Der Herbst erscheint uns manchmal wie das Sinnbild des Todes und des Vergehens, und doch ist er nur eine Umwandlung, eine Kräftesammlung zu neuem Leben, im Vorbereiten zu abermaligem Grünen, Sprossen, Blühen und Reisen. Nicht erst im Frühjahr, sondern bereits im Herbst entstehen, vorläufig noch sorgsam geborgen, die Knospen, aus denen im Frühjahr Blüten, im Sommer Früchte werden sollen. Wenn im Frühherbst an der einen Stelle noch Felder abgeerntetx werden, so hat an anderen Stellen bereits von neuem das Pflügen und Säen begonnen. So ist der Herbst kein Ende, sondern ein Uebergang, er ist zugleich Vollendung, Vergehen und Auferweckung, Tod und Geburt, Voroereiter des Winters, jedoch auch Botengänger des nächsten Frühjahrs.
Winterhilfswerk 1935/36.
Ortsgruppe Gietzen-Mitte.
Unter st ützungsanträge für das WHW. 1935/36 der Volksgenossen aus den Straßen:
1. Neuenweg, Weidengasse, Kaplansgasse, Mai« gaffe, Ludwigstraße können nur am 17.9., von 15 bis 18 und von 20 bis 22 Uhr auf der Ge- fchäftsstelle, Kaplansgasse 18, gestellt werden.
2. Erlengasse, Kreuzplatz, Katharinengasse, Wolken- gaffe, Lowengasse, Teufelslustgärtchen, Bleichstraße am 18.9., von 15 bis 18 Uhr und von 20 bis 22 Uhr.
3. Seltersweg, Plockstraße, Hindenburgwall, Bahn- hofstrahe, Grabenstraße, Hinter der Westanlage, Löberstraße am 19.9., von 15 bis 18 Uhr und von 20 bis 22 Uhr.
4. Neustadt, Horst-Wessel-Wall, Mühlstraße, Bruchstraße, Goethestraße am 20.9., von 15 bis 18 Uhr und von 20 bis 22 Uhr.
5. Die Entgegennahme von Anträgen aus den Straßen Sck)anzenstraße, Tiefenweg, Sandgasse, Rittergasse, In Löbers Hof, Marktstraße, Marktplatz, Mäusburg, Wagengasse, Kleine Mühl- gaffe, Alicenstraße, Bismarckstraße erfolgt nicht am 21. 9., sondern am 23.9., von 15 bis 18 und von 20 bis 22 Uhr.
Kohlenscheine werden im kommenden Winterhilfswerk nur an kranke und alte bedürftige Volksgenossen abgegeben. Alle anderen bedürftigen Volksgenossen haben Gelegenheit, ihren Winterbedarf an Brennholz durch Lesen in den Gießener Waldungen zu decken und können daher keine Kohlen- scheine erhalten.
L e s e s ch e i n e werden auf der Geschäftsstelle, Kaplansgasse 18, Freitags von 20 bis 22 Uhr aus- gegeben.
Mietbücher, Quittungskarten und alle sonstigen Unterlagen über die Einkommensverhältnlsse sind vorzulegen.
Der Ortsgruppenamtsleiter.
Die öeutfthc Arbeitsfront ■ n.9,=0emeinf(haft „firaft öurdi frcuöc"
Besuch der Ausgrabung in Glauberg.
Unter Führung des Herrn Szczech findet am Sonntag, 29. September, eine Fahrt nach dem Kreise Büdingen statt. Wir lösen eine Sonntagskarte nach Büdingen, fahren bis Stockheim, wandern von dort nach dem Glauberg, besichtigen unter kundiger Leitung die großen Ausgrabungen, die Über Deutschlands Früh- und Vorgeschichte reichhaltig Auskunft geben, wandern dann weiter Über die Ronneburg nach Büdingen. Es wird eine selten schöne Herbstwanderung geben. Kameraden aus allen Betrieben, folgt unserer Aufforderung und wandert mit. Es wird niemand zu bereuen haben. Sonntagsfahrkarte kostet 3 Mark. Rucksack - Verpflegung.
Kampf dem Verderb.
Noch immer gehen von den leicht verderblich e n L e b e n s m i t t e l n, ehe sie überhaupt den Verbraucher erreicht haben, 10 v. H. durch ^^erb der Allgemeinheit verloren. Wenn man bepenn, daß es sich dabei um Beträge von über e in er Milliarde Mark in jedem Jahre handelt, so wird man verstehen, wie notwendig die 9">ßtmog- lichste Unterbindung dieses Schadens ist. Dank der weitgehenden Vervollkommnung der Kaltekonseroie- rungsmethode kann man allerdings schon große Werte retten, soweit die betreffenden Waren den Weg vom Erzeuger zum Verteiler also der letzten Station vor dem Verbraucher, passiert haben. Vornehmlich verdienen die mustergültigen Einrichtungen der Reichsbahn der Erwähnung, die für Den Transport von Vieh- und Fleischprodukten, Fischen, Milch- erzeugnissen, Getränken, sowie Obst und Gemüse Spezialwagen benutzt, die einerseits für die Kuhl- erhaltung dieser Güter im Sommer und andererseits für den Schutz vor dem Erfrieren im Winter Sorge tragen. Schnellste Beförderungsmöglichkeiten tun ein übriges, die Ankunft dieser Waren selbst auf langen Reisen durch Deutschland in frischem und sundem Zustande zu gewährleisten. Bei der zweiten Etappe, zu der u. a. Die Metzger, Fisch-, Obst-, Gemüse- und Molkereiproduktenhändler gehören, sind es die Spezialkühlräume, sowie Kühlanlagen mit direkter Eis- ober automatischer Kühlung, die hier den Schutz der Waren vor Verderb übernehmen.
Drei Tanzgastspiele im Gtadttheater.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Um den Theaterbesuchern und vor allem auch den Freunden und Anhängern der Tanzkunst etwas ganz besonderes zu bieten, hat Intendant Schultze- Griesheim in der Reihe der für den Winter vorhergesehenen Gastspiele die drei besten Vertreter deutscher Tanzkunst zu einem Gastspiel verpflichtet. Reichsminister Dr. Goebbels hat für das große olympische Festspiel zur Verherrlichung des olympischen Menschentums, das zur Eröffnung der 11. Olympischen Spiele am 1. August 1936 mit 10 000 Mitwirkenden im Olympischen Stadion aufgeführt wird, Harald Kr e u tz b e r g , die P a - lucca und Mary Wigman zur Mitwirkung berufen. Diese drei Größen werden im Laufe des Winters bei uns zu Gast sein. Die Reihe der Tanzaastspiele eröffnet der Welt bester Tänzer Harald Kreutzberg mit einem Tanzabend am Samstag, 12. Oktober. Dann wird die Palucca bei uns zu Gast sein, Mary W i g m a n mit ihrer Tanzgruppe von 15 Tänzerinnen wird die Tanzgastspiel- Serie beschließen.
40000 Raummeter Holz für Minderbemittelte.
Zur tatkräftigen Unterstützung des Winterhilfswerks hat die Abteilung I D (Forstverwaltung) der Landesregierung die hessischen Forstämter, wie
Die Geschichte
einer Hochzeitsreise
„LlebeSvoman" von walthev von Sollandev
Besinnt beute in den LamMeubiättevn
Besonders gilt diese Sorgfalt auch für Speise und Getränke in den Gaststätten.
Aber auch in den Haushaltungen sollte man mehr als bisher dem Schutz der Lebensmittel Aufmerksamkeit schenken. Auch bei der Einkellerung muß man zur möglichst langen Frischerhaltung von Obst, Gemüse und Kartoffeln bestimmte Vorkehrungen treffen. Bei der Obsteinlagerung vermeide man z. B., dieses mit Gemüse, gärendem Obstwein, Heringen usw. zusammenzubringen, um so leichter eintretende Fäulnis zu verhüten. Das beim Ernten verletzte Obst soll man unbedingt vor der Lagerung herausnehmen, da es sich nicht hält. Aeußerst praktisch und sparsam sind die besonders für den Haushalt hergesellten kleinen Kühlschränke, um bei großer Som- merhitze, Milch, Fleisch, Käse und Getränke vor dem Verderben zu bewahren. Im Haushalt kann übrigens manches leicht getan werden, um Lebensmittel in gutem Zustande zu erhalten, wie man beispielsweise Kaffee, Tee, Grünkern, Grieß usw. gleich den Tüten entnehmen und in dicht schließenden Blech» oder Porzellangefäßen unterbringen sollte, um Qualität und Aroma zu bewahren. Mehl und Backobst ist bei längerer Lagerung häufiger um- zurühren, um es von Milben- und Würmerbildung frei zu erhalten; Fleisch ist mit Essig abzureiben, um es länger frisch zu halten. Durch manche der- artig kleine Hilfsmittel erzielt man auch im Haus- halt günstigste Ergebnisse im Kampf gegen das Der- derben von Genußmitteln aller Art.
in den vorhergegangenen Jahren auch für den näch- st en Winter auf die Belieferung von bedürftigen Volksgenossen mit Brennholz hingewiesen und er- sucht, dieser Aufgabe besondere Aufmerksamkeit zu widmen. In Verfolg dieser Anordnung wurden insgesamt 40 000 Raummeter Brennholz aus den hessischen Staats- und Gemeindeforsten zum Teil gegen mäßiges Entgelt und im Wege der Selbsterwerbung an rund 14 000 Minderbemittelte abgegeben.
Vortragsabend des Evang. Bundes.
Der Evangelische Bund in Gießen veranstaltete gestern in der Stadtkirche einen Vortragsabend. Nach einem einleitenden Lied der Choraloereinigung der Stadtkirche unter Leitung von Stadtorga- nift Simon sprack als Redner des Abends Pfarrer a. D. Thiele- Berlin über das Thema „Stellung und Aufgaben des Evangelischen Bundes im Dritten Reich". Der Vortragende beschäftigte sich zunächst in einem Gleichnis mit dem Gedanken der Heimatverbundenheit und der Vater- landsliebe im einfachen deutschen Menschen in einer Zeit, da in Deutschland alles in sich zusammenzustür- zen drohte. Er erinnerte an die Jghre 1918 bis 1932, in denen volksfremde und bewußt zerstörende Kräfte das deutsche Volk zerreißen wollten und zerrissen, bis eines Tages von Gott der Mann ge- schickt wurde, der Deutschland aus Not und Elend zu reißen berufen war. Dem Führer sei Dank
dafür zu sagen, daß er erstens Den Legionären Moskaus ihr Wirken in Deutschland unmöglich machte, und zweitens dafür, daß er die Zentrumspartei zerschlug. In diesem Zusammenhang besprach der Redner Gefahren, die dem deutschen Volke fahr- zehntelang vom Zentrum her drohten und die ihm, wenn auch unter anderem Namen, auch heute noch drohen. In feinen weiteren Ausführungen beschaf- tigte sich der Redner mit dem Wirken der katho- lischen Kirche in Vergangenheit und Gegenwart. Er umriß die Stellung der katholischen Kirche zu Heimat und Vaterland, zu Ehe und Familie, die Unduldsamkeit der katholischen Kirche in der Frage der Ehe zwischen dem evangelischen und dem katholischen deutschen Menschen usw. Schließlich beschäftigte er sich auch mit dem Verhältnis Roms zum Nationalsozialismus und kennzeichnete Wandlungen in diesem Verhältnis. In Einzelheiten hörte man ferner aufschlußreiche Aussprüche verschiedener Päpste. Der Redner schloß seinen Vor- trag mit dem Hinweis, daß die deutsche Kultur, der Fortschritt, die Technik, die Entwicklung der Wissenschaften in den vergangenen vier Jahrhunderten nur möglich gewesen seien auf dem Boden des Protestantismus. Den Protestantismus als einen Kulturträger zu hüten sei eine der wesentlichsten Aufgaben des Evangelischen Bundes. Nachdem sich der Redner in kurzen Worten noch mit per Glaubensnot der deutschen Menschen in Oesterreich beschäftigt hatte, forderte er auf, die Arbeit des Evangelischen Bundes nach besten Kräften zu unterstützen. Mit drei gemeinsam gesungenen Versen des Lutherliedes und einer weiteren Lieddarbietung der Choralvereinigung der Stadtkirche fand der Vortragsabend feinen Abschluß.
Das wundersame Mädchen.
Sie ist so lieb, so sonnig gut, selbst an den trübsten Tagen. Sie weiß sich einfach und dabet doch äußerst nett zu tragen. Sie wünscht sich kein gewelltes Haar, kein üppiges Geschmeioe, und doch fühlt sie als Dame sich noch in dem ärmsten Kleide.
Sie ist nicht launisch und man kann sich kaum was Klügres denken.
Sie wird auch nie durch Wort und Blick je eine Freundin kränken.
Sie spielt nicht Tennis, nicht Klavier trägt Ballschuh nicht und Sporen. Kurzum: ich bin verliebt in sie bis über beide Ohren!
Auch ist sie mir von Herzen gut. Was soll ich weiter sagen!
Sie ist so schön, wie Venus war in ihren besten Tagen!
Wer ist wohl dieses seltne Weid im Kranz der blonden Haare? Es ist mein kleines Töchterlein und wird schon bald fünf Jahre!
Puck.
vornotlzen.
— Tageskalender für Freitag: NSG. „Kraft durch Freude": 20.45 bis 22 Uhr Allgemeine Körperschule, Lyzeum, Dammstraße; 20.30 bis 21.30 Uhr und 21.30 bis 22.15 Uhr nur für Frauen Schwimmen im Dolksbad; 20 bis 21 und 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs, Brandplatz. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Ich liebe alle Frauen." —
** Lotteriegewinne werden jetzt ausgezahlt. Die Lotterieeinnehmer in Gießen machen im heutigen Anzeigenteil darauf aufmerksam, daß die Gewinne aus der jüngsten Preußisch- Süddeutschen Klassenlotterie von morgen ab ausgezahlt werden. Die glücklichen Gewinner seien auf die Anzeige besonders hingewiesen.
Zu jedem kommt einmal das Glück
Vornan von Ellen Kulm
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.) 25 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Unterdessen war Monika, kurz entschlossen, bei Frau Klinke eingetreten. Nach der letzten Aussprache, die zwischen ihnen stattgefunden, hatte ie volles Vertrauen zu Frau Klinke. Sie wollte ie bitten, ihr für den Abend frei zu geben, damit sie ihm mit Evi verbringen könnte. Und sie hatte sich vorgenommen, wenn Frau Klinke fragen sollte, sie offen über alles aufzuklären. Doch es war nicht notwendig. Frau Klinke war sogleich damit einverstanden, um so mehr, als sie gerade für diesen Abend mit einer ihrer amerikanischen Freundinnen zusammenzukommen gedachte, die auf der Durchreise in München war.
„Eine der wenigen, die ich mag. Sie hat auch mit nichts angefangen und ist auch einfach geblieben ...", erzählte sie Monika. „Da vaht es gut, mein Kind, wenn Sie auch für den Abend etwas vor haben, um so mehr, als auch mein Johme soeben mit dem Auto fortgefahren ist und mir erklärt hat, daß er nicht weiß, wenn er zurückkommt, und ob er am Abend wieder da ist."
Monika lächelte. Ich weiß es, warum er fchon jetzt fagt, daß er nicht kommt. Aber ich kann es nicht verraten. Und so nickte sie auch nur, als Frau Klinke fortfuhr:
„Er hat mir gesagt, daß er einen kleinen Besitz besichtigen will, von dem man ihm erzählt hat — wahrscheinlich gibt es dort irgendeine Sehenswürdigkeit ..."
Mit großer Genugtuung erfuhr Shirley, daß die beiden Damen für den Abend bereits Pläne hatten. Sie hütete sich natürlich, von dem abendlichen Ka- barettbesuch vor ihnen auch nur Erwähnung zu tun. Sie konnte sich ja nun leicht genug Damit entschuldigen, daß sie gewußt hatte, daß die Damen bereits vergeben waren, abgesehen davon, daß die Loge ja leioer nur vier Plätze hatte.
Aber nun mußte sie noch Gerling allein sprechen. Er wich ihr offensichtlich aus, das merkte sie. Aber das konnte sie nicht abhalten. Endlich gelang es ihr auch, ihn im Rauchsalon allein anzutreffen.
Er sah am Fenster und starrte vor sich hin, die Zigarette in der Hand, die wieder erloschen war.
„Herr von Gerling ..."
Er sah überrascht aus, und über sein Gesicht zog eine Wolke des Unmuts.
„Sie behandeln mich schlecht, Herr von Gerling! Sie weichen mir aus, aber ich lasse mich nicht so leicht abschrecken... Ich konnte Ihnen leider gestern abend den Namen eines. Kabaretts, den Sie zu wissen wünschten, nicht mitteilen. Heute kann ich es bereits; es heißt der »Rote Flamingo'.
Und ich habe noch mehr für Sie getan; ich habe bereits eine Loge besorgt, und Sie sind freundlichst eingeladen, Herr von Gerling!"
In seinem Gesicht zuckte kein Muskel. Er verbeugte sich förmlich:
„Ich danke für Ihre gütige Einladung, gnädige Frau, der ich leider nicht Folge leisten kann! Ich habe über den Abend bereits anderweitig disponiert."
Shirley zuckte zusammen. Aber im nächsten Augenblick verstand sie. Die Saat des Mißtrauens, die sie gestern gesät hatte, begann bereits aufzugehen. Natürlich hatte er Evi von Tanner um ein Zusammensein gebeten. Nun, sie würde ja doch absagen müssen. Ein armes Mädchen wie sie würde es nicht wagen, fortzubleiben. Die Direktoren verfuhren in solchen Fällen erbarmungslos.
„Das tut mir leid, zu hören, Herr von Gerling! Es könnte aber doch fein, daß die Zusammenkunft für den heutigen Abend noch in letzter Minute abgesagt wird. Es kommt manchmal vor, daß jemand plötzlich verhindert ist, zu erscheinen. Und in diesem Falle ..."
„In diesem Falle, gnädige Frau, nehme ich Ihre Einladung mit Dank an und werde erscheinen!"
Er verbeugte sich knapp, und bevor sie noch etwas sagen konnte, hatte er Den Raum verlassen.
17. Kapitel.
Friedrich von Gerling wartete pünktlich an der verabredeten Stelle. Und doch — seine sonstige Ruhe, Die ihn allen Gefahren furchtlos ins Auge blicken ließ, hatte, ihn verlassen. Er machte sich Vorwürfe, Daß er Evi Die Möglichkeit fast abgeschnitten hatte, ihm abzusagen. Vielleicht hätte er Doch Den Boten warten lassen sollen! Wenn es wahr fein sollte, Daß sie am AbenD auftreten mußte, so konnte sie Doch nicht fortbleiben. Sie mußte ja sich unD ihre Mutter ernähren. Er hätte ihr durch Die Antwort eine Gelegenheit geben können, ihm Die Wahrheit über ihre Beschäftigung zu sagen. So sehr es ihm weh tun müßte — es wäre Doch schön gewesen, wenn sie es ihm selbst gesagt hätte! Jetzt waren schon einige Minuten über Die oerabreDete Zeit, und sie war doch sonst so pünktlich. Und vielleicht war es Doch so, wie sie immer anDeutete, Daß sie am AbenD ihre Mutter nicht verlassen konnte — nun, Dann würde er eben Shirley Prestons Einladung Folge leisten und sich Gewißheit verschaffen.
„Guten Abend, Herr von Gerling!" klang Da eine schüchterne Stimme „Sie sehen mich ja gar nicht...!"
„Evi, Fräulein von Tanner...!" Sein Gesicht strahlte plötzlich, und er hielt ihre Hand fest, als wollte er sie überhaupt nicht loslassen.
Und nun saß sie neben ihm, und er schloß den Schlag.
„Wohin wollen wir fahren?"
„Wenn Sie damit einverstanden wären, Fräulein von Tanner, so möchte ich nach Garatshausen herausfahren. Ich habe nämlich gestern meine Brieftasche verloren und möchte den Kastellan fragen, ob er sie vielleicht gefunden hat..
„Oh!" Evi war ganz erschrocken. „War etwas Wichtiges Drin?"
„Nein, glücklicherweise nicht! Kein nennenswerter OelDbetrag, auch keine Dokumente von Wichtigkeit. Doch trotzDem hätte ich sie gern zurück."
Ach so! Natürlich. Das Bild, das Shirley Evi gestern gegeben hatte! Natürlich wollte er Monikas Bild zurückhaben. Nun, sie könnte es herausziehen und ihm sogleich geben. Aber sie brachte es einfach nicht über sich. Er selbst wollte ja mit ihr sprechen, da würde sich noch Gelegenheit genug finden!
So fuhren sie denn in Die Dämmerung hinein, unD so sehr auch Evi das Herz weh tat: Dem Glück Des Augenblicks konnte sie sich doch nicht entziehen. Es war so herrlich, neben ihm zu fein und mit ihm in Die weite Welt zu reifen. Wie gern ginge sie mit ihm, wenn er Europa roieDer verließ. Sie, Die scheue, ängstliche kleine Evi fürchtete nichts auf der Welt, wenn Friedrich von Gerling neben ihr war.
*
Nun hatte sie Doch ein wenig Lampenfieber, die kleine Monika, als sie in dem kleinen Zimmer, das sämtlichen Damen des Kabaretts als Ankleideraum Diente, auf Den Moment wartete, Da sie auftreten sollte.
Es war erst eine Der Kolleginnen Da, geraDe die übermütige Schwarze, die sie damals vor Dem Eingang Des Kabaretts mit Evi verwechselt hatte. UnD Der machte es natürlich einen Riesenfpaß.
„Es kann Ihnen gar nichts geschehen. So gut wie Die schüchterne Tanner roerDen Sie es bestimmt machen. Ein bißchen fingen kann Doch fast jeDes MäDel. UnD Der Direktor nimmt sie Doch nur, weil sie so entzückend aussieht. Die könnte ihr Glück machen, wenn sie wollte, bei Dem Geschau wie eine Prinzessin. Aber sie ist gar nicht raffiniert."
Monika nickte nur zu allem. Sie war von Minute zu Minute mehr aufgeregt. Aber nun Dachte sie nicht mehr an ihr Auftreten. Sie Dachte an Evi unD an Johnie, mit Dem sie wohl jetzt beisammen war. Sie konnten sich aussprechen, und bestimmt würde Johnie noch einmal um Evi werben. Sie sah ihn wieder so vor sich wie gestern. Und sie mußte alle Kraft zusammennehmen, um nicht auf- zuschluchzen. Alles auf Der Welt hätte sie neiDlos jedem anderen Menschen überlassen; aber Johnie — nun, Evi war die einzige, die seiner wert war. Sie mußte ihnen beiden das Glück gönnen und Gott danken, daß es nicht Frau Preston war.
Unwillkürlich kehrten ihre Gedanken zu ihrer ersten Begegnung zurück. Wie hatte sie über ihn gelächelt, über feine ein wenig linkische Art, feine Brille, sein Studium! Wie hatte sie die Achseln gezuckt über ihn! Sie, die sich einen Romanhelden gewünscht hatte, schon und stattlich — einen Mann, Der keine Gefahr fürchtete, einen Mann, Der in fremDen Ländern mutig Gefahren trotzte, einen Mann, dem mühelos alle Frauen zufielen» einen Mann, der so war wie Friedrich von Gerling!
Merkwürdig, heute fiel es ihr eigentlich das erste- mal ein, wie ähnlich Friedrich von Gerling ihren Mädchenträumen war. Und sie hatte es gar nicht
bemerkt, war ihm mit herzlichem Freimut und offener Kameradschaftlichkeit entgegengetreten.
Herzlich zugetan war sie ihm auch heute noch; ie hatte ihn auch sehr gern — aber Liebe empfand ie nur für einen, und dieser eine durfte es nie er» ahren.
„Wie blaß Sie geworden sind — Sie haben jetzt doch Angst. Kommen Sie, ich gebe Ihnen ein wenig Rouge. Und nur nichts anmerken lassen — Sie werden sehen, wie gut Sie gefallen werden..."
Fügsam trat Monika vor den Spiegel. *
Das Auto hielt vor dem Park von Schloß Garatshausen.
Friedrich von Gerling sprang ab und schellte. Hundegebell erscholl, bann langsame Schritte. Eine Laterne wurde in Die Hohe gehoben.
„Verzeihen Sie, daß wir stören — wir haben gestern das Schloß besucht..."
Jetzt erkannte sie auch Der Alte.
„Guten AbenD — guten Abend! Die Herrschaften kommen wohl
„Ich habe gestern meine Brieftasche hier verloren, vielleicht haben Sie sie zufällig...'
„Ganz recht, ist schon Da. Herr, ist fchon da — einen Augenblick Geduld bitte!"
Er öffnete das Tor nicht. Evi verließ auch den Wagen und lehnte sich an die Mauer. Der feuchte Herbstgeruch der Blätter, die am Boden lagen, stimmte unendlich traurig. Der Mond stand sehr klar und fern am Himmel.
Sie sprachen nicht. Dann kam der Alte zurück. Gerling nahm die Brieftasche, ohne hineinzusehen.
„Besten Dank! — Und hier, Ihr Finderlohn..." „Ist nicht notwendig, Herr! Ist meine Pflicht, Herr...!"
Er zog höflich die Mütze von dem weißen Haar; der Hund bellte, und das Auto fuhr wieder in Die Dunkelheit.
Jetzt kam Die Kurve — ein kleiner, scharfer Ruck, Evis Kopf sank gegen Gerlings Schulter; sie wollte sich roieDer aufrichten, aber sie konnte es nicht. Es war so schon, und es paßte so gut in diese nächtliche Traumfahrt. Ein leiser Ton, fast wie ein Schluchten, entrang sich ihrer Kehle. Da hielt es auch ihn nicht länger. Mit einem jähen Ruck hielt er den Wagen an und zog sie an sich. Und ihre Lippen fanden sich in einem langen Kuß, in dem all ihre Liebe und all ihre Qual lagen.
Dann aber riß sich der Mann so jäh los, daß Evi fast taumelte. Er stöhnte auf, abgerissen kamen die Worte von seinen Lippen:
„Es darf ja nicht fein. Laß mich dir sagen..."' Evi sah ihn mit großen Augen, an, die in der Dunkelheit leuchteten wie klare Sterne.
„Ich weiß alles!" Und nun kam auch ihr das vertraute „Du" über die Lippen, kaum daß sie es merkte. „Du mußt nicht sprechen, wenn es dir weh tut. Ich verstehe dich so gut, und ich weiß, daß Du sie lieb hast!"
Dabei griff sie hastig in ihre Handtasche und holte Monikas Bild hervor.
„Nimm es ..(Fortsetzung pckgH


