HU8 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Dienstag, 22. Januar 1955
SJL-Spont
Oie HeereSskimeifferschasten 1935.
Vom 27. Januar bis 2. Februar wird in Garmisch- Partenkirchen die Heeresskimeisterschaft 1935 ausgetragen, der u. a. der Reichswehrminister, Generaloberst von Blomberg, der Chef der Heeresleitung. General der Artillerie Freiherr von Fritsch, und der Chef des Wehrmachtsamts, Generalmajor von Reichenau, beiwohnen werden. An besonders wichtigen sportlichen Ereignissen im Rahmen der Gesamtveranstaltung sind zu erwähnen: der am 29. Januar stattfindende Heerespatrouillenlnuf unter Beteiligung einer finnischen Mannschaft, und die 18-Kilometer- Langlauf-Meisterschaft am 1. Februar.
Bobrennen in Garmisch-Partenkirchen.
In Garmisch-Partenkirchen wurden am Montag die in der Vorwoche ausgefallenen Rennen auf der Bobbahn nachgeholt. Den Wanderpreis des Deutschen Bob-Verbandes im Viererbob gewann Bob „Olympia" mit Hans Kilian am Steuer und von Dalta an der Bremse in 2:44,64 Min. Die einzelnen Fahrten wurden in 1:23,91 und 1:20,74 zurückgelegt. Zweiter wurde Bob „Erfurt" (Trott-Vonhoff) in 2:45,36 (1:24,49 + 1:20,87) vor Bob „Petz" (Schäfer-Lippach) 2:48,1 (1:24,64 + 1:23,46), Bob „Unschuld" (Gaudoski-Kühnar) in 2:49,56 und Bob „Werdenfels" (Gebr Weckerle) in 2:50,92. Kilian hat damit den im Vorjahr gewonnenen Wanderpreis erfolgreich verteidigt. Die Süddeutsche Zweierbob - Meisterschaft gewann Bob „DBV. 2" (Grau-Brehme) in 2:50,95 (1:25,38 + 1:25,57). Kilian-von Balta konnten mit ihrem Bob „Olympia 2" hier nur in 2:51,47 (1:26,08 + 1:25.37) den zweiten Platz belegen. Dritter wurde Bob „Josty" (Dr. Brüne-Seraidaris) in 2:54,17 vor Bob „Framfrau", „BSC. 1" und „Wispo".
Deutschland in Davos ausgeschieden.
Unsere Eishockeyspieler auch von Frankreich besiegt.
Die Hoffnungen, daß unsere Eishockeyspieler im Kampf um die Welt- und Europameisterschaft in Davos wenigstens nicht ohne Gewinnpunkte den letzten Platz in den Ausscheidungsspielen der Gruppe B belegen würden, haben sich leider nicht erfüllt. Im dritten und letzten Spiel standen unsere Vertreter Frankreich gegenüber und auch dieses Spiel ging verloren. Mit 2:1 (0:0, 0:1, 2:0) blieben die Franzosen Sieger Das im zweiten Drittel von Jaenecke erzielte deutsche Tor sollte der Ehrentreffer bleiben.
Polen und Italien trennten sich unentschieden mit 1:1 (0:0, 1:1, 0:0) und dadurch ist Frankreich mit 5:1 Punkten vor Italien (4:2), Polen (3:3) und Deutschland (0:6) Gruppensieger geworden.
In der Gruppe A siegte die Schweiz mit 2:0 über Holland, Schweden gewann 3:0 gegen Ungarn. Hier sind die Schweizer mit 5:1 Punkten vor Schweden (4:2), Ungarn (3:3) und Holland (0:6) Gruppensieger.
In der Gruppe C gewann die Tschechoslowakei auch ihr drittes Spiel, sie siegte mit der Rekordziffer von 22:0 über Belgien und belegt mit 6:0 Punkten den ersten Platz. Oesterreich folgt nach einem knappen 2:1-Sieg über Rumänien mit 4:2 Punkten vor Rumänien (2:2) und Belgien (0:6).
In der G r u p p e D wurde Kanada mit 4:0 Sieger, nachdem England über Lettland 5:1 gewann und mit 2:2 den zweiten Platz belegte. Die Letten haben 0:4 Punkte.
In der Zwischenrunde spielen die zwei Besten jeder Gruvpe in zwei Gruppen, die besten beiden Mannschaften dieser beiden Abteilungen, zusammen also vier, bestreiten dann die Endspiele. Für die Zwischenrunde haben sich Schweiz, Schweden, Frankreich, Italien, Tschechoslowakei, Oesterreich, Kanada und England qualifiziert.
Europameister Mühlberger in Gießen.
Der 1. Kraft- und Sportklub 1893 Gießen hat sich die Gauligamannschaft der Athletiksportvereinigung 1886 Frankfurt zu einem Freundschaftskampf im Ringen für Samstag, 26. Januar, verpflichtet. Die Frankfurter behaupten in der Tabelle des Gaues Südwest einen guten Mittelplatz. In ihren Reihen steht auch der bekannte Weltergewichtler H i r s ch m a n n. Dieser lieferte vor kurzem dem deutschen Meister Schäfer (Schifferstadt) einen glänzenden Kampf und verlor nur knapp nach Punkten. Besonders gespannt ist man auf den Revanchekampf Jung (Frankfurt) gegen Funk (Gießen). Dieser unterlag bekanntlich dem Frankfurter bei den deutschen Meisterschaften 1933 in Ludwigshafen. Er wird nun alles versuchen, um diese Scharte auszuwetzen. Die gute Form der Gießener Ringer beim letzten Turnier in Alsfeld läßt darauf schließen, daß technisch hochstehende Kämpfe bevorstehen.
Den Höhepunkt des Abends wird aber zweifellos das Auftreten des Europameisters Mühlberg e r bilden. Dieser bekannte Sportler ist ein vollendeter Techniker des Gewichthebens. Sein exaktes Arbeiten ist überall ausgefallen. Er brachte es fertig, in Paris an einem Tage zweimal seinen eigenen Weltrekord zu überbieten. Mühlberger, der bereits vor 10 Jahren sich zum erstenmal mit dem Titel eines deutschen Meisters schmücken durfte, ist auch heute noch eine stolze Hoffnung für die Olympiade 1936. Er konnte bereits zweimal Europameister und viermal deutscher Meister werden. Bei den Kampfspielen in Nürnbera wurde er zweiter und bei den Europameisterschaften 1934 in Genua dritter. Bei einem Körpergewicht von 120 Pfund konnte er schon mehrfach 230 Pfund beidarmig stoßen. Mühlberger hält den Weltrekord im beidarmigen Reißen (Federgewicht) mit 190 Pfund und mehrere deutsche Rekorde in den einzelnen Hebungen Fünf Gießener Gewichtheber werden versuchen, mit ihren Leistungen nicht zu sehr ins Hintertreffen zu geraten.
„IC.Teutonia^Wahenborn-Gteiuberg FE. Teutonia Watzenborn-Steinberg —1900 Gießen 0:3 (0:1).
Es hatte sich eine recht zahlreiche Zuschauermenge eingefunden, als der korrekt amtierende Schiedsrichter Krug (Friedberg) das Treffen anpfiff. Es entwickelte sich ein Kampf, der befriedigen mußte.
Um es vorweg zu nehmen: Die Gäste verließen als verdienter Sieger den Platz. Verdient insofern, da sich jeder der Elf energiegelaben einsetzte, und ganz besonders es die Stürmerreihe an der fast allzureichlichen Schwungkraft nicht fehlen ließ. Daß die Gäste erst in der 28. Minute zum ersten Erfolg kamen, ist der vorzüglichen und aufopferungsvollen Abwehrarbeit der Hintermannschaft der Einheimischen anzurechnen, wo auch Burger im Tor trotz harten Angehens des Gießener Schmelz entschlossene Paraden zeigte. Im Anschluß an einen im Mittelfeld verhängten Strafstoß kam Gießen bann aus bem Gebränge heraus zu dem ersten Treffer.
Trotzdem das Spiel nun weiter offen war, merkte der unbefangene Zuschauer jetzt schon, daß der Teutonensturm schwerlich zu Erfolgen kommt. Obwohl er reichlich mit Vorlagen bedient war, wirkte dieser Mannschaftsteil wenig überzeugend, und die im Bereich der Möglichkeit liegenden Erfolge mußten ausbleiben. Als im Verlauf der zweiten Spielhälfte dann die Gießener durch einen haltbaren Treffer zu ihrem zweiten Erfolg kamen, waren die Aussichten für die Einheimischen stark gesunken. Der rechte Verteidiger ging nun in den Sturm, und das Spiel wurde nun überwiegend in der Gießener Hälfte ausgetragen. Sofort stellt sich die Gästeelf
VaierHerber triumphierten auch in diesem Zahre
Bei den Deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaften auf bem Riessersee in Garrnrsch besetzte erwartungsgemäß — wir berichteten bereits kurz darüber — Ernst Baier die Meisterschaft im Herrenlaufen, und Maxie Herber gewann die Damen-Meifterschaft. Auch im Paarlaufen wurden die beiden beliebten Deutschen Meister bei ausgezeichneten Darbietungen Sieger.
auf diese Spielweise ein. Auch Schlarb im Tor rettet wiederholt blitzschnell. Steinberg, im Angriff, hatte die Abwehr aber allzu stark gelichtet; die Gäste kommen vor und kurz daraus hieß es 0:3. Verblüfft ließ Burger in der Mitte der Torlinie wie gebannt stehen den Ball ins Retz rollen.
Das Spiel war entschieden. Ein ritterlicher Kampf nahm damit sein Ende. Die jüngere und damit kampffreudigere Elf blieb Sieger. Zur Mannschaftsaufstellung der Watzenborn-Steinberger ist zu sagen: Verteidiger und Läuferreihe erfüllten die auf sie gesetzten Hoffnungen. Der linke Läufer war etwas langsam im Start, aber sonst einsatzbereit bis zum Aeußersten. Burger im Tor fehlt es an der Hebersicht. Dem Sturm fehlte es am nötigen Einsatz.
Fußball-Eraebniffe der Kreisklaffen.
1900 II — Großen-Buseck 2:3; Werdorf — Naunheim II 7:3; Oberndorf — Leun II (Leun nicht angetreten); Allendorf — Garbenteich 1:2; Wieseck — Leihgestern (Leihgestern nicht angetreten); Rodheim — Vetzberg 1:3; VfB. II —. Heuchelheim 2:2; Neuborn — Tgde. Wetzlar 1:3; Aßlar — Wetzlar II 2:1; Alten-Buseck — Londorf 1:2; Lich — Krofdorf 3:2; Fellingshausen — Launsbach 5:1; Ehringshausen — Tgde. Wetzlar II 5:0; Werdorf II t Bechlingen 2:0; Bonbaden — Berghausen 1:1.
Sportverein 1928 Garbenteich.
Allendorf I — Garbenleich I 1:2 (1:1).
Im Rückspiel gegen den Meister der 2. Kreis- klasse, Allendorfs erste Mannschaft, konnte die erste Elf von Garbenteich auch diesmal (auf dem Platz des Gegners) als Sieger hervorgehen. Der Gastgeber hatte sich zweifellos vorgenommen, in diesem Spiele Revanche zu nehmen für die im Vorspiel erlittene 9:2-Niederlage, es gelang ihm aber nicht. In der 20. Minute konnten die Platzbesitzer durch einen Elfmeterball zwar in Führung gehen, kurze Zeit darauf glichen aber die Gäste aus und zwar durch einen Strafstoß, der von dem Linksaußen tadellos geschossen war. Halbzeit 1:1! Nach dem Seitenwechsel sah man zunächst verteiltes Spiel, und vor beiden Toren gab es kritische Situationen. In der 30. Minute der zweiten Halbzeit fiel aber erst der Siegestreffer für die Gäste. Der Linksaußen gab zum Mittelstürmer, der unhaltbar ver
wandeln konnte. Die Gastgeber setzten nun alle Kraft ein, vermochten die Hintermannschaft der Gäste aber nicht zu schlagen. Der Meister mußte sich zum ersten Male auf eigenem Platz geschlagen bekennen. Der Schiedsrichter Niersbach (Wetzlar) leitete gut.
Zugendfußball der Spielvereinigung 1900 Gießen.
1900 2. Jugend — Watzenborn-Steinberg 1. Jugend 1:3 (0:1).
Am Sonntagvormittag empfing die zweite Jugend der Spielvereinigung 1900 die erste Jugend von Watzenborn-Steinbera. Für die Blauweißen war das Spiel von vornherein verloren, weil die Mannschaft nur mit neun Mann das Spiel bestritt. Die Mannschaft von Watzenborn-Steinberg hätte das Spiel bestimmt höher gewinnen müssen, wenn man bedenkt, daß die Elf eine Klasse höher spielt als die der Blauweißen. Von Anfang an entwickelte sich ein flottes Spiel, das die Gäste leicht im Vorteil sah. Mitte der ersten Spielhälfte schossen die Gäste ihr erstes Tor, das aber der Rechtsaußen der Platzbesitzer bald ausglich. So blieb es bis zur Pause. In der zweiten Spielhälste beherrschten die Gäste vollständig das Spiel und kamen noch zu zwei Erfolgen.
Oie Spiele der Dezirksklaffe Marburg.
Die vier Spiele des vergangenen Sonntags haben auf die Gestaltung der Tabelle keinen nennenswerten Einfluß ausgeübt. Lediglich Wallau hat in seiner Position verloren und zwar durch die dritte Niederlage auf eigenem Platze mit 2:1 Toren gegen den VfL. Biedenkopf. Wallau liegt zwar weiter an vierter Stelle, scheidet jedoch als Meisterschaftsanwärter aus. Der FV. Ockershausen weilte in Gladenbach, wo er 20 Minuten vor Schluß mit 3:J in Führung lag. Da das Publikum mit der harten Spielweise nicht einverstanden war, brach der Schiedsrichter das Spiel ab. lieber die Wertung wird die Instanz zu entscheiden haben. Germania Marburg holte sich in einem schwachen Spiel gegen den Sportverein Gemünden mit einem 4:1 Sieg zwei wertvolle Punkte. Recht schußfreudig erwiesen sich die Breidenbacher, die gegen die ersatzgeschwächten Sarnauer mit 10:1 gewinnen konnten.
Scherzo
Kon Anion Tschechow
Ein Heller Wintertag. Es friert stark, der Schnee knirscht, Nadenkas Löckchen an den Schläfen sind mit silbrigem Reif bedeckt. Wir stehen auf einem hohen Berg, von unfern Füßen abwärts zieht sich eine glatte Rodelbahn, in der sich die Sonne spiegelt. Hinter uns her ziehen wir kleine Schlitten, die mit rotem Tuch ausgeschlagen sind.
„Lassen Sie uns fahren, Nadeschka Petrowna", flehe ich. „Nur ein einzigesmal. Ich schwöre Ihnen, daß wir heil und ganz blieben ..."
Aber Nadenka fürchtet sich. Die ganze Strecke von der Spitze ihrer kleinen Heberschuhe bis zum Ende der Eisbahn erscheint ihr furchtbar, ein unermeßlicher Abgrund. Ihr stockt schon der Atem, wenn sie nur hinuntersieht — wie würde es erst fein, wenn sie versuchen wollte, in den Abgrund zu fliegen. Sie müßte sterben, den Verstand verlieren.
„Ich flehe Sie an", sage ich. „Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Es ist Feigheit!"
Endlich gibt Nadenka nach, aber ich sehe an ihrem Gesicht, daß sie um ihr Leben zittert. Bleich und bebend setze ich sie in den Schlitten, umfange sie mit meinen Armen, und so stürzen wir uns in den Abgrund. Der Schlitten fliegt wie eine Kugel. Die Luft schlägt uns ins Gesicht, beißt boshaft in die Wangen, möchte einem den Kopf von den Schultern reißen. Wir können kaum atmen. Es ist, als ob der Teufel selber uns in den Krallen hätte und risse uns mit Geschrei in den Abgrund. Alle Gegenstände verwandeln sich in lange Streifen, die sich mit rasender Geschwindigkeit fortbemegen .. • Noch ein Augenblick und wir sind verloren.
„Ich liebe Sie, Nadenka", flüstere ich halblaut.
Hafer Schlitten beginnt langsamer zu laufen, das Heulen des Windes und das Schleifen der Kufen sind nicht ganz so schrecklich, wir können wieder atmen und endlich sind wir unten angelangt. Nadenka ist weder tot noch lebendig. Sie ist blaß, atmet kaum. Ich helfe ihr aufstehen.
„Um keinen Preis fahre ich ein zweites Mal, sagt sie, mich mit entsetzten Augen ansehend. ,,our nichts in der Welt! Ich bin fast gestorben ...
Nach einer Weile kommt sie zu sich und steht mir fragend in die Augen: war ich es, der die vier Worte sprach oder hatte nur der Wind sie ihr hm- geweht? Ich stehe neben ihr, rauche meine Zigarette und betrachte aufmerksam ihre Handschuhe.
Sie faßt mich unter, und wir promenieren lange um die Rodelbahn. Das Rätsel läßt ihr keine Ruhe. Waren die Worte gesagt? Ja oder nein? Es ist eine Frage der Ehre, des Ledens, des Glücks, es ist eine sehr wichtige Frage, die wichtigste im Leben.
Nadenka ist ungeduldig, traurig, sieht mir durchdringend ins Gesicht, antwortet zerstreut; augenscheinlich wartet sie darauf, daß ich etwas sage. Welch ein Mienenspiel in dem süßen Gesicht.
Ich fühle, wie sie mit sich kämpft, etwas sagen möchte, etwas fragen, aber sie findet die Worte nicht, ihr wird es unbehaglich, die Freude ist gestört.
>,Wissen Sie was?" — sagt sie endlich, ohne mich anzusehen.
„Was?" frage ich.
„Wollen wir noch einmal fahren ...?"
Wir gehen die Treppe hinauf auf den Berg. Wieder setze ich die blasse, zitternde Nadenka in den Schlitten, wieder fliegen wir dem Abgrund zu und wieder im allerstürmischsten Dahinfliegen flüftre ich:
„Ich liebe Sie, Nadenka."
Kaum hält der Schlitten, als Nadenka die Eisbahn, über die wir soeben geflogen, mit einem Blick umfaßt, dannn sieht sie mir wieder ins Gesicht und horcht in meine Stimme hinein, die gleichgültig und ganz leidenschaftslos ist, bis das ganze Mädchen, ihr Muff sogar und das Halstuch, äußerste Verwirrung ausdrücken.
„Wie ist es?" steht auf ihrem Gesichtchen geschrieben. Hat e r die Worte gesagt, oder meinte ich sie nur zu hören?"
Daß sie dieses nicht weiß, beunruhigt sie, macht sie ungeduldig. Das unglückliche Mädchen beantwortet meine Fragen verkehrt, zieht die Brauen zusammen, möchte am liebsten meinen.
„Gehen wir nach Hause?" frage ich.
„Aber mir ... mir gefällt das Rodeln jetzt ..." sagt sie errötend. „Sollen wir nicht noch einmal fahren?"
Ihr gefällt es jetzt! Aber trotzdem ist sie, wie sie sich wieder in den Schlitten setzt, bleich wie das erstemal, atmet kaum, zittert.
Wir fahren zum dritten Male hinunter und ich sehe, wie sie mir ins Gesicht guckt, an meinen Lippen hängt. Ich drücke mein Taschentuch gegen den Mund, huste, und wie mir die Mitte des Berges erreicht haben, flüftre ich: „Ich liebe Sie, Nadja."
Das Rätsel bleibt Rätsel. Nadenka schrneigt, denkt über irgendetwas nach. Ich begleite sie von der Rodelbahn nach Hause, sie bemüht sich, langsam zu gehen, ich sehe, wie ihre Seele leidet...
„Es kann auch sein, daß der Wind die Worte sprach!" —
Von diesem Tage an gehe ich täglich mit Nadja zur Rodelbahn und im Schlitten herabfliegend sage ich jedesmal dieselben Worte:
„Ich liebe Sie, Nadja."
Bald gewohnt sich Nadja an meine Worte, wie 1 man sich an Wein oder an Morphium gewöhnt. Sie
kann ohne sie nicht mehr leben. Obwohl es immer noch schrecklich ist, den Berg hinunterzufahren, geben Angst und Gefahr bem Wort von der Liebe einen besonderen Zauber. Nur daß es wie bisher ein Rätsel bleibt und die Seele quält. Schließlich ist es ihr gleichgültig, ob die Worte von mir gesagt werden oder vom Wind, auf das Gefäß kommt es nun nicht mehr an, aus dem man den Wein genießt, wenn man sich nur berauscht.
Eines Tages gehe ich allein zur Rodelbahn; mich unter die Menge mischend, sehe ich Nadenka, die mich mit Öen Augen sucht. Es ist schrecklich, allein zu fahren, o so schrecklich! Sie ist bleich, zittert, geht wie zur Hinrichtung, aber sie geht ohne sich um- zuwenden, entschlossen und tapfer. Sie muß den Versuch machen: wird sie die süßen verführerischen Worte auch ohne mich hören? Ich sehe, wie sie mit vor Entsetzen geöffnetem Mund in den Schlitten steigt, die Augen schließt und, für immer vom Leben Abschied nehmend, abfährt.
... Schschsch ... summen die Kufen. Ob Nadenka jene Worte hörte, weiß ich nicht, ich sehe nur, wie sie schwach und zerquält aus dem Schlitten steigt. Ich sehe an ihrem Gesicht, daß sie selber nicht weiß, ob sie die Worte gehört hat. Die Angst beim Hinunterfahren hatte ihr jede Fähigkeit genommen, zu hören, die Laute zu unterscheiden, irgendetwas zu verstehen...
So kommt der März heran, die Sonne wird freundlicher. Hnser Eisberg wird schwarz, verliert seinen Glanz und taut zuletzt auf. Ich rüste zur Abreise nach Petersburg — für lange Zeit, vielleicht für immer.
Zwei Tage vor meiner Abfahrt gehe ich während der Dämmerstunde in den Garten. Ein hoher Zaun trennt unser Grundstück von dem Nachbarhaus, in dem Nadenka wohnt. Es ist ziemlich kalt, überall liegt noch Schnee, die Bäume sind tot, aber man riecht den Frühling schon und, ihrem Nachtlager zufliegend, krächzen die Saatkrähen. Ich schleiche mich an den Zaun heran und sehe lange durch eine Spalte. Ich sehe, wie Nadenka auf die Treppe her- austritt und einen trauernden Blick zum Himmel wirft, der Frühlingswind weht ihr mitten in das blaffe, betrübte Gesicht. Er erinnert sie an jenen Wind, der uns damals umwehte, als sie die Worte hörte, und ihr Gesicht wird traurig, über die Wan- gen laufen Tränen. Sie streckt die Arme aus, als wollte sie den Wind bitten, ihr noch einmal die Worte zuzutragen. Hnd ich, einen Windhauch abwartend, sage mit halber Stimme:
„Ich liebe Sie, Nadja!"
Mein Gott, was geschieht mit dem Mädchen? Es schreit leise auf, lächelt über das ganze Gesicht und breitet dem Wind die Arme entgegen, froh, glückselig und wunderhübsch...
Ich gehe meine Sachen einpacken...
Es ist lange her. Nadenka ist schon verheiratet und hat drei Kinder. Aber jene vier Worte sind nicht vergessen; sie sind jetzt für sie die schönste und rührendste Erinnerung ihres Lebens.
Aber mir ist heute, da ich älter geworden bin, nicht mehr recht verständlich, warum ich diese Worte sagte und so meinen Scherz mit ihr trieb.
(Deutsch von Elsa Bernewitz).
Zeitschriften.
— Der programmatische Aufsatz Carl v. Loeschs im neuesten Heft von „Volk und. Reich" (Januar 1935, Berlin: Volk und Reich Verlag, Einzelpreis 1,50 RM.) entwirft, ausgehend von dem Vorwurf, der neue Nationalismus zerstöre die Einheit Europas und mache ein Zusammenleben der Völker unmöglich, ein Statut für eine künftige fruchtbarere Einheit Europas, das er unmittelbar aus den Prinzipien ableitet, welche das neue Deutschland aufbauen, ein Statut, das andererseits allen durch die völkische Buntheit Osteuropas bedingten Schwierigkeiten gerecht wird. Insbesondere übersetzt, wird dieses Thema von Giere und Schieder fortgeführt: der eine schildert die Entstehung des italieniscWn Nationalstaates; der andere vergleicht die Ideenwelt des Faschismus und Nationalsozialismus; er kommt zu dem Schluß, daß der Nationalsozialismus, weil er vom Volke ausgeht, eine neue staatliche Welt emporführt, während der Faschismus, der das Volk nicht kennt, die letzte Form in der Reihe der absoluten Staaten, eine Epoche abschließt.
— Die Januarnummer von Westermanns Monatsheften bringt in ihrem unterhaltenden Teil neben dem Roman von Thor Gvote „Berthold" Erzählungen von Hans Christoph Kaergel „Das Gespenst im Ratskeller" und von Martin Luserke „Der Teufel und der Z K14*. Henry Hoek erzählt zu fünf farbigen Aquarellen von Elk Eber vorn Erlebnis des Schilaufs. Ein authentischer Bericht von L. Tranier Funder mit 13 Originalaufnahmen von der letzten großen Ostgrönlandexpedition des dänischen Forschers Dr. Lauge-Koch, die Anfang Oktober o. I. nach über dreijähriger Arbeit ihren Abschluß fand, wird ebenfalls die nötige Beachtung finden. Der Chirurg der Unioerfität Heidelberg, Prof. Kirschner, beschreibt die Bekämpfung dauernder Schmerzzustände. Die Bedeutung der Seidenraupenzucht für Deutschland erklärt Lena Voß in einem Aufsatz, der durch sechs Bilder in Tiefdruck anschaulich erläutert wird. Besonderen Hinweis verdient die Rundfrage „Das alte Buch". Namhafte Männer der Dichtung und Literaturwissenschaft, der Kritik und der staatlichen Kulturämter treten ein für die gerechte Beurteilung des zeitlich älteren Buches gegenüber der Flut alljährlicher Neuerscheinungen.


