tärischen und maritimen Behörden systematisch auf einen Angriffskrieg in absehbarer Zeit vor, im Ministerium bildete sich eine Gruppe, die die vorsichtige Haltung des Finanzministers und Ministerpräsidenten Kokowzew stetig bekämpfte und ihm Abhängigkeit von Deutschland vorwarf; der Zar selbst rechnete mit einem baldigen Kriege, der, wie er sagte, im Zeichen des Slawentums gegen das Germanentum geführt werden müsse. Die Ballanslawen sollten an diesem Kampfe teilnehmen, daher wurde die Bildung eines Balkanbundes gegen Oesterreich, also mittelbar gegen Deutschland, betrieben und die Agitation der Serben gegen die Donaumonarchie lebhaft gefördert. Nachdem es im Jahre 1913 gelungen war, dem russischen Schützling Serbien, dem Todfeinde Oesterreichs, die Führung unter den Balkanslawen zu verschaffen, wurde die Umgarnung Rumäniens in Angriff genommen, um es aus einem Verbündeten zu einem Feinde der Mittelmächte zu machen: mit französischer Hilfe hoffte man zuversichtlich, zum Ziele zu kommen.
Nach allen diesen Erfolgen gab man sich in Petersburg der Hoffnung hin, daß sich binnen wenigen Jahren das Schicksal der Türkei entscheiden müsse. Da Konstantinopel nicht ohne großen europäischen Krieg, wie ein Geheimbeschluß der obersten politischen und militärischen Würdenträger feststellte, gewonnen werden konnte, galt es, vorher sich der Gemeinschaft mit den Ententegenossen zu versichern. Auf Frankreich konnte man unbedingt bauen, wenn es gegen Deutschland ging, und um Englands sicher zu fein, bemühte sich die russische Regierung, während sie gleichzeitig dem Freunde in Persien mehr oder weniger verdeckte Schwierigkeiten machte, die Entente in ein Bündnis mit gegenseitiger Unterftützungspflicht zu verwandeln. Es sollte den Engländern durch seine deutschfeindliche Spitze schmackhaft gemacht werden: es werde die Gefahr einer deutschen Hegemonie beseitigen, ließ der russische Minister des Auswärtigen seinem englischen Kollegen sagen (Anfang 1914). England war ein ähnliches Schicksal wie Frankreich zugedacht: nach der Niederwerfung der Mittelmächte mußte auch die Stunde für Persien und Afghanistan, die Vormauer Indiens, schlagen. Wiederum ging die öffentliche Meinung Hand in Hand mit
der Regierung: ungescheut wurde in der russischen und ausländischen Presse verkündet, daß die Erfüllung der historischen Aufgabe, der Eroberung Konstantinopels, nahe bevorstehe und daß der Weg nach dem Bosporus über Berlin und Wien gehe.
Somit ist kein Zweifel, was Deutschland und die Welt von einem Siege Rußlands zu erwarten hatten. Es war Deutschlands und der Welt Verhängnis, daß diesmal nicht wie gegen Ludwig XIV. und Napoleon alle in ihrer Freiheit bedrohten Völker zusammenstanden, sondern zum Teil in politischer Verblendung mit dem Feinde der europäischen Freiheit gemeinsame Sache machten. Trotzdem ist es Deutschland gelungen, das Geschick der russischen Herrschaft abzuwenden, aber es hat in dem ungleichen Kampf sein Herzblut opfern müssen. Die Frage ist, ob mit dem Zusammenbruch der Zarenherrschast jene Gefahr dauernd gebannt ist, oder ob das neue Rußland in neuen Formen und unter neuen Impulsen d i e Eroberungspolitik wiederaufnimmt. Schwer- lich ist der dem russischen Volke angeborene Drang nach Ausdehnung erstorben, schwerlich ist der pan- slawistische Gedanke verschwunden, und ganz gewiß lebt noch die durch Generationen aneraogene Ab- neigung gegen Deutschland und die deutsche Kultur. Die entsetzlichen Leiden der deutschen Kolonisten bilden ein grauenhaftes Zeugnis hierfür. Manche wirtschaftlichen Momente mögen alle diese Empfindungen unterstützen, und als neue starke Triebkraft wirkt die bolschewistische Idee, zur Herbeiführung einer neuen Weltordnung berufen zu fein. Vielleicht steht der Welt ein neuer Krieg bevor, um dem russischen Drang über seine Grenzen hinaus abermals von außen Schranken zu setzen: wird eine neue russische Offensive wiederum Bundesgenossen unter ihren künftigen Opfern finden? Und wird das durch den Weltkrieg umgestaltete Europa die Kraft besitzen, einem geistigen und moralischen Ansturm aus dem Osten zu widerstehen? Für Deutschland ist eins klar: seine Aufgabe, mit der eigenen Freiheit auch die Europas zu schirmen, ist noch nicht zu Ende; je stärker es wird, desto besser wird es in der Lage sein, diese historische Pflicht zu erfüllen.
völkerung von Sofia ist aus dem kraftvollen Körperbau und den breitknöchigen Gesichtern leicht erkennbar. Ein kurzes Gespräch mit bulgarischen Gast- freunden erklärt uns die Häufigkeit der Intelligenz. Als Bulgarien sich die Unabhängigkeit von der Türkei erkämpft hatte, fehlte cs dem Lande überall an geschulten Verwaltungsbeamten, an Aerzten, Anwälten, Ingenieuren usw. Mit besonderem Nachdruck wurde deshalb das Schulwesen nach westeuropäischen Muster aufgebaut, und es ist heute noch so, daß jeder zweite oder dritte Mensch in Sofia die Mütze irgendeiner Lehranstalt trägt.
Die natürlichen geistigen Anlagen einer Nation, die über vierhundert Jahre unter türkischer Herrschaft gelebt hatte, aber immer von einem fanatischen Freiheitsdrang beseelt war, unterstützten die Bemühungen um eine rasche Entwicklung des Bildungs- wesens, so daß innerhalb von wenigen Jahrzehnten die Nation über eine breite und leistungsfähige Jn- telligenzschicht verfügte. Der zweite Balkankrieg und dann vor allem der Weltkrieg von 1914 bis 1918 verminderten dann freilich den Umfang des Landes fo erheblich, daß mit einem Male die breite Schicht der hochgeschulten Beamten, Lehrer usw. nicht mehr angemessen untergebracht werden konnte. Und das Hebel wurde noch dadurch vermehrt, daß auch in den Nachkriegsjahren noch jährlich Tausende von höheren Schülern, Studenten usw. in die Berufe hineindrängten, die ihnen durch den tragischen Ausgang der letzten beide Kriege versperrt bleiben mußten. So entstand ein akademisches Proletariat, und die innerpolitischen Krisen, denen Bulgarien nach dem Kriege ausgesetzt war, finden hier zum Teil eine ganz natürliche Erklärung, zumal sich der Bolschewismus mit raffiniertem Geschick in Herzen und Hirne dieser Schichten einschlich. Neuerdings sind nun, wie uns berichtet wurde, Bemühungen im Gange, das Bildungswesen des Landes an die tatsächlichen Bedürfnisse und Möglichkeiten anzupaffen, was sicherlich zu einer Gesundung der innerpolitischen Verhältnisse Bulgariens beitragen wird.
Einen ausgezeichneten Eindruck machen d i e bulgarischen Soldaten. Man merkt, daß diese Männer seit einem Jahrhundert und länger geistig und seelisch nicht nur Bauern, sondern soldatische Kämpfer waren, daß sie durch das schwere Sckicksal ihrer Nation stets zum Kamps er- zogen wurden. In ihnen hat sich der unabhängige Stolz eines freiheitliebenden Volkes gesammelt, und es ist also auch nur selbstverständlich, daß dem Militär in Sofia die besten Plätze und Gebäude vorbehalten sind. In der unmittelbaren Nähe großer militärischer Gebäude erhebt sich die mächtige „B e - freiungskirch e", die zur Erinnerung an die Befteiung des Landes durch den russischen Zaren Alexander II. erbaut wurde. Die Soldaten haben darin stets ein Symbol vor Augen, das sie an den Kampf ihrer Väter erinnert und zu eigener Hingabe mahnt.
Dicht dabei steht eines der ältesten christlichen Gebäude ^des Balkans: die alte Kirche „Sankt So- p h i a", die der Stadt im Mittelalter ihren Namen gab. Bis in das sechste nachchristliche Jahrhundert reicht hier die Erinnerung zurück. Gegenwart und graue Vergangenheit sind fo auf engstem Raume miteinander vereint. Und man erfährt bei der Gelegenheit, daß Constantin der Große, der eigentliche Begründer des oströmischen Reiches, vorübergehend Sofia zu seiner Hauptstadt hat machen wollen, bis er schließlich dem geographisch besser gelegenen Byzanz den Vorrang gab. Unter der Herrschaft des oströmischen Kaisers Justinian I, wurde dann die alte Basilika der Heiligen Sophia errichtet. Während der Jahrhunderte, in denen die Türken Herren des Landes waren, ist viel an kirchlichen Gebäuden altchristlicher Zeit in Sofia zerstört oder in Moscheen verwandelt worden. So ist es fast ein Wunder, daß dieses bescheidene alte Kirchlein sich gegenüber den islamischen Einflüssen hat behaupten können.
Das moderne Sofia ist zum größten Teil Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden. Von einer Einheit der Baugestaltung und des Stilwillens kann hier also ebensowenig die Rede sein, wie etwa in den Städten Westeuropas aus der gleichen Epoche. Bezwingend aber ist für den Besucher immer wieder die vitale Kraft des Lebens- willens dieser Stadt, die sich auch den fast tödlichen
Niederlagen der letzten dreißig Jahre nicht gebeugt hat. — Die starten Gegensätze der Baukulturen zweier ganz verschiedener Erlebenskreise, die das Bild Sofias für den deutschen Gast fo lebendig und anziehend machen, sind auch innerhalb der Bevölkerung unschwer festzustellen. Orthodoxe Geistliche und bulgarische Gläubige leben neben Mohammedanern, spanischen Juden und Zigeunern. Letztere, die hier etwas Seßhaftigkeit besitzen, sind eigene Quartiere am Rande der Stadt Vorbehalten. Hier ist der Osten ganz unverfälscht; Dasein und Lebensgewohnheiten haben sich vermutlich sei vielen Jahrhunderten in nichts gewandelt. Das Zentrum Sofias dagegen trägt fo absolut westeuropäische Züge, daß seine Straßen und seine Lokale unschwer in Deutschland ober Frankreich errichtet fein könnten.
Auffallend und erfreulich ist die gute Möglichkeit, sich in deutscher Sprache zu verständigen. Während bis zu Beginn unseres Jahrhunderts die französische Kulturpropaganda in Bulgarien vorherrschend war, hat sich seither ein deutlicher Wandel vollzogen. Die ausgezeichnete deutsche Schule, die in Sofia besteht, wird nicht nur von der verhältnismäßig starken deutschen Kolonie benutzt, sondern auch von den führenden bulgarifchen Kreisen, die Wert darauf legen, ihre Kinder mit deutscher Sprache und deutschem Denken vertraut zu machen. Selbst die Hoteldiener, die Zeitungsoerkäufer, Schuhputzer oder Polizisten können sich in deutscher Sprache verständigen, und alle sind bemüht, dem deutschen Gast seinen Aufenthalt in Sofia zu einer Annehmlichkeit und schönen Erinnerung zu machen.
Auslösung des NSDFB. (Stahlhelm) in Schlesien.
Thüringer Stahlhelmführer in Schutzhaft. Bersammlungsverbot.
Breslau, 19. Juli (DNB.) Die Staats- P o l i z e i st e l l e für den Regierungsbezirk Breslau als Leitstelle für Schlesien teilt mit:
„Auf Grund des § 1 der Verordnung des Herrn Reichspräsidenten zum Schutze von Staat und Volk vom 28. Februar 1933 ist durch Erlaß des Geheimen Staatspolizeiamtes vom 19. Juli 1935 der Nationalsozialistische Deutsche Frontkämpferbund (Stahlhelm) in seinen sämtlichen Gliederungen für den Bereich der Regierungsbezirke Breslau, Liegnih und Oppeln mit sofortiger Wirkung aufzulösen. Das Vermögen der aufgelösten Gliederungen wird beschlagnahmt."
*
Der thüringische Minister des Innern teilt mit: Aus Grund verschiedener Handlungen und Maßnahmen, die sich gegen die Autorität des Staates richten und wegen Verbreitung unwahrer Behauptungen, die geeignet sind, die Haltung des Staates in der Oeffentlichkeit in Mißkredit zu bringen, sowie wegen Verächtlichmachung einzelner Parteigliederungen mußten mehrere führende Persönlichkeiten des NSDFB. (Stahlhelm) in Thüringen in Schutzhaft genommen werden und in das Konzentrationslager Bad Sulza übergeführt werden. Aus den gleichen Gründen mußte eine Verordnung erlassen werden, nach der das Tragen von Abzeichen oder von einheitlicher Kleidung jeder Art, die die Zugehörigkeit zum NSDFB. (Stahlhelm) kennzeichnen, alle Versammlungen einschl. Pflichtappelle, geschlossene Mitgliederversammlungen, Konzerte oder sonstige Saalveranstaltungen des NSDFB. (Stahlhelm), das öffentliche Zeigen der Fahnen des NSDFB. (Stahlhelm) auf Gebäuden und Grundstücken verboten sind.
Beleidigendes Plakat an der Gemeindetafel.
Hanau, 19. Juli. (LPD.) Am Morgen des 10. März hing an der Gemeindetafel in Spielberg (Kreis Gelnhausen) ein Plakat aus Pappe, das die Ueberfchrist„B ekanntmachung" trug und in feinen weiteren Ausführungen schwere Beleidigungen gegen den Ortsgruppenleiter enthielt. Der Urheber des Plakats war unbekannt, doch richtete sich der Verdacht spä-
Stippvisite in Südosteuropa.
Von unserem hs.-Sonderberichterstatier.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
II.
Sofia.
Jrn frühen Mittelalter wurde die Hauptstadt Bul- gariens einmal vorübergehend „d i e Mitte" genannt. Damals war der Ort, der heute den Namen Sofia trägt, tatsächlich der geographische Mittelpunkt eines großen Reiches. Heute liegt die bulgarische Hauptstadt dicht an der Grenze nach S ü d s l a w i e n. Sie ist also nicht mehr der geographische, wohl aber der politisch-geistige Mittelpunkt des Landes. Sofia ist wohl überhaupt der eigentliche S ch l ü f f e l p u n k t zum Balkan. Der Besucher aus Westeuropa fühlt sich hier sehr unmittelbar vom Orient berührt. Während Budapest und Belgrad im Stadtbild durchaus westeuropäische Züge tragen, während auch das moderne Athen immer noch die Stadt der klassischen Antike ist. liegt Sofia im Schnittpunkt der Linien des orthodoxen Christentums und des Islams. Unmittelbar nebeneinander stehen griechisch. katholische Kathedralen und mo- hammedanische Moscheen. Zwei Kulturen haben sich hier miteinander verschmolzen, ohne ihre Wesensart preiszugeben, und sie haben damit der Stadt und ihrer Bevölkerung einen durchaus originellen Stempel aufgedrückt.
Mitten in eine weite Hochebene, etwa 550 Meter über dem Meeresspiegel, ist Sofia gebettet. Ein ein» öig.er mächtiger Bergzug: das Massiv des Witoscha schiebt sich an die Stadt heran. Schon aus der lus- tigen Höhe des Junkerflugzeuges find die goldenen Kuppeln der Kathedrale zu erkennen, die zur Er- innerung an die Befreiung Bulgariens von der tür
kischen Herrschaft errichtet wurde. Im übrigen aber verlieren sich die Einzelheiten für den Flugzeug- defucher im Dunst des weiten Tales, das in der Ferne auf allen Seiten durch mächtiae Gebirgsketten abgeschlossen ist. Der Flugplatz liegt auch hier weit vor den Toren der Stadt. Eine halbe Autostunde bringt uns durch fruchtbares Land bis zu den ersten Vororten. Dort draußen wohnt in be- scheidensten Unterkünften d i e Armut, und wenn sie uns hier besonders auffällt, so erinnert man sich zugleich, daß Bulgarien nicht nur einen fast hundertjährigen Befreiungskampf gegen d i e Türkei zu führen hatte, sondern daß die bulgarische Nation auch in den letzten dreißig Jahren noch drei schwere Kriege geführt hat. Die beiden letzten und entscheidenden hat es verloren, und diese blutigen Jahre haben nicht nur den Umfang des Landes vermindert, sondern auch an der Kraft der Nation gezehrt. Auch in Bulgarien sind — wie überall — die Besten des Volkes auf den Schlachtfeldern geblieben; die überlebende Bevölkerung aber muß nun in bitterster Armut ihr Dasein fristen...
Rasch verliert sich, je näher wir dem Stadtkern kommen, d as erste Gefühl der Deprimiertheit. Durch die sehr breiten Straßen pulst ein außer- ordentlich rühriges Leben, und es ist auffallend, wieviel intelligente Gesichter wir beobachten. Man kann nicht sagen, daß — etwa wie in Athen — der Grundzug der Bevölkerung lärmende Heiterkeit wäre. Im Gegenteil, trotz des auffallend starken Straßenlebens liegt etwas wie Gedämpftheit über der Bevölkerung. Man beobachtet den Fremden aus klugen Augen zwar nicht mit Mißtrauen, wohl aber mit Zurückhaltung und schweigender Erwar- tung. Die bäuerliche Herkunft auch öer Be- n—rninmiri im ------------,
Der erschütterte Wachtmeister.
Von Wolf Neumeister
Unseren dicken Wachtmeister traf beinahe der Schlag, als nach der Dienftausgabe eine Abordnung von uns bei ihm erschien und höflich fragte, ob wir nicht noch eine Stunde Geschützexerzieren dürften. Er riß feine kleinen wasserblauen Aeuglein weit aus, zog einmal die Nase hoch, fuhr sich über den fuchsroten gesträubten Schnauzbart und stammelte htlslos: „Also zwölf Jahre bin ich jetzt Wacht- meifter, aber daß Soldaten freiwillig exerzieren wollen, — das ist mir noch nicht passiert!" Und dann betrachtete er kopfschüttelnd uns drei Männ- fetn, die wir in viel zu weitem Drillichzeug möglichst zackig vor ihm aufgebaut standen, und sagte: „Ich mochte bloß wissen, was ihr eigentlich für ’ne Sorte von Soldaten seid? — Ihr 'seid überhaupt keine Soldaten, — Papser in Uniform seid ihr!"
„Papser" ist ein mitleidiger militärischer Aus- druck für Zivilist, und wir Papser in Uniform waren Kriegsfreiwillige einer Ersatzbatterie, die sich im August 1914 der Gefahr ausgesetzt sahen, zu spat nach Paris zu kommen. Aber der Wachtmeister sagte doch dem Geschützunteroffizier, er solle uns den Schlussel zum Gefchützschuppen geben.
Unfer Wunsch war unmilitärisch, aber begreiflich, wenn man bedenkt, daß wir für das Geschützexer- jieren von drei Erfatzbatterien und drei Rekruten- depots nur sechs Feldkanonen und vier Haubitzen moderner Konstruktion zur Verfügung hatten; da kamen jeden Tag nur wenige Stunden auf jede Batterie Von diesem Tage an exerzierten wir also täglich abends noch eine Stunde für uns. Eine bestimmte Gruppe von etwa 20 Kriegsfreiwilligen fand sich da immer zusammen, und wir taten es weiß der Teufel nicht, um uns anzufchustern, sondern weil es uns auf der Seele brannte, als voll- wertige Artilleristen ins Feld zu kommen. Ein frü- 9e5*r Offizier, der wegen irgend einer unseligen Affäre den Abschied bekommen hatte, war unser Lehrmeister. Er war wie wir als Freiwilliger ein- getreten und hatte eine famose Art, uns fein mili- wnsches Können in netter, kameradschaftlicher Schmlssigkeit einzutrichtern.
Der Wachtmeister kam manchmal zu uns heran und fchüttelte fassungslos den Kopf.
Er sah genau so aus, wie man sich einen „Wacht- ineifter" vorstellt, groß, massig, mit mächtigem Organ. Er tat immer, als ob er einen fressen wollte, «wer er war ein prachtvoller Kerl, der einem niemals ernstlich etwas zuleide tat — gerecht, anftän- otg, voll heimlicher, staunender Freude über unsere Begeisterung.
Ich war erst 17 Jahre alt, als ich mich meldete, und da man damals bei dem großen Andrang im Regiment nur Freiwillige von 18 Jahren an nahm, schwindelte ich ein Jahr dazu und sagte, mein Vater habe meine Papiere eingeschlossen und müsse erst aus dem Felde die Schlüssel schicken. Das ging eine Weile, aber dann mußte ich doch mit der Wahrheit herausrücken. Der Wachtmeister rollte die Augen und schimpfte Mord und Brand. „Was soll ich denn nun mit dir machen?! — 's kann doch nicht jeder hier einfach zu den Soldaten loofenT —. Dann schnaubte er: „Wennste mein Junge wörscht, dann haute ich dir ja paar tüchtige hinter öie Löffel — aber hauen darf man euch doch nicht'" — Zuletzt sagte er barsch: „Komm mal mit zum Jjauptmann!" und ich hatte doch ziemlichen Bammel. Aber vor dem Batterieführer trat er dann fo roarm und väterlich schmunzelnd für mich ein, daß der lachend feine Zustimmung zu einer kleinen patriotischen Schiebung gab.
Wenn bei der Infanterie ein Soldat gut schießt, öann hat er von vornherein einen Stein im Brett S? s.unr rma,r es bas Reiten, und da ich gut zu Pferde saß hatte ich „Stand". Unser dicker Wachtmeister lacht in der Reitbahn Tränen, wenn ich mit Öen verdammten russischen Beutegäulen kämpfte oder mit neuemgezogenen Kutschpferden, die sich anstell- ten wie wilde Mustangs, wenn sie einen Sattel auf u)rem Rucken svürten, und die leider manchen mei- ^KameradendamalszumKrüppelgeschmissenhaben.
,e« licht' Herr Hauptmann," sagte der Wachtmeister stolz, wenn der Vatterieführer meinet- megen Besorgnis äußerte; — was ihn aber nicht ,mi.r °b und zu eins mit der langen .bmten uberzuziehen, wenn ich den Sitz vernachlässigte. Das geschah alles in bester Freund-
65 sottlod - schon Tausenden junger Reiter geschehen ist, und war mir ein Beweis, öafe er mich allmählich für voll zu nehmen begann.
Tages traf der Wachtmeister mich vor dem flrunjte er bärbeißig: „Du fannft’s doch mimer nicht erwarten, ins Feld zu kommen? — la' ba hab ich öid) eben mit auf die Liste qe- sttzt. — Los geh auf die Kammer und laß dich ein- Neiden, - morgen geht ihr mit Ersatzpferden nach Rußland zur reitenden Abteilung!"
3d) strahlte ihn wohl an wie den Weihnachts- 0~"e ftanb und schüttelte tiefsinnig den (5°Px s?uste ich los und erschien eine £ä?eJP-! er-ln nagelneuem Feldgrau in der Revierstube, weil wir noch rasch gegen Tnvdus ae« kerne* reckte* $attc man damals noch
keine rechte Erfahrung mit diesem Zeug und jagte uns drei Dosen, die eigentlich auf ^Lochen verteilt gegeben werden sollten, auf einmal hinein. Mit dem
Erfolg, daß wir nach ein paar Stunden alle mit hohem Fieber und typhösen Erscheinungen im Revier lagen. Mich strich es zu Mittag auf der Reit- bahn aus dem Sattel, — und am nächsten Tage mußten andere, ungeimpfte Leute die Pferde ins Feld bringen. Dieser Transport wurde wenige Tage später in Rußland von den Kosaken überfallen, und keiner der zwölf Mann ist wiedergekommen. Unser guter Wachtmeister verkündete diesen traurigen Fall, als er nach einiger Zeit bekannt geworden war, bei der Dienstausgabe, und wie immer, wenn ihn etwas persönlich berührte, verbarg er sein Ge- fühl hinter besonderer Raubautzigkeit. Wir allzu- reichlich Geimpften standen zum Teil schon wieder in Reih und Glied, und uns fuhr doch ein leises Gruseln durchs Gebein, als mir erfuhren, wie dicht wir an Freund Hein vorbeigeschrammt waren.
Unser Fall hatte große Debatten für und wider die Impfung zur Folge gehabt, und der Wacht- meister hielt die Gelegenheit für günstig, uns aus öer Sache da in Rußland eine Nutzanwendung zu versetzen. Er ließ sein Auge herausfordernd über unsere Reihen schweifen und knurrte: „Und da kom- men noch welche von euch und wollen sich nicht impfen lassen?! Behaupten, das wäre schädlich und nützte nischt?! Jetzt seht euch mal eure Kameraden hier an, die eigentlich den Transport rausbringen sollten — denen (jat die Typhusimpfung nun mal sicher das Leben gerettet! — Oder etwa nicht?!
Und feine Augen blitzten unsere grinsende Front entlang: „Da braucht ihr gar nicht so dumm zu gucken, — ihr Papser in Uniform!"
Gegen die blinden Passagiere.
. In jedem Jungenroman fährt der Held mindestens einmal als blinder Passagier über den Ozean in irgendeiner dunklen Schiffsecke, notdürftig versorgt mit Lebensrnitteln und frischer Luft. Leider steht m solchen Romanen nichts von den Sorgen des Kapitäns, der sich später, wenn der „Blinde" entdeckt wird — und in Wirklichkeit wird er stets ent» • u ! — ben Kopf darüber zerbricht, was er mit ü)m anfangen soll. Es ist nämlich nicht immer leicht, öen heimlich Mitreisenden wieder loszuwerden. 3n manchen Ländern muß der Kapitän eine emp- sm bliche Strafe zahlen, weil er einen unlegitimier- ten Passagier mitgebracht hat. Ist der „Blinde" gar taatenlos, dann kann sich auch der jeweilige Konsul |einer nicht annehmen, sondern das Land, in dem er abgehefert wird, hat darüber zu entscheiden, ob es den ertappten Sünder behalten will. Manchmal muß der Kapitän den blinden Passagier von einem Wen zum anderen mitschleppen. Da nun diese Un- fitte in den letzten Jahren beträchtlich zugenommen
hat, will die norwegische Reedervereinigung eine internationale Aktton gegen die unliebsamen Fahrgäste anregen. Nach einer englischen Statistik ist jedes Land gezwungen, jährlich durchschnittlich 3000 solcher Einwanderer aufzunehmen. Auf Öen größeren norwegischen Atlanttkdampfem finö sogar manchmal ein viertel Hundert blinde Passagiere ent- deckt worden. Die norwegischen Reeder glauben, daß nur gesetzliche international gültige Strafen die Abenteurer an weiteren Blindfahrten hindern werden. Bisher konnte der blinde Passagier ja immer noch auf die Milde des Kapitäns hoffen. Das soll in Zukunft ausgeschlossen werden.
Hochschulnachrichten.
Prof. Dr. jur. Friedrich P o e tz s ch - H e f f t e r, Ordinarius für öffentliches Recht an öer Universität xt e l, hat einen Ruf an die Universität Leipzig erhalten und angenommen.
Oer ao. Professor für mittlere und neuere Kunstgeschichte an der Universität Leipzig, Dr. Theodor Hetzer, ist mit Wirkung vom 1. April 1935 an aum orbentlidjen Professor der Kunstgeschichte in Leipzig ernannt worden.
Die Gesellschaft öer Wissenschaften zu Göttin- gen wählte m der mathematisch - physikalischen Klasse zu korrespondierenden Mitgliedern: Professor Dr. Albert Defant, Direktor des Instituts und Museums für Meereskunde in Berlin, Professor Dr. Karl Freudenberg, Direktor des Chemi- schen Instituts der Universität Heidelberg, Professor Dr. George Simpson, Direktor des Meteorological Office in London, Professor Dr. Erich Waetzmann, Direktor des Physikalischen Instituts öer Technischen Hochschule Breslau.
Zeitschriften.
— „Unterwegs mit Fächer und Vogelbauer" heißt ein interessanter Reiseartikel, in dem Öie malenöe Schriftstellerin Dorothea Hauer die Leser öer '?Vuftrirten Leitung" (I. I. Weber, Leip, zig) mit merfroüröigen Gebräuchen im ßanöe öes Lächelns bekannt macht. — Zum 125. Toöestag öer Konigm Luise ist im selben Heft ein reich illustrier- ter Aufsatz erschienen, nach öem man sich von her schonen und gütigen Königin ein deutliches Bild madjen kann. Unter dem Titel „Zwei Jahrtausende deutscher Glasmacherkunst" finden Freunde dieses edlen Handwerks eine kulturhistorisch wertvolle Uebersicht. Neben öem aktuellen Teil findet der Leser eine anregenöe Modenbeilage, reichen Unterhaltungsstoff u. a. nu


