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Gtegener Anzeiger (General-Anzeiger sur Gberyegen/
uienstag, 22. Gttober (955
Sie Abdankungsurkunde Kaiser Karls.
Von Alfred Strobel.
Die verstärkte Tätigkeit der österreichischen Legi- timisten und die überraschende Aufhebung der sogenannten „Habsburger • Gesetze" durch die Wiener Regierung haben in den letzten Wochen im Donauraum, ja in ganz Mitteleuropa eine Unruhe heroorgerufen, die deutlich zeigt, wie stark und vielgestaltig die Wider st ände gegen jeden habsburgischen Restaurationsversuch sind. Die Gesichtspunkte, von denen auch diese Ereignisse betrachtet werden können, sind dabei recht verschiedenartig, So hat zum Beispiel die von der Regierung Schuschnigg durchgeführte Aufhebung der „Habsburger-Gesetze", die die Landesverweisung und die Vermögensbeschlagnahme betrafen, über ihren zweifellosen politischen und propagandistischen Sinn hinaus auch eine unabstreitbare staatsrechtliche Seite. Der Beginn der Aufrollung der ganzen mit den Vorgängen im November 1919 zusammenhängenden Rechtsfragen ist gemacht, und es dürfte nicht wundernehmen, wenn in absehbarer Zeit auch die Verfassungsmäßigkeit des Ueberganges von der Monarchie zur Republik in Oesterreich von legitimistisch- klerikaler Seite bestritten werden sollte. Zumal ja, wie wir sehen werden, die heute noch für ihre Familieninteressen so aktiv tätige Exkaiserin Zita schon in den entscheidenden Stunden im Jahre 1919 den Standpunkt vertreten hat, daß „ein Herrscher niemals abdanken kann".
Nun will es das Schicksal, daß gerade das wichtigste Dokument: die vom letzten Kaiser von Oesterreich am 11. November 1919 im Schloß Schönbrunn unterzeichnete Verzichtsurkunde, heute nicht mehr vorhanden ist! Ihre Geschichte von der Entstehung bis zur Vernichtung ist so eigenartig, daß es eigentlich gar nicht ihrer weltpolitischen Bedeutung bedürfte, um ihr Schicksal interessanter zu machen, als das vieler anderer Urkunden, die neue Kapitel in der Geschichte der Staaten und Völker ein.leiten. Schon die Geschichte ihres Zustandekommens ist von ebenso großem historischpolitischen Interesse, wie ihre heute wieder so aktuell gewordene rechtliche Bedeutung. Der letzte Versuch Kaiser Karls, sich nach dem beginnenden Zerfall der großen alten Monarchie wenigstens im kleinen, neu entstehenden Staate Deutsch-Oe st erreich noch als Herrscher zu halten, war bald zum Scheitern verurteilt, trotzdem auf Ersuchen Karls der Fürsterzbischof von Wien, Kardinal Piffl, alles versuchte, um die ch r i st l i ch s o z i a l e Partei für die Beibehaltung des monarchistischen Systems zu gewinnen und damit für die Lösung der Frage der künftigen Staatsform im Sinne der Habsburger eine Mehrheit in der eben gebildeten „Deutsch- österreichischen Nationalversammlung" zu schaffen.
Die Zeit des Habsburgerreiches war abgelaufen, und so konnten in jenen entscheidenden Tagen auch die Christlichsozialen nichts anderes mehr ttfa, als die Vermittlungsaktion des Kardinals mit dem Ersuchen zu beantworten, der Monarch möge freiwillig seine Rechte zurückstellen und die Entscheidung Über die künftige Staatsform dem Volke Überla f f e n. Da der Kaiser hierzu aber zunächst nicht bereit war, mußte bald ein stärkerer Druck auf ihn ausgeübt werden, zumal die neugebildete deutsch- österreichische Regierung, an deren Spitze Staatskanzler Dr. Renner stand, sich auf den Boden der Legalität stellte und vor der geplanten Ausrufung der Republik, die, wie es in der ersten provisorischen Verfassung hieß, als „Bestandteil des Deutschen Reiches" gedacht war, unbedingt vorher die formelle Abdankung des bisheriges Herrschers haben wollte.
Nun hatte Oesterreich damals eigentlich zwei Regierungen: das letzte kaiserliche großösterreichische Kabinett mit Dr Lammasch als Ministerpräsidenten und die erwähnte neue Regierung Deutsch- Oesterreichs unter Dr. Renner Die erste war zwar legal, hatte aber praktisch gar keine Macht mehr, die zweite dagegen repräsentierte einen Staat,
der verfassungsrechtlich noch gar nicht gebildet war. Um nun diese unmögliche Lage möglichst rasch zu klären, entwarf Dr Renner den Wortlaut eines Abdankungsmanifestes Karls und übergab den Entwurf dem kaiserlichen Ministerpräsidenten Dr Lammasch, damit dieser den Kaiser bewege, ihn anzunehmen und zu unterzeichnen. Lammasch und seine Berater waren verzweifelt; sie wußten, daß Karl sich bisher gesträubt hatte, freiwillig abzudanken, daß aber auch der Lauf der Dinge von niemanden mehr aufgehalten werden könne. Da trat Dr Seipel, der in der Regierung Lammasch Minister für soziale Fürsorge war aber auch in der Christlichsozialen Partei schon starken Einfluß hatte, mit einem V e r m i 11 l u n g s v o r - schlag hervor: der Kaiser solle keine Ab- dankungsllrkunde unterschreiben, sondern nur den „Verzicht auf jeden Anteil an den Regierungsgeschäften" erklären. Lam- rnasch entwarf den Wortlaut einer solchen Erklärung und in Begleitung seines Innenministers von Gayer meldete er sich am Vormittag des 11 November in Schönbrunn zur Audienz. Erregt, so daß er kaum einen Satz zu Ende sprechen konnte, legte der schon bejahrte Ministerpräsident dem Kaiser den Wortlaut der Verzichterklärung zur Unterschrift vor Der Monarch sträubte sich und blieb auch unschlüssig, als Lammasch ihm mitteilte, daß keine Zeit verloren werden dürfe, weil das Manuskript des Manifestes noch vor Mittag in der Staatsdruckerei fein müsse.
Karl zog sich zurück, um sich in dieser entscheidenden Stunde mit sein er Frau zu beraten. Und nun folgte jene bedeutsame Aussprache zwischen dem Herrscherpaar, die der einzige Zeuge, Hauptmann Karl Frhr. von Werkmänn, der Sekretär des Kaisers, außerordentlich plastisch geschildert hat: Glühend vor Erregung, so schreibt Werkmann, wehrte Zita die Zumutung einer Verzichterklärung ab. „Niemals fann ein Herrscher abdanken", wiederholte sie immer wieder. „Er kann abgesetzt werden, gut, das ist Gewalt. Sie verpflichtet ihn nicht zur Anerkennung, daß er seine Rechte verloren habe. Er kann sie verfolgen, je nach Zeit und Umständen — aber abdanken — nie, nie! Lieber falle ich mit dir hier, dann wird Otto kommen. Und wenn wir alle fallen sollten — noch gibt es andere Habsburger ’"
Etliche Male störte der Flügeladjutant des Kaisers, Graf Ledochowjki, die Unterredung des Kaiservaares mit dem dringlichen Hinweis, daß die Minister auf die sofortige Antwort warteten. Auch Innenminister non Gayer erschien im Zimmer, ohne daß fein Anklopfen gehört worden wäre, und verlangte dringend die Entscheidung. Obgleich auch Werkmänn für die Unterzeichnung eintrat, widersetzte s i ch Zita immer noch in der leidenschaftlichen Form dem geforderten Schritte — allerdings u m s o n st: denn schließlich nahm der Kaiser doch einen Bleistift und unterzeichnete mit ihm den in Maschinenschrift nieberqelegten Entwurf. Er hatte aber nicht mehr die Kraft, ihn selbst seinem letzten Ministervräsidenten zu übergeben, sondern schickte ihn durch seinen Sekretär in das Vorzimmer mit der Weisung, daß das Manifest nun veröffentlicht werden könne. Und kurz darauf las man in den Straßen Wiens schon große Anschläge, die non der entscheidenden Wendung im Schicksale Oesterreichs Mitteilung machten
Das so heiß umkämpfte Dokument sollte aber ein recht seltsames Schicksal erfahren Im Verzeichnis der Akten des Ministerrates wurde es unter der Zahl 11010 und mit dem Datum vom 11. November 1919 einaetraaen Der Vermerk lautet- ..Abdankung Sr. Majestät des Kaisers Karls I. A. h. Manifest betreffend den a. h Verzicht auf den Anteil an den Staatsgefchäften Erledigung a a. 12 November "
Dieses „a. a* heißt, daß die Urkunde „ad acta”, also z u den Akten gelegt werden solle. Seltsamerweise wurde sie aber nicht bei den Minister- ratsaften im Archiv hinterlegt, sondern in einer eisernen Kasse aufbewahrt. Dort lag sie vergessen und unbeachtet, bis sie nach einigen Jahren durch einen Zufall aufgefunden wurde Man ent
Die Georgine
Von Heinrich von Gydow
Starken Kaffee mit Stückenzucker und dicker Sahne, dazu einen Teller voll fetttriefender Kuchen schickt mir meine Hammerfester Wirtin als Gruß aufs Zimmer, als ich am Sonntagmorgen noch im Bett liege; ich bin wieder einmal gerührt über die Freundlichkeit der kleinen Familie, bei der ich hause, und denke auch an die bunte Bevölkerung von Hammerfest.
Was leben für Leute in der nördlichsten Stadt der Welt! Man denkt: wa.s soll man unter 3000 Einwohnern wohl erleben? Aber allmählich merkt man, daß eine Stadt, die in einer Wüste von Fels und Meer liegt, zwölf Stunden Schiffsreise von der nächsten Stadt entfernt, und die in einer zwei Monate langen Winternacht voll Sturm und Schnee ungestört weiter lebt, eben doch der Mittelpunkt ihrer Umwelt ist, der Brennpunkt des Lebens in der Wüste; eine Stadt, in der sich, mag sie auch noch so klein sein, dach ein gut Teil nordischer Geschichte abspiegelt und in der der Wechsel der Zeiten die verschiedensten Bevölkerungsschichten aneim anderlegt und übereinanderbaut
Ursprünglich waren es Eismeerfischer, die in Hammerfest hausten, Walfisch- und Seehundfänger, gesundes und ehrliches Volk. Um Kvalä, die „Walfischinsel", auf der Hammerfest liegt, und um die große Insel Seilland betrieben sie ihren gefährlichen Fang Aber die Fangmethoden waren schonungslos, dke Tiere wurden ausgerottet, der Rest zog sich nordwärts zurück, Hammerfeft war bald nicht mehr Mittelpunkt, sondern nur noch Stützpunkt der Eismeerfischerei, und als solcher wurde es von dem südlicher gelegenen, aber älteren und größeren Tromsö überflügelt. Nun durchschreiten die Männer des Eises die Stadt nur, wenn sie sich zur Nordfahrt hier sammeln ober wenn sie zurückkommen, Beute absetzen und wieder die bewohnte Welt grüßen.
Dann wurden die Spitzbergener Kohlengruben entdeckt, man begann sie auszuwerten, und Hammerfeft wurde neben Tromsö erster Umschlagsplatz des Steinkohlenhandels. Leute aus aller Herren Ländern traten auf Spitzbergen in Wettbewerb miteinander, bis die ferne Insel endgültig dem norwegischen Staate zugesprochen wurde und ihren nordischen Namen Svalbard wieder erhielt. Hammerfeft wurde nun Handelsstadt. Allerlei Kleinbürger aus dem ganzen Lande, auch aus fremden Ländern, auch aus Deutschland, kamen, vom Kampfe ums Dasein bis an ha? Ende hnr W»ll
getrieben, herauf: kleine Handwerker, Schankwirte und Geschäftsleute; Aerzte des Leibes und der Seele kamen, Lehrer, und Beamte wurden von Oslo geschickt. Hammerfest wurde im Ernste eine Stadt.
Nun war auch der Boden für „feine" Leute bereitet. Schiffsreedereien und Handelshäuser machten Geschäfte. Der oben Großartigkeit ber Natur trotzte man in Pariser Toiletten, Lautsprecher lärmten burch bie Stille, Schminke unb Parfüm träufelten auch ins Kleinbürgertum hinab. — Das Unternehmertum lockte eine Schar ftäbtifdjer Arbeiter herbei. Als bie Arbeiter ba waren, baute man ihnen einen elektrischen Kohlenkran vor bie Nase. Hammerfeft sollte sich als Umschlagsplatz im Wettbewerb mit Tromsö besser durchsetzen können, hieß es In Wirklichkeit sollte eine Firma reicher werden. Hammerfest wurde mit dem Problem der Arbeitslosigkeit bekannt und erlebte im Winter 1934/35 feinen ersten Hafenarbeiterstreik.. Nun soll es auch einen Flugplatz bekommen..
Aber vom Festland weht em frischer Wind herein. Die Lappen kommen. Sie wohnen hier nicht, denn bie öbe Insel Kvalö bietet nicht einmal dem Renntier Schutz unb Nahrung. Aber sie müssen boch ihre Felle unb ihr Fleisch verkaufen, unb bafür fmben sie in Hammerfest allerhanb Waren, bie sie begehrenswert finben: Apfelsinen, Schokolabe, Grammophone, Büchsenkonserven. —
Noch laufen sie in ihren Mokkasins unb ihren bunten Trachten herum, bie fv praktisch finb, baß selbst norwegische Beamte in Lapplanb sie anlegen. Ader bald werben sie sich angesichts ber Zivilisation von Hammerfest biefer alten Tracht schämen.
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Ich habe mit ben „feinen Leuten" von Hammer- fest nichts zu tun, ich lasse bie Hanbelsreisenben in Jansons unb Anbersens Hotel nach Möglichkeit vergessen, baß sie sich notgebrungen in ber nörblichsten Stabt ber Welt befinben
Ich sitze im Cafö „Volksküche", einem dunklen und schmutzigen Kellerraum am Hafen, zwischen wetterharten Eismeerfischern, jungen Hafenarbeitern und frischen Lappländern. Das Cafe gehört der Kleinbürgerfamilie, bei ber ich wohne
Einen steifen Hamburger Grog sollte man trinken Aber ber Alkohol ist in Hammerfest verboten; nur bie „feinen Leute" lassen ihn sich für teures Gelb aus Tromsö schicken. Stattbessen trinkt man Kaffee, literweise, auch bie Lappen tun es Die geben viel zu denken, während ich da mit ihnen in der „Volksküche" sitze. Das Rätselhafteste an ihrer Tracht s'nh hie nierzivfliaen Müßen Niemand weiß was
schied nun, baß das geschichtlich so wichtige Dokument dem H.a us-, Hof - und Staatsarchiv einoerleibt werden solle Doch auch dort blieb es nur wenige Jahre, denn eines Tages wurden alle auf die Verfassung und die innere Politik bezugnehmenden Akten dem Archiv des Mim st e - riums des Innern überwiesen, das sie aber wegen Platzmangels im eigenen Gebäude in ben riesigen Kellerräumen bes Wiener Justiz- palastes beponierte. Dann kam ber tragische 15. Juli 1927, an bem ber schreckliche rote Aufruhr burch die Straßen Wiens brauste unb unmittelbar neben bem Parlament ber große Bau bes Justizpalastes in Flammen aufging. Unter ben Tau- fenben unb Zehntausenben von Akten, die dabei verbrannten und verkohlten, befand sich auch das Schriftstück 11070 aus dem Ministerratspräsidium — die Thronverzichterklärung des letzten Kaisers der Habsburgermonarchie, die Geburtsurkunde des neuerrichteten deutschen Staates Oesterreich?
Aber in Der an Zufällen so reichen und trotzdem so kurzen Geschichte dieses Schriftstückes gibt es noch einen Zufall: Irgendwo in einem Prager Regierungsarchiv befindet sich seine Photographie! Als nämlich die Tschechen auf Grund der Bestimmungen des Vertrages von Saint Germain von allen für ihren Staat wichtigen Akten Abschriften herstellen ließen, kam ihnen im Haus-, Hof- und Staatsarchiv auch diese Verzichtsurkunde des Kaisers Karl zu Gesicht Sie ließen im Jahre 1924 für ihr Staatsarchiv eine Lichtbildaufnahme anfertigen. So ist wenigstens das Bild der Blei- stiftunterzeichnung des Kaisers unter dem denkwürdigen Manifest erhalten, und wenn nun Rechtsund Staatswissenschaftler sich wieder einmal mit den Vorgängen des Herbstes 1919 zu beschäftigen haben, so wird ihnen die Kopie in Prag den gleichen Urkundendienst erweisen können, wie es das Original tun würde, wenn es nicht am 15. Juli 1927 in Rauch und Asche aufgegangen wäre.
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In Hannover weihte Reichsjugendführer Baldur von Schirach die Paul-von-Hinbenburg« Jugendherberge. — (Scherl-Bilderdienft-M.)
Oper und Konzerte in Berlin.
Musikbrief aus der Reichshauptstadt.
Berlin, im Oktober.
Die Berliner Theaterspielzeit begann im Oktober mit einem Furioso. Mit siebzehn Premieren der Schauspiel- und Musikbühnen erreichte sie schon in der ersten Woche einen mengenmäßigen Höchststand.
Die Staatsoper stellte zunächst Webers „O b e r o n" in der wenig veränderten Inszenierung des verstorbenen Franz Ludwig Hürth mit dem Nachdruck einer Neueinstudierung heraus Der musikalische Reichtum dieser Märchenzauberschau erwies sich wiederum als so groß, daß bie strukturellen Umgestaltungsversuche späterer Bearbeiter burchaus entbehrlich erscheinen, sofern bie Musik in mustergültiger Aufführung für sich selbst spricht. Unter Robert Hegers feinfühliger Leitung leuchtete bie Partitur im vollen Glanze eines Genie- werks auf
Mit ber Neuinszenierung von Mozarts Buffo- Oper „C o s i fan t u 11 e" legte Clemens Krauß ben ©runbftein zu ber notmenbigen Erneuerung
bes gesamten Mozart im Spielplan ber Staatsoper. Das sträflich mißachtete Meisterwerk bes Dreiund» breißigjährigen stellt gleich hohe Anforberungen an Musiker, Regie und Bühnenbild Diesmal klangen alle drei vollendet zusammen. Die stilistische Mischung von ironischem Marionettenspiel und menschlicher Gefühlstiefe wurde beglückende Wirklichkeit. In den licht- und farbenfunkelnden Rokokoszenerien Ludwig Sieverts führte der Oberspielleiter
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mild, leicht schäumend, ganz wundervoll im Geschmack
diese Mützen zu bedeuten haben. Wahrscheinlich sind sie kultischen Ursprungs.
Die vier Zipfel sehen aus wie Felshörner, und auf solchen sah der Lappe alljährlich im Frühjahr den ersten Wiederschein ber neu erstanbenen Sonne. Darum verehrte er biese Felshörner, bie man an Lapplanbs wüster Küste vereinzelt anfragen sieht, als Götter. Vielleicht finb auch seine Mützenzipfel Götterbilber! Aber nun muß ich wohl enblich von ber Georgine erzählen! Sie ist bie Inhaberin ber Volksküche unb meine Wirtin. Sie heißt wirklich Georgine unb sieht genau so aus: altmobisch unb bick, behaglich unb mütterlich, unb sie ist so still unb freunblid) wie eine Blume. Ihr Mann heißt „Herr Larsen" unb schläft meist Sie hat ein kleines, bün- nes unb blonbes Cafö-Mäbchen, Dagny, unb ein großes, bickes unb schwarzes Hausmäbchen, Katarina; sie hat zwei erwachsene unb zwei schulpflichtige Kinder, je ein Mäbchen unb einen Jungen, unb außerbem einen „Hotelbiener" Halbor. Weil sie nämlich bas Dachstübchen zu vermieten hat, in bem ich wohne, nennt sie ihr Haus „Hotel", unb infolge« besten ich Halbor unentbehrlich.
Es ist ein leichtgebautes, wetterbraunes Holzhaus. Wenn bie Winterftürme herzhaft baran rütteln, kracht es in allen Fugen, unb manchmal hat man bas Gefühl, als werbe bas Haus von einer Sturmwoge in bie Höhe geworfen unb rnieber aufgelan- gen. Aber biese Holzhäuser finb erstaunlich warm, unb ba ich in meinem Dachstübchen einen prachtvollen eisernen Steinkohlenherb habe, habe ich selten so viel über Hitze geklagt wie im Winter in Hammerfeft Leiber finb bie Holzhäuser auch sehr burch- hörig. Von einem Lautsprecher erzittern sie wie Geigenkästen. Aber bas ist ben Norwegern gleichgültig. Sie finb nicht nervös, unb unter einem „ruhigen Zimmer" verstehen sie ein Zimmer, burch bas niemanb burchläuft!
Wir haben glücklicherweise keinen Runbfunk im Hause. Larsens finb stille, friebliche Kleinbürgersleute. Das laute Wesen ber Walfischsänger haben sie überrounben, unb gegen ben schrillen Lärm wehren sie sich ftanbhaft Ich versuche oft, mich mit ber Georgine zu unterhalten, aber meist kommt nicht viel babei heraus, benn sie ist so wenig rebselig wie ich Aber sie ist von einer so mütterlichen Güte unb von einem so echten Herzenstakt, baf^ manche in Hammerfest sie deneiben müßten, wenn sie bafür Verstänbnis hätten; ich habe sie so lieb gewonnen, baß ich unbebingt etwas über sie schreiben muß unb über ihr Haus bas eine Stätte ber Ruhe unb bes Friebens ist
Das merfroürbigfte an biefem Haufe ist bie Tages- emteihma Wo im Winter bie Tage bunte! unb im
Sommer bie Nächte kalt finb, nimmt man es mit ber Tagesorbnung nicht so genau. Es stört nieman- ben, baß in Hammerfeft zufällig alle fahrplanmäßigen Schiffe nachts ankommen. Daher ist auch bie „Volksküche" bie ganze Nacht geöffnet. Immer ist jemanb am Gange, aber auch bie, bie wach finb, auch bie Kinber, möglichst auch die Cafe-Gäste, müssen leise, ganz leise sein, weil gleichzeitig immer jemand schläft. Man weiß nie recht, ob Morgen ober Abenb ist.
Oft werbe ich mich nach diesem stillen Hause zurücksehnen, nach den dunklen Nächten, in denen draußen der Schneesturm heulte unb brinnen nur einmal bie Treppe krachte, wenn Halbor in der „Volksküche" abgelöst wurde und herauskam, um nebenan zu Bette zu gehen, — und nach den ebenso dunklen Tagen, an denen mir der freundliche Blick der Georgine begegnete und mich mit allem aussöhnte, was mir in Hammerfeft nicht gefiel.
Zeitschriften.
— Mit dem Oktoberheft der „Deutschen Rundschau" beginnt ber 62. Jahrgang biefer großen kulturpolitischen Monatsschrift. Herausgeber unb Verlag haben ben Beginn eines neuen Jahrganges zum Anlaß genommen, um eine umfaffenbe Neugestaltung vorzunehmen. So wirb künftighin bie „Deutsche Runbschau", wie es ihrer Trabition entspricht (in früheren Jahrgängen finben wir Namen wie Keller, Meyer, Fontane, Marie von Ebner-Eschenbach), roieber ffänbig einen großen ungebrurften Roman in Fortsetzungen bringen. Der Beginn ist einer so verpflichtenben Vergangenheit roürbig. Der neue Roman von Hans Grimm heißt „Kaffernlanb". Er ist als erstes Werk nach Hans Grimms Rückkehr aus Afrika entstauben unb vereinigt in sich bie ganze Frische ckfrikanischer Einbrücke. Eine weitere Neuerung bebeutet bie „Runbschau" in ber zu ber oermirrenben Fülle der Ereignisse politischer unb kultureller Art Stellung genommen wirb. — Aus ben zahlreichen anberen Beiträgen oerbient besondere Erwähnung ber sehr interessant illustrierte Aufsatz von Karl Kling- harbt „Vom ewigen Nil", weil er eines ber brennenbften Probleme ber britischen Kolonialpoli- tik, bie Bewässerung bes Suban, berührt, bas gegenwärtig in engem Zusammenhang mit bem ost- afrikanischen Felbzug Italiens höchst aktuell ist. Ferner seien genannt: „Schopenhauers Armer Heinrich" (Eugen Diesel), „Die Pflicht zum Denken" (Joachim Günther), „Webekinbs romantisches Erbteil" (Martin Kessel), Oxforb unb Cambribge und ihre Universitätsbruckereien" (Leonharb Abam).


