Hr.165 Dritter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerrtag.l8.Zuli 1935
Frankfurt a. M., 17. Juli, lieber die geistigen Zielsetzungen großer Ausstellungen dürfen die wirtschaftlichen Grundlagen und Auswirkungen nicht vergessen werden. Es ist wohl den Wenigsten bekannt, in welchem Umfange Ausstellungen auf die wirtschaftliche Entwicklung einwirken. Dies trifft insbesondere für solche Ausstellungen zu, die neben der kulturellen und politischen Zielsetzung auch die Wirtschaft fördern wollen, wie die große Ausstellung „Die Rhein-Mainische Wirtschaft", die vom 24. August bis 8. September 1935 auf dem Festhallengelände zu Frankfurt a. M. stattfindet. Aus diesem Grunde gab die Ausstellungsleitung am Mittwoch- nachmittag den Vertretern der Presse einen Einblick in die Vorbereitungsarbeiten dieser Ausstellung, wobei man erst einen Begriff davon erhielt, welche stärke Wirtschaftsbefruchtung allein von dem Aufbau und der Durchführung einer solchen Ausstellung ausgeht, ganz abgesehen von den späteren Nachwirkungen.
Was benötigt man zu dieser Ausstellung?
Der Laie kann sich nur schlecht ein Bild davon machen, welche ungeheuren Mengen an Holz, Stoffen, Nägeln usw. notwendig sind, um eine derartige Ausstellung aufzubauen. Natürlich ist es bei diesem Aufbau eine der wichtigsten Aufgaben, ein äußerlich schönes und gutes Bild zu bieten, aber trotzdem darauf zu achten, daß den Ausstellern keine unnötigen Ausgaben entstehen.. Dies wird in der Hauptsache dadurch erreicht, daß alles Material für die Aufbauarbeiten immer sorgfältig verwaltet wird, und dadurch zu mehreren Ausstellungen benutzt werden kann. Die Ausstellung „Die Rhein-Mainische Wirtschaft", die bekanntlich das gesamte Festhallengelände umfaßt, ist die größte Ausstellung, die wir seit Jahren in Frankfurt gesehen haben. Es sind nicht weniger als zehn Doppel-Waggons Holz nötig, um allein den äußeren Rahmen der Stände aufzubauen. Die Trennwände der einzelnen Stände haben in ihrer Gesamtheit eine Länge von etwa fünf Kilometer; wenn man die Tische, die hierin aufgestellt werden, aneinanderreiht, so kommt man
auf die vorüberfliegende Landschaft oder das Weltmeer hat. Der Speisesaal trägt gleichfalls prachtvolle Gemälde, auf denen in zwangloser Reihenfolge die Haupteindrücke wiedergegeben sind, die man auf einer Fahrt von Friedrichshafen nach Pernambuco erhält. Da findet man die Zeppelinwerft mit dem Bodensee, Landschaftspartien aus Spanien, die Insel Jliza, sowie die Pflanzen- und Tierwelt der auf der Ueberfahrt berührten Gegenden, darunter die Küste von Afrika und natürlich auch Südamerika.
Während so der Speisesaal den Fahrgästen Geographie vermittelt, ist in der großen Aufent- tz a l t s h a l l e in prächtigen Gemälden die Geschichte der Ozeanüberquerungen verewigt. Da findet man die primitivsten Schiffe der ersten Entdeckungsfahrer, die dann abgelöst werden durch die Verkehrsmittel unserer Tage. In Kabinen m i t fließendem Wasser, warm und kalt, sowie Duschbädern ist fünfzig Passagieren Unterkunft geboten. Die bequemen Betten kann man am Tage in der Decke verschwinden lassen oder auch in ein Couch verwandeln.
So wird das stolze, neue Schiff in jeder Hinsick'' in aller Welt deutschem Unternehmungsgeist und deutscher Wertarbeit zur Ehre gereichen.
schisfahrt unter dem Motto „Leichter als Luft". Die Serie beginnt mit den phantastischen Flugversuchen des Jesuitenpaters Francesco Lamas im Jahre 1670 und den ersten Ballonaufstiegen der Gebrüder Montgolfier, um dann in den modernen Verkehrsluftschiffen der Gegenwart einen monumentalen Abschluß zu finden.
Im ersten Stock des Luftschiffes liegt der geräumige Speisesaal, zu dem die elektrisch gekochten Speisen im Aufzug aus der im Untergeschoß gelegenen Küche gelangen. Ein prächtiger Konzertflügel bietet dort Möglichkeiten künstlerischer Unterhaltung, wie natürlich auch für eine moderne Radioanlage Sorge getragen ist. Die beiden übereinanderliegenden Stockwerke sind von zwei je fünfzehn Meter langen Promenadendecks umgeben, durch deren unzerbrechliche, schräg liegenden Cellon-Fenster man Ausblick
Das fliegende Grandhotel.
£. 3.129" im Rohbau vollendet. — Jungfernfahrt im Herbst. Das schönste Lustschiff der Welt.
90000 Tagewerke Arbeit bringtDie Rhein-Mainische Wirtschaft" Wirtschaftliches von einer großen Ausstellung.
Das neue deutsche Zeppelinluftschiff „L. Z. 129" ist im Rohbau nahezu vollendet. Es übertrifft mit seiner Länge von 248 Metern bei einem Gasinhalt von 190 000 Kubikmetern, den technischen Neuerungen und der unübertrefflichen Innenausstattung alle bisher gebauten Luftschiffe. Die Jungfernfahrt wird trotz aller Beschleunigung der Arbeiten -kaum vor Oktober erfolgen können.
Deutsche Technik, Innenarchitektur und Kunst haben miteinander gewetteifert, in dem neuen „L. Z. 129" ein unvergleichliches Wunderwerk ZU schaffen. Schon die Vorarbeiten standen im Zeichen umwälzender Neuerungen auf allen Gebieten. Im Gegensatz zu den bisher in Friedrichshafen konstruierten Luftschiffen vollzog sich der Bau von „L. Z. 129" geräuschlos. Früher verursachte die „Nietenklopferei" einen ungeheuren Lärm, diesmal wurden jedoch die etwa fünf Millionen Nieten, mit denen das Gerippe zusammengehalten wird, durch eine Riesenzange zusammengedrückt, deren ungewöhnlich lange Hebelarme einen Druck von mehr als vier Tonnen ausüben. Die Ballonhülle erhielt an der Innenseite zur Hintanhaltung schädlicher Folgen starker Bestrahlungen einen roten Anstrich. Deutsche Chemiker und Techniker haben in einträchtiger Zusammenarbeit einen bereits praktisch erprobten gasdichten „F i l ruft o f s" hergestellt, mit dem die 50 000 Quadratmeter Oberfläche der siebzehn inneren Ballone gasdicht gemacht wurden. Die bisher zur Abdichtung der inneren, als Gaskammern dienenden Ballone verwandte sogenannte Goldschlägerhaut, die aus den Schlingdärmen von Ochsen und Kälbern meist ausländischer Herkunft gewonnen wurde, ist hierdurch überflüssig geworden. Außerdem hat man einen neuen Apparat erfunden, der es ermöglichen soll, während der Fahrt zum Gewichtsausgleich des Brennstoffverbrauchs Feuchtigkeit aus der Luft zu gewinnen, um hiermit das Schiff unterwegs nach Belieben mit Ballast — und Gebrauchs- waffer versehen zu können.
„L. Z. 129" wird jedoch nach seiner Vollendung nicht nur das vollkommenste, schnellste und sicherste, sondern auch infolge seiner hervorragenden Innenausstattung von künstlerischer Vollendung das schön st e Luftschiff der Welt sein. Mit der Inneneinrichtung des Luftschiffes wurde der bekannte Berliner Architekt Professor Breuhaus betraut. In monatelangen Versuchen wurden die zweckmäßigsten Formen und Materialien für die Innenausstattung erprobt und gefunden. Holz hat Professor Breuhaus wegen feiner Schwere und leichten Brennbarkeit nach Möglichkeit als Werkstoff vermieden. Die Möbel im „L. Z. 129" werden daher durchweg aus verschiedenen Aluminium- I e g i e r u n g e n bestehen. Man findet da breite Bänke in den Wandelgängen, bequeme Armstühle und Tische verschiedener Größe. Auch die Sprungfedermatratzen der komfortablen Betten und die Waschbecken, ja selbst die Beleuchtungskörper, Blumenoasen und Aschenbecher bringen vollkommen neue Formen zum Ausdruck.
Ein technisches Wunderwerk für sich ist der R a u ch s a l o n. Wenn man in die dort auf Aluminiumtischen stehenden Aschenbecher eine noch glühende Zigarre oder Zigarette wirft, so klappen ine Aschenbehälter sofort luftdicht zusammen, wodurch jedes Feuer automatisch erlischt. Die Wände des Rauchsalons werden mit abwaschbarem Leder verkleidet. Man sieht hierauf Bilder aus der Luft
auf die stattliche Anzahl von etwa acht Kilometer. Mit den 1700 bis 2000 Sitzgelegenheiten, die in sämtlichen Ausstellungshallen benötigt werden, kann man etwa das Frankfurter Opernhaus (1805 Plätze) ausftatten. Um diese Wände zu bespannen, sind nicht weniger als 80 000 Meter Stoff notwendig. Wir können hiermit also ein Sonnendach über die Reichsautobahn von Frankfurt nach Heidelberg ziehen. Zur Befestigung dieser Stoffe und zum Aufbau der Stände werden etwa fünf Millionen Nägel benötigt. Eine besonders schwierige Aufgabe stellt die einheitliche Beschriftung dieser Stände dar, denn es sind etwa 30 000 Buchstaben anzubringen. Hierzu muß ein Buchstabenlager von 150000 Stück in verschiedenen Farben, Großen und Schriftarten bereit gehalten werden.
90000 Tagewerke Arbeit!
Wir sehen schon aus diesem Materialverbrauch, daß die Arbeit des Aufbaues nicht klein ist. Wenn wir aber einmal einen Versuch machen, die Tagewerke zu errechnen, die eine solche Ausstellung mit sich bringt, so tritt hierbei erst die wirtschaftliche Tragweite voll in die Erscheinung. Natürlich läßt sich nicht genau errechnen, wie viele Tagewerke die Ausstellung einschließlich der Aufträge bringt. Das vorhandene Material kann nicht eingerechnet werden; die riesigen Aufträge, die zur Werbung und zur Organisation der Veranstaltung ausgegeben werden, müssen unberücksichtigt bleiben; ebenso die Arbeiten, die in den Betrieben der Aussteller eigens für diese Ausstellung durchgeführt werden, da alle diese Arbeiten nicht zuverlässig zu schätzen sind. Wir können daher nur die zusätzliche Arbeit auf dem Ausftellungsgelände ermitteln, die erheblich erhöht werden müssen, wenn die weitergehenden Wir- •fungen einbezogen werden.
Schon allein die Vorbearbeitung des oben aufgezählten Materials nimmt etwa 3000 Tagewerke in Anspruch, bevor überhaupt mit dem Aufbau der Ausstellung begonnen werden kann. Den Aufbau selbst kann man auf dem gesamten Festhallengelände mit etwa 22 000 Tagewerken berechnen,
denn er nimmt volle sechs Wochen in Anspruch, und in den letzten beiden Wochen vor der Ausstellung sind immer 500 bis 700 Mann im Gelände tätig. Weit größer ist aber noch der Bedarf an Arbeitskräften während der Ausstellung selbst, denn die Aussteller können nur einen Teil ihres eigenen Personals mitnehmen, da dasselbe ja in den Heimatbetrieben benötigt wird. Es kommen weiterhin Aufsicht, Verwaltung usw. hinzu, so daß die Arbeit mit etwa 60 000 Tagewerken während der Ausstellung bestimmt nicht zu hoch gegriffen ist. Der Abbau geht natürlich erheblich schneller oonftatten, aber auch hierfür sind immer noch 4 bis 5000 Tagewerke notwendig, bis das Gelände wieder frei für eine neue Ausstellung ist. Also rund 90 000 Tage- werke zusätzlicher Arbeit werden durch diese Ausstellung beschafft, ohne den Arbeitseinsatz, der durch die Aufträge außerhalb des Ausstellungsgeländes und durch die reinen Verwaltungsvorarbeiten her- vorgerufen wird.
Wir haben hier eine durchaus lohnintensive Arbeit, also einen Beitrag zur Arbeitsbeschaffung, wie er besser kaum vorzustellen ist.
Rhein-Mainisches Leben im Bild.
Ein besonderer Anziehungspunkt der Ausstellung wird eine Bilderfolge an den Rängen der Festballe sein, die in riesigen Gemälden das Rhein-Mainische Wirtschaftsleben darstellt. 21 große Bilder von 8 Meter Länge und 4,50 Meter Höhe zeigen uns typische Eindrücke Rhein-Mainischer Landschaft und Rhein-Mainischer Arbeit. 8 Bilder von 6 Meter Höhe und 3,50 Meter Breite stellen uns die Typen des Rhein-Mainischen Arbeiters der Stirn und der Faust dar, und 12 Wappensäulen kennzeichnen die Zusammenarbeit von Stadt und Land innerhalb unseres Gebietes. Auch hier einige Zahlen, die dem Laien verdeutlichen mögen, welche Arbeit in dieser Ausstellung stecken wird, wenn sie erst fertig ist. Nicht weniger als 6 Zentner Farbe werden zu dieser Bilderreihe benötigt, etwa 3 Zentner Leim sind notwendig, um die Bilder haltbar zu machen, und etwa 4 bis 5 Hektoliter Wasser zum Anrühren der Farben werden benötigt.
Rundsunfproqranim.
Freitag, 19. Juli.
6 Uhr: Choral — Morgenspruch. Gymnastik. 6.15: Blasmusik. In der Pause, 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Sendepause. 9: Werbekonzert. 10: Sendepause. 10.50: Praktische Ratschläge für Küche und Haus. 11.30: Sozialdienst. 11.45: Bauernfunk. 12: Mittagskonzert I. Musikalische Schattenspiele. 13: Nachrichten. Nachrichten aus dem Sendebezirk. 13.15: Mittagskonzert II. Walzen und Schieben — ganz nach Belieben. 14: Nachrichten. 14.15: Wirtschaftsbericht. 15: Nachrichten. 15.15: Für die Frau. 16: Kleines Konzert. 16.30: Kampf um das Reich — Kaiser und Papst. Der Jnvestiturstreit, die erste Verfassungskrise des Reiches. 16.45: Japan, der Staat im Osten (III). Die Orientierungslinien der japanischen Exportpolitik. 17: Nachmittagskonzert. 18.30: Jugendfunk. 18.45: Das Leben spricht! 19: Unterhaltungskonzert. 19.40: Die Geburtsstunde des Fernsehens. Plauderei über Paul Nipkow. Von Heinz Gehlhar (Wachswiedergabe). 19.50: Der Tagesspiegel des Reichssenders Frankfurt. 20: Nachrichten. 20.15: Stunde der Nation. 20.45: Unterhaltungskonzert. 21.30: Kurioser Kaffeeklatsch. Sketsch mit Musik. 22: Nachrichten. 22.15: Nachrichten aus dem Sendebezirk. 22.20: Sportschau der Woche. 22.45: „Grüß enk God, all' Leut, was Zualosa send." (Eine bunte Reihe Volksmusik.) 24 bis 2: Nachtmusik.
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5 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Sie wußte, welchen hohen Begriff er von der Ehe hatte. Nie hatte sie ihm zugetraut, um äußerer Vorteile willen sich zu binden. So war es ihr gar nicht nötig erschienen, daß ihr Name ausdrücklich im Testament genannt wurde. Dor der Welt sollte es den Anschein haben, als ob Dietrich ganz freiwillig zu ihr zurückgekehrt wäre. Nun hatte er ihr den entscheidenden Strich durch das Spiel gemacht. Sie hatte verloren. Es blieb ihr nichts, als abzureisen. , .
Wütend riß sie die Kleider aus den Schränken, warf sie achtlos in den Koffer hinein. Eine Nacht mußte sie noch hierbleiben. Es ging heute abend fein Zug mehr von «Station Veltheim nach Dresden zurück. Sie mußte noch eine Nacht die Gastfreundschaft Dietrichs annehmen.
Sie durfte gar nicht daran denken, daß sie heute abend mit ihm und diesem Justizrat Niemann zusammen am Tisch sitzen, Konversation machen, unbefangen erscheinen sollte. Aber wenn sie nicht bei Tisch erschien und sich das Essen auf ihrem Zimmer servieren ließ, würde die Dienerschaft noch mehr tuscheln. Nein, sie mußte schon Fassung bewahren.
Schritte ertönten im Korridor. Da wurde sie wahrscheinlich schon zum Tee gerufen. Hastig setzte sie sich an den Toilettentisch. Wie blaß sie war! Sie legte etwas Rot auf und fuhr sich mit der Puderquaste leicht über die Wangen.
Draußen klopfte es.
„Herein!" rief Jutta. Der Diener erschien auf der Schwelle.
„Gnädiges Fräulein, es ist Besuch für den jungen Herrn Grafen da. Aber der Herr Graf sind fortgegangen. Würden gnädiges Fräulein die Damen vielleicht empfangen?"
„Wer ist es denn?"
„Fräulein von Weckenroth und eine junge Dame, die ich nicht kenne."
„Führen Sie die Damen unten in den Salon.
Ich komme gleich."
Ein rachsüchtiges Lächeln legte sich um Juttas Lippen. Karla Weckenroth, die kam ihr gerade recht. Karla Weckenroth, die Jugendfreundin Dietrichs! Seit der Pensionszeit hatte sie Karla nicht wiedergesehen. Aber die alte Feindschaft gegen sie loderte sofort wieder in ihr auf.
Karla Weckenroth hatte immer etwas gegen sie gehabt. Am Ende war sie es, die Dietrich zu seiner jetzigen Haltung bestimmt hatte. Wie schön, daß Dietrich jetzt nicht da war! Nun konnte sie endlich einmal Karla Weckenroth sagen, was sie von ihr dachte.
In dem großen Salon mit den schonen, alten Empiremöbeln standen Karla Weckenroth und Marlen Korda. Karla Weckenroth hatte sich den Pelz vom Diener abnehmen lassen. Sie stand klein, zart, mit ihrem blassen Gesichtchen vor Marlen, die sie um einen Kopf überragte. Marlen Korda hatte noch den Mantel an. lieber dem grauen, hochgestellten Stoffkragen leuchtete ihr klares, reines Gesicht mit dem zarten Munde und den großen, ernsten Augen.
„Nein, Liebes!" sagte sie. „Laß mich bitte draußen im Wagen warten. Ich kenne Fräulein von Bergfelde gar nicht. Sie ist in tiefer Trauer um ihre Tante. Ich mochte da als Fremde nicht so mit hereingeschneit kommen. Ich bin ja auch nur mit- gefahren, um dich während der Fahrt.zu begleiten. Ich warte lieber draußen — um so mehr", fügte sie lächelnd hinzu, „als dein Dietrich ja nicht hier ist."
„Ausgeschlossen", erklärte Karla entschieden, „ich lasse dich nicht draußen warten. Es ist viel zu kalt dazu."
„Das gnädige Fräulein kommt sofort", meldete jetzt der Diener.
- ,Kann Fräulein Korda vielleicht in einem anderen Zimmer Platz nehmen?" fragte Karla. „Ich möchte das gnädige Fräulein zunächst allein begrüßen."
„Bitte sehr!" Der Diener öffnete die Tür zu dem Nebenzimmer und schaltete das elektrische Licht ein. Man sah in ein kleines, behagliches Zimmer, das mit Biedermeiermöbeln ausgestattet war.
„Wenn das gnädige Fräulein hier Platz nehmen wollen?"
Marlen nickte und folgte dem Diener.
„Darf ich dem gnädigen Fräulein irgend etwas bringen?"
„Danke!" Marlen sah auf dem Tische ein paar Zeitungen und Broschüren liegen. „Ich lese hier ein bißchen, bis Fräulein von Weckenroth zurückfahren will."
Der Diener wollte ihr beim Ablegen des Mantels behilflich fein. Aber Marlen wehrte ab. Da der Hausherr nicht hier war, würde wohl auch Karla nicht lange bleiben. Sie wußte ja durch Karlas Erzählungen aus der Pensionszeit von Jutta von Bergfelde. Nach allem, was Karla berichtet.hatte, schien Jutta von Bergfelde kein besonders 'sympathischer Mensch zu fein. Das war auch mit der Grund, weswegen Marlen keine besonders große Lust gehabt hatte, Jutta von Bergfelde kennenzulernen.
Sie öffnete den Mantel ein wenig, denn es war warm im Zimmer, fetzte sich in den grünen Ripssessel und begann zu lesen. Es waren Broschüren über fremde Länder. Vermutlich Zeitschriften, die Dietrich von Veltheim mitgebracht hatte. Interessiert blätterte sie. Da stand sogar ein Artikel von ihm selber. Und dies hier mußte er sein auf dieser Photggraphie. Sie sah einen großen, schlan
ken Mann mit Tropenhelm im Khakianzug inmitten einer Gruppe schwarzer Eingeborener. Das Gesicht des Mannes hatte einen klugen und energischen Ausdruck.
„Dietrich von Veltheim, der bekannte Forscher, inmitten seiner Träger", stand darunter. Interessiert vertiefte sich Marlen in den Aufsatz und überhört ganz, daß im Nebenzimmer jetzt Stimmen laut wurden. Dort war eben Jutta von Bergfelde eingetreten. Karla Weckenroth erhob sich aus dem Sessel.
„Guten Tag, Jutta!" Sie ging ihr entgegen. Wie sie neben Jutta stand, wirkte sie noch kleiner und hinfälliger gegen die schlanke, große Gestalt Juttas.
„Guten Tag, Karla!" Jutta legte plötzlich ihre Hand in die Karlas. „Wie freundlich von dir, hierher zu kommen! Leider ist Dietrich nicht hier."
„Dann darf ich auch dir mein Beileid aussprechen, Jutta! Du hast ja auch durch den Tod deiner Tante viel verloren. Ich habe gehört, daß ihr euch in den letzten Wochen vor dem Tode Frau Albertas sehr nahegekommen seid."
Juttas blaue Augen überzogen sich mit einem feuchten Schimmer:
„Ja, wir haben uns sehr gut verstanden, Tante Alberta und ich. Es ist mir, als wäre meine Mutter gestorben."
Ihre Stimme zitterte.
Karla machte ein etwas verlegenes Gesicht. In der ganzen Art, wie Jutta sprach mit diesem leidenden, schmerzvollen Ton, war für ihr unbestechliches Gefühl etwas Komödiantenhaftes.
„Bitte, nimm Platz, Karla! Kann ich dir etwas reichen lassen? Oder" — ein lauernder Blick traf Karla — „willst du etwa schon gleich fort, weil du Dietrich nicht hier triffst?"
„Nein, keineswegs!" Karla sprach zögernd. Sie konnte sich nicht helfett. Sofort im ersten Zusammensein mit Jutta stieg die Abwehr gegen die ehemalige Pensionsgenossin wieder^ in ihr auf. Während sie Platz nahm, prüfte sie unmerklich Juttas Haltung. Was. war es nur, das ihr an Jutta von Bergfelde unsympathisch war? Sie war doch ein wunderschönes Menschenkind, und gerade Karla, die durch ihren Unfall entstellt war, hatte eine um so leidenschaftlichere Bewunderung für Schönheit und Anmut. Das hatte sie ja auch sofort an Marlen so angezogen.
Wer war eigentlich die Schönere? Jutta mit ihren veilchenblauen Augen, dem goldschimmernden Haar, der biegsamen Gestalt und den ebenmäßigen Zügen? Oder Marlen mit ihrem klaren, reinen Gesicht, den ernsten, grauen Augen, dem aschblonden, schlichten Haar und der schmalen, knabenhaften Gestalt? Vielleicht war Jutta eine vollkommene Schönheit. Aber dennoch, es ging etwas von ihr aus, was diese Schönheit minderte: Ihre Seele mar nicht schön. Karla wußte das aus vielen kleinen und unangenehmen Erlebnissen der Pen-
sionszeit. Bei Marlen aber war alles lauter und klar wie Gold. Und diese seelische Schönheit strahlte wohl auf das Aeußere bei Marlen über.
Darum hatte Karla auch Marlen gleich so innig liebgewonnen, als sie sie in dem Sanatorium in Wiesbaden tennengelernt J)atte. Sie konnte sich ein Leben ohne Marlen gar nicht mehr denken. Und doch würde sie sie hergeben müssen! Marlen mußte und wollte sich schließlich eine selbständige Existenz gründen.
„Wo bist du denn mit deinen Gedanken, Karla?" fragte Jutta spöttisch. „Du siehst ja aus, als wärst du weit fort von hier. Immer noch die poetische Träumerin aus unserer Pensionszeit? Da begreife ich, daß du zu meinem teuren Vetter Dietrich paßt. Der ist auch immer in einer anderen Welt. Die Wirklichkeit erkennt er nicht an."
Ein so gehässiger Klang lag in ihrer Stimme, daß Karla erschrocken aufsah.
„Ich habe Dietrich als einen Menschen kennen» gelernt, der durchaus auf dem Boden der Wirklichkeit steht."
Jutta lachte boshaft.
„Nun, du mußt ihn ja genau kennen. Ihr wart ja, so hat man mir erzählt, geradezu unzertrennlich."
„Wir waren sehr gute Freunde!" gab Karla schlicht zur Antwort.
„Freundschaft zwischen einem jungen Mann und einem jungen Mädchen?"
Wieder lachte Jutta spöttisch auf.
Karla sah Jutta ernst an.
„Ich weiß nicht, was du mit deinen Reden bezweckst, Jutta. Aber es sollte dir klar fein, zwischen m i r und einem Manne kann nur reine Freund- schäft sein. Etwas anderes ist doch ganz ausgeschlossen!"
Ihre Stimme senkte sich. Es zitterte leise von Schmerz um ihren Mund. Jeder andere wäre von dem stillen Leid in Karlas Worten gerührt gewesen und hätte sich geschämt. Aber Jutta war so blind in ihrem Haß gegen alles, was mit Dietrich in irgendeiner Beziehung stand, daß sie nicht an sich halten konnte.
„Ach so! Verzeih! Ich vergaß! — Vielleicht hast du recht. Da wärst du ja eigentlich der beste Ausweg für meinen teuren Vetter Dietrich."
Karla wurde immer befremdeter. Was redete Jutta da eigentlich?
„Willst du mir nicht erklären, was du eigentlich meinst, Jutta?"
„Oh, sehr gern! Dietrich würde es dir ja doch erzählen: Tante Alberta hat eine Testamentsbestim- mung gemacht, daß Dietrich Universalerbe wird, unter der Bedingung, daß er innerhalb eines Jahres heiratet. Na, und nun sucht er eben eine Frau. Da ich ihm vor zwei Jahren und auch jetzt wieder einen Korb gegeben habe."
Sie hatte das letzte mit erhobener Stimme gesagt.
(Fortsetzung folgt!)


