Ur. 165 Erster Blatt
185. Jahrgang
Donnerstag, 18. Zuli 1935
Erscheint tügltch, außer Sonntags und Feierlag, Beilagen: Die Illustrierte Gießener FamilienblStter Heimatun Bild • Die Scholle wanatr.vezugrpreir:
Mit 4 Beilagen RM. 1.95 Ohne Illustrierte e 1.80 Zustellgebühr.. , -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt
Kernsprechanschlüste
enter Sammelnummer 2251 Anschrift für Drahtnach* richten: Anzeiger Siehe«
Postscheckkonto:
Frankfurt am Main 11688
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
vruL und Verlag: vrühl'sche Unwerfitäts-Vuch- und Steinöruderci R. Lange in Gietzen. Schristleitung und Geschäftsstelle: Zchulftrahe 7
Annahme von Anzeigen für die Mittagsnummer bis 8l/,Uhr des Dormittags
Grundpreise für l mm hohe für Anzeigen von 22 mm Breite 7 Rpf., für Te;t- anzeigen oonTOmm Brette 60 Rpf.,Platzvorschrist oder schwieriger Satz 25°/0 mehr
ErmShigte Grundpreise:
Stellen-., Vereins-, gemeinnützige Anzeigen sowie ein. spaltige Gelegenheitsanzei- gen 5 Npf., ^amilienanzei- gen, Bäder-, Unterrichts- il. behördliche AnzeigenbRpf. Mengenabschlüsse Staffel B
Vernunft und Biologie.
Von Hermann (Stodie
Kaum ein weltanschaulicher Begriff ist uns in den letzten Jahren so verdächtig geworden, wie jener der reinen Vernunft, mag dieser Verdacht als Feindschaft gegen den „Geist" oder als Ablehnung des „Intellektualismus" erscheinen. Er rechtfertigt sich aus dem Versagen einer Geisteshaltung, die vas kulturelle Gebäude der letzten Jahrhunderte getragen hatte, des Rationalismus. In der Renaissance hatte die Vernunft ihre geistige Herrschaft angetreten und sich später als Rationalismus des Gesamtlebens bemächtigt. Der Mensch, im Besitze dieses Lichtes „der kleine Gott der Welt", ?laubte sich, wenn nur die Vernunft zur Herrschaft omme, den unberechenbaren Zufälligkeiten und Ge
fahren des rein natürlichen, aus sich selbst quellenden Lebens entrückt. Dieses war nur Rohstoff und Vorstufe für eine vollkommenere, weil „vernünftige" Welt. Heute werden wir uns wieder der Selb- ständigkeit und Eigenwürde unseres rein menschlichen Seins bewußt, das nicht von logischen Sätzen, sondern aus den eigen« ft r e b i g e n Antrieben seines naturhaf- te n Wesens beherrscht wird. Es ist, als kehrten wir von einem unsicheren Jenseits in eine ursprüng- kiche Lage" zurück, in der das natürliche Diesseits wieder gilt und als gültige Macht die Vernunft in ihre Schranken zurückweist.
Womit hatte sie diese Schranken übersprungen? Sie hatte etwa den Begriff der reinen (Bered)« tigfeit geschaffen. Wenn sie aber die „Welt" (pereat mundus) dem Sieg der Gerechtigkeit opferte, bann hatte die reine Vernunft wohl einen Sieg er- fochten, aber auf Kosten des Lebens. Wurde die Kunst zu einer Angelegenheit rein geistiger Beziehungen, zu reiner Wortkunst, zu erhabener Welt- entrückcheit, zu einer art pour Part, dann wurde sie lebensfeindlich. Der Pazifismus vermeinte, ein höchstes Dernunftziel aufzustellen, gefährdete aber durch die Erweichung des Wehrwillens das Leben aufs schwerste. „Geistiges Leben" nannte man oft, was kein Leben mehr war, sondern sich in reiner Gedankenwelt ohne Zusammenhang mit dem natürlich-selbständigen Leben bewegte. Und das mar der Grundirrtum des Rationalismus, daß er glaubte, das menschliche Leben werde sich allmählich den Grundsätzen der reinen Vernunft unterwerfen. Zwar hatte Kant längst ihre Grenzen aufgezeigt, aber praktisch blieb das Lebensgefühl des rafionali- ftischen 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart Herr- fchend, am bedenklichsten auf dem Gebiet der reinen Lebenspraxis, der Politik.
Die große französische Revolution war der erste praktische Sieg des Rationalismus. Die „gesetzgebende Versammlung" erließ „eine feierliche Erklärung der Rechte des Menschen und Bürgers, damit die Beschlüsse der gesetzgebenden und der ausübenden Gewalt in jedem Augenblick mit dem Endziel jeder politischen Institution überhaupt ver- glichen werden können und dadurch ehrwürdiger werben; damit sich in Zukunft die Forderungen eines jeden Bürgers auf einfache und unantastbare Grundsätze stützen." Man glaubte ernstlich, damit für alle Zukunft das Leben geordnet und gegen den Einbruch der natürlichen Kräfte gesichert zu haben. Das Auftreten Napoleons wirkt wie eine strafende Ironie der Geschchte auf die Anmaßung der „Vernunft".
Aber Napoleon blieb ein Zwischenspiel, und die Vernunft-Ideen der Revolution beherrschen noch heute als die „Ideen der Zivilisation" überhaupt bas Lebensgefühl der westlichen Völker und ihrer politischen Vasallen. So wurde die Demokratie heilig gesprochen, die Gleichheit ein Dogma; her Völkerbund als demokratische Friedensidee wurde ein Glaubenswert: ein „Vertrag", mochte er noch so unmoralisch durch Erpressung zustande gekommen und einseitig diktiert fein, wurde allem durch sein demokratisches Gewand geheiligt. Ist Wilson wirklich ein Idealist der Demokratie gewesen? Dann ist sein physischer und geistiger Zusammenbruch aus dem Zusammenstoß seines Ideals mit solcher Art Demokratie wohl erklärlich. Doch mag die Wirklichkeit dieser „Zivilisation" noch so brüchig sein, man täte Unrecht, wollte man hier nur politische Heuchelei zu reinen Machtzwecken wittern. Es sind Wahnideen, letzte und nachher übersteigerte Ausläufer der rationalistischen Geisteshaltung, die aus Trägheit und dem Bedürfnis, die eigne Zivilisation als die europäische gelten zu lassen, festgehalten werden; zumal die diplomatische Konzertkunst dieser schlechten Musikanten auf bie alten Instrumente eingespielt ist.
Umgekehrt müssen wir verstehen, warum jene Völker unsere Abkehr von der Vernunft-Zivilisation als Rückfall in frühgeschichtliche Zustände und Barbarei bewerten. Muß doch eine Ideenwelt, wie die nationalsozialistische, die aus so irrationalen Quellen wie Rasse, Ehre, Boden usw. geflossen ist, den Erbpächtern des Rationalismus überaus unbequem fein. Zu ihrem Verständnis bedarf es einer Wandlung des Lebensgefühls, dieser eigentlichen Quelle aller Meinungen und Ueberzeugungen. Denn nicht aus dem reinen Denken stammen diese, Nicht aus der „Vernunft". Die natürliche Lebenswirklichkeit als letzte Kraft und Trägerin alles Seins bedient sich der Vernunft als eines menschlichen Werkzeugs. Zu dieser dienenden Stellung muß Die ins Selbstherrliche ausgewachsene Vernunft zurückgeführt werden. Die Vernunft will unerschütterliche Grundsätze, wenn diese auch das Leben vergewaltigen. Das Leben will erst einmal sich selbst, seine Erhaltung, seinen Fortbestand. Darum geht es heute darauf aus, die Vernunft zu einer biologischen Funktion zu machen.
Ein spanischer Denker, der ausgezeichnete Ortega y ©affet, hat in seinem Buche „Die Aufgabe unserer Zeit" diese Wendung zum „spon-
Abessinien braucht einen Hasen als Zugang zur Zivilisation.
Eine Unterredung mit dem Kaiser von Abessinien./Nur ein Gebietsaustausch kommt in Frage. Protest gegen die einseitige Waffensperre.
London, 18. Juli (DNB. Funkspruch). „Times" veröffentlicht ein Interview, das der Korre- vondent des Blattes in Addis Abeba mit dem Kaiser von Abessinien hatte. Der Kaiser erklärte, Abessinien wünsche, daß der Völkerbund ungefähr am 2 5. Juli bie Lage ) r ü f e und warte auf die Entscheidung, ohne nplomatische Schritte zu unternehmen. Abessinien erkenne den Wert des Schiedsvertrages von 1906 ür den Frieden an, aber Mussolini setze ) i e Entsendung von Truppen und Kriegsmaterial fort und drohe, persönlich zu erscheinen. Infolgedessen dürfte ein Vorgehen auf Grund dieses Vertrages jetzt keinen Wert haben, zumal ja Großbritannien die einzige der drei Signatarmächte fei, die auf einer Anwendung beharre. Der Kaiser erklärte sich sehr erfreut über die Haltung Hoares und Edens. In Abessinien werde keine Kritik daran iieübt, daß Großbritannien sich freie Hand bei der Bemühung um Frieden vorbehalte. Bisher habe weder Italien noch ein anderes Land Abessinien einen direkten Vorschlag über den Bau einer italienischen Eisenbahn von Erytrea nach Somaliland gemacht. Die Einzelheiten würden Schwierigkeiten machen. Aber Abessinien sei noch immer bereit, bie Frage zu erörtern.
Hebet bie Möglichkeit territorialer Zugeständnisse äußerte sich der Kaiser sehr entschieden. Es komme nur ein Austausch von Gebieten in Frage. Wenn das Angebot des Hafens von Zeila noch fortbestehe, dann sei er zu einer Gegenleistung an Italien bereit Der Umfang des Gebietes könne noch nicht bezeichnet werden, aber hinsichtlich seiner Lage bestehe kein Zweifel. Abessinien lehne es unbedingt ab, eine der nördlichen Provinzen abzulreten, die Bezirke von Arussi. Galla. Vale. Ciban und Boran kämen nicht in Frage. Es könne sichnurumeinen Teil von Ogaden (an der Grenze von Italienisch-Somaliland) handeln. Aber Voraus- sehung fei, daß das Angebot auf Abtretung von Zeila bestehen bleibe. Während seiner europäischen Reise habe er der britischen und französischen Regierung gegenüber heroorgehoben, daß Abessinien einen Hafen an der Küste des Roten Meeres brauche. Dies fei noch immer wichtiger als Darlehen oder sonstiger finanzieller Beistand. Der Hauptgrund für die Absperrung Abessiniens gegen die Zivilisation sei das Fehlen eines Hafens. Zu der Drohung Italiens, in Genf die Frage der Sklaverei aufzurollen, erklärte der Kaiser, die Sklaverei beschranke sich nicht auf Abessinien, sondern existiere auch in Tripolis und Erytrea, was die Italiener selbst zugeben und was dem Völkerbund bekannt sei.
Der Kaiser äußerle Ueberraschung darüber, daß Im Widerspruch zu dem Vertrag von 1931 der
Entsendung von Kriegsmaterial nach Abessinien Schwierigkeit gemacht würden, besonders von der Tschechoslowakei und Belgien. Er sagte, wenn dies bestehen bleibe, während Italien nach wie vor Kriegsmaterial in seine Kolonien schicke, bann werbe Abessinien nicht im Stanbe sein, seine Unabhängigkeit aufrechkzu- erhalten. Der Kaiser schloß, wenn Italien ben Krieg erkläre ober wenn bie italienischen Truppen es wagten, bie Grenze zu überschreiten, werbe Abessinien sofort ben Kamps aufnehmen, unb gleichzeitig ben Völker- bunb anrufen.
Die „Times" schreibt zu dem Interview u. a.: Es fei beachtenswert, daß der Kaiser das Fehlen eines Seehafens als Haupthindernis für einen Forts chritt seines Landes betrachte. Es fei sehr unwahrscheinlich, daß die Abtretung eines
Teiles der unbewohnbaren Provinz Ogaden, auch wenn der verhältnismäßig fruchtbare Oberlauf des Schebeli-Flusfes dazu käme, Italiens Appetit nach „wertvollen Ländereien" befriedigen werde. Die Aeußerung über den Bau einer italienischen Eisenbahn deute darauf hin, daß Der Kaiser keinen Vorschlag er- wägen werde, der der italienischen Regierung die militärische Kontrolle über die Eisenbahn oder eine angrenzende Zone geben würde. Die Aeußerung über die Sklaverei sei nicht völlig überzeugend. Der Kauf von Sklaven würde zwar in Italienisch-Afrika und übrigens auch in den afrikanischen Schutzgebieten anderer europäischen Staaten geduldet, aber die Nachbarn Abessiniens beschwerten sich über Raubzüge v o n Sklavenjägern. Immerhin glaube niemand, daß die realistische italienische Regierung aus diesem Grunde ein großes Heer nach Oft- afrifa schicke.
3fl Avenols Mission gescheitert?
Behandlung des Abessinienkonflikts vor dem Völkerbund kaum zu vermeiden.
Paris, 18.Juli (DNB.) Die Bemühungen des Generalsekretärs des Völkerbundes, Avenol, in London und Paris zu erreichen, daß außerhalb des Völkerbundes Dreier-Verhandlungen zwischen England, Frankreich und Italien geführt würden, sind, wie Frau Tabouis im „Oeuvre" schreibt, gescheitert. Diese Regelung, die für Frankreich sehr a n - n e h m b a r gewesen wäre, sei an der Haltung der britischen sowie der italienischen Regierung zunichte geworden. Die Briten seien zu ihrer früheren Einstellung zurückgekehrt, den Streitfall vor dem Völkerbund zu regeln. Somit sei der Zusammentritt des Völkerbundsrat nach dem 2 5. Juli unvermeidlich geworden.
Die Bemühungen des französischen Botschafters in Rom, die Absichten Italiens kennenzulernen, hätten ebenfalls zu keinem Erfolge geführt. Mussolini beschranke sich darauf, allen hochgestellten Personen, die sich ihm näherten, zu erklären, daß das Ansehen Italiens einen Feldzug in Abessinien verlange und daß er nicht mehr Verhandlungen zu führen wünsche. Zwar handele es sich hier nur um ein Manöver, denn im letzten Augenblick werde er sich mit Abessinien „vergleichen".
Man suche daher angesichts der bevorstehenden Ratstagung zu einer neuen Taktik zu gelangen, die darin bestehe, Italien zu veranlassen, sich des Völkerbundes zu bedienen, anstatt sich gegen ihn zu wenden. Da Italien behaupte, umfangreiche Unterlagen für Anklagen gegen Abessinien wegen des dort herrschenden Sklavenhandels, wegen Grenzverletzungen, wegen Nichteinhaltung von Verträgen usw. zu be
sitzen, fei es empfehlenswert, diese Akten dem Völkerbundsrat zu unterbreiten.
,Echo de Paris" empfiehlt Italien ebenfalls, feine Vorwürfe gegen Abbeffinien dem Völkerbund vor- zulegen. Das Matt hegt jedoch über den Ausgang der Genfer Verhandlungen Zweifel und meint, man könne nicht sehen, wie auf friedlichem Wege eine Lösung zu erreichen sei. Unter diesen Umständen sei die Lage der französischen Regie- r u n g außerordentlich heikel. Werde sie gezwungen sein, nunmehr die Initiative zu ergreifen? Die französische Regierung stehe auf jeden Fall vor einer schwierigen Aufgabe.
„Gazzetta del popolo" meldet. ..
Mailand, 18. Juli (DNB. Funkspruch). „G a z- 3 e tt a bei P o p o l o" bringt aus der ägyptischen Zeitung „El Bassir" aus Alexandria die Behauptung, daß die englische Regierung an den Grenzen der englischen Besitzungen Sudan, Kenya und Britisch-Somaliland zahlreiche mit dem modern st en W a ffen ausgerüstete Truppenteile zusammenziehe, um für jedes Ereignis vorbereitet zu fein.
Die Turiner „Stamp a" schreibt, England fetze feine alten Manöver mit anderer Musik und geänderten Methoden fort. England suche Italien durch schöne Worte hinter das Licht z u f ü h r e n. Es habe die Absicht, es soweit zu bringen, daß Italien die Geduld verliere. Die Mobilisierung des Völkerbundes fei eine längst überholte Hypothese. Italien setze seine Mobilisierung auf eine andere Art fort. Ohne vorherige Zustimmung Frankreichs fei übrigens jedes Völkerbundsmanöver zum Mißerfolg verurteilt.
tanen" Leben, wie er es nennt, als eine „Wendung des allabendländischen Lebensgefühls um 90 Grad" gekennzeichnet. Er verlangt aus dem Lebensgefühl des modernen Menschen heraus, daß unser Denken nicht nur auf eine letzte Wahrheit ausgehe, sondern auch unsere innere Ueberjeu* gung achte. Unser Wollen soll sich nicht allein auf die Vollkommenheit an sich richten, sondern auch unsere Tatlust anregen. Unser Gefühl soll nicht eine blasse, reine Schönheit erreichen wollen, sondern auch unserem natürlichen Wohlgefallen Genüge tun.
Auch für die politische Idee dürfen wir beanspruchen, daß sie nicht die höchsten Ansprüche der Vernunft zu erfüllen suche, sondern zuerst unser Leben selbst, seine Würde; Kraft und Zukunft sichere. Ebenso ist es mit der Kult u r überhaupt. Ortega deutet auf den „Schiffbruch der Kultur", wie der Krieg ihn offenbarte. In der historischen Stunde, da sie als höchster Ausdruck der Vernunft ihre Macht hätte ausleben müssen, da erwies sich ihr Kern als hohl; die Völker hatten keinen Glauben an sie. Sie wird als hoher Lebenswert nur dauern, wenn sie beständig aus der Quelle des lebendigen Menschentums gespeist wird. Nietzsche hatte prophezeit: „Was wir heute Kultur Gesittung, Erziehung nennen, wird eines Tages Dor dem unerbittlichen Richter Dionysos zu erscheinen haben." Dionysos hat sein Urteil gesprochen.
Wie wir einst Kunst, Wissenschaft, Technik usw. zur Würde höchster Werte erhoben hatten, so handelt es sich nach Ortega „jetzt darum, das Leben, das bis jetzt eine nackte Tatsache, ein Zufall der Schöpfung war, zu sanktionieren, indem man aus ihm ein Prinzip, ein Recht macht." fiat man etwa früher gemeint, das „Leben" sei eine Art Zustand der Wilden, beherrscht von reiner Selbstsucht? Im Gegenteil, das Leben, sich selbst überlassen, neigt zur Selbstlosigkeit. „Das Leben ist die Verwirklichung des Altruismus in der Schöpfung, die ewige Wendung des Ich zum andern." Unser deutsches Erlebnis, das Erfahren eines höchsten Wertes,
der Kameradschaft, im Kriege bestätigt diese zuerst verblüffende Meinung.
Damit ist nach Ortega die Aufgabe unserer Zeit gestellt: „die Vernunft in die Biologie einzuordnen und dem Spontanen zu unterstellen". Erst leben und dann philosophieren! Dann wird alles Kulturelle, soweit es als Nur-Intellektuelles, Rein-Geistiges sich dem Leben als seiner Quelle und Mündung entzieht, ausgemerzt. Die Vernunft wird wieder Dienerin des Lebensdranges. Was dem Leben hilft, ist gut; was dem Gesamtleben schadet, verfällt in strenger Auslese der Vernichtung.
Diese Gedanken Ortegas umschreiben in ihrer weltanschaulich gefaßten Form die Grundzüge unseres neuen Weltbildes. Sie bestärkten uns in der Ueberzeugung, daß wir, zwar von Druck und Not gezwungen, hoch aus eigner ungebrochener Lebenskraft früher als die Völker des Westens d i e neuen Ufer erreicht haben.
Oie Reorganisation bei Hapag und Lloyd. Betriebsgesellschaften für den
Stordatlantikdienst.
B e r l i n, 17. Juli. (DNB.) Die Verwaltungen der Hamburb-Amerika-Linie und des Norddeutschen Lloyd teilen mit:
Im Zuge der Reorganisation der deutschen Groß- reebereien sind die Verwaltungen von Hapag und Lloyd unter Zustimmung ihrer Aufsichtsräte übereingekommen, die Geschäftsführungihrer Dienstenachund oonNeuyorkaufzwei Betriebsgesellschaften zu übertragen. Zu diesem Zwecke wurde in Hamburg die Hamburger Nordatlantikdienst GmbH., in Bremen die Bremer Nordatlantikdienst GmbH, gegründet. Die bisher von Hapag und Lloyd im Neuyork-Dienst beschäftigten Schiffe bleiben Eigentum der beiden Reedereien. Auch wird die Füh
rung der Dienste weiterhin unter der Flagge und dem Namen von Hapag und Lloyd erfolgen. Das Reich wird die Fortführung dieser Dienste i n ähnlicher Weise erleichtern, wie es in immer steigendem Ausmaße bei den auslän- dischenWettbewerbslinienfür den Nordatlantikverkehr geschieht.
Die Geschäftsführung der Bremer Betriebsgesellschaft wird in den Händen des Herrn Heinz S ch ü n g e I, die der Hamburger Betriebsgesellschaft in den Händen des Herrn Victor Neumann liegen. Die genannten Herren, die bisher schon den Nordatlantikdienst beim Lloyd und bei der Hapag geleitet haben, werden gleichzeitig den Verwaltungen beider Betriebsgesellschaften angeho- ren, um auch für die Zukunft eine nach einheitlichen Gesichtspunkten erfolgende Geschäftsführung des Gemeinfchaftsdienstes sicherzustellen. Die Herren Schüngel und Neumann werden formell aus den Vorständen des Lloyd und der Hapag ausscheiden. Lloyd und Hapag werden ihnen jedoch wechselseitig Generalvollmacht erteilen.
Die ohnehin schon schwierige Finanzlage der beiden Großreedereien hat sich infolge der Verluste der letzten Jahre, die sich namentlich aus der Zuspitzung des internationalen Wäh- rungs - und Subventionskampfes ergaben, weiter verschlechtert. Es erwies sich daher als notwendig, Sanierungsverhandlun- g e n einzuleiten. Mit einer starken Zusammenlegung des Aktienkapitals wird gerechnet werden müssen.
In Camden Town (Südwest-London) wurden im Anschluß an eine f a s ch i st i s ch e V e « f a m mlu n g 15 Schwarzhemden und 2 Frauen von einer Menschenmenge von etwa 600 Personen bedroht. Sie flüchteten sich in eine Garage und mehrere von ihnen wurden durch Flaschen unb andere Wurfgeschosse verletzt. 50 Polizisten ermöglichten den Belagerten einen ungestörten Abzug.


