Ausgabe 
20.4.1935
 
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trauen auf den Gott zu setzen, der einst dem, der ihm auch ganz vertraut hatte, das Leben und den Sieg gegeben hat gegen alle seine Feinde.

Und nun braust diese Kunde unaufhaltsam durch ufle Lande und Gaue: Es hat a u ch f ü r uns eine Auferstehung gegeben aus dem Grabe, In das man uns gelegt hatte, denn es gibt einen Gott, der die Steine zerbricht, unter denen man die guten Geister begräbt; Ge­rechtigkeit, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Treue find nicht im Tode geblieben. Und dieser Glaube lebt jetzt in ungezählten Herzen, deren Perle er ist. Und wenn auch die Schalen der Perlen einmal zerbrechen, so lebt er doch weiter, denn immer neue Hände greifen nach ihm. Er ist zur lebendigen Seele unseres Volkes geworden, zu dem Geiste, der schließ­lich doch alles andere überwinden wird, weil er selbst überwunden hat. Und wer unferm Volke diesen Glauben nehmen wollte, der stößt es wieder zurück in den Winter der Hoffnungslosigkeit und des Grabes. Wir haben in solchem Auserstehungsglauben e i n neuesLebenbegonnen, von der äuße­ren Revolution unseres Staates und der inne­ren Reformation unserer Seele an bis zur letzten Tat der Wiederwehrhaftmachung des ganzen Volkes für die Auferstehung deutschen Lebens in der Welt.

So wollen wir denn Ostern halten, draußen und drinnen, in der Kraft unseres Glaubens: Er lebt, darum sollen wir auch leben!

Wacht auf, die ihr im Winterschlummer Roch müd' und bang und zagend klagt, Wacht auf aus Nacht und schwerem Kummer, Die heil'ge Osterfrühe tagt!

Empor, ihr Brüder und ihr Schwestern, Aus Haus und Hütte, fern und nah, Hinweg das sorgendunkle Gestern, Der heil'ge Ostertag ist da!

Vergehen und Auferstehen.

Von Rudolf pau'sen

Werden und Vergehen sind das Doppelrätsel unseres Wesens, das die Menschen von jeher mit einem Mysterium hat erschauern lassen. Schon die alte orphische Mystik sah jene zwei Seiten des Ja- nushauptes der Entwicklung und symbolisierte sie (nach Bachofen) in einem halb weißen, halb schwar­zen Urei. Leben und Tod, Tag und Nacht bezeich­nen hier mit ihrer Farbe den ewigen Wechsel als die Voraussetzung dafür, daß überhaupt etwas ge­schieht.

Im Grunde war solche Anschauung pessimistisch bezüglich des Individuums: Dauer lag nur in der Folge der Generationen, die durch das Ei verbürgt schien. Erst das Christentum findet die Lehre von der Auferstehung der Einzelseele und schlägt jenes Ianushaupt zugunsten eines eindeutigen, lichten Antlitzes vom Rumpfe der Natur. So entsteht dann eine metaphysche Welt unerschütterlichen Seins jen­seits des zeitlichen Ablaufs, dessen Zeichen der auf­erstehende Christus ist. Wie in diesem Siegel der Verbürgung das ewige Leben der Einzelseele sich gestalte, danach braucht eine begründete Hoffnung nicht zu fragen. Wenn wir ein mitleuchtender Teil des strahlenden Geist-Leibes Gottes werden, so kön­nen wir dessen zufrieden harren, indem wir uns eines so großen Zieles würdig zu machen suchen.

Schöner ist nirgends dieses glänzende Osterlicht gemalt worden als auf Grünewalds Aufer­stehungstafel vom Jfenheimer Altar. Dort ist das metaphysische Angesicht der Ewigkeit in einem symbolischen Anthropomorphismus schaubar geworden, und der Schrecken des Grabes wie der Fesseln des Irdischen scheint völlig überwunden.

Unsere deutschen Mystiker haben um das Pro­blem des Todes als das Kosegment-Problem eines höheren Lebens herum die wundertiefsten Gedanken gedacht, allerdings Gedanken von stärksten sittlichen Forderungen voll. Jakob Böhme nennt den kreatürlichen Leib dieBauhütte" des himmlischen Leibes, sein Grabmal nur für die, die in die Schiedlichkeit" fallen. Böhme läßt im äußeren und zufälligen Menschen den inneren und eigentlichen schlummern, den wir aufwecken sollen. Dieser das Höchste fordernden Meinung entspricht Grünewalds meteorgleich auffahrender Christus aufs Beste, in-

Ostereier im Schützengraben.

Ich sehe ihn noch vor mir, den krümmsten Sol­daten, der je die feldgraue Uniform getragen hatte, den Hutterer Franz. Sein Beruf? Ja, an­gegeben hatte er, daß er Holzer sei droben in den Bergen. Aber glauben tut ihm das keiner. Im Hauptberuf war er trotz seiner unglaublichen Gut­mütigkeit einer der gefährlichsten Wilderer. Nein, nachweisen hat ihm noch keiner etwas können. Aber wenn man sah, wie er die Knarre anpackte, wie seine sonst richtig gütigen Augen stahlhart wurden, wenn sie über Kimme und Korn nach dem Ziel sahen, und wenn man sah, daß er dort hintraf, wo er hinsah, dann war man überzeugt davon, daß das Gerücht auf Wahrheit beruhte. Mochten seine Hände noch so sehr zusammengezogen sein, braun und rissig und hart wie sein Holz, daß es fast aus­sah, als wüchsen auch schon die Flechten darauf, das tat nichts. Wenn es der Augenblick verlängte, dann wurden sie weich, und fast müßte man sagen mütterlich. So war er auch, der Hutterer Franz, die flandrische Mutter, so haben wir ihn genannt. Er war nicht nur einer von denen, die immer bereit waren, einem anderen zu helfen mit Rat und Tat, wenn man zu ihm kam. Nein, er kam aanz von selbst. Er hatte seine Augen offen und seine Ohren, und sein Jägerinstinkt fühlte, wenn bei einem etwas nicht in Ordnung war. Dann wußte er es so zu drehen, daß das Gespräch immer auf die Sorgen des einzelnen kam. Und irgendwie konnte er helfen und raten. Und irgendwo fand er immer eine Gelegenheit, Freude zu machen. Wer hellhörig war, der sah aber auch hinter allen Scher­zen einen tieferen Sinn, eine Philosophie, die man auf den ersten Blick dem Hutterer Franz nie zu­getraut hätte.

So kam einmal Ostern. Der Franz kam ganz früh morgens in den Unterstand und erklärte, daß heute Ostereier gesucht würden. Wir haben alle furchtbar gelacht: Im flandrischen Schützen­grabendreck Ostereier suchen, das war mehr als ein Witz. Aber er ließ nicht ab, und während fo einzelne gut liegende Salven oben den Grabenrand be- harkten, suchten unten graue, dreckige, verwitterte Männer Ostereier.

Und fanden sie! Ueberall lagen sie versteckt, wo nur noch ein Plätzchen war. Und schön gefärbt in allen Tönen: rot und blau und gelb und grün. Da haben wir nicht mehr gelacht über den Hutterer Franz, wie wir nachher beieinandersaßen im Unter­stand und den gefundenen Segen auf den Tisch gelegt haben. Noch weniger allerdings, als wir erst gemerkt hatten, daß auf jedem Ei etwas anderes stand! Mit feiner schweren, ungelenken Hand hatte da der Franz draufgeschrieben: Friede, Deutschland, Heimat, Freiheit, Zukunft, Front, Soldaten, Pflicht, Ehre, Gesetz, Disziplin usw. Es war uns zuerst nicht klar, was er damit wollte; aber der heimliche Sin­nierer ließ uns nicht lang im Zweifel. Als in feiner Pfeife ein unglaubliches tabakähnliches Kraut brannte, fing er an:

Ja mei, das ist nun mal fo, da braucht ihr gar nicht fo zu schauen. Wenn wir heut' am heiligen Ostersonntag die Ostereier gesucht haben, dann ist das ja wohl jetzt vorbei. Aber ich mein', daß wir ja doch all das, was da draufsteht auf den Eiern,

erst noch richtig suchen müssen, wenn's mal einmal aus ist hier heraußen. Weil ich mir halt nicht denken kann, daß wir dann nur wieder ein anderes G'wandl anziehen, und dann ist wieder der Frieden da, wie vor anno 14. Schließlich sind wir doch andere Menschen hier g'worden, als wie wir waren. Das hier kann einer doch nicht fo ein­fach mir nichts dir nichts vergessen, das Leben, wo wir jetzt hier haben. Davon braucht man net zu red'n, daß wir hier fei' Angst net hab'n, wenn's amal fo richtia herhalten, die Schlawiener, die un­verschämten. Aber daß wir hier eben andere Menschen groorön sind, des ist klar; das werden wir aber doch wohl bleibn, solang' als wir leben. Daran kann doch keiner was machen. Wie aber schaut nachher die Welt in Deutschland aus, wann wir wieder drin sind? Die daheim, die ha'm nicht gemerkt vont dem, was hier unser Leben so ist. Denen ist des fremd. Mit denen kann doch unsereiner gar nicht red'n. Da versteht eben einer den anderen nicht mehr. Aber die da drin werden auch weiter mitreben woll'n. Aber wir wollen auch was fagn. Wir woll'n auch red'n, und wir haben das größere Recht da^u. Also dann wird's eben zwei Parteien geben: die, wo nicht Soldaten waren, und die, wo Soldaten waren, hier vorn an der Front, da, wo's kracht. Daß wir dabei die Stärkeren sind, das glaub' ich selber.

Aber das andere ist wichtig: daß wir weiter das suchen, was auf den Ostereiern steht, das, wo uns überhaupt erst g'macht hat. Denn wenn der Schwindel hier vorbei ist, dann ist er noch lang net vorbei. Jetzt stehen da deutsche M. G.'s gegen französische, englische, amerikanische und, was weiß ich, was da noch für wilde Völker drüben find. Aber nachher stehen Menschen gegen Menschen. Und wenn unser Herrgott den Krieg hat in die Welt kommen lassen, dann hat er auch a'wußt, warum. Dann droht er halt mit dem Stecken, daß wir endlich einmal an das denken, was wichtiger ist als so an lackierter, g'schniegelter Aff'. Dann sagt er zu uns:Jetzt hast du's halt wieder einmal g'sehn, wozu daß du ein Mensch bist und überhaupt's auf der Welt." Dazu, daß wir die Ostereier such'n und net auslassen mit Suchen so lang, bis wir's halt finden. Und es find schon recht viel, die wo wir noch finden müssen. Und ein anderer kann uns da auch nicht helfen zum Suchen. Ich mein' halt, des müssen wir Frontsoldaten schon allein machen. Denn ein anderer, der glaubt nimmer an Ostern. Aber wir glauben noch dran, daß wir die Ostereier finden werden. Und wenn wir die Sach' nur ein bisserl anpacken, dann wird's schon gehen. Wir sind ja net farb'nblind. Und drum sind ja die Ostereier so bunt, daß mans besser finden kann, wie g'sagt, wenn einer net grab blinb ist. Aber es wirb keiner basteh'n wie ich jetzt ba heraußen unb wirb sag'n: Such! Es muß sich schon an jeber selber rühr'n, wenn er zu uns unb net zu die Zivilisten baheim g'hör'n will."

Ja, so hat uns ber Hutterer Franz bamals bie Leviten gelesen. Manchem ist wohl erst hinterher aufgegangen, was er alles gemeint hat, ber Sin­nierer, ber alte, verholzte. Aber fein Staatsmann unb fein Pfarrer hätten uns eine bessere Öfter» prebigt halten fönnen. K. w.

bem feine Gesichtsprägung blonb unb göttlich-son- nenhast ist, währenb auf besfelben Malers Kreu- zigungsbilb ber leibenbe Jesus ganz ber schmerzver- frümmten bunfefijaarigen Kreatur ähnelt, bie auf Erden furze Zeit wandelt unb schnell bahinsinft.

Oster-, Frühlings- unb Auserstehungsbilb finb immer eines für bas andere zu setzen. In ihnen triumphiert die ewige Jugend jenseits von jung und alt im geschöpflichen Sinne. Urjung uralt: diese Synthese ist in Grünewalds grabentrücktem Heiland Form geworden. Ein Kind-Gesicht, ein Greifen-Gesicht, ein unzerstörbares Gesicht. Die 23er- förperung der nicht erlöschenden Sonne der Seele. Und bemerfensroert ist obendrein, daß auch kunst- historisch gesehen dieses Antlitz ebenso der Antife und der Vergangenheit wie der Zukunft und der neuen Zeit, die mit Christus beginnt, anzugehören scheint.

Christus als Sonne, die das Dunfel durchbricht, bedeutet eine Erneuerung des Schöpferwortes: E s werde Licht! in seelischer Hinsicht. Und das ist unser Ostererlebnis. Wie das Korn ein Grab des Halmes, das Ei die finstere Gruft des Hühnchens ist, aus denen frisches Leben drängt, fo

will sich die enge Umhegung unseres Herzens unter dem Anhauch des feimweckenden Wortes: Es werde Licht! auftun.

Freitisch: geschenft wird uns nichts, ohne daß wir uns bemühen. Jene BöhmescheBauhütte" ist dazu da, daß wir selbst zu bauen begin­nen, einen Dom der hehrsten Gedanfen und des höchsten Glaubens aus uns zu formen. Nur in einem solchen Dom getrauen sich die Engelreigen, und nur hier wird die Taube des heiligen Geistes Einfehr halten.

Unsere Aufgabe ist, aus dem Chaos einen Kos­mos zu schaffen. Das ist eine Forderung, bie wir nie ganz erfüllen; aber in den besten Werfen der ausgeformten Kunst ist die uns Menschen irdisch mögliche Annäherung erreicht und der Sinn des Wiederaufbaues und der Auferstehung heilig gedeu­tet. Denn die Gestalt, deren Bildruhe nicht die des Grabes ist sonst würde sie nicht zu uns spre­chen ist tiefer als das Ungestaltete. Der äußere Abgrund der wirbelnden Welt ist nie so tief wie der innere Gehalt. Die vollendete Gestalt ist nach innen unendlich, während alles Ungestaltete sein Ende fin­det, im Raum ober im Tob.

Christus aber ist der Mittler, der die Hölle über« minbet, auch für uns, so wir guten Willens sind, ber ben Tob tötet, auch für uns, so wir zu folgen uns Mühe geben.

Nietzsche, ber Antichrist, fanb bas Unsterblich« feitsoerlangen bes Menschenzudringlich". Aber es «kommt doch wohl darauf an, was wir von der Aui- erstehung erhoffen, wozu wir sie uns wünschen, 06 wir unsere Erbärmlichkeit ober unser Bestes unver­nichtbar benfen, unser Bestes in Gott, ob wir uns Läuterung wünschen ober Fortbauer unserer ver- gnüglichen Sünben unb bösen Unzulänglichfeiten, ob wir bequemes Weitergenießen träumen ober wie Goethe höhere Wanblungen unb Aufgaben.

Der Bogen, ben bie beutsche Mystif spannt, reicht ba boch unausbenfbar viel höher, unb wir beschei- ben uns nicht bamit, auf Erben etwa fertig werben zu fönnen. Wenn Eckeharb ben Menschen mit einem Konsonanten vergleicht, ber aus bem gött­lichen Vokal ausgeschieben sei, sich selbst ausspreche, eine eigene Selbstheit entfalte, aber mit ber Be­stimmung als Teil ber göttlichen Vokalität sich biefer roieber einzueignen, bann ist biefes Gebot, aus bem Geräusch ins Getön zurückkehren, be- glückenb hoch unb tief religiös; auch paßt es treff« sich in unsere Gegenwart, wie schwer es auch zu befolgen sein mag.

Sinb Dftergebanfen nicht höchstzielenb, bann würben wir nur ein billiges Fest feiern. Aber wir wollen besinnlich sein, unb so erfreulich bem Kinde sein Osterei ist, so naiv es sich an seinem Genüsse ergötzt wir Erwachsenen fassen bie Symbolik ernsthaft auf. Der alte Hans Thoma muß etwas geahnt haben vom Rätsel bes Eis; benn er malte ben Rembranbt-Deutschen mit bem ooum in ber Hanb. Beibe, Langbehn unb Thoma wuß­ten, baß bas novum bes ovum bebarf, bas Neus bes Eis. Das Ei als Lebensheger unb Gestalt­keimhüter ist aber bas Ewige: alt unb jung in einem. Wenn nun bie alte Philosophenfrage, ob erst bie Henne ober erst bas Ei sei, unbeantwortet geblieben ist, unb stets unbeantwortet bleibt, bann führt uns bie Betrachtung über bas Osterei, das wir in ber Hanb wägen, aus ben Bezirken bes Denkens in die weit glücklicheren des Glaubens.

KrühlingsbüderOsierbllder.

Dankbare Motive für den Photo-Liebhaber.

Von Walther Appelt.

Auch bem Photo-Sportler fangen nun bieBlü­tenträume" wieder zu reifen an. Er freut sich über das Nahen der schöneren Jahreszeit, wenn auch die immer mehr verbesserte Lichtstärke der Optik und die gesteigerte Empfindlichkeit der Platten, sowie die vielen Arten von Kunstlicht den Winter für dieLicht"-Bildnerei erschließen helfen. Aber ber Frühling läßt manches roieber aufleben, was ber Winter ruhen ließ. Dazu gehört bie lebenbigere Verbunbenheit mit ber Natur, ihrem Blühen unb Wachsen. Hieraus ergeben sich bie alten unb boch ewig neuen Motivgruppen für unser Photographieren. Ostern wirb immer, trotz gelegent­licher Unterschiebe zwischen Kalenber unb Wirk­lichkeit viele ber typischen Frühlingsmotive bieten. Das Erwachen ber Flur aus bem Winterschlaf scheint manchem photographisch weniger lockenb zu sein, ba es noch nicht bie üppige Pracht schimmern- ber Blüten unb ben Dom geschlossener Laubbächer hat. Aber gerabe baraus sollen wir, als O st e r - unb Frühlingsbilber, wirksame Bilb- motive gewinnen! Sie haben meistens nicht bie großen, klaren Linien ber verschneiten Winterflur. Sie finb auch nicht fo überreich an Kraft bes reifen Wachstums wie ber Sommer. Aber bie stille, von taufenb Ahnungen unb Verheißungen erfüllte Sprache bes Frühlings in beutschen Gauen läßt sich gut photographisch einfangen.

Der MonatApril steht im Lichtwert ber freienLanb- fchaft etwa in ber Mitte zwischen ben höchsten unb ben niebrigften oorfommenben Werten. Aber vie­les ist jetzt besser zu erfassen als in anbern Jahres­zeiten. Darauf sollte jeber achten, bem fein öfter« ausflug in Gegenben führt, wo er vielleicht schon im Sommer photographieren wollte, aber sich nach bem Mattscheibenbilbe zum Verzicht entschloß. Die Kronen der Bäume lassen jetzt noch soviel Licht durch, Wälder und Alleen bilden noch keine so kompakten, die Belichtungszeiten vervielfachende Lichtschlucker. Was für eine Fülle von Motiven er­schließt sich damit auch demjenigen, der eine mitt­lere Kamera besitzt. Hierbei ist gedacht an Wald- bäche, die bei nicht gar zu schnellem Laufe mit Blende 4,5, jetzt im Mittagslicht an günstigen

Osterkind.

Von Johan Luzian.

Sie gehen Arm in Arm und des Weges be­dächtig über die Wiese mit ihren Grasbuckeln und Maulwurfshügeln, mit dem gelben Huflattich und den ersten tiefblauen Enzianen und bleiben am Unterholz eine Weile stehen vor dem rotblühenden Seidelbast und im Walde weiter oben vor Leber­blümchen und Anemonen und am Weiher vor ben Ringelnattern, bie zufammengerollt auf bem gelben Schilfhaufen liegen. Unb sie lauschen bem schril­len Schrei ber Raubvögel unb bem Glücksruf bes Grünspechts, bem Zitzewitz ber Meisen unb Zaun­könige unb bem schallenden Gesang ber Amseln. Sie sehen gemeinsam von ber Höhe über bie wei­ten Felber, auf benen bie Sonne blenbet unb zei­gen einander bie bicken braunen Knospen ber Bu­chen, an benen ber Saft klebt.

Denn es ist halb Ostern, unb bas junge, grü» nenbe Jahr kommt auf ben warmen Wellen bes Winbes, die heimkehrenben Vögel tragen es in ihren Schnäbeln.

Die Frau ist gesegneten Leibes. Sie wollte in diesen letzten Tagen noch einmal hier heraus und bie Welt umarmen.

Jetzt geh nur roieber, sagt sie zu ihrem Mann, der sie begleitet hat nach dieser Bank auf dem Aus- fichtsplatz unter ber Höheneiche. Geh nur unb vielen Dank.

Der Mann war mitten aus einer Arbeit von ihr fortgerufen worben, er war habet, einen Stall zu bauen, er hat bie Hänbe voll Harz. Aber es ist ihm nun hoch nicht recht, baß er fortgeschickt wirb. Dann hole ich bicb also roieber ab." Er zögerte zu gehen.Ja, ja, es hat keine Eile, laß bir nur Zeit!"

Die Frau ist mit ihren Gebauten ganz wo- anbers, gar nicht mehr bei ihm.

Nun, oa geht also der Mann, aber die Arbeit, bie er roieber aufnimmt, will ihn nicht mehr freuen. Er blickt oft hinauf nach ber Höhe über bem Buchenroalb. Er kommt sich beiseite aescho- ben vor.Es", brummt er, immer nur®sy< . . . Es ist ihm noch meilenfern. Es ist etwas, an bas man nicht mit feinen harzigen fingern rühren kann. Es ist meinetwegen ein kleines weißes Wölkchen in der Ferne.

Die Frau indessen blickt über bas Tal, in bem bie Dorfhäuser liegen, aus benen ein behaglicher Rauch auffteigt, in denen kleine Kinber spielen. Aus ben Ställen muhen bie Kühe. Aus ben Höfen hallt ber Osterfchrei ber Hähne.

Schwärme von Staren, bie keinen Nistkasten fanben, bie von Ort zu Ort irren, fliegen an ihr vorüber. Ihr Flug ist ein schönes, tanzenbes Spiel in ber Luft, wo ber Schwarm, halb enger, halb weitgezogen, bie Höhe umkreist.

Die Frau sitzt ganz still. Hier gibt es oft Rehe zu sehen. Sie treten hort unter bem Tannicht aus unb wechseln zum Wiesenbach hinunter. Sie haben jetzt ihre Kitzchen unb brauchen bie kräftige Nahrung ber jungen Gräser.

Es gibt hier viel stilles unb munteres Leben. Einen kleinen Acker, auf bem ber Roggen grünt, weite Wälber, bie schon bas frische Laub ahnen lassen. Lerchen über ben Wiesen hoch in ber blauen Luft bes April, unb Kuckucksruf unb Taubergurren, Finkengezwitscher unb Spechtgehäm­mer, unb mittenbrin einmal ben Ruf bes Golb- pirol. Alles hat Liebeszeit, gute Zeit.

Die junge Mutter sitzt ba in ber Mitte biefer Welt unb lauscht. Lauscht auf bie Rufe über ben Wölbern unb auf bas leise Pochen bes ungebore­nen Kinbes.

Sie neigt ben Kopf unb spricht in sich hinein. Menschlein, spricht sie, kleines Menschlein . . . Osterkinbchen, gerabe am Festtag wirst bu erwartet, wenn ber Herrgott aufersteht. Aus mir wirst bu kommen, mich wirst bu abstreifen wie bie Dunkel­heit. Den Tob rufst bu mir ans Bett, weil bu ins Leben willst . . Wie bu wohl aussehen wirst? Was bu für Fingerlein haben wirst? Was für Augen? Traumkinbchen, kleines, verborgenes, ge­liebtes . . . Nun gehst bu immer weiter von mir fort, jebe Stunbe, jeben Tag . . . Am Morgen bist bu um ein roinaiges gewachsen, währenb ich schlief. Aber bu bist doch noch ganz mein, noch ge­hörst bu nicht bem Vater unb niemandem, nur mir. Hörst du, wie laut der Star dort pfeift und siehst du, wie dort die Schwalben flitzen? . . . Alles hörst bu, siehst bu nur burch mich? Ja, bie ganze Welt rauscht durch mich in bich hinein, nichts wäre ba für dich, wenn ich nicht lebte, ach, wie ist es schön unb gut zu leben . . .

Wieder schwärmen kleine Wolken von Staren

über das Land, bie Sonne wirb röter, es kommt ber Abenb. Eine Kette Wilbenten zieht nach dem großen See dort unten, nach bem braunen Moos, wo bie Nester finb . . .

Die ganze Welt . . . sagt bie junge Mutter unb breitet ihre Arme über bie Lehne Der Bank, als wolle sie etwas Unsichtbares umarmen.

Legationsrat Goethe versteckt Ostereier in seinem Garten.

Wenn bas Osterfest nahte, erinnerte sich ber neue Legationsrat Goethe mit geheimer Seynsucht an bas österliche Eiersuchen im Haus ber Mutter in Frankfurt, unb er faßte ben Entschluß, nun ben Weimarer Kinbern einen Abglanz jener Freuben zu verschaffen. Aus einem Bericht Karl von Lynkers wissen wir, baß Goethe gerabezu als ein (Erneuerer alter Ofterfreuben gerühmt werben kann unb baß er bem Osterhasen Den Weg in bie großherzogliche Resibenz bereitete.Ein in Weimar noch nie gesehenes Fest gab ber neue Legationsrat, ber ein bejonberer Patron ber Kinber war, am Osterheiligabenb in seinem soeben erst bezogenen, an ben oberweimarischen Wiesen gelegenen Garten", heißt es ba.In allen Winkeln bes ©artens waren Drangen und bunte Eier versteckt, die wir auf­suchen mußten. Alles war erlaubt. Unsere Hof­meister (Hauslehrer), bereu es bamals viele gab, weil es nicht Sitte war, baß Söhne angesehener Eltern auf das Gymnasium gingen, schmausten an einem befonberen Tische und Durften uns nicht stören. Gegen Abend ließen sich bann zwei hohe wanbelnbe Pyramiben sehen, welche mit Eßwaren aller Art, namentlich mit Bratwürsten, Karbon­naben unb begleichen behangen waren. An biesen sprang bie muntere Jugenb in bie Höhe, rupfte sich nach Belieben herunter, was ihr annehmlich erschien unb geriet vor Lust berart außer sich, daß sie die eine umwarf, aus welcher ber letztverstorbene Bau­inspektor Götze, bamals Paul genannt, zu allge- meinem Gelächter hervorkroch." An biefer Dfterfitte hat Goethe auch weiterhin festgehalten; benn Matthiffon erzählt uns von einem solchen österlichen Kinberfest in bem Jahre 1783, bas Goethe in seinem ©arten veranstaltete unb bei bem er wie einroohlgeroogener, aber ernster Vater" erschien.

Daß ber Dichter aber noch bis ins ©reisenalter bie Rolle bes guten Osterhasen nicht verschmähte, beweist uns ein Tagebucheintrag Riemers unter bem 31. März 1825: ,Bruno zum Eiersuchen bet Goethe im ©arten", unb Riemer fügte stolz hinzu, daß sein Junge bie meisten Eier gefunben habe. Dazu gab bann noch seine Frau Caroline eine ein- gehenbe Schilberung biefer ©oetheschen Kinberfeste: Einige Jahre nach Goethes Ankunft in Weimar stellte er für bie Kinber feiner Bekannten in weiter Ausbehnung ein Eiersuchen an, bas meistens im Freien an ber sog. Schnecke gehalten würbe, bie auf bem freien Platz am (Eingang bes Parks stand und aus zwei kolossalen Linden gebildet war, die ein Gebäude überzogen, auf dessen auffteigenben Doppelgängen man sich nie begegnete. Bei plötzlich eingetretenem Regenwetter wurde das Fest im Theatergebäude gehalten, was jedoch nur selten ge­schah. Entweder waren die Frühlinge damals war­mer und zeitiger als jetzt ober, was wahrscheinlicher ist, das Fest ber roten Eier fanb nach Ostern, ver­mutlich um Himmelfahrt, statt, benn immer grün­ten bie Linden unb bie Hecke um bie Schnecke, auch konnte bie Gesellschaft einiger (Eltern ber Kinber unb einiger Freunbe Goethes im Freien stunben- lang ausbauern. Die Familie Herber fehlte nie babei. Die in allen Farben prangenben Eier waren an zwei Orten in ben Hecken verteilt, niebriger für bie kleinen, höher für bie größeren Kinber. Das Nest, mit bem bie Eier legenben Hasen, hier aus Zuckerteig geformt, fehlte nie. Wie jubelte ber ober die, welche es fanben! Pyramibenartige Erhöhun­gen ber geschnittenen Hecken waren mit Brat­würsten unb ähnlichen eßbaren Dingen behangen. Danach sprangen bie größeren Knaben, bie sich bei bem Wettlauf, bie Gänge ber Schnecke herab, sehr munter erwiesen. Nach geenbigtem Eiersuchen wür­ben bie Kinber mit Backwerk, Manbelmilch, Him­beersaft unb ähnlichen ersrischenben Getränken be­wirtet. Spiele jeber Art würben auf ber nahen Wiese unb im engeren Kreis bes Schneckenbezirks betrieben. Erst mit einbrechenber Nacht 30g bie frohe Schar heim, im voraus sich auf bie Wieder­holung im nächsten Frühling freuend." Auch der alte Geheimrat Goethe war mit diesem Osterfest zufrieden, durfte er boch in aller Stille für sich die Genugtuung haben, baß Mutter Aja sich dieses Äinberjubels gefreut hätte. B