die Berechnungen der Wirklichkeit zu ziehen. Dennoch hätte England besser daran getan, dies rechtzeitig zu tun. Es hat tatenlos zugesehen, als Italien vom frühen Frühjahr an seine Truppen nach Afrika schickte und sie dort zu der gefährlichen Macht zusammenballte, die sie heute darstellt. Die Versuche, sie durch das Hebelwerk des Völkerbunds wieder ^urückzuführen, mußten mißlingen. Wied den Versuchen, wie sie jetzt wieder begonnen werden, sie von weiterem Kampf und Sieg abzuhalten, ein besseres Ergebnis beschieden sein? Das ist kaum anzunehmen. Der junge politisch unerfahrene Leutnant wird recht behalten; wir sind da und niemand kann gegen uns an. Die einzigen, die es vorläufig können, sind die Abessinier selbst. Wenn es ihnen nicht gelingt, dann beginnt für England der Kampf in Afrika gegen die „zahlreichste, geschlossenste und mächtigste Armee", die je auf dem Boden des schwarzen Erdteils und an den Grenzen des englischen Machtbereichs stand.
Vom Kriegsschauplatz.
Rege Fliegertätigkeit. — Es regnet wieder.
Addis Abeba, 17. Okt. (DNB. Funkspruch). Die gestrigen Angriffe italienischer Flieger an der Nordfront wurden bis Amba Alatschi vorgetragen. Die Ortschaft wurde von mehreren Staffeln mit zahlreichen Bomben belegt. Nach abessinischen Meldungen soll das Bombardement zahlreiche Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert haben. Die Truppen hätten dagegen keine Verluste zu verzeichnen, da sie die Ortschaft vorher verlassen hätten. An der Südfront wurden die Aufklärungsflüae weiter fortgesetzt. Der Vormarsch der italienischen Truppen auf der Somalifront gegen Harrar ist nach Besetzung
Genf, 16. Okt. (DNB.) Im Wirtschaftsausschuß der Sanktionskonferenz legte Eden einen Entschließungsentwurf über den Boykott der i t a l i e - nifchen Ausfuhr vor. Der Entwurf hat die Zustimmung der skandinavischen Staaten sowie Hollands, Belgiens, Rumäniens und Sowjetrußlands gefunden. Einige Länder, darunter Spanien und die Schweiz machten Vorbehalte. Ein Beschluß wurde nicht gefaßt, da zunächst der Ausschuß für gegen- fertige Unterstützung befragt, d. h. die Frage der Entschädigungen geklärt werden soll.
Der Antrag Edens hat folgenden Wortlaut: Die Regierungen der Dölkerbundsmitglieder v e r b i e -
von Gerlo Gubi kurz vor Golahai wegen starker Regengüsse zum Stehen gekommen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß diese Regenfälle bis Ende November an halten. H a v a s meldet, italienische Flugzeuge hätten Taffara und Khatama in der Provinz Ogaden mit etwa 300 Bomben belegt. Dabei sollen fünf Personen getötet worden sein. Ein italienisches Flugzeug habe eine Notlandung in der Gegend von Ossa und ein zweites in der Gegend von Aski- Tafaro vornehmen müssen. Die Besatzungen seien gefangen genommen worden. Ein Teil der Truppen des Ras Seyoum habe den Takka^e-Fluß überschritten. Die Truppen des Ras Kassa hätten die Verbindung mit denen des Ras Seyoum hergestellt. Ein Gegenangriff zur Wiedereroberung der heiligen Stadt 21 tf um soll bevorstehen.
Italienische Kamelaufkäufe in Britisch-Somaliland.
London, 17. Okt. (DNB. Funkspruch.) Eine Reuter-Meldung aus Berbera (Britisch-Somaliland) besagt: Der Krieg hat günstige wirtschaftliche Folgen für Britisch-Somaliland. Die Italiener machen große Ankäufe, und zahlreiche Karawanen ziehen mit Waren nach Abessinien. Die Jta- liener kaufen Hunderte von Lastkamelen an. Am Dienstag fuhr das italienische Transportschiff „Marie Pompei" mit 250 Kamelen an Bord nach Maf- saua ab und man erwartet, daß es bald weitere Kamele abholen wird. Die Lage in der Kolonie ist im allgemeinen ruhig, doch werden Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um mit dem Andrang von Flüchtlingen fertig zu werden. Jnternierungs- und Flüchtlingslager werden in aller Eile eingerichtet, um Kriegsteilnehmer beider Parteien und flüchtige Zivilpersonen aufzunehmen.
Widerstand gegen die Gefährdung der Zusammenarbeit mit England und Italien wegen des jetzigen Streitfalles. Auch diese Kreise würden ihre Entscheidung zu treffen haben. Einige von ihnen, besonders die Faschisten, hätten bereits erklärt, sie seien entschlossen, lieber „auf die Straße zu gehen", als einen Zusammenstoß zwischen Franzosen und Italienern zu erleben, selbst, wenn England angegriffen werden sollte.
„Daily Telegraph" sagt: Bei seiner Unterredung mit Laval habe der britische Botschafter u. a. gefragt, welche Rolle die französische Flotte bei einem italienischen Angriff auf die britische Mittelmeerflotte spielen werde. Laval habe geantwortet, daß er die Verpflichtungen des Absatzes 3 des Artikels 16 anerkenne, daß er sich aber nicht verpflichtet fühle, Beistand zur See zu versprechen, da es keine Erörterungen zwischen ihm und der britischen Regierung über militärische Zusammenarbeit gegeben habe. Es sei unzweifelhaft, daß die drei französischen Wehr- Minister eine enge Zusammenarbeit mit England als lebenswichtig für Frankreich betrachteten. Laval persönlich würde sich aber dafür entscheiden, die Zusammenarbeit mit Italien fortzusetzen, selbst für den Preis einer Entfremdung mit Großbritannien, da für das heutige Frankreich ein gesicherter Friede wichtiger fei als die Völkerbundssatzung.
„Morning Post" berichtet, Lavals Antwort habe gelautet, wenn die britische Flotte von der itlieni- schen Flotte angegriffen werde, weil England wirtschaftliche und finanzielle Sühnemaßnahmen zur Anwendung bringe, würden die französischen Flottenstützpunkte England zur Verfügung stehen, und die französische Flotte würde die britische Flotte unter st Ütze n. Wenn dagegen ein Zusammenstoß infolge der bloßen Anwesenheit der britischen Heimatflotte im Mittelmeer oder infolge irgendeines Schrittes der britischen Regierung entstehe, der ohne Billigung des Völkerbundes getan worden sei, werde Frankreich s i ch nicht zur Unterstützung verpflichtet fühlen.
dabei aber die Zurückziehung der englischen Flotte aus dem Mittelmeer. Die italienische Regierung habe aber außerdem wissen lassen, daß sie es a b l e h n e, unter der Drohung der Sühnemaßnahmen zu verhandeln. Englischerseits halte man den Zeitpunkt hingegen noch nicht für gekommen, wenn nicht inzwischen eine neue Sachlage dadurch eintrete, daß auch Italien an der libyschen Grenze Veränderungen vornehme. — „Motin" erklärt, weder England noch Italien widersetzen sich einer Regelung. Aber weder der eine noch der andere wolle seinen einmal gestellten Grundsätzen nachgeben. Frankreich werde von beiden Seiten aufgefordert, sich eindeutig zu erklären. Die Frage sei nur, ob man wirklich ehrlich das Werk der Versöhnung fortsetzen könne, wenn man für eines der beiden Länder Partei ergreife, deren Auffassungen scharf aufeinander stießen. Frankreich habe noch keine endgültigen Vorschläge unterbreitet. Wenn derartige Vorschläge überhaupt gemacht würden, dann würde dies im Rahmen des Völkerbundes erfolgen. Bis dahin werde man jedoch gut daran tun, die von verschiedenen Seiten in den Vordergrund gestellten Pläne mit größter Vorsicht aufzunehmen.
ten die Einfuhr in ihr Gebiet für alle Waren, — außer gemünztem und ungemünztem Gold und Silber — die aus Italien oder den italienischen Besitzungen stammen, dort erzeugt oder hergestellt sind, ohne Rücksicht auf den Absendungsort. — Erzeugnisse ober Fabrikate Italiens oder der italienischen Besitzungen, die in einem anderen Land weiterverarbei- t e t worden sind, und Waren, die teils in Italien oder den italienischen Besitzungen und teils in einem anderen Land hergestellt sind, fallen ebenfalls unter das Verbot, es fei denn, daß mindestens 25 v. H. ihres Wertes beim Verlassen
des letzten Versandortes auf Derarbeitungsprozesse fest dem letzten Verlassen Italiens oder der italienischen Besitzungen zurückzuführen sind. Waren, die Gegen st and laufenber Verträge finb, sinb von bem Verbot nicht ausgenommen, Waren, bie zur Zeit ber Verhängung bes Verbotes sich unterwegs besinben, werben von seiner An- roenbung befreit. — Bei ber Durchführung bie- ser Bestimmungen können bie Regierungen zur Erleichterung ber Hanbhabung unb unter Berücksichtigung ber normalen Transportzeit einen Stich- t a g festsetzen. Persönliches Gepäck von R e i s e n b e n , die aus Italien und den italienischen Besitzungen kommen, kann ebenfalls vondem Verbot befreit werden.
Auch die Frage der gegenseitigen Unterstützung zwischen den die Sühnemaßnahmen durchführenden Staaten ist in dem hierfür eingesetzten Ausschuß behandelt worden. Es wurden verschiedene Vorschläge erörtert, die teils auf dem Grundsatz der rechtlichen Verpflichtung zum Ausgleich entstandener Schäden beruhten, teils davon ausgingen, daß allen billigen Ansprüchen durch entsprechende praktische Mittel genügt werden soll. Der spanische Delegierte beantragte die Schaffung einer Ausgleichs- stelle, die während der Dauer der Feindseligkeiten in Genf die nötigen Maßnahmen zur Umlagerung des Aus- und Einfuhrhandels der verschiedenen, an den Sühnemaßnahmen teilnehmenden Länder vorschlagen soll. Der rumänische Außenminister Titulescu beantragte, daß die die internationalen Verpflichtungen getreulich erfüllenden Staaten bei der Neuverteilung der Märkte, die durch die Ausschaltung des Vertragsbrüchigen Staates frei werden, einen Anspruch auf vorzugsweise B e - rücksichtigung haben sollen. Ein Vorschlag des griechischen Vertreters Maximos bezog sich auf die Schaffung einer Gemeinschaftskasfe, die die Verluste einzelner Staaten bei der Durchführung der Sühnemaßnahmen ausgleichen solle. Die Mittel hierzu sollen durch eine 2 - bis 3 pro - zentige Abgabe von dem Handel mit Italien aufgebracht werden.
Das Waffenausfuhrverbot.
Genf, 16. Okt. (DNB.) Die Sanktionskonferenz hat die ergänzte Verbotsliste für Waffen- fenbungen nach Italien angenommen. Der ungarische Vertreter enthielt sich ber Stimme. Bunbes- rat Motta erklärte zu bem Verbot ber chemischen und Brandwaffen, diese Kriegsmittel seien bereits durch das Völkerrecht verboten und sollten deshalb auch nicht nach Abessinien ausgeführt werden dürfen. Die Regierungen Polens, Griechenlands und Kubas haben mitgeteilt, daß sie der Entschließung über die Waffensperre Folge leisten werden. Der Vertreter D e n e z u e - l a s machte einen allgemeinen Vorbehalt hinsichtlich der Beteiligung seines Landes an Sanktionsmaßnahmen unter Berufung auf feine schlechte wirtschaftliche Lage. Er erklärte, es solle mit anderen als Gewaltmitteln eine Lösung des Streitfalles angestrebt werden.
Hochbetrieb in den englischen Klugzeugfabriken
L o n b o n, 17. Okt. (DNB. Funkspruch.) „Daily Mail" melbet: Das Luftfahrtministerium hat 18 verschiebene Typen von Militärflugzeugen ausgewählt unb bestellt. Bis zum Herbst 1937 sollen 2000 Flugzeuge gebaut werben, bie Flugzeugfabriken in ganz England sind organisiert worben, um biefe noch nicht bageroefene Arbeitsfülle zu bewältigen. Die Zahl ber Bestellungen ist so groß, baß die Fabrikanten gewisser Flugzeug-Typen einen Teil ihrer Arbeit unter Aufsicht des Ministeriums an andere Gesellschaften weitergegeben haben.
Roosevelt besichtigt die Befestigungsanlagen im Panama-Kanal
Neuyork, 16. Okt. (DNB.) Präsident Roose- v e l t befindet sich auf einer Besichtigungsreise durch den Panamakanal. Sein Augenmerk richtete er besonders auf die Befestigungengen und den erst kürzlich fertiggestellten Madbendamm, der zum Zwecke einer zusätzlichen Wasserversorgung des Kanals ungefähr in der Kanalmitte erbaut worden ist. Der Präsident besichtigte auch die in Fort Clay- ton liegenden Truppen ber Vereinigten Staaten. In Colon stattete ber Präsibent von Panama Roosevelt einen Besuch ab. Nach Beendigung der Besichtigung wirb Roosevelt wahrscheinlich noch einige Tage in Westindien verbringen, wo er sich mit Tiefseeangeln beschäftigen wird.
Abbruch des Bergarbeiterstreiks in Wales.
London, 17. Okt. (DNB. Funkspruch.) Nach einem Tage ernster Ruhestörungen im Streikgebiet von Süd-Wales hat am Abend des Mittwochs ber Bergarbeiter-Verband von Süd-Wales beschlossen, den „Streik unter Tage" für beendigt zu erklären unb die Bergleute anzuweisen, die Gruben zu verlassen. Dieser Beschluß erfolgte auf eine Mitteilung ber Zechenverwaltung, baß sie ihre brei Gruden schließen würde, aber zu Verhandlungen über bie Wiederaufnahme des Betriebes de- reit fei. Der Kampf stellte einen Protest gegen die Beschäftigung nichtorganisierter Arbeiter bar. Die Gesamtzahl ber Teilnehmer an bem Streik unter Tage war allmählich auf 1200 Mann gestiegen, wozu noch mehrere Tausend kamen, die einen Sympathiestreik über Tage begonnen hatten. Ein Teil ber in ben Gruben feiernden Arbeiter hat m e h r als 100 Stunben um unterbrochen in ber Tiefe verbracht. An- cheinenb findet der Beschluß des Bergarbeiter-Verbandes bei einem Teil der Angehörigen und Freunde der Streikenden keine Zustimmung, denn auf die Nachricht hin, daß die Streikenden die Gruben verlassen würden, versammelten sich tausende von Männern und Frauen um Mitternacht an ber Grube um zu protestieren.
Kerkerstrafen gegen Sudetendeutsche.
. B r ü n n, 16. Okt. (DNB.) In bem Prozeß gegen mer ehern. Mitglieber ber Kreisleitung ber aufgelösten Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei in ber Tschechoslowakei würben brei Angeklagte föS. s§",ldig erkannt, „sich zu Anschlägen gegen die Tschechoslowakische Republik vereinigt zu Haven". Der Hauptbeschuldigte erhielt 13 Monate, zwei andere je ein Jahr schweren Kerkers mit Strafverschärfungen. Außerdem eine Geldstrafe von je tausend Kro- nen Sie verlieren die bürgerlichen Ehrenrechte und müssen die gesamten Prozeßkosten tragen. Der vierte Angeklagte wurde steigesprochen. Staatsanwalt unb Verteibiger werben bie Nichtigkeitsbeschwerbe und Berufung gegen das Urteil einlegen, so baß es erst nach bem Spruch bes Obersten Gerichtes rechtskräftig
Japans Weg.
Don unserem X W.-Serichierstaiier.
(Nachbruck, auch mit Quellenangabe, verbotenl) Tokio, Enbe September 1935.
Am 12. August wurde, wie seinerzeit durch Kabel gemeldet, in seinem Arbeitszimmer ber Generalmajor Nagata, Abteilungschef im Kriegsministerium, von bem Oberstleutnant Aizawa ersto - ch e n. Amtliche Erklärungen bezeichneten ben Fall als „einzig bastehend in der Geschichte ber Kaiserlichen Armee". Tatsächlich müssen auch schwerwiegende Gründe die Veranlassung zu ber furchtbaren Tat gegeben haben. Diesen Grünben nachzugehen, erscheint Pflicht ber Berichterstattung zu sein, da sie wesentlich zum Verständnis für den Geist im japanischen Heer beitragen, dann aber auch einen Einblick in gewisse geistige Strömungen in Japan gestatten, die man als „Nipponis- mus", dem Ausdruck schärfsten japanischen'Nationalismus', bezeichnet. Die „Nipponiften" verschiedenster Färbung streben nichts weniger als eine Art Restauration an, die „das heutige, von fremden, unjapanischen Einflüssen bedrohte Volk a u f den wahren Kaiserlichen Weg" zurückführen soll. Diese in ihrem Grundzug ohne Zweifel revolutionären Erscheinungen sind mit feinem wie immer gearteten Vorgang in anderen Ländern zu vergleichen. Wie die Meifi-Restauration 1868 eine Revolution von oben gegen die Herrschaft der Clans und Stammesherzöge (Shogune) war, so setzt die angestrebte Showa-Restauration eine Erneuerung von Staat und Volk unter dem jetzt regierenden Kaiser Showa voraus.
Die Mordtat Aizawas ist nur zu verstehen, wenn man die in Japan herrschenden Zeitströmungen erkennt. In weiten Schichten der jungen Generation, besonders akfiv unter Studenten und Offizieren, aber auch stark verwurzelt in ländlichen Kreisen, freien Berufen usw., sammelten sich Gruppen, Bünde oder lose Gesinnungsgemeinschaften, die um die „Verwirklichung des ewigen un* endlicken und unabänderlichen Kaisergedankens" kämpften, deren ärgste Feinde die von unjapanischen Gedanken angekränkelten Personen und Erfcheinun» gen seien. Unjapanisch? Die Aktivisten sprechen sogar vom „Verrat am Kaiserlichen Gedanken", d. h. Verrat an allem, was den Aufstieg des kaiserlichen Japan im Kampf um die Führung in Ostasien und um das letzte Ziel: „Asien den Asiaten" beeinträchtigen könnte. Unjapanisch ist die Machtgier der politischen Parteien; unjapanisch z. B. die Unterzeichnung des ,chas japanische Volk entwürdigenden" Washingtoner Flottenoertrages; unjapanisch endlich der die Politik beherrschende Kapitalismus. Und in letzter Zeit gibt es ein besonders lehrreiches Beispiel: der bekannte Staatsrechtler Professor M i n o b e hatte gewagt, die japanische, vom Kaiser gegebene Versa s s u n g unter europäischem Gesichtswinkel zu erläutern. Er sagte kurz: Wenn im Arfikel V der Verfassung davon die Rede ist, daß der Kaiser seine gesetzgebende Macht in Ueberetn ft immun g mit dem Reichstag ausübt, so ist der Kaiser als „Organ des Staates" zu betrachten. Jahrzehnte beherrschte diese „Organ- theorie" die Hochschulen Japans, und es ist ein Beweis für die gerade in letzter Zeit anschwellende nipponistische Bewegung (man spricht von einem äußersten reaktionären Flügel), daß' plötzlich Minobe und seine Lehre aufben Jnbexgesetzt werden.
Man begeht außerhalb Japans häufig ben Fehler, von parteipolitischen Schichtungen, etwa von „rechts" unb „links" zu sprechen. Es gibt aber in Japan feine Rechte ober Linke ober gar eine Mitte. Es gibt nur Nationalisten, bie man bestenfalls nach bem Grab ihres Kampfwillens um bie ftänbige Erneuerung bes Kaiserlichen Gebankens, bieses obersten Staatsgesetzes, unterscheiben kann. K o m m u n i - stische, sozialistische ober liberalistische Tenbenzen im Sinne „westlicher Anschauungen" haben wohl jugenbliche unb opportunistische Köpfe beschäftigt, aber nie Wurzel fassen können. Das ganze Volk beherrscht eine gefühlsmäßige Ablehnung aller von außen fommenben geistigen Strömungen, benen man bas echt japanische Wort: „gefährliche Gebauten" gegeben hat.
Verstärkt wirb biefe Ablehnung burch politische Erwägungen: Japan befinbet sich in einer Gefahrenzeit, zu bereu Ueberroinbung alle Kräfte bes Volkes aufgeboten werben sollen. Japan ist bebroht von überlegenen Gegnern, bie Japan ben Aufstieg nicht gönnen unb bas japanische Volk mit allen Mitteln am Boben halten wollen. Flug- unb Denkschriften zeigen immer roieber ben „Kampf um Japans Selbstbehauptung" auf, ber Staat unb Volk zur „Entschlossenheit, zum Kampf- unb Siegeswillen" aufruft. Immer roieber wirb dem Volk eingehämmert: „Man versagt uns bie Gleichberechtigung (Flottenvertrag); man sperrt bie Grenzen gegen ben apanischeu Bevölkerungsüberschuß (Eiuwauberungs- zesetze in Norbamerika, Australien, in ben englischen Besitzungen unb Holläubisch-Jubien); man brosselt unsere natürliche wirtschaftliche Entwicklung (Han- belssperreu); man versagt uns ben gebührenden Anteil an ben natürlichen Hilfsquellen (Rohstoffe) ober an Sieblungslaub." ßeitgebanfe aller Aufrufe ist aber immer: Man mischt sich in bie Angelegenheiten ber Völker im Fernen Osten, an beren Spitze sich Japan als führeubes, ben Frieben Ostasieus ichernbes Volk gestellt hat.
Es finb also zahlreiche Fragen, bie sich in bem Fernziel Groß-Japans ober barüber hinaus D ft a f i e n 5 mit China, Siam unb Manbfchukuo zusammenballen. Unerhört selbstbewußt ist bieses Ziel, für bas allein 100 Millionen Japaner eintreten, ür bas 30 Millionen Manbschukuos gewonnen wer- ben, unb zur Durchführung biefer Aufgaben wird leibenschaftlich um bie Seele von 300 Millionen Chinesen gerungen.
Stolz, unnahbar unb abgeschlossen arbeitet bie Marine. Für sie gibt es keine „gefährlichen Gebauten", keinen Professor Minobe. In fast klösterlicher Abgeschiebenheit wächst bas junge Offizierkorps heran. Die Marine weiß, baß sie ben Großteil ber Verteibigung bes Vaterlanbes im weiten Raum des Pazifik zu tragen hat. Weber Mann noch Material werden geschont. Ein Sagenkreis hat sich um den Opfergeist des japanischen Seemannes gebildet; jeder weiß täglich neue, unerhörte Dinge zu erzählen. Wenn auch vieles übertrieben fein mag, so steht doch das eine fest: bie japanische Marine wirb einstmals em harter Gegner sein.
Anbers bie Armee. Sie ist äußeren Einflüssen ^rker ausgesetzt. Manbschukuo, Norbchina, Korea mb Formosa beuten schon an, baß bie innere Ge- chlossenheit nicht in bem Maße wie bei ber Flott« gegeben ist. Der Kampf bes japanischen Geistes, Einflüsse von außen, wirtschaftliche unb soziale Fragen drängen sich an bie Führung und an bie Solbaten heran. Es wäre ein Wunber, wenn bas Heer von biefen Vorgängen unberührt geblieben wäre. Es würbe zu weit führen, gewissen Erschein nungen, die man nach unserem Begriff als Zuchtt
Lavals Aussöhnungsverfuch gescheitert.
England lehnt die Zurückziehung der Heimatflotte aus dem Mittelmeer ab.
London, 17. Okt. (DNB.-Funkfpruch.) Reuter meldet aus Paris: Am Mittwoch um 20.10 Uhr machte der britische Botschafter Sir George Clerk dem französischen Ministerpräsidenten Mit- teilüng von der Entscheidung der britischen Regierung, auf Lavals Anregung wegen Zurückziehung der britischen Heimat f l o 11 e aus dem Mittelmeer mit einem bedingten „unmöglich" zu antworten. Vorher hatte Laval den italienischen Botschafter empfangen, der eine „k o n st r u k t i v e Antwort" von Mussolini auf Lavals Friebens- fühler überbracht haben soll. Es verlautet, daß der britische Botschafter erklärt hat, die britische Regierung könne es nicht in Erwägung ziehen, bie britischen Seesttzeitkräfte im Mittelmeer, bie bie Sicherheit gewährleisten sollen, zu vermindern, falls nicht ein gleichwertiger Schutz von Frankreich angeboten werde. Hierauf untersuchten Laval und der Botschafter die Lage, doch ist nicht bekannt, zu welcher Schlußfolgerung sie kamen. Man glaubt, daß Laval möglicherweise die Hilfe der französischen Flotte versprechen wird, um eine Trumpfkarte bei seinen Verhandlungen mit Mussolini zu haben. Die 'Erfolgsaussichten für die Versöhnungsbemühungen Lavals werden indessen in gut unterrichteten Pariser Kreisen als gering betrachtet.
In einem Bericht des Pariser „Times"- Vertreters heißt es, die britische Regierung würde nur bereit fein, einen Vorschlag zur.Regelung des ganzen Streitfalles zu erwägen, falls die italienischen Truppen aus Abessinien zurückgezogen würden. Mussolini habe durch den Krieg feierliche Verpflichtungen gebrochen, was den Wert künftiger Versprechungen von vornherein vermindere. Laval stehe jetzt nach bem Fehlschlag seines Versöhnungsoersuches vor einer kritischen Entscheibung. Er werbe ben heftigen Wiber- ftanb vieler Franzosen finben, bie in einem Fehlschlag bes italienisch-faschistischen Abenteuers ben Tob ihrer eigenen Hoffnungen im Innern Frankreichs erblickten. Hinzu komme bie hartnäckige Weigerung eines großen Teiles ber französischen Oefsent- lichkeit, an bie Selbstlosigkeit ber britischen Beweg- grünbe zu glauben, und ein noch hartnäckigerer
Zwiespältige Auffassung in Frankreich.
Die Ansicht französischer Blätter geht bahin, baß Laval es erneut abgelehnt habe, entgegen den englischen Forberungen fest umschriebene Verpflichtungen zu übernehmen. Der englische Botschafter soll ben französischen Ministerprasibenten unterrichtet haben, baß bie englische Regierung eine Zurückziehung ihrer Flotte aus bem Mittelmeer für unangebracht halte, solange Italien neue Truppenverstärkungen nach Libyen senbe. Die englische Regierung sei außerbem ber Ansicht, baß jeder Versuch einer friedlichen Regelung des Streitfalles nur vor bem Völker- b unb möglich fei unb wenn Abessinien seineZustimmung bazu gegeben habe. — Das „Echo be Paris" behauptet, daß Laval sicher- neut geweigert habe, bie Folgen irgenb- welcher Zwischenfälle im Mittelmeer zwischen Englanb unb Italien zu tragen, weil Englanb sich vor ber Ergreifung biefer Maßnahmen nicht mit Frankreich ins Benehmen gesetzt habe. Gerabe auf dieser Auslegung beruhten bie ganzen französisch-englischen Schwierigkeiten.
„Petit Journal" glaubt zu wissen, baß ber italienische Botschafter bie Bebingungen mitgeteilt habe, unter benen Italien bereit sei, bie Feind- feligfeiten in Abessinien einzustel- len, und zu verhandeln. 2In erster Stelle stehe
Fortschreitende Arbeit des Genfer Sanktionsausschusses.
Die Ein- und Ausfuhrsperre gegen Italien im einzelnen festgelegt.


