Freude im Saarland.
Der Auszug der Emigranten.
Saarbrücken, 17.Jan. (DNB.) Durch die noch immer überreich beflaggten Straßen Saarbrückens rollen fast unbemerkt Möbelwagen, meist französischer Herkunft. Sie halten vor Häusern in den eleganteren Villenvierteln Saarbrückens. Wohnungen werden geräumt, die meist erst vor wenigen Monaten bezogen worden sind. Emigranten aus Deutschland, die hier von Devisenschmuggel und Hetzpropaganda gegen Deutschland lebten, Drahtzieher und Geldgeber der Ltatus-guo-Propaganda suchen sich unauffällig aus dem Staube zu machen. Sie haben einsehen müssen, daß das Saargebiet ihnen nicht länger als Asyl dienen kann. Niemand nimmt sonderlich Notiz von ihrem Auszug. Man atmet erleichtert auf, endlich diese Landplage los zu werden. Verschiedene Emigranten lassen sich von Freunden aus Nancy, Straßburg und Forbach mit französischen Wagen abholen, um schneller verduften zu können. Dichte Posten von Grenzbeamten sind überall an der französischen Grenze aufgebaut. Nur mit den schwer erhältlichen Bescheinigungen des französischen Konsulats in Saarbrücken ist die Einreise nach Frankreich möglich. Die „Prominenz" ist resllos verschwunden. Matz Braun und Fritz Pfordt haben über Genf die Flucht ergriffen. Sie schützen einstweilen die Wahrnehmung ihrer Belange bei den gegenwärtigen Ratsverhandlungen vor. Ueberall jedoch ließen sie durchblicken, daß sie dem Saargebiet endgültig den Rücken gekehrt haben. Johannes Hoffmann versuchte, für seine Person polizeilichen Schutz zu erlangen. Als ihm dieser abgelehnt wurde, zog er es gestern vor, in Richtung Forbach auf und davon zu gehen. Nach amtlichen Angaben von der französisch-saarländischen Grenze hatten bis Donnerstagabend, 20 Uhr, 4 7 4 Emigranten die französische Grenze überschritten.
Die schweizerische Regierung soll Matz Braun die Einreiseerlaubnis in die Schweiz verweigert haben. Matz Broun sei deshalb noch Forbach zurückgekehrt. „Jour" berichtet, daß 28 saarländische Kommunisten, die ohne Papiere von den französischen Grenzbehörden ausgenommen worden seien, sich sofort nach ihrem liebertritt mit französischen Kommunisten verbrüdert hätten. Die saarländischen Kommunisten seien unter dem Gesang der Internationale in Forbach eingezogen. Französischerseits habe man dies doch für etwas „sehr unangebracht" gehalten und die Kommunisten deshalb aufgefordert, sofort den französischen Boden zu verlassen.
Oie deutsch-saarländische Zollgrenze besteht weiter.
Saarbrücken, 17.Jan. (DNB.) Die Nachricht von der Errichtung einer französisch-saarländischen Zollgrenze hat vielfach zu der Auffasiung geführt, als sei damit die deutsch- saarländische Zollgrenze automatisch aufgehoben worden und der Warenverkehr über die saarländisch-deutsche Grenze könne ohne Beachtung von Zollvorschriften vonstatten gehen. Diefe Ansicht beruht auf einem Irrtum. Die Zoll-
Se zwischen dem Saargebiet und dem deutschen erlande besteht vorläufig unverändert weiter, und die bestehenden Zollvorschriften sind vorläufig noch nicht außer Kraft gesetzt.
Der Abschied der Abstimmungskommission.
Herzliches Verhältnis zur Bevölkerung.
Saarbrücken, 17. Jan. (DNB.) Der schwedische Abstimmungskommissar von Dudweiler Dr. S v a n st r ö m hat heute mit der gleichfalls bei der Abstimmungskommission beschäftigten Holländerin Frl. Greta de Wrede den Bund fürs Leben geschlossen. Das junge Paar legte besonderen Wert darauf, im Saargebiet, wo sie sich fermen» gelernt hatten, zu heiraten und sich in Dudweiler, der monatelangen Wirkungsstätte des jungen Ehemannes, trauen zu lassen.
Die über das ganze Gebiet verteilten A b st immun g s k o m m i s s a r e , die die Abstimmungsvorbereitungen in bestimmten, chnen zugewiesenen Bürgermeistereien zu überwachen hatten, sind mit viel innerlicher und ehrlicher Begeisterung bei ihrer Arbeit dabei gewesen. Sie haben bei aller ihnen obliegenden Neutralität persönlich allen Anteil an dem Schicksal dieses deutschen Gebietes genommen, und ihren ganzen Ehrgeiz dahin eingesetzt, daß die Abstimmungsvorbereitungen so lückenlos und vorbildlich wie möglich getroffen wurden. Die Bevölkerung wird den Abstimmungskommissaren bescheinigen, daß sie enge Berührung mit ihr suchten und fanden. Die deutsche Bevölkerung zollt ihrer unparteiischen Arbeit ebensolche Anerkennung wie ihrem menschlichen Interesse. Es ist hier gerade im Stillen viel gute und aufopferungsvolle Arbeit geleistet worden, für die wir den Menschen, die aus aller Herren Länder kamen, dankbar sein können. Wir glauben ihnen auch nach unserem Wahlsieg die Ehrlichkeit, mit der sie die klare Lösung der Saarfrage begrüßten. Sie, die sicher nicht mit schlechten Eindrücken aus dem deutschen Saarland in ihre Heimat zurückkehren, erkannten, welcher Geist in diesem abgesprengten und dem neuen Deutschland durch ein überwältigendes freiwilliges Bekenntnis wieder zugeführten deutschen Gebiet herrscht. Viele unter den uns jetzt verlassenden Ausländern fragen, wann der Führeran die Saar komme. Sie möchten diesen großen Tag mit der Bevölkerung, mit der sie sechs und mehr Monate zusammen waren, erleben.
1OOOOO RM. zur Linderung der Not im Saargebiet.
Berlin, 17. Jan. (DNB.) Der Reichs- und preußische Minister des Innern, Dr. Frick, hat an den Saarbevollmächtigten, B ü r ck e l, folgendes Telegramm gerichtet: Zur Linderung der Not des Saargebietes in den ärmsten Bevölkerungskreisen und zur Unterstützung von hilfsbedürfttgen Hinterbliebenen derjenigen, die für die Saarheimat ihr Leben hingegeben haben, stelle ich Ihnen einen Bettag von 100 000 RM. zur Verfügung.
Natürlich gebe es, wie Laval in seiner Rede im Völkerbund gesagt habe, noch wichtige Punkte, die endgültig zu regeln wären. Aber wenn der jetzige gute Wille bestehen bleibe, dann würden sich diese Formalitäten unter der geschickten Leitung des Ausschusses von Baron Aloisi innerhalb der festgesetzten Frist von sechs Wochen erledigen lassen. Untergeordnete Fragen müßten hinter der Hauptsache zurückstehen, und diese sei, wie Laval gestern gesagt habe, die Annäherung zwischen Deutsch, land und Frankreich.
Die Ostpaktbesprechungen.
Warschau, 18. Jan. (DNB. Funkspruch.) Die halbamttiche „Gazeta P o l s k a" bringt an der Spitze des Blattes unter der Ueberfchrift „Das Projekt des Ostpaktes auf dem toten Punkt" eine Sondermeldung der polnischen Telegraphenagentur aus Genf, der zufolge „in dortigen informierten Kreisen festgestellt werde, daß tue Genfer Besprechungen keine neuen Elemente zur Frage des Ostpaktes ergeben hätten". Diese in sehr allgemeinen Wendungen gehaltene Meldung wird in Warschauer gut unterrichteten Kreisen dahin er- läutert, daß sie einen Niederschlag der Gespräche zwischen Minister Laval und Beck darstelle. Sie bestätige also die Berichte französischer Blätter
aus (Senf, die ebenfalls hervorheben, daß sich die polnischen Bedenken gegen den Ostpakt auch nach der Unterredung Lavals mit Beck nichtver- ringert haben.
Eine berufsständische Verfassung für Estland.
Reval, 17. Jan. (DNB.) Estland wird eine neue Verfassung auf berufsständischer korporativer Grundlage erhalten. Zu diesem Zweck wird eine verfassunggebende Versammlung einberufön werden, an der Vertreter der berufsständischen Kammern, der Kommunalselbstverwaltungen, der völkischen Minderheiten, der Kirche, der Universität, des Schutzkorps, der Gerichte, der Kriegsteilnehmer, die mit dem Freiheitskreuz ausgezeichnet sind und ferner Volksvertreter, die auf der Grundlage des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechtes gewählt worden sind, teilnehmen werden. Die politischen Parteien sollen verschwinden. An ihre Stelle treten die berufs« ständischen Kammern, die in einem öffentlich-rechtlichen obersten Staatsorgan zusammengefaßt werden, das in Zukunft an d i e Stelle des Parlaments tritt.
Propaganda der Tat.
Werber für das Deutschtum kehren aus dem Ausland heim.
London, 18. Jan. (DNB.-Funkfpruch.) Die elf deutschen Seeleute, die im Dezember o. I. die heldenhafte Rettung der Schiffbrü- chigen des norwegischen Dampfers „Sisto" vollbracht hatten, trafen am Donnerstag in England ein. Sie verließen in Southampton ihr von Amerika nach Deutschland heimkehrendes Schiff, den Hapagdampfer „Neuyork" und begaben ich nach London, wo am heutigen Freitag die feierliche Uederreichung der Ehrsnmedail- l e n und einer besonderen Schiffplakette durch die weltbekannte englische Versicherungsgesell- ch a f t Lloyd stattfindet. Die deutschen Seeleute, rie in voller Uniform an Land gingen, fanden in England eine sehr herzliche Aufnahme. Kapitän von Maschke war eigens aus Hamburg nach England gefahren, um die Rettungsmannschaft abzuholen und sie bei ihrem Londoner Besuch zu begleiten.
Der erste Offizier, Wiesen, der Führer der Ret- tungsmannschaft, erklärte, daß er sich ganz besonders über die englische Auszeichnung freue, da die Ehrenmedaille von Lloyd nur sehrselten ner- liehen werde und in diesem Fall eine völlig selbstlose Anerkennung der Rettungstat bedeute. Wiesen berichtete auch sehr erfreut über die schöne Auf- nahmederRettungsmannschaftinAme, r i f a. Besonders freuten wir uns darüber, so erklärte Wiesen, daß uns Präsident Roosevelt ein
Glückwunschtelegramm schickte. Aber die größte Freude für uns war der wunderbare Sieg Deutschlands im Saargebiet, den wir auf hoher See erfuhren und freudig feierten. Besonders schön war es, daß viele ausländische Fahrgäste uns zu dem Abstimmungsergebnis beglückwünschten."
An Bord der „Neuyork" befanden sich auch die beiden deutschen Fliegerinnen Thea Rasche und Elli Beinhorn. Elli Beinhorn erklärte, daß sie außerordentlich befriedigt über ihre Amerika- Reise sei. „Ueberall in den mittelamerikanischen Staaten — Panama, Nicaragua, Mexiko usw. — wurde ich aufs herzlichste begrüßt und bei jeder Gelegenheit unterstützt. Höchststehende Persönlichkeiten, darunter auch Staatsoberhäupter haben mich als Vertreterin der deutschen Fliegerinnen bs- arützt und meine Unternehmungen gefördert." Auch Thea Rasche hatte sehr viel Interessantes über ihren Aufenthalt in Amerika zu berichten. Sie hatte als einzige Frau in dem holländischen Douglas- Flugzeug an dem Luftrennen nach Australien teilgenommen. Eine besondere Ehrung wurde ihr durch Frau Roosevelt zuteil, von der sie im Weißen Haus in Washington empfangen wurde. Thea Rasche berichtet, daß besonders im Westen Amerikas sehr viel Anerkennung und Freundlichkeit für das neue Deutschland vorhanden fei.
Lloyd George verkündet einen
großen:
iederanfbanplan für England.
Die Senser Entscheidung wird überall begrüßt.
Ein erfreulicher Anstatt.
Berlin, 18. Jan. (DNB.) Der „Völkische Beobachter" weist auf die Verdienste hin, die sich der S a a r a u s s ch u ß mit seiner Vermittlungstätigkeit erworben habe, sowie auf das Ent- geaenkommen, das Frankreich nicht nur am Schluß der Verhandlungen der letzten 48 Stunden, sondern in hoffnungsvoller Weise für die Zukunft auch in den Erklärungen des französischen Außenministers an den Tag gelegt habe. Die Ausführungen Lavals, so schreibt das Blatt, waren zwar viel weniger positiv als die vorgestrigen Ausführungen des Führers, außerdem waren sie durch viele neue Probleme belastet. Aber sie sind immerhin ein Auftakt, ein erster Schritt, der hoffentlich zu einer deutsch-französischen Aussöhnung führen wird. Im Lichte dieser Ausführungen Lavals wollen wir auch die kommenden deutsch-französischen Verhandlungen betrachten, „bie in Rom, Saar- drücken und Basel stattfinden dürsten, und die hoffentlich eine außerordentliche Tagung des Völker- bundsrates ebenso überflüssig machen werden, wie alle , willkürlichen Auslegungsversuche der Texte, zu deren Ausarbeitung die Verhandlungen der letzten Tage geführt haben.
Echo der pariser presse.
Paris, 18. Jan. (DNB.-Funkspruch.) Die Pariser Morgenpresse zeigt sich im allgemeinen mit dem Ausgang der gestrigen Völkerbundssitzunb und der mit Deutschland zustandegekommenen Einigung zufrieden. „Excelsior" erklärt, man müsse, um ehrlich zu sein, zugeben, daß diese Einigung zum großen Teil dem Weitblick und dem verträglichen Geist der Reichsregierung zu verdanken sei, der auch vom französischen Außenminister anerkannt werde. Die Lösung der Saarfrage eröffne günstige Aussichten für eine deutsch - französische Annäherung, allerdings könne diese Annäherung sich nicht ausschließlich auf mündliche Versicherungen stützen, sondern müsse sich, um dauerhaft zu sein, auf einer Gesamtheit von Abkommen a u f b a u e n , die für die Zukunft jede Beunruhigung ausschlössen.
Auch das „Journal" ist der Ansicht, daß die deutsch-französische Zusammenarbeit in den letzten 48 Stunden eine bedeutende Rolle gespielt habe, um mit der Kleinigkeitskrämerei und Bürokratie des Völkerbundes fertig zu werden. Das Blatt wirft dem sowjetrussischen Vertreter vor, sich bei seinen Ausführungen s o ungeschickt wie nur möglich benommen zu haben. Er habe mit jener ihm eigenen Ironie gesprochen, die sich gegen i h n f e l b ft richten müsse, wenn er das freie Bestimmungsrecht der Völker erwähne, das gerade bei dem unterdrückten russischen Volk eine s o eigentümliche Anwendung finde. Es sei doch immerhin bemerkenswert, daß ausgerechnet die Sowjets sich einbildeten, den zivilisierten Nationen Lehren ertellen zu können.
Der Außenpolitiker des „Echo de Paris", Per- t i n a x, ist natürlich mtt den in Genf getroffenen Vereinbarungen nicht einverstanden, sondern spricht von einer Demütigung der internationalen Auto
rität. Die deutschen Unterhändler hätten brutal alles gefordert und nur widerwillig ein Kompromiß angenommen. Der Völkerbund, der sich seiner Machtlosigkeit bewußt gewesen sei, habe sich den Forderungen der Reichsreaierung gefügt. Auch der „Jour" ist der Ansicht, daß die erste Handlung der Reichsregierung nach der Saarabsttrnmung keine Handlung der allgemeinen Befriedung gewesen sei, denn sie habe sich gegenüber den Forderungen des Völkerbundes sehr unnachgiebig gezeigt.
Die Ausführungen des französischen Außenministers finden allgemeine Zustimmung. Auf die friedfertigen Erklärungen des Führers, so schreibt der „Pettt Parisien", habe Laval mit einem Programm der Wiederversöhnung und des Friedens geantwortet. Auf die Gleichberechtigungsforderung des deutschen Volkes habe er mit dem Recht Frankreichs und feiner Freunde auf Sicherheit geantwortet. Sein Hinweis, daß er Wert darauf gelegt habe, seine Erklärung vor dem Völkerbund abzugeben, habe bedeutet, daß Frankreich weder Koalitionen noch zweiseitige Verträge wünsche und Deutschland auf Genfer Boden verhandeln müsse, wenn es aufrichtig mit Frankreich Zusammenarbeiten wolle.
Das „Journal" unterstreicht, daß der französische Außenminister absichtlich die Tür für eine Verständigung mit Deutschland sehr weit geöffnet habe. Man könne Laval nicht ben Vorwurf machen, den Wünschen des Reiches nicht weit genug entgegengekommen zu fein, denn er habe nicht nur die berühmte Erklärung vom 11. Dezember 1932 über die Gleichberechtigung in der Rüstungs- und Sicherheitsfrage wiederholt, sondern sie noch ausdrücklich unterstrichen. Das „Oeuvre" bemerkt, daß jeder Mensch hinter dieser Rede des französischen Außenministers den leidenschaftlichen Einsatz für den A b - chluß eines Ost Paktes erraten habe. Die französische Note, die in dieser Angelegenheit An- ang der Woche in Berlin überreicht worden sei, etze als Preis für die Anerkennung der Gleichberechtigung den Beitritt Deutschlands zu diesem Ostpakt voraus.
London hochbefn'ebigt.
London, 18. Jan. (DNB. Funkspruch.) Die Morgenpresse be g r ü ß t mit Erleichterung die Nach- richt von der Beseitigung der Hindernisse, die eine Klärung der Saarfrage im letzten Augenblick zu verzögern drohten. „Daily Telegraph" beglückwünscht Baron Aloisi und seinen Ausschuß und preist die Vernunft und den guten Willen, den Deutschland und Frankreich bewiesen hätten. Die Festsetzung der Saarübergabe auf einen so frühen Zeitpunkt wie den 1. März sei eine erfreuliche Nachricht. Wichtig für die Zukunft sei der Beweis guten Willens, der darin zum Ausdruck gekommen sei, daß Deutschland und Frankreich ohne Zeitverlust ihre verschiedenartigen Ansichten aufeinander abgestimmt hätten.
„Times" sagt, in dem bewundernswerten Geist der Vernunft, der jetzt vorherrsche, seien die deutschen wie die französischen Forderungen erfüllt worden. Die französische Delegation habe einige etwas anspruchsvolle Forderungen gestellt: es fei ZU hoffen, daß beide Seiten einander weiterhin in großzügigem Geiste begegnen würben.
London, 17. Jan. (DNB.) Der ehemalige eng- lifche Ministerpräsident Lloyd George eröffnete in Banger (Wales) seinen feit Wochen angekündigten Feldzug für ein New Deal, d. h. eine völlig neue Verteilung der Kräfte. Lloyd George wandte sich gegen die Theoretiker, die in der öffentlichen Arbeitsbeschaf- f u n g fein Mittel für die Behebung der Arbeitslosigkeit und für den Wiederaufbau sehen wollen. Es ist hohe Zeit, daß unsere Regierung die hoffnungslose Politik des Abwartens aufgibt, die nur dazu geführt hat, daß trotz aller Versicherungen über eine langsame, aber stetige Wiederbelebung des Handels die Arbeitslosenziffer heute noch höher steht, als im vergangenen Jahre.
Der Redner gab einen Ueberblick über die i n - ternationale Lage, als deren Hauptproblem er die Friedensficherung bezeichnete. „Ich glaube, die Lage ist jetzt für einen neuen V e r- such einer allgemeinen Befriedung reif. Eine starke Politik unter kühner, entschlossener und fester Führung Großbritanniens kann die heikle und gefahrvolle internationale Lage bessern. Nur eine solche Politik kann die Gefahren bannen, die den Frieden im Osten und im Westen bedrohen. Die Welt wird nicht zögern, die internationalen Meinungsverschiedenheiten zu regeln, wenn Großbritannien in der Abrüstungsfrage und im Fernen Osten eine klare Führung übernimmt. Die erste Bedingung für den Erfolg ist ein völliges Einvernehmen mit Amerika. Die gemeinsamen Bemühungen dieser beiden Länder können den Frieden der Welt sichern.
Lloyd George entwickelte alsdann einen Plan für den wirtschaftlichen Wiederaufbau. Er empfiehlt die Einsetzung eines ständigen unabhängigen und mit allen Vollmachten ausge
rüsteten Wirtschaftsrats aus Vertretern der Industrie, des Handels, der Finanzen, der Arbeiterschaft und der Wirtschaftswissenschaft. Das Parlament müsse sich daraus beschränken, die gesetzgeberischen Grundlagen für Das Rahmenprogramm ZU schaffen, während die Durchführung der Einzelheiten der Exekutive überlassen bleiben soll. Lloyd George schlägt ferner die Wiederherstellung des Grundsatzes des alten Kriegskabinetts vor, „das zweifellos das aktivste und wirksamste Instrument war, das England in feiner Geschichte erlebt hat". Das gewöhnliche Kabinett besteht aus rund 20 Männern, die von den Einzelheiten der verwaltungsmäßigen Arbeit so in Anspruch genommen sind, daß ihnen sowohl die Zeit als auch die Energie fehlt, um ihre Aufmerksamkeit den wirklich wichtigen Problemen zu widmen. Stattdessen empfiehlt Lloyd George eine Kabinett aus nicht mehr als fünf befähigten Männern, dia von der Kleinarbeit ihrer Ministerien frei sein müssen.
Besondere Aufmerksamkeit schenkte Lloyd George der Landwirtschaft. Während in England nur 7 v. H. der Bevölkerung von der Landwirtschaft lebe, betrage der entsprechende Prozentsatz in dem dicht bevölkerten Belgien 19 v. H. und in Deutsch- land sogar 30,5 v. H. Da in England die Marktvoraussetzungen gegeben sind, bestehe kein Grund, warum nicht die Bodenfläche besser aus- genutzt werden solle. England hat Tausende von Millionen für die Zerstörung des Krieges ausgegeben, warum soll es heute davor zurückschrecken, einige hundert Millionen bereitzustellen, um die Schäden zu beheben, die der Krieg verursacht hat. Eine große Prosperitätsanleihe würde von einem begeisterten Publikum überzeichnet werden.
Wirtschaftspolitische Umschau.
Don unserer Berliner ZRebattion.
Der ungeheure Aufstieg der deutschen Eisenerzeugung wird durch die Feststellung blitzlicht- artig beleuchtet, daß im Jahre 1934 in Deutschland doppelt so viel Eisen und Stahl produziert worden ist wie im Jahre 1932, dem Jahre des konjunkturellen Tiefstandes. Zu dieser außerordentlich günstigen Entwicklung der Eisenwirtschaft hat neben den großen Wirtschaftsbelebungsaktionen der national- ozialistischen Regierung zweifellos auch die Neu- ordnung im deutschen Eisenhandel' beigetragen, die dazu geführt hat, daß der Wettbewerb zwischen dem freien Handel und dem Werkshandsl durch eine vernünftige Zusammenarbeit ersetzt worden ist. Der gestärkte Handel vermag nun seiner Aufgabe der ,Lagerhaltung wieder besser nachzu- kommen. Infolgedessen ist die Produktion gleichmäßig er geworden, und es gibt nicht mehr jene großen Schwankungen zwischen einer stoßweisen Bedarfsdeckung und einem plötzlichen Nachlassen der Nachfrage. Ein Teil der in den Krisenjahren aus- geblasenen Hochöfen ist im letzten Jahre wieher in Betrieb gesetzt worden: Während vor einem Jahre nur noch 42 deutsche Hochöfen arbeiteten, ist deren Zahl jetzt auf 72 gestiegen. Neben dem Jnlandsver- brauch hat sich, wenn auch in geringerem Ausmaß, auch der Export von Eisen erhöht. Er betrug in den ersten elf Monaten des verflossenen Jahres 1,69 Millionen Tonnen gegenüber 1,20 Mil- lionen Tonnen in der gleichen Zeit des Vorjahres. Allerdings erweist sich die B i n d u n g der deutschen
Eisenindustrie an das internationale Ex- fl o r t k a r t e l l in steigendem Maße als ein Hindernis für die Ausweitung der deutschen Eisenausfuhr. Deutschland muß daher dafür eintreten, diese internationale Exportregelung, die an sich vorteilhaft für die Gesamtwirtschaft ist, so elastisch wie möglich zu gestalten. Denn es braucht teils aus allgemeinen deoisenwirtschcfftlichen Gründen, teils wegen seines hohen Erzeinfuhrbedarfs einer möglichst großen Eisen- und Stahlausfuhr. Der Aufschwung der deutschen Eisenwirtschaft, der sich als sehr dauerhaft und gesund erwiesen hat, wird sich zweifellos auch im laufenden Jahre weiter fortsetzen. Damit darf man schon deswegen rechnen, weil in der aufstrebenden deutschen Wirtschaft noch ein umfangreicher Ersatz der in den Jahren des Niedergangs nicht erneuerten Produktionsmittel notwendig ist, der durch eine verständnisvolle Steuergesetzgebung zielbewußt gefördert wird.
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Die in jedem Winter zu beobachtende Zunahme der A r b e i t s l o s.i g k e i t hat im Monat Dezember 1934 zu einem Wiederonsteigen der Arbeitslosenziffer um 252 000 auf 2,60 Millionen geführt. Die Steigerung war aber beträchtlich geringer als in den vergangenen Wintern, denn im Dezember 1933 hatte sie 344 000, im Jahrs 1932 sogar 418OOO dettagen. Zu zwei Dritteln ist sie durch die Unmöglichkeit einer Winterbeschäftigung der Arbeiter in den Außenberufen,


