Nr. 18 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Dienstag. ?2.Zanuar 1935
Der erste Reichsbetriebsapvell des Handels.
Die Reichsbetriebsgemeinschaft „Handel" der Deutschen Arbeitsfront veranstaltete in über einer Million Betrieben mit 3 166 937 Betriebsführern und Gefolgschaftsmitgliedern den ersten Reichsbetriebs-Appell. Auf unserem Bild sieht man den Betriebs-Appell in einem großen Berliner Handelshaus, bei dem der Reichsorganisationsleiter Dr. Ley sprach.
Mutterland und Kolonien.
Als im Sommer 1932 die Vertreter der englischen Krone, der Dominien und Kolonien die große Wirtschaftskonferenz des Empire in der kanadischen Hauptstadt Ottawa verließen, da hatten sie in monatelangen schwierigen Verhandlungen neue wesentliche Grundlagen für die politische und wirtschaftliche Festigung des englischen Weltreiches geschaffen. Die Früchte von Ottawa wuchsen nur langsam, sie sind auch heute noch nicht ausgereift. Es war klar, daß der Erfolg, den die Engländer durch die engere wirtschaftliche Verbindung des Mutterlandes mit den Kolonien verbuchen konnten, auch die anderen großen Kolonialvölker ausmerken ließ und ihnen den Gedanken nahelegte, eine ähnliche Verbesserung ihres wirtschaftlichen Zustandes zu versuchen.
In Paris trat Ende des vergangenen Jahres zum ersten Male eine französische Kolonialkonferenz zusammen. Sie hatte die Aufgaben, die Möglichkeiten sowohl eines ausgedehnteren Waren- austausches zwischen dem französischen Kernland und den Kolonien als auch einer verbesserten Ausnutzung der kolonialen Produktionsfähigkeit zu untersuchen. Die unter dem Vorsitz des Kolonialministers Louis R o l l i n vereinigten 200 Delegierten werden jedoch keine Beschlüsse fassen, sondern nur die aus der gegenseitigen Aussprache entstandenen Ansichten in Form von Vorschlägen der Pariser Regierung unterbreiten. Ein Vergleich dieser Konferenz mit der Konferenz von Ottawa ist nur sehr bedingt richtig, denn die Vorbedingungen einer Wirtschaftseinheit zwischen Heimat und Kolonien sind bei den Franzosen sehr viel geringer als bei den Briten.
Früher wurde das größere Frankreich, das Reich der 100 Millionen Franzosen, die zu 59 Prozent
farbig sind, nur als strategischer Wert, als notwendige Menschenreserve für den europäischen Krieg betrachtet. Mit der zunehmenden zeitlichen Entfernung vom Weltkrieg, mit dem allmählichen Ausbau des französischen Festungsgürtels und Vermehrung des Rüstungsmaterials, mit.ben neu auftretenden gebieterischen Forderungen, die die Weltwirtschaftskrise an das materielle Vermögen der einzelnen Völker stellte, gewann die Auffassung in Paris an Boden, daß die Kolonien auch in wirtschaftlicher Hinsicht besser ausgenutzt werden könnten und müßten.
Man wurde in dieser Ansicht bestärkt durch die bisherige Entwicklung des Kolonialhandels. Der Anteil der französischen Kolonien am gesamten französischen Außenhandel betrug im Jahr 1913 etwa 11,5 Prozent, im Jahre 1933 aber schon 27,9 Prozent. Trotzdem wird ein französisches Empire nach dem Muster des englischen, also ein annähernd autarkes, aus seinen eigenen Kräften lebendes Großwirtschaftsbereich, mehr oder weniger i m - mer nur ein Traum bleiben. Frankreich kann nicht alle und nicht einmal die wichtigsten Rohstoffe aus seinen eigenen Kolonien einführen, so z. B. Petroleum, Kupfer und Jute. Selbst bei so ausgesprochenen Kolonialprodukten wie Tee, Kaffee und Kakao ist es auf die Einfuhr aus fremden Kolonien angewiesen.
Eine weitere Schwierigkeit liegt darin, daß im Mutterland wie in den Kolonien vielfach dieselben Produkte in überreichem Maße gewonnen werden (Wein, Weizen), so daß beide Wirtschaftsteile, statt sich zu ergänzen, der Gefahr einer Konkurrenz auf dem Weltmarkt ausgesetzt sind. Was aber alle Pläne einer großzügigen Erschließung der französischen Kolonien immer wie-
der zu schänden macht, das ist vor allem der Mangel an weißen Menschen, an gebürtigen Franzosen, die dieses zweitgrößte Kolonialreich der Erde wirtschaftlich ausnutzen und verwalten könnten. Wenn schon in Frankreich selber weite Strecken fruchtbaren Landes brachliegen, wo sollen dann die Volkskräfte Herkommen, die ein 18 mal
größeres Kolonialreich kultivieren? Trotz aller dieser Hindernisse kann die Initiative der französischen Regierung durch eine straffe organisatorische Zusammenfassung der kolonialwirtschaftlichen Interessen der Idee des „größeren Frankreich" einen wichtigen praktischen Dienst leisten.
Anfänger fallen auf die Nase...
Aus einem Gchilager des Jungvolks.
Als wir in Bad Flinsberg aussteigen, war noch nicht viel von dem Schnee zu sehen, den wir so sehnsüchtig erwarteten. Sollten die schlechten Wetterpropheten unten im Lande recht behalten? Aber der Himmel war bleigrau und leise rieselte es herab, kleine weiße Flocken. Immerhin etwas Schneel
Ein Bauer wies uns den Weg: die steile Jfer- straße hinauf, über den Kamm und dann nach Groß-Jser, hart an der böhmischen Grenze.
„Der Anfang i st das st e i l st e —", sagte der biedere Mann. Schon nach den ersten paar hundert Metern wurde uns heiß, und der Affe begann gewaltig zu drücken — der „Anfang" wollte und wollte nicht aufhören, die Straße wurde immer noch steiler.
Aber je höher wir kamen, um so kälter wurde es auch und dann kam Schnee — wirklicher, tiefer Schnee. Er grüßte von den steilen Hängen und von den hohen, alten Tannen.
Auf der halben Höhe trafen wir einen Schlitten, den zog die brave „Lotte" — nun schon jahraus, jahrein —, und es tat der Braven nichts, auch noch unsere Affen mitzunehmen.
Oben auf dem Kamm schlug uns ein eiskalter Schneesturm entgegen, daß uns der Atem verschlug, — es war, als wollte uns der Winter wehren, in sein Reich einzudringen.
Wir lachten dem Sturm ins Gesicht und freuten uns des weißen Schi-Paradieses Groß- Jser. Hinter dem Kamm ging es dann in leichter Fahrt hinab zu unserem Schihof, der Jugendherberge.
Am nächsten Tage rückten die Jungen an. Verschneit und mit frischroten Gesichtern, viele schon die Brettl untergeschnallt. Was war das für ein Begrüßen und Fragen und welche Freude, daß wir endlich Schnee haben. In kurzer Zeit ist jeder auf seiner Bude untergebracht und kann sich dort für zehn ereignisreiche Tage einrichten. Die Stubenältesten sehen noch einmal alles durch — und dann: „Um 6 Uhr antreten zum Essen!"
Rach dem Abendessen — die Jungen schlafen — sitzen wir noch mit den Zugführern und Stubenältesten zusammen. Der D i e n st p l a n wird durchgesprochen, die Lagerordnung bekanntgegeben. Das ganze Lager wird unter dem Zeichen kameradschaftlicher Erziehung stehen.
Am frühen Morgen — draußen ist es noch dunkel — gellt ein Pfeifensignal durchs Haus und dann die Stimme des Sepp: „Aufstehen!" — Langschläfer gibt es nicht. Blitzschnell ist jeder draußen und das poltert und tobt die engen Treppen hinab — und hinein in den kalten Schnee. Das wird eine frische Morgenwäsche, die treibt die letzte Müdigkeit hinweg. Dann wieder hinein ins warme Haus. Unter der Anleitung von Sepp werden zum ersten- mal die Schier gewachst — werden Bindungen angepaßt und überprüft.
Um 8 Uhr — „Antreten zur Flaggenparade!"
Es war nicht leicht, jedem Schier zu besorgen, — denn die Jungen, die aus dem flachen Lande kamen, hatten fast alle keine mitbringen können. Aber es war nun geschafft: das große Laufen und Fallen, — das Zerbrechen und Verlieren konnte beginnen.
Zuerst einmal wurde das Lager in drei Gruppen aufgeteilt: die Fortgeschrittenen, — die fortgeschrittenen Anfänger — und d i e Anfänger, das waren die meisten.
Sepp nahm die erste Gruppe und prüfte sie gleich auf Mut und Können. Zuerst einmal am Uebungshang, dort, wo er am steilsten war. Sie hatten es nicht leicht — aber ihnen winkte herrlicher Lohn: schon am Nachmittag hinaus ins freie Gelände.
Ihre Nachbarn waren die Anfänger, die an der harmlosesten Stelle des Hanges — von Wolf betreut — ihre ersten Gehversuche machten. Fast die Hälfte des Lagers tobte hier herum. Gefroren hat keiner; denn so leicht es den Hang hinunterging (oft plötzlich auf dem Rücken), so müselig wurde vielen der Aufstieg, — der Schweiß floß in Strömen. Die Kleinsten waren die Flinksten. Die konnten lachen — man merkte ihnen die diebische Freude an — wenn sie zusehen konnten, wie ihr Jungbannführer sich quälte, der das erstemal Bretter unter den Füßen hatte. Aber schließlich näherte man sich doch dem Zustand der „Fortgeschrittenen". — Schneepflug und Stemmbogen wurden geübt und bald mehr ober weniger gekonnt. So hatte der Hang bann seine Tücken verloren, bie Brettl mußten gehorchen — unb bie Küken würben flügge.
Derweilen zog Allan mit ber Mittelgruppe im Gelänbe einher — um sie erst einmal damit etwas vertraut zu machen. Oben, an dem großen Hang, gleich hinter der Schule, konnte man ihre Leistungen bestaunen.
Jetzt werden bie Jungen mit jebem Tag besser unb sicherer. Schön wirb es ja erst, wenn es vom Uebungshang weggeht — brüben in ben Wald hinein.
Lautlos ziehst bu beine Spuren burch ben leuchten- ben Schnee — ein kleiner Aufstieg unb bann bie lange Schneise hinab. Immer wilber wirb bie Fahrt — wie ber Winb so frisch um bie Ohren saust unb wie bas Blut hämmert unb schlägt. Manchmal liegt einer plötzlich mit ber Nase im Schnee — alles lacht, was tut es schon. Doch neulich kam ber gute Ossi von so einer Fahrt zurück — mit traurigem Gesicht: „Die Spitze weg ..." Aber bas gehört nun einmal bazu — unb zimperlich finb unsere Jungen überhaupt nicht, auch wenn es mal eine kleine Beule gibt.
Immer größer werben bie Fahrten. Bald behnen sie sich über ben ganzen Tag aus. Hinüber ins Riesengebirge — zum Reifträger, zur Schneekoppe. Hart an ber Grenze entlang unb manchmal hoch über ben Wolken. Wie oft scheint oben bie Sonne — unten im Tal aber ziehen bichte Wolkenmassen.
Ober es geht hinauf zum Heufuber, ben fturm- umheulten Jserkamm entlang. Gewiß — für Schwächliche unb Stubenhocker ist hier oben kein Platz. Hier ist nur ein Leben für frische, mutige Kerle — bie auch einmal etwas erzwingen können.
Einige müssen aber immer im Hause bleiben, — bas ist ber „Küchenbien st", ber nicht unterschätzt werben barf. Da gibt es Kartoffeln zu schälen unb Brote zu schmieren für sechzig hungrige Jungen. Wenn bie mittags roieber angesaust kommen — bann finb im Tagesraum schon bie langen Tafeln gebeckt unb bie Schüsseln bampfen.
Nach bem Essen ist Freizeit. Da liegt man auf seiner Bube — liest, schreibt ober schläft. Dort finb ein paar zusammen, bie haben sich noch so viel zu erzählen. Jrgenbwo klingt ein Schifferklavier ober brummt eine Klampfe.
Der Nachmittag ist kurz; benn es wirb früh bun- kel. Um fünf Uhr stehen bie Jungen roieber ange-
Sie leben noch...
Von Friedrich Freksa.
Wem ist's noch nicht passiert, baß bei einem Geschäftsnachmittag in ber Stabt plötzlich eine Stunbe leer lief, weil ber Gegenspieler abberufen war, sich verspätet hatte ober eine Sitzung über- raschenb schnell beenbet war?!
Früher trank man in bieser Zwischenzeit ein Glas Bier ober ein Glas Wein, heute nimmt man eine Kinoaufführung zu sich. Man schluckt mit ben Augen statt mit bem Munb. — Unb so geriet auch ich kürzlich in irgenbeinen Film, ohne bas Programm vorher anzusehen; benn ich liebe Überraschungen. Plötzlich ftanb ba auf ber Leinwand Hansi Niese! — Tags zuvor hatte ich in der Zeitung von ihrem plötzlichen Tod in Wien gelesen. Das Ereignis hatte mich tief erschüttert, denn ich hatte Hansi Niese geliebt und persönlich gekannt. Aber dort oben lebte sie und sang mit Jakob Tiedtke zusammen ein Lied von der Jugend. Und auf einmal wandelte sich das Theater, ich saß in Salzburg in einem Kaffeehausgarten an der Salzach, und Hansi Niese kam, mit einem Strohhütel auf bem Kops. Vor bem Krieg war es, Sommer war es, unb bas Leben war jung.
Ihr Leib ruht nun in ihrer Gruft in Wien, aber ihr Abbilb spielt auf ber Leinwanb mit allem Temperament unb allem Können unb all bem guten echten Gefühl, bas sie uns so liebenswert machte.
Ja, wir kennen bie Wunber unserer Zeit noch gar nicht recht. Wir spüren noch nicht, was uns biefe Erfinbung gegeben hat. Das alte Dichterwort ist wiberlegt, bie Nachwelt kann bem Mimen Kränze roinben, bie Leistung bes Schauspielers lebt weiter.
Am nächsten Tage sah ich bei einem fliegenben Buchhänbler Bücher angepriesen für zehn Pfennig bas Stück. Wer Bücherfreunb ist, kann es nicht lassen, er greift in bie verstaubten Bänbchen hwem. Unb so zog ich heraus bas Büchlein „München , das mein Freunb Josef Rueberer, ber Dichter ber Lustspiele „Morgenröte" unb „Fahnenweihe , anno 1907 geschrieben hatte. Ich weiß noch, wie sie in München bie Köpfe schüttelten über ben Rueberer- Josef, ber sie roieber einmal berbleckt hätte. Ein Bänbchen, auf gutem Papier, nicht ausgeschnitten, zehn Pfennig! Ich nahm es, lief bamit in ben Tiergarten, setzte mich auf eine Bank unb schlug es aufs Geratewohl auf. Unb bie von einer starken Menschlichkeit gefärbten Sätze sprachen so unmittelbar zu mir, baß ich bas rauhe Organ bes großen Spötters Rueberer zu hören vermeinte. Aber was war bas? Dcr stanben diese Sätze — er spricht von
ber Münchner Dult, von ben Buchverschleißern —: „Hier künben vergilbte Schmöker bas Enbe ber Weisheit, unb hier enbet auch auf einmal mein Buch. — Drüben beim Pfarrhof, wo bie, Antiquare eine geschlossene papierene Phalanx gegen allzu heftiges Drängen errichtet haben .Zehn Pfennig', höre ich im Geist einen Käufer sagen, ,mehr geb ich nicht.' Und schließlich nimmt ers halt doch In Gottes Namen für fünfzehn." — Und justament für zehn Pfennig hatte ich's gekauft. Und ich glaubte den zum Lachen verzogenen Mund und die fröhlich aufgerissenen blauen Augen des alten Freundes vor mir zu sehen.
Was für ein Wunder ist das Buch! Lebendig bleibt in ihm ein Mensch, ber mit uns gelebt hat.
Anno 12 war es, als in ber Kunstwelt Münchens eine große Aufregung herrschte. Herr v. T s ch u b i hatte für 160 000 Mark Leibis berühmtes, lange verschollenes Jugenbporträt, bas Bilb ber Frau von Gebon, zurückgekauft, und nun hing es zur Bewunderung für alle in der Pinakothek.
Ich war zur außergewöhnlich frühen Morgenstunde Angegangen und fand doch einen alten Herrn vor dem Porträt, einen bekannten Künstler. Unb er ftanb ba unb meinte. Als ich zu ihm trat, fuhr er zusammen, wischte schnell bas Gesicht ab. „Ent- schulbigen Sie", sagte er, „aber wie sie so basitzt, ist's als ob's gestern gewesen wär, unb es war doch damals anno 70 grat) vor dem Krieg, als sie gemalt wurde!"
Und er erzählte mir, wie der fünfundzwanzig- jährige Wilhelm Leibl an dem Bilde gearbeitet hatte' Er und der Leibl-Wilhelm waren beide in die schöne Frau verschossen, wie halt junge Leute sich in junge, schöne Frauen verschießen Und der Leibl hatte sehr lange an bem Bilb gemalt in feiner altmeisterlichen feinen Art. Ganz roilb war er geworben, weil nach zwei Monaten bie Frau anbers ausschaute, als er sie angelegt hatte. Er hatte gar nicht gemerkt, baß biefe Frau ba vor ihm sich ver- änbern mußte, weil sie ein Kinb erwartete. Unb das Bilb kam 1870 auf bie große Ausstellung in Paris unb erhielt bie golbene Mebaille unb warb für eine außerorbentlich hohe Summe, bie bas Künstlerleben Seibis sicherstellte, verkauft an einen Schloßherrn ber französischen Provinz, lieber ein Menschenalter blieb es nach bem Kriege verschwun- ben, bis es roieber erschien auf einer Pariser Auktion. Unb bie schöne, luftige unb so vornehme, reine Frau von Gebon, bie bie ganze Künstlerwelt Münchens verzaubert hatte, war zurückgekehrt nach München, unb ihr Jugenbzauber beftanb weiter, trotzbem sie selbst längst in jener anberen Welt weilte,.Ist das nicht ein Wunber?
Die Menschheit wirb nicht gebilbet burch die Leben- ben allein. Viel stärker wirken bie Toten weiter, als ber harmlose Mensch ahnt unb benkt. Es gibt in ber großen nordafrikanischen Wüste, ber Sahara, Flüsse, bie einst bas Lanb burchrauschten, aber dann versunken finb. Soll irgenbroo Fruchtbarkeit gebeihen, muß ber Brunnenschacht geschlagen werben zu biesen versunkenen Flüssen, unb bann erwächst aus der Wüste eine Fruchtbarkeitsinsel, die Oase, ein Gedenken an diese alte, glückliche Zeit, da um den Fluß Fruchtbarkeit herrschte.
Und so ist's mit einem Volk. Unter ber Rasse ber ßebenben rauschen bie Flüsse ber Vergangenheit. Sprubeln sie aus auf ber Tiefe, bann glauben wir, es geschehen Wunber. Aber es ist boch bas. gleiche Leben, bas uns mit ben Toten oerbinbet, es ist die Lebensreihe bes ganzen Volkes!
Hahnemann — ein Lebensroman.
Die unbestreitbare Tatsache, daß das Leben immer noch — ber gesamten Romanschriftstetterei zum Trotz — bie besten Romane schreibt, bewahrheitet sich wieder einmal an dem Lebenslauf des berühmten Homöopathen Hahnemann. In Meißen als Zeitgenosse von Goethe geboren, wurde Hahnemann Arzt. Die Praxis allein befriedigte ihn nicht, er begnügte sich nicht mit seinem auf der Universität erworbenen Wissen, sondern versuchte in das Wesen der Krankheiten, die er behandelte, einzudringen. Er stellt fest, daß eine kleine Dosis eines Mittels eine größere Wirkung haben kann als eine große, unb baß eine allerkleinste Dosis bie allergrößte Wirkung hervorzurufen vermag. Er kommt zur Erkenntnis, baß man ein Leiden burch Hervorrufen eines anderen oder gar durch dasselbe bekämpfen kann. Mit solchen Anschauungen zog er sich die Gegnerschaft der damaligen Schulmedizin zu. Nirgends ist es ihm möglich, recht Fuß zu fassen. Mit seiner kleinen, aber rabiaten Frau Henriette und elf Kindern irrte er von einer Stadt zur andern. Sein Lebensweg führt ihn über Dessau, Gommern, Torgau, Dresden und Hamburg nach Leipzig. Hier in Leipzig wünscht Fürst Schwarzenberg, der Sieger von Leipzig, von dem 60jährigen Hahnemann behandelt zu werden. Zu diesem Zweck war der schwerleidende Fürst aus Wien dorthin gereift, da die Homöopathie in Oester- reiech streng verboten war. Hahnemann konnte ihm nur eine Erleichterung des Leidens verschaffen. Bald starb der Fürst, und der Homöopath muß wieder fein Ränzel schnüren, da seine Gegner ihm den Aufenthalt in Leipzig unerträglich machten. Er ließ sich in Köthen nieder und hier scheint er endlich Ruhe zu finden. Hier stirbt [eine Henriette nach siebenundvier
zigjähriger Ehe, von seinen erwachsenen Kindern bleibt nur noch seine Tochter Luise bei ihm unb pflegt ihn bis zu seinem achtzigsten Jahr. Da erscheint eines Tages eine vornehme Dame aus Paris in Köthen, um den Herrn Hofrat Hahnemann, dessen Werk „Organon" sie begeistert hat, kennenzulernen. Melanie d'H e r v i l l y erscheint bald täglich bei dem Alten, der von ihrem Liebreiz entzückt ist und nach drei Monaten heiratet er die Pariserin. Mit seiner jungen schönen Frau siedelt er nach Paris über, darf dort sogar praktizieren, kommt mit den größten Geistern der damaligen Zeit zusammen und verlebt so noch acht wunderschöne Jahre. Als er stirbt, kann sich Melanie nicht entschließen, seine Leiche der Erde zu übergeben. Sie läßt sie einbalsamieren, um sie noch eine Weile im Hause haben zu können. Viele Jahre später wird sie im gleichen Grabe auf ihren Wunsch beigesetzt, damit, wie sie in einem lateinischen Vers ausdrückt, ihre Asche sich mit der feinigen vermische. Als man 1898 das Grab öffnet, um bie sterblichen Reste Hahnemanns in ein Ehrengrab überzuführen, finbet man um ben Hals des Toten eine Flechte blonben Haares, bie ihm Melanie mitgegeben hatte.
»Da stimmt was nid)f*.
Da stimmt in ber Tat verschiedenes nicht, wir konnten bas schon feststellen, als wir vor geraumer Zeit hier im Theater bas Lustspiel sahen, nach bem bie Europa eine nette unb harmlose Abenbunter- haltung auf bie Leinwanb gezaubert hat. Hans H. Zerlett schrieb bas Drehbuch unb führte Regie; er sorgte bafür, daß bas roilbe Durcheinanber bieser hochstaplerischen Hochzeitsgeschichte in einem erfreulich angemessenen Tempo abrollt. Viktor be Kowa macht mit scharmanter Frechheit ben als Chauffeur oerfieibeten, waschechten Baron von Weiningen, Paul Linbemann ben ebenso waschechten Hei- ratsschwinbler unb ehemaligen Chauffeur in ber Maske bes Barons. Abele S a n b r o cf unb Ralph Arthur Roberts in zwei bewährten Lustspiel- rollen von grotesker Komik. Lizzi Holz schuh ist bas btonbe Fräulein mit ber abenteuerlichen Hochzeitsreise, bie sich am Ende bei der großen Demaskierung doch noch zum Guten wendet. Vom Ensemble seien Elga Brink, Hans 91 e r f in g und Willy Schaeffers genannt. Die Musik dazu schrieb Eduard K ü n n e ck e, den wir aus der Operette kennen. Im Beiprogramm sieht man neben der neuen Wochenschau einen interessanten Tierfilm unb ein Kurztonlustspiel: das Ganze seit gestern im Lichtspielhaus.


