Ausgabe 
21.1.1935
 
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Ur.17 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffenl

Montag, 21. Zanuar 1935

Hamburger Lohngeldräuber in Oberhessen verhaftet. Festnahme im V-Zug Gießen - Frankfurt. - Flucht eines Verhafteten von Nauheim aus. Verhaftung am Bahnhof Gettenau.

Die Kriminalpolizei st eile Gießen teilt mit:

Am Samstag, 19. Januar, wurde einem Haupt­wachtmeister der Schutzpolizei der Gießener Polizei­direktion im Hauptbahnhof Gießen von einem Fahr­gast, der den um 7.53 Uhr nach Frankfurt abgehen­den D-Zug verließ, mitgeteilt, daß sich in dem Zuge zwei junge Leute befänden, die durch ihr Benehmen und ihre Kleidung auffielen; etwas würde mit den beiden nicht stimmen. Der Beamte sprang auf den schon in Fahrt befindlichen Zug und fand auch die beiden in einem Abteil vor. Nach einer voraus­gegangenen allgemeinen Kontrolle der Ausweis­papiere nahm er die beiden fest. Mittlerweile war der Zug in Bad-Nauheim angekommen, worauf der Beamte den Zug mit den zwei Fest­genommenen verließ, die zwei neue Koffer, einen neuen Koffergrammophon mit Platten, eine neue Ziehharmonika und zwei neue Aktentaschen mit sich führten.

kurz vor der Sperre drehte sich der eine um, sprang die Treppe zum Bahnsteig hoch und auf den gerade abfahrenden Zug. Der Polizei- beamte. der den anderen Festgenommenen einem Vahnbeamten übergab, eilte dem Flüchtigen nach, und es gelang ihm ebenfalls noch auf den fahrenden Zug zu springen. Der Fahrdienst­leiter, der diesen Vorgang bemerkte, lieh den Zug nochmals halten. Diese Gelegenheit benutzte der Flüchtling, um den Zug auf der anderen Seite zu verlassen und in dem nahen Wäldchen zu verschwinden.

Der Hauptwachtmeister begab sich dann zurück zu dem anderen Feftgenommenen und verständigte das Polizeiamt Bad-Nauheim. Bon dort wurde sofort mit Kraftfahrzeugen die Verfolgung ausgenommen und die Kriminalpolizeistelle Gießen, Polizeiamt Fried­berg, die Gendarmeriebezirke und -stationen und die umliegenden Bahnstationen verständigt, die sich gleichfalls an der Verfolgung beteiligten. Auch die Teilnehmer der SA.-Führerschule Friedberg nah­men an dem Absuchen des Gelädes teil. Ebenso wurde dem Reichssender Frankfurt Kenntnis gege­

ben, der die Meldung verschiedene Male an seine Hörer bekanntgab. Inzwischen konnte nach einem bei der Kriminalpolizeistelle Gießen eingegangenen Funkspruch und an Hand der Angaben des Fest­genommenen festgestellt werden, daß

die beiden mit noch einem dritten Täter, von dem sie sich in Homburg getrennt hatten, am 18. Januar 1935 gegen 15 Uhr in Hamburg in das Kontor einer Reismühle eingedrungen wa­ren und unter Vorhaltung von Waffen die zwei anwesenden Angestellten zur Herausgabe der Lohn- und Kassengelder in höhe von etwa 10 000 TNark veranlaßt haben. Vor der Tat hat­ten die drei einen Personenkraftwagen gestohlen, mit dem sie vor der Reismühte vorfuhren, und nach der Tat auch wieder verschwanden. Sie verließen aber sehr bald den Wagen, gingen zu einem Freudenmädchen und teilten dort das Geld. Die beiden im Zuge Festgenommenen kauften sich vor der Abfahrt in Hamburg neue Lederanzüge und Wäsche, und die bei der Fest­nahme vorgefundenen Sachen.

Die Fahndung nach dem Flüchtigen, die während des ganzen Tages fortgesetzt wurde, hatte am Abend noch Erfolg. 'Es wurde bekannt, daß der Flüchtige sich bei einem Schneider in Gettenau einen An­zug gekauft hatte. Die sofort verständigte Gendarmerie in Echzell konnte kurz darauf den Entwichenen am Bahnhof in Gettenau festnehmen. Er war im Besitze von zwei Mauserpistolen und hatte noch etwa 860 Mark in seinem Besitz.

Es handelt sich um den Schlächter Robert Waertens, geboren am 16. September 1910 zu Braunschweig. Der andere Festgenommene ist der Arbeiter Ernst P r e u s ch e, geboren am 19. November 1914 zu Hamburg. 3n seinem Besitz waren 3202 Mark. Beide sind vorbestraft.

Sie wurden am Sonntag dem Amtsgericht in Bad- Nauheim zugeführt. Der Kriminalpolizei in Ham­burg wurde sofort von der Festnahme Kenntnis ge­geben.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Llrlauber-Auslandsfahrten der N6>-GemeinschastKraft durch Freude"

'm Frühjahr 1935.

Die Industrie- und Handelskammer Gießen macht auf die durch das Amt für Reisen, Wandern und Urlaub der NS.-GemeinschastKraft durch Freude" in der Deutschen Arbeitsfront im Frühjahr d. I. be­ginnenden Auslandfahrten aufmerksam.

Die Reisen sollen ausgesuchten männlichen und weiblichen Arbeitern und Angestellten mit kleinen Gehältern eine zwanzigtägige Erholungszeit beson­derer Art vermitteln. Im Hinblick auf die Einmalig­keit der geplanten Veranstaltung sollen in erster Linie solche Volksgenossen mitgenommen werden, die auf eine mehrjährige Zugehörigkeit zum Be­triebe zurückblicken können und deren Leistungen und Betragen eine besondere Anerkennung rechtfer­tigen. Die Auswahl treffen in Uebereinstimmung nut dem Betriebsführer die von der NS.-Gemein- schaftKraft durch Freude" besonders unterrichte­ten und beauftragten Parteigenossen.

Um den nach obigen Grundsätzen ausgesuchten Volksgenossen die Teilnahme an der Veranstaltung zu ermöglichen, bittet die Kammer die Betriebsfüh­rer um weitgehendste Unterstützung dieses Vor- babens der NS.-GemeinschaftKraft durch Freude", sowie um Erteilung ausreichenden Urlaubs unter Fortzahlung der Lohn- und Gehaltsbezüge.

Deutsche Arbeitsfront.

Srelswaltung des Berufsgruppenamtes. Fach­gruppe Textil und Bekleidung.

Am Montag, 21. Januar, abends 8.15 Uhr, rnonat- ttche Zusammenkunft der Fachgruppe Textil und Bekleidung im Ortsgruppenheim, Lonystraße 18.

Reichsbund Volkstum und Heimat.

Ortsring Gießen.

Am kommenden Mittwoch, 23. d. M., 20,15 Uhr. spricht Prof. Dr. Rauch im Kunstwissenschaftlichen Institut, Ludwigstraße 34 (nicht im Studentenhaus) überAlt-Gießen" und zeigt unsere alten Fachwerkbauten und andere heimische Baudenk­mäler im Lichtbild. Heimatchöre desFrohsinn- Quartettoereins" und Gedichtvorträge werden den Vortrag umrahmen. Unsere Mitglieder, sowie die Mitglieder der DA. und des NSBDT. werden zu dieser Veranstaltung herzlichst eingeladen. Es wird ein Unkostenbeitrag von 10 Pf. erhoben.

Die vorgesehene Stickerei- und Spitzen- W e r k s ch a u wird um 14 Tage verschoben.

NS.-Lehrerbunb, Gießen.

Fachschaftkörperliche Erziehung".

Am Mittwoch, 23. Januar, um 15.30 Uhr, frei­willige Arbeitsgemeinschaft in der Turnhalle der neuen Pestalozzischule. Zeiteinteilung wie bei der Pflichtarbeitsgemeinschaft.

ASLB., Gießen-Land.

Die erste Versammlung im Jahre 1935 des NSLB., Bezirk Gießen-Land, fand am Samstag im Hotel Köhler statt. Der Vorsitzende, Rektor Siegfried (Großen-Linden), begrüßte die zahlreich Erschienenen und gab dann verschiedene geschäftliche Mitteilungen bekannt. Lehrer Arnold (Großen-Linden) trat noch einmal mit warmen Worten für den Volksbund für das Deutsch­tum im Ausland ein. Das Ergebnis einer umlaufenden Liste war erfreulich: Heber 20 An­wesende zeichneten sich als Mitglieder des VDA. ein. Dadurch ist es möglich, daß nun eine besondere GruppeGießen-Land" des VDA. gebildet wird.

Nach verschiedenen anderen Mitteilungen übergab Rektor Siegfried den Vorsitz an Dr. R e i d t (Heuchelheim), der die Arbeitsgemeinschaften I und II Volksschule" leitet. Dr. Reidt teilte zunächst mit, daß für die eine Abteilung der Arbeitsgemeinschaft der Vorsitzende noch nicht ernannt sei, deshalb müßten diesmal beide gemeinsam tagen. Auch sei die Haupteinteilung aller Arbeitsgemeinschaften noch |

nicht endgültig geklärt. Wahrscheinlich würden in Zukunft einzelne Fachgruppen besonders tagen, etwa eine Gruppe Heimatgeschichte. Dafür soll aus jedem Dorf ein Mitarbeiter gewonnen wer­den. Die nächste Aufgabe wäre es, die Flur­namen bis zum Herbste zu sammeln. Weiterhin würde eine Gruppe gebildet werden, die die Fibel­frage zu besprechen hätte. Weitere Gruppen wären zu bilden für Turnunterricht, Musikpflege, Deutschunterricht usw.

Sodann hielt Lehrer Kloos (Heuchelheim) einen Vortrag überAltaermanische Kultur". In seinen lehrreichen Ausführungen ging der Vor­tragende des näheren auf die Wohngebiete der Ger­manen, den Ackerbau, die Religion und die Dichtung ein. Es ist natürlich unmöglich, hier auch nur einen Teil des Vortragsinhalts zu bieten. Besonders ein­drucksvoll war der Satz, daß die Kenntnis der alt­aermanischen Kultur beglückende, aber auch tragisch sei. Beglückend dadurch, daß wir immer mehr er­kennten, wie die germanische Rasse alle anderen befruchtete, tragisch aber insofern, als die germa­nischen Stämme unter sich nie geeint waren, sondern sich in gegenseitigen Kämpfen aufrieben. In der Hauptsache stützte sich Lehrer Kloos bei seinen Aus­führungen auf die SchriftenGermania" von Taci- tus und die Werke von Professor Neckel.

Der Leiter der Arbeitsgemeinschaft, Dr. Reidt,

fand herzliche Worte des Dankes für den Vortrag. Darauf schloß Rektor Siegfried die Versamm­lung.

Luftballone

mit wissenschaftlichen Apparaten.

Zur Sicherung der Luftfahrt und zu wissenschaft­lichen Zwecken werden von verschiedenen meteoro­logischen Instituten im Deutschen Reich mittels Ballonen und Drachen Instrumente aufgelassen, die die Temperatur und andere Wetterelemente selbst­tätig oufzeichnen. Die Finder solcher Ballone ober Drachen mit Registrierinstrumenten werden ersucht, die an den Ballonen ober Drachen befinblichen An­weisungen genau zu befolgen. In biefen Anweisun­gen ist stets bie Drahtanschrift ober ber Fernruf des in Frage kommenden Instituts enthalten. Dem Finber werben bie Unkosten für bie Benachrichti­gung erstattet. Bei richtiger Behandlung ber Instru­mente, bie genau angegeben wirb, erhält ber Finber außerdem eine Belohnung. Die Ballone, Drachen sowie bie mitgeführten Apparate finb Staatseigen­tum. Böswillige Beschäbigung ober Entwenbung wirb strafrechtlich verfolgt.

Vornotizen.

Tageskalenber für Montag: NSBDT., 20.30 Uhr im Cafe Ebel Vortrag über

Aus beutfcher Vergangenheit". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Da stimmt was nicht". Män­ner- unb Frauenvereinigung ber Matthäusgemeindet 20 Uhr im Matthäussaal, Kirchstraße 9, Vortrag Unsere Erlebnisse bei ber Saar-Abstimmung".

Neichsbetriebsappell der Neichs- betnebsgememschast 17Handel". Die Betriebsführer unb Betriebsangehörigen betf in ber Reichsbetriebsgemeinschaft 17Handel" ber Deutschen Arbeitsfront zusammengeschlossenen Einzel- Händler unserer Stabt versammelten sich am heu­tigen Montagvormittag zu einem Reichsbetriebs­appell im Saale bes Cafe Leib. Zur Eröffnung bes Appells würben bie Fahnen ber NS.-Hago- Ortsgruppe Gießen unb zwei Betriebszellenfahnen eingebracht. Sodann hörte man bie Uebertragung aus Berlin, bie mit einem Liebe unb mit einem Sprechchor eröffnet würbe. Nachbern bie Melbung ber im ganzen Reich zu biefem Reichsbetriebsappell angetretenen Betriebsführer unb Betriebsangehörigen erstattet war, sprach ber Reichsorganisationsleiter ber NSDAP, unb Leiter ber Deutschen Arbeitsfront Dr. Ley. Er fchilberte bie Aufgaben bes Einzel- hanbels im Rahmen ber beutschen Volksgemeinschaft unb sprach von ber geistigen Haltung, bie man von dem Kaufmann erwarten müsse, ber ein königlicher Kaufmann sein solle und nicht zum Krämer herab­sinken dürfe. Wohin es führe, wenn ein Volk zum Krämeroolk herabsinke, sei an dem Untergange Karthagos im Kampfe gegen Rom zu sehen. Zum Abschluß wies er darauf hin, wie Deutschland vor dem Untergang, ber in den 14 Jahren eines volks- fremben Regimes stets gebroht habe, burch ben Führer Abolf Hitler gerettet worben sei. Mit drei­fachemSieg-Heil!" auf Führer und Vaterland, mit dem gemeinsam gesungenen ersten Vers des Horst-Wesfel-Liedes unb der Ausbringung der Fah­nen wurde der Betriebsappell geschlossen.

Familienabend des MTB.

Der Männerturnverein hielt am Sams­tagabend im Katholischen Dereinshaus einen gut- besuchten Familienabend ab. Nach ber musikalischen Einleitung begrüßte Vereinsleiter Müller bie Turnsreunbe mit ihren Angehörigen unb bie Gäste mit herzlichen Worten. Er sagte, baß ber MTV. für die ausgefallene Weihnachtsfeier sich zur Veran­staltung dieses Familienabends entschlossen habe, um nach der angestrengten Arbeit auch die Freund­schaftsbande zur Geltung kommen zu lassen, sie zu festigen und die Vereinstätigkeit zu fördern. In einem kurzen Rückblick auf das vergangene Jahr 1934 streifte er die an Erfolgen reiche turnerische Arbeit, neben ber auch bie Geselligkeit, soweit es bie Zeitverhältnisse zuließen, gepflegt würbe. Freube unb Leib hatte bas alte Jahr bem Verein gebracht. Einer ber Besten, ber lurnbruber unb Vereins­führer Georg Kling, sei bem Verein entrissen worben. Seit Juni 1897 hat er bem MTV. ange­hört unb ihm in Treue gedient. An Ehrungen hat es ihm nicht gefehlt. Er war Ehrenmitglied des MTV. und besaß die Ehrenbriefe des IX. (Mittel­rhein) Kreises und der Deutschen Turnerschaft. Dem Turner, Sänger, Wanderer und Kämpfer von deutscher, idealer Gesinnung und besten Charakter­eigenschaften widmete der Vereinsleiter ein herz­liches Gedenken, während die Versammelten sich zu dessen Ehren von ihren Plätzen erhoben und die gedämpfte Weise des Liedes vom guten Kameraden zu hören war. Mit einem sinnigen Gedicht feierte der Vereinsleiter bann ben für bas Deutschtum in aller Welt historischen Sieg an ber Saar in einem kurzen Rückblick, angefangen von ben Tagen bes beutschen Zusammenbruchs, ba ber Franzose Cle- menceau bie Saar als französisches Gebiet mit an­geblich 150 000 wohnhaften Franzosen für Frank­reich forberte, über die 15 Jahre der Knechtschaft bis zu dem eindeutigen Sieg am 13. Januar 1935. In diese Freude mischt sich der Stolz auf die Turn- schwestern und -brüder, die alle Gelegenheiten be­nutzten, um für ihr Deutschtum einzutreten und die die Verbindung zur DT. nie aufgegeben haben. Ihr Zusammenstehen ist für uns alle, angefangen von der kleinsten Familie bis zur Volksgemeinschaft,

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Mozart und Beethoven

Zum III. Symphonie-Konzert des Gießener Konzertvereins.

Als der deutsche Rundfunk am Tage nach der Saarentfcheidung alle Reichssender unter dem Motto: Unsere Saar den Weg frei zur Verständigung" zusammenfaßte, da gab man dem, was alle Herzen übervoll bewegte, nicht durch Worte Ausdruck, son­dern man ließ Beethovens Schicksals- Symphonie zum hehren Künder deutscher Art unb beutschen Denkens werben. Welches an­dere Werk unserer so reichen deutschen Musik hätte wohl berufener für diese Mission von Volk zu Volk sein können als dieFünfte?'" Sie stellt den steilen Gipfel deutscher Instrumental­musik und Beethovenscher Symphonik dar. Monu­mental in der Größe ihres Aufbaus, wölbt sich ihre Architektonik in lichter Klarheit zu giganti­schem Ausmaß. Und doch ist die Wucht ihres Seins gegründet auf eine Einfachheit des Thematischen, die immer wieder aufs neue erschauerndes Bewun­dern weckt. So ist dieses bedeutendste Jnstrumental- werk zu unserer volkstümlichsten Symphonie ge­worden; jeden innerlich packend, ihn erhebend; stets wieder in neuer Frische unb Unverbrauchtheit ihren unvergänglichen Wert erweisenb; ja, bei leb em Hören Ungeahntes, Neues offenbarend. Hier hat ein Werk feine Formung gefunden, die den letzten Rest von Problematik abgestreift hat; wie feuert bet einem Werk ist hier jeder Teil wohl für stch er­kennbar und doch dem Ganzen organisch verwach­sen, hier wäre nicht eine Note, die selbst dem un­geschulten Hörer unverständlich bliebe.

Der Weg Beethovens zurFünften" wurde durch die Eroica geebnet. Lagen aber für dieses Werk noch programmatische Bindungen vor, die C-Moll- Symphonie wurzelt im Allgemem - Menschttchen. Mag man in ihr das Schicksalserleben als solches er­sehen wollen (Schindler berichtet, daß Beet- Hoven das Eingangsmotiv der Symphonie mit den Worten gedeutet habe:So pocht das Schicksal an bie Pforte!") oder das Ringen um jeneKraft, bie" nach des Meisters Worten,die Moral der Menschen ist, die sich vor andern auszeichnen"; stets wird uns das Wörk von der Art des Prome- theus künden, das Faustische im Geiste der Musik erschließen.

Daß hier ureigenstes, persönliches Erleben Ge­stalt gewinnt, dafür spricht nicht zuletzt die gewählte .Tonart C-Moll. Wenn sie bei Beethoven erklingt, kann öffnet sich die letzte Pforte seines Innern, kamt bekennt « aut dem Tiefsten heraus; dann

geben Mensch und Musiker Beethoven ihr Heiligstes. Dann wird das Schaffen ein Ringen, um in ein­deutigster, klarster Formung das Größte Gestalt werden zu lassen. Das zeigt der Werdegang der Symphonie.^Der Plan zu ihr liegt weit zurück; 1804 sind schon Skizzen nachweisbar; aber erst in ben Jahren 1807/08 fanb Beethoven ben endgültigen Ausdruck für den Triumphgesang menschlichen Wollens.

Lapidar, mit seinem klopfenden Rhythmus gibt das Eingangsmotio das Motto für das grandiose Geschehen des ersten Satzes unb bamit zugleich bas Baumaterial für fein Erwachsen. Die bröhnenben Schläge des Grundmotivs zittern zunächst im Echo der Streicher nach, bas sich aber bann zu starken Akzen­ten erhebt. Ein abermaliger Schicksalsruf läßt einen klanglichen Gipfelpunkt erwachsen; ber Kampfruf finbet nun ben Helden bereit. Das zweite Thema gibt feine persönliche Bestätigung. Fast könnte man es als bie leibliche Schwester bes Hauptmotioes an­sehen, so verwanbt erscheint es ihm; seine Dur- Formung zeugt von Entschlußbereitschaft zur Tat unb von seelischer Kraft, bumpf grollt ber Schick- salsrhythmus hinein. Heldischer Siegeswillen strahlt sich in rauschenben Biolinpassagen aus. Die Durch­führung wirb zum Abbilb bes Kampfes, angetrie- ben burch bas Grunbmotiv. Bläser unb Streicher als Streiter beantworten sich mit wuchtigen Ak­kordgruppen. Die Kämpfer scheinen zu ermatten, klangliches Absinken; wieder ein Aufraffen und kur­zes Erschlaffen. Dann aber türmt sich der Kampfes­wille in höchster Kraft: die Wiederkehr beginnt. Doch diesmal nach der Einhalt gebietenden Fermate ein Ausdruck menschlicher Wehmut des kraftgestählten Helden in ber Kadenz ber Oboe. Dann wogt der Kamps weiter das Schicksal behält zuletzt mit seinem Moll die Oberhand.

Im Andante con moto wird bas Hoffen unb Sehnen bes Helben wach, visionsartig erlebt er ben künftigen Sieg. Dreimal zieht bie Themengruppe in neuer klanglicher Variation unb Figurierung vorüber; dann ein Stocken, wie eine Frage bas Pochen bes Dominantakkorbes ber Streicher; die Holzbläser führen hin zum Siegesgesang. Noch ist aber nicht ber Sieg, sonbern nur bie Hoffnung auf ihn; ihr Abfinken unb Steigen führt biefen Satz zu Ende.

Der Blick roenbet sich mieber realer Wirklichkeit zu; bebrückende Zweifel in ben auffteigenben Gän­gen ber Bässe unb Celli, bie melobische Fortsetzung bes Gedankens scheint schon Trost zu spenden, da gibt sich der Gegner zu erkennen, das Schicksals­motiv mit seinem unerbittlichen Klopfen wird durch die Hörner wieder wach unb beherrscht ben weite­ren Leriauj der Satzes. Ein trioartiger Mittelsatz

wird durch groteske Figuren der Celli und Bässe eingeführt; ein erwachsendes Fugato verleiht dem Ringen Ausdruck; Holzbläserfiguren zerflattern. Jetzt geistert das Eingangsthema im Pizzikato ein­her, von den Holzbläsern droht bas Schicksalsmotiv hinein. Da ertönt plötzlich in breifachem Pianisfimo ber Streicher ber gehaltene As-Dur-Akkorb, bie Pauke hämmert in bumpfem klopfendem Rhythmus, ein Ausbruck unheimlicher Stille, rin Ahnen bes Kommenben; die Violinen erwachen, ein macht­volles Krescenbo erhebt sich und mit überwältigen­der Klangpracht, die durch drei Posaunen, Pikkolo­flöte und Kontrafagott verstärkt wird, bricht der Siegesjubelgesang herein. Die vier Themen des Finale sind von lapidarer Einfachheit und werden gerade dadurch zum bestimmtesten eindeutigen Aus­druck des Triumphes. Gerade, als der Si'egeshym- nus feinen Höhepunkt erreichen will, wachen die Zweifel in ber Erinnerung mit einer Reminiszenz des dritten Satzes wieder auf; doch bald find sie überwunden. Der Held kann nun nach völliger Niederringung ber gegnerischen Kräfte seinen Sieg feiern. Die Begeisterung wächst zu einem klanglichen Rausch, zu bithyrambischem Sfegesjubel in ber Stretta aus.

Was bieFünfte" in ber Entwicklung ber Sym­phonie bebeutet, bas kann man mit gleichem Recht Beethovens Violinkonzert zusprechen, in sei­ner harmonischen, klassischen Ausgeglichenheit bes musikalisch bebeutenben Inhalts mit ber organischen Formung. Unter ber Zahl ber Violinkonzerte steht es fast einsam ba in seiner Größe; denn es huldigt nicht technischer Brillanz und virtuosem Geltungs- bebürfnis; hier hat in erster Linie ber Musiker bas Wort. Wenn sich Beethoven auch in ber Behanb­lung bes Soloinstruments alle Errungenschaften ber bamaligen Violintechnik zu eigen gemacht hat, so weist er ber Geige doch Aufgaben zu, bie ihrer klanglichen Jnbivibualität abgelauscht finb, vor­nehmlich ausbrucksvolle Gefanglichkeit unb anmutige Linienführung. Das Orchester anbererfeits wirb nicht bloßer Begleiter, sonbern trägt in symphoni­scher Durchbilbung gleichen Anteil mit bem Solo­instrument am Werk.

Das breit entwickelte Orchestervorspiel läßt bie Themenwelt bes ersten Satzes erstehen, bann erst rankt sich bie Solovioline empor; bas Gesangs­thema in seiner ganzen Gestalt erscheint in ber Solostimme erst im Schlußteil nach ber Kabenz in klanglicher Verklärung. Das Larghetto, zunächst ein Wechselgespräch zwischen Solo unb Orchester, finbet seinen Höhepunkt in bem weltentrückten Gesang ber Violine. Das Finale, ein Rondo voller Lebens- bejahung, wird geführt von der Sologeige, bie hier Im Sinns des Konzerts im Mit- unb Gegeneim

anber fprühenb unb geistvoll ihre Wesensart be­tont.

Diesen beiben Zeugnissen Beethovenscher Geistes­art wirb an ber Spitze bes Programms Mozarts Cs-Dur-Symphonie (Köchel Nr. 543) zum idealen Wegbereiter. Als erste ber brei großen Symphonien bes Sommers 1788, bie ben Sym­phoniker Mozart in seiner höchsten Reise bezeichnen, ist sie erfüllt von einem gesteigerten Lebensgefühl, bas in stärkstem Gegensatz zu seiner bamats wenig erfreulichen äußeren Lebenslage steht. Scheint es ba nicht, als sei biese Symphonie ber Ausbruck bes Willens, bas Leben zu meistern, aber nicht im Kampfe, sondern in ber Hinwendung zu jenem sich ewig verjüngenden, unerschöpflichen Born der Musik, ber immer mieber bem unbefriebigten Seh­nen Erfüllung zu geben vermag. Klingt in dem einleitenden Adagio noch dasDon-Juan"-Erleben nach, so kündet das Allegro von Lebensenergie. Der Zartheit und Seelentiefe des Andante folgt ein Menuett voller Naturfrische und anmutiger klanglicher Gelöstheit im Trio. Das Finale bewegt sich bei meisterlicher Satzkunst in ausgelassenem Frohsinn, beherrscht von dem Hauptthema, das selbst dem Schluß eine eigene Note gibt. Dr. H.

Oie kleine Aenderung.

Eine Dame von jenseits bes großen Teiches, die vorübergehend in Paris weilte, faßte den Entschluß, ihre erhabenen Züge der Nachwelt zu überliefern und suchte ben Künstler auf, den man ihr als den Meister der Kunst bezeichnete: Robin. Da sie reich unb wohlgestaltet war, bestellte sie ihre Statue in ganzer Figur, unb lange Stunden hinburch posierte sie, nach antikem Muster gekleibet, vor bem Mei­ster mit dem wallenden Bart. Nach etwa zehn feier­lichen Sitzungen erklärte der Künstler, daß er nun das Modell nicht mehr brauche und daß er das Werk in Muße vollenden würde. Als dann bie Amerikanerin aber roieber kam, um ihr Bilbnis in Besitz zu nehmen, sah sie zu ihrer Ueberraschung, baß ber Kopf ber Statue gar keine Ähnlichkeit mehr mit bem ihren hatte Sie beklagte sich bitter über ben Mangel, baß man sie gar nicht wieder erkennen könnte.Es ist wahr," antwortete ber Meister träumerisch,Ihr Kopf hat mich gar nicht inspiriert. Zuerst bachte ich baran, gar keinen her­auf zu setzen, wie ich es gewohnt bin; aber nach- bem ich mir alles reiflich überlegt hatte unb um Sie nicht zu verletzten, habe ich an ber Stells Ihres Kopfes lieber den vom Mme. de N. gefetzt, die ihn bei mir bestellt hatte, ohne ihn jedoch je zu bezahlen, llebrigens haben Sie bei dieser Aerrde, rung nur gewonnen