Ausgabe 
18.9.1935
 
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Lunge deutsche Nation

Sie Wache.

Don Heryberi Menzel.

Steht einer einsam in der Nacht, Mit schwerer Pflicht beladen, Er denkt zurück und an die Wacht Der toten Kameraden.

Er fühlt's, daß einer zu ihm tritt, Soldat aus anderen Tagen, Der schon das Bitterste erlitt;

Und leise hört er sagen:

Kamerad! Und nur dies eine Wort. Sie schweigen und sie schauen.

Der Zweite geht, ein Schatten, fort Erst früh beim Morgengrauen.

Erlebnis Äürnbera.

Durch die Stadt Nürnberg ziehen die braunen Abteilungen der Jugend, unabsehbar, endlos, mit ihrer wirbelnden Marschmusik und dem dumpfen Klang der großen Landsknechtstrommeln. Wie eine Sturmflut das Land überflutet, so ist die Jugend über die alte Reichsstadt gekommen und hat Besitz ergriffen von ihren Straßen. Lieder klingen auf. Herbstsonne lockt.

Der Staub der Straßen, diese flimmernden, bun­ten Häuserfronten, die verwehten Klangsetzen einer Kapelle und der rastlose, den Marschtritt verbin­dende Klang der Trommeln formen sich zu einem zukunftsfrohen Bild.

Und hier beim Marsch muß ich wieder an die Ab­fahrt von Berlin denken, an das drängende, lange Warten, ehe wir den Zug bestiegen.

*

Abmarsch aus unserem Bezirk im Norden. Jung und alt ist auf den Straßen, um die Abrückenden zu grüßen. Unser Musikzug spielt das alte Abschieds­lied:Nun ade, du mein lieb Heimatland".

*

Jetzt aber marschieren wir, marschieren. Sind wir in Nürnberg, sind wir noch daheim? Die Bilder verwischen sich bei der Fülle der Eindrücke. Vor uns schlägt die Fahne an den Fahnenstock und sinkt wieder zusammen. Es ist fast windstill.

Genau so marschierten wir vorgestern abend durch unsere Heimatstadt. Es war spät. Die Gas­lampen in den breiten Straßen warfen helle Licht­kegel auf das Straßenpflaster. Die langen Häuser­reihen ließen den dumpfen Schall der marschieren­den Kolonne nicht verhallen. Er kletterte an den Fensterreihen empor, schwang sich von Giebel zu Giebel und schallte uns voraus als Künder unseres .Kommens.

Auf einem Platz hielten wir. Hier tobten einst die wildesten Kämpfe der Roten. Der Platz war das äußere Zeichen, wer ihn hatte, befaß auch die Straße in dieser Gegend. Doch das sind alte ^Geschichten. Sie dringen nur noch halb in unsere junge, helle Zukunft. Und dann standen wir auf Lern Bahnsteig. Sonderzug. Frohe Menschen win- 8en, grüßen und erzählen.

Der schwarze Qualm der Lokomotiven hing über Äen Bahnsteig. Darrn ein Ruck. Ein letztes Winken tiu den Zurückbleibenden, hinter uns schwanden ^Bahnsteig und die Häuserwände der Vorstadt. Wir jähren zum Parteitag.

Grau verschleiert hängt der Mond über den ischwarzen Dächern. Es ist zwei Uhr früh. Die Wagen stoßen, rattern eintönig. Immer die gleiche Melodie. Die Kameraden schlafen, auf den Bänken, nm Gang oder in den Gepäcknetzen, oder haben sich Zeltbahnen dazwischen ausgespannt. Draußen flie­ßen die Schatten. Fahle Baumreihen wechseln mit dichtem Gehölz. Dazwischen Wiesen, schwarz und Raunt zu erkennen. Aecker.

Ich schließe die Augen. Ab und zu spricht einer im Schlaf, unverständliche Brocken. Da hinten, der Dicke, er ist Feldscher, gurgelt plötzlich auf. Richtet

sich hoch, starrt um sich und dreht sich brummend I Dann kam das Ausladen, der Weg zum Lager, auf die andere Seite.Es ist dunkel im Abteil. Nur das Beisammensein mit den Kameraden aus dem manchmal huschen helle Streifen über die Schlafen- Reich. Nun kommt der Höhepunkt: Der Vorbei- den, wenn der Mond für Augenblicke durch die marsch beim Führer. Menschen jubeln die Augen ziehenden Wolkenfetzen bricht. leuchten Fahnen, Farben, Sonne. Ein über»

Die Schienen stoßen. Wir fahren, fahren nach wältigendes Bild, das immer wieder neu packt und

Nürnberg. I wirkt. H. J. S.

... haben die bayrische Grenze überschritten."

Tagebuch vom Adolf-Hitler-Marsch.

Ein Hornsignal weckte uns aus unserem kurzen Schlaf. Aus den Zelten kam ein verschlafenes Knur­ren, hier und dort kroch einer aus dem Zelteingang in die finstere Nacht hinaus. Es war aber kein Irr­tum: mitten in der Nacht wurde zum Aufbruch ge­blasen.

Heimliches Fluchen in sämtlichen Zelten also hatte der Marschsührer doch sein Wort vom Dor- abend wahr gemacht und ließ uns mitten in der Nacht abrücken. Gegen halb ^wölf Uhr nachts waren wir erst von dem Dorfabeno zurückgekommen und in die Zelte aekrochen. Jetzt war es halb eins Uhr. Eine harte, befehlende Stimme machte die letzten Schläfer munter und riß die Halbwachen zusammen: Raus aus den Zelten! In fünfundvierzig Minuten steht das Ganze marschfertig vor den Zelten."

Eine fieberhafte Tätigkeit beginnt: In stock­finsterer Nacht anziehen, Decken rollen, Tornister packen Tempo, Tempo Hier sucht einer seine Decke, dort fehlt einem der Spaten, eine gereizte Stimmung liegt über der ganzen Mannschaft, die Müdigkeit sitzt zu fest in den Gliedern.

Noch fünfzehn Minuten!" klingt die Stimme des Marschführers durch die Nacht.Los, Tempo!" Jeder weih, daß es nun auf den letzten Mann an­

kommt. Wir werden zeigen, daß wir ganze Kerle lind und bei Nacht genau so pünktlich und vor­schriftsmäßig antreten und marschieren können wie am Tage.

Ein Uhr fünfzehn Minuten: Die ganze Einheit steht marschfertig angetreten. Der Führer vom Dienst meldet, bann geht es in die rabenschwarze Nacht. Stille liegt über den Dörfern. Nur die Hofhunde, die vom Klang unserer Schritte geweckt wurden, bellen hinter uns her. Ruhe ist in unseren Reihen. Jeder kämpft mit dem Schlaf, gewaltsam nur halten wir die Augen offen. Doch wir marschieren, weil wir zeigen wollen, daß wir Kerle sind.

Als es langsam dämmert, überschreiten wir die bayerische Grenze. Licht flammt in den ersten Ge­höften auf. Einige verschlafene Gesichter blicken aus den Fenstern. Sie werden sich über die Kolonne ge­wundert haben, die da mit ihren wehenden Fahnen durch die erste Dämmerung zog.

Gegen Morgen erreichten wir unser Ziel Die Füße schmerzen, der Magen knurrt, aber ein Stolz war in uns, daß wir alle durchgehalten hatten daß wir in Disziplin marschiert waren.

Erwin Kirchhof.

Haudireten zum Sportdienst!"

Ein Jahr Zungensport im Lager.

Don 6.30 bis 7.00 Uhr ist Frühsport. Das steht auf dem Dienstplan, und kaum hat der schrille Pfiff des Lageriührers den letzten faulen Schläfer ge­weckt, da saufen mir auch schon mancher zwar noch etwas schläfrig im Turnzeug durch die Mesen. Breite Gräben werden mit Hurrageschrei im Anlauf genommen und niedrige Anhöhen ge­stürmt. Auch ein Bach, der leise plätschernd unter oichtem Gesträuch dah-insließt, kann uns nicht auf­halten.So 'ne kleine Pfütze!" ruft Willi mit seiner großen Klappe, macht einen kurzen Anlauf und sitzt auf der anderen Seite prompt bis zu den Waden im Sumpf. Wir bersten fast vor Lachen, als er kleinlaut und mit hübschen schwarzen Schlammfocken" die Umgebung derkleinen Pfütze" verläßt.

Wir anderen suchen uns inzwischen eine Stelle aus, an der wir besser über den Bach springen können und setzen in weiten Sprüngen über den Graben. Im Laufschritt geht es weiter. Der letzte Rest von Kälte und Müdigkeit ist verschwunden, als wir prustend und dampfend wieder im Lager eintreffen.---

Für den Vormittag ist Sportdienst angesetzt. Als wir das Lager verlassen, flucht ein Vordermann vor sich hin. Falschen Tritt hat er auch und läßt jämmerlich den Kopf hängen. Vielleicht hat er Heim­weh!Verdammte Striezerei!"Menschenskind", sagt einer aus dem nächsten Glied,nun halt aber die Luft an. Bist doch fein kleines Kind mehr!"

Ein anderer meint:Kerl, sei doch froh, jetzt kommt doch der schönste Teil des Taaes. Jetzt soll doch noch ein Kampfballspiel steigen!Uebrigens anderen Tritt könntest du heute auch noch ein­mal annehmen!" undDu, dein Kopf wird bestimmt gleich runterfallen! Der hängt ja schon aanz schief!" Laß ihn fallen, mir ist alles egal!" brummt der

Dickkopf böse und latscht trotzig in seiner alten Weise weiter. Na, dann eben nicht!

Zum Donnerwetter, im Glied wird nicht ge­sprochen!" pfeift uns plötzlich der Lagerführer an. Weiß der Himmel, wo der so schnell hergekommen ist. Gleichzeitig bekommt mein widerspenstiger Vor­dermann einen Stoß in den Rücken und der Lager­führer kämmt ihn gründlich durch:Du wackelst ja daher wiene alte Großmutter. Reiß dich ge­fälligst mal ein bißchen zusammen. Kopf hoch, rich- tigen Tritt gefaßt! Du bist doch ein Junge!" Das hat gewirkt. Das duldet doch seine beleidigte Ehre nicht.

Wir sind am Ziel. Die Sonne kommt schräg über den Wald hinweg und brennt stark. Schnell stellen wir uns zu den Freiübunaen auf. Kurt, einer der Ausbilder, erklärt jede Hebung und turnt sie vor: Achtung! Erste Uebung: Laufstellung! Hochhalten der Arme! Arme durchschwingen, dabei in die Knie gehen! Nach dem vierten Durchschwung ein Sprung!" So aeht es eine Viertelstunde lang. Immer neue Hebungen kommen dran; alle passen scharf auf und merken sie sich für den Sportdienst zu Hause bei ihrem Fähnlein. Kurt hat scharfe Augen und übersieht keinen Fehler, denn nur eine ganz sorgfältig durchgeführte Uebung ist für den Körper von Nutzen. Nach den Uebungen werden zwei Mannschaften gebildet. Kurt gibt den Ball frei: Raufballspiel!! Jetzt sind sie alle in ihren Elementen. Manche stöhnen richttg vor Wut und Äampfeseifer.

Als der Schlußpfiff ertönt, sind alle erschöpft und haben tüchttgen Hunger. Die Sieger strahlen, die Unterlegenen freuen sich auf die Vergeltung am nächsten Tag. Dann geht es mit einem frischen Lied zurück ins Lager. Der Sportdienst ist vorbei.

i Und er war in Ordnung. H. R.

Gegen den Wind.

Franz!", rief mich der Fluglehrer an. Erschrocken sah ich ihm ins Gesicht. Nun war es so weit, nun sollte ich fliegen. Herzklappern kennen wir ja nicht. Und doch war es mir eigentümlich zumute. Jetzt hieß es, die Gedanken zusammennehmen. Den Sturzhelm aufgeschnallt, ein unheimliches Ding. Etwas zaghaft griff meine Hand nach dem Steuer. Ob sie nicht doch ein bißchen zitterte? Dann rief ich, ja, ich brüllte förmlich, damit auch alle hörten, mit welchem Mut ich an die Arbeit ging:Fertig!"

Fertig!", gab die Startmannschaft zurück.Aus- ziehn! Laufen!" Nun war der Moment da. Das Seil straffte sich mehr und mehr.Los!" Wie aus einem Gewehr abgeschossen brauste ich los. Im Nu war ich auch schon 5 bis 6 Meter hoch.

Ich wußte nicht, wie mir geschah. Alles ging blitzschnell. Die Spanndrähte pfiffen im Winde. Ich flog! Nur Sekunden, und doch kam es mir wie eine Ewigkeit vor.

Nun wieder runter! Aber wie? Das Steuer nach vorn gedrückt. War es nicht zu viel? Ick krachte auf den Erdboden. Aber alles blieb heil. Auch die Maschine.

Lachend kamen die Kameraden angelaufen. Ich wußte nicht, warum sie lachten. Ich fühlte auch nicht den Rippenstoß, den man mir gab, und der anbeuten sollte, endlich auszusteigen. Ein großes, nie geahntes Gefühl hatte sich meiner bemächtigt. Das war also das Fliegen, so frei in der Luft zu schweben.

Ich stieg aus und half die Maschine zurücktragen. Andere Kameraden kamen in die Kiste.

Liesbeth hat eine neue Stellung.

Wir saßen beieinander um den großen Tisch im Tagesraum. Eigentlich war es ganz ungewohnt, am Hellen Nachmittag so untätig dazusitzen, aber es war unser letzter Tag im Umschulungslager; mor­gen sollten wir alle unsere neuen Stellen antre­ten. Nur Liesbeth hatte noch keine gefunden. Sie sah ein bißchen klein und zart aus, war ja auch unsere Jüngste. Aber wenn die Leute wüßten, wie fest und energisch das Mädel zupacken kann!

Nun saßen wir hier alle im Kreise, warteten auf sie und drückten fest die Daumen.

Wißt ihr noch", fing plötzlich Erna an,wie wir am ersten Tag hier zusammenkamen? Es regnete, auf dem Hof standen große Pfützen und alles kam mir so grau und häßlich vor. Ich hatte gar keine Lust zu der neuen Arbeit und Heimweh obendrein!"Mir ist es genau so gegangen, und als ich gar hörte, daß wir immer alle zusammen- sein müssen, daß wir abends nicht fortdürfen, nicht zum Tanzen, nicht ins Kino, da wäre ich am liebsten umgekehrt und wieder nach Haufe gefahren." Aber als wir dann zum erstenmal um diesen Tisch beim Nachmittagskaffee saßen, in unserem Tagesraum mit den lustigen Vorhängen an den Fenstern und den feinen Bildern an der Wand, war es schon besser, und als wir gar den ganzen ersten Nachmittag lang singen und spielen durften, umdas Heimweh zu oertreiben", da hatten wir uns schon fast eingewöhnt.

Dann ging's an die Arbeit! Wißt ihr noch, wie wir unseren ersten Waschtag hatten und alle mit wunden Fingern aus dem Waschhaus kamen, daß Trude nur Mühe hatte, uns zu verpflastern?"

Und erst die Abende, wo wir vorlasen und er» zählten! Wißt ihr noch, wie wir von dem Kampf der Deutschen an den Grenzen sprachen? Da fing Ilse auf einmal an, aus eigener Erfahrung zu er­zählen; wir wußten gar nicht, daß sie stüher im Saarland zu Haus gewesen war! Nun bekam alles noch viel mehr Leben, und wir spürten erst, wie eng wir mit denen zusammengehören, die auf Grenzwacht stehen."An diesem Abend habe ich zum erstenmal den Sinn unserer Fahne ganz begriffen. Bis dahin schien mir das Fahnehissen und -einholen mehr eine Formsache, die man eben mit­macht. Aber an diesem Abend habe ich verstanden, daß unsere Fahne Deutschland bedeutet und daß

Der Fliegerleutnant.

Hans-Joachim hieß der Primaner, der damals, aals der große Krieg die Reihen unserer Lehrer mächtig gelichtet hatte, für einige Zeit aushilfsweise Ibas Turnen leitete. Es gab nicht wenige unter uns Knirpsen, die sich davon einen Riesenspaß ver- ssprachen. Ein Schüler uns befehlen? Sie zwinker­ten sich zu und planten wohl schon eine ganze Reihe aoon Scherzen, die sie mit ihm aufstellen wollten. Biber sie wurden ganz grimmig enttäuscht, das Rann ich jetzt jagen.

Wir standen, etwas lässig angetreten, auf dem jHof der alten Thüringer Lateinschule, als Hans- Joachim vor die Front trat. Er verlas die Namen unb der erste, den er aufrief, antwortete mit gluck­sender Stimme. Ein Blick, sonst nichts. Ich weiß nur noch, daß unser neuer Lehrer unbewegt, aber sehr rasch und ordentlich die anderen aufrief. Dann Plötzlich ein Kommandorus, der allen in die Knochen ffuhr.Laufschritt, marsch marsch..." Hans-Joachim llief mit, und es machte ihm gar nichts aus, uns gu überrunden und gleichzeitig zwanzig, dreißig Fehler im Glied zu tadeln.

Dieser Anfang war Richtmaß für die ganje Dtunde, war es zugleich für den gesamten Dienst. Reck, Barren, Bock und Ringe nichts vergaß tHans-Joachim und keine Finte und Schmeichelei Verschlug etwas dagegen. Wir waren gewiß keine Leuchten in diesem Fach. Der häufige Lehrerwechsel hatte manchen bequem gemacht aegen sich selbst. Biber der Primaner sah einen so fröhlich und auf» munternd an, war so unerreicht im Vorturnen und in der Hilfsstellung, daß auch der Letzte sein Westes tat.

Ein halbes Jahr darauf machte Hans-Joachim Vas Kriegsreifezeugnis. Erst bei dieser Kunde wur­den wir uns bewußt, daß er ja neben seinem Dienst Sei uns noch das reichliche Maß eigener Arbeit zu «rledigen hatte. Er rückte mit fünf Kameraden als Fahnenjunker ein. Noch einmal, bevor er ins Feld zog, waren mir zusammen. Er hatte uns zu kärg­licherKriegstorte" eingeladen und war in dieser Abschiedsstunde ganz unser Kamerad.

Wir hatten nun wieder einen richtigen Tum- Mehrer und benahmen uns auch ihm gegenüber so, daß wir einigermaßen in Ehren vor Hans-Joachim bestehen konnten. Nicht lange danach wurde uns m einer unsagbar schönen Stunde bekanntgegeben, Saß unsere Flotte den großen SMjeg vor dem Skagerrak erfochten hatte und die Fülle der kriege­

rischen Ergeinisse ließ das Bild Hans-Joachims etwas verblassen. Nur auf den Ausflügen war so recht Gelegenheit, Erinnerungen an ihn von Mann zu Mann auszutauschen.

Anfang 1918 wir hatten inzwischen schon zweimal die Klasse gewechselt stand dann an einem Vormittag ein junger Leutnant mit beiden Eisernen Kreuzen und der Fliegerspange vor dem alten gotischen Schulbau. Das ging wie ein Lauf­feuer von Gruppe zu Gruppe: Hans-Joachim war da unb war inzwischen ein wirklicher Fliegerleut­nant geworden. Zuerst waren wir etwas befangen wie sollte man einem so berühmten Mann be­gegnen? aber das legte sich bald. Auf mindestens tausend Fragen mußte er Auskunft geben unb immer wieder Hände schütteln, Erinnerungen auf­frischen, gelungene Streiche roürbigen. Wer aber in ben folgenden Urlaubstagen ein Stück mit Hans- Joachim gegangen war, der war vielbewundert unb hatte unbebingt neue Einzelheiten aus Hans- Joachims Kriegstagen zu erzählen. Als dann der junge Flieger wieder zur Front gefahren war, da wurde jede Feldpostkarie, die von ihm kam er hielt getreulich fein Versprechen zu einem Heilig­tum für uns.

Im letzten Kriegssommer wurden meine Eltern nach einer norddeutschen Stadt versetzt. Erst viele Jahre später erfuhr ich so, daß Hans-Joachim nicht mehr heimgekehrt ist aus dem großen Krieg. In den Oktoberkämpfen 1918 starb er den Heldentod. Ein Leutnant unter vielen, vielen Tausenden.

Sein Andenken hat seine Heimat wachgehalten. Die Totentafel der alten Schule krönt ein Bronze­schild mit dem Bildnis eines vorstürmenden Jüng­lings, ben Eichenkranz auf bem Haupt. Er trägt bie Züge bes Fliegers Hans-Joachim. Wir alle, seine Klassenkameraden unb seine Schüler von einst, stehen schon lange im Mannesalter; er aber ist für uns jung geblieben, ein Sinnbild des heldischen, ewigjungen Deutschland! H u g i n.

Die Srezel.

Kommt da nicht Max mit einem riesengroßen Paket unter den Arm geklemmt zum Appell ge­trudelt? .. _ r

Mensch, willst du verreisen, etwa zur Groß­mama?^

Er macht ganz große Feldherrnmiene. Huldvoll lächelnd sieht er zu, wie der Deckel weggerissen wird, bis unter dem Papier..

... Potzblitz, ist die groß!

Die ganze Jungenschaft staunt über das Unding von einer Brezel, die Max eben als ersten Preis im Schilauf gewonnen hat. Sie wandert von Hand zu Hand und löst ungeteilte Anerkennung aus.

Verrücktes Ding, reicht fast zum Mittagessen!"

Die Achtung vor Max steigt zusehends. Schließ­lich hat ja jeder der Pimpfe einen Preis erhalten, aber so eine Brezel, so groß, so zum Anbeißen ... Respekt!

Max packt siegesfroh wieder ein. Als wären die Kameraden nur zum Bewundern da. Hano!

Wenn sie dir gehörte!" Beda krähte:Gäb für alle was!"

Und du!"

Zu Befehl, ebenso!"

Aber Max hört offenbar nicht gut. Schließlich hat er doch gekämpft.

Eine halbe Stunde später kommt derHäuptling" auf Max zu. Ein verdächtiges Lächeln liegt ihm auf den Lippen.

Max, nichts für ungut, irgendeiner will deine kostbare Brezel verschleppen!"

Max verdreht die Augen.Meine Brezel?!"

Gemeinheit, was?"

Max will wohl 'was sagen, aber da erlischt das Licht. Nichts als Finsternis und Stille mit einem Schlag. Alles ist organisiert. Jeder auf feinem Posten.

Die Riesenbrezel wird entführt!"

Mein Preis", gurgelt Max in die Stille. Es klingt wirklich gereizt. Keine Antwort.

Als er sich recht besonnen hat und zum Paket greifen will, ist es weg. Aber deutlich hat er das Kratzen von Händen am Karton gehört. Er stürzt dem Geräusch nach. Er schnappt zu.

Als er torkelnd aufsteht, bricht ein schwacher Strahl Mondlicht durch die Tür, Gestalten huschen hinaus.

Nach, nach!"

Draußen laufen sie, die Räuber, über das Feld.

Nach, los!" schreit Max erregt ins Dunkel zurück.

Endlich rührt sich der Jungenschaftsführer irgendwo im Dunkel des Heimes.

Los, Kameraden, Rache den bösen Räubern."

Er läßt antreten. Man denke, diese Umständlich­keit! Auzählen, einmal, zweimal. Max rast hinweg und kommt fluchend wieder.

Schneller, schneller, los!"

Fritz entschuldigt sich höflich.

Kameraden, es ist eine Gemeinheit, unserem Max das zu rauben, was er so heiß erkämpft hat.

Wir finden das gemein, wir verachten das, wir schwören Rache."

Mensch, du bist verrückt, los mal!"

Max heult:Ja, nur nach!"

Fritz teilt in zwei Gruppen ein, und los geht es.

Max rast an bet Spitze. Links herein bricht Fritzens Rettungskolonne. Er gedenkt, denFeind" einzukreisen, denn rechts und links ist freies Feld, vorn steigt der Wald in die Höhe.

Beda findet immerhin noch was zu meckern, von einer in tödlicher Angst schwebenden Brezel, die verzweifelt in den Armen der Räuber sich windet und gellende Hilferufe in den Wind plärrt.

Natürlich hatZicke" das Brezelungetüm ent­führt. Das war ausgemacht. Max istZicke" nicht besonders hold.Zicke" rast mit noch zweien eben den Hang hinauf, zwischen den Bäumen hindurch. Sie haben Schändliches vor.

Jetzt sind auch die andern im Wald und brechen über die dürren Aeste wie das wilde Heer. Manch­mal tauchen vorn wie Schatten die dreiFlücht­linge" zwischen den Stämmen auf, von Minute zu Minute näher. Max vergeht beinahe vor Rache­gelüsten.

Jäh stürzt ein Fels in die Tiefe, wo unten im Mondlicht ein Teichlein Wellen schlägt. Im Augen­blick sind die Jungen herbeigelaufen. DochZicke" hebt mit beiden Armen die Schachtel hoch, und ehe Max es verhindern kann, fliegt der Preis durch die Luft, glänzt auf im Licht, verschwindet in der Tiefe und klatscht deutlich irgendwo drunten auf.

Die Jungenschaft ist zurückgekehrt ins Heim, zu­letzt Max mit zusammengebissenen Zähnen.

Fritz fordert Ruhe. Er spricht von Kameradschaft. Viel braucht er schließlich nicht zu sagen, das meiste wissen die Dimpfe selbst. Dann grinst er zuletzt, als Max der Auflösung nahe ist.

Und wenn sie jetzt dir gehörte?"

Wieder war die Frage an Beda gerichtet.

Der druckst glückselig:Gäb für alle was!"

Hm, leicht gefagtr

Fritz langt unter den Tisch, kruschelt umher, zmD dann steigt strahlend eine neue ebenso schöne, große und leckere Brezel empor wie die erste. Fritz reicht sie Beda.

Max bekommt Stiekaugen.

... das heißt", erklärt Fritz xum Schluß,es ist dieselbe, weil sie vorsichtigerweise rechtzeitig aus» stieg!"

Und Max nimmt am Ende von Beda, der die Brezel verteilt, das Stück in Empfang, das ihm als Kamerad zufteht.