Einzelbild herunterladen

m.m Zweites Statt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Dienstag, 2t Mai M5

Gesundheitsführung im neuen Mich

Eine Unterredung mit Michsinnenminister Dr. Krick

KHFFEE HflG

t^'unnto« x

cct; ;ih

JoeitP,

fter, in welcher Form und in welchem Umfange die Einrichtungen des öffentlichen Ge­sundheitsdienstes durch das Gesetz oom 3. Juli 1934 umgestaltet werden, und welche Aufgaben in Zukunft die nach diesem Gesetz zu er­richtenden Gesundheitsämter zu erfüllen haben?"

Der Minister:Das Gesetz bringt eine Ver­einheitlichung des Gesundheitswesens inso­fern, als, zunächst in der unteren Verwaltungs­behörde, der öffentliche Gesundheits» d i e n st, der bisher teils von den staatlichen Ge­sundheitsbeamten, teils von den Aerzten der Kreise und Gemeinden ausgeübt wurde, einheitlich z u sammengefaßt wird, und zwar in Gesund­heitsämter, die in Anlehnung an die Behörden der inneren Verwaltung unter ärztlicher Leitung eingerichtet werden. Der größere Teil von ihnen wird eine staatliche Einrichtung, die übri­gen bleiben Einrichtungen des betreffenden Kreises, auch diese führen jedoch ihre Aufgaben als Auf­tragsangelegenheiten des Reiches durch.

Die Aufgaben selbst umfassen zunächst diejenigen, die die staatlichen Amtsärzte bereits bisher in der Gesundheitspolizei geleistet haben, ferner die ärztlichen Aufgaben der gesundheitlichen Für- und Vorsorge, die bisher von den verschiedenen Trägern und in ganz verschiedenem Umfange durchgeführt wurden. Auch die gerichtsärztliche Tätig­keit geht auf die Gesundheitsämter über. Außer­dem ist auch die Erb - und Rassenpflege ein Hauptbetätigungsfeld der Aemter und damit der aufbauenden Bevölkerungspolitik. Dem gleichen Ziel dient die ihnen in Zukunft obliegende Pflicht zur Mitwirkung bei den ärztlichen Maßnahmen für Körperpflege und Leibesübung. Mit diesem Aufgabenkreis wird das Gesundheitsamt in den Mittelpunkt aller Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitsdienstes gestellt zwecks Erhaltung und Förderung der Volksgesundheit und zwecks Durch­führung einer einheitlichen und zielbewußten Ge­sundheitspflege im Reich. Die Gesundheitsämter werden diese große Aufgabe aber nur erfüllen kön­nen, wenn sie ihre Arbeit im Einvernehmen mit der

In einer Unterredung mit unserer Mitarbeiterin Frau Paula S i b e r machte Reichsinnenminister Dr. Frick Ausführungen zu allen gesundheits­führenden und gesundheitsfördernden Maßnahmen des nationalsozialistischen Staates. Anknüpfend an die mit ungeheurem, weit über die Grenzen Deutsch­lands hinausgehenden Erfolg soeben beendete Aus­stellungDas Wunder des Lebens", welche der Schirmherrschaft des Reichsinnenministers unterstand, erbat die Fragestellerin Auskunft über die enge Verbundenheit aller Dinge des Lebens mit der Arbeit des Reichs- und Preußischen Mini­steriums des Innern. Die breite Öffentlichkeit ist geneigt, in dem Reichs- und Preußischen Ministeri­um des Innern schlechthin das deutsche Verwaltungs­ministerium zu sehen. Es dürfte daher von größtem Interesse sein, zu erfahren, wie weit über diesen bekannten Aufgabenbereich hinaus gerade auch die Gesetze des Schutzes und der Pflege des Lebens und der Familie einen besonderen und wesentlichen Teil der Arbeit dieses Ministeriums bilden.

Frage:Darf ich zunächst auf das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses zu sprechen kommen? Es wird zwar sehr viel von diesem Gesetz gesprochen, aber es sind doch immer noch mancherlei irrtümliche Meinungen darüber ver­breitet. Ich wäre Ihnen daher sehr dankbar, wenn Sie mir mitteilen würden, von welchen Grund­gedanken die Reichsregierung bei dem Erlaß eines Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses ausgegangen ist?"

Der Minister:Das Gesetz zur Verhütung erb­kranken Nachwuchses entstand aus der Erkenntnis heraus, daß infolge der Fortschritte ärztlichen Wis­sens und Könnens und einer Ueberspannung der öffentlichen Fürsorge eine große Anzahl Personen zur Vererbung und Verewigung ihrer schweren Leiden kamen. Daraus ergibt sich aber ferner eine allmählich mehr und mehr steigernde Belastung der gesunden und schaffenden Volksgenossen,die alle diese Fürsorgeausgaben aufzichringen haben. Die nationalsozialistische Regierung hat in Verfolgung der alten Forderung, daß Gemeinnutz vor Eigen­nutz gehen muß, durch Verabschiedung des Gesetzes dem Gedanken Ausdruck verliehen, daß es unver­antwortlich ist, krankhafte Anlagen auf die Nachkommenschaft weiter zu vererben. Von denjenigen Erbkranken, die zu einem gesunden Denken in der Lage sind, erwartet sie, daß sie von selbst den Antrag auf Unfruchtbar­machung stellen. Bei denjenigen, die sich nicht zu diesem vermeintlichen Opfer entschließen können, sei es, daß sie ihr individuelles Wohl über das Wohl des Volkes stellen, oder daß sie überhaupt nicht in der Lage sind, sich zu einer höheren ethischen 'Lebensauffassung durchzuringen,soll der Antrag von

jeizt in der luftleeren Dose

stets frisch wie am Tage der Röstung

anderer Seite gestellt werdey. Die Regierung weiß, daß der einzelne nicht schuld an seiner Erbkrankheit ist und hat vor denen, die freiwillig den Antrag stellen, die größte Achtung. Die Einsicht dieser Leute würde aber unwirksam werden, wenn nicht für einen Ausschluß der nicht einsichtigen Erbkranken von der Fortpflanzung gesorgt würde."

Frage:Wie ich aus Ihrer Antwort, Herr Minister, entnehme, will die Reichsregierung durch das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses erbkranke Personen von der Fort­pflanzung ausschließen. Da hierdurch die Geburtenzahl herabgesetzt wird, muhte die Regierung als Ausgleich hierfür auf eine stärkere Fort­pflanzung in den gesunden Familien bedacht sein."

Der Minister:Sie haben ganz recht, Frau Siber. Die ausmerzenden Maßnahmen des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses können nicht das A und O einer gesunden Bevölkerungspolitik sein. Die Hauptsache ist, daß die erbgesunde, deutsche Familie eine Aufbesserung ihres Nah­rungsspielraumes erhält, die es ihr ermög­licht, mindestens drei oder vier Kinder großzuziehen. Wenn die ausmerzenden Maß­nahmen zunächst in den Vordergrund des Interesses getreten sind, so lag das daran, daß hier der Anfang zu machen war. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich behaupte, daß die Förderung der erbgesunden, kinderreichen Familie das wichtigste Problem des nationalsozialistischen Staates sein muß. Durch einen Ausgleich der Familien- l a st e n muß erreicht werden, daß der Kinderarme oder Ledige keinen Vorteil vor dem Kinderreichen hat. Wer selbst dem Staat keine Kinder schenkte, soll wenigstens zum Unterhalt der übrigen Kinder des Volkes beitragen, da sie ja den von ihm verursachten Ausfall der für die Be­standerhaltung notwendigen Kinderzahl ausgleichen müssen.

Inzwischen haben wir uns sckon immer für die Belange der Kinderreichen eingesetzt und viele ihrer Forderungen, die vor Jahren unerfüllbar erschienen, verwirklicht. Eine nicht unerhebliche Entlastung der Kinderreichen konnte durch die Steuer­reform erreicht werden. Ferner darf ich an die Einführung von F a m i l i e n l ö h n e n bei der Post und Reichsbahn erinnern. Von den sonstigen Vergünstigungen will ich u. a. auch auf die Fahrpreisermäßigung für Kin- d e r r e i ch e Hinweisen."

Frage:Neben der Betreuung, die in Ihrem Ministerium die erbgesunde, kinderreiche Familie erfährt, ist ein anderer Großteil aller Arbeit im Dienst des Lebens eines Volkes auf die 'Ueber- wachung, Pflege, Förderung und den Schutz des Lebens selbst gerichtet. Darf ich fragen, Herr Mini­

als er endlich seinen Abschied erhält, sich vor König Georg weigert, die britischen Orden anzulegen.

Vielleicht ist aus diesem Schuldgefühl heraus sein Untertauchen nach dem Krieg zu erklären. Legenden wollen zwar wissen, daß Lawrence i m geheimen Auftrag die Religionskämpfe in Indien geschürt und in Aegypten die Bewohner gegen die Regierung aufgewiegelt hat. Mun mun­kelte sogar, Lawrence sei s ch o n l ä n g st t o t und die Regierung bediene sich sehr geschickt seines von mystischem Glanz umgebenen Namens. Wahr ist jedoch, daß der ehemalige Wüstenreiter bei der Luftwaffe und den Tanks gedient hat, als einfacher Soldat Roß und später als T. E. Shaw. Sehr zurückgezogen und bescheiden lebte in in seinem kleinen Landhaus, sein einziges Vergnügen fand er darin, in seiner freien Zeit mit rasender Ge­schwindigkeit auf seinem Motorrad durch das Land zu fahren ...

Armee hat sich, geschlagen, zurückgezogen, während die kleine deutsche Schar nicht an die Flucht denkt: Heber tausend Meilen waren sie von ihrer Heimat entfernt, sie mußten jegliche Hoffnungen aufgeben, niemand war da, um ihnen den Weg zu weisen; versagen konnten in dieser wahnwitzigen Lage auch die unerschütterlichsten Nerven. Ihre Reihen hiel­ten jedoch stand, bewegten sich durch den türkischen Schiffbruchstamnel wie Panzerschiffe, hochgemut und verschlossen. Wurden sie angegriffen, machten ie Halt, nahmen Sicht, feuerten dem Befehl ent- prechend. Ohne Uebereilung, ohne Auseinander- etzung, ohne einen Augenblick zu schwanken. Sie waren herrlich!"

Während Lawrence seine kleine Truppe zu schö­nen Erfolgen führt, spürt er immer deutlicher, daß seine Regierung ihn verläßt. Er sieht voraus, daß die den Arabern gegebenen Versprechungen nie­mals gehalten werden, und diese Treulosigkeit beschwert sein empfindsames Gewissen. Der Trotz gegen die Regierung geht soweit, daß er später,

Nachdem Oberst Lawrence, stets eine bei- nahe sagenhafte Gestalt, die Abenteuer und Gefah­ren seiner Arabien-Zeit glücklich überstanden hatte, fiel er vor ungefähr einer Woche einem ganz un- romantischen Motorrad-Unfall zum Opfer, dem er jetzt erlegen ist. Noch dieses letzte Er­eignis im Leben des Obersten wurde mit einem Geheimnis umgeben, so wie der ganze letzte Abschnitt des Abenteurers in Dunkel getaucht war.

Lawrence war ein Selfmademan von reinstem Wasser. Da seine Eltern mittellos waren, durch­lief er eine einfache Schule und erwarb sich durch hartnäckigen Fleiß eine Freistelle an der Uni­versität Oxford. Er ist nach vielen Seiten hin interessiert, besucht mittelalterliche Burgen und wird ein Meister im Schießen unb Segeln. Körperlich sehr abgehärtet, fällt es ihm dann leicht, nachdem er ein Stipendium erlangt hat, jahre­lang in Syrien in spartanischer Dürftigkeit herumzustreifen. Er versteht es, sich rasch bei den Arabern einzuleben, in ihren Zelt zu wohnen und ihre Sprache zu erlernen. Er erfährt ihre Stam- mesgeschichten und weiß über ihre Zwistigkeiten Bescheid. Sein fabelhaftes Gedächtnis behält alle diese Einzelheiten, und so wird er einer der besten Kenner Arabiens überhaupt und ganz dazu geschaffen, einen Auftrag auszuführen, wie er ihn später von den englischen Militärbehörden erhält.

Nachdem er den englischen Archäologen W o o l - l e y bei feinen Ausgrabungen unterstützt und sich selbst sehr intensiv mit ältester Keramik und den Hettitern befaßt hat, geht er bei Ausbruch des Weltkrieges als Kriegsfreiwilliger nach Kairo. Man traut dem nachlässig gekleideten und überaus jung wirkenden Archäologen T. E. La­wrence keine soldatischen Fähigkeiten zu, doch wirken sein eigenartiges Wesen, seine vollständige Bedürfnislosigkeit er kennt keine Frauen und ist weder dem Tabak noch dem Alkohol ergeben und das Fehlen jeglichen Ehrgeizes irgendwie an­ziehend auf K i t ch e n e r , der ihn schließlich als Unterleutnant nach Syrien schickt. Hier beginnt er, feine große Sendung zu erfüllen, die Arader gegen d i e Türken aufzuwiegeln und sie den Alliierten in die Arme zu treiben. Es geht ihm dabei nicht um eine Machterweiterung Eng­lands, er sieht nur ein unterdrücktes Volk, für dessen Freiheit er sich mit dem eigenen Leben einsetzt.

Ein hervorragender Menschenkenner, findet er in dem Sohn des Scherifs von Mekka, dem genialen Feisal, den Führer Arabiens und beschließt, mit ihm zusammen zu arbeiten. Er schafft sich eine eigene Kriegskunst f ü r d i e Wüste, schafft sie aus dem Nichts heraus, beweist sich als mili- täri^hes Genie. Seine Aufgabe ist, die türkischen Armeen in langsamer Arbeit zu zermürben. Es steht ihm fetn Heer zur Verfügung, er darf keine Schlach­ten wagen. Seine Taktik baut sich auf eine kleine, bewegliche Truppe auf, die schnell und sicher Streif­züge unternimmt, immer wieder die Eisenbahn nach Medina überfällt, die Gleise sprengt und die Züge beraubt. Die Beweglichkeit der Truppe wird dadurch noch erhöht, daß jeoer Krieger auf sich selbst gestellt werden kann. Die ersten Erfolge sprechen für Lawrence, und viele Häuptlinge schließen sich Feisal an.

Noch viel eher würde Lawrence zum Ziel kom­men, wenn ihm das Hauptquartier in Kairo nicht dauernd Schwierigkeiten in den Weg legte. Diese Beschränkung vonseiten der eigenen Vorgesetzten zer­mürbt ihn außerordentlich. Dennoch besteht er auch in den härtesten Anspannungen. Die sommerliche Glut in der Wüste und die eisige Winterkälte fordern viele Opfer. Gewagte Erkundungsritte, rasche An­griffe müssen unternommen werden. Lawrence stählt feinen Körper, daß er Durst und Gefahren und übermenschliche Strapazen aushält und sließlich Größeres als seine Beduinen leistet.

Sein persönlicher Einfluß auf die Araber ist un­gewöhnlich. Zwar hat er sich in Gewand und Lebensweise den Wüstensöhnen angeglichen, aber in seinen blauen Augen, dem blonden Haar und der hellen Haut läßt sich sein Europäertum nicht verleugnen, ebensowenig wie er in der suggestiv wirkenden Ruhe und Bestimmtheit seines Wesens, mit der er den arabischen Kriegern gegenübertritt und ihre Streitigkeiten schlichtet. Don einer aus- gewählten, ihm blindlings ergebenen Leibwache begleitet, kann er es wagen, den Türken zu trotzen, die 20 000 Pfund Sterling auf feinen Kopf gefetzt haben.

In feinen Erinnerungen erwähnt Lawrence auch einmal die deutschen Gegner. Die türkische

Oberst Lawrence, Abenteurer und Gentleman

Legende und Historie um ein bewegtes Leben.

Der Leopard von Madukani.

Von C. W. Strach.

Arn Rande des Magarasurnpfes habe ich mein Jagdzelt aufgeschlagen, um hier noch mein zweites Nashorn zu schießen, das mir auf den großen Jagdschein zusteht. Mein Auto ließ ich in Madukani beim Häuptling Michael zurück und bin nur mit wenigen Trägern zu Fuß bis an den Sumpfgürtel vorgedrungen. Michael ist ein schwarzer Gentleman, bei dem eine Flasche Feuerwasser reiche Zinsen für mich trägt. Jedesmal gibt er mir als Dank und Gegenleistung zehn bis zwanzig Träger seines Stammes, die meine Lasten bis an den Gürtel der fieberheißen Magarafürnpfe tragen oder mit mir die schroffen Steinhänge der Bruchstube hinauf­kraxeln. Meine Autos sind bei ihm in bester Hut.

Auch diesmal habe ich Michaels Stammesange­hörige bei mir, passionierte Jäger, Naturburschen, die selbst die verschlungenen Wildpfade durch den unheimlichen Sumpf kennen und froh sind, daß sie nun reichlich Wildbret 3ur Verfügung haben werden. Ich befriedigte ihren Appetit durch einige Wasser­böcke, die hier häufig Vorkommen. Bei jedem Pirsch­gang stoße ich auf das schöne, scheue Wild.

Am zeitigen Morgen des dritten Tages breche ich wieder auf, um die einwechselnden Nashörner noch abzuschneiden, bevor sie wieder in das Laby­rinth der Papyrusstauden und Schilfstengel ziehen. Doch nur Kühe und schwächere Bullen kommen mir schuhgerecht, ein alter Bulle, wie ich ihn suche, ist nicht dabei.

Müde kehre ich gegen acht Uhr in mein Zelt zurück. Schon von weitem sehe ich viel Volk in meinem kleinen Lager versammelt. Eine Abordnung von Michael ist eingetroffen und berichtet mir, daß ich sofort nach Madukani kommen möchte, da der Leopard, der in den letzten Wochen fast jede Nacht die Ziegen und Schafe der armen Wambugwes wegholte, verfolgt worden sei und sich in einen riesigen Kugelstrauch am Rande der Buchsteppe ein­geschoben habe. Der Strauch selber sei im weiten Kreise von Michaels Getreuen umstellt.

Verflogen ist alle Müdigkeit nach der anstrengen­den Pirsch, einen Becher voll Kaffee schütte ich hin­unter, fülle die Feldflasche und wenige Minuten später schreite ich mit den Boten durch die sonnen- durchglühten Steppen auf Madukani zu. Nach drei­stündigem Marsche erreiche ich die armseligen Hüt­ten der Steppenneger.

Bald hinter der Negersiedlung kommt mir schon Michael entgegen, der den Schlachtplan gegen den

räuberischen Leoparden bis dahin selber geleitet hatte. Er versichert mir, daß der Leopard noch in dem einzelnen Kugelstrauch stecke, und ich brauche nur zu kommen, um ihn zu schießen. Von weitem schon sehe ich eine aufgeregte Volksmenge um einen verwachsenen Strauch der Riesenmimvse im großen Kreise stehen. Von dem Grundsatz ausgehend, daß die Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit sei, hatten die braven Wambugweleute eine respektvolle Entfernung zwischen den Mittelpunkt und den Rand des Kreises gelegt. Mit Speeren, Buschmessern und ähnlichen Mordinstrumenten ist das schwarze Volk bewaffnet. Freudig werde ich von der kriegerischen Schar begrüßt. Wie ein Torero komme ich mir vor, als ich nun den Kreis betrete und in der Arena stehe.Angalia, broana, tschui kali kabissa" sieh dich vor, Herr, der Leopard ist sehr böse, so klingen mir die ermunternden Zurufe der Menge entgegen. Auf fünfzig Meter vor mir breitet ein verwachsener Mimosenstrauch seine Aeste und Luft­wurzeln bis auf die Erde aus, wohl zehn Meter mag das dornige Steppengestrüpp im Durchmesser haben, wie eine undurchdringliche Glocke hängt es über dem Boden. Und dort drinnen sitzt nun der Leopard! Wie soll ich die gewandte Riesenkatze dort herausbekommen? So zuckt es mir durch den Kopf. Immer enger schlage ich die Kreise um den Busch, den Stutzen entsichert im Arm, bücke mich bis auf die Erde, um nur einen kleinen Einblick in das Gewirr der Zweige und Ranken zu bekommen, doch vergebens. Endlich erscheinen einige beherzte Neger hinter mir, denen meine Büchse wieder Mut ein- aeflößt hat, umkreisen gleich mir den Strauch, legen sich lang auf die Erde, um vielleicht von unten Ein­blick zu gewinnen, aber vom Leoparden fejne Spur.

Schon zweifle ich daran, daß derTschui" über­haupt in dem Busch sitzt, und gehe bis auf dreißig Meter heran, als endlich einer meiner Neger er­schreckt vom Boden aufspringt und aufgeregt mit der Hand eine Stelle im Dornenbusch zeigt. Ich lege mich lang auf die Erde und sehe wirklich einen lichtbraunen Fleck eng an eine der starken Luft­wurzeln gepreßt. Mit dem scharfen Glas erkenne ich sehr bald die schwarzen Tupfen darauf. Tatsäch­lich, der Leopard ist noch in dem Kugelbusch. Doch alles, was ich von ihm sehen kann, ist nicht größer als ein Teller, durch eine einzige Lücke im Gezweig erkenne ich ein Stückchen Fell von ihm; welchen Körperteil ich vor mir habe, das weiß ich nicht. Um die Arena herum steht das Volk erwartungsvoll und harrt der Dinge, die da kommen sollen.

Ich zögere immer noch, ob ich aufs Geratewohl auf den kleinen Fleck schießen soll, der sich mir zeigt. Die Sache kann faul ausgehen, denn der krank­

geschossene Leopard nimmt fast immer an, und zwar mit einer solchen Schnelligkeit, daß man die zweite Kugel kaum noch zum Fangschuß los wird. Endlich entschließe ich mich den unsicheren Zufallsschuß zu wagen. Ich lege mich lang auf die Erde, nur so kann ich das tellergroße Stück vom Leoparden sehen. Zwei Neger müssen mir vor dem Büchsenlauf alle Grashalme und Hindernisse ausrupfen, damit die Kugel nicht auch noch durch einen Fremdkörper abgelenkt wird. Dann setze ich das Fadenkreuz meines Zeiß-Zielfernrohres mitten auf den kleinen Ausschnitt des angedrückten Leoparden. Kaum daß der Schuß raus ist, so sehe ich auch schon die mus­kulöse Riesenkatze wie einen Blitz aus ihrem Ver­steck schnellen, der Kreis meiner begeisterten Zu­schauer stiebt auseinander, Rufe, Schreie werden laut, der Leopard hat die freie Steppe erreicht und versucht sich mit zerschossener Hüfte in die nahe Dornensteppe zu schleppen! Meine Kugel hatte ihm beide Hüftgelenke zerschmettert, so daß er nach dem ersten Absprung nur noch verhältnismäßig langsam vorwärts kam und sich auf den Vorderpranken fort- bewegte. Im gleichen Augenblick bin ich auch schon wieder hoch, renne ein Stück um den hindernden Strauch herum und setze dem Leoparden noch einen zweiten Schuß auf die Breitseite, der ihn endgültig zusammenwirft. Noch minutenlang zuckt die sehnige, zähe Riesenkatze, ehe das letzte Leben aus dem Körper gewichen ist.

Dann trete ich heran, und mit mir stürmen plötz­lich von allen Seiten die Neger herbei. Mein Freund Michael dankt mir besonders, und der Leo­pard von Madukani hat unsere alte Freundschaft aufs neue besiegelt und befestigt.

Geschichten um Gustav Freytag.

Wir gehören zu denen, welche ein wenig für sich leben, und ein wenig für ihre Freunde, in der Hauptsache für das Volk". So schrieb Gustav Freytag einmal an Heinrich von T r e i t s ch k e, und von diesem Bewußtsein, sein Bestes für Deutschland einsetzen zu müssen, ist sein ganzes Leben und Schaffen als Dichter, Gelehrter, Jour­nalist und Politiker getragen. Der Mann, der uns in seinenBildern aus der deutschen Vergangen­heit" die beste, auch heute noch nicht übertroffene Kulturgeschichte des deutschen Volkes geschenkt hat, wurde in der schlesischen Grenzmark geboren; früh hat er die deutsche Schicksalsgemeinschaft empfun­den und seit seiner Doktorarbeit, die sich mit den Anfängen des deutschen Dramas und seiner Ent­wicklung aus den Lustbarkeiten der Menge be­

schäftigte, aus dem unerschöpflichen Quell des Volkstums geschöpft. In der Volkskunde war er einer der ersten Bahnbrecher, wie feine reiche, in Frankfurt a. M. bewahrte Flugschriften-Sammlung beweist. Aus dem gelehrten Sammeleifer ist ihm auch die Anregung zu seinem RomanDie ver­lorene Handschrift" gekommen. Er erzählt selbst in seinen Erinnerungen", als er einmalan einem kühlen Ort in Leipzig" mit dem großen Philolo­gen Moritz Haupt zusammen saß, hatte ihm dieser im tiefsten Vertrauen offenbart, daß in einer kleinen westfälischen Stadt auf dem Boden eines alten Hauses die Reste einer Klosterbibliothek lägen; es sei ganz gut möglich, daß darunter noch eine Handschrift der verlorenen Bücher des Livius stecke. Aus den Plänen, wie man einen solchen Schatz dem bewachenden Drachen, einem knurrigen alten Herrn, ablisten könne, wurde nichts, aber in Freytags Phantasie entwickelte sich daraus dis abenteuerliche Fahrt seines Heldey nach der ver­lorenen Tacitus-Handschrift. Freytag hat viel mit Sammlern verkehrt, so mit seinem Verleger Hir - 3 e I, der eine berühmte Goethe-Bibliothek zusam­mengebracht hatte. Einst besuchte der Bonner Ju­rist B ö ck i n g Hirzel und zog eine dicke Rolle aus der Tasche, die einen Schatz kostbarer, ungedruckter, aus dem Nachlaß Friedrike Brians erworbener Goethe-Briefe enthielt. Die Erlangung dieser Re­liquien aber machte Bücking davon abhängig, daß sich Hirzel gegen ihnbesser benehmen" müsse, und so mußte der Verleger dem eigenwilligen Gelehr­ten gegenüber die größte Liebenswürdigkeit entfal­ten, um ab und zu einen Brief zu erhalten, bis ihm schließlich bei einem Besuch in Bonn der lang ersehnte Rest auf einmal zufiel. Ein gutesGe­schäft" machte Freytag einmal mit dem Prager Dichter Alfred Meißner. Dieser gab in einer Gesellschaft eine Unterredung wieder, die ein be­kannter Wiener Redakteur mit einem Journalisten gehabt hatte, wobei er ihn aufforderte, aus seinem Bericht alles andere herausstreichen und nurdie Brillanten" sehen zu lassen.Ich kaufte ihm das Anrecht auf die hübsche Geschichte um einige Flaschen Rüdesheimer ab", erzählte Freytag in seinenErinnerungen",sie ist im letzten Akt derJournalisten" durch Schmock, mit der Klage des gedrückten Mitarbeiters, fast wortgetreu auf das Theater gekommen." Man muß schon eine so tiefe Leidenschaft für das unvergänalich Große in der deutschen Geschichte haben, wie Gustav Freytag sie besaß, um so ausgezeichnet nachempfundene Dar- stellung-m der Vergangenheit geben zu können, wie dieser Forscher und Dichter sie dem deutschen Volk geschenkt hat.