit, meine Zeit, mein Dasein in deinem Dienst.
Um des Wunders willen, .daß du hervorgegangen bist aus meinem Blut, 'gekommen bist und lebst und fangen kannst. Mich so süß anschauen magst — du — meine Freude!" —
Der kleine Mensch antwortet nicht auf bie stumme Rede seiner Mutter. Er weiß nichts von ihr. Er kann nicht sprechen, aber er bedarf auch keiner Worte, um sich verständlich zu machen; bie Sprache seiner Aermchen unb Beinchen genügt.
Alles an ihm ist von gleich hoher Bedeutung, und sein Schlummer wie sein Wachsein müssen mit derselben Sorgfalt behütet werden. In seiner Zerbrechlichkeit liegt sein großer Schutz und seine mächtige Waffe, mit der er die ungestümste Kraft besiegt.
Ja, er ist kaum gekommen und kann noch gar nichts richtig tun, aber er hat schon ben Tag des Großen umgestoßen, seine Gewohnheiten verändert, seinen Sinn eingenommen.
Das Todaustragen.
Ein altdeutscher Frühlingsbrauch.
Die Natur ist dem kalendermäßigen Frühlingsbeginn schon um einige Zeit voraus; überall lockt die Sonne aus dem erwachenden Boden die ersten Sprossen hervor und breitet über Bäume und Sträucher einen Schleier zartesten Grüns aus. Seit je haben die Menschen die Ankunft des Frühlings nach den langen Wintermonaten in Freude und Dankbarkeit begrüßt und ihn feierlich empfangen. Unter den vielen deutschen Frühlingsbräuchen hat keiner die Forschung so nachhaltig beschäftigt wie das „Todaustrage n", das vielfach am Sonntag ßätare, aber auch an anderen Tagen begangen wurde und von dem noch heute Züge im Volks- brauch lebendig sind.
Die ersten Gelehrten, die feinem Ursprung und seiner Bedeutung gründlicher nachgingen, waren Paul Christian Hilscher, ber 1690 darüber eine
lateinische Disputation schrieb, und Joh. Casp. Z e u- mer, ber dem Sonntag ßätare als bem „Totensonntag" 1701 eine Abhandlung widmete und zuerst die bei den Umzügen gelungenen Lätare-Liedchen sammelte. Hilscher schildert den Brauch folgendermaßen: ,',Es ist eine Gewohnheit in vielen deut- chen Gegenden, daß die Knaben jährlich am Lätare- onntag ein Gebilde aus Stroh ober ähnlichem chäbigem Material Herrichten, daß sie es mit Ge- ängen durch die Straßen der Stadt führen und endlich vor dem Tore in einen Fluß werfen, um die Pest abzuwenden. Nachdem sie das getan haben, pflegen sie einen mit verschiedenen Dingen geschmückten Baum in die Stadt zu tragen und ihn, sobald sie Lohn dafür empfangen haben, vor der Haustür einer Neuvermählten aufzupflanzen. Das nennen sie volkstümlich ben Tod austreiben". Er führt auch schon einzelne der uralten Liedchen auf, die ba bei gesungen wurden, wie z. B. „Nun treiben wir .ben Tod hinaus, ben alten Weibern in bas Haus, den jungen in ben Kasten, morgen wollen wir fasten."
Für diese Sitte führt dieser älteste Erklärer des Brauches drei Gründe auf: einen volkstümlich- abergläubischen, einen frommen und ben wirklichen, ben man aber nicht mehr im Bewußtsein habe. Man meine allgemein, baß die Orte durch bas „Austragen" des strohernen Todes vor Pest unb allerlei Unglück geschützt seien. Die fromme Deutung fasse ben Brauch als ein Sinnbild dafür auf, daß der alte Mensch aus- und ein neuer angezogen werbe. Hilscher selbst aber meint, baß badürch an die Vernichtung bes Heidentums unb das Licht des -Evangeliums erinnert werden' solle. Jacob Grimm hat dann in seiner Mythologie, in der er ben Stoss eingehend beleuchtete, die zweifellos richtigste Deutung gegeben, indem er nachwies, baß ber Tod ben Winter vertritt unb baß bas Tobaustreiben nur eine besondere Prägung jener uralten Kampfspiele unb Streitgespräche zwischen Sommer und Winter ist.
Die Sitte des Winter vertreibens wird schon im frühen Mittelalter, spätestens im 8. Jahrhundert, erwähnt. Sie stellt in echt volkstümlicher Form ben Sieg des Sommers über den Winter bar, wie er sich bei vielen Naturvölkern verkörpert findet. So wurde in der Pfalz ein förmlicher Kampf zwischen ben beiden Jahreszeiten ausgefochten, und noch heute künden davon die Lieder, die man am „Sommertag", wie ßätare auch genannt wird, singt. „Tra, ri, ro, ber Sommertag ist do", erschallt es dann aus ber blumen geschmückten jungen Schar, die gegen bie strohvermummten Feinde anstürmt. Im schweizerischen Kanton Appenzell war ber Sommer bei diesem Streit nur in ein Hemd gekleidet und trug einen mit Aepseln, Birnen unb vergolde-
ten Nüssen behängten Baum, während der Winter in dicken Kleidern erschien.
In der oberen Steiermark »stießen zwei Scharen gegeneinander, die eine mit Sommerkleidern angetan und mit Sommergeräten, wie Heugabeln und Sensen, ausgerüstet, bie andere in Pelze vermummt und mit Wintergeräten, wie Ofengabeln und Dreschflegeln, bewaffnet. Die reiche Fülle von ßicbern, Streitgesprächen, Schwänken und Anfängen dramatischer Gestaltung, bie ben Kampf von Sommer unb Winter darstellt, ist von Uhland in ber berühmten Abhandlung über die deutschen Volkslieder behandelt worden; er erwähnt auch das Fortwirken dieses Motivs in ber Kunstdichtung, so z. B. den ßieberftreit von Frühling und Winter in Shakespeares „Verlorener Liebesmüh" Die Puppe, die als Winter hinausgetragen wird, heißt zuerst in slawischen Ländern ber Tod; auch die „Alte" oder „Hexe" wird die Puppe genannt; sie versinnbildlicht das unfruchtbare und feindliche Element, das in der langen Winterzeit auf den Menschen lastete.
Dieser „Tod" wird nun mit dem sieghaften Herannahen des Frühlings bald ertränkt und bald verbrannt, bald enthauptet oder zersägt, auf bie Feldmark des Nachbardorfes geworfen ober in ber Erbe vergraben, jedenfalls auf irgend eine Weise aus der Welt geschafft. Statt der Strohfigur stellt bisweilen auch eine lebende Person.den Tod bar; es ist dann meist ein gebundener unb grauenhaft verlarvter Knabe. Als sein Gegner erscheint bisroeilen der „Sommermann", ein mit bunten Bändern und Blumen geschmückter Knabe, der auf einem Thron als Sieger herum getragen wird. Gewöhnlich aber ist bas Gegenbild des „Todes" das reich ausgeputzte Bäumchen, ein Vorklang bes „Maien", den die Kinder von Haus zu Haus tragen, wobei sie Lieder fingen wie: „Den Tod haben wir ausgetrieben, ben lieben Sommer bringen wir wieder".
Zeitschriften.
— Im Märzheft der „Berliner Monatshefte", Zeitschrift zur Vorgeschichte und Geschichte des Weltkrieges, herausgegeben von Dr. h. c. Alfred von Wegerer (Quaderverlag, Berlin W 15) schreibt der ehemalige Reichsaußenminister Dr. Rosen über „Die deutsch-englischen Bündnisverhandlungen des Jahres 1898". Dem Eintritt der Türkei in den Weltkrieg widmet Ernst Schäle eine Studie, die sich auf die Russischen Dokumente über die zweite Hälfte des Jahres 1914 stützt. Schäle kommt zu dem Ergebnis, daß es für die Türkei unmöglich gewesen wäre, ihre Neutralität aufrechtzuerhalten. Rudolf Kißling untersucht die Kriegsvorbereitungen Rußlands im Herbst 1912 und ihre Rückwirkungen auf Oesterreich-Ungarn.


