Der Völkerbundsrat vertagt die Aussprache.
Italiens Stellung zur pariser Friedensformel noch nicht bekannt.
Genf, 18. Dez. (DNB.) Der Dölkerbundsrat hat Mittwochabend eine öffentliche Sitzung abgehalten, um die englisch-französischen Anregungen zur Erledigung des italienisch-abessinischen Streitfalles entaegenzunehmen. Eden erklärte, es sei in der Auffassung der beiden Regierungen stets eine wesentliche Bedingung gewesen, daß, ehe man den Parteien irgendwelche Regelungsbedingungen in endgültiger Form empfehle, diese Bedingungen vom Völkerbund gebilligt sein müßten; denn die Völkerbundsmitglieder seien verpflichtet, den Pakt zu achten und ihr äußerstes zu tun, um ihn anzuwenden.
Wenn sich also Herausstellen sollte, daß diese Vorschläge der wesentlichen Voraussetzung einer Zustimmung der beiden Parteien und des Völkerbundes nicht genügen sollten, könne die britische Regierung sie nicht weiterhin empfehlen oder unterstützen. Der augenblickliche Ver- söhnungsoersuch müsse von ihr dann als gescheitert
angesehen werden, und die britische Regierung wünsche ihn in diesem Falle nicht weiter fortzusetzen.
Ministerpräsident Laval betonte, solange von anderen Regierungen keine Stellungnahme vorliege, werde es der Rat vielleicht für richtiger halten, sich nicht zu äußern. Er werde aber wahrscheinlich keine Gelegenheit versäumen, um dem Streit eine ehrenvolle, gerechte und der Satzung entsprechende Lösung zu geben.
Rach einer längeren Erklärung des abessinischen Vertreters Wolde Mariam, der den Völkerbund bat, Abessinien nicht im Stich zu lassen, stellte der Ratspräsident fest, daß die Auffassung der italienischen Regierung noch nicht bekannt sei, und daß der Rat den Wunsch haben werde, die Aussprache auf einen späte- ren Zeitpunkt zu vertagen.
Der Rat stimmte diesem stillschweigend zu, und die Sitzung wurde geschlossen.
Abessiniens Einwände gegen die Medensformes.
Oer pariser Vorschlag verstößt in allen Teilen gegen die Völkerbundssatznng.
Genf, 18. Dez. (DNB.) Der Gesandte Abessiniens in Paris, der sein Land beim Völkerbundsrat vertritt, hat dem Generalsekretär des Völkerbundes eine Erklärung über die Stellungnahme Abessiniens aur Lage zugehen lassen. Er hat dabei ausdrücklich hervorgehoben, daß diese Erklärung nicht als Abessiniens Antwort auf die französischenglischen Anregungen betrachtet werden dürfe. Diese Antwort werde später erteilt werden.
Die Erklärung übt scharfe Kritik an dem Verfahren, das zur Ausarbeitung der englisch-französischen Vorschläge geführt hat und an dem Inhalt Der Vorschläge selbst. Die abessinische Regierung habe sich gefraat, ob diese „Bedingungen" wirklich dazu angetan seien, die Vertragsverletzungen aufhören zu lassen, oder ob man nicht die Feindseligkeiten dadurch beenden wolle, daß man das Opfer des Angreifers zur Kapitulation auffordere. Gegen die Vorschläge werden im einzelnen folgende Einwände erhoben:
1. Kein Organ des Völkerbundes ist befugt, einem Mitglieds st aat eine Gebietsabtretung oder auch nur einen Gebietsaustausch aufzuerlegen oder anzuraten. Dies wäre eine Verletzung des Artikels 10 des Völ- ke^'undsvertrages. Die Pariser Vorschläge versuchen Aber unter dem Deckmantel eines Gebietsaustausches Abessinien eine Gebietsabtretung aufzuerlegen oder gebieterisch anzuraten. Dies stellt eine Verletzung des Artikels 10 dar.
2. Kein Organ des Völkerbundes ist befugt, einem Mitgliedsstaat die Einräumung von wirtschaftlichen Vorrechten für einen Teil seines Gebietes gegenüber einem dritten Staat aufzuerlegen. Die Pariser Anregungen sind darauf gerichtet, Abessinien gebieterisch anzuraten, Italien wirtschaftliche Vorrechte, verbunden mit Polizeibefugnissen, einzuräumen. Dies bedeutet eine B e -
einträchtigung der politischen Unabhängigkeit Abessiniens und ebenfalls eine Verletzung des Artikels 10.
3. Kein Organ des Völkerbundes hat die Befugnis, einem Mitgliedsstaat eine ausländische Kontrolle seiner Verwaltung noch die Ernennung von Beratern aufzuerlegen. Rur d e r Mitgliedsstaat selbst hat das Recht, den Völkerbund um eine solche Kontrolle zu ersuchen. Der Bund hat dann die Pflicht, ihm diese zu gewähren. Sie kann aber nur d i e Form einer uneigennützigen Mitarbeit haben, d. h. sie muß kollektiv und international sein, sowie dem Staat, dem sie gewährt wird, v o l l - ständige Freiheit in der Wahl der ausländischen Berater lassen. Wenn alle diele Voraussetzungen nicht erfüllt sind, liegt ebenfalls eine Verletzung des Artikels 10 vor. Die Pariser Vorschläge wollen vorwiegend Italien die Kontrolle über Abessinien zuerteilen mit dem ausgesprochenen Zweck, Italien die Verwaltung der Haupt st a d t und eines großen Gebietsteiles zu übertragen. Sollte sich der Völkerbund zu diesem Spiel hergeben, so würde er den Artikel 10 verletzen.
4. Die vollständige Abtretung eines Landstreifens und des Hafens Assab wäre eine reine Schein- leistung. Dieses Gebiet und der Hafen sind so geartet, daß es nur von Italien abhängen würde, Abessinien durch einen Handstreich sein Eigentum und die freie Benutzung zu entziehen. Außerdem versprechen Frankreich und England Italien eine Kontrolle über dieses Gebiet. Kein Organ des Völkerbundes ist befugt, einem dritten Staat ein Kontrollrecht über das Gebiet eines Mitgliedsstaates zu gewähren oder auch seinen Einfluß in dieser Hinsicht auszuüben. Dies wäre eine Verletzung des Artikels 10.
Italiens Frauen opfern die Trauringe am Altar des Vaterlandes.
Königin Elenas Gruß an die italienische Armee in Ostafrika.
Rom, 18. Dez. (DNB.) Am „Altar des Vaterlandes", dem jeden Romreisenden bekannten, „dem Vater des Vaterlandes" König Victor Emanuel II. geweihten Nationaldenkmal, hat das feierliche Opfer der Trauringe für den Goldschutz der italienischen Staatsbank begonnen. Nachdem ein Priester Tausende von Stahlringen, die gegen die goldenen Trauringe eingetauscht werden, eingesegnet hatte, stieg als e r st e italienische Frau langsamen Schrittes die Königin von Italien, begleitet von einem Zug römischer Kriegerwitwen und hoher Parteipersönlichkeiten, unter dem Gesang vaterländischer Lieder die Stufen des Nationaldenkmals hinan, um am Grabe des Unbekannten Soldaten die Trauringe des italienischen Herrscherpaares zu opfern und die Stahlringe mit den beiden Daten des 18. November XIV (faschistische Zeitrechnung) und 18. Dezember einzutauschen. Die Königin verlas anschließend eine Botschaft, in der sie das Opfer der Trauringe, „dieses Symbol ersten Glückes und letzten Verzichtes" im ganzen Lande a l s eine Huldigung an den U n - bekannten Soldaten und die übrigen italienischen Gefallenen des Weltkrieges verherrlichte und vor dem ganzen Volk von Gott den Sieg und den „Triumph der Kultur Roms in dem erlösten Afrika" erflehte. Zugleich entbot sie allen italienischen Soldaten, den Schwarzhemden, den Arbeitern, den getreuen Askaris in Ostafrika ihren Weihnachtsgruß.
Als die Königin das Denkmal verlassen hatte und der etwa 40 Meter breite Treppenaufbau frei- gegeben wurde, strömten in fünf Kolonnen die Massen die Treppen hinan. Zur gleichen Zeit begann in allen Städten und Dörfern Italiens die Ablieferung der Trauringe, zu der überall die Geistlichkeit, die Partei und die Behörden aufgeboten worden sind. Der „Altar des Völkerbundes" war abends von Hunderten von Fackeln erleuchtet, Nach den ersten Nachrichten kamen am Mittwoch in Rom und der Provinz Rom 250 0 0 0 Trauringe zusammen, darunter 100 000 in Nom selbst, wobei jedoch zu berücksichigen ist, daß vielfach bereits in den letzten Wochen gerade vom einfacheren Volk die Trauringe schon abgegeben worden waren.
3tolien wird bis zum Ende durchkämpfen.
Mussolini weiht die Stadt Pontinia.
Rom, 18. Dezember. (DRV.) Fast zur selben Stunde, in der als Protest gegen den Sanktionskrieg die Frauen Italiens ihren Opfer- und Bittgang für den Sieg der italienischen Sache angetreten haben, hat 2H u f f o l i n i in den früheren pon- tinifchen Sümpfen eine neue Gemeinde ponHnia, die dritte Siedlung in dem trockengelegten Gelände, eingewelht. Rach Besichtigung der neuen Siedlungshäuser hielt Mussolini eine Ansprache, in der er erklärte, was der Faschismus in
den letzten Jahren mit der Trockenlegung der pon- tinifchen Sümpfe und der Gründung von drei neuen Gemeinden geschaffen hat, ist d e r beste Maßstab für die Tatkraft des neuen Italiens und die Leistungsfähigkeit der Revolution der Schwarzhemden. 300 000 Hektar neues Getreideland sind bereits für die italienische Landwirtschaft aus diesem Sumpfgelände zurückgewon- nen worden. Das italienische Volk kann einer sehr langen Belagerung Widerstand leisten, weil es weiß, daß es das Recht auf feiner Seite hat. Der Krieg, der in Afrika begonnen hat, ist ein Krieg der Zivilisation, ist der Krieg des Volkes, das erkannt hat, daß dieser Krieg sein Krieg ist, der Krieg der Armen und Proletarier. Gegen uns st e h t d i e Front des Konservativismus, der Selbstsucht und der Heuchelei. Gegen diese Front liegen wir im Kamps, der hart ist und den wir b i s z u Ende durchkämpfen werden. Lin Volk von 44 Millionen Seelen läßt sich nicht betören. Mit seiner tiefgehenden, einmütigen Zustimmung geht das Regime seinen geraden Weg weiter. Ls kann unb will nicht anders handeln. Für diese Kraftprobe muß sich jeder einsehen. Sie wird den Maßstab für das italienische Volk geben. Werden wir siegreich aus dieser Kraftprobe hervorgehen? Ls braucht Zeit. Wo aber der Kampf im Gange ist, ist es nicht die Zeit, die zählt, sondern der Sieg.
Die Kämpfe
am Mazze dauern an.
Sich widersprechende Heeresberichte.
Asmara, 18. Dez. (Funkspruch des DNB.) Am Takazze-Fluß ist es zu schweren Kämpfen gekommen. Die Abessinier haben in einer Stärke von 3000 Mann die italienischen Vorposten am Takazze angegriffen. Gleichzeitig bemächtigten sich starke abessinische Abteilungen einer Ortschaft. Die Italiener leisteten hartnäckigen Widerstand unter Einsatz von Tanks und Flugzeugen. Der Kampf war um Mitternacht noch in vollem Gange. Die Verluste werden als schwer bezeichnet; man spricht von mehreren hundert Toten und Verwundeten.
Der italienische Heeresbericht erklärt u. a.: Die am 15. Dezember zwischen Mai Timachet und Dem- beguina begonnenen Kämpfe sind am 17. Dezember abgeschlossen worden. Unsere Streitkräfte haben die abessinischen Kolonnen, die beim Paß Dernbeguina ein Umzingelunasrnanö- d e r unternommen haben, angegriffen und nach heftigen Kämpfen mit der blanken Waffe a u f g e r i e- b e n. Die feindlichen Verluste belaufen sich auf über 500 Tote. Auf unserer Seite sind gefallen 7 Offiziere und 20 Soldaten des Heimatheeres, von
Alexandrien ein englisches Heerlager.
Venter berichtet ausführlich über die militärischen Vorbereitungen Englands an der ägyptischen Küste.
London, 19. Dez. (DNB.-Funkspruch.) Eine Reuter-Meldung aus Alexandrien gibt eine lebendige und lehrreiche Darstellung der in Aegypten im Gange befindlichen militärischen Vorbereitungen. Es heißt darin u. a., daß viele Dampfer aus England militärische Ladungen aller Art bringen, wie Flugzeuge, Geschütze, Tanks, Lastkraftwagen und Tausende von Rollen Stacheldraht. Bei Sidi Bichr in der Umgebung von Alexandrien befindet sich eine regelrechte militärische Zeltstadt, die von einer 10 Kilometer langen Stacheldraht-Sperre umschlossen ist und asphaltierte Straßen, Lichtspielhäuser und Cafös besitzt. 5 0 0 0 neue Zelte sind von England unterwegs, und weitere Truppen werden binnen kurzem erwartet. Den Einwohnern ist es bereits eine tägliche Gewohnheit geworden, die Reihen britischer Kriegsschiffe bei Schiffsübungen zu beobachten, der Donner von Luftabwehrgeschützen ist an der Küste ein gewöhnliches Ereignis. An strategischen Punkten der Stadt schießen hölzerne Kasernen und Bürogebäude wie Pilze in die Höhe. Der Gegensatz zu Kairo, wo alles normal geblieben ist, ist stark.
Im Hafen liegen nahezu 80 britische
Kriegsschiffe. Zum erstenmal in seiner Geschichte ist der Hafen so voll, daß zwei Kreuzer außerhalb des Hafens vor Anker gehen mußten. Das westlich der Stadt gelegene Küstengebiet, das bis vor wenigen Monaten ein beliebtes Ausflugsziel war, ist jetzt für Neugierige gesperrt. In Alexandrien wird angenommen, daß im Kriegsfall ein Angriff auf die britische Flotte von der Zwölf-Jnsel-Gruppe (dem im italienischen Besitz befindlichen Dodekanes an der kleinasiatischen Küste) und von Rhodos erfolgen werde und daß dabei U-Boote die Hauptrolle spielen würden, um die britischen Kriegsschiffe von der Küste zu entfernen und einer aus Libyen vorrückenden Armee bessere Aussichten für einen Durchbruch zu geben. Man glaubt, daß ein Angriff von Libyen aus fehlschlagen würde, solange die britische Flotte die ägyptische Küstenlinie beherrscht. Große Mengen von Flugzeugen treffen ständigem, obwohl die Zahl der in Aegypten befindlichen Militärmaschinen streng geheimgehalten wird, ist bekannt, daß die britische Luftstärke im nahen Osten weit größer ist, als die jetzige italienische L u f t st ä r k e in Libyen.
den Erythräa-Truppen 48 Korporale und 127 Askaris.
Eine Erklärung
Nach einem Funkspruch des Kriegsberichterstatters des DNB. aus Asmara ist es am Mittwochabend südlich von Makalle zu einem schweren Vorpostengefecht gekommen. Einer abessinischen Abteilung war es gelungen, sich dem italienischen Vorposten zu nähern. Die Vorposten schafften sich durch rasendes Maschinengewehrfeuer Luft und schlugen die Angreifer zurück.
Der Christbaum in Südtirol.
Bozen, 17. Dez. (DNB.) Wie bereits gemeldet, wurde die Verordnung des faschistischen Parteisekretärs über die Abschaffung der Weihnachtsbäume in Italien für d i e Provinz Bozen aufgehoben. Das Verbot des Verkaufes von Christbaumschmuck, das vom Faschistischen Kaufleuteverband erlassen wurde, besteht jedoch immer noch. Da im übrigen das Christbaumverbot nur für die Provinz Bozen, nicht für ganz Südtirol aufgehoben wurde, werden die deutschen Bewohner des Bozener Unterlandes, daszur Provinz Trient gehört, ihr Weihnachten nun doch ohne Tannenbaum feiern müssen, falls das Verbot nicht in letzter Stunde auch noch für sie aufgehoben wird.
Oer Präsident von Venezuelq
der Deutschen Christen.
Berlin, 18. Dez. (DNB.) Das Theologische Amt der Reichsbewegung „Deutsche Christen" unter Führung von Studienrat Dr. Reh m, dem Nachfolger Dr. Kinders, hat dem Reichskirchenausschuß eine theologische Erklärung überreicht, in der es u. a. heißt:
Wir haben auf das wärmste und herzlichste den fundamentalen und wegweisenden Aufruf des Reichs- und Preußischen Landeskirchenausschusses vom 17. Oktober 1935 begrüßt. Er stellt als die unantastbare Grundlage der deutschen evangelischen Kirche das Evangelium von Jesus Chri- st u s heraus, wie es uns in der Heiligen Schrift bezeugt und in den Bekenntnissen der Reformation neu ans Licht getreten ist. Aus dieser Glaubensgebundenheit mahnt er die evangelischen Gemeinden, in Fürbitte, Treue und Gehorsam zu Volk, Reich und Führer zu stehen, bejaht die nationalsozialistische Dolkwerdung auf der Grundlage von Rasse, Blut und Boden und bejaht den Willen zu Freiheit, nationaler Würde und sozialistischer Opserbereitschast bis zur Lebenshin- >gabe für die Volksgemeinschaft, indem er darin dis uns von Gott gegebene Wirklichkeit unseres deutschen Volkes erkämpft. Wir selber sehen da in der
gestorben.
Caracas, 18. Dez. (DNB.) Der Präsident von Venezuela, General Vincente Gomez, ist am Mittwoch im Alter von 78 Jahren in Caracas gestorben. Der Ministerrat hat als Nachfolger den Kriegs- und Marineminister E l e a z a r L o - pez-Conpreras zum vorläufigen Präsidenten gewählt. Er bleibt im Amt bis der Kongreß Zusammentritt,, um die endgültige W a h l des neuen Staatspräsidenten ^vorzunehmen.
Juan Vincente Gomez war der Sohn eines Landwirtes. Er trat in den Staatsdienst ein, lernte dabei den damaligen Gouverneur des Staates Ta- chira, Cipriano Castro, kennen, der sich durch die siegreiche Revolution von 1899 zum Diktator von Venezuela machte und sich 1903 zum Präsidenten wählen ließ. Gomez wurde durch ihn Gouverneur des Bundesdistrikts Caracas, später Vizepräsident und Oberbefehlshaber der Armee. Er erwies sich in allen Stellungen als unbestechlich und pflichttreu. Seine Volkstümlichkeit wuchs im gleichen Maße, wie die Castros durch dessen diktatorische Regierungsweise und die um sich greifende Mißwirtschaft abnahm. Castros Reise nach Europa 1908 beendete vorschnell seine Gewaltherrschaft. Während seiner Abwesenheit setzte ihn der venezolanische Kongreß ab und wählte Gomez einstimmig zum Präsidenten von Venezuela.
Während der Kriegsjahre hat Venezuela trotz wiederholter Schwierigkeiten von feiten der Entente an seiner Neutralität sestgehal- t e n. Gomez' größtes Verdienst ist die Neuorganisation des Finanz- und Steuerwesens. Er vermochte die Schuldenlast Venezuelas, von 1909—1923, auf die Hälfte herabzumindern, 1931 war Venezuela der einzige südamerikanische Staat, der sich vollkommener Schuldenfreiheit rühmen konnte. Diese Erfolge verdankte er in erster Linie der systematischen Ausbeute des Petroleumreichtums seines Landes, die an amerikanische und englische Weltsirmen vergeben ist. Durch die Beschränkung der Selbständigkeit der Einzelstaaten infolge der Verfassungsgesetze von 1922 und 1925 ist Gomez tatsächlich der Schöpfer der „Vereinigten Staaten" von Venezue- l a geworden. Am 18. Dezember 1933 feierte Venezuela als Volksfest das Iubliäum der 25jähri- gen Regierungszeit Gomez'. Der deutsche Reichspräsident übersandte ihm als Dank des deutschen Volkes für seine immer gleichbleibende Gesinnung in Frieden und Krieg, einen Ehrendegen.
Deutscher Protest in Brüssel.
Brüssel, 18. Dez. (DNB.) Nachdem von der belgischen Regierung ungeachtet aller von der deutschen Regierung gegen das Ausbürgerungsgesetz vom 30. Juli 1934 und gegen den Ausbürgerungsprozeß erhobenenDorstellungen mit kürzester Frist die Ausweisung der vier durch Urteil des Appellationsgerichtes in Lüttich vom 24. Oktober 1935 endgültig ausgebürger-, t e n Heimattreuen Bewohner von Eupen-Malmedy verfügt worden ist, hat die deutsche Regierung durch ihren Geschäftsträger in Brüssel nochmals schärfsten Protest gegen das Vorgehen der belgischen Regierung einlegen lassen.
Die Kanzlei des Führers bis zum 6. Januar geschloffen.
Berlin, 19. Dez. (DNB. Funkspruch.) Der Chef der Kanzlei des Führers, Reichsleiter B a u h - ler, gibt bekannt: „Die Kanzlei des Führers der NSDAP, bleibt für den Parteiverkehr in der Zeit von Freitag, den 20. Dezember 1935, bis Montag, den 6. Januar 1936, geschloffen. Ich bitte, während dieser Zeit den Schriftverkehr auf das allernotwendig st e zu beschränken.
Tat nichts anderes als eben unser eigenes, eigentliches Anliegen.
Wir erklären hiermit noch einmal, daß wir schlechterdings in der Glaubensgebundenheit an das reformatorisch-lutherisch verstandene Evangelium von Jesus Christus stehen und aus ihr heraus denken und uns aufrichten, und daß auch uns die natürliche, schöpfungsmäßige Wirklichkeit und Offenbarung der zentralen evangelischen Heils-Offenbarung in Jesus Christus so unter- und eingeordnet bleibt, wie recht und gültig bislang in der Lehre der Kirche Luthers!
Das Theologische Amt der Reichsbewegung Deutsche Christen.
I. A. gez.: Dr. theol. Petermann.
I. A. gez.: Dr. theol. Grünagel, Aachen. Berlin, den 4. Dezember 1935.
Die Kirchenamtliche Pressestelle der Deutschen Evangelischen Kirche schreibt dazu: „Es ist aufrichtig zu hoffen, daß die Erklärung der Deutschen Christen alle positiven Kräfte der Bewegung auf dem klaren Glaubensgrund der Kirche fester zusammenbinden und dadurch dem Befriedungswert der Deutschen Evangelischen Kirche dienen wird. Eine solche Befriedung ist kein Kompromiß, sondern das Ergebnis ehrlichen Ringens, in dem die gemeinsame Sache immer klarer herauswächst und durch das alle gegenseitige Diffamierung zur inneren Unmöglichkeit wird."
Die altkathoüsche Kirche.
Die feierliche Vereidigung des deutschen Bischofs der Altkatholiken durch den Reichsminister Kerrl lenkt die Aufmerksamkeit auf die kirchliche Bewegung des Altkatholizismus, die einst im religiösen Leben Deutschlands eine bedeutende Rolle spielte. Die dogmatische Entstehung des Altkatholi. zismus wollen wir hier übergeben; sie ist älter als die kirchenpolitische Rolle, zu der die Bewegung berufen wurde, als sie sich mit dem Widerstand identifizierte, den in weiten katholischen Kreisen, namentlich in den nordischen Ländern, um die Wende der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts die Lehre von der päpstlichen Unfehlbarkeit fand. Als auf dem vatikanischen Konzil diese Lehre zum Glaubenssatz erhoben wurde, kam es in Deutschland, aber auch in Oesterreich, der Schweiz, in Holland und sogar in Polen zu offenem Bruch mit Rom und zur Kirchenspaltung.
In Deutschland erhielt die altkatholische Bewegung im Zusammenhang mit dem gleichzeitig ausgebrochenen sogenannten Kulturkampf auch eine starke politische Bedeutung. Eine Zeitlang schien es, als ob die deutschen Bischöfe sich in ihrer Mehrheit auf die Seite des Altkatholizis- mus stellen würden, womit die Möglichkeit der Bildung einer deutschen katholischen Nationalkirche nahe gerückt war. Es gab sogar einen deutschen Kardinal, den Bruder des nachmaligen Reichskanz- lers Fürsten Hohenlohe, der offen mit dem Führer des deutschen Altkatholizismus Professor Ignaz Döllinger sympathisierte und daraus auch in Rom kein Geheimnis machte. Schließlich fügten sich jedoch die deutschen Bischöfe der vatikanischen Entscheidung, und die altkatholischen Führer und Lehrer wurden aus der Kirche ausgestoßen.
Immerhin bekannten sich einige Hunderttausende katholischer Laien aus allen Volksschichten zu ihnen, und die Bewegung konnte in kleinem Maßstabe eine Kirche mit je einem deutschen, österreichischen und Schweizer Bistum, mit einer theologischen Fakultät in Bonn und mit geordneten Vertragsbeziehungen zum Staate aufbauen. Sie trat auch in internationale kirchliche Beziehungen zu den Kirchen des Ostens und steht mit der anglikanischen Kirche in Abendmahlsgemeinschaft.
Die Unterschiede im Verhältnis zum römischen


