Nr. 43 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 20.5ebruar (935
Sturm über dem Wald unserer Heimat.
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Windbruch Gemeindewalb Beuern. An der Straße Beuern—Geilshausen.
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Blick über einen Teil des Windbruches im Gemeindewald Staufenberg.
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Gemeindewald Staufenberg: Der Sturm brach starke Stämme wie Streichhölzer.
Gemeindewald Staufenberg:
Entwurzelte Bäume. Große Erdbällen wurden mitgerissen.
Der Sturm in der Nacht zum Sonntag richtete — wie wir gestern bereits eingehend meldeten — starken Schaden in den Wäldern an. Ganz besonders schwer wurden, wie unsere Bilder zeigen, die Gemeindewaldungen von Beuern und Staufenberg betroffen. Die Stämme liegen hier in wirrem Knäuel mehrfach übereinander. Die Baumkronen schlugen ineinander und bilden ein schier undurchdringliches Dickicht. Die meisten Bäume wurden vom Sturmwind entwurzelt, andere wurden in halber Höhe geknickt und ragen mit zersplitterten Stümpfen in die Luft. Der Sturm traf insbesondere die slachwurzelnden Fichtenbestände. Eichen und Buchen wurden nicht in Mitleidenschaft gezogen.
Weitere Sturmschäden.
< Odenhausen a. d. Lda., 19. Febr. Der orkanartige Sturm hat auch in unseren Wäldern Schaden angerichtet. Außer Windfall wurden starke Bäume geradezu abgedreht. Innerhalb des Dorfes ist größerer Schaden glücklicherweise nicht entstanden.
<£ Nieder-Ohmen, 19. Febr. Der Sturm in der Nacht zum Sonntag hat einige Masten der Buderusschen Drahtseilbahn umgelegt, ferner das Dach der Verladestation abgehoben und am Bahnhof eine Schranke abgerissen.
+ Frankenbach, 19. Febr. Der Sturm in der Nacht zum Sonntag richtete in unserem Dorfe erheblichen Schaden an. Von den höhergelegenen Häusern wurden zahlreiche Ziegeln abgerissen und vom Sturm weit fortgeschleudert. Insbesondere wurde die Dreschmaschinenhalle in Mitleidenschaft gezogen, die fast völlig abgedeckt wurde. Sn den Nadelholzwäldern der Gemeinde sind etwa 250 Festmeter Stammholz umgerissen worden. Einige Stämme kamen dabei über die Straße Frankenbach —Gladenbach zu liegen, so daß der planmäßige Postwagen Frankenbach—Eiserne Hand—Wilsbach erst mit Verspätung, nachdem die Hindernisse aus dem Wege geräumt waren, die Fahrt fortsetzen konnte.
Stämme und Baumkronen bilden ein dichtes, schier undurchdringliches Gewirr.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Das Bockbier.
Die kleine Amtsstadt Einbeck (Eimbeck) in der Nähe Hildesheims war schon im Mittelalter wegen ihres guten Gebräus berühmt. „Aimpeckisches" Bier, „Aimpockisches Bier", „Einbockbier" weisen auf die Herkunft des Labetrunks hin, dem das altbekannte Bockbier" feinen Namen verdankt.
Wenn im Zeitigen Frühjahr der „Bock angestochen" wird, der mit mehr Malz und weniger Hopfen als andere Biersorten eingebraut wird und deshalb süßer, aber auch alkoholreicher und schwerer als anderer „Stoff" ist, so bedeutet dies nicht nur in der Haupt-, Kunst- und Bierstadt des Bayernlandes, sondern auch anderswo ein Ereignis, das mit Musik — Bockmusik — und anderen Lustbarkeiten gefeiert zu werden pflegt.
Mit dem gehörnten Ziegenbock, der erhobenen Hauptes an das überschäumende Bierglas gelehnt die Zecher zum Faßanstich einlädt, hat das „Bockbier" zunächst nichts zu tun. Diese Bezeichnung steht vielmehr im engen Zusammenhang mit dem Namen der vorerwähnten alten Braustadt Eimbeck, deren Erzeugnisse einst mit denen von Bremen und Hamburg, mit der „Gose" von Goslar, mit der Braunschweiger „Mumme" und schon im 16. Jahrhundert mit dem Hannoverschen „Broihan" in scharfen Wettbewerb traten.
Stadtarchivar F e i s e von Eimbeck, der sich mit der historischen Entwicklung des Brauwesens seiner Vaterstadt eingehend befaßte, weiß von einer hohen Blütezeit des Eimbecker Braugewerbes zu berichten. Als Luther im Jahre 1519 von der Leipziger Disputation nach Wittenberg zurückgekehrt sei, so berichtet er, habe ihn der Rat dieser Stadt mit einer Kanne Eimbecker Bieres begrüßt, der ihm auch zu seiner Vermählung im Jahre 1525 u. a. ein Faß des gleichen Labetrunkes gespendet habe. Zu einer bekannten Erzählung vom Einbecker Bier gehört auch die geschichtlich übrigens bestrittene Mitteilung, daß auf dem Wormser Reichstage, wie gleichfalls in Feises Geschichte des Eimbecker Brauwesens zu lesen ist, der Herzog Erich von Braunschweig den Doktor Luther mit einer Kanne Eimbecker Bier erquickt habe. Der Vorgang wird gewöhnlich so erzählt: Luther hatte seine berühmte Antwort gegeben. Herzog Erich schickte ihm die Kanne Bier. Luther vernahm darauf, daß der päpstlich gesinnte Fürst der Spender sei, daß er aber, um Luther jeden Argwohn zu nehmen, schon selbst aus der gleichen Kanne getrunken habe. (!) Luther trank dann auch und sagte, so wie der Herzog sich seiner erinnert habe, so möge sich Christus des Herzogs in seinem letzten Stündlein erinnern.
Wenn heute das Bayernland und insbesondere München die Stätten des Biers und des „Bocks" sind, so ist dies auf das Eimbecker Bier zurückzuführen. In den in der einstigen Freien Reichsstadt Memmingen schon vor über hundert Jahren erschienenen „Skizzen aus dem Münchener Leben" befindet sich neben einem Stahlstich des alten Bockkellers in München eine Dichtung zum Preise des letzteren, und ein Münchener berichtet einem Schwaben:
Einst lebte hier in Bayern Eine schöne Herzogin.
Ihr zu huldigen, sie zu feiern, War des Herzogs ganzer Sinn.
Die Herzogin wird guter Hoffnung, der Herzog ist überglücklich. Allein die Fürstin hat ein heim
liches Verlangen, das sie dem Gemahl trotz inständiger Bitten zuerst gar nicht gestehen will.
Endlich öffnet sie die Lippen:
„Bier" — seufzt sie voll Purpurglut, ,„Bier von Eimböck< möcht' ich nippen, Es ist gar so süß und gut.
An des Herren Vaters Hofe War's gewöhnlich unser Trank, Und die Fürstin und die Zofe Wußten dieser Sitte Dank. Keines hab' ich angetroffen, Das mir so, wie dies behagt, Und ich fürchte für mein Hoffen!, Wird der Wunsch mir nun versagt."
Der Herzog ist sehr besorgt, wie er diesen Wunsch erfüllen soll. Eimböck ist zu weit, das Bier würde unterwegs sauer werden. Doch Bayerns Hoffnung hängt an der Erfüllung dieses Wunsches.
Darum muß ein wackrer Bräu Von dorther nach München eilen — Und im fürstlichen Gebäu Brauet Bier er ohne Weilen.
Bald liegt ein Prinzlein auf der Herzogin Schoß. Eimböcks Bier wird gepriesen. Auch andere dürfen den köstlichen Stoff genießen. Ein Knappe taumelt unter lautem Singen davon. Er stößt dabei auf den Herzog, läßt sein Glas fallen, und es zerbricht.
„Ei, mein Sohn, wer warf dich nieder?" Fragt der Herzog unfern Mann.
Und der Knappe stammelt wider: „Ein — böck — ein bock hat's getan."
Der Herzog ist wohlgelaunt. Und da gerade ein Vöcklein daher gesprungen kommt und an den Stufen des Kellers meckert, ruft der Fürst: „Ha, der Bock dort stieß ihn nieder." Und so heißt es noch heute, hat einmal einer einen zuviel getrunken. Zum Beweise der Wahrheit seiner Erzählung beruft sich der ungenannte Dichter auf das Wappen im alten Bockkeller, das (auf der Abbildung) Faß, Bock und den angetrunkenen Knappen zeigt. Es trägt die Jahreszahl 1514. Parallel mit dieser Geschichte läuft eine Ueberlteferung aus Eimbeck, wonach eine bayerische Prinzessin, die nach schwerem Liebesleid an Eimbecker Bier genas, ihrem herzoglichen Vater in den Ohren gelegen habe, ihr das Getränk wieder zu verschaffen. Der Bezug aus Eimbeck wird ihm auf die Dauer zu teuer; er verschreibt sich einen Braumeister aus Eimbeck und läßt ihn in München das Eimbecker Bier brauen. Kleine Ursachen haben bekanntlich oft große Wirkung.
Auch die Sprachforschung (Schmeller, Bayerisches Wörterbuch) führt den Namen „Bock" oder „Bockbier" auf die Ausdrücke „Ainpockisches", Ainpecki- sches" Bier, „Einbockbier" zurück, Bezeichnungen, die sich auch auf allen Rechnungen des Münchner Hofbräuhauses finden.
Das Einbecker Brauwesen hatte wechselvolle Schicksale, auf die hier aber nicht eingegangen werden kann. In der Geschichte des deutschen Brauwesens spielt es eine besondere Rolle. Einst ging ein Drittel des Einbecker Bieres über See, hauptsächlich nach Brasilien. Es errang eine führende Stellung am Weltmarkt. Gewiß aber ist, daß die Bezeichnung „Bock" ihren Ursprung der alten Brau- stadt an der Jlme verdankt und als besondere Bezeichnung für das gute deutsche Bier m aller Welt in Geltung ist.
vornottzen.
— Tageskalender für Mittwoch: NSLB. Bezirk Gießen-Stadt und Gießen-Land,
Arbeitsgemeinschaft für Fibelbesprechung: 15.30 Uhr Zusammenkunft in der Schillerschule zu Gießen. — Stadttheater, 19.30 bis 22 Uhr: „Die Hosen des Herrn von Bredow". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Abschiedswalzer". — Goethebund Gießen: 20 Uhr in der Neuen Aula Vortrag von August Winnig über „Vom Proletariat zum Arbeitertum". (Mitglieder des NSLB. Kreis Gießen und Reichsbund Volkstum und Heimat sind eingeladen.) — Reichstreubund: Kameradschaftsabend im Unteroffiziersheim der Kaserne II. — Stickerei- und Spitzen-Werkschau, 14 bis 18 Uhr im Turmhaus am Brandplatz. — Verbraucher-Genossenschaft Gießen: von 15 bis 18 Uhr im Cafe Leib Leistungsschau. 20 Uhr Jahresversammlung.
Fristverlängerung für Steuererklärungen
DNB. Die Frist für die Abgabe der Steuererklärungen für Veranlagung zur Einkommensteuer, Körperschaftssteuer und Umsatzsteuer für das Kalenderjahr 1934 und für die Abgabe der Vermögenserklärungen hat der Reichsminister der Finanzen bis zum 15. März 19 3 5 verlängert.
Deutsche Arbeitsfront.
kreiswaltung Gießen.
Um verschiedene Mißverständnisse aufzuklären, weisen wir darauf hin, daß Maschinisten und Heizer auf Dampfstraßenwalzen unter den Geltungsbereich des Reichs- und Bezirkstarifvertrages für Hoch-, Beton- und Tiefbauarbeiten vom 3.3.1933 fallen. Verschiedentlich ist die Auffassung zutage getreten, daß die Entlohnung nach dem Metallarbeitertarif, ober nach freier Vereinbarung erfolgen könne.
Durch zwei in letzter Zeit ergangene Urteile, und zwar des Landesarbeitsgerichtes Dortmund, sowie des Arbeitsgerichts Frankfurt a. M., ist jedoch in obigem Sinne entschieden worden.
Die Betriebsführer, die Maschinisten und Heizer auf Dampfstraßenwalzen beschäftigen, werden gebeten, sich zwecks weiterer Auskunft umgehend mit der Gaubetriebsgemeinschaft 4 Bau, Hessen-Nassau, Frankfurt a. M., Bürgerstraße 69/77, in Verbindung zu setzen.
NSLB.
Abi. höhere Schule. Deulschkundliche Fachschaft.
Unsere nächste Sitzung findet Freitag, den 22. Februar, um 16 Uhr in der Oberrealschule statt. Gäste willkommen.
Dr. Kiefer, Fachschaftsleiter. ,
Reifeprüfungen
an Gießener höheren Schulen.
Am vergangenen Montag und am gestrigen Dienstag wurden sowohl in der Studienanstalt als auch in der Oberrealschule die Reifeprüfungen durchgeführt. Die 11 Oberprimanerinnen, die sich in der Studienanstalt der Prüfung unterzogen, konnten sämtlich bestehen. Don den 36 Schülern, die in der Oberrealschule geprüft wurden, bestanden 33 Schüler-
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** Zulassung von F i n a n z a n w ä r t e r n zum Vorbereitungsdienst. Das Hessische Staatsministerium, Abteilung Id (Finanzen), teilt mit: Es werden demnächst etwa 12 Finanzamtsanwärter zum Vorbereitungsdienst für die Laufbahn der Beamten des gehobenen mittleren Finanzdienstes zugelassen. Gesuche um Zulassung sind bis zum 5. März 1935 bei der unterzeichneten Abteilung oinzureichen. Den Gesuchen müssen beigefügt sein: 1. ein Lichtbild aus neuerer Zeit, 2. das Abgangszeugnis einer Realschule mit siebenjährigem Kursus oder dem Nachweis der Reife für die Unterprima eines Gymnasiums, Realgymnasiums oder einer Oberrealschule, 3. ein von dem Bewerber verfaßter, eigenhändig geschriebener Lebenslauf, 4. ein polizeiliches Leumundszeugnis. Anheimgestellt wird weiterhin, auch Nachweise über Betätigung in Jugendbewegung, Hitler-Jugend, SA., SS. ober Arbeitsdienst vorzulegen. Der Bewerber muß deutscher Reichsangehöriger sein und das 18. Lebensjahr vollendet haben. Er und, wenn er verheiratet ist, auch seine Ehefrau müssen arischer Abstammung sein. Ferner ist volle Gesundheit unbedingtes Erfordernis. Der Vorbereitungsdienst ist grundsätzlich unentgeltlich abzuleisten. Die Gesuche sind nur zusammen mit den erforderlichen Zeugnissen und Nachweisen einzureichen. Eine einstweilige Bewerbung ohne die Zeugnisse und Nachweise ist zwecklos, da es für die Auswahl unter den Bewerbern nicht auf die Reihenfolge des Eingangs der Gesuche ankommt. Gesuche, denen die Zeugnisse und Nachweise nicht beigefügt find, werden ohne weiteres zurückgewiesen. Die Einforderung 1. des Nachweises der arischen Abstammung des Bewerbers, gegebenenfalls auch berjeniger feiner Ehefrau, 2. bes Reichsange- hörigkeitsausweises, 3. eines Gesundheitszeugnisses behalten wir uns vor.
** Freie evangelische Lehrer stelle. Erledigt ist eine Lehrerstelle für einen evangelischen Lehrer an der Volksschule in Crainfeld (Kreis Lauterbach). Mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Bewerber müssen mindestens acht Jahre die Prüfung abgelegt und eine Anwärterdienstzeit von mindestens fünf Jahren zurückgelegt haben.
** Das Zurückschneiden der Hecken an öffentlichen Fahr- und Fußwegen betrifft eine Bekanntmachung der Bürgermeisterei in unserem heutigen Anzeigenteil, auf die besonders hingewiesen sei.
** Zahlungsanmahnung. Die Allgemeine Ortskrankenkasse für den Kreis Gießen mahnt in unserem heutigen Anzeigenteil die rückständigen Beiträge vom Monat Januar zur Zahlung bis zum 25. Februar an. Säumige Zahlungspflichtige feien auf die Bekanntmachung besonders hingewiesen.
** Im Bergwerk verunglückt. Gestern vormittag erlitt der Bergmann Heinrich W a cf aus Frankenbach in dem Bergwerksbetrieb bei Großen- Linden einen schweren Unglücksfall. Der bedauernswerte Mann glitt bei der Arbeit aus und stürzte nach rückwärts zu Boden, wobei er mit dem Hinterkopf hart aufschlug. Beim Wiederaufrichten rutschte er erneut und stürzte diesmal nach vorne zur Erde nieder, wobei er heftig auf das Gesicht fiel. Durch den doppelten Sturz erlitt er erhebliche Kopfverletzungen, u. a. eine leichte Gehirnerschütterung. Die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz überführte den Verunglückten nach der Klinik.
** Wiedersehensfeier der 12. Kompanie Leibgarde-Jn fanterie-Regi- ment 115 in Darmstadt. Am 1. und 2.Juni findet in der alten ©arnifonftaöt Darmstadt eine Wiedersehensfeier der 12. Komp. Leibgarde-Inf.« Reg. 115 statt. An die Kameraden der 12. Kompanie in Krieg und Friede^ ergeht der Rus, unverzüglich ihre Anschriften an den Leiter des Ausschusses, Kamerad Dr. Hans Jünger, Darmstadt, Rheia«


