Ausgabe 
19.12.1935
 
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Der Völkerbundsrat vertagt die Aussprache.

Italiens Stellung zur pariser Friedensformel noch nicht bekannt.

Genf, 18. Dez. (DNB.) Der Dölkerbundsrat hat Mittwochabend eine öffentliche Sitzung abgehalten, um die englisch-französischen Anregungen zur Er­ledigung des italienisch-abessinischen Streitfalles entaegenzunehmen. Eden erklärte, es sei in der Auffassung der beiden Regierungen stets eine we­sentliche Bedingung gewesen, daß, ehe man den Parteien irgendwelche Regelungsbedingungen in endgültiger Form empfehle, diese Bedingungen vom Völkerbund gebilligt sein müßten; denn die Völkerbundsmitglieder seien verpflichtet, den Pakt zu achten und ihr äußerstes zu tun, um ihn anzuwenden.

Wenn sich also Herausstellen sollte, daß diese Vorschläge der wesentlichen Voraussetzung einer Zustimmung der beiden Parteien und des Völker­bundes nicht genügen sollten, könne die bri­tische Regierung sie nicht weiterhin emp­fehlen oder unterstützen. Der augenblickliche Ver- söhnungsoersuch müsse von ihr dann als gescheitert

angesehen werden, und die britische Regierung wünsche ihn in diesem Falle nicht weiter fort­zusetzen.

Ministerpräsident Laval betonte, solange von anderen Regierungen keine Stel­lungnahme vorliege, werde es der Rat viel­leicht für richtiger halten, sich nicht zu äußern. Er werde aber wahrscheinlich keine Gelegenheit versäumen, um dem Streit eine ehrenvolle, gerechte und der Satzung entsprechende Lösung zu geben.

Rach einer längeren Erklärung des abessinischen Vertreters Wolde Mariam, der den Völkerbund bat, Abessinien nicht im Stich zu lassen, stellte der Ratspräsident fest, daß die Auffassung der italienischen Regierung noch nicht bekannt sei, und daß der Rat den Wunsch haben werde, die Aussprache auf einen späte- ren Zeitpunkt zu vertagen.

Der Rat stimmte diesem stillschweigend zu, und die Sitzung wurde geschlossen.

Abessiniens Einwände gegen die Medensformes.

Oer pariser Vorschlag verstößt in allen Teilen gegen die Völkerbundssatznng.

Genf, 18. Dez. (DNB.) Der Gesandte Abessi­niens in Paris, der sein Land beim Völkerbundsrat vertritt, hat dem Generalsekretär des Völkerbundes eine Erklärung über die Stellungnahme Abessiniens aur Lage zugehen lassen. Er hat dabei ausdrücklich hervorgehoben, daß diese Erklärung nicht als Abessiniens Antwort auf die französisch­englischen Anregungen betrachtet werden dürfe. Diese Antwort werde später erteilt werden.

Die Erklärung übt scharfe Kritik an dem Ver­fahren, das zur Ausarbeitung der englisch-franzö­sischen Vorschläge geführt hat und an dem Inhalt Der Vorschläge selbst. Die abessinische Regierung habe sich gefraat, ob dieseBedingungen" wirklich dazu angetan seien, die Vertragsverletzungen auf­hören zu lassen, oder ob man nicht die Feindselig­keiten dadurch beenden wolle, daß man das Opfer des Angreifers zur Kapitula­tion auffordere. Gegen die Vorschläge werden im einzelnen folgende Einwände erhoben:

1. Kein Organ des Völkerbundes ist befugt, einem Mitglieds st aat eine Gebiets­abtretung oder auch nur einen Gebietsaus­tausch aufzuerlegen oder anzuraten. Dies wäre eine Verletzung des Artikels 10 des Völ- ke^'undsvertrages. Die Pariser Vorschläge versuchen Aber unter dem Deckmantel eines Gebietsaustau­sches Abessinien eine Gebietsabtretung auf­zuerlegen oder gebieterisch anzuraten. Dies stellt eine Verletzung des Artikels 10 dar.

2. Kein Organ des Völkerbundes ist befugt, einem Mitgliedsstaat die Einräumung von wirt­schaftlichen Vorrechten für einen Teil sei­nes Gebietes gegenüber einem dritten Staat auf­zuerlegen. Die Pariser Anregungen sind darauf ge­richtet, Abessinien gebieterisch anzuraten, Italien wirtschaftliche Vorrechte, verbunden mit Polizeibe­fugnissen, einzuräumen. Dies bedeutet eine B e -

einträchtigung der politischen Unab­hängigkeit Abessiniens und ebenfalls eine Ver­letzung des Artikels 10.

3. Kein Organ des Völkerbundes hat die Befug­nis, einem Mitgliedsstaat eine ausländische Kontrolle seiner Verwaltung noch die Ernen­nung von Beratern aufzuerlegen. Rur d e r Mit­gliedsstaat selbst hat das Recht, den Völker­bund um eine solche Kontrolle zu ersuchen. Der Bund hat dann die Pflicht, ihm diese zu gewähren. Sie kann aber nur d i e Form einer un­eigennützigen Mitarbeit haben, d. h. sie muß kollektiv und international sein, sowie dem Staat, dem sie gewährt wird, v o l l - ständige Freiheit in der Wahl der ausländischen Berater lassen. Wenn alle diele Voraussetzungen nicht erfüllt sind, liegt eben­falls eine Verletzung des Artikels 10 vor. Die Pariser Vorschläge wollen vorwiegend Italien die Kontrolle über Abessinien zuerteilen mit dem ausgesprochenen Zweck, Italien die Verwal­tung der Haupt st a d t und eines großen Gebietsteiles zu übertragen. Sollte sich der Völkerbund zu diesem Spiel hergeben, so würde er den Artikel 10 verletzen.

4. Die vollständige Abtretung eines Landstreifens und des Hafens Assab wäre eine reine Schein- leistung. Dieses Gebiet und der Hafen sind so geartet, daß es nur von Italien abhängen würde, Abessinien durch einen Handstreich sein Eigentum und die freie Benutzung zu ent­ziehen. Außerdem versprechen Frankreich und England Italien eine Kontrolle über dieses Ge­biet. Kein Organ des Völkerbundes ist befugt, einem dritten Staat ein Kontrollrecht über das Gebiet eines Mitgliedsstaates zu gewähren oder auch seinen Einfluß in dieser Hinsicht auszuüben. Dies wäre eine Verletzung des Artikels 10.

Italiens Frauen opfern die Trauringe am Altar des Vaterlandes.

Königin Elenas Gruß an die italienische Armee in Ostafrika.

Rom, 18. Dez. (DNB.) AmAltar des Vater­landes", dem jeden Romreisenden bekannten,dem Vater des Vaterlandes" König Victor Emanuel II. geweihten Nationaldenkmal, hat das feier­liche Opfer der Trauringe für den Gold­schutz der italienischen Staatsbank begonnen. Nach­dem ein Priester Tausende von Stahlrin­gen, die gegen die goldenen Trauringe eingetauscht werden, eingesegnet hatte, stieg als e r st e italienische Frau langsamen Schrittes die Königin von Italien, begleitet von einem Zug römischer Kriegerwitwen und hoher Parteiper­sönlichkeiten, unter dem Gesang vaterländischer Lieder die Stufen des Nationaldenkmals hinan, um am Grabe des Unbekannten Soldaten die Trau­ringe des italienischen Herrscher­paares zu opfern und die Stahlringe mit den beiden Daten des 18. November XIV (faschistische Zeitrechnung) und 18. Dezember einzutauschen. Die Königin verlas anschließend eine Botschaft, in der sie das Opfer der Trauringe,dieses Symbol ersten Glückes und letzten Verzichtes" im ganzen Lande a l s eine Huldigung an den U n - bekannten Soldaten und die übrigen ita­lienischen Gefallenen des Weltkrieges verherrlichte und vor dem ganzen Volk von Gott den Sieg und denTriumph der Kultur Roms in dem erlösten Afrika" erflehte. Zugleich ent­bot sie allen italienischen Soldaten, den Schwarz­hemden, den Arbeitern, den getreuen Askaris in Ostafrika ihren Weihnachtsgruß.

Als die Königin das Denkmal verlassen hatte und der etwa 40 Meter breite Treppenaufbau frei- gegeben wurde, strömten in fünf Kolonnen die Massen die Treppen hinan. Zur gleichen Zeit be­gann in allen Städten und Dörfern Italiens die Ablieferung der Trauringe, zu der überall die Geistlichkeit, die Partei und die Behörden aufgebo­ten worden sind. DerAltar des Völkerbundes" war abends von Hunderten von Fackeln erleuchtet, Nach den ersten Nachrichten kamen am Mittwoch in Rom und der Provinz Rom 250 0 0 0 Trau­ringe zusammen, darunter 100 000 in Nom selbst, wobei jedoch zu berücksichigen ist, daß vielfach bereits in den letzten Wochen gerade vom einfacheren Volk die Trauringe schon abgegeben worden waren.

3tolien wird bis zum Ende durchkämpfen.

Mussolini weiht die Stadt Pontinia.

Rom, 18. Dezember. (DRV.) Fast zur selben Stunde, in der als Protest gegen den Sanktions­krieg die Frauen Italiens ihren Opfer- und Bitt­gang für den Sieg der italienischen Sache angetre­ten haben, hat 2H u f f o l i n i in den früheren pon- tinifchen Sümpfen eine neue Gemeinde ponHnia, die dritte Siedlung in dem trocken­gelegten Gelände, eingewelht. Rach Besichtigung der neuen Siedlungshäuser hielt Mussolini eine An­sprache, in der er erklärte, was der Faschismus in

den letzten Jahren mit der Trockenlegung der pon- tinifchen Sümpfe und der Gründung von drei neuen Gemeinden geschaffen hat, ist d e r beste Maßstab für die Tatkraft des neuen Italiens und die Leistungsfähigkeit der Revo­lution der Schwarzhemden. 300 000 Hektar neues Getreideland sind bereits für die italienische Land­wirtschaft aus diesem Sumpfgelände zurückgewon- nen worden. Das italienische Volk kann einer sehr langen Belagerung Widerstand leisten, weil es weiß, daß es das Recht auf feiner Seite hat. Der Krieg, der in Afrika be­gonnen hat, ist ein Krieg der Zivilisation, ist der Krieg des Volkes, das erkannt hat, daß die­ser Krieg sein Krieg ist, der Krieg der Armen und Proletarier. Gegen uns st e h t d i e Front des Konservativismus, der Selbstsucht und der Heuchelei. Gegen diese Front liegen wir im Kamps, der hart ist und den wir b i s z u Ende durchkämpfen werden. Lin Volk von 44 Millionen Seelen läßt sich nicht betören. Mit seiner tiefgehenden, einmütigen Zustimmung geht das Regime seinen geraden Weg weiter. Ls kann unb will nicht anders handeln. Für diese Kraftprobe muß sich jeder einsehen. Sie wird den Maßstab für das italienische Volk geben. Werden wir siegreich aus dieser Kraftprobe hervorgehen? Ls braucht Zeit. Wo aber der Kampf im Gange ist, ist es nicht die Zeit, die zählt, sondern der Sieg.

Die Kämpfe

am Mazze dauern an.

Sich widersprechende Heeresberichte.

Asmara, 18. Dez. (Funkspruch des DNB.) Am Takazze-Fluß ist es zu schweren Kämpfen gekommen. Die Abessinier haben in einer Stärke von 3000 Mann die italienischen Vorposten am Takazze angegriffen. Gleichzeitig bemäch­tigten sich starke abessinische Abteilungen einer Ort­schaft. Die Italiener leisteten hartnäckigen Widerstand unter Einsatz von Tanks und Flugzeugen. Der Kampf war um Mitternacht noch in vollem Gange. Die Verluste werden als schwer bezeichnet; man spricht von mehreren hundert Toten und Verwundeten.

Der italienische Heeresbericht erklärt u. a.: Die am 15. Dezember zwischen Mai Timachet und Dem- beguina begonnenen Kämpfe sind am 17. Dezember abgeschlossen worden. Unsere Streitkräfte haben die abessinischen Kolonnen, die beim Paß Dernbeguina ein Umzingelunasrnanö- d e r unternommen haben, angegriffen und nach hef­tigen Kämpfen mit der blanken Waffe a u f g e r i e- b e n. Die feindlichen Verluste belaufen sich auf über 500 Tote. Auf unserer Seite sind gefallen 7 Offiziere und 20 Soldaten des Heimatheeres, von

Alexandrien ein englisches Heerlager.

Venter berichtet ausführlich über die militärischen Vorbereitungen Englands an der ägyptischen Küste.

London, 19. Dez. (DNB.-Funkspruch.) Eine Reuter-Meldung aus Alexandrien gibt eine leben­dige und lehrreiche Darstellung der in Aegypten im Gange befindlichen militärischen Vorbe­reitungen. Es heißt darin u. a., daß viele Dampfer aus England militärische Ladun­gen aller Art bringen, wie Flugzeuge, Ge­schütze, Tanks, Lastkraftwagen und Tausende von Rollen Stacheldraht. Bei Sidi Bichr in der Um­gebung von Alexandrien befindet sich eine regelrechte militärische Zeltstadt, die von einer 10 Kilometer langen Stacheldraht-Sperre umschlossen ist und asphaltierte Straßen, Lichtspielhäuser und Cafös besitzt. 5 0 0 0 neue Zelte sind von England unterwegs, und weitere Truppen werden binnen kurzem erwartet. Den Einwohnern ist es bereits eine tägliche Gewohnheit geworden, die Reihen britischer Kriegsschiffe bei Schiffsübungen zu beobachten, der Donner von Luftabwehrgeschützen ist an der Küste ein gewöhnliches Ereignis. An strategischen Punk­ten der Stadt schießen hölzerne Kasernen und Bürogebäude wie Pilze in die Höhe. Der Gegensatz zu Kairo, wo alles normal geblie­ben ist, ist stark.

Im Hafen liegen nahezu 80 britische

Kriegsschiffe. Zum erstenmal in seiner Ge­schichte ist der Hafen so voll, daß zwei Kreuzer außerhalb des Hafens vor Anker gehen mußten. Das westlich der Stadt gelegene Küsten­gebiet, das bis vor wenigen Monaten ein be­liebtes Ausflugsziel war, ist jetzt für Neugie­rige gesperrt. In Alexandrien wird ange­nommen, daß im Kriegsfall ein Angriff auf die britische Flotte von der Zwölf-Jnsel-Gruppe (dem im italienischen Besitz befindlichen Dodekanes an der kleinasiatischen Küste) und von Rhodos erfolgen werde und daß dabei U-Boote die Hauptrolle spielen würden, um die britischen Kriegsschiffe von der Küste zu entfernen und einer aus Libyen vorrückenden Armee bessere Aussichten für einen Durchbruch zu geben. Man glaubt, daß ein Angriff von Libyen aus fehl­schlagen würde, solange die britische Flotte die ägyptische Küstenlinie beherrscht. Große Mengen von Flugzeugen treffen ständigem, obwohl die Zahl der in Aegypten befindlichen Militärmaschinen streng geheimgehalten wird, ist bekannt, daß die britische Luftstärke im nahen Osten weit größer ist, als die jetzige italienische L u f t st ä r k e in Libyen.

den Erythräa-Truppen 48 Korporale und 127 As­karis.

Eine Erklärung

Nach einem Funkspruch des Kriegsberichterstatters des DNB. aus Asmara ist es am Mittwochabend südlich von Makalle zu einem schweren Vorpostengefecht gekommen. Einer abessini­schen Abteilung war es gelungen, sich dem italieni­schen Vorposten zu nähern. Die Vorposten schafften sich durch rasendes Maschinengewehrfeuer Luft und schlugen die Angreifer zurück.

Der Christbaum in Südtirol.

Bozen, 17. Dez. (DNB.) Wie bereits gemeldet, wurde die Verordnung des faschistischen Parteisekre­tärs über die Abschaffung der Weihnachtsbäume in Italien für d i e Provinz Bozen aufge­hoben. Das Verbot des Verkaufes von Christbaumschmuck, das vom Faschistischen Kaufleuteverband erlassen wurde, besteht jedoch immer noch. Da im übrigen das Christbaumver­bot nur für die Provinz Bozen, nicht für ganz Südtirol aufgehoben wurde, werden die deut­schen Bewohner des Bozener Unterlandes, daszur Provinz Trient gehört, ihr Weihnachten nun doch ohne Tannenbaum feiern müssen, falls das Verbot nicht in letzter Stunde auch noch für sie auf­gehoben wird.

Oer Präsident von Venezuelq

der Deutschen Christen.

Berlin, 18. Dez. (DNB.) Das Theologi­sche Amt der ReichsbewegungDeut­sche Christen" unter Führung von Studienrat Dr. Reh m, dem Nachfolger Dr. Kinders, hat dem Reichskirchenausschuß eine theologische Erklärung überreicht, in der es u. a. heißt:

Wir haben auf das wärmste und herzlichste den fundamentalen und wegweisenden Aufruf des Reichs- und Preußischen Landeskirchenausschusses vom 17. Oktober 1935 begrüßt. Er stellt als die un­antastbare Grundlage der deutschen evangelischen Kirche das Evangelium von Jesus Chri- st u s heraus, wie es uns in der Heiligen Schrift bezeugt und in den Bekenntnissen der Reformation neu ans Licht getreten ist. Aus dieser Glaubensge­bundenheit mahnt er die evangelischen Gemeinden, in Fürbitte, Treue und Gehorsam zu Volk, Reich und Führer zu stehen, bejaht die nationalsozialistische Dolkwerdung auf der Grundlage von Rasse, Blut und Boden und be­jaht den Willen zu Freiheit, nationaler Würde und sozialistischer Opserbereitschast bis zur Lebenshin- >gabe für die Volksgemeinschaft, indem er darin dis uns von Gott gegebene Wirklichkeit unseres deut­schen Volkes erkämpft. Wir selber sehen da in der

gestorben.

Caracas, 18. Dez. (DNB.) Der Präsident von Venezuela, General Vincente Gomez, ist am Mittwoch im Alter von 78 Jahren in Caracas gestorben. Der Ministerrat hat als Nachfolger den Kriegs- und Marineminister E l e a z a r L o - pez-Conpreras zum vorläufigen Präsidenten gewählt. Er bleibt im Amt bis der Kongreß Zusammentritt,, um die endgültige W a h l des neuen Staatspräsidenten ^vorzunehmen.

Juan Vincente Gomez war der Sohn eines Landwirtes. Er trat in den Staatsdienst ein, lernte dabei den damaligen Gouverneur des Staates Ta- chira, Cipriano Castro, kennen, der sich durch die siegreiche Revolution von 1899 zum Diktator von Venezuela machte und sich 1903 zum Präsi­denten wählen ließ. Gomez wurde durch ihn Gouverneur des Bundesdistrikts Caracas, später Vizepräsident und Oberbefehlshaber der Armee. Er erwies sich in allen Stellungen als unbestechlich und pflichttreu. Seine Volkstümlichkeit wuchs im glei­chen Maße, wie die Castros durch dessen diktatori­sche Regierungsweise und die um sich greifende Mißwirtschaft abnahm. Castros Reise nach Europa 1908 beendete vorschnell seine Gewaltherrschaft. Wäh­rend seiner Abwesenheit setzte ihn der venezolanische Kongreß ab und wählte Gomez einstimmig zum Präsidenten von Venezuela.

Während der Kriegsjahre hat Venezuela trotz wiederholter Schwierigkeiten von feiten der Entente an seiner Neutralität sestgehal- t e n. Gomez' größtes Verdienst ist die Neuorga­nisation des Finanz- und Steuerwe­sens. Er vermochte die Schuldenlast Venezuelas, von 19091923, auf die Hälfte herabzumindern, 1931 war Venezuela der einzige südamerikanische Staat, der sich vollkommener Schulden­freiheit rühmen konnte. Diese Erfolge verdankte er in erster Linie der systematischen Ausbeute des Petroleumreichtums seines Landes, die an amerikanische und englische Weltsirmen vergeben ist. Durch die Beschränkung der Selbständigkeit der Ein­zelstaaten infolge der Verfassungsgesetze von 1922 und 1925 ist Gomez tatsächlich der Schöpfer der Vereinigten Staaten" von Venezue- l a geworden. Am 18. Dezember 1933 feierte Venezuela als Volksfest das Iubliäum der 25jähri- gen Regierungszeit Gomez'. Der deutsche Reichsprä­sident übersandte ihm als Dank des deutschen Vol­kes für seine immer gleichbleibende Gesinnung in Frieden und Krieg, einen Ehrendegen.

Deutscher Protest in Brüssel.

Brüssel, 18. Dez. (DNB.) Nachdem von der belgischen Regierung ungeachtet aller von der deutschen Regierung gegen das Ausbürgerungsge­setz vom 30. Juli 1934 und gegen den Ausbürge­rungsprozeß erhobenenDorstellungen mit kürzester Frist die Ausweisung der vier durch Urteil des Appellationsgerichtes in Lüttich vom 24. Oktober 1935 endgültig ausgebürger-, t e n Heimattreuen Bewohner von Eupen-Malmedy verfügt worden ist, hat die deutsche Regierung durch ihren Geschäftsträger in Brüssel nochmals schärfsten Protest gegen das Vorgehen der belgischen Regierung einlegen lassen.

Die Kanzlei des Führers bis zum 6. Januar geschloffen.

Berlin, 19. Dez. (DNB. Funkspruch.) Der Chef der Kanzlei des Führers, Reichsleiter B a u h - ler, gibt bekannt:Die Kanzlei des Führers der NSDAP, bleibt für den Parteiverkehr in der Zeit von Freitag, den 20. Dezember 1935, bis Montag, den 6. Januar 1936, geschloffen. Ich bitte, während dieser Zeit den Schriftver­kehr auf das allernotwendig st e zu be­schränken.

Tat nichts anderes als eben unser eigenes, eigentliches Anliegen.

Wir erklären hiermit noch einmal, daß wir schlechterdings in der Glaubensgebunden­heit an das reformatorisch-luthe­risch verstandene Evangelium von Jesus Christus stehen und aus ihr heraus denken und uns aufrichten, und daß auch uns die natürliche, schöpfungsmäßige Wirklichkeit und Offenbarung der zentralen evangelischen Heils-Offen­barung in Jesus Christus so unter- und eingeordnet bleibt, wie recht und gültig bislang in der Lehre der Kirche Luthers!

Das Theologische Amt der Reichsbewegung Deutsche Christen.

I. A. gez.: Dr. theol. Petermann.

I. A. gez.: Dr. theol. Grünagel, Aachen. Berlin, den 4. Dezember 1935.

Die Kirchenamtliche Pressestelle der Deutschen Evangelischen Kirche schreibt dazu:Es ist aufrichtig zu hoffen, daß die Erklärung der Deut­schen Christen alle positiven Kräfte der Bewegung auf dem klaren Glaubens­grund der Kirche fester zusammenbin­den und dadurch dem Befriedungswert der Deut­schen Evangelischen Kirche dienen wird. Eine solche Befriedung ist kein Kompromiß, sondern das Er­gebnis ehrlichen Ringens, in dem die ge­meinsame Sache immer klarer herauswächst und durch das alle gegenseitige Diffamie­rung zur inneren Unmöglichkeit wird."

Die altkathoüsche Kirche.

Die feierliche Vereidigung des deutschen Bischofs der Altkatholiken durch den Reichsminister Kerrl lenkt die Aufmerksamkeit auf die kirchliche Bewegung des Altkatholizismus, die einst im reli­giösen Leben Deutschlands eine bedeutende Rolle spielte. Die dogmatische Entstehung des Altkatholi. zismus wollen wir hier übergeben; sie ist älter als die kirchenpolitische Rolle, zu der die Bewegung berufen wurde, als sie sich mit dem Widerstand identifizierte, den in weiten katholischen Kreisen, namentlich in den nordischen Ländern, um die Wende der siebziger Jahre des letzten Jahrhun­derts die Lehre von der päpstlichen Un­fehlbarkeit fand. Als auf dem vatikanischen Konzil diese Lehre zum Glaubenssatz erhoben wurde, kam es in Deutschland, aber auch in Oester­reich, der Schweiz, in Holland und sogar in Polen zu offenem Bruch mit Rom und zur Kirchenspaltung.

In Deutschland erhielt die altkatholische Bewegung im Zusammenhang mit dem gleich­zeitig ausgebrochenen sogenannten Kultur­kampf auch eine starke politische Bedeutung. Eine Zeitlang schien es, als ob die deutschen Bischöfe sich in ihrer Mehrheit auf die Seite des Altkatholizis- mus stellen würden, womit die Möglichkeit der Bil­dung einer deutschen katholischen Nationalkirche nahe gerückt war. Es gab sogar einen deutschen Kardinal, den Bruder des nachmaligen Reichskanz- lers Fürsten Hohenlohe, der offen mit dem Führer des deutschen Altkatholizismus Professor Ignaz Döllinger sympathisierte und daraus auch in Rom kein Geheimnis machte. Schließlich fügten sich jedoch die deutschen Bischöfe der vatikani­schen Entscheidung, und die altkatholischen Führer und Lehrer wurden aus der Kirche ausgestoßen.

Immerhin bekannten sich einige Hunderttausende katholischer Laien aus allen Volksschichten zu ihnen, und die Bewegung konnte in kleinem Maßstabe eine Kirche mit je einem deutschen, österreichischen und Schweizer Bistum, mit einer theologischen Fakultät in Bonn und mit geordneten Vertrags­beziehungen zum Staate aufbauen. Sie trat auch in internationale kirchliche Beziehungen zu den Kirchen des Ostens und steht mit der anglikanischen Kirche in Abendmahlsgemeinschaft.

Die Unterschiede im Verhältnis zum römischen