Ur.296 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Donnerstag. (9. Dezember (935
Aus der Provinzialhauptstadt.
Eine Weihnachtsüberraschung.
Don Ernst --Hel.
Es war im Dezember 1916. Schwer hatte das Regiment an der Somme vor Bouchavesnes geblutet, aber keinen Schritt Boden verloren. Bei St. Mihiel an ruhiger Front hatte es kurze Ruhe gehabt, und nun stand es wieder an der Somme — zwischen Peronne und Chaulnes. Die Somme- Schlacht war vorüber, ein neuer Kampf begann, der gegen Wetter und Schlamm. Stellungs- und Laufgräben führten durch schwersten Zuckerrübenboden, und es regnete Tag um Tag. Als die Kompanie das letzte Mal in Stellung ging, war der kleine Kompanieschuster, der wegen Mannschaftsmangel mit nach vorne mußte, im Dunkel der Regennacht spurlos verschwunden. Am nächsten Morgen hatte ihn die Reseroekompanie buchstäblich aus dem Schlamm ausgegraben und so, wie ihn Gott geschaffen hatte, lag er im Unterstand des Kompanieführers jener Kompanie, bis ich ihm neue Bekleidung schicken konnte. Eine feine Gegend! Weihnachten kam heran, doch solange ich meine Kompanie führte, hat sie Weihnachtsabend in Stellung verbracht. So mußte auch dieses Jahr das Fest in den kurzen Ruhetagen in Pargny an der Somme bereits früher gefeiert werden.' Am Nachmittag des 21. fand in der von der Kompanie gereinigten und geschmückten Dorfkirche ein Festgottesdienst statt, dann folgte die Bescherung in Ermangelung eines größeren Raumes am gleichen Orte. Das „Rote Kreuz" hatte von Gießen eine große Kiste voll schöner Sachen geschickt, jeder Mann erhielt eine Flasche Wein aus der Weinspende des XVIII. Armeekorps, und auch die Kompaniemutter hatte für die Ihren gesorgt und in Gießen allerlei Dinge einkaufen lassen, die der Soldat brauchen kann. War die Unterbringung auf zugigen Böden auch miserabel, so zog doch bald eine festliche Stimmung auch dort ein. Was die Feldküche an jenem Abend dazu beitrug, weiß ich nicht mehr. Aber als „Beikost" stehen mir noch Schüsseln von „Gehacktem" und „Deutsche Beefsteaks" vor Augen, zu denen ein am Tage zuvor vor dem Dorf durch eine Granate gefallenes Kolonnenpferd die Grundlage geliefert hatte.
In der Nacht zum 24. Dezember ging es wieder nach vorne. Dreieinhalb Stunden Marsch in strömendem Regen, vorbei an der „windigen" Ecke am Friedhof von Morchelepot, ohne Feuer zu bekommen, und dann hinein in den Laufgraben. Das Marschieren hörte auf; das war ein Tasten, Waten, Schwimmen. Bis über die Knie reichten Schlamm und Wasser, man fiel von einer Wand des Grabens gegen die andere. Ellenbogen und Unterarm überzogen sich mit einer dicken Schlammschicht. Beschreiben läßt sich das gar nicht, das muß man erlebt haben. Ab und zu blieb einer stehen. Er wußte, daß beim nächsten Nachziehen des Fußes der Stiefel im Schlamme stecken bleiben würde. Hilfsbereit wühlte dann der Hintermann oft mit im Schlamm und suchte die Stiefelschlaufen, um dem Vordermann Hilfestellung zu leisten. Und manch kräftiges Männerwort mit besonderer „Frontzulage" entfloh dem Gehege der Zähne! Gegen 6 Uhr morgens war es geschafft, die Ablösung in vorderster Linie vollzogen.
Wie sah es hier aus! In dieser Stellung hatte die Sommeschlacht sich totgelaufen. Schlechte Gräben, von Wasser und Schlamm erfüllt, Unterstände durch einige Stollenrahmen leicht angedeutet, Hindernis schwach und lückenhaft. Viel Arbeit hätte es gegeben, wenn es überhaupt möglich gewesen wäre, Äaterial in nennenswerten Mengen vom Pionierpark heranzuschaffen. Ein trüber „Heiliger Abend" sank herab. Die Gedanken gingen in die Heimat. Kalt kam das „Drahtverhau" (Suppe aus Dörr- qemüse) nach vorne, kalt wurde es gegessen, da Oefen fehlte. Ich wate durch den Graben, sehe nach meinen Posten, bleibe in der Nacht länger wie gewöhnlich bei dem Einzelnen stehen, denn die Weihnachtsnacht sollte keine Nacht der Einsamkeit sein, Als ich in meinen Unterstand zurückkomme, den ich außer mit meinem „Stab" mit einer Gruppe des ersten Zuges teilte, ist alles wach, und mein Bursche entzündet ein ganz kleines Bäumchen, das er heimlich mitgebracht hat. Ein merkwürdiger Ehristbaum! Der Stamm und die Aeste aus Draht, Rinde und Nadeln aus Papier, und daran kleine rote Kerzen. Kitsch! Und doch trieb dieser „Kitsch"
Hitter-Ägend tritt zur MM.-Sammlung an
nicht wahr zu sein. Wieder geht rechts eine Leuchtkugel hoch. Drei dunkle Punkte sind sichtbar. Vorher waren sie noch nicht da. „Fertigmachen!", flüstert der Feldwebel. „Die kommen gerade auf uns zu. Keiner rührt sich!" Jetzt hört man ein Schleichen und Kriechen, ein Flüstern in — französischer Sprache und .. „Jetzt!" Ehe sich die Patrouille versieht, ist sie schon im deutschen Graben. Kein Schuß ist dabei gefallen.
Im Kompanieführerunterstand brennt düster eine Kerze, ich schreibe gerade meine übliche nächtliche Meldung. Da fliegt die Zeltbahn weg, die. als Haustür dient, ich höre die Stimme meines Zugführers: „Herr Leutnant, wir hawwe drei Franzose!" Da gab es kein Halten, lieber die Schläfer auf der Stollentreppe geht's hinweg, so rasch es möglich ist. Und da stehen sie auch schon in ihren blauen Mänteln und — ein Trost — genau so dreckig wie wir. Der Feldwebel meldet, der Patrouillenführer, ein Korporal, salutiert. Ich hole mir den Mann ins Licht: „Quel regiment?'< — „34."
„Georg!", sage ich, „das ist Ihr Christkindchen! Der Franzmann hat abgelöst. Auf die drei Mann da wartet der General schon seit Tagen. Sie bringen mit Keller und Weik zusammen ihre Gefangenen selbst zum Regiment. Sorgt nur dafür, daß die Kerle nicht miteinander reden können!"
Im Dunkel' der Nacht verschwinden sechs Gestalten. Gegen Morgen kommt ein Melder vom Bataillon. Der Herr Regimentskommandeur behalte
starken Männern, die Tod und Grauen gewöhnt waren, Tränen in die Augen.
Um Mitternacht des 25. Dezember stand in dieser Stellung der Landsturmmann Keller der 5./116 auf Posten. Es regnete und regnete, schwarz war die Nacht, nur ab und zu wurde ihr Dunkel durch eine Leuchtkugel erhellt. Regungslos starrt der Posten ins Dunkel. „Quatsch — quatsch —" hört er es kommt jemand durch den Graben. Es ist der Zugführer vom Dienst, Vizefeldwebel Georg, einer der besten Unteroffiziere der 5. Kompanie, schon zweimal wegen Tapferkeit vorm Feinde befördert. „Na, Keller, was Neues?" — „Ich waas net, Herr Feldwebel, ich glaawe, da vorn stimmt was net. Ich maane, am Drahtverhau hätt' es gerappelt!", flüstert der Posten. Beide lauschen in die Nacht. „Quatsch — quatsch" — kommt es von links her durch den Graben. Es ist der Melder W e i k der 6. Kompanie, der eine Meldung zum Bataillon bringen will. „Halt! Ruhig stehenbleiben!", flüstert ihm der Feldwebel zu. Im Scheine einer fernen Leuchtkugel glaubt er eine Bewegung gesehen zu haben, doch schon ist der Spuk verschwunden. Was tun? Selbst das Vorgelände ableuchten? Schießen? Erst gestern Nacht, in der Weihnachtsnacht, sind weiter links zwei deutsche Kameraden glücklich in unsere Linien zurückgekommen, der Gefangenschaft und der Arbeit im Feuerbereich deutscher Geschütze entflohen. Angestrengt lauschen die drei in die Nacht. Man hört bald ein Klirren,' bald ein Flüstern, bald scheint es
in der er zunächst darauf hinwies, daß der ] Führer nun auch die Jugend zur Sammlung für • die notleidenden Volksgenossen aufgerufen habe. Wer berufen fei, mitzusammeln, habe die Pflicht, - sich mit feiner ganzen Kraft dafür einzusetzen, daß . die Sammelaktion zu einem ganz großen Erfolg werde. So wie wir jetzt hier stehen, so stehe die Jugend im ganzen Reich als Einheit bereit, dem Winterhilfswerk zu helfen. Die Sammeltage sollen in der Einsatzbereitschaft der HI. allen Volksgenossen zum Beispiel werden. Mit dem Worte: „Nimmer wird das Reich zerstört, wenn Ihr einig seid und treu!" schloß Bannführer Schreiber seine kurze Ansprache.
Mit dem Liede der Jugend „Vorwärts, vorwärts" fand der Appell feinen Abschluß. Sodann wurden die Abzeichen und Sammelbüchsen an die Sammler ausgeteilt. In Gefolgschaften und Fähnlein geschißen rückte die Jugend wieder ab. Singend zog sie durch die abendlichen Straßen.
Bald darauf konnte man in den Straßen den bereits eifrig sammelnden Hitler-Jungen beim Verkauf der Abzeichen und der Entgegennahme von Spenden begegnen. Dabei entwickelten sie in anerkennenswerter Weise großen Eifer, der hoffentlich überall seine verdiente Gegenleistung im Spenden gefunden hat und im Verlaufe der Sammlung noch weiterhin finden wird.
DerFühman diedeutscheJugend
„Ihr seid das kommende Deutschland. Ihr müßt lernen, was wir einst von ihm erhoffen. Ihr seid noch jung, ihr habt noch nicht die trennenden Einflüsse des Lebens kennengelernt, ihr könnt euch noch jo unter- und miteinander verbinden, daß euch das jpätere Leben niemals mehr zu trennen vermag. Ihr müßt in eure jungen Herzen nicht den Eigendünkel, Ueberhebtichkeit, älaffenauffaffung, Unterschiede von reich und arm hineinlassen, ihr müht vielmehr in eurer Jugend bewahren, was ihr besitzt, das große Gefühl der Kameradschaft und der Zusammengehörigkeit. Wenn ihr das nicht preisgeben werdet, wird keine Wett es euch zu nehmen vermögen, und ihr werdet einmal sein ein Volk, genau so fest gefügt, wie ihr das jetzt seid als deutsche Jugend, als unsere ganze Hoffnung, als unseres Volkes Zuversicht und unser Glaube. Ihr . müht die Tugenden heute üben, die die Völker । brauchen, wenn sie groh werden wollen."
Die Hitler-Jugend sammelt vom
19. bis 2 2. Dezember für das WhW.
Der Reichspostminister teilt mit: Zur Unterstützung des Winterhilfswerkes bin ich damit einverstanden, daß bis Ende März 1936 Gabenfendun- gen als Poftftück oder Stückgut unentgeltlich mit Kraftpoften und, wenn es die Betriebsverhältnisse zulassen, auch mit Landkraftposten befördert werden. Bedingung ist, daß das Winterhilfswerk oder feine Vertretungen (Orts-, Kreis-, Gau- ufw. Vertretung) entweder Absender, oder Empfänger der Sendung ist. Als Gaben für die Winterhilfe gelten die vom Winterhilfswerk und seinen örtlichen Vertretungen beschafften oder gesammelten und von ihm unentgeltlich an hilfsbedürftige Personen abzugebenden Lebensmittel, Kleidungs- und Wäschestücke. Die Sendungen — bei Stückgütern auch die Frachtkarte — müssen den Vermerk „Gaben für die Winterhilfe des Deutschen Volkes" oder „Winterhilfe" tragen,
Oie Kurzschristleistungen der Beamten bei der Prüfung.
Der Vorsitzende der Landesdienststelle Hessen/ Hessen-Nassau des Deutschen Gemeindetages hat auf Vorschlag des Vorsitzenden des Prüfungsausschusses bestimmt, daß die in den vorläufigen Vorschriften über den Vorbereitungsdienst, die erste und zweite Verwaltungsprüfung bet den hessischen Gemeinden und Gemeindeverbänden vom 10. April 1934 geforderte Geschwindigkeit in Einheitskurzschrift wie- der (wie früher) auf 120 Silben je Minute herabgesetzt wird. Diese Aenderung tritt sofort in Kraft. Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, daß andere Systeme als die Einheitskurzschrift nicht mehr anerkannt werden.
Oie Erneuerung des deutschen Chorgesangs.
Die neuen Richtlinien für das Wertungssingen.
Mit Beginn des neuen Jahres- tritt eine Neuregelung des Wertungssingens ein. Der Ausschuß für das Wertungsfingen im Deutschen Sängerbund in Frankfurt a. M. hielt eine Tagung ab, um sich mit den neuen Richtlinien zu befassen. Danach ist jeder Verein verpflichtet, innerhalb von drei Jahren mindestens einmal an einem Wertungssingen teilzunehmen. Bei den Meldungen der dazu aufgerufenen Vereine müssen die Chormeister, Stärke des Vereins, sowie ein Verzeichnis der in den letzten zwei Jahre eingeübten Chöre (darunter mindestens zwei Volksliederbearbeitungen) enthalten sein. Die ausgewählten zwei Chöre, die wie bisher , jeder Verein bei einem Wertungssingen zu singen hat, werden sechs Wochen vorher durch den Kreis- > chormeister bekanntgegeben, der auch auf Grund der - eingereichten Verzeichnisse die Dortragsfolge dec 1 einzelnen Vereine aufzustellen hat. Musikalisch min-
meine Leute heute noch auf feinem Gefechtsstand. —> Am Abend des 26. kamen sie zurück. Freudestrahlend. Die Gefangenenaussage hatte wichtige Feststellungen erlaubt. Die Gefangenen waren wertvoller gewesen als wenn die Patrouille abgeschossen worden wäre. Deshalb hatte der Kommandierende General außer seiner besonderen Anerkennung die Verleihung des E. K. I an den Vizefeldwebel Georg und des E. K. II an den ßanöfturmmann Keller fernmündlich ausgesprochen. Aber woher die Auszeichnung selbst nehmen? Auf dem Gefechtsstand waren keine, die Leute aber wollten zur Kompanie zurück. Da griff der Regimentskommandeur Oberst Haffe an feine Brust und steckte dem Feldwebel fein eigenes E. K. I an, indes ein anderer Offizier des Regimentsftabes fein Ordensband auf Kellers Rock heftete.
So hatte die unfestliche Weihnacht in Wasser und Schlamm doch noch mit einer Weihnachtsüberraschung geendet, auf die wir alle stolz waren.
Vornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
NSG. „Kraft durch Freude": 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr fröhliche Gymnastik und Spiele nur für Frauen im Lyzeum; 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die blonde Carmen". 18 Uhr Kinder- und Fa- milien-Sonderoeranstaltung. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Gefangene des Königs". — Turmhaus am Brandplatz: 17 bis 19 Uhr Weihnachtsausstellung oberhessischer Künstler.
Neichöpost und WHW.
Hitlerjungen bei einer Straßensammluna für das WHW. — (Aufnahme: Reichsbildstelle Der HI.)
Die große Sammelaktion der Hitler- Jugend für das Winterhilfswerk fand am gestrigen Mittwochabend einen eindrucksvollen Auftakt. Die Gefolgschaften der Hitler-Jugend und der gesamte Jungbann des Jungvolks traten zu einem großen Appell an, der die Jungens auf ihre große Aufgabe während der Sammeltage vorbereitete. In' geschloffenen Kolonnen marschierte die Hitler-Jugend mit ihren Fahnen vor dem Gymnasium auf, das Jungvolk trat in der Goethestraße an. Beide Einheiten marschierten dann auf dem Hof des Gymnasiums zum Appell auf.
Bannführer Schreiber hielt, nach einem gemeinsam gesungenen Lied, eine kurze Anfprache,
MM
Nachdruck verboten!
14. Fortsetzung.
herab. Mit angstvoller Spannung suchte Annelies wieder Mias Gesicht. Ihre Augen weiteten sich unnatürlich in jähem Erschrecken. Tiefblaß sank sie wieder in ihren Stuhl zurück, ihre Hände verkrampften sich ineinander.
Keiner beachtete sie im Augenblick. Mia hatte Platz genommen und richtete die ihr aufgetragenen Grüße' aus. Sie mußte viel erzählen. Frau Euqeme wollte allerlei von ihrer alten Freundin wissen. Und Mia verstand es, zu erzählen. Eine reizende Frau! Eine entzückende Frau!, dachte Frau Eugeme.
Günter saß wie im Fieber da. Nur selten einmal streifte er Annelies mit einem forschenden Blick. War es das Licht, das sie so blaß machte? Oder ...?
Er nickte ihr stumm zu. Sie erwiderte es mit einem leichten Neigen des Kopfes; aber ihre Lippen schienen leise zu zucken und preßten sich plötzlich herb zusammen.
„Beabsichtigen Sie, längere Zeit hierzubleiben, Frau Rechberg?" fragte Frau Eugenie.
Mia hob die prachtvollen Schultern.
„Das kommt ganz darauf an! Vermutlich aber! Vielleicht — wenn alles gut geht — sogar für
immer ..." .
Günter schien sich langsam aufzunchten. Sem Kinn hob sich, seine Augen wurden weit. Annelies sah es und wandte sich ab. Sie hatte das Fenster mit einem Stück Himmel vor sich. Die ersten Sterne Schimmerten mattgolden durch das scheidende Tageslicht Der Uebergang zur Dunkelheit macht die Abendferne hinter dem Fluß so undurchsichtig wie die Unendlichkeit, in der alles ertrank und versank. Alles — Liebe und Leben, Mensch und Welt.
„Ich gehe mit der Absicht um, mich hier anzu- kaüfen'" fuhr Mia gleichmütig fort. „Ich habe auch schon ein paar Angebote. Unter anderem eine hübsche Villa direkt an See und Wald, geräumig, modern mit allem Komfort. Mit Garage und Chauffeurwohnung. Ein bißchen groß und einsam ist es ja wenn man so allein steht; ich kann mich daher noch nicht so recht entschließen. Aber wenn — gewisse Umstände sich günstig entwickeln, werde ich wohl zugreifen."
Sie sind Witwe, wie ich horte?! sagte Frau Eugenie. „Sie werden ja sicher noch mal heiraten, so jung, wie Sie noch sind!?"
Wieder hob Mia langsam die Schultern
Nicht müde werden, Annelies!
Vornan von Bernhard Lonzer.
Urheberrechtsschutz: Aufwärts-Derlag, Berlin.
„Wer weiß ...! Wenn die erste Ehe eine Enttäuschung war, wenn man so als junges Ding blind und nicht ganz freiwillig hineingetaumelt ist, dann überlegt man es sich sehr reiflich. Dann muß es schon etwas ganz Großes, Ueberroältigenbes fein, was einem den Mut gibt, es noch einmal mit dem Glück zu versichern. Aber warum nicht. Das Bereitsein zum Glück ist wohl in jedem Menschen vorhanden — vielleicht kommt es auch zu unfereinem noch einmal. Besser spät, als nie ..."
Es war ganz dunkel geworden, als sie sich verabschiedete. Günter stand auf, um sie hinauszube- gleiten.
„Kommst du mit, Annelies?" fragte er.
Ihr Blick war ganz leer. Ein paar dunkle Flecke brannten auf ihrem Gesicht. Langsam und merkwürdig schwer, als verursachte es ihr ungeheure Anftrenaung, erhob sie sich. Unwillkürlich legte sie einen Abstand zwischen sich und Günter, der dicht an Mias Seite durch den Garten zurückging.
Mia schien ganz unbefangen, schien auch ihre Schweigsamkeit nicht zu bemerken.
„Ihr könnt mich doch mal besuchen!" sagte sie. „Nicht wahr, Fräulein Fahrenkamp? Ich würde mich riesig freuen. Es ist natürlich nicht so, als wenn man jemanden im eigenen Hause empfängt; aber wir werden es uns schon nach Möglichkeit gemütlich machen. Und ich bin überzeugt, daß wir uns ausgezeichnet unterhalten werden. Darf ich Sie also mal zum Tee erwarten? Günter kann sich dann ja mal etwas früher im Geschäft frei machen und nachkommen. Einverstanden?"
Annelies zögerte mit der Antwort.
„Aber natürlich, das ginge schon!" entgegnete Günter an ihrer Stelle. „Wie denkst du, Annelies?"
Im gleichen Augenblick bereute er schon, zugestimmt zu haben. Die beiden zusammen — sogar allein miteinander, bis man nachkommen konnte — das war es ja gerade, was man hatte vermeiden wollen. Aber zu seiner Erleichterung sagte Annelies mit seltsam müder Stimme:
„Sehr liebenswürdig — aber vorläufig — ich weiß wirklich nicht? Meine Tante kränkelt seit einiger Zeit. Mal ist es besser, mal schlechter. Ich kann so schwer abkommen, kann wirklich nichts im voraus bestimmen."
„Nun, mal läßt es sich schon ermöglichen. Ueber-
kamp!"
Gewandt begrüßte Mia auch Annelies. Kemer gewahrte den kalten, aber scharfen und abschätzenden Blick, mit dem sie die Nebenbuhlerin musterte. Ader Annelies war es, als ob Mias Gesicht, das sie einen Augenblick dicht vor sich hatte, irgendeine schwere, bedrohende Erinerung wachriefe.
„Aber wir wollen doch Licht machen! sagte Frau
Man hatte bisher in der Abenddämmerung gesessen in der es sich so schön plaudern ließ. Korbinian Sartorius stand noch immer m der Nahe der Tür. Stumm schaltete er letzt Die Beleuchtung ein. Eine strahlende Lichtflut stürzte von Der Decke
„Ich muß um Entschuldigung bitten, Frau Senator, daß ich zu so unpassender Zeit bei Ihnen em- falle! Aber mir war doch, als hätte ich den Dien^ tag mit Günter für meinen Besuch ausgemacht. Ich sollte wohl anrufen, aber ich habe es $u meiner Schande muß ich es gestehen — total vergeßen. Ich war heute den ganzen Tog so in Anspruch genommen, daß es mir er ft vorhin beim 2Ibenöenen wieder eingefallen ist. Und um nicht unhöflich zu erscheinen, habe ich mich gleich aufgemacht. Hoffentlich komme ich nicht allzu ungelegen ...
„Aber ich bitte ...!", versicherte Frau Eugenie eifrig. „Seien Sie herzlich willkommen!
Der Senator hatte sich erhoben.
„Mein Mann!", stellte Frau Eugenie vor. „Onkel Korbinians Bekanntschaft haben Sie ja bereits gemacht. Und Günther ist Ihnen ja auch kein Fremder
„Allerdings nicht!", lachte Mia und schüttelte Günter die Hand. „Den Strolch habe ich noch sehr gut im Gedächtnis! Auch wenn ich ihn gestern nicht zufällig getroffen hätte!"
Günter war ganz benommen und sagte:
„Und das ist meine Braut, Annelies Fahren
legt es euch. Du kannst mich ja gelegentlich mal anrufen, Günter, und Bescheid sagen!"
Als Günter in das Haus trat, um Licht zu machen, hielt Mia Annelies einen Moment zurück und trat ganz dicht vor sie hin.
„Sie kommen natürlich, Fräulein Fahrenkamp?" Wie eisige Härte klirrte es leise in ihrer Stimme. Annelies fühlte sich von einem kalten, feindseligen Blick erfaßt.
„Ich weiß wirklich nicht ...!", erwiderte sie gequält.
„Doch! Ich glaube, wir haben einiges miteinander zu reden — nicht wahr?"
„Vielleicht ..."
„Sehen Sie, das ist vernünftig! Man soll Unklarheiten so schnell wie möglich aus der Welt schaffen. Wann kann ich sie erwarten?"
„Morgen nicht. Uebermorqen ..."
„Gut!"
Mit raschen Schritten trat Mia ins Haus. Günter wartete bereits.
„Das ist aber nett, Günter!" sagte sie mit heiterer Unbefangenheit. „Fräulein Fahrenkamp hat es sich schon überlegt und zugesagt. Uebermorgen also, um fünf Uhr zum Tee. Wir erwarten, daß du dich so gegen halb sechs Uhr einstellen wirst, wenn du nicht den Zorn der Götter auf dein schuldiges Haupt herabbeschwören willst."
Mit liebenswürdiger Gelassenheit verabschiedete sie sich-
Günter wollte mit Annelies in den Garten zurück- gehen, aber sie lehnte ab:
„Ich habe Kopfschmerzen und möchte zu Bett gehen."
„Du wirst doch nicht etwa krank werden?" sagte er verlegen und schuldbewußt zualeich.
Ein kümmerliches Lächeln schlich um ihre Lippen.
„Es ist morgen wieder besser. Gute Nacht, Günter?"
Langsam zog er sie zum gewohnten Gute-Nacht- Kuß an sich. Sie duldete es, aber sie hielt die Augen geschlossen, als er sie küßte, ihre Lippen waren kalt und wie leblos.
„Schlaf wohl, Annelies?" hörte sie feine geliebte, aber doch fo seltsam fremde Stimme wie aus weiter Ferne kommen.
„Gute Nacht, Günter!" wiederholte sie tonlos.
(Fortsetzung folgt!)


