Nr. 243 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefien)
Donnerstag, 17. Oktober 1935
Gauleiter Sprenger eröffnet
das Winterhilfswerk unseres Gaues.
Schon jetzt ein erfreuliches Ergebnis: Die Bauern spenden 1OOOOO Zentner Kartoffeln mehr.
LPD. Frankfurt a. M., 16. Oft In dem feierlich ausgeschmückten großen Saale des Volks- bstdungsheimes • eröffnete Gauleiter Sprenger am Mittwochmittag in Anwesenheit der Spitzen der Partei und ihrer Gliederungen sowie vor den Vertretern aller Behörden und der Wirtschasts- kreise das Winterhilfswerk 19 3 5/36 des Gaues Hessen-Nassau. Würdig umrahmt war der Eröffnungsakt durch Darbietungen des Orchesters des Hochschen Konservatoriums, des Rundfunkchors und eines Sprechchors der Hitler- Jugend.
Der Gauamtsleiter der NSB Bürgermeister Haug-Darmstadt hieß zunächst die zahlreich erschienenen Gäste, an ihrer Spitze Gauleiter Sprenger, herzlich willkommen und wies auf die eindrucksvolle Eröffnung des gesamten deutschen Winterhilfswerks durch den Führer hin. Gerade das Winterhilfswerk fei dazu geeignet, zu beweisen, wie sehr der Nationalsozialismus praktisch bereits Wurzeln geschlagen habe.
Winlerhilfswerk heiße nichts anderes als die Tatwerdung des deutschen Sozialismus, es bedeute praktisches Christentum und Kampf gegen
Zwietracht und Hader.
So erkläre er jetzt an dieser Stelle die Gauarbeitsgemeinschaft aller Organisationen und Verbände für gebildet.
Gauamtsleiter Haug gab dann anhand von Zahlen einen anschaulichen Ueberblick über die gewaltigen Leistungen des Winterhilfswerks 1934/35 in unserem Gau, die besser als Worte zeigen, wie sich die gesamte Bevölkerung in den Dienst der Volksgemeinschaft stellte. So wurden rund 550 000 Personen erfaßt, zu deren Betreuung ständig 12 000 bis 15 500 ehrenamtliche Helfer tätig waren. Gelegentlich erhöhte sich diese Zahl sogar weit über 100 000. An Lebensmitteln wurden wertmäßig annähernd 6 Millionen Mark ausgegeben, an Kleidern rund 5,7 Millionen Mark.
An Gesamtwerten wurden im Tvinterhilfswerk 1934/35 insgesamt 18 700 000 2Nark an die hilfsbedürftigen Volksgenossen des Gaues Hessen- Nassau zur Verteilung gebracht.
Zum Schluß seiner Ausführungen meldete Gauamtsleiter Haug dem Gauleiter, daß man bereitstehe und ihn bitte, das Winterhilfswerk unseres Gaues zu eröffnen.
Gauleiter Sprenger
sprach zunächst dem Gauamtsleiter, dessen Mitarbeitern und der gesamten Bevölkerung seinen Dank und den Dank der vom Winterhilfswerk Betreuten für die bisher geleistete Arbeit aus. Gerade weil es durch die Eigenart unseres Gebietes und seiner Wirtschaft vielleicht schwerer als anderswo sei, die noch vorhandenen Erwerbslosen wieder in den Arbeitsprozeß einzugliedern, sei es unsere Pflicht, diese Schwierigkeiten durch das großzügige Winterhilfswerk zu überbrücken.
Es gelte, die Menschen so zu betreuen, daß ihre Arbeitskraft erhalten werde.
Der Gauleiter verwies dabei auf das Lager bei L e h r b a ch im Kreise Alsfeld, in dem rund 500 Männer aus Notstandsgebieten Arbeit und Brot gefunden hätten. Auch im Westerwald solle in absehbarer Zeit ein solches Lager eingerichtet werden. Die Vorbereitungen hierzu seien bereits im Gange, so daß auch dort bald großzügige Meliorationen
zum Segen der Gesamtheit in Angriff genommen werden könnten
Als besonders erfreulich bezeichnete es der Gauleiter dann, daß sich diesmal
alle Verbände in den Dienst des IBinfer- hilfswerks
gestellt hätten. Er führte schließlich einige Fälle an, in denen gewisse Personen bzw. Kreise mit recht merkwürdigen Begründungen Gaben für das Winterhilfswerk ablehnten. Sie stellten sich durch dieses Verhalten außerhalb der Volksgemeinschaft und müßten die Konsequenzen aus dieser Sabotage ziehen.
Wie sehr der Gedanke der Volksgemeinschaft trotz allem heute im deutschen Volke verwurzelt sei, das zeige eine Meldung des Landesbauernführers Dr. Wagner, wonach
die Dauern Hessen-Nassaus diesmal 100 000
Zentner Kartoffeln mehr spenden werden, als im vergangenen Jahr.
„Laßt uns nun, so schloß der Gauleiter, „g e = meinsam an d i e Arbeit gehen, das Werk gelingt, denn es ist das Werkdes Führers."
Aus der proviuzialhaupistadt.
Mein Mann bringt einen Tischgast.
Männer sind im allgemeinen gastfreier als Frauen.
Aus diesem Grunde ist der Mann auch fähig, der Frau kurz vor 19 Uhr mitteilen zu lassen, daß er um 20 Uhr einen Gast zum Essen mitbringt.
Auf die Frau wirkt eine solche Eröffnung wie ein Donnerschlag.
Der Mann aber freut sich seines Gastes. Entweder ist es eines jener Lebewesen, die unter dem Namen eines Geschäftsfreundes des öfteren für ein Alibi sorgen müssen, oder er hat am Stammtisch irgendeinen Zeitgenossen aufgelesen, der unbedingt mit nach Hause kommen muß.
Er erwartet, daß der Eindringling mit freundlichem Lächeln begrüßt wird. Er will doch zeigen, was für eine reizende Frau er hat, die sich immer freut, wenn er irgend jemanden zum Essen mitbringt.
„Nein, nein, meine Frau ist sogar unglücklich, wenn ich allein komme ..."
Wohl ist der Tisch gerichtet. Die Kartoffeln sind schon geschnitten. Sie brauchen nur noch gebraten zu werden. Und zwei Schnitzel sind ja auch da.
Die Frau rast unter allerhand Selbstgesprächen in die Speisekammer und holt eine Dose gemischtes Gemüse aus dem eisernen Bestand. Auch eine Dose Birnen muß geopfert und geöffnet werden. Sie überlegt sich, ob sie die Schnitzel durch die Wringmaschine drehen soll, um sie zu vergrößern! Sie kann doch jetzt auch keine frischen Kartoffeln mehr kochen!
Dabei soll sie noch ein Abendkleid anziehen, den
Ein Kleinod denischer Handwerkerkunst.
Das erneuerte Rathaus in Büttelborn seiner Bestimmung übergeben.
LPD. Groß-Gerau, 16. Okt. Das althistorische Rathaus in Büttelborn, eines der schönsten und wertvollsten Bauwerke seiner Art, war in den letzten Jahren innen und außen immer mehr verfallen, so daß sich der Gemeinderat zu einer gründlichen Erneuerung entschloß. Nunmehr ist das herrliche Gebäude nach monatelanger Arbeit wieder in seiner alten Pracht erstanden und konnte in einem feierlichen Akt seiner Bestimmung als Rathaus wieder übergeben werden.
Bereits im Jahre 1835 erfuhr das Rathaus eine zwar durchgreifende, aber leider verständnislose Erneuerung und Umgestaltung, denn damals zerschlug man die schönen fränkischen Erker und vernichtete alle Verzierungen. Das ganze Gebäude aber überzog man mit einem einfachen und nüchtern wirkenden Verputz. Doch das alte Eichenholz ließ sich diese Gewalttat nicht gefallen. Es arbeitete unter dem Verputz fort, der immer größere Risse bekam und schließlich mehr und mehr abfiel. Nun entdeckte man im Jahre 1903 erneut die Schönheiten dieses Fachwerkbaues und erneuerte sie. Auch das Wahrzeichen des Rathauses, ein Büttelborner Sauerkrautschneider, wurde am Westgiebel zwischen den Fenstern angebracht.
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Das althistorische RathausinBüttelborn. Inder Mitte zwischen den Fenstern der „Büttelborner Sauerkrautschneider".
(DNB.-Heimatbilderdienst. Photo: Krämer.)
Tisch neu decken, während er mit dem Einbrecher — als solcher wird er in ihren Selbstgesprächen bezeichnet — sorglos rauchend im Herrenzimmer sitzt.
Nebenher fragt er dann auch noch, wer den Kognak ausgetrunken hat.
Wenn aber bann endlich aufgetragen ist, ballt sich erst das Schicksal in dunklen Wolken zusammen.
Ihre Augen wandern unruhevoll von Teller zU Teller, ob es auch reicht!
Zwischendurch muß sie ihrem Mann einen leichten Fußtritt versetzen — in diesem Falle tut fie es gerne und mit Nachdruck —, daß er nicht zweimal von dem mehrfach zerkleinerten Schnitzel nehmen soll.
Er merkt aber gar nichts. Im Gegenteil: Mit der ihm angeborenen Dickfelligkeit fragt er: „Möchtest du etwas?"
Er unterläßt auch nicht, den Gast immer wieder aufzufordern, doch zuzugreifen, obwohl nichts mehr vorhanden ist.
Und wenn diese Tortur vorüber ist, wird am Tisch noch geraucht, und die Frau muß erleben, wie die Asche auf ihr schönes Damasttuch fällt, wobei sie aber lächelnd zu sagen hat: „Ich bitte, das macht doch gar nichts!"
Dann darf fie abdecken, während er sich ausnahmsweise in den Keller bemüht, um ein paar Flaschen Wein zu holen. Er bringt gerade jenen Wein, den sie für Sonntag aufbewahren wollte, wenn Meiers zum Essen kommen!
Später darf sie noch Kaffee bringen, wobei sie sich überlegt, daß sie noch eine halbe Stunde aufzuräumen und zu lüften hat, wenn der verehrte Gast endlich so gnädig sein wird, um Mitternacht aufzubrechen.
Das alles vermag die Frau noch zu überstehen. Es treibt aber der Katastrophe zu, wenn der Mann zwei Gäste mitbringt, von denen der eine die Ehefrau des andern ist! „Es find so reizende Leute, — die mußt du kennenlernen ...!"
Es gibt viele Frauen, die sich in solchen Augenblicken nach Handgranaten sehnen! M. Ä.
Bornotiren.
Tageskalender für Donnerstag.
NSG. „Kraft durch Freude": 14 bis 18 Uhr allgemeine Körperschule auf dem Universitätsfportplatz; 17.30 bis 18.45 Uhr: Reichssportabzeichen auf dem Universitätssportplatz; 21 bis 22 Uhr: Reiten, Reitschule Schömbs, Brandplatz. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Königswalzer". — Oberheffifcher Kunst- verein, Turmhaus am Brandplatz: 16 bis 17 Uhr Ausstellung friesischer Maler der Gegenwart, Kleintierplastik von Lily König.
Eporkamt »Kraft durch Freude".
Neue „KdF."-Sportkurse.
Für die Kurse: Reiten, Hallentennis, Kleinkaliberschießen, Ski-Trockenkursus können noch schriftliche oder persönliche Anmeldungen auf dem Sportamt, Schanzenftraße 18, abgegeben werden, lieber die Kosten und den Beginn der Kurse kann ebenfalls Auskunft auf dem Sportamt erteilt werden.
heute folgende Kurse:
Allgemeine Körperschule, für Frauen und Männer. Von 16 bis 18 Uhr, Universitäts- Sportplatz.
Fröhliche Gymnastik und Spiele, nur für Frauen. Don 20 bis 21 Uhr und von 21 bis 22 Uhr, Lyzeum, Dammstraße 26. Zu diesen Kursen ist keine vorherige Anmeldung erforderlich.
Reiten. Von 21 bis 22 Uhr, Reitschule Schömbs.
Gesund und froh durch Leibesübungen mit „Kraft durch Freude"!
NIVEA CREME
Aus der Kmdheiisgeschichte der Autos.
Don Heinrich Hauser.
Ein historischer Besuch.
* Eines Tages stand ich im Dachgeschoß eines riesigen, vielstöckigen Fabrikgebäudes; Dämmerlicht fiel durch ergraute Scheiben, es roch nach Leder, nach altem Maschinenöl, nach Mottenpulver. Der Ingenieur im weißen Kittel, der mich begleitete hatte lange nach dem rechten Schlüssel suchen müssen. Unwirsch und knarrend brach die Eisentür auf;, es war sichtlich lange niemand hier heraufgekommen.
Was mich herführte, war ein Auftrag. Für eine große Automobilfabrik sollte ich so etwas wie em Werkspiel schreiben. Dazu gehörte auch em Aus- spüren der Tradition, ein Zurückverfolgen bis zu dem Tag, wo der alte Fbrikant sich entschlossen hatte, außer Fahrrädern und Nähmaschinen auch noch Automobile zu bauen.
Da standen sie nun, die Saurier aus der Urzeit des Automobils. Man hat in letzter Zeit zuwellen ihre Bilder gesehen, man erlebt sie in historischen Umzügen, in der Ehrenhalle der Autoausstellung, in Museen. Aber es ist ein andres Ding, ein solches Automobil auf einen Sockel gestellt, gleich einem Denkmal anzufchauen, als ungestört in der Stille eines Bodenraumes an ihm herumzukramen wie unter anderem Gerümpel.
Das tat ich und wurde dabei ganz unversehens in die Zeit der Väter versetzt. Die alten Federn quietschten, wenn man auf das Trittbrett trat, das hochbeinige Maschinentier begann zu schaukeln wie ein Kamel. Ich setzte mich ans Steuer auf die harte Lederbank und fand, daß ich genau die gleiche, steife Haltung einnehmen mußte, wie man sie auf Len alten Bildern sah. Augen und Gedanken folgten verwickeltem Gestänge und verirrten sich im Labyrinth des Vergasers, der viele geheime Gänge hatte. Ich schraubte eine messingne Acetylenlampe auseinander, ließ die Finger gleiten über handgeschmiedetes und handgefeiltes Metall, ich kletterte Stufen hinauf durch eine Einfteigtür im Heck des Wagens und thronte dort erhaben wie in einer Theaterloge. Ick kroch in einen Rennwagen des Jahrgangs 1908 hinein wie in einen Schlafsack und blickt- über -ine katb-dral-nhoh- Motorhaube; die V-ntilf-d-rn stachen durch die Abdeckbleche wie Stacheln eines Sta. chelfchweins.
Von unten kam dumpfes Braten wie von -m-m weit entfernten Wasterfall; durchs Fenster sah ich di- spitzigen Glasdächer der Fabrikgebäude IN der
Sonne blinken. Das gewundene Band eines Flusses glänzte, Schienen durchschnitten die Landschaft, ein Güterzug fuhr aus der Fabrik beladen mit neuen Automobilen und Planen; der Lokomotivrauch wischte wie ein Wattebausch über die Sonne.
Es war sonderbar: Dort unter mir und unter den Glasdächern tobten die Maschinen, werkten 17 000 Arbeiter, liefen die Montagebänder, rollten ununterbrochen nagelneue, moderne Wagen ab — einige hundert Stück am Tag — und hier oben lag in staubiger Stille die Keimzelle, aus der das alles herausgewachfen war.
Alte Kataloge.
Ich blätterte in den alten Katalogen; elegante Damen mit Wespentaillen luden auf den Umschlägen lächelnd zum Besteigen messingfunkelnder Automobile ein. Ansehnlichen Herren mit ungeheuren Brillen wurde von sich verneigenden Chauffeuren der Schlag geöffnet. Man sah den Kaiser, den Zaren und den Prinzen Heinrich, das Baden-Baden von einst, und Homburg mit den Prinzen von Wales. Das Alles zeugte von sehr verschollenen Zeiten; verblüffend aber waren die Texte und die Werkzeichnungen um ihrer persönlichen Sprache willen und der völlig modernen Gedanken, die sie enthielten. 1898 hatte die Fabrik die Patente eines Hofschlosser- meifters gekauft, der schon 1896 Wagen baute und in seinem Prospekt hierüber schreibt wie folgt:
„Patent-Motorwagen ,Pfeill.
Der von mir nach neuestem System und durch Patente geschützte Motorwagen zeichnet sich durch geringes Gewicht, leichte Beweglichkeit, Einfachheit und billigen Preis ganz besonders aus.
Derselbe legt in der Stunde bis 25 Kilometer zurück und überwindet Steigungen bis 12 v. H., je nach Wunsch des Käufers.
Das Betriebsmittel ist ein Petroleum-Destillat und stellt sich der Verbrauch per Pferdekraft und Stunde auf 16 Pfennige. Der Betrieb ist absolut gefahrlos. Elektrische Akkumulatoren, Zündung mit Funken-Induktor.
Die Lenkbarkeit des Gefährtes ist unübertrefflich leicht und schnell zu bewirken (Lenkkreis Durchmesser 6 Meter)" usw.
Was hat nun damals so ein Wägelchen gekostet, das zwei Personen beförderte und einem Dogcart -iemlich ähnlich sah? — Wir machen uns im allgemeinen darüber ganz falsche Vorstellungen: „In diesem Modell liefere ich ein kleines, solid gebautes Gefährt (nicht vierrädriges Velociped) zum Preise von 2000 Mark und komme damit vielfach geäußerten Wünschen entgegen" — So schreibt der Hofschlossermeister, und er käme damit selbst unfern
Wünschen noch entgegen, denn 2000 Mark sind auch heute noch ein außerordentlich billiger Preis.
Wie fuhr nun so ein Modell 1896?
Hierüber sprechen angefügte Zeugnisse:
„Hierdurch bescheinigen wir dem Herrn Hofschlossermeister L., daß seit zwei Jahren ein Benzin- Motorwagen in unsrer Stadt und Umgegend verkehrt und daß sich derselbe in keiner Weise als hinderlich für den Verkehr gezeigt hat, da derselbe in bezug auf Lenkbarkeit, Fahren in jeder ae- wünschten Gangart und schnelles Anhalten sich bewährt hat und auch die Pferde sich an dessen Anblick bald gewöhnen.
Dessau, Sept. 1895. Die Polizeiverwaltung."
„... Ich muß sagen, daß mein Wagen in meiner vollständigen Gewalt ist, und ich kann ihn auf zehn Meter Entfernung anhalten, während ich zwanzig Kilometer fahre. Infolge feiner Leichtigkeit — Aluminium ist wo angängig angewendet — leibet meine Maschine wenig durch die Landstraßen. Es ist nur ein Hebel zum Langsam- und Schnellfahren sowie zum Anhalten notwendig."
„... Herr Koosen aus Portsmouth (England) hatte am 9. September 1895 mit einem Motorwagen des Herrn L. eine Spazierfahrt durch die Stadt unternommen. Die Polizei erblickte darin die Benutzung einer Lokomotive auf öffentlicher Straße und stellte Mr. Koosen unter Strafe..."
Von Jahreszeiten, Reifenfchäden und Polizei strafen.
1905 erscheint: stoßfrei Steuerung und ein „ganz geschlossenes, in einem Stück gefertigtes Stahlchasfis, das den Wagen nach unten vollständig glatt abdeckt". — Das ist ungefähr das modernste Chassis-Konstruktionsprinzip unserer eignen Zeit!
Immerhin wird in der Einleitung noch gesagt: „Die Motorwagenindustrie geht Hand in Hand mit der Saison. Es liegt in der Natur des herrlichen Automobilsports, daß er nur während der besseren Jahreszeit zur vollen Entfaltung kommen kann... Wenn Mutter Erde ihren Winterschlaf beendet hat, erwacht er mit ihr zusammen zu neuer Blüte."
Es gab aber nicht nur Kataloge in den Aktenschränken, sondern auch recht interessante Zusam- menstellungen von Betriebskosten aus der Vorkriegszeit. - ■
Das Auffallendste daran waren die vergleichsweise geradezu enormen Summen für Bereifung. Die Lebensdauer eines Reifens schien man 1913 mit 10 000 Kilometern zu bemessen, der Preis war ein Vielfaches des heutigen und die Pannen geradezu zahllos. Aus einer Zusammenstellung von Ueberlanbtouren ist zu entnehmen, baß durchschnitt-
lich alle 50 bis 60 Kilometer eine Reifenpanne' auftrat.
Ein Poften nennt sich „Strafgelder" und weist Summen von 3 bis 400 Mark auf! Hierzu wird geschrieben:
„Das Automobil hat noch vielfach nicht nur unter dem Haß der großen Masse, sondern auch unter der Ungunst mancher Verwaltungs- und Polizeibehörden zu leiden. Mancher Polizeibeamte glaubt nichts Wichtigeres zu tun zu haben, als alle, seiner Ansicht nach zu schnell fahrenden Motorwagen zur Anzeige zu bringen. Etwaige Rechtsmittel hiergegen sind regelmäßig erfolglos. Man tut gut daran, die Strafen ohne weiteres zu bezahlen."
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Das Dröhnen der Arbeit unter mir verstärkte sich: die Tür war aufgegangen, der Ingenieur im weißen Kittel 'kam, mich abzuhvlen. Ich kroch heraus aus meiner fahrbaren Theaterloge, klappte die Haube wieder sorgsam über den zweizylindrigen Motor und stieg die Treppe hinab, — soviel Stufen, soviel Jahre, vom Beginn des Jahrhunderts ins Jahr 1935 hinein.
Hochschulnachnchten.
Professor Dr. Johannes Haller, der entpflich- tete Ordinarius für mittlere und neuere Geschichte an der Universität Tübingen, beging am 16. d. M. seinen 7 0. Geburtstag. Haller, der 1865 in Keinis (Estland) geboren wurde, begann feine akademische Laufbahn 1897 in Basel und wurde 1902 Extraordinarius in Marburg; zwei Jahre später zum ordentlichen Professor ernannt, wurde er 1904 an die Universität Gießen berufen und wirkte hier bis zu seiner Ueberfieblung nach Tübingen im Jahre 1913. Don Hallers zahlreichen Arbeiten nennen wir die über Heinrich den Löwen, über Kaiser Heinrich VI., über Deutschland und Rußland, über Bismarcks Friedensschlüsse, über die Aera Bülow, über den Ursprung des Weltkrieges, über die russische Gefahr im deutschen Hause, und über den Bildungswert der neueren Geschichte.
Professor Dr. Wilhelm Hedemann, Ordinarius für bürgerliches Recht an der Universität Jena, hat den an ihn ergangenen Ruf an die Universität Leipzig abgelehnt.
Professor Dr. Emil K i r s ch b a u m, Extraordinarius für chemischen Apparatebau an der Technischen Hochschule Karlsruhe, ist zum ordentlichen Professor in Karlsruhe ernannt worden.


