ttr.167 Drittes Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, 20. Juli 1935
Aus der Provinzialhauptstadt.
Paul Walter.
Der neuverpflichtete erste Kapellmeister des Gießener Stadtthea erst
(Aufnahme: Residenz-Atelier, Wien.)
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Don der Intendanz des Stadttheaters find wir gebeten worden, die neuverpflichteten Kräfte dem Gießener Publikum zunächst in Wort und Bild oor- ßufteHen; wir beginnen den Reigen heute mit dem neuen ersten Kapellmeister Paul Walter, der seinem Bilde folgenden kleinen Lebenslauf beige- füat hat:
Am 28. Februar 1906 wurde ich in Wien als Sohn eines Staatsbeamten und Sproß einer alten Militärfamilie geboren. Rach Absolvierung des Realgymnasiums besuchte ich die Staatsakademie für Musik in Wien. In Musiktheorie war Joseph Marx, einer der bekanntesten Komponisten Oesterreichs, mein Lehrer. Klavier studierte ich bei Franz Moser: der Konzertdirektor am Wiener Konzerthaus Leopold Reichwein und Staatsopernkapellmeister Hugo Reichenberger unterrichteten mich im Dirigieren und in der Musikliterati^r. Dann trat ich wohl- ge-rüstet den Weg ins Theater an. Meine erste Etappe war 1929 das Stadttheater Troppau, wo ich als Ehordirektor und Kapellmeister verpflichtet wurde. 1930 führte mich mein Weg als Kapellmeister und Repetitor an die städtischen Bühnen Gladbach-Rheydt zu Intendant Dr. Legband. Dr. Legband nahm mich bei feiner Uebersiedlung nach Erfurt 1931 mit nach dort und berief mich als ersten Kapellmeister der Oper an das Erfurter Stadttheater. Bis 1933 blieb ich dort. Don 1933 bis 1935 unter Intendant Fritz Kranz war ich musikalischer Oberleite» und erster Kapellmeister für Oper und Konzerte in Trier. Mein Wirken in Trier war deshalb sehr wertvoll, weil ich am Stadttheater den Opernaufbau von Grund auf vornehmen durfte. Don dort holte mich für die kommende Spielzeit Intendant Schultze-Griesheim ans Stadttheater Gießen. Ich freue mich sehr auf die reformatorischen Arbeiten auf dem Gebiet der Oper und erhoffe eine künstlerisch schöne Spielzeit.
ilrlaubswandern in der Heimat!
Die Urlaubszeit lockt. Ist der Reifeplan fertig? Oder willst du ganz zu Hause bleiben? Das glaube ich nicht! Es liegt im deutschen Wesen begründet, daß wir uns hinaussehnen in die weite Welt. Ja, wir sehnen uns oft gar zu weit. Fremde Länder,
fremde Städte und fremde Menschen möchten wir sehen, möchten schauen und ergründen, „wie es dort aussieht". Und es gab Zeiten, in denen wir nur das schätzten, was aus Der Fremde kam. Sagt doch ein deutsches Sprichwort so bezeichnend: Es ist nicht weit her!
Besinnen wir uns doch auf uns selber, auf unsere Art, auf unsere Geschichte, auf unsere Leistungen und nicht zuletzt auf unsere Heimat! War es in früheren Jahren nicht „modern", ins Ausland zu reifen? Italien, Aegypten, oder wenigstens die Schweiz mußte man gesehen haben, wenn man mitreden wollte. Das galt als vornehm, als Zeichen des Wohlstandes. Und man kannte fremde Städte besser als die deutschen
Das ist ja nun etwas anders geworden, aber noch lange nicht bei allen. Gar viele Deutsche merken immer noch nicht, wie stark wir mit der Heimat verwurzelt sind, wie unser Leben und Gedeihen von ihr abhängen. Und wenn wir wandern oder eine Reise machen, dann sollten wir unsere Heimat im tiefsten Sinne des Wortes „erwandern". Wer kennt unser deutsches Vaterland in allen Winkeln und Ecken? Wohl niemand! Wir sind schon im Taunus, in Thüringen, im Harz, im Riesengebirge, an der Ost- und Nordsee gewesen, aber damit kennen wir noch lange nicht unser schönes Vaterland.
Wir müssen abseits von der großen Heerstraße wandern, müssen suchen nach verborgenen Schönheiten. Wir werden überrascht fein; denn immer wieder finden wir Plätzchen, die so einladend und schön find, daß wir dort gern einige Wochen verbringen.
Was für alte, trauliche Städtchen gibt es tm deutschen Vaterland! Wie erzählen sie uns von vergangenen Tagen, von stolzem Geschehen, von echter deutscher Baukunst! Warum also nach Italien fahren?
Dieses Erwandern der deutschen Heimat gehört zu den Ausgaben, die uns die Gegenwart stellt. Die Jugend, die Wandervögel, haben das schon lange geahnt und gefühlt. Sie ziehen singend und wandernd durch die deutschen Gaue, sie verschmähen auch die kleinsten Dörfchen nicht, und sie finden in Wald und Heide gar schöne Fleckchen, die sie in ihr Herz schließen.
Erst wenn wir abseits von der Landstraße hin- eingehen in die Dörfer, auf die Höfe, lernen wir zu der Heimat auch den deutschen Menschen bei seinem Berufe, bei feiner Arbeit, bei Leid und Freud, kennen, dann erst verstehen wir deutsche Art und deutsches Brauchtum. Solche Wanderungen, ganz ohne Ziel und Plan, bereichern und stärken zugleich. Wir fühlen immer mehr, daß wir eine große Volksgemeinschaft bilden, in der jeder an feinem Platz zu stehen hat. Wir verstehen manche Eigenarten und manche Merkwürdigkeiten, wenn wir sie an Ort und Stelle selber studieren können.
Mit ganz andern Augen betrachten wir nun unsere Umwelt Die Wochen des Urlaubs öffnen manchem die Augen. Wir gewinnen einen neuen Maßstab, unsere Umwelt zu schauen, und neue Wertungen werden uns vermittelt. Unser Blick weitet sich, wir verstehen und begreifen Zusammenhänge, die uns bis dahin fremd waren. Deutsche Vergangenheit steigt empor und läßt uns immer mehr fühlen, wie eng wir eigentlich mit der Heimat, mit unferm schönen Vaterlande verwurzelt sind.
Wir brauchen nicht die fernen Länder, wir brauchen keine tropischen Schönheiten. Wir wandern hinaus in die deutschen Lande, wir öffnen Auge und Herz für alles Schone, und wir kehren zufrieden und beglückt zurück mit dem Bewußtsein:
Wie ist die Heimat doch so schon! P
Genehmigte Schenkungen in Hessen.
Aus einer Statistik der Landesregierung geht hervor, daß im ersten Halbjahr 1935 u. a. folgende Schenkungen genehmigt worden sind: An die Stadt Mainz: vom Verein für Ferienkolonien in Mainz 15 000 Mark, von Verleger Karl Anton Diemer in Mainz als letztwillige Zuwendung mit verschiedenen Verpflichtungen Einzelwerte von rund 63 000 Mark,
drei Häuser im Werte von 52 900, 78 700 und 78 960 Mark, eine Bibliothek, einen Betrag von 6000 Mark und ein Zwölftel der verfügbaren 10 Prozent aus dem Gewinn der „Weinzeitung"; von Oskar Jakob Hauswald Wwe., geb. Dunk, in Mainz 47 000 Mark als letztwillige Zuwendung. An die Landesuniverfität Gießen: vom ehemaligen Reichsbund der höheren Beamten, Landesverband Hessen, 17 500 Mark als Schenkung mit dem zukünftigen Namen „Otto-Altendorf- Stiftung" mit verschiedenen Verpflichtungen. An die Evangelische Kirche Groß-Gerau von der Evangelischen Kirchlichen Frauenhilfe Groß-Gerau 5881,04 als Schenkung. An den Armenfonds der Stadt Grünberg 5000 Dollars letzt- willige Zuwendung von Maria Betz (Neuyork). An die Katholische Kirchengemeinde Hackenheim 12 000 Mark. Schenkung von Jakob Schneider Wwe., Hackenheim.
Oer Anteil der hessischen Gemeinden an der Krastfahrzeugsseuer.
Der Reichsstatthalter — Landesregierung — erließ unter dem 12. Juli folgende Durchführungsbestimmungen zur Verordnung zur Regelung der finanziellen Auseinandersetzung zwischen den alten und neuen Trägern der Straßenbaulast:
„Auf Grund des § 1 der Verordnung zur Regelung der finanziellen Auseinandersetzung zwischen den alten und neuen Trägern der Straßenbaulast vom 12. Februar 1935 (RGbl. I, Seite 81) wird vestimmt: Von dem auf das Land Hessen entfallen- Den Anteil an der Kraftfahrzeugsteuer fließen — nach Abzug von 4 vom Hundert für die Unterhaltung der öffentlichen Brücken — zu:
a) den Trägern der Straßenbaulast an den Landstraßen 1. Ordnung und den Gemeinden mit mehr als 6000 Einwohnern, die Ortsdurchfahrten im Zuge von Reichsstraßen oder von Landstraßen 1. Ordnung zu unterhalten haben, 81 v. H.;
b) den Trägern der Straßenbaulast an den Landstraßen 2. Ordnung und den Gemeinden mit mehr als 6000 Einwohnern, die Ortsdurchfahrten im Zuge von Landstraßen 2. Ordnung zu unterhalten haben, 20 v. H.
Von den Beträgen unter a und b erhalten die Gemeinden mit mehr als 6000 Einwohnern für die Ortsdurchfahrten im Zuge von Reichsftraßen oder Landstraßen 1. Ordnung 500 Mark je Kilometer, von Landstraßen 2. Ordnung 250 Mk. je Kilometer.
Als Ortsdurchfahrten gelten die im Zuge von Reichsftraßen oder von Landstraßen 1. und 2. Ordnung bisher schon bestehenden Einbahnstraßen in den beiden Richtungen. Bei Straßenstrecken, die später zu Einbahnstraßen erklärt werden, gilt nur die eine Fahrtrichtung als Ortsdurchfahrt, es fei denn, daß die oberste Straßenbaubehörde des Landes aus besonderen Gründen beide Einbahnstraßen als Ortsdurchfahrt ausdrücklich anerkennt.
Die nach Abzug der für die Unterhaltung von Ortsdurchfahrten verbleibenden Kraftfahrzeugsteueranteile werden an die Provinzen ausgefchüttet, und zwar: 1. foweit sie zur Unterhaltung von Landstraßen 1. Ordnung bestimmt find: zu je einem Viertel nach der Bevölkerungszahl und dem örtlichen Aufkommen an Kraftfahrzeugsteuer, zur Hälfte nach der Straßenlänge, 2. foweit sie zur Unterhaltung von Landstraßen 2. Ordnung bestimmt sind 7 nach der Straßenlänge.
Die Provinzen haben die ihnen gemäß Ziffer 1 zufließenden Beträge auftragsgemäß zu verwenden." polizeibericht.
Jugendliche Diebesbande festgenommen.
Eine jugendliche Bande, die sich zur Beraubung von parkenden Autos zusammengeschlossen hatte, konnte nunmehr ermittelt und feftgenommen werden. Die Jugendlichen hatten es hauptsächlich auf Ersatzräder abgesehen, aber auch für andere Gegenstände, wie Mäntel, Ferngläser usw, die in den Wagen oorgefunden wurden, hatten sie Verwendung. Mit einem Kraftwagen, der dem Bruder des Haupttäters gehört, fuhren sie nachts auf Beute aus und richteten sich so ein, daß sie am frühen
Beatrice Doering t
(Aufnahme: Collmann, Darmstadt.)
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Die junge Gießener Schauspielerin Beatrice Doering, die früher am Stadttheater tätig war und, wie gestern bereits berichtet, in Sylt tödlich verunglückt ist.
Morgen in Frankfurt a. M. eintrafen, wo sie die entwendeten Ersatzräder an den Mann brachten. Drei komplette neue Ersatzräder, ein Prismenglas und eine Anzahl andere Gegenstände konnten noch bei ihnen sichergestellt werden. Die Ermittelungen nach den bereits verkauften Stücken sind eingeleitet.
Der Haupttäter, der 18jährige Elektriker M. Sch., der bereits vor 8 Tagen einmal in der gleichen Sache festgenommen worden war, aber wieder zur Entlassung kommen mußte, wurde wegen dringenden Tatverdachts am 16. Juli erneut festgenommen. Am gleichen Tage teilte auch das Polizeiamt Bad- Nauheim telephonisch mit, daß Sch. auch für einen Ersatzräderdiebstahl in Bad-Nauheim in Frage käme. Nach langem Leugnen gestand Sch. einzelne Diebstähle und die Namen feiner Mithelfer ein, deren Festnahme nunmehr auch erfolgte. Es handelt sich um den 18jährigen Arbeiter D. B., den 16jäh- rigen Arbeiter K. St. und den 17jährigen Arbeiter K. H. Letzterer ging flüchtig, konnte aber am 18. Juli auf Ersuchen durch die Gendarmerie Butzbach in Nieder-Weisel feftgenommen werden. Der 16jährige K. St. wurde nach Vernehmung wieder freigelaffen, während die anderen dem Amtsgericht zugeführt und unter Haftbefehl gestellt wurden. Der Eigentümer des Prismenglases, das aus einem vor dem Caf6 Amend in Gießen parkenden Wagen entwendet wurde, steht noch nicht fest. Er wird ersucht, umgehend bei der Kriminalpolizeistelle vorzusprechen.
Diebstähle.
Gestohlen wurde aus einer Badezelle im Volksbad eine Geldbörse mit 12 Mark, aus einer Halle der Müllerschen Badeanstalt ein Paar braune Halb- schuhe Marke „Salamander", ein Paar graue gemusterte Socken mit Haltern und aus einem Geräteraum in der Bergstraße eine Roßhaarmatratze.
In den letzten Wochen wurden aus hiesigen Schrebergärten und aus auf Grundstücken stehenden Hühnerhäufern mehrere Hühner, vorwiegend 7 bis
Karten für die Uraufführung
Von Heinrich Leis
Kurz nach 21 Uhr ging von der Villa Kunstmann der Alarmruf an die Polizei. Wenige Minuten später waren schon Beamte des Ueberfallkommandos Äur Stelle, ihnen folgte bald Kommissar Fischer, Der während des Telephonanrufs zufällig anwesend und auf besonderen Wunsch mit der Aufklärung des feltsarnen Falles beauftragt worden war. Der Tatbestand lag, wie ihn Direktor Kunstmann schilderte, unzweifelhaft klar. Der Direktor hatte mit feiner Frau einer bedeutungsvollen Uraufführung im Filmpalast beigewohnt. Dem Hausmädchen hatte man für einige Stunden Urlaub gegeben, es war zur Zeit noch nicht zurückgekommen. Inzwischen aber drangen Einbrecher in die verlassene Wohnung und räumten dort unter den Kostbarkeiten rücksichtslos auf; sie stahlen nicht nur alles Bargeld und den wertvolle« Schmuck der Hausfrau, sondern auch den JnhÄt einer Kassette, der das recht ansehnliche Vermögen eines von dem Direktor verwalteten Wohltätigkeitsunternehmens darstellte und von ihm zu Abrechnungszwecken gerade am selben Tage erst in seine Wohnung mitgenommen worden war.
Mußte man nach alldem mit Tätern rechnen, die mit den örtlichen Verhältnissen aufs genaueste vertraut waren, so bekam der Fall durch die wunderliche Vorgeschichte noch eine eigene Note. Kunstmann hatte, wie er angab, gar nicht die Absicht gehabt, den Abend außerhalb zu verbringen; erst mit der Mittagspost waren ihm zwei Logenplätze für die Filmaufführung von unbekannter Hand zugefchickt worden. Er glaubte, irgend jemand unter feinen Freunden aus Künstlerkreisen fei der Absender und zögerte nicht, die Einladung anzunehmen. Erst zu spät begriff er, daß jene Karten nur ein Mittel für einen verbrecherischen Zweck gewesen waren und sich für ihre Käufer gut bezahlt gemacht hatten. v .
Kommissar Fischer begann sofort mit der Untersuchung der Spuren am Tatort. Die ungebetenen Gäste hatten sich offenbar mit großer Gründlichkeit ans Werk gemacht, und die Art, wie sie alle Schränke und Läden geöffnet und durchgewühlt hatten, zeigte System unb kecke Sicherheit, die keinen unversehenen Zwischenfall fürchtete. Fmger- fpuren waren trotz sorgfältiger Prüfung nirgends zu entdecken, wohl aber fand sich die Spur eines «uffallend großen, schmutzigen Schuhes, die man bereits auf der Fensterbank abgedruckt sah und leicht durch alle Räume verfolgen konnte. Und diese
Spur, die den Kommissar sogleich auf das dringlichste beschäftigte, wurde erster Anstoß für die bereits innerhalb weniger Stunden gelungene, überraschende Aufklärung des Rätsels. Fischer unterbrach sich plötzlich in der Arbeit, warf schnell einige Zeilen aufs Papier, die er einem Polizisten mit dem Befehl sofortiger Nachfrage übergab. Während der Mann davoneilte, setzte Der Kommissar nun die Untersuchung der Zimmer mit wachsender Spannung fort.
Ein Ausdruck leicht spöttischer Heiterkeit blitzte zuweilen in feiner Miene auf, mit kurzem Kopfnicken bestätigte er sich das erfolgreiche Fortschreiten seiner Arbeit. Dann wandte er sich wieder mit allerlei Fragen an den Direktor, feine Frau und das inzwischen gekommene Hausmädchen, das angesichts der Spuren des Einbruchs in deutlich erkennbare Erregung geriet. Sein Benehmen war so auffallend, daß es auch dem Direktor nicht entging, der dem Kommissar eine heimliche Andeutung zuflüsterte. Fischer, sonst in seinen Fragen zurückhaltend und beinahe wohlwollend, fuhr das Mädchen scharf an; dessen Verwirrung stieg immer mehr, es versicherte stotternd seine Unschuld und begann zu meinen. Der Kommissar hieß es streng, van einem Polizisten bewacht, im Nebenzimmer warten, und machte auch Kunstmann gegenüber feinen Hehl aus seinem Verdacht. Nur nebenher zog er von dem Direktor beiläufige Erkundigungen ein, wie groß er etwa feinen Schaden einfchätze, ob er gegen Einbruch versichert gewesen, ließ sich den Briefumschlag geben, in dem die Karten lagen, und besah genau die von dem Platzanweiser durchgerissenen Billette. Dann bat er auch den Hausherrn, zunächst im Arbeitszimmer zu bleiben, um etwa noch vorhandene Spuren nicht zu verwischen.
Endlich allein, durchstöberte er alle Winkel. Auf die Oefen im Haufe richtete er besonderes Augenmerk, vor allem schien ihn der Küchenherd zu fesseln. Hier fanden sich Spuren von frischer Asche, sorgfältig schob sie der Kommissar auf ein weißes Blatt; Zigarrenasche war es und ganz winzige Reste' von verbranntem Papier. Und schon fuhr Fischer auf mit einem Laut, der wie unterdrückter Jubelruf klang; zwischen spitzen Fingern hielt er ein winziges Etwas, einen ganz kleinen angekohlten Streife« farbigen Papiers, auf dem noch drei oder vier Druckbuchstaben zu lesen waren. Als er dann ins Arbeitszimmer zukückkam, verriet das Leuchten in seinem Blick, daß ihm des Rätsels Losung schon ^Fischer ftlbst hat von dieser Entdeckung später in feiner frischen Art Freunden gern erzählt. „Die
Fußspur gab zuerst meinen Gedanken die Richtung, in Der ich nur fortzuschreiten brauchte, um das scheinbar verwickelte Knäuel mit ein paar Handgriffen zu entwirren. Die Spur erschien mir zu deutlich, kurz gesagt „präpariert", denn bei dem trockenen Wetter gehörte schon Kunst dazu, sich einen Stiefel derart zu beschmutzen. Mir eine künstliche Spur vorzuweisen, aber konnte nur im Interesse einer einzigen Seite liegen, und ich gab dem Verdacht Raum, so unwahrscheinlich er zunächst dünkte. Ich schickte einen Polizisten mit entsprechenden Erkundigungen fort, inzwischen kam das Mädchen, das sich so töricht benahm, daß es mir leicht fiel, es verdächtig zu machen, um ungestört Weiterarbeiten zu können. Ich betrachtete genau die dem Direktor zugesandten Logenkarten und rechnete, wenn mein Gedanke richtig war, konnten auch die fehlenden Stücke der Kontrollabschnitte nicht weit sein. Ich suchte und fand einen zugehörigen Streifen halbverkohlt im Küchenherd.
Nun find auch Sie gewiß schon hinter die Losung gekommen und fragen, was war die Ursache von allem? Durchs Telefon horte ich auf meine schriftliche Anfrage, was ich erwartet hatte: daß es mit Direktor Kunstmanns Vermögensverhältnissen durchaus nicht so glänzend stand, wie die Allgemeinheit glaubte. Nun war es an der Zeit, ihm mein Beweisstück vorzuhalten; der Umschwung von völliger Sicherheit zu plötzlicher Anklage kam ihm so überraschend, daß er zusammenbrach und alles gestand. Eine ähnliche Diebesgeschichte hatte ihm den Ge- danken eingegeben; verschwenderisches Leben hatte ihn ruiniert, Daß er sich an den anoertrauten Geldern des Wohltätigkeitsvereins vergriff. Durch einen fingierten Einbruch glaubte er, nicht nur diese Unterschlagung zu vertuschen, sondern auch von der Versicherung für die angeblich gestohlenen, m Wahrheit längst verkauften Schmuckstücke eine schone Summe Geld herauszuschlagen.
Der Plan war nicht übel erdacht, aber doch recht ungeschickt durchgeführl. Vor allem beging Kunstmann den Fehler der Dilettanten des Verbrechens, die falsche Spur, mit der er uns verwirren wollte, allzudeutlich zu unterstreichen, und derart verfing er sich in der eigenen Falle. Den alten, zerrissenen Schuh übrigens, den er benützte, und den ich aus dem Bach im nahegelegenen Park- gelänöe fischte, habe ich mir zur Erinnerung an den Fall in meinem Privatmuseum aufgehoben. Dort habe ich eine Menge von Kuriositäten solcher Art; wenn Sie mich besuchen, zeige ich sie Ihnen gern!"
Gold in der Tomatensuppe.
Immer wieder lockt die Vorstellung, man. könne Das gleißende Gold selbst aus der Erde holen und märcyenhaften Reichtum damit erwerben, Abenteurer aus aller Welt dorthin, wo die Nachricht von Goldfunden auftaucht. Jetzt hat Australien seinen Goldrausch, und so mancher, der nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen Hat, setzt seine Hoffnungen auf einen glücklichen Fund im fünften Erdteil. Das Leben eines Goldgräbers sieht aber in Australien wesentlich anders aus, als man es sich nach den Abenteurerbüchern ausmalen mochte. Seit Jahren werden in planmäßiger Arbeit Goldminen ausge« beutet, und so mancher, der glaubt, auf eigene Faust im Urwald fein Glück suchen zu können, wird zufrieden fein, wenn er ein geregeltes schweres Tagewerk als Goldwäscher finbet. Die Hoffnungen, sich neben dem Arbeitslohn durch das gefundene Gold bereichern zu können, find gering. Es müssen schon besonders schlaue Kniffe angewandt werden, wenn es einem der Arbeiter gelingen soll, Gold aus den Minen herauszuschmuggeln. Die Arbeiter müssen vor Verlassen der Bergwerke ihre Kleider wechseln und werden auch sonst unter strenger Aufsicht gehalten; dennoch soll stets ein Strom des kostbaren Goldstaubes durch unrechtmäßigen Verkauf in die kleinen Büros geheimer Agenten fließen. In früherer Zeit, als man noch Kerzen zum Erleuchten der Tunnel gebrauchte, hatte der findige Goldgräber bald heraus, daß er eine Unze Rohgold oder auch mehr in das Fett der Kerze hineinkneten konnte, ohne daß es jemand merkte. Die Lichtstumpfe, Die die Arbeiter aus den Bergwerken herausbrachten, waren daher höchst kostbare und sehr gesuchte Gegenstände, und Der Uneingeweihte begriff nicht, warum Diese wertlosen Stümpfe mit so riesigen Summen bezahlt wurden. Bevor der Wechsel der Kleidung eingeführt worden war, nahmen die Golddiebe bedeutende Mengen reines Gold in ihren Hemden, Strümpfen, Tüchern ufw. mit, indem sie einfach diese Stoffe in den mit Gold gesättigten Schlamm tauchten und so Die wertvollen Körnchen in ihre Sachen brachten. Ost reiben sich auch Arbeiter, Die reichen Haar- unD Bartwuchs verfügen, den goldhaltigen Schlamm in diese natürlichen Schatzbehälter und wissen sie dann durch Waschen geschickt wieder herauszubringen. Als letztes Mittel des Goldstehlens bleibt dem australischen Wäscher schließlich noch seine Suppe, um in ihr heimlich etwas mit fortzunehmen. Er gießt be- sonders goldhaltigen Schlamm unter die Tomatensuppe, und der Aufseher hat keinen Verdacht...


