Aus der Provinzialhauptstadt.
Ernennungen an der Landesuniversität.
Von der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitaeteilt:
Vom Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung wurden mit Wirkung vom 9. Mai 1935 ernannt: Zum Prorektor: Professor Dr. Hummel; zum Dekan der Theologischen Fakultät: Professor Dr. E. H a e n ch e n ; zum Dekan der Juristischen Fakultät: Professor Dr. E. Bley; zum Dekan der Medizinischen Fakultät: Professor Dr. Albert Wilhelm Fischer; zum Dekan der Pe- terinär-medizinischen Fakultät: Professor Dr. D. K ü st; zum Dekan der Philosophischen Fakultät, I. Abteilung: Professor Dr. Fritz T a e g e r ; zum Dekan der Philosophischen Fakultät, II. Abteilung: Professor Dr. G. Baader.
Oer neue Direktor
bei der Reichsbank Gießen.
Zum Nachfolger von Reichsbankdirektor Klip- st e i n, über dessen Ausscheiden aus dem Dienst infolge Erreichung der Altersgrenze wir bereits berichteten, ist — einstweilen kommissarisch — Direktor bei der Reichsbank A n tz ernannt worden. Direktor A n tz ist im Jahre 1908 bei der Reichsbank eingetreten und bei den Reichsbankanstalten Emden, Mannheim, Regensburg, Iserlohn, Siegen, zuletzt bei der Roichsbankhauptstelle Köln tätig gewesen. In den letzten beiden Stellen bekleidete er das Amt des zweiten Vorstandsbeamten. Da Direktor Antz geborener Hesse ist und als solcher mit den Belangen unserer heimischen Wirtschaft eng vertraut ist (seine Vorfahren sind alteingesessene rheinhessische Bauern), dürfte auch die neue Leitung der hiesigen Reichsbankstelle in besonders guten Händen liegen.
Deutsche Arbeitsfront.
NS.-Gemeinschafl „Kraft durch Freude".
„Wissenschaft im Dienst für das deutsche Volk."
Am Donnerstag, 23. Mai, abends 8 Uhr, findet der 4. Vortrag in der Vortragsreihe der Universität statt. Prof. Reinwein spricht über das Thema: „Die Wichtigkeit der Erforschung und der Bekämpfung einer Seuche".
Herr Professor R e l n w e i n wird auf Grund der Geschichte und sonstigen Erfahrung über die Entstehung des Syphilis auf das Krankheitsgeschehen, auf die Bedeutung für den Staat eingehen und wird zeigen, wie gerade die Forschungseinrichtungen sich nicht nur bei der Bekämpfung der Syphilis, sondern auch bei allen anderen Erkrankungen segensreich auswirken.
Volksgenossen, Arbeitskameraden, besucht diesen wichtigen Vortrag am Donnerstagabend in der Universität Gießen. Der Eintritt ist frei!
*
Am 5. und 6. Juni finden im Stadttheater zwei ganz große lustige Abende statt. In aller Erinnerung ist noch die Aufführung des Schumanntheaters in der Dolkshalle. Diese neuen fröhlichen Abende werden hinter der Ausführung des Schumanncheaters nicht zurückstehen.
Kabarett der Komiker!
Gießen wird wieder einmal zwei Tage nicht aus dem Lachen herauskommen und wochenlang davon sprechen. Der vom Rundfunk her bekannte Ansager Harry Vogel wird dafür sorgen, daß die einzelnen Nummern von einer Spannung zur anderen getragen werden. Ueberhaupt diese einzelnen Nummern: Man muß Rudolf Benzinger mit seinem zerfallbaren urkomischen Motorrad einmal gesehen haben, um zu erfahren, was wirklich Motorradfahren heißt. Und dann die Fünf Humoresk- Melodiös, die bekannten Fünf vom Rundfunk. Also alles in allem ein unglaubliches Programm. Man kann sich wieder einmal richtig gesund lachen.
Die Preise der Plätze sind von 0,60 bis 1,50 RM. Karten können durch die Orts- und Betriebswarte
bestellt werden. Kartenoorverkauf ist auf der Kreisdienststelle „Kraft durch Freude" Gießen, Schanzen- strahe 18, Zimmer 8, ferner Musikhaus Challier und Frau Huntemann.
Rheinfahrt!
Unsere erste Rheinfahrt des Jahres 1935 findet am 23. Juni statt. Die Fahrt geht mit der Bahn von Gießen nach Nieder-Lahnstein, von dort aus mit dem Schiff nach Bingen, nachmittags wieder zurück mit dem Schiff nach Nieder-Lahnstsin, von wo aus die Heimfahrt mit der Bahn angetreten wird. Wir haben die Möglichkeit, die schönste Strecke unseres deutschen Rheins stromauf und -ab zu befahren. In Bingen oder gegenüber in Aßmannshausen oder Rüdesheim kann die Mittagszeit verbracht werden. Eine große Kapelle wird uns auf der Fahrt begleiten.
Der Gesamtfahrpreis beträgt 5 RM. Mittagessen geht extra, es kann vorher bestellt werden. Preis 80 Pf.
Arbeitskameraden, meldet euch umgehend zu der Rheinfahrt an, bevor sie voll besetzt ist. Mit der Anmeldung ist sofort der Betrag zu zahlen.
Jägerappell des Kreises Gießen.
Die Preffestelle des Kreisjägermeisters teilt uns mit:
Am Samstag, 25. Mai, findet um 15.30 Uhr pünktlich auf der Liebigshöhe zu Gießen der erste Appell der Kreisjägerschaft statt. Alle Inhaber von Jahresjagdscheinen, die im Kreise wohnen, sind zur Teilnahme verpflichtet. Wer dringend verhindert ist, ist gehalten, sich zu entschuldigen. Erwünscht ist ferner die Teilnahme solcher Jagdscheininhaber, die zwar außerhalb des Kreises wohnen, aber im Kreise eine Jagd gepachtet haben. Willkommen sind ferner diejenigen Jäger des Kreises, die zwar zurzeit keinen Jagdschein besitzen, aber trotzdem an dem Interesse haben, was in der Jägerschaft geschieht. Als Gäste sind ferner hiermit herzlich eingeladen alle Jagdvorsteher des Kreises, die Wildhändler und auch diejenigen Gastwirte, die in ihrem Betrieb Wild verwerten. Der Vortrag über die „Wildhandelsordnung" ist für sie von besonderer Bedeutung. Die Inhaber von Eigen- oder Pacht- reoieren werden gebeten, etwa Vz Stunde früher zu kommen, da wichtige Formulare zur Ausgabe gelangen werden.
Nach der offiziellen Begrüßung der Jägerschaft des Kreises durch den Kreisjägermeister, Mitteilungen über ihren Aufbau und richtunggbenden Anordnungen werden folgende Vorträge stattfinden: „Wie muß sich in den nächsten Jahren der Abschuß des Rehwildes vollziehen?" (Studienrat Holzel), „Die Wildhandelsordnung" (Oberforstmeister Lipp) und „Die Prüfung der Jagdhunde" (Fritz Jung). Der erste Vortrag soll durch eine kleine Schau richtig und falsch abgeschossener Rehböcke unterstützt werden. Wer in der Lage ist, dazu typische Stücke zu liefern, wird gebeten, sie mitzubringen und rechtzeitig zu kommen.
Oer Gleiberg im Mai.
„Frühling läßt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte!" Allenthalben steht die heimatliche Flur im Lenzesschmuck. Gottes Odem weckte alles zu neuem Leben auf. In all der Pracht und Herrlichkeit, in all dem Grünen und Blühen kennt der Heimatfreund ein Landschaftsbild, wie es anmutiger und reizvoller kaum zu denken ist: d i e H ö h e unsres Gleiberg? Ganz gleich, von wo man sie schaut, die altersgraue Burg, stets zeigt sie sich mit ihrer Umgebung in bezaubernder Weise. Der wunderliche Gegensatz des ein Jahrtausend alten Ruinengemäuers zu dem neuen sprießenden Leben der Natur macht den Berg besonders liebenswert. Einem bunten Gemälde gleich, in vollen, satten Farben ladet er zum Kommen, Beschauen, Verweilen ein. Schon haben die Kuckucksblumen an den grünen Hängen den Platz geräumt für den gelben Löwenzahn; fast täglich ändert sich der Wiesentep
pich kn seinen Farben. Häuschen und Dächer des Fleckens lugen durch Geäst grüner Laub- und blühender Apfelbäume, träumend von Zeiten, da der Schritt der Reisigen in den enaen Gäßchen widerhallte. Buchfink und Zaunkönig schmettern kn hellen Tönen, Wippsterz, die Bachstelze, rennt geschäftig über den Weg, und vom Wettenberg drüben klingt der Kuckucksruf. Mit Fleiß befolgt der Bauersmann am Fuß des Berges den Rat der flinken Kohlmeise: „Spitz die Schar — Zäcker fahr!" Und droben um den Turm kreisen die Schwalben in schnellem Flug. Allüberall frohes Leben und Weben, hinauf bis zur alten Linde vor dem Tor und weiter auf dem Zickzackpfad im Heckengesträuch bis auf den Burghof. Die kleine Mühe des Anstieges findet reiche Belohnung durch den wunderbaren Blick ins weite Rund einer gesegneten Landschaft. Wer es noch nicht getan hat, tue es: er besteige den Bergfried und erfreue sich an der Schönheit unserer Heimat im Frühling.
DHC.-Tagung in Gießen.
Hier versammelten sich die Mitglieder des Gesamtvorstandes und des Beirates des VHC. sowie die Vertreter fast aller Zweigvereine zu einer Sitzung, in deren Mittelpunkt die Vorbereitung der 54. Hauptversammlung des VHC. am 15. und 16. Juni in Lich stand. Man will diese Tagung au einem echten oberhessischen Volksfest mit besonderer Betonung des Brauchtums im Vogelsberg und in der Wetterau ausgestalten. Das Hoherodskopffest wurde auf den 30. Juni festgesetzt. Weiter beschäftigte man sich mit der Beratung des Voranschlags, mit den Häusern und den Aussichtsturmanlagen des VHC. sowie mit Fragen des Fremdenverkehrs und des Wintersports, schließlich noch mit der Sternwanderung am Himmelfahrtstag, die für die Vereine der Gießener Gegend nach Weilburg führen wird.
Oeutfcher Biologenverband Ortsgruppe Gießen.
Die hiesige Ortsgruppe des Deutschen Bkologen- verbandes hielt — wie man uns berichtet — gemeinsam mit der Oberhessischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde im Hörsaal des Zoologischen Instituts der Universität eine Sitzung ab.
Der Vorsitzende der Ortsgruppe, Privatdozent Dr. W. E. Än k e l, kennzeichnete in einer einleitenden Ansprache die Ziele des Biologenverbandes, der seit seiner Gründung im Jahre 1931 in der Sicherstellung und Förderung forschender und lehrender Biologie eine lebenswichtige Arbeit am deutschen Volke sieht. Die vom Biologenverband herausge- aebene Zeitschrift „Der Biologe" hat durch ständige Berichte aus allen Teilen des so riesig angewachsenen und weitverzweigten Fachgebietes eine geschlossene und insgesamt übersehbare deutsche Biologie erst geschaffen. Absonderung des einzelnen, Doppelspurig- keit der geleisteten Arbeit bedeuten unter solchen Umständen Kraftverschwendung, ja, eine Schädigung des begonnenen Werkes. Die zahlenmäßig bereits ansehnliche Ortsgruppe Gießen richtet daher einen Appell an alle noch abseits stehenden Biologen, sich ihr anzuschließen. Nach der nunmehr erfolgten Eingliederung des Biologenoerbandes in den NSLB. sind alle organisatorischen Fragen gelöst, die gemeinsame Arbeit hat begonnen.
Anschließend hielt der Vorsitzende einen von zahlreichen Lichtbildern begleiteten Vortrag über „D i e Entwicklung der zoologischen Abbildung (im Zusammenhang mit den Reproduktionstechniken)". Jede zoologische Arbeit, so wurde ungefähr ausgeführt, muß letzten Endes wieder Beziehung zur Form der untersuchten Organismen gewinnen. Ein unentbehrlicher Bestandteil jeder wissenschaftlichen zoologischen Arbeit ist daher die Zeichnung, nur mit ihrer Hilfe können die durch zergliedernde Forschung gewonnenen Einzeltatsachen wieder zu neuer Einheit gebracht, kann der Organismus als Ganzes oder in seinen Teilen nachgeformt werden. Die notwendige Verbreitung wissenschaftlicher Arbeiten durch den Druck verlangt eine Vervielfältigung („Reprodukivn") der Zeichnung. Zwei grundsätzlich verschiedene Wege stehen dazu
offen: Eine vorliegende Zeichnung kann entweder durch die Hand eines zweiten Menschen, eines Holzschneiders, Kupferstechers oder Lichogra» phen zur Vervielfältigung gebracht werden oder mit Hilfe der Photographie, die bei Lichtdruck, Strichätzung, Netzätzung (Autotypie) und Offsetdruck die Grundlage des Verfahrens bildet und den Men« scheu als Vermittler weitgehend ausschaltet. Beide Arbeitsweisen haben ihre Vorzüge und ihre Gefahren und beeinflussen so, im Zusammenhang mit den Besonderheiten des Hoch-, Tief- und Flachdruckes in den verschiedensten Richtungen die Güte und den Charakter des vervielfältigten Bildes. Die vom zeichnenden und vervielfältigenden Menschen, vom Zeitgeist und von der Technik kommenden Einflüsse finden ihren Niederschlag in der wechselvollen Geschichte der zoologischen Abbildung, von der der Vortragende einen kurzen Abriß bot.
Im Anschluß an seine Darlegungen führte der Vortragende die zahlreich erschienenen Biologen und Gäste durch eine Ausstellung zoologischer wissenschaftlicher Abbildungen im Kurssaal des Zoologischen Instituts. Hier waren aus den Beständen der Universitätsbibliothek, aus der Bücherei des Zoologischen Instituts und der Sammlung des Vortragenden eindrucksvolle Beispiele für die zoologische Abbildung von den Zeiten Gesners bis zum modernen Offsetdruck zusammengestellt und wurden einzeln erläutert.
Zur Ergänzung des Gehörten und Gesehenen werden die Mitglieder des Biologenverbandes demnächst gemeinsam eine moderne Reproduktionsanstalt besichtigen. E.
vornotizeu
— Tageskalender für Mittwoch:NSG. „Kraft durch Freude": 20 bis 21, 21 bis 22 Uhr Schwimmen im Volksbäd. — NSLB. Fachschaft „Volksschule" Giehen-Stadt: 16 Uhr Sitzung der Arbeitgemeinschaft „Deutsch" im Lehrerzimmer der Schillerschule. — Stadttheater: 19.30 bis 22.15 Uhr „Vertrag um Karakat". — Lichtspielhaus, Bahnhof«
,/Elfhundert Kinder hab' ich schon auf die Wett gebracht".
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erzählt Frau Weise, die Hebamme aus dem Frankfurter Nordend. „Es ist bei de reiche Leut fo wie bei de arme: Was die de kleine Bübcher und Mädcher zu esse gebe solle un zu trinke, das muß ihne erst der Arzt sage, gelle? Milch, Haferschleim mit e bißche Zucker, un so nach sechs Monat auch schon emal die Milch mit Malzkaffee, mit Kathreiner, dem Kneippsche. Der bekommt de Kinner und der schmeckt ihne! Da nehme sie zu, da komme sie auf die Beinche, da fange sie an zu lache . .
Und schon lacht sie selbst, die weise Frau: „Ich trink'n auch, den Kathreiner, seit 25 Jahren."
MiMOMi»....
Roman von Charlotte prenzel.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Derlag, Halle (©.).
28 Fortsetzung Nachdruck verboten!
Viertes Kapitel.
Kitty.
„Was haben Sie nur heute, Irene? Sie hören mir manchmal gar nicht zu. Ihre Gedanken scheinen ganz woanders zu fein, und Falten liegen auf Ihrer Stirn. Haben Sie Aerger gehabt?" fragte Kitty eines Tages Irene, als die beiden Damen zusammen in Irenes Salon den Tee einnahmen.
„Ja, ich bin verstimmt, Kitty. Sie wissen doch, daß wir die Absicht hatten, unsere Wohnung auszugeben und uns zu vergrößern. Wir hatten schon etwas Passendes in Aussicht. Heute mittag nun kam die Rede darauf, und mein Mann teilte mir mit, daß wir auf dieses Haus nicht mehr reflektieren können."
„Nun, das ist doch kein Grund zum Aerger. Wo sich so viele günstige Gelegenheiten bieten, selbst zu bauen oder ein fertiges Haus zu kaufen."
„Die Gelegenheit wäre für uns gerade sehr günstig gewesen, und mir hätte Sinnes Haus sehr zu- gesagt."
„Oh, sie wollte verkaufen?"
„Es wäre ihr wohl nichts anderes übriggeblie- ben. Die Firma Scholz hatte nämlich Zahlungsschwierigkeiten, und so bot mein Mann Herrn Morland an, die Villa ihm zu verkaufen. Nun scheint aber Herr Morland plötzlich wieder zu Geld gekommen zu fein. Wie, versteht mein Mann um so weniger, als sich eine größere holländische Firma, mit der die Firma Scholz stets gearbeitet hat, im Konkurs befindet. Nun, wie dem auch fei, jedenfalls bekomme ich noch Vorwürfe von meinem Manne zu hören, daß ich ihn um diese Geschäftsverbindung gebracht hätte. Mir lag nämlich hauptsächlich an dem Haus."
Kitty verbarg unter einem Lachen ihr Interesse an den Worten der Freundin. „Aber liebe Irene, ich bitte Sie — das alte Haus! Da können Sie wirklich von Glück sagen, daß Sie sich nun nach etwas Neuerem umsehen können. Mangel ist doch gewiß nicht an Neubauten."
„Mir hätte das Haus sehr behagt. Denken Sie, die schöne Lage, und sicher wären wir billig dazugekommen."
„Ich weiß nicht recht. Mich hätte der Gedanke, aus dem Unglück einer Freundin Nutzen zu ziehen, doch etwas irritiert."
Irene lachte. „Ich bitte Sie! Ich habe mit Liane schon seit Jahren kein ernsthaftes Wort gewechselt. Vor ihrer Verlobung war sie manchmal durch ihre einfach unmöglichen Einfälle recht un
terhaltend. Jetzt ist sie gräßlich langweilig geworden, und dann ... Es muß bodf peinlich für sie fein, mich als glücklich verheiratete Frau vor sich zu sehen, während ihre Ehe zumindest eine große Enttäuschung für sie war."
Kitty zog leicht die Augenbrauen in die Höhe. „Ich weih nicht recht — ich hatte nicht den Eindruck einer unglücklichen Ehe."
„Er laßt sie nach wie vor allein. Nach den vielen kleinen Reisen hätte es wohl kaum der großen Reise bedurft. Wissen Sie noch nicht, daß Herr Morland in Amerika ist?"
Kitty horchte auf. „Woher sollte ich es wisien?" fragte sie liebenswürdig zurück. „Er ist bestimmt in Amerika?"
„Von meinem Manne weiß ich es ganz gewiß."
Kittys Augen senkten sich auf ihre Teetasse. Er ist fort, er gibt mir Gelegenheit, mich nach meinem Kinde umzusehen!, dachte sie. Er fürchtet mich nicht, aber er soll mich kennenlernen ...
„Sagen Sie, Kitty", unterbrach Irene Kittys Gedanken, „aus welchen Verhältnissen stammt eigentlich dieser Herr Morland? Sie kennen ihn doch näher."
Um Kittys Mundwinkel zuckte ein Lächeln. Wie lange hatte Irene gebraucht, um diese direkte Frage zu stellen! Aus Andeutungen hatte Kitty schon längst gemerkt, daß das Interesse der glücklich verheirateten Frau Lechner, wie Irene immer betonte, sehr wach für Fred Morland war. Wahrscheinlich wäre diese Frau Lechner lieber Frau Morland geworden!, folgerte Kitty scharfsinnig. Sehr gewiß könnte ich dich glücklich machen, wenn ich dir die Vergangenheit dieses Mannes erzählen würde... Vorläufig liegt aber noch kein Grund vor, dich sein Geheimnis wisien zu (affen.
,^Ich konnte unmöglich an einem Angestellten meines Mannes fo viel Interesse nehmen", erwiderte Kitty, „und hätte wohl auch schon längst seinen Namen vergessen, wenn mein Mann mir nicht erzählt hätte, wie weit es dieser einstige Lehrling seines Hauses gebracht hat. Aber sagen Sie, sehen Sie die kleine Frau eigentlich öfter?"
„Jetzt wieder mehr. Sie spielt dieses Jahr wieder Tennis; aber wir sprechen kaum zusammen."
„Ach, Irene, ich habe Sie noch nie Tennis spielen sehen. Läßt es sich gar nicht mal einrichten, daß ich zusehen kann?"
„Selbstverständlich, Kitty, jederzeit, wenn Sie wollen. Aber ich spiele lange nicht mehr so gut wie vor meiner Ehe. Ich habe so wenig Zeit übrig. Meine geselligen Pflichten finb groß, Kurt beansprucht mich sehr, und ich trenne mich fo ungern von ihm."
Nun begreife ich auch, warum du dein Glück immer fo betonst!, ging es durch Kittys Gedanken — als Selbstbetäubungsmittel, um wirklich davon überzeugt zu fein. Da bin ich anders. Ich habe ihn Jahre nicht gesehen, und dennoch, ich wußte es immer, daß ich nur chn geliebt habe..«
„Warum spielen Sie nicht selbst?" fuhr Irene fort. „Wenn Sie wollen, können wir übrigens gleich aufbrechen. Mein Wagen steht bereit."
„Ich komme sehr gern mit — aber selber spielen? Nein, Irene, da muß ich Sie enttäuschen. Ich vertrage Hitze nicht gut. Ich bin abscheulich anzusehen in erhitztem Zustand." —
Kurze Zeit darauf betraten sie den Tennisplatz. Kittys Blicke streiften die Spielenden. Sie ist hier, dachte Kitty Marckart, ich werde erfahren können, wie lange er mir Zeit läßt...
Während Irene das Spiel mit einem Partner begann, brach es Liane ab, kam quer über den Platz, strebte dem Ausgang zu.
Sie erschrak, als sie die schöne Frau plötzlich vor sich sah. Sie grüßte sehr kühl und wollte eilig weiter.
„Haben Sie keinen Augenblick Zeit?" sprach Kitty sie an und bot ihr die Hand.
Liane berührte die Hand nur flüchtig. Was will sie denn von mir? Warum drängt sie sich immer wieder an mich?, dachte sie voller Unruhe. Laut sagte sie: „Ich muß nach Hause".
„Nun, als Sttohwitwe können Sie sich Ihre Zeit doch nach Gutdünken einrichten."
Sie weiß schon, daß Fred fort ist!, dachte Liane.
„Allerdings, aber ich spielte schon länger als sonst."
„Sie sind oft allein", stellte Kitty, noch immer lächelnd, immer weiter liebenswürdig, fest. „Und diesmal wird die Trennung so lange sein?"
„Wieso?"
„Nun, nach Amerika fährt man nicht alle Tage." „Ja, gewiß — allein, die Reise wird nicht länger dauern als eine andere Auslandsreise."
Sie lügt, sie lügt!, dachte Kitty triumphierend; ich werde Zeit haben ...
„Sie werden es gewiß mit Freuden begrüßen, wenn Ihr Herr Gemahl wieder zu Hause ist. Was machen Sie so allein? Werden Sie verreisen?"
„Nein", log Liane und fühlte ihre Erregung stärker werden.
„Warum nicht?" sprach Kitty weiter mit lächelndem Munde. „Ich werde mir sehr bald die engere Umgebung hier ansehen. Nach dem Odenwald zieht es mich. Ich habe sowieso dort eine Tätigkeit."
Liane hielt das Lächeln auf ihrem Gesicht mit aller Anstrengung fest. Sie sagte, sich endgülttg verabschiedend: „Viel Vergnügen und gute Erholung, gnädige Frau!"
Sie weiß schon, wo das Mädchen zu finden ist. Sie hat nicht geruht, sie wollte sich vergewissern, ob grcb ihr jetzt wirklich nicht im Wege ist!, dachte Liane voller Unruhe auf dem Heimweg. Wie nahe lag die Gefahr für Gerda! —
Mit dem Beginn der Ferien reifte Liane nach dem Schwarzwaldkurort. Ernst hatte ihr ein Zimmer in einer Pension bestellt, die neben der lag, in der Großmutter und Enkelin wohnten. Die gleich-
Pension aufzusuchen, wagte Liane aus Furcht vor Entdeckung nicht.
Tieftot ging die Sonne unter, als sie ankam. Freudlich grüßten die Berge zu ihr hernieder, plätschernd zog die Enz ihren Weg. Auf halber Höhe des sanft ansteigenden Berges lagen die Pen- sionen. Liane bekam ein hübsches Zimmer mit einem kleinen Balkon. Sie hatte einen freien Blick aus den Sommerberg, lang _ hingestreckt unter ihr lag der Ort. Sie war entzückt von dem einfach-lieblichen Bild, das sich ihr bot.
Ach, konnte eine Frau diese Ruhe und diesen Frieden zerstören wollen? Würde Kitty erscheinen? Fast schien es Liane undenkbar.
Einem Zufall verdankte Liane schon am nächsten Morgen die Bekanntschaft mit Gerda.
Fast unmittelbar an der Rückseite der Pension vorbei lief ein breiter, langsam ansteigender Berg- weg, der von der Stadt, an Gärten und Feldern vorbei, nach dem Wald führte. Gerade als Liane durch die Gartentür treten wollte, kam auf diesem Weg eine Horde kleinerer und größerer Kinder heraufgelaufen. Allen voran ein großes, dunkelhaariges Mädchen, die anderen, meistenteils halbwüchsige Straßenjungen, mit Geschrei und bösen Schmähworten hinter ihr drein. Fast in Lianes Nähe erreichte ein größerer Junge das Mädchen, hielt es am Arm fest, hob die freie Hand zum Schlag. Das Mädchen riß sich mit aller Anstrengung kos, taumelte einige Schritte seitwärts gerade in die von Liane geöffnete Tür hinein.
„Bleib hier", sagte Liane schnell, die Gartenpforte hinter dem Mädchen schließend.
Den anderen Kindern verging der Mut, weiter aus das Mädchen einzudringen. Einige kecke Worte flogen noch hinter ihr her, dann zogen sie sich langsam zurück.
Das Mädchen stand heftig atmend, noch immer mit sprühenden Augen. Diese Augen? Dieses Ge- sicht? Ernst hatte Liane ein Bild von Freds Toch« ter gezeigt. War das nicht Gerda?
„Das hätte schlimm abgehen können", ertönte die Stimme des Mädchens. „Sie haben mir wirklich arg zugefetzt." Sie lachte etwas verlegen, sah suchend an ihrem Kleid hernieder, entdeckte einen Riß in dem Rock. „Oh, auch das noch!" entfuhr es ihr entfett „Wie wird Großmutter schelten!" Sie betrachtete zerknirscht bas Übel mitgenommene Sommerkleid.
„Das flicken wir wieder", erwiderte Liane tröstend. „Was hast du denn mit den Kinder» gehabt?"
„Sie quälten eine Katze. Ich konnte es nicht Kn* ger mit ansehen, nahm ihnen bas Tierchen weg. Die Katze entschlüpfte eilends, ich war nicht so flink. Das wäre weiter nicht schlimm, wenn nicht das Kleid..." Sie sah wieder ganz unglücklich auf den Riß nieder.
s Fortsetzung folgt k)


