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Nicht müde werden, Annelies!

Roman von Bernhard Lonzer.

Urheberrechtsschutz: Auswärts-Verlag, Berlin.

15. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Einen Augenblick schien es, als ob sie schwankte, aber sie überwand die Schwäche und zwang ein mattes Lächeln auf ihr Gesicht. Mit einem verlore­nes Blick nickte sie ihm zu, dann wandte sie sich um, stieg mit schweren Füßen die Treppe hinauf. Es sah aus, als trage sie eine ungeheure Last die Stufen hinauf.

Sie pflegte Günter immer vom Treppenabsatz aus noch einmal zuzuwinken. Sie tat es auch heute; aber es war eine müde, fast ein wenig flatternde Bewegung, mit der ihre Hand durch die Lust irrte. Dann war sie verschwunden, der Treppenläufer ver- schluckte ihre Schritte.

Mechanisch griff sie nach dem Lichtschalter, als sie ihr Wohnzimmer betrat; aber sie ließ die Hand wieder sinken. Schräge Lichtstreifen schnitten von der Straße herauf durch das Dunkel des Zimmers, ein paar Autohupen schrillten vorüber, wie in unbe­kannter Tiefe. Stimmen flackerten dünn und blaß von irgendwoher.

Drüben über den Dächern schwamm der Mond. Annelies hatte sich dem stillen, vertrauten Gesellen da oben, diesem nimmermüden Wanderer durch schimmerndes Nachtblau und endlose Sternfelder, immer verwandt gefühlt. Manch stille, weiße Mond­stunde hatte sie träumerisch, sehnend und hingegeben verbracht.Du kleine Mondscheinseele du!" hatte Onkel Korbinian einmal mit gütigem Verstehen zu ihr gesagt. Heute hatte der Mond ein fremdes Ge­sicht. Heute war alles fremd, alles anders gewor­den. Alles. Durch eine Frau. Durch diese Frau ...

Annelies fühlte noch einmal mit aller Deutlichkeit das schreckhafte Staunen, das sie bei Mia Rech- bergs Anblick sofort empfunden, das atemlos bange Suchen nach einer Erinnerung, die das Gesicht die­ser Frau in ihr wachgerufen hatte. Als dann das Licht im Turmzimmer aufgeflammt war, da hatte sie mit einemmal gewußt: Ja, das ist sie! Reifer,

fraulicher und noch schöner geworden aber sie war es!

Wie lange mochte es her sein ...? Vier oder fünf Jahre, da war Günter in den Semesterferien nach Hause gekommen anders als sonst: niedergeschla­gen, zerfahren, reizbar und ruhelos. Wie ein Mensch, der eine schwere Schuld auf sich geladen, oder dem ein jäher Schicksalsschlag alle Hoffnungen zerstört hatte. Er war allen Fragen stumm ausge­wichen oder hatte mit hemmungsloser Schärfe da­gegen aufbegehrt. In der gleichen Stimmung war er am Schluß der Ferien wieder abgereist. Einige Tage danach hatte Annelies sich aus seinem Bücher­schrank, der ihr immer zur Verfügung gestan­den hatte, ein Buch holen wollen. In einem natio­nalökonomischen Werk, das ein Laie kaum in die Hände nahm, hatte sie beim flüchtigen Durchblät­tern das Bild eines berückend schönen jungen Mäd­chens gefunden, und sofort hatte sie gewußt, daß die auffallende Veränderung in seinem Wesen mit diesem Mädchen in Zusammenhang gestanden hatte. Sie war damals noch zu jung gewesen, als daß sie sich ihrer heimlichen Liebe zu Günter schon voll bewußt gewesen wäre; aber die plötzliche Er­kenntnis, daß ein fremdes Mädchen seinem Herzen nahe stand, hatte ihr doch einen heftigen, schneiden­den Schmerz verursacht. Es war ihr noch ganz deutlich in Erinnerung fassungslos war sie da­mals auf einen Stuhl gesunken und hatte ihren hervorbrechenden Tränen freien Lauf gelassen.

Dann war es wie Groll und Haß über sie ge­kommen, wie Haß auf das Mädchen, das Günter Schmerz zugefügt hatte. Sie hatte das Bild an sich genommen und war damit auf ihr Zimmer ge­gangen. Heimlich hatte sie es dort in den Ofen aeworfen, und die Flammen waren gierig darüber hergefallen. Das Bild hatte sich gekrümmt, als wenn es sich gegen den Feuertod hätte wehren wollen. Das schöne Mädchengesicht war förmlich lebendig geworden, hatte sich gewandelt zu einer höhnisch grinsenden Fratze. Da hatte Annelies das Schür­eisen genommen, das Bild tiefer in die Glut ge­stoßen und die Ofentür zugeschlagen.

Lange, lange war ihr das Gesicht des fremden Mädchens im Gedächtnis geblieben und heute hatte sie es wiedergesehen ...! Mia Rechberg war es, an der Günters Herz damals gehangen hatte, und um die er Schmerzen gelitten hatte! Wie mußte er sie geliebt haben!

Haus am Brandplatz: 17 bis 19 Uhr, Weihnachts­ausstellung oberhessischer Künstler.

Oberstaatsanwalt Knauß.

Mit Wirkung vom 11. Dezember 1935 ab wurde Landgerichtsrat Knauß in Gießen zum Ober­staatsanwalt beim Landgericht der Provinz Ober­hessen in Gießen ernannt.

Mit dieser Ernennung übernimmt Oberstaatsan­walt Knauß das Amt, das vor einigen Monaten durch den plötzlichen Tod des damaligen Oberstaats­anwalts Dr. W o d a e g e verwaiste. Der neue Ober­staatsanwalt ist durch seine Familienabstammung mit der Stadt Gießen und der Provinz Oberhessen in engster Weise verbunden. Seit vielen Jahren wirkt er am hiesigen Landbericht, zuerst als Staats­anwalt, dann als Landgerichtsrat.

Winterhilfswerk des deutschen Dolkes493S/36

Kreisführung Metzen.

Velr.: Sammlung der caritativen Verbände.

Die Ortsgruppenbeauftragten nachstehender Orts- aruppen sind noch mit der Meldung des Ge­samtauskommens der Sammlung ca- ritativer Verbände im Rück st and. Diese Meldung ist bis zum Freitag, 2 0. Dezem­ber, nachmittags 3 Uhr, auf der Kreisfüh­rung einzureichen:

Allendorf (Lda.), Alten-Bufeck, Annerod, Bellers­heim, Beltershain, Bersrod, Bettenhausen, Ettingshausen, Geilshausen, Grüningen, Harbach, Klein-Linden, Lang-Göns, Lich, Londorf, Mainz­lar, Ober-Befsingen, Steinbach, Weitershain.

Betr.: Meldung der von den caritativen verbänden zur Betreuung vorgeschlagenen Hilfsbedürftigen.

Die Ortsgruppenbeauftragten nachstehender Orts­gruppen sind noch mit obiger Meldung rückständig, falls dieselbe bis zum F r e i t a g, 20. Dezember d. I., nachmittags 3 Uhr, auf der Kreisfüh- runa nicht vorliegt, kann eine Betreuung der Be­dürftigen in ihrem Ortsgruppenbezirk nicht statt- finden:

Allendorf (Lda.), Alten-Buseck, Annerod, Bellers­heim, Beltershain, Bettenhausen, Bersrod, Ettings­hausen, Geilshausen, Grüningen, Harbach, Heuchel­heim, Klein-Linden, Lang-Göns, Lick, Lollar, Lon­dorf, Mainzlar, Oberbessingen, Saasen, Steinbach, Weitershain.

Richtigstellung.

Die Kreisamtsleitung der NSV. teilt uns mit, daß ihr bei der Aufstellung der gestern veröffent­lichten Geldspendenliste für das WHW. ein Versehen unterlaufen ist. Bei den Spenden vom 5. Dezember muß es nicht heißen VAE. Gießen 20 Mark, sondern VHC. (Vogelsberger Höhen-Club Gießen) 20 Mark.

Aus parteiamtlichenBekanntmachungen

Die Ortsgruppe Gießen-Nord der NSDAP, gibt bekannt, daß zu der Weihnachts­feier am Sonntag, 22. Dezember, im Caf6 Leib, alle Partei- und Volksgenossen herzlich eingeladen sind. Die Feier beginnt um 7 Uhr. Jedermann wird ersucht, seinen Platz um 6.45 Uhr einzunehmen. Die Politischen Leiter und Mitarbeiter treten um 18 Uhr in Uniform vor der Geschäftsstelle Walltorstraße 16 an.

An die Eltern der BOM.-Mädel des Standortes Gießen.

Am 22. Dezember, abends 8.30 Uhr, feiern wir am Bismarck-Turm Wintersonnen­wende.

Es kommen nun seitens der Eltern Klagen, daß die Mädel zu spät nach Hause kommen. Ich kann ihnen versichern, daß das nur an den Mädeln sel­ber liegen wird. Wir können erst um 20.30 Uhr an­fangen, da viele Mädel in den Geschäften nicht früher abkommen können, und alle Mädel werden um 22 Uhr zu Hause sein können.

Die Untergauführerin.

Die deutsche Rrbcitofront n.9.=6cmcinfchaftfiraft öurth freudc"

Mnlersonnenwende-Aeier!

Am Samstag, 21. Dezember, um 22 Uhr, ver­anstalten wir eine Wintersonnenwende- Feier am Hölzernborn bei Saubringen. Die Feier

Jugend Hilst dem WHW!

Glänzender Beginn der Sammelaktion der Hitlerjugend.

Mit denkbar großem Eifer setzte sich am gestrigen ersten Sammeltag die Hitler-Jugend und das Jungvolk für das'Winterhilfswerk ein. Ueberall in den Straßen und auf den Plätzen tauchten die Jungen auf und brachten ihre Abzeichen an den Mann. Der eine bot seine erzgebirgischen Schaukel­pferdchen als reinrassigeAraber" oder alsBer­ber" an, andere sprachen vonVollblut", wieder andere meinten, daß niemand bei derKavallerie des WHW." fehlen dürfte. Ganz Findige kamen auf den klugen Gedanken, das Abzeichen dieser Sammlung als zeitgemäßen Christbaumschmuck zu empfehlen.

So kam es, daß die Jugend in denkbar kurzer Zeit die Schachteln leer hatte. Jedermann kaufte auch die hübschen Abzeichen gerne, da man ja wußte, daß gerade durch diese Abzeichen Dolksaenossen ge­holfen wird, die schon stets schwer um ihre Existenz zu kämpfen hatten.

Die Sammlung wird am heutigen Tage fortge­setzt, und es ist nur zu wünschen, daß die Hitler- Jugend bei ihrer Aktion für das Winterhilfswerk auch heute noch einmal ebenso freudige Geber fin­den möchte, wie es gestern der Fall war.

Wer tragt das WHW.-Weih- nachlsabzeichen noch nicht?

Der erste Verkaufslag für die Weihnachtsplaketle des Winterhilfswerkes ist vorbei. 3n allen Straßen hat die Jugend des Führers die Plakette angeboten und verkauft. Aber noch haben nicht alle die Ge­legenheit gehabt und wahrgenommen, sich mit die­sem Abzeichen zu versehen, das den Träger als opferbereiten Mistreiter im Kampf gegen hunger und Kälte ausweist, heute und morgen dauert der

Verkauf dieses kleinen Kunstwerkes noch an. ver­suche daher jeder, sich gleichfalls in den Besitz eines solchen zu sehen. Er macht nicht nur sich damit eine Freude, sondern auch der sammelnden deutschen Jugend, der notleidenden Spielwarenindustrie des Erzgebirges, den durch das WHW. betreuten Volks­genossen und nicht zuletzt unserem Führer.

Die Kreisführung des WHW. Gießen.

Der Führer zur Jugend:

Der Deutsche muß es wieder lernen, sich über Stand, Konfession und Gesellschaftsklasse hinweg als einiges Volk zu fühlen. Unser Volk stürzte von seiner stolzen höhe, weil es dies alles vergaß, und ihr, meine deutschen Jungen und Wädel, sollt es in der nationalsozialistischen Bewegung wieder ler­nen, euch als Brüder und Schwestern einer Nation zu fühlen. Ihr sollt über die Berufsstände und Gesellschaftsschichten hinweg, über alles, was euch zu zerreißen droht, die deutsche Gemeinschaft suchen und finden. Ihr sollt sie bewahren und festhalten, und niemand soll sie euch rauben. Nicht früh genug kann die deutsche Jugend erzogen wer­den, sich zu allererst deutsch zu fühlen. Die natio­nalsozialistische Jugenderziehung soll nicht einer Partei, sondern dem deutschen Volke zum Wohl gereichen, wie ja auch die nationalsozialistische Be­wegung einmal Deutschland sein soll, und das ein­heitliche Bekenntnis der opferfreudigen Jugend zur Idee des Nationalsozialismus gibt hierfür klaren Beweis.

Die Hitlerjugend sammelt vom 19. bis 22.Dezember für dasWhw.

wird umrahmt von Darbietungen der SA.-Kapelle Lollar. Die Feuerrede hält der Bannführer Pg. Schreiber.

Die Anmarschwege gehen von der Landstraße DaubringenAlten - Buseck ab oder durch den Hangelstein.

Die Gießener Teilnehmer marschieren geschlossen ab Marburger Straße, Ecke Wiesecker Weg unter Führung des Wanderwarts Mantel. Treffen 19.45 Uhr.

Es wird erwartet, daß sich recht viele Arbeits- kameraden an der Feier beteiligen. Der Rückmarsch erfolgt ebenfalls geschlossen.

Keine Preisaufschläge für die Weihnachtsgans.

LPD. Der Pressedienst der Landesbauernschaft teilt mit, daß sich in den letzten Tagen Anzeichen für eine unberechtigte Preissteigerung für Gänse bemerkbar machen. Aus diesem Grunde wird noch- nzals darauf hingewiesen, daß laut eine Anwei­sung des Herrn Reichs- und Preußischen Ministers für Ernährung und Landwirtschaft an den Herrn Regierungspräsidenten in Wiesbaden und an die Hessische Staatsregierung als Preisüberwachungs­stellen für das Wirtschaftsgebiet Hessen-Nassau für geschlachtete Mastgänse erster Qualität in den Städten Frankfurt a. M., Wiesbaden, Mainz, Darmstadt und Offenbach ein Preis von 1,40 RM. und in dem übrigen Gebiet von 1,35 RM. je Pfund als angemessen gehalten wird. Bei geringeren Qualitäten ist der Preis entsprechend nied­riger.

Die Preisüberwachungsstellen sind angehalten, die vorgenannten Preise auf das Schärfste zu über­wachen und rücksichtslos gegen jede Preistreiberei einzuschreiten.

Das Publikum wird aufgefordert, Fälle, die den Verdacht des Preiswuchers aufkommen lassen, der Polizei oder der Landesbauernschaft in Frankfurt am Main, Bockenheimer Landstraße 25, zu melden

Für den Verbraucher besteht im übrigen keine Veranlassung, höhere Gänsepreise als die festge­setzten zu zahlen, da durch die Maßnahmen der Landesbauernschaft die 100prozentige Versorgung des Schweinemarktes gesichert wurde und auch die überaus reichliche Beschickung der Rinder­und Kälbermärkte die Möglichkeit bietet, sich einen guten Weihnachtsbraten in jedem Falle zu be­schaffen.

Gänsebraten-Essen.

Wenn jetzt zu einer Gans viele Gäste kommen, wird sich folgendermaßen benommen: Fülle die Teller zuerst mit Kartoffelbrei und füge noch jedem viel Rotkraut bei, so daß, wie sich von selber versteht, fast kein Fleisch mehr auf den Teller geht. Dann rüste dich, nicht jeder kann's, zu kühnen Taten mit der inzwischen gebrachten Gans, die gut geraten und braun gebraten.

Nimm das Messer in die Rechte, die Gabel in die Linke, wetze sie aneinander, mache mit ihnen Winkewinke und fuchtle in der Luft herum.

Das wird den Gästen schon bald zu dumm, zumal sie doch über dich gesprochen, und mittlerweile den Braten gerochen. Jetzt stoße die Gabel in den Vogel hinein, etwa in der Gegend vom Rabenbein. Dann setze, als gebildeter Mann, das Messer schwunghaft zum Schneiden an. Schneide von Ost nach West!

Aber halte sie fest!

Oder von Süden nach Norden!

Ist die Gans dann flügge geworden und fliegt deiner Tischdame in den Schoß, so folge ihr hemmungslos und setze die Unterhaltung fort, aber bleibe nicht lange dort;

denn erstens ist das kein Aufenthalt, und zweitens ist das Rotkraut schon kalt. Hast du zwölf Gäste, so schneide in Eile von deinem Vogel zwölf kleine Teile. Wirf jedem Gast ein Stückchen zu, dann hast du deine Ruh', und kannst, um deine Beliebtheit zu mehren, den ganzen Umfang der Brust verzehren, und bann die Keulen, um die Gäste zu necken, im Geldschrank oder im Nachttisch verstecken. Dann singe ein paar Vorweihnachtslieder... Die Gäste kommen bestimmt nicht wieder. Willst du das nicht, als höflicher Mann, nimm selber eine Einladung an.

Wähle dir aber Leute dazu, die die Gans nicht so behandeln wie du!

Puck.

SportamtKrast durch Freude".

Skifahrt am Sonntag nach Breun­geshain. Anmeldungen nimmt die Kreisdienst­stelle, Schanzenstraße 18, entgegen. Fahrpreis 2 50 Mark. Alle Volksgenossen können an dieser Fahrt teilnehmen.

Ein falscher Steuerberater.

Don der Kriminalpolizeistelle Gießen wird uns berichtet:

In der Zeit vom 28. 6. 35 bis zum 26.11 35 trat in mehreren Städten Deutschlands ein angeblicher Steuerberater Friedel auf, der meistens bei Gewerbetreibenden vorsprach. Er stellte sich als Steuerberater vor und gab an, festgestellt zu haben, daß die kleinen Gewerbetreibenden zuviel Steuer zahlen würden. Um nähere Feststellungen in der betreffenden Steuerfestsetzung treffen zu können, bat er um Vorlage, teils auch um Aushändigung der Steuerzettel. In allen Fällen verlangte er einen Unkostenbeitrag von 3, bis 15, Mark, mitunter auch noch mehr. Er wohnte meistens in Hotels unter dem Namen Edgar Olemf er , geb. 21.1. 88 zu Mannheim.

Am 27.11.35 konnte nun der feit längerer Zeit gesuchte Steuerbetrüger in der Person des Albert Julius F r i e b e I, geb. 23. 4. 87 zu Berlin, in Dessau festgenommen werden. Bei feiner Verneh­mung gab er an, in Gießen, Nauheim und Umgegend ebenfalls solche Betrügereien begangen zu haben. Bis jetzt sind aber Anzeigen solcher Art bei der Kriminalpolizeistelle nicht eingegangen.

Sollten tatsächlich Betrügereien der erwähnten Art in der hiesigen Gegend vorgekommen sein, so wird um umgehende Mitteilung des Tatbestandes an die Kriminalpolizeistelle in Gießen ersucht.

*

** Ein Achtzigjähriger. Am morgigen Samstag kann der Rentner August Steuer­nagel, Wetzlarer Weg 11, in körperlicher und geistiger Frische seinen '80. Geburtstag feiern. In der Grünberger Gegend ist der Jubilar als Lebens­mittelhändler eine allgemein geschätzte Persönlichkeit.

** Stadttheater Gießen. Heute abend bleibt das Theater geschlossen.

** Allein reisende Kinder während der Feiertage. Die Reichsbahndirektion Mainz teilt mit: Das Zugbegleitpersonal der Reichsbahn ist stets bereit, allein reisende Kinder in jeder Weise zu betreuen. Da jedoch während des überaus star­ken Verkehrs zu Weihnachten das Personal durch seine Dienstobliegenheiten zu sehr in Anspruch ge­nommen ist, kann es eine Verantwortung für die Betreuung allein reisender Kinder nicht überneh­men. Trotzdem wird das Personal selbstverständlich auf die Kinder achten.

* Städtischer Holzverkauf. Die Bür­germeisterei Gießen kündigt in unserem heutigen

was Jhc in Diesem Winter gebt, Das geb! nicht üec Regierung, Das gebt W oem Deutschen Volke, Das heibt: W geb! es Such selbst!

Und heute...? Er liebte sie auch heute noch! Das dunkle Fieber in seinen Augen, seinen Bewegungen, das aufgewühlte Wesen das alles verriet mehr, als er wohl ahnen mochte. Vielleicht hatte er ge­glaubt, diese Liebe überwunden zu haben; aber Mia Rechbergs plötzliches Auftauchen hatte alles wieder lebendig werden lassen. Vielleicht aber vielleicht hatte er sich auch nur verlobt, um die Stimmen der Sehnsucht in sich zu betäuben und zum Schweigen zu bringen...!

Was wollte Mia Rechberg? Kam sie, um sich Gunter wiederzugewinnen? Es konnte nicht anders sein. Und hatte es Zweck, den Kampf mit dieser Frau aufzunehmen? Der Kampf war schon entschie­den, ehe er begonnen hatte, das verriet Günters Wesen nur zu deutlich. Es würde also nur ein Kampf um das eigene bißchen Glück fein, von dem ohnehin nicht mehr viel übrig war, und das feine würde dabei auch in Trümmer gehen.

Es bestand kein Zweifel darüber, daß Mia Rech­berg fest entschlossen war, Günter zurückzuerobern, obgleich sie wußte, daß er verlobt war. Ihre Worte draußen im GartenSie kommen natürlich, Fräu­lein Fahrenkamp? Ich glaube, wir haben einiges miteinander zu reden...", waren deutlich genug gewesen. Man hatte die Pflicht, zu gehen und zu sehen, was an dieser Frau war. War sie Günters würdig, bann durfte man seinem Glück nicht im Wege sein. War sie es nicht, dann hatte man zu versuchen, ihn vor der vielleicht schwersten und grausamsten Enttäuschung zu bewahren.

6. Kapitel.

Eigentlich gar nicht so übel, die Kleine!, dachte Mia Rechberg, während der Zimmerkellner den Tee servierte. Ein bißchen simpel; aber wenn sie etwas mehr aus sich machen und vor allen Dingen mehr Temperament entwickeln würde, könnte sie einem schon zu schaffen machen!

Der große, vornehm gehaltene Salon, eines der besten und teuersten Zimmer des Hotels, war hell vom Licht der Nachmittagssonne. Annelies saß mitten im Licht. Mia hatte sich absichtlich so gesetzt, daß sie dem Fenster den Rücken zukehrte. Sie wandte sich jetzt lässig dem Kellner zu:

Ich melde mich, wenn wir die zweite Auflage brauchen!"

Mit einer Verbeugung verschwand der Mann.

So, Fräulein Fahrenkamp! Bitte, langen Sie zu!" lud Mia ein.

Annelies nahm ein Stück von dem Gebäck und legte es auf ihren Teller. Langsam führte sie die hauchdünne Teeschale an die Sippen; aber sie nippte kaum von dem goldhellen, köstlich duftenden Ge­tränk.

Es ist eben ein bißchen primitiv!" sagte Mia. Die Teestunde gehört eigentlich ins eigene Heim. Ein lauschiges Eckchen, farbiges Lampenlicht und ein prasselnder Ofen dazu man ist ja die Dampf­heizung gewohnt und mag sie nicht missen, aber die rechte Stimmung gibt es doch erst, wenn richtige, klobige Buchenscheite im Ofen knistern. Dazu muß es draußen natürlich wettern und stürmen, und wenn dann die Teemaschine summt, dann ist es erst so richtig mollig und behaglich."

Annelies lehnte sich in ihren Stuhl zurück.

Ja! In solcher Stunde kann man sich alles sagen, was man auf dem Herzen hat. Aber das muß eben manchmal auch anders gehen, auch wenn man sich nur in einem Hotelzimmer und im nüch­ternen Licht des Tages gegenübersitzt. Sie haben ja etwas auf dem Herzen, wie Sie neulich an» deuteten. Wenn Sie also so freundlich sein wollen, mit dem eigentlichen Thema zu beginnen ...? Günter wird vermutlich sehr pünktlich fein, und Sie beabsichtigen doch nicht, ihn zum Zeugen unserer Unterredung zu machen nicht wahr?"

Sie hatte es ganz ruhig gesagt; aber es war doch etwas in ihrer Stimme, das eine tiefe, innere Er­regung verriet. Mia schob langsam und wie spiele­risch ihre Teetasse ein wenig vor.

«Es freut mich, daß Sie so tapfer den Stier bei den Hörnern zu fassen suchen. Ich darf daraus wohl schließen, daß Sie sich darüber klar sind, um was es sich handelt, und daß Sie schon hinreichend darüber nachgedacht haben. Ich müßte Ihnen ja nun eigentlich sagen, daß es mir ausrichtig leid tut, eine so empfindliche und intime Angelegenheit, wie es die Liebe nun einmal ist, zum Gegen­stand gerade unserer Unterredung machen zu müs­sen. Aber Sie würden es mir vermutlich doch nicht glauben; ich kann mir diese billige Einleitung alsa ersparen. Eine Frage möchte ich aber gern erst noch stellen: Sie waren geradezu tödlich erschrocken, als ich vorgestern abend im Turmzimmer erschien. Darf ich wissen, was der Grund dazu war?"

Dazu möchte ich keine Erklärungen geben." Mia zuckte die Achseln.

(Fortsetzung folgt!)