Ed -
MM?
4WUW
;,4
■ . . .' . •<
Donnerstag, (7. Oktober M5
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Nr. 243 Drittes Blatt
SJtxfpoii
natio»
einem feine
Englands Außenminister läßt sich nicht aus der Ruhe bringen. Trotz der Hochspannung in Europa ließ es
sich Sir Samuel Hoare nicht nehmen, in Londoner Eispalast als Schlittschuhläufer Kunst zu versuchen. — (Weltbild-M.)
Interessante Versuche über den angeblichen „Zeitsinn" des Menschen hat vor kurzem Dr. E. v 0 n S k r a m l i k angestellt. Er kam dabei zu dem Ergebnis, daß der Mensch nur einen außerordentlich g e r i n g entwickelten Zeitsinn hat. Gewiß kann er ihn durch „Training" verbessern — aber das Gelernte wird sehr rasch wieder vergessen. Skramlik hat herausgefunden, daß die „innere Uhr" des Menschen 400mal schlechter als die beste Taschenuhr und 1 000 000mal schlechter als die Quarzuhr geht! Es ist also sehr schlecht um die „Uhr des Menschen" bestellt, und wir wollen froh sein, daß wir eine Taschenuhr besitzen, die zwar auch Nicht immer richtig, aber immerhin so geht, daß wir nicht zu
künden schätzen. Zehnmal besser geht es dagegen mit den Minuten, die er im allgemeinen bei ungenügender Uebung einigermaßen richtig zu treffen vermag. Oas„Brockengespenst"gibtes garmcht.
Mancher Skiläufer oder Alpinist kann über eine außerordentlich seltsame Naturerscheinung berichten, die namentlich im winterlichen Hochgebirge bei stark nebligem Wetter schon verhältnismäßig häufig beobachtet worden ist. Meistens ereignet sich dieses „Naturwunder" gegen Abend, wenn die Sonne eben im Begriff ist unterzuqehen und hinter einer Nebelwand steht. Sind die Bedingungen für das „Nebelgespenst" gegeben — die Voraussetzung dafür ist wahrscheinlich, daß die Sonne in einem bestimmten Winkel hinter der Nebelwand steht — dann sieht der Wanderer plötzlich eine ungeheure Gestalt, die aus dem Nebel auf ihn zuzuschreiten scheint. Wer die physikalischen Voraussetzungen dieses Naturwunders nicht kennt, wird vermutlich einen gehörigen Schrecken bekommen, bis er schließlich entdeckt, daß der Riese nichts anderes ist als eine Abbildung seiner eigenen Gestalt, die durch die Strahlen der untergehenden Sonne sozusagen auf die Nebelwand projiziert wird. Besonders häufig sind ähnliche Luftspiegelungen am Brocken beobachtet worden — in der dortigen Gegen spricht man direkt von einem „Brockengespenst", das in früheren, weniger aufgeklärten Zeiten außerordentlich gefürchtet war und vermutlich mit dazu beigetragen hat, dem Brocken den Ruf eines Lieblingsaufenthaltes von Teufeln und Hexen zu verschaffen.
Olympischen Spiele halten.
Die Maschine, die vom Reichsministerium der Luftfahrt zur Verfügung gestellt worden ist, wird von dem ehemaligen deutschen Leichtathletikmeister Flugkapitän Ludwig ©aim geführt.
Oie Weltrekordliste der Gewichtheber.
Am 9. und 10. November kämpfen in Paris die besten europäischen Gewichtheber aller Gewichtsklassen um die Europameisterschaften. Deutschland wird hierbei mit einer starken Mannschaft vertreten sein, um den guten Ruf der deutschen Schwerathle- tik auch bei dieser Gelegenheit zu wahren. Wie stark die internationale Bedeutung des deutschen Schwer- athletik-Sports immer noch ist, zeigt am besten die neue Liste der Gewichtheber-Weltrekorde, nach dem Stand vom 1 Oktober offiziell herausgegeben Von den 35 Rekorden, die amtlich geführt werden, befinden sich allein 15 in deutschen Händen. Oesterreich weist elf Rekordhalter auf, Aegypten folgt mit vier vor der Schweiz (drei) und Frankreich (zwei). Das ist nahezu die Hälfte aller Weltbestleistungen im Gewichtheben. Besonders erfreulich ist dabei die Tatsache, daß es in Deutschland kaum eine Gewichtheberklasse gibt, die einen erklärten Spitzenmann hat. Vielmehr ist überall die Spitzengruppe sowohl zahlen- als auch leistungsmäßig recht stark.
Die erfolgreichen deutschen Stemmer sind Schwaiger (München), Walter (Saarbrücken), Schäfer (Stuttgart), Liebsch (Düsseldorf), Wölpe'rt (München), Jsmayr (München), Bührer (Karlsruhe), Opfchruf (Trier), Gietl (München), Bierwirth (Esten), Deutsch (Augsburg), Rieß (Mettendorf), Wahl (Möhringen) und Zügle (Lahr).
ZReforö im beidarmigen Kugelstoßen.
Im Rahmen eines Leichtathletik - Festes in Gronau unternahm der einheimische Wurfathlet Werring einen Angriff auf den deutschen Rekord im beidarmigen Kugelstoßen. Der Versuch hatte besten Erfolg. Mit 15,48 Meter rechts- und 13,03 Meter linksarmig kam er auf insgesamt 28,51 Meter,
nichts an ihrem schlechten Nachruf in der Geschichte änderte. In Wirklichkeit aber hat die moderne Geschichtsforschung eindeutig nachgewiesen, daß die Gattin des Sokrates nicht bester und nicht schlechter war als andere Frauen — sie wurde vermutlich deshalb zu einer „Xanthippe" gestempelt, damit sich die Selbstbeherrschung und der Gleichmut des weisen Sokrates um so Heller von diesem dunklen Hintergrund abheben sollte.
Francis Drake und die Kartoffel
„Franz Drake hieß der brave Mann ..Mit diesen Worten beginnt das berühmte Kartoffellied, in dem Francis Drake als der Mann gefeiert wird, der als erster die Kartoffel aus Amerika in Europa eingeführt hat. Zn dankbarer Gesinnung hat man ihm deshalb 1853 in Offenburg in Baden ein Denkmal errichtet, obwohl bereits Humboldt 1814 nachgewiefen hatte, daß ihm dieses Verdienst nicht gebührt. Wem es in Wirklichkeit zugesprochen werden muß, ist bis jetzt noch nicht geklärt. Wahrscheinlich ist die Kartoffel im Jahre 1565 durch einen Sklavenhändler H a w k i n s nach Irland gebracht worden, wo sie allerdings wenig beachtet wurde. Erst nachdem die Spanier sie nach Ztalien und Burgund gebracht hatten, scheint sie seit 1588 in Mitteleuropa dauernd Wurzel gefaßt zu haben. Der Irrtum, daß Drake die Kartoffel als Erster nach Europa gebracht habe, kommt vielleicht daher, daß er viel dazu beigetragen hat, die Kartoffel bekannt zu machen, indem er nachdrücklich auf ihre Bedeutung hinwies.
Aicht einmal Europa ist gründlich erforscht.
Wir nehmen gewöhnlich an, daß unsere Erde größtenteils völlig erforscht sei. Ujib doch ist nach einer Mitteilung des berühmten Berliner Geographen und Altmeisters der deutschen Erdbeschreibung, Albrecht Pe n ck, nur ein verschwindend kleiner Bruchteil unserer Erdoberfläche so erforscht, daß wir wirklich genau Bescheid wissen, und zwar ist dieser Bruchteil noch nicht einmal so groß wie Europa. Es sind nämlich erst zehn Millionen Quadratkilometer mit eingehender Genauigkeit kartographisch ausgenommen worden. Für 126 Millionen Quadratkilometer existieren solche Karten noch nicht. Die besten vorhandenen Karten sind nur in großen Zügen richtig, während in den örtlichen Bezirken mehr oder minder erhebliche Abweichungen vorhanden sind. Restlos erforscht ist die Oberfläche unseres deutschen Raumes. Allerdings treten auch hier im Laufe der Zahre und Jahrzehnte Veränderungen ein, die immer wieder neue Aufnahmen nötig machen.
Wir können die Zeit nicht richtio schätzen.
Athen, Sosia, Belgrad und Zagreb vor den nalen Olympischen Komitees bzw. in den deutschen Gesandtschaften Vorträge über die nächstjährigen
Fanthippe war gar nicht so übel!
Irrtümer, die die Wiffenschast berichtigte.
Von Dr. H. Schäfer.
Adolf-Hitler-Preis für die Förderung des Segelfluges.
Der Reichsluftsportführer Oberst L 0 e r z e r hat für die beste Leistung im Segelflug, die in der Zeit vom 1. Januar 1935 bis 31. März 1936 erzielt wurde, den Adolf-Hitler-Preis zur Förderung des Segelfluges gestiftet. Mit diesem Preis ist eine Zusatzprämie in Höhe von 4000 Mark verbunden. Die Bewerber müssen Mitglieder des Deutschen Luftsport-Verbandes, die Segelflugzeuge in Deutschland hergestellt sein. Preisträger wird derjenige, der während der Dauer der Ausschreibung die beste segelfliegerische Leistung erzielt hat. Die Gesamtleistung kann aus beliebig vielen Segelflügen der gleichen Bewerber gewertet werden, sie soll eine besondere fliegerische Leistung als Strecken-, Daueroder Höhenflug darstellen, wobei außerdem noch die innere und äußere Haltung der Bewerber bet der Bewertung berücksichtigt wird. Die Zusatzprämie entfällt auf den Eigentümer des Segelflugzeuges, das der Preisträger geführt hat.
Der stellvertretende Ueichsdietwart ernannt.
Der Dietwart des Gaues Bayern Wilhelm Schneemann ist als ständiger Stellvertreter und Mitarbeiter des Reichsdietwartes Kurt Münch in den Stab des Reichssportführers berufen worden. Den Posten des bayerischen Dietwartes behält Schneemann vorerst bei.
Ein Olympia-Propagandaflug am 19. Oktober.
Arn Samstag, 19. Oktober, vormittags, wird eine Junkers 52 zum Olympia-Propagandaflug vom Flughafen Tempelhof starten. An dem Flug nehmen teil der Generalsekretär des Organisationskomitees für die XI. Olympiade Dr. Diem und der Auslandsreferent des Reichssportführers von Tschammer und Osten Dr. Zapp. Die Maschine wird über Belgrad, Sofia nach Athen fliegen. In Belgrad wird der Reichssportführer von Tschammer und Osten an Bord gehen. Die Herren werden in
Die moderne Wissenschaft hat — teilweise 1 erst in allerletzter Zeit — eine ganze Reihe । von Vorstellungen als irrig nachweisen kön- ' nen, die wir bisher kritiklos als „richtig" hingenommen hatten. Der nachstehende Artikel berichtet über einige besonders aufschlußreiche Fälle dieser Art, in denen fest eingewurzelte ( „Illusionen" der Menschheit von der nüchter- < nen Wissenschaft als Irrtümer entlarvt wurden.
O»e prosaischen Tauben
Oft haben die Dichter das Schnäbeln der Tauben verherrlicht und es als das L i e b e s s p i e l schlechthin bezeichnet — leider aber stimmt diese romantische Meinung in keiner Weise, so empört auch empfindsame Seelen darüber sein mögen. Die Wissenschaft, prosaisch wie sie ist, hat nämlich ganz zweifelsfrei nachgewiesen, daß keineswegs irgendwelche Zuneigung die Taube dazu veranlaßt, mit dem Täuberich 4 zu schnäbeln, sondern, daß sie sick hierdurch nur ihr den Besitz der Nahrung setzen will, die ihr der Täuberich vorher weggefressen hat. Bekanntlich ist der Täuberich bei seiner Mahlzeit sehr gefräßig, und die Taube geht dabei häufig leer aus. Sie beginnt nun, nachdem der Täuberich mit dem Fressen fertig ist, mit dem Schnäbeln. Dabei muh dieser einen Teil seiner Mahlzeit, die er im Kropf hat, wieder herausgeben. Diesen Teil frißt dann die Taube aus dem Schnabel des Täuberichs. So hat also das Schnäbeln nicht in der Liebe zum Täuberich, sondern im Hunger der Taube seine Ursache — und wir müssen eine altgewohnte Illusion aufgeben.
Die „lange £eitunoz
Die Wissenschaft hat in letzter Zeit durch mühevolle Experimente eindeutig festgestellt, wie s ch n e l l unsere Gedanken ablaufen. Es zeigte sich hierbei, daß die allgemein verbreitete Meinung von der „Blitzesschnelle" des menschlichen Gedankens leider ganz falsch ist. Das Ein- und Umschalten der Gehirnzentren und die Fortleitung in den einzelnen Nervenbahnen braucht bestimmte Zeit und oft ist es fraglich, ob die Gedankenschnelle eines Menschen mit der Schnelligkeit eines Flugzeuges konkurrieren kann. Im allgemeinen denken wir mit 250 Kilometer Stundengeschwindigkeit; d. h. ein Gedanke legt in einer Stunde 250 Kilometer Nervenstrecke zurück. Die Entfernung von Berlin bis Paris würde also in etwa drei Stunden überwunden haben: Diese Angaben gelten übrigens nur für gedanklich besonders rasch reagierende Versuchspersonen — bei Menschen mit „langer Leitung" sind die in Betracht kommenden Zeiten, noch wesentlich länger. Auf jeden Fall ist also die Sache mit der „Blitzesschnelle" der Gedanken ein Irrtum, denn die Geschwindigkeit des Blitzes ist ganz erheblich höher als die irgendeines Gedankens, der in unserem Gehirn auftaucht.
Fanchlppe war qar nicht fc „Xanthippe war ein böses Weib, Der Zank war ihr ein Zeitvertreib."
So steht es in der Fibel. Ist diesen Versen noch die entsprechende Abbildung beigegeben, so kann kaum wieder im späteren Leben die Vorstellung verwischt werden, die man von des Sokrates Eheweib frühzeitig erworben hat. Kein Wunder, daß die sprichwörtliche Xanthipe an die Spitze der geradezu unausrottbaren Irrtümer marschiert, und daß selbst die Ehrenrettung, die der große Philologe Zeller zu ihren Gunsten unternahm — nach ihm ist nur der zufällige Umstand, daß der erste Buch- — - ...------,y , . - -
stöbe ihres Namens das selten vorkommende I ist, jeder Verabredung zu spat kommen. Besonders die hauptsächlichste Ursache ihres bösen Rufes — schlecht kann der Mensch sonderbarerwetse die Se-
Mein Lieber, denkt sich hierbei der Gast, mein Lieber, du gefällst mir sehr, ich bewundere dich, ich bewundere jeden, der wirklich etwas ist, und der es auch ganz ist. Siehst du, es ist mir ganz und gar nicht peinlich, von dir bedient zu werden — und das ist auch ein Glück, wenn man nun einmal der Gast ist. Unter uns, es ist mir schon so oft peinlich und beschämend gewesen, und ich hätte nicht übel Luft gehabt, mir die Schüsseln selber an den Tisch zu tragen. Auch mußt du wissen, daß es bei uns zulande Gasthäuser gibt, wo sie Glock zwölfe in der Nacht anfangen, die Stühle auf die Tische zu stellen, gleichviel, ob noch verspätete Gäste ihr Bier austrinken wollen oder nicht, und wo sie die Kunst ausüben, mit Blicken zu töten, wenn du nicht auf die Minute verschwunden bist — und wo es mir wahrhaftig nicht gut hinausgegangen wäre, wenn ich den Nachtisch verweigert hätte, oder als zweiten Gang nur eine große Schüssel Bohnensalat genommen, wie vorhin bei dir. Ja, das mußt du einmal tun, wenn du zu uns kommst, geh hinein in einer der großen Bräus, oder auch in ein Weinlokal, wo des Abends Musik ist, und bestelle nichts als eine große Schüssel Bohnensalat, mein Freund, oder tu es doch lieber nicht. Aber siehst du, inzwischen sind hier aus dem einen Viertel Wein drei geworden, und so gehabe dich wohl, es war schon an deinem Tisch, du hast mir sehr gefallen, ich danke dir, ich danke ebenfalls!
schwerer ärgern, während der Liederjan vom Holzhacken immer gesünder und kräftiger und vergnügter werden wird. Und nichts hindert ihn, mit dem glänzenden Durst, den man vom Holzhacken bekommt, sich Abend für Abend einen Kanonenrausch zu kaufen. Man sieht daraus, daß man mit Moral einen Liederjan lange nicht so schon ärgern kann wie einen moralischen Mann.
Freilich, die Neffen werden ihre Tage damit zubringen, darüber nachzudenken, wie man zu dem Gelbe kommen kann, ohne es kleinzuhacken. Wenn der Anwalt auch ein Saufaus und Liederjan wäre, dann würde der Holzhacker zu hacken aufhören, der Anwalt bekäme das Geld und sie teilten es untereinander und gingen, sich einen Kanonendoppelrausch kaufen. Aber der Anwalt tft ein ehrenwerter Mann, und so geht das eben nicht. Für ihn heißt es alles ober nichts, und so bekommt er eben nichts.
Für Leute, die, wie der Liederjan, gerne in der Sonne liegen und die Schönheit schwimmender Wolkenschiffe an späten Sommertagen betrachten, ist es eine dankbare Aufgabe, darüber nachzudenken, wie man dem Liederjan zu seinem Gelbe verhelfen konnte. Wem etwas einfällt, der fahre nach Budapest. Der Liederjan wird sich nicht lumpen lassen.
Wir alle würden das mit Befriedigung begrüßen. Denn wenn wir auch nicht so boshaft sind, uns über Boshaftigkeit zu freuen, so sind wir doch boshaft genug, uns zu freuen, wenn die Bosheit hereinfällt. Die Sache ist nicht aussichtslos. Denn die Bosheit ist von Natur eine juristische Eigenschaft, und die Netze, die sie über ihre Opfer wirft, haben Maschen.
So gab es einmal einen reichen Mann, der eine geizige und eine freigebige Tochter hatte. Er wollte die Geizige von ihrem Laster heilen und schenkte jeder seiner beiden Töchter hunderttausend Mark, mit der boshaften Bestimmung, baß diejenige, die ihr Geld zuerst ausgegeben habe, das Geld der anderen bekommen sollte.
Aber die Geizige war nicht nur geizig, sondern auch klug. Sie ging hin und schenkte ihre ganzen hunderttausend Mark ihrer Schwester. Und da sie ihr Geld damit zuerst ausgegeben hatte, bekam sie nun das schwesterliche Vermögen und konnte es in Ruhe behalten. Und die Schwester hatte sie davor bewahrt, bas schöne Gelb auf eine überhitzte Weise ausgeben zu müssen.
Gegen bie Bosheit hilft nur die Großmut oder die List. Hoffen wir, daß, wenn der Neffe Testamentsvollstrecker nicht Großmut genug hat, der Neffe Liederian listig genug ist, zu seinem Gelbe zu kommen. Auf jeben Fall aber wollen wir uns auf den Rücken legen und die Schönheit schwimmender Wol- kenschiffe betrachten und glücklich sein, solange wir keine anderen Sorgen haben als die um fremder Leute Geld.
Bohnensalat in Bettagio.
Kleine Veiseerinnerung von Paul Alverdes
Stoffel und Sauertöpfe gibt es ganz gewiß in allen Ländern und allen Berufen, und ich will mich hüten, die italienischen Kellner hier ganz allgemein über den Schellenkönig zu loben und sie ihren Standesgenossen in der übrigen Welt, in Deutschland beispielsweise ober auch in Bayern, als bie unerreichlichen Vorbilber bes guten Kellners zu preisen. Aber boch will ich dieses einen zu Bellagio für viele seinesgleichen rühmend gedenken.
Er war nicht beflissen, sondern ehrgeizig, er 'war nicht unterwürfig, sondern feurig, und sein „Subito, signore!“ erklang mit einer verheißenden Herzlichkeit Es ist eine leidige Wahrheit, und es hat auch allerhand leidige Gründe, baß bet uns in Deutsch- lanb bas „Sehr wohl!" unb bas „Bitte sehr! der Aufwartenden nicht selten einen ganz anderen Sinn zu haben scheint. Wenn ich nicht verdammt wäre, könnte es manchmal heißen, wenn ich 111$! vüeT2 dämmt wäre, den Kellner zu machen, um mich durch das Leben zu bringen, so wollte ich dich lehren, du Asse, nach der Suppe zu schreien und nach dem Bier mft der Gabel zu scheppern! Dieser zu Bellagio aber — und ich hatte es schon des öfteren an seinen Landsleuten erlebt — hatte eine andere Auffassung der Lage. Dabei hieß sein „Sofort, Herr! keineswegs etwa: ich lauf schon, ich springe wie ein Hündchen nach dem Stein, den du wirfst, denn ich bin eine Pudelseele, sondern es hieß: jetzt sollst du aber einmal erleben, was ein gelernter Kellner, was ein wahrer, kunstreicher Meister seines Faches ist. Staunen sollst du, Augen machen über das, was man hierzulande unter einer vollendeten, vorbildlichen Kellnerei versteht. Achtung, jetzt fängt es an, und ich hoffe, du wirst Verständnis dafür haben. Du bist der Gast und ich bin der Kellner: für mich wahrhaftig kein Grund, mich geringer zu fühlen.
Erdbeeren zum Nachtisch gefällig? Ich will sie dir nicht aufbrängen, es *ift deine Sache, was du essen magst und was nicht — aber ich will sie dir immerhin zeigen, zeigen kostet nichts, hübsche, frische, leckere Erdbeeren, wie? Kein Appetit mehr? Schade, tut mir leid für dich, ehrlich leid, denn du versäumst etwas — aber ich verstehe vollkommen, wiederum keine Ursache für mich, dir zu grollen.
Ein Bäckermeister in Budavest
Von Peter Bamm
Ein Bäckermeister in Budapest hatte, als er starb, eine halbe Million Pengö zu vererben. Zum Erben waren nur zwei Neffen da. Ein guter und ein böser. Der böse war ein Liederjan, der trank und bummelte und die Welt schön, genug fand, sich damit zu begnügen, vergnügt in ihr herumzulaufen.
Der gute war ein Anwalt, der von morgens bis abends arbeitete unb bie Schönheit schwimmenber Wolkenschiffe an späten Sommertagen so sehr verachtete, baß er sie niemals ansah, sondern ohne Pause arbeitete.
Der Bäckermeister, der diese beiden Neffen hatte, war boshaft. Aber er hatte wenigstens eine gute Eigenschaft. Er konnte die Neffen beide nicht leiden. Also setzte er den Liederjan zum Erben ein unb ben Anwalt zum Testamentsvollstrecker mit der Maßnahme, daß von dem ganzen Gelde Holz gekauft werden sollte und der liederliche Neffe täglich so viel davon haben könnte, wie er kleinhacken könnte. Und falls das Testament nicht eingehalten würde, sollte der Anwalt der Erbe sein.
Der boshafte Bäckermeister war, bei aller Bosheit, ein Philosoph. Der Anwalt jedenfalls muh sich
Zeitschriften.
— Die „Süddeutfch en Monatshefte" widmen das erste Heft ihres neuen Jahrgangs ber „Rassenpflege unb Volksgefunbheit". Wie behutsam ber nationalsozialistische Staat vorgeht, beweist Ministerialdirektor Dr. Gütt im ersten Aufsatz, ber bie „Maßnahmen zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" behanbelt. Im Auslanbe teilweise falsch ausgelegte Maßnahmen werden hier vom sittlichen wie vom volksgesundheitlichen Standpunkt aus als notwendig bewiesen. Sozialpolitisch äußerst anregend spricht ber Direktor beim Statistischen Reichsamt Berlin, Friebrich Burgbörfer, über die Frage des Ausgleichs der Familienlasten. Zur rassenhygienischen Umgestaltung des Eherechtes ergreift Professor Nitsche bas Wort. Erschwerung ber Ehelösung, aber vorher Verhütung unglücklicher Ehen durch Beratung, Tauglichkeitszeugnisse und Eheverbote, das ist der Weg, ber bis zum Ziele weiter- gegangen werben wirb. Professor Rübin entwirft ein Bilb der rassenhygienischen Forschung. Besonders anregend ist die Untersuchung des Verhältnisses zwischen Rassenhygiene und Anthropologie, der sich Alfred Ploetz unterzieht. Die „Bauerngeschichte" von Karl Heinrich Waggerl untermalt durch bas merkwürdige Geschick eines elternlosen Kindes das vorher Nachgewiesene
— Im Oktoberheft der bekannten Zeitschrift „Volk und Rasse" (I. F. Lehmanns Verlag, München. Einzelpreis 0,70 Mark) gibt u. a. Prof. Dr. M. Schubert, Frankfurt, eine aufschlußreiche Gegenüberstellung der „Rassenmerkmale der menschlichen Haut". — Die Lebensarbeit zweier bahnbrechenden Biologen als Beispiel stillen deutschen Gelehrtenschaffens beschreibt Dr. Werner Hüttig: Fritz Schaudinn, den Entdecker des Syphilis-Erregers unb ber Ursachen ber Malaria, bes Rückfall, fiebere unb ber Amöbenruhr, unb Earl Correns, ben Wieberentbecker ber Menbelschen Regel. — Sehr fein ist bie kleine Skizze von Dr. Paul Lubwig Krieger „Freund Hokusai", in ber mit vier Momentausnahmen ber Gegensatz zwischen weißer und gelber Rasse gewissermaßen mit Zeitlupe vorgeführt wirb. Dr. Bernharb Sommerlab weist in feinem Aufsatz: „Das Rassegefühl bes deutschen Handwer- fers in der Vergangenheit" nach, daß schon im Mittelalter überall in deutschen Landen der Nachweis „von allen vier ahnen rechter deutscher Art und ehelich geboren zu sein" erforderlich war, um in eine Handwerkergilde ausgenommen zu werben. Die Aufgaben bes „nationalsozialistischen Arztes als Eheberater" befpricht Dr. L. Branbt. — Die Mitteilungen „Aus Rassehygiene unb Bevölkerungspolitik" unb die Rubrik „Ein Blick hinüber" enthalten wieder eine Fülle wissenswerter Kurzberichte. Besonders , ansprechend ,ijt diesmal auch der Bildschmuck des Heftes.
Aber vielleicht etwas Käse jetzt? Ich zeige dir die Sorten, versteht sich, ober reden wir vom Kaffee? Einen Augenblick übrigens, es sind Krümel auf dem Tisch ich fege sie weg, es schickt sich nicht in meinem Service, es gehört zur guten Kellnerei daß der Gast immer an einem sauberen frischen Tische sitzt, und hätte er zehn Gänge hinter sich.


