der Projektierung bis zur Fertigstellung ist hier eine groie Siedlungsanlage von Kaufmannsgehilfen, Büro- und Behördenangestellteu um» Technikern in Form der Uebungsfirmenarbeit durchgeführt worden. Man darf überzeugt sein, daß die Beteiligten durch die mit der Mitarbeit gewonnene Erkenntnis der wirtschaftlichen Zusammenhänge einen neuen Sinn ihrer Berufsarbeit entdeckten. Zahlreiche Schaubilder zeigten in übersichtlicher Anordnung den Aufbau der deutschen Uebungswirt- schaft und den Ausbildungsweg des Lehrlings in den verschiedenen Berufsgemeinschaften. An die Stelle der Ware treten in der Uebungswirtschaft Muster, Modelle, Warenproben usw.
Die Ausstellungen sollten dazu dienen, weitesten Kreisen einen Einblick in das Aufgabengebiet der Uebungswirtschaft zu vermitteln. Die Verschiedenartigkeit der Besucher zeigte, daß dieses Ziel in großem Umfang erreicht worden ist. Sowohl die Führer der Parteistellen und der maßgebenden Betriebe, als auch die jungen Kameraden, die in den kaufmännischen und technischen Büros tätig sind, als auch Lehrlinge, die am Schraubstock stehen, haben die Ausstellungen besichtigt. Die in großer Zahl erschienenen Betriebs- und Wirtschaftsführer nahmen einen starken Eindruck mit. Gerade die Betriebsleiter waren der Einsicht zugänglich, daß diese Form der Berufsschulung notwendig durch die Entwicklung der Arbeitsteilung auch in den geistigen Berufen bedingt fei'. Der Leiter eines Großunternehmens erklärte nach dem Besuch der Ausstellung in einer Betriebsversammlung: „Wenn ich noch einige Jahre jünger wäre, so würde ich keinen Augenblick zögern, mich einer Uebungsfirma der DAF. zur Verfügung zu stellen". Solche Anerkennung aus dem Munde eines Betriebsleiters darf nicht nur von den Berufskameraden in der Uebungswirtschaft mit Genugtuung zur Kenntnis genommen werden, sondern die Träger dieser Wirtschaft auch zu der Hoffnung berechtigen, daß ihr von allen lungen ist, das Interesse zu wecken, für eine Arbeit, die von jungen Menschen getragen wird, die das Bestreben haben, in wahrer Erkenntnis der großen Volksgemeinschaft sich so zu formen, daß sie, gleichviel auf welchen Platz im Wirtschaftsleben gestellt, ihn ausfüllen.
»SÄ
so*j ITAI
6
V- i
2». ?<:.'■<
MSKW
(IREHAKA W
L
rmRxrrA^A
TRIPCXITAHIA
Neue italienische K o l o n i a l b ri e f m a r k e n.
Geschichten aus aller Welt.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
121 jährige erhält einen Orden.
(uh) Singapore.
In Anam ist es Sitte, daß man die mit einem hohen Alter gesegneten Männer durch Ordensaus- zcichnung ehrt. Nie aber hatte man bisher gehört, daß auch Frauen auf diese Weise ausgezeichnet würden. Was vielleicht auch daran lag, daß sie meist gar nicht so alt wurden ...
Nun aber tauchte eine Greisin auf, die von sich behauptete und das bis zum gewissen Grade nachweisen konnte, daß sie 121 Jahre auf ihrem leicht gebückten Rücken trage.
Da raffte sich denn der Herrscher von Anam zu einer besonderen Maßnahme auf: Er erließ ein Edikt, in dem er betont, daß es zwar nicht Sitte fei, daß man in Anam die alten Frauen ehre, aber ein Alter von 121 Jahren stelle schließlich ja doch ein Wunder dar. So wolle er sich denn dazu ent- schließen, der Alten wenigsten den Orden 3. Klasse mit Band und Schleife zu verleihen. Das war, wie gesagt, das erste Mal, daß man in Anam eine Greisin ehrte.
Die zärtlichen Verwandten.
(ht) Chardin.
Diese Geschichite ist einem Herrn — nennen wir ihn einfach Schulze — kürzlich in Mukden passiert. Besagter Herr Schulze hatte einen chinesischen Boy „Koch" in seinen Diensten, der eines Tages ganz plötzlich gegen 16 Uhr an den Blattern starb. Sehr unangenehme Sache ... aber zum Glück erschienen schon zwei Stunden später die untröstlichen Angehörigen des toten Boy mit dem Sarg, um die Leiche abzuholen. Herr Schulze, heilfroh, den Blatterntoten so rasch wie möglich aus dem Hause zu bekommen, wußte die Trauer der klagenden Hinterbliebenen ganz besonders zu würdigen und zahlte ihnen anstandslos — und noch dazu weit über Tarif! — das in solchen Fällen übliche „Totengeld". Worauf die Korona mit dem Sarg, der Leiche und den obligaten Dankesbezeugungen verschwand.
Am nächsten Tage — wer beschreibt das Erstaunen des Herrn Schulze? — erscheint, auch mit einem Sarg bewaffnet, ein zweiter Trupp Chinesen, der ebenfalls den teuren Toten abholen will. Erregte Debatten in beiden Lagern . . . Kein Zweifel: Trauertrupp Nr. 2 waren die richtigen und allein „zuständigen" Angehörigen des toten Boy, während der Trauertrupp Nr. 1 ein rühriges Schwindelkon- fortium war, das, die Gunst der Stunde nutzend, Herrn Schulze in der geriebensten Form um Leiche und Totengeld geprellt hatte. Wohl oder übel hatte Herr Schulze um „des lieben Friedes willen" erneut, und zwar sehr erheblich zahlen müssen, denn er wollte ja schließlich nicht in den Verdacht einer unrechtmäßigen „Leichenbeseitigung" kommen ...
„Was glauben Sie wohl, wie ich die nächsten drei Tage im Druck gesessen habe", pflegt Herr Schulze am Stammtisch diese Geschichte zu beenden, „denn so ganz sicher, daß der Trauertrupp Nr. 2 nicht auch ein Schwindlertrupp war, bin ich heute immer noch nicht..
Briefanschrift: „Santa-Claus".
(th) Neuyork.
Lohnt es sich denn überhaupt, diesem jämmerlichen Ort Santa-Claus mit seinen 78 Einwohnern im Staate Indiana auch nur ein Wort zu widmen? Freilich gibt es Tausende ähnlicher Dörfer, aber immerhin heißen sie nicht Santa-Claus, Und nur wegen dieses kleinen Namens müssen wir von der kleinen Siedlung reden.
Denn wenn Weihnachten naht, werfen alle braven Kinder Amerikas ihre Wünsche in schönen Briefchen in den Postkasten. Auf den Umschlag aber malen sie den in USA. üblichen Namen des Weihnachtsmannes „Santa Claus". Die amerikanische Postverwaltung hat nur ein Ziel: alle Briefe recht bald und richtig zuzustellen. Da man keinen Herrn „Santa Claus" im Postfachregister kennt, nahm man zur eigenen Entlastung an, daß es sich um den Ort Santa-Claus handeln müsse. Und so kamen denn in diesem Jahr nicht weniger als 423 789 Briefchen in Santa-Claus an.
Eben jetzt sind die letzten Nachzügler gekommen, teilweise schon die „Dankbriefchen" oder die „Beschwerden" an den Weihnachtsmann. In Santa- Clous aber heizt man eine Woche lang den Kanonenofen des Postbüros mit den Santa-Claus- Briefchen, die man sackweise auf dem Hof stapelte.
Die zehnjährige Schachpartie.
Dr. D. London.
Jetzt ist sie zu Ende gegangen, und James Brown ist matt — die Schachwelt atmet auf! Denn was als höchst interne und private Angelegenheit begann, hat im Lause der Jahre das Interesse immer weiterer Kreise erregt, und sobald wird diese zehnjährige Rekordpartie nicht aus den Annalen des Schachspieles gestrichen werden.
Im Jahre 1924 saßen zu London in ihrem Klub zwei Fliegeroffiziere, beide leidenschaftliche Schachspieler, stumm über einer harmlosen und keineswegs außergewöhnlichen Partie zusammen. Da ereilte den einen von ihnen, James Brown, der drahtliche Befehl, sich umgehend mit einer Fliegerstaffel nach Indien einzuschiffen. Brown sauste davon, aber nicht ohne mit seinem Kameraden vereinbart zu haben, daß man die begonnene Partie vorerst mal brieflich weiterspielen wolle. Brown war am Zug — und sechs Wochen nach seiner überstürzten Abreise kam sein Brief an mit dem fälligen Zug. Der Partner antwortete, und sein Brief mit dem Gegenzug lief ebensolange, da Browns Bestimmungsort postalisch besonders ungünstig gelegen war.
Schachbrief folgte auf Schachbrief, immer erbitterter wurde die Partie, dazwischen schob sich eine langwierige Erkrankung des in England weilenden Partners und eine Abkommandierung des „Inders" in die Einsamkeit der Dschungel. So geschah es denn, da diese seltsame und einmalige Partie sich tatsächlich über ein ganzes Jahrzehnt erstreckte. Bis jetzt endlich ein Brief von James Brown in London eintraf, in dem er sich als geschlagen bekannte — sein König war mattgesetzt, da gab es keinen Ausweg und keinen noch so genialen Winkelzug mehr.
Allem Verlauten nach aber sollen die beiden Brief-Schachler derartigen Geschmack an dieser Art des Spiels gefunden haben, da sie umgehend eine neue Partie verabredeten...
Ein Zwerg ist grotz geworden.
(j) Amfterda m.
Der holländische Zwerg Moers hat einen bekannten Amsterdamer Arzt auf Schadenersatz verklagt. Weil dieser ihm ein Präparat verabreichte, das zu einem raschen Wachstum führte. Peter Moers ist heute tatsächlich so groß wie andere Leute auch, und infolgedessen mußte er feinen Beruf als ,LZarietezwerg" aufgeben. Der Arzt versichert, er habe ihm nur Hustentropfen verabreicht. Der Zwerg aber behauptet, es fei ein Drüsenpäparat darin gewesen und der Beklagte habe es heimlich an ihm erproben wollen.
Der wilde Mann.
x (m) Brüss 6 l.
Es kommt gewiß nicht häufig vor, daß sich ein Gerichtshof ins Gefängnis setzt, um einen Angeklagten abzuurteilen. Dieser Fall ist soeben in Charleroi eingetreten. Und zwar in dem Verfahren gegen einen gewissen Forvilly, der des schweren Betruges beschuldigt wurde. Der Angeklagte hatte kurz nach seiner Verhaftung, bei der schon etliches polizeiliches Blut geflossen war, beim ersten Verhör einen tätlichen Angriff auf den Untersuchungsrichter unternommen und ihm das Nasenbein eingeschlagen. Unter wütendem Widerstand, von vier Polizisten ins Gefängnis zurückgeführt, hatte er zwei von diesen trotz seiner Fesselung knockout geschlagen und in seiner Zelle alles zertrümmert, was nicht niet- und nagelfest war ...
Als nun gegen Forvilly verhandelt werden sollte, erinnerte sich das Gericht der Behauptung, daß Vorsicht die Mutter der Pozellankiste sei und beschloß, die Verhandlung im Gefängnis selbst vor sich gehen zu lassen, um etwaige unliebsame Zwischenfälle zu vermeiden. Forvilly wurde von einem starken Wärteraufgebot in eine Zelle gebracht, die sich einem der Arbeitssäle des Gefängnisses gegenüber befindet,
hort mit starken Fesseln an die Wand geschlossen, und bann nahmen Richter, Staatsanwalt, Verteidiger, Gerichtsschreiber und Zeugen in dem Saale Platz, dessen Tür ebenso weit offen stand roie die der Zelle. Um darüber hinaus auch die vom Gesetz für solche Verhandlungen geforderte „Öffentlichkeit' zu gewährleisten, wurden sogar die nach dem Gefängnishof hinausgehenden Fenster des Saales geöffnet, so daß die Gefangenen, die gerade Freizeit hatten und dort ihren Rundgang machten, jedes Wort der Verhandlung hören konnten. Für das Gericht zweifellos keine ganz reine Freude, denn draußen herrschte an jenem Vormittag gerade schneidende Källe. Forvilly, der sich Übrigens ganz ruhig verhielt, wurde denn auch binnen einer halben Stunde zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt.
Wahlpropaganda auf dem Rücken.
„Verstößt es gegen die einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen wie auch gegen die guten Sitten, wenn jemand beim Wahlkampf Propaganda für eine politische Partei dadurch macht, daß er sich den Namen ihres Kandidaten auf den nackten Rücken schreiben läßt und damit durch die Straßen spazieren geht?" Mit der Beantwortung dieser Frage hatte sich unlängst das Gericht in Louoier zu befassen. Anläßlich der letzten Gemeindewahlen ließ sich nämlich ein gewisser Desmonds in dem Städtchen Amfreville-la-Champagne (Dep. Eure) den Rücken bemalen und trug so als lebende Plakatsäule den Namen eines auf der Kandidatenliste stehenden Freundes durch die Straßen. Sehr zur Empörung der politischen Gegner, die darin eine Umgehung der gesetzlichen Bestimmungen erblickten, die besagen, daß Wahlplakate nur an den von den Behörden dafür bestimmten Stellen angebracht werden dürfen. Desmonds aber beruft sich darauf, daß sein Rücken sein uneingeschränktes persönliches Eigentum sei, mit dem er machen könne, was er wolle. Auf die erste Klageeinreichung der Gegner Desmonds' antwortete sowohl der Staatsanwalt in Louvier wie auch der Oberstaatsanwalt in Rouen mit Ablehnung. Da nun jedock die damals im Wahlkampf besiegten Gegner die Angelegenheit zu einer Frage der öffentlichen Moral erhoben haben, hat die Staatsanwalt der Klage Raum gegeben.
Der Saphir der Marie Louise.
(d) Rom.
Ein Vorfall, der eine gewisse Aktualität durch die Tatsache erhält, daß gerade eben das Schicksal der österreichischen Kaisertochter Marie Luise, der zweiten Gemahlin Napoleons, in einem großen deutschen Film über die Leinwand läuft, ereignete sich unlängst an der westitalienischen Küstenstadt Massa. Dort erschien bei einem Juwelier der 34jährige Merlini, als Nichtstuer in der ganzen Stadt bekannt. Er bot einen ziemlich großen, in Gold eingefaßten Saphir zum Verkauf an. Mit Kennerblick erkannte der Juwelier sofort, daß dieser Saphir aus einem Halsbande herausgebrochen sein müsse, und da die Persönlichkeit des Verkäufers sowieso schon Verdacht bei ihm erweckt hatte, packte er Merlini am Kragen und übergab ihn einem Polizisten.
Auf der Wache erzählte Merlini, daß sich dieser Saphir im Nachlaß seiner im November verstorbenen Mutter befunden habe, was auch sofort von der gleich vernommenen Schwester des Festaenom- menen bestätigt wurde. Ein als Sammler und Kenner einen großen Ruf genießender Bürger von Massa wurde als Sachverständiger hinzugezogen, und er erkannte in dem Saphir alsbald ein Glied einer Halskette, die die spätere Herzogin von Parma, Marie Luise von Oesterreich, von dem Grafen von Neipperg, zum Geburtstag als Geschenk erhalten hatte. Diese Kette war mit anderen Pretiosen zwei Jahre später bei einem Diebstahl entwendet worden.
Als die Feststellungen so weit gediehen waren, entsann sich Merlini, daß sein Urgroßvater als Kammerdiener im Dienste Marie Luisens in Parma gestanden hatte. Er muß also der Dieb oder zum wenig- sten der bezahlte Mitwisser des Diebstahls gewesen sein. In der Wohnung der Merlinis wurden aller« dings keine weiteren Glieder der Kette, geschweige denn andere Pretiosen, vorgefunden. Wahrscheinlich sind sie von den Vorfahren von Zeit zu Zeit „verschärft" worden. Da man den heutigen Merlini für die Sünden seines Urgroßvaters nicht verantwortlich machen kann, mußte er freigelassen werden.
Das Männlein ans Ton.
Von Nikolaus (Schwarzkopf.
In meinem Dorf, einem Häfnerdorf, steht fast auf jeder Dachnase ein Männlein aus Ton. Ein dicker Kopf mit Soldatenmütze, dem Polizeidiener nicht unähnlich, glotzt da vom Giebel herunter und muß den Müttern helfen, böse Buben zu erziehen. Die Häfnersburschen kneten solche Menschenfratzen, die an altheidnische Bräuche erinnern, in übermütigen Stunden, bemalen sie wüst, brennen sie im Geschirr, stecken sie auf die Dachnasen, und die bösen Buben werfen mit Schneeballen und Steinen nach ihnen.
Als Knabe sah ich einmal zu, wie solch ein wüstes Männlein aus dem Brennofen genommen wurde. Ich stand an der Tür des Ofens, und in der ausströmenden Glut erschienen zwei nackte Mannesarme und reichten die Fratzen ins Helle heraus, und aus der dunkle Tiefe erscholl eine Stimme: ,Zetzt kommt der Teufel". Unter der preußischblauen Soldatenmütze bauschten sich schwarz die Augenbrauen wie Wurzelbürsten, die Nase hing wie eine rote Dickrübe über den knallroten Lippen, die einem Ochsenmaul glichen, die grasgrünen Augen standen wie Froschaugen aus der verrunzelten Stirn heraus, und die grünlichen Wangen dickten sich über den gelben Hvlskragen herunter und lagen fast bis auf den kaum angedeuteten Schultern.
Seitdem hab ich nie mehr mit Stein ober Schneeball nach den Männlein geworfen. Oft, wenn ich etwas Schlimmes getan hatte, fürchtete ich mich vor den Männlein.
Eines Tages hatte ich eine schwere Sünbe begangen: beauftragt, im Felbe einen Sack voll Ziegenfutter zu holen, hatte ich, um meinen Sack rasch mit bestem Futter zu füllen, an einem fremben Kleeacker gegrast. Der schwere Sack brückte mir, als ich ihn heimtrug, fast das Genick ab. Die Leute guckten mich an, als ich ins Dorf kam, unb ich eilte burch die Gassen, um rasch ins Erbseneck, wo unser Haus stand, zu gelangen. Die Mutter saß hinterm Fenster unb nähte; sie streckte ben Kopf heraus unb rief: „Nun, aber warum so eilig?" Ich antwortete nicht.
Den Ziegen schüttete ich den gestohlenen Klee hin; sie machten sich barüber her, aber sie konnten nicht alles auf einmal fressen: ein Haufen mußte übrig bleiben, unb wenn Sie Muter in ben Stall kam, .zu melken, mußte sie sehen, was da lag. Am liebsten hätte ich ben Klee selber aufgefressen. Ich belog bie Mutter unb sagte, ein Bauer tjabe mir ben Klee geschenkt. Sie war zufrieben, aber ich war nicht jufrieben.
Denn auf dem Dach des Polizeidieners, b£r neben uns wohnte, stand seit kurzem ein neues Tomnänn?
nigen
unb hatte oben auf feiner eisernen Klapptür ein dickes Schloß liegen. Im selben Augenblick, wie ich das Geld in den Schlitz einfdjlupjen lassen wollte«
kam mir ein neuer Gedanke: die sieben Pfennige unserem Nachbar, dem Polizeidiener zu geben, denn sein Häuschen war kleiner als das unsere, und seine Frau jammerte jeden Tag, wie schlecht es ihr gehe. Unten in meiner Seele bewegte sich freilich auch ein wenig Angst vor dem Polizeidiener, er könne erfahren, daß ich der Uebeltäter war, unb könne nachträglich noch mich zur Rechenschaft ziehen.
Ich führte ben Gebauten sofort aus, lief heim ins Erbseneck, sah ben grünen Dienstrock bes Polizei? bieners vor dem Haus am Traubenstock hängen unb schob mein Geld in bie Rocktasche. Meine Mutter, bie über bie Näharbeit gebeugt am Fenster saß, schaute zu mir herunter, unb ich rief ihr zu: Ei, ich hab ja gemeint, in der Rocktasche nistete ein Rotkehlchen!
Mein Gelb war ich los, meine Schulb war ge» sühnt. Ich trieb mich im Hof umher, zu sehen, ob der Nachbar das Geld fände. Er zog gegen Abend den Rock an, hörte meine Pfennige klimpern, griff in bie Tasche, zog das Geld heraus, überzählte es unb rief mich zu sich. Ich hatte wieder ein wenig Angst, aber der freundliche Mann reichte mir bas Geld unb sagte: ich solle ihm eine Zigarre holen. Wie der Blitz lief ich davon, brachte die Zigarre, und ich sah, wie mein Sündengeld in herrlich blauen Rauch aufging. Die Polizeidienerin rief: Was ist mir bas aber ein feines Kraut am hellen Werktag!
In ber Nacht schlief ich besser als sonst, unb bäs Tonmännlein ließ mich in Ruhe. So wenig hatte es noch mit mir zu tun, baß ich Lust empfanb, am nächsten Tag mit einem Apfelkrutzen nach ihm zu werfen, was ich aber boch nicht tat.
Ein paar Jahre später brannte bas Polizeibiener- haus ab. Das Männlein würbe vom Wasserstrahl ber Feuerwehr beklatscht, rollte burch bie aus ben Ziegeln züngelnben Flammen herab unb zerbrach.
Ich kann sagen, baß ich bei weitem nicht so gut geraten wäre, wenn nicht biefe Tonmännlein meine Jugenb betreut hätten.
lein. Ein Bildhauer aus Frankfurt, ber in einer Töpferwerkstätte bie Töpferei erlernte, hatte ben Polizeibiener gebeten, ihn lebensgetreu in Töpfererbe abbifben zu bürfen. Da war ein Polizeibiener- kopf entstanden, ber sich sehen lassen konnte, keine Fratze, keine Maske, nein, ber wahrhaftige Nachbar, wie er mit seinen verhuschten Augen in die Welt guckte, streng unb hart unb voller Unerbittlichkeit. Dieser gewaltige Kopf stak seit ein paar Tagen auf ber benachbarten Dachnase, unb nun, ba ich wegen meiner Sünbe nicht recht einschlafen konnte, entbetfte ich plötzlich braufeen hinterm Fenster im Monblicht oben auf der Nase ben Mann aus Ton, ben Polizeibiener.
Der Monb stanb neben ihm unb rückte immer bichter an ihn heran. Als er bann wirklich mit seinen beiben Hörnern ihn an Kappenschilb unb Kinn erfaßt hatte unb mit seinem grellen Licht hinter bem Dickkopf verschwand, legte sich ber Dickkopf vor mich auf meine geblümelte Bettbecke unb glotzte mich an. Nun konnte ich erst recht nicht mehr schlafen. Ich dachte an meinen Diebstahl unb begann zu beten. Ich betete zum Männlein, unb ich versprach ihm, morgen meine Schulb zu begleichen, beichten zu gehen unb bem Pfarrer alles zu sagen.
Mit biesem festen Vorsatz schlief ich, als ber Monb mit ben Hörnern am Fensterrahmen hing unb das Tonmännlein also vor mir verschwunben war, enb- lich ein. Am nächsten Morgen lief ich in ben Hof, sah wie bie Frau Polizeibiener ihrem Mann ben Säbel umschnallte, unb rief einen freunblichen „Guten Morgen" ins Fenster. Der Polizeibiener bankte luftig; er wußte also von nichts.
Am tommenben Samstag beichtete ich meine Sünbe, ber Pfarrer gebot mir, ben Schaben, ben ich angerichtet hatte, nach Kräften gutzumachen und sprach mich los. Ich jubelte zwar, aber ich wußte nicht, wem ber Acker, ben ich beraubt hatte, gehörte. Unb ba ich auch nicht banach fragen wollte, um mich nicht zu verraten — benn jebermann sah, wie aus bem Kleebestanb ein Stück herausgerissen war — beschloß ich, meine Schulb anbermeitig zu begleichen.
Ich hatte fieben Pfennig erspart, bie in meinem Sonntagskittel staken, unb bie wollte ich in ben Opfer- stock unserer Kirche werfen, benn im kleinen Katechismus stanb geschrieben: wenn man nicht wisse.
wem man gutmachen mülle, bann solle man ben Schabenersatz in bar einem Armen geben ober in den Opferstock werfen.
Ich betrat unter Mittag mit meinen fieben Pfennigen die Kirche. Kein Mensch war drinnen, ber Opferstock stanb neben bem großen Weihwasserkessel
Hochschulnachrichten.
Der türkische Minister für Hygiene unb soziale Fürsorge hat bem Direktor bes Hygienischen JnsU- tuts ber Universität Marburg, Professor Dr. Wilhelm Pfannen st iel, nach ber erstmaligen Ablehnung seiner Berufung an bas Zentral-Hygiene- Institut in Ankara die Uebernahme der Gesamtleitung des Instituts unb ber wissenschaftlichen Organisation ber Gesunbheitspflege in ber Türkei angeboten. Da sich Professor Pfannenstiels Wunsch nach vorläufiger kommissarischer Besetzung feines Marburger Lehrstuhls währenb seines als zeitlich befristet vorgesehenen Auslands-Aufenthaltes nicht
^rMelL.M,._h<er den Ruf erneut abgelehut.
„Jlagana."
Das Lichtspielhaus zeigt in zwei Nachtvorstellungen ben von ber Deutschen Universal gedrehten Expebitionsfilm „Nagana". Nagana heben- tet soviel wie Schlafkrankheit, und ber Film schildert ober versucht zu schilbern ben Kampf einer kleinen, von weißen Aerzten geführten Expebition gegen die von ber Tsetsefliege verbreitete Seuche, bie besonders unter den Eingeborenen Jnnerafrikas epidemisch und verheerend auftritt. Da das eigentliche, das heißt das wissenschaftliche Problem für eine filmische Gestaltung ziemlich ungeeignet ober {ebenfalls wenig wirkungsvoll im landläufigen Sinne erschien, hat man bem Ganzen bie Form eines Spielfilms gegeben, ber großenteils, befonbers gegen Enbe, ganz amerikanisch aufgemacht ist unb mit recht sensationellen Effekten arbeitet. Der Einbruck wirb übrigens noch baburch verstärkt, baß ber gesamte Dialog englisch gesprochen unb ausgenommen würbe; die Übersetzung aeschieht durch ins Bild eingeschaltete deutsche Zwischentitel. Da haben wir zum Beispiel den Uebersall eines Löwen auf bas Eingeborenenborf, in bem die Expedition arbeitet; ferner ben Fang milber Tiere verschiebener Art, bie später aus ihren primitiven Käsigen ausbrechen, erbitterte Kämvfe miteinanber ausfechten unb bas Dorf in panischen Schrecken versetzen; ober: bie weiße Frau (bie an sich mit ber Sache gar nichts zu tun hat, aber bie Bearbeiter wollten auf eine Liebesgeschichte im Urwald keinesfalls verzichten) wird von ben Eingeborenen aus Rache ben Krokodilen geopfert —, beinahe natürlich nur, keine Angst! — ehe die Biester zuschnappen können, allerdings so ziemlich im letzten Augenblick, kommt der geliebte Mann herbeigestürzt, befreit sie von ihren Fesseln wie aus dem drohenden Krokodilsrachen und schwingt sie siegreich auf die Arme. (Das photographiert sich stets ausgezeichnet, auch wenn es nicht besonders in die Situation paßt.) Immerhin muß man sich, wie schon in manchen anderen, früher hier gelaufenen Afrika-Filmen über die Tier- Aufnahmen wundern, bie großenteils an Realistik unb ursprünglicher Wilbheit nichts vermissen lassen unb zweifellos gut gelungen finb. Das Gebrüll ber Löwen, Seoparben und Krokodile erfüllt ganze Szenen dieses Films und gibt ihm, vermischt mit dem zermürbend eintönigen Rhythmus ber Negertrommeln, seinen eigentümlichen Klangcharak« ter. Von ben menschlichen Darstellern seien in erster Linie Tala Birell unb Mellvyn Douglas genannt, bie beide bisher hier unbekannt waren. Spielleitung: E. L. Frank. Der Film hatte in ber ersten Aufführung ein für bie späte Stunbe bemerkenswert zahlreiches Publikum angelockt.


