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Deutschland und Rußland wr dem Wellkriege.

Von Professor Or. Gustav Wolost, Gießen.

Leopold Ranke, der unvergleichliche Beur- teiler aller staatlichen Dinge, saat bei der Betrach- tung der Versuche Ludwigs XIV., die Führung Europas zu gewinnen, in der Natur vorwaltender Mächte liege es nicht, sich selbst Grenzen zu be­stimmen, sie müßten ihnen von außen gesetzt werden. Ludwig dem XIV. konnten durch das Zu­sammenwirken halb Europas zum Heile der Welt solche Schranken gesetzt werden, und ein Jahr­hundert später scheiterte der erneute Versuch Frank­reichs, sich zum Herren Europas aufzuwerfen, aber­mals an dem vereinten Widerstande der ihrer Frei­heit bedrohten Nationen. Wie bekannt, hat Deutschland beide Male an dem Schutz der europäischen Freiheit hervorragenden Anteil ge­nommen, und seitdem es sich aus der Zersplitterung zu einem großen Reiche geeint hatte, war den französischen hegemonialen Bestrebungen dauernd ein Ziel gesetzt. Aber Deutschlands Aufgabe war damit noch nicht beendet: bald lag ihm ob, seine Unabhängigkeit und die Europas gegen die Be­drohung von der entgegengesetzten Seite, gegen Rußland, zu verteidigen. Immer wieder muß man, um den Weltkrieg in seiner vollen Bedeutung zu verstehen, sich diesen Zusammenhang klar machen, und man wird auch die Möglichkeiten der heu­tigen russischen Politik leichter begreifen, wenn man den Charakter der russischen Vorkriegs­politik richtig erkannt hat.

Die russische Politik vor dem Kriege mußte, kon­sequent durchgeführt, jede nationale Selbständigkeit in Europa vernichten und mit der Weltherr­schaft enden. Sie setzte sich ihre Ziele ohne Rück­sicht aus die Rechte anderer und war gewohnt, nur vor der Gewalt zurückzuweichen. Um die Jahr­hundertwende strebte sie nach allen Seiten über die Grenzen Rußlands hinaus. Wie man aus offiziellen Denkschriften des Ministeriums des Auswärtigen an den Zaren ersieht, war das Programm um diese Zeit Eroberung der Mandschurei, Koreas und Unterordnung Chinas unter russischen Einfluß, in Zentral- und Vorderasien wirtschaftliche und poli­tische Beherrschung Tibets, Afghanistans und Per­siens, im nahen Orient Beherrschung des türkischen Reiches und der Balkanhalbinsel, und endlich Durch­führung des panslawistischen Gedankens der Ver­einigung sämtlicher Slawen unter der Führung des Zaren. Tatsächlich bedeutete das die Herrschaft über Europa und Asien; nach einer solchen ungeheuren Verstärkung Ruß­lands wäre für die anderen europäischen Völker keine politische und wirtschaftliche Selbständigkeit mehr möglich gewesen.

Im Vordergrund des Interesses standen damals von 30 bis 40 Jahren die Probleme des Fernen Ostens, und als Rußland hier wider Erwarten in Japan ein zunächst unüberwind­liches Hindernis fand, verstärkte sich sein Druck nach den anderen Richtungen: Afghani st an, Per- sien und der Orient wurden jetzt die näch­sten Angriffspunkte. In Afghanistan und Persien stieß man aber auf England, und das vom japanischen Kriege und von der Revolution ge­schwächte Zarenreich mußte abermals zurückweichen. Es mußte in der Verständigung von 1907 auf seine Absichten auf Afghanistan verzichten und Persien mit England teilen, freilich mit dem Hintergedanken, den Rivalen doch allmählich zu verdrängen, wie denn in der Tat sogleich ein stiller aber unermüd­licher Kampf gegen den Ententegenossen im Lande des Schah begonnen hat.

Da ein offener Kampf gegen England einstweilen nicht möglich war, so richtete sich nach diesen Nieder­lagen die offizielle Politik und der Drana der öffent­lichen Meinung um so kräftiger auf die anderen Ziele: die Beherrschung der Türkei, ins­besondere der Meerengen, und die Verfolgung der panslawistischen Ideen. Da fand man Deutschland auf seinem Wege. Rußlands Vor­satz war, zur Erleichterung der Eroberung Konstan­tinopels die Pforte wirtschaftlich und militärisch schwach zu erhalten und jeden fremden wirtschaft­lichen Einfluß auszuschließen. Deutschland wollte gerade durch die Bagdadbahn und andere Unter­nehmungen die Türkei wirtschaftlich und kulturell heben, was auch ihrer politischen Stärke zugute kommen mußte. Die Grundsätze der Freiheit und der Unterdrückung traten hier einander gegenüber. Rußland hat daher der Bagdadbahn nach Kräften Schwierigkeiten bereitet.

Die panslawistischen Ideen trieben vollends in die deutschfeindliche Richtung: sie waren nicht durchführbar ohne Verkleinerung Deutschlands und Zertrümmerung Oe st erreich - Ungarns, die Deutschland, ohne sich selbst aufzugeben, nicht zu­lassen konnte. Die russische Nation fühlte den Gegen­satz sofort heraus; nach der Verständigung mit Eng­land setzte sogleich eine lebhafte antideutsche Bewe­gung in der öffentlichen Meinung ein. Pansla­wistische Vereine bildeten sich und führten eine gehässige Propaganda gegen Deutschland und Oesterreich: mit Tschechen und Polen wurde an­geknüpft, um sie gegen die Mittelmächte aufzu- reizen: die Deutschen in Rußland wurden wegen ihrer kulturellen Sonderstellung und ihrer wirt­schaftlichen Tüchtigkeit angefeindet: gegen die deutsche Politik wurde der lächerliche Vorwurf er­hoben, sie habe Rußland arglistig in den japanischen Krieg hineinaetrieben und strebe jetzt nach der aus­schließlichen Beherrschung der Ostsee, um Rußland von Westeuropa abzuschnüren, und was dergleichen mehr war.

Diese Feindseligkeit gegen Deutschland ist weder in der offiziellen Politik noch in der öffentlichen Meinung damals neu entstanden. Sie war unter der Oberfläche stets vorhanden und nur wählend der Expansion nach dem Fernen Osten vorüber­gehend zurückgetreten: gerade während der Vor­bereitung der Offensive gegen die Mandschurei und Korea hatte die Petersburger Regierung die Re- vanchelust in Frankreich sorgsam geschürt und mit französischem Gelde den Bau von rein strategischen, wirtschaftlich unfruchtbaren Bahnen im Westen begonnen: wenn die Zeit gekommen war, sollte mit französischer Hilfe der stärkste Festlandsstaat, dessen Selbständigkeit mit einem russischen Welt­reiche unverträglich war, niedergerungen werden; nachher mußte sich auch der Freund der russischen Uebermacht beugen.

Bei jedem wichtigen Ereignis der internatio­nalen Politik läßt sich seit der Annäherung au England das Wachsen der russischen Feindschaft gegen Deutschland wahr­nehmen. Schon bereiteten sich die obersten mili-

Nr. 167 Zweiter Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessens

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Die Unaufhaltsamkeit der Technik und ihres Ciegeszuges über die Erde zeigt sich wohl am sinn- fclligsten auf dem Gebiete des Lebens, das sich dsher gegen alle zeit- und kraftsparenden Erfin- ii in gen immer am konservativsten verhalten hat: km kirchlich-religiösen. Wenn nach einem b Kannten Scherzwort einmal ein orthodoxer Geist­licher seinen unterstellten Amtsbrüdern das Eisen- bclhnfahren verboten hat, weil es in der Bibel von dm Aposteln heiße:Gehet hin in alle Welt!" so

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Ist Schilderreklame notwendig? Die sie an- tmenben, werden die Frage natürlich bejahen. Daß aber die Reklame in der heute geübten Form, wo sin Schild das andere überschreit, die mit ihr be­absichtigte Wirkung nicht mehr voll erzielt, ist eine Erfahrung, die jeder, auf den sie Eindruck machen oll, an sich selber feststellen kann. Ist dem aber so, o kann man sich auch der Ueberlegung nicht ver- chließen, was zu tun ist, um die mit der Reklame aerbunbenen Verluste an Schönheit des Stadtbil­des und der Landschaft zu dem möglichen prakti- chen Gewinn in ein vernünftig zu nennendes Ver­hältnis zu bringen. Man könnte einwenden: die modernen Geschäftsstraßen unserer deutschen Städte leien durch eine schlechte Architektur ja bereits so nerunftaltet, daß auch die schlimmste Reklame nicht mehr viel daran verderben kann. Schön wo die Verhältnisse wirklich so liegen, möge man die Re- lame sich weiter austoben lassen: im anderen Falle über, der. Gott sei Dank, noch nicht so ganz selten fst dürfte eine weit schärfere Anwendung er Denkmalspflegegesetze am Platze »in, soll es überhaupt noch gelingen, die schöne alte Stadt gegen das weitere Ueberhandnehmen der -emmungslosen Straßenreklame zu schützen. Am übelsten steht es aber a u f dem platten Lande, namentlich auf den großen Straßen und n den Eisenbahnstrecken, wo es nächstens kein Haus mehr geben wird, das nicht von oben bis unten mit Blechschildern bepflastert ist, die uns dasbeste" .Aahnputzmittel, daszuverlässigste" Trieböl usw. empfehlen zu müssen glauben. Da bisher alle Ver- iche, diesen Zustand zu beseitigen, ergebnislos ge- Hieben sind, scheint nur noch das strikte Verbot der ILußenreklame das allein erfolgversprechende Mittel.

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jift heute, im mechanisierten Europa wenigstens, eine solche grundsätzliche Feindschaft gegen technische 'Errungenschaften allerdings nicht mehr zu befürch- ien. Aber auch im alten heiligen Asien scheint es g gären. Hat doch die erste Bresche in den Wall geheiligter Ueberlieferungen jetzt der an Konser- octismus nicht zu übertreffende Jslmni geschla- gci, vorausgesetzt, daß man einer Nachricht ©lau* b<m schenken darf, die besagt, daß von nun an in Jsffa, der Stadt Mohammeds, die Beduinen der Lüste' durch das Mikrophon zum b e t gerufen werden sollen. Eine Funk- itction am Grabe des Propheten! Sogar der alte 3 n Akiba muß hier mit seinem geflügelten Wort, ........ -----r-~r sei, beschämt

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Randglossen zur kleinenZeitgeschichte.

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Daß die Kriegsindustrie alle Mittel prüft, die dem Fortschritt der Waffentechnik Rechnung tra­gen und für die schnelle Niederkämpfung des Geg­ners als die geeignetsten erscheinen, ist verständlich und bedarf keiner weiteren Erklärung. Gleichwohl läßt sich aus der konsequenten Vervollkommnung der Waffenindustrie, die vom blanken Schwert bis zu den Giftgasen geführt hat, eine Geschichte dessen ablesen, was man eine schrittweise Degenera­tion d e s Kampfgedankens, eine Ausliefe­rung des Krieges an die dämonischen Mächte nennen könnte, und was die verantwortlichen Staatsmän­ner schon zum Nachdenken veranlassen sollte. Ein typisches Beispiel dafür liefert ein kürzlich dem ame­rikanischen Kriegsministerium von einem Ingenieur unterbreiteter Vorschlag, das von ihm erfundene Flint-Glas für Kriegszwecke auszuwerten. Da­nach sollen aus diesem neuen Glas alle Geschosse, die ibisher aus Metallen hergestellt wurden, schneller und ibesser gefertigt werden ohne daß Geschwindigkeit mni) Durchschlagskraft gegenüber der Metallmunition «geringer wären. Besonders als Schrapnellfüllung ssei das Flint-Glas hervorragend geeignet und an Wirkung sogar noch den Dum-Dum-Geschossen überlegen. Das hat uns ja nun gerade noch ge­fehlt. Aber bezeichnend! ImZeitalter der Ab­rüstung"!

Wer vermöchte die geheimnisreiche Seele des | üernen Ostens zu durchschauen diese Seele, l h der heute die ungeheuerlichsten Widersprüche sich I begegnen und Gegensätze aufeinanderprallen, zwi­lchen denen Jahrtausende zu stehen scheinen! Japan ittroa kennt dieses Spannungsoerhältnis des an­scheinend Unvereinbaren diesen Kamps zwischen seiner alten heiligen Kultur und der technischen h.itrtlifation des Westens, seit langem und wird merkwürdigerweise, so scheint es wenigstens, noch hnmer mit ihm fertig. Zwar schreitet die Europäisie- ung des Landes der ausgehenden Sonne unaufhalt- sum fort: die Hauptstadt Tokio hat sich im Lause : ter letzten Jahrzehnte völlig im Sinne des Abend­landes modernisiert; in den berühmten Geisha- (chulen werden nicht mehr die alten frommen und ' ierlichen Tanze, sondern Foxtrott und Tango ge- Ichrt, und immer mehr wird der RikshaMann mit iinem zweirädrigen Miniaturwagen, der geradezu Ins nationale Wahrzeichen Japans war, vom l uto verdrängt Ebenso gibt geht es der Bolks- k-acht, die sich nur mühsam gegenüber den Moden tes Abendlandes, die das Straßenbild durchaus schon beherrschen, zu behaupten vermag. Aber das ciles ist doch offenbar nur Schale; der Kern 1 eibt unberührt davon. Wäre es anders, könnte r an nicht recht begreifen, weshalb eine kürzlich r^röfentlichte staatsrechtliche Theorie, wonach d e r Kaiser einOrgan des Staates" fei, nicht nur in den Kreisen der Armee, sondern im ganzen Lunde als Hochverrat und Majestätsbeleidigung, ja al 5 Gotteslästerung einmütig verurteilt norden konnte. Und dazu paßt es, wenn berichtet lliird, ein japanischer Maler habe jüngst ein lebens- q oßes Bild des Kaisers mit feinem eigenen, feit zhn Jahren abgezapften Blute gemalt. Die beiden Umspiele ließen sich gewiß durch zahlreiche andere ö rmehren. Sie sind äußerst lehrreich, denn in ilmen offenbart sich, so will uns scheinen, d i e ech t e Seele O st a s i e n s , die von Europa durch e-nen weltanschaulichen Abgrund getrennt ist d mselben Europa, dessen Tarnkappe sie trägt.

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Renate sitzt am Timmendorfer Strand.

Hallo, hallo Renate, hast du ausgeschlafen, bist du gut gelaunt, hat dir das Frühstück geschmeckt, mit Ei und frischer Flunder? Jawohl, besten Dank, hier schmeckt .es mir immer, den ganzen Tag kann ich essen, das macht die snsche Seeluft, das machen die Ferien, Sommer, Sonne, Wind und Wellen mit­samt den blitzenden Mövenflügeln über den silber­nen Schaumkronen aber vor allen Dingen die gute, reine, wundervoll salzige Seeluft, ist ja auch hinreichend bekannt, weiß jedes Kind, kein Wort drüber zu verlieren und was weiter? Programm für heute? Ja, das Programm für einen richtigen, langen Ferientag am Timmendorfer Strand (Ost­see, Lübecker Bucht) ist natürlich keine Kleinigkeit, sondern dreimal so wichtig und nicht minder aus­

Allmählich wird ja auch die Sitzgelegenheit in Herrn Köhnemanns Boot ein bißchen hart und un­gemütlich, und Renate sieht nicht ein, warum sie sich unnötigerweise strapazieren soll, wo doch der viele, schöne, Helle, weiche und warme Sand ringsum geradezu dazu einlädt, sich hineinzuwerfen, auf den Bauch oder auf den Rücken, ganz nach Laune, die Welt von unten zu betrachten, in den Himmel zu blinzeln und immer aufs neue eine Handvoll Sand durch die Finger riefeln zu lassen ... Das ist ein unbeschreiblich serienmäßiges Gefühl, und dabei ist eine halbe Stunde vergangen, ehe man sich einmal auf die andere Seite gedreht hat, damit die auch zu ihrem Recht kommt.

(Aufnahme: E. Hase, Frankfurt a. M.)

führlich als das Programm eines gewöhnlichen, be­liebigen. hundsgemeinen Alltagstages

Sonst, wochentags, mitten im Semester, da sieht das ungefähr so 'aus: %7 scheußliches, aber andau­erndes Weckergerassel./28 Frühstück, ohne Ei und ohne Flunder, aber mit dem bekömmlich - dünnen Morgenkaffee der Wirtin Frau Schickedanz in Mar­burg, Wettergasse, Nummer soundsoviel. (Aus die genaue Anschrift legt ja wohl niemand besonderen Wert.) 8.15 Anatomie. Anschließend Pause bis 10. Blick ins Lehrbuch bei allgemeinen Physiologie, erfter Teil. Kleine fachliche Unterhaltung mit den Kommilitoninnen Jngeborg und Hannelore. Post lesen, falls welche gekommen fein sollte. (Geldbrief­träger besonders geschätzt.) 10 bis 12 Praktikum der allgemeinen und vegetativen Physiologie. 12 Uhr Bullenhitze, Schluß. Mittagessen in derAlten Post". Am Nachbartisch sitzt wahrscheinlich der nette Kom­militone von der löblichen Burschenschaft Alemannia (violett-silber-rot), den man bei der Gelegenheit be­grüßen kann; der hat übrigens trotz der schweben­den Hitze mit Nichten einen Pott vor sich stehen, sondern ein Fläschchen Wasser. (Von wegen Sport­abzeichen, Fräulein Renate, am Samstagnachmittag ist mein 3000-Meter-Lauf fällig.") Sehr zum Wohle. Jetzt geh' ich nachhaus. Ein bißchen geschlafen, ein bißchen erfrischt. Dann gearbeitet. Gegen Abend nochmal Kolleg. ist Schluß, also höchste Zeit, wenn man noch was einkaufen will, wie Renate zum Beispiel, deren Butterbüchse mal wieder leer geworden ist, und ein halbes Pfund Kirschen kann man sich wohl auch gönnen nach des Tages Last und Hitze-

Ja, so ist das sonst. Hier ist das alles ganz ganz anders. Eine neue Welt, eine neue Landschaft, eine andere Luft, andere Menschen und Gesichter, und dazu dieses unerhörte, seltene und beglückende Fe­riengefühl. Und was das Programm betrifft, so ist das hier viel schwieriger als in Marburg ober da- heim, wo man alles nach Uhrzeiten festlegen kann unb muß. Hier gar nicht. Hier sitzt man zum Bei­spiel in Herrn Köhnemanns altem Fischerkahn, ber so anregenb nach Teer unb nach Tang unb nach frischen Flunbern riecht unb tut überhaupt nichts man sitzt ba bloß so unb blinzelt in bie Sonne unb schaut ben Möven zu unb bem Wellengang, womit man übrigens allein schon viele Stunben hin- bringen kann, weil bas ein merfroürbiger unb son­derbar unwiberstehlicher Anblick ist. Wenn man sich umroenbet, bann wirb bas Bilb noch bunter unb be­wegter: ber lange Stranb mit ben vielen Burgen unb den unzähligen flatternden Fahnen und Wim­peln darüber, das Gewimmel unb bas Lustgeschrei ber Kinber. beren braune Haut sich scharf von bem Hellen Sanb abhebt. Unb bann bie Symphonie ber Farben an Babeanzügen, Babemänteln, Babe­mützen: seegrün, ziegelrot, hellblau, zitronengelb... die Augen können einem Übergehen.

Aber diese nichtswürdige Faulenzerei muß ein Ende haben, ermahnt sich Renate unb gibt sich einen Ruck; eine halbe Stunde lang geböft unb an nichts gebucht als etwa, was es wohl zu Mittag gibt, ob bas Wetter sich hält, unb wieviel Grab bas Wasser heute hat. So geht bas ja nun nicht weiter, unb babei ist bie Norb- unb Wetterseite unserer schönen unb geräumigen Sanbburg um ben Stranbkorb her­um roieber mal eingestürzt. Renate hat kaum fünf Minuten mit Lust unb Eifer ihren Spaten ge­schwungen, ba kommt bie kleine Helga von nebenan gelaufen, fünf Jahre alt, braungebrannt unb ziemlich nahebei, schwingt ihr knallrotes Eimerchen unb muß Renate unbebingt bie bicke, wabblige Qualle zeigen, bie sie barin gefangen hat, unb bie mittlerweile nicht ansehnlicher geworben ist. Außer- bem wollte sie Renate freunblid) einlaben, boch mal umgehenb ben großen Seehafen zu besichtigen, ben Helga mit ihrem Bruder Dieter ba vorne ausge­stochen hat, unb wo alsbalb Dieters neues Segel­schiff vom Stapel laufen wirb . .

Nach bem Stapellauf ist es ja die höchste Zeit, sich in den Badeanzug zu stürzen, unb bann kommt ber jeben Tag aufs neue genoffene, erste prickelnbe Schritt ins Wasser, ui, wie kalt, unb immer tiefer rein, noch tiefer unb noch ein bißchen unb jetzt, jetzt, jetzt kommt bie erste, große, brausenbe Bran- bungsroelle unb geht schäumend unb atemraubenb über uns hinweg ...

Unb bann raus unb abgetrocknet unb, Blick auf bie Uhr, noch eine halbe Stunbe bis zum Mittag­essen, ba setzen wir uns fix ins Pabbelboot unb lassen uns treiben in ber frischen salzigen Lust, sanft gewiegt vom Wellenschlag, unb alles ringsum ist blau unb silbern, blenbenb unb hell, unb bie Möven malen mit spitzen Flügeln bezaubernbe Fi­guren an ben Sommerhimmel .

Unb am Nachmittag? Am Nachmittag sitzen wir im Stranbkorb unb lesen, aber roeber Anatomie noch Physiologie. Ober wir machen uns fein unb schwingen ein Tänzchen oben auf ber Terrasse mit ben großen, bunten, lustigen Sonnenschirmen; ba­bei kann man immer bie Lanbungsbrücke unb ben Stranb unb bie ganze Bucht samt allen Pabblern unb Segelbooten im Auge behalten. Wir können aber auch einen Spaziergang nach Nienborf machen ober nach ber anberen Seite, nach Scharbeutz. Wol­len wir mit bem Autobus in bie Holsteinische Schweiz? Ober mit bem Dampfer nach Wismar? Vielleicht kommt sogar Onkel Karstens von Ham­burg zu Besuch herüber, ber hat Renate eingela- ben zu einer Fahrt quer über bie Bucht nach Travemünde. Da treffen wir bann noch ein paar gute Bekannte unb trinken abenbs zusammen still unb beschaulich ein Böwlchen im Mondschein Unb Onkel Karstens setzt sich so recht gemütlich hinten­über und sagt:Prost, Kinners! Da hat man denn dscha auch was von!"y

Samstag, 20.3uli 1955