Ausgabe 
17.10.1935
 
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Nr. 2^3 Erster Blatt

185. Jahrgang

Donnerstag, 17. Oktober 1935

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Christentumes herausgewachsen ist, das fordern wir vorn Menschen. Nicht unsere Taten widersprechen Gott, wohl aber hat es viele Taten von christlichen Predigern gegeben, die sich zu Gott in Widerspruch setzten. Es gibt allerdings Verbände in Deutschland, die mit der Kirche nichts zu tun haben wollen: aber mit Gott wollen sie alle zu tun haben und sie streiten sich nur um die Form ihres Glaubens. Das geht uns als Staat aber nichts an. Wir greifen in die Majestät des Glaubens des einzelnen nicht ein. Die christliche Religion braucht keine Furcht zu haben, wenn sie sich in praktischer Liebe betätigt. Auf diesem Boden werden wir uns in einer idealen Konkurrenz immer treffen und im edlen Wetteifer begegnen.

Das sind die Gesichtspunkte, unter denen ich an meine Aufgabe tjerangegangen bin. Als ich mit einzelnen Pfarrern erst zusammen-

Als ich diese Erklärung gelesen habe, habe ich sie mit der Leitung der evangeli­schen Kirche beauftragt. Manner, die aus alten Lagern der in sich immer noch uneinigen evangelischen Kirche kommen.

Ich sage nicht zu viel, wenn ich glaube, daß sich damit eine Wendung im deutschen Volke vorberei­tet, und daß das deutsche Volk auf diesem Wege auch anderen Völkern noch viel zu sagen haben wird. Die protestantische Welt stand immer unter der Führung Deutschlands. Die Befürchtung, die im Auslande laut geworden ist, daß aus der protestantischen Welt Deutschland ausscheiden wird, ist unbegrünbet. Noch nie ist das religiöse Leben in unserem Lande so lebendig gewesen wie heute, aber wir wissen, daß das alles langsam und organisch wachsen muß. Und ich weiß, daß es wachsen wird, und daß gerade die vergangene Zeit in diesem Wachstum ihre Frucht tragen wird.

In dieser Ueberzeugung habe ich mein Werk in die Hand genommen. Was mir tun, tun wir in bestem Sinne für die Menschheit. Denn die natio­nalsozialistische Idee hat den Vorzug, daß sie kei­nerlei Imperialismus kennt. Sie weiß, daß man Menschen nicht germanisieren kann. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, den Bestand des deutschen Dolks- tumes zu sichern. Man soll auch nicht von einem bedauerlichen Ringen" innerhalb der Kirche spre­chen, sondern von einem werteschaffenden, unerhörten Ringen, von dem die Welt außerordent­lich viel zu erwarten hat. Dadurch tragen wir ge­meinsam mit anderen Völkern dazu bei, die Völker­verständigung zu ermöglichen und die erhabenen Ziele der Menschheit durchzusetzen.

Die Spitze unserer Nation marschiert, das Gros hat sich formiert. Dahinter herrscht noch Lärm und Streit, und das hat man für eine entscheidende Realität gehalten. Die wahre Realität ist aber eine andere: Dieses Volk marschiert mit dem Führer. Ich zwinge niemanden dazu, mitzumar- chieren. Wenn ihr eure Aufgabe erfüllen wollt, dann müßt ihr mit dem Volke sein und ihm auf seinem Wege Stärkung geben. Entweder die Kirche marschiert mit oder sie bleibt allein in ihrer absoluten Kirche und wird eines Tages die Nachhut unseres Volkes am Horizont verschwinden ehen.

Ich habe nach llebernahme meines neuen Amtes drei Monate nach den Männern gesucht, die geeignet sind, die Leitung der evangelischen Kirche zu übernehmen. Jchhabefiegefun- den und ihnen gesagt: 3n geistlichen Dingen gilt nicht das Kommando, sondern lieber- zeugung und Gemeinschaft. Ihr habt die Bergung in eurer Hand. Beratet euch frei und in der Verantwortung vor der evangelischen Kirche, die wieder wachen muh über die Grund­sätze eurer Leitung. Ls war einer der glück­lichsten Tage meines Lebens, als diese 13 Män­ner des Reichskirchenausschusses und des Aus­schusses der altpreuhischen Union mir eine einstimmige und einmütige Erklä­rung Übergaben, die sie unter sich gefunden hatten, ohne daß ich ein Wort dazu gesagt hatte, und die sie gefunden hatten unter der Mit- arbeit eines Mannes, wie des Generalsuperin­tendenten Zöllner, eines der geachtetsten und bekanntesten Führer des Weltprotestantismus.

sah, habe ich gemerkt, dah wir gar nicht weit auseinander sind. Ich habe den katholisch en Priestern gesagt, dah ich nicht daran denke, irgendwie in Glaubensdinge einzugreifen. Ich habe den evangelischen Pfarrern gesagt, dah ich keinen Wert auf eine Staatskirche lege. Denn ich wünsche mir eine evangelische Kirche, die aus i n n e r ft e r Ueberzeugung und freiwillig zu unserem Staate kommt. Und sie muh dahin kommen, wenn sie leben will, denn sie hat mit den gleichen Volksgenossen zu tun, mit denen wir zu tun haben. Mit der Vlitts- gemeinschaft, in die Gott uns hineingestellt hat. Richt ich, sondern das Schicksal hat sie vor diese Frage gestellt, sie möge sich in Freiheit unter diese Tatsache beugen.

Berlin, 16. Oft (DNB.) Der Wirtschaftsrat der Deutschen Akademie veranstaltete im Hotel Kaiserhof einen Empfang, dem zahlreiche Vertreter des Diplo­matischen Korps sowie des politischen, wirtschaft­lichen und kulturellen Lebens beiwohnten. Der Präsident der Deutschen Akademie, Generalmajor i a. D. Professor Dr. Haushofer, erinnerte in seiner Ansprache daran, daß die Akademie 1924 in einer Zeit tiefsten Niederganges geschaffen wurde, um der kulturellen Weltgeltung eines wieder auferstandenen Deutschland zu dienen. Die Deutsche Akademie wolle bet allen Völkern der Erde Liebe und Verständnis für deutsche Kultur wecken. Er mies darauf hin, daß ähnliche Institute in anderen Ländern zum Teil schon seit mehreren hundert Jahren bestünden und betonte, daß auch die Deutsche Akademie für die Jahr­hunderte wirken wolle. Dann nahm

der Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten Kerrl

das Wort zu einer Rede, in der er sich mit den Stimmen aus dem Auslande beschäftigte, die öfters die Behauptung aufstellen, das neue Deutschland sei christentums- bzw. k i r ch e n s e i n d l i ch geworden. Hier liegen Mißverständnisse vor, die durch persön­liche Aussprache am allerbesten geklärt werden könnten. Denn in seltsamem Kontrast mit solchen Stimmen aus dem Auslande stehe doch die Tat­sache, daß es dem Nationalsozialismus gelungen ist, Kommunismus und Gottlosenbewe- gung niederzuschlagen und völlig auszu­rotten. In Deutschland herrscht die national­sozialistische Idee, wie sie der Führer selbst bezeichnet, lieber Ideen zu streiten, ist zwecklos. Ideen kommen aus dem Glaub e n. Erfolg oder Mißerfolg entscheiden ihre Gültigkeit. Uns hat d i e Not zur Besinnung gezwungen. In der Stunde der größten Gefahr erklang die Stimme eines einsamen unbekannten Mannes. Der Führer forderte neue Menschen, einen Glauben, der Berge versetzen kann.

D i e f e r G l a u b e i st d a g e w e f e n, ist das Geheimnis unseres Volkes und unseres Sieges, dieser Glaube, der keine Sache eines Dogmas oder der Geschichte ist, sondern der die neue Botschaft geboren hat und verbreitete: Ra­tionalismus und Sozialismus sind in Wahrheit dasselbe. Das neue Werden blieb in uns, in unserem Blute. Das haben wir erkannt und er­lebt, dah hier die uns von Gott gegebene Ge­meinschaft liegt, in die er uns hineingestellt hat, das Volk, das aus Familie, Sippe und Stamm geworden ist. Organisch aus Gottes Wille: ge­wachsen Ünd nicht entstanden durch irgendwelche

Kriege um Grenzen oder Landstriche.

So qab uns der Führer die neue Idee, die einst revolutiortterend und weltumstürzend sein wird wie die Kopernikanische vor 400 Jahren. Sinn und Zweck des einzelnen ist die Nation, die Er­haltung ihres Bestandes, für uns also die der deutschen Rasse. Nach diesem Grundsatz ge­stalten wir heute das Gemeinschaftsleben unserer Nation. War es nicht fast selbstverständlich, daß wir heute dasselbe hörten wie Kopermkus oor 400 Fahren:Anathema! Das ist Vergottung der Rasse und unchristlich!"

Paris, 16. Oktober 1935.

Alljährlich im Oktober beginnt das parlamenta­rische Leben in Paris sich zu regen. Zwar pfle^ die Kammer der Deputierten gewöhnlich erst am 12. November, nämlich am Tage nach den Nationalfeierlichkeiten zum Andenken an den Waf­fenstillstand, zusammenzutreten. Aber in der Regel gehen einige politische Ereignisse vorher, welche den eigentlichen Auftakt für die Winter-Session des Par­laments geben und die parteipolitische Kräftevertei­lung klären. Zunächst nimmt der Budgetminister nut den Finanz-Ausschüssen von Kammer und Senat Fühlung auf, um die Aussichten des von ihm vorbereiteten Haushaltsvoranschlages tm Parlament abzutasten. Die Bewilligung des Etats durch die beiden parlamentarischen Häuser, diss in der Zeit bis zum 31. Dezember erfolgen soll, berei­tet in Frankreich jeder Regierung bekanntlich die größten Schwierigkeiten. In den Monaten Novem­ber und Dezember fallen die französischen Kabinette wie die Fliegen infolge der Ablehnung von aewissen Steuereinnahmen oder Staatsausgaben, welche die Regierung für unerläßlich hält, zu denen sich aber die'Herren Ab­geordneten aus Angst vor ihren Wählern nicht ent­schließen können.

Ende Oktober folgt bann der alliahrliche Par- t ei tag der stärksten Partei in Frankreich, der Radikalsozialisten, die weder radikal, noch sozialistisch sind, sondern die breiten Schichten des ranwlischen Mittelstandes umfassen. Der diesjährige Kongreß findet vom 24. bis 28. Oktober statt, und xroar in Paris, wie immer am Vorabend von Neu­wahlen zur Kammer, die im Frühjahr des nächsten Jahres fällig sind. Außerdem pflegen tm Oktober regelmäßig irgendwelche W a h l e n, fei es für den Senat für die Gemeinden oder sonstige Teil- und Neuwahlen, stattzufinden, die den Parteien die Strömungen in den Wählermasien aufzeigen. So sind auf den 20. Oktober die diesjährigen Senats­wahlen an gesetzt. Die 314 Mitglieder des französischen Oberhauses werden auf neun Jahre

Vor Genatswahlen in Frankreich

Oer Auftakt zu einem unruhigen Winter.

Don unserem Dr. Jh.-Korrespondenten.

Sie Kirche muß mit dem Volke sein

Oer Auftrag des Reichskirchenausschusses.

Man kann die Konfessionen fragen: Was habt ihr gegen diese Lehre? Wo krankt sie euch? In Wahrheit kränkt sie die Religion nirgendwo. Wartet doch ab! Ihr könnt ja doch abwarten und ihr werdet es erleben, dah unsere Idee in keiner Weise in das Gebiet der Religion kränkend eingreift Aber ihr werbet gfefr zeitig erleben, daß alle Wissensgebiete unter der Idee Adolf Haklers neu er­strahlen und von der Erkenntnis der Rasien- frage ebenso selbstverständlich befruchtet werden wie vor 400 Jahren von der Erkenntnis der Um- drehung der Erde. Kirchen und Konfessionen haben nichts mit den praktischen Dingen des Lebens zu tun, sondern mit denen des Glau­bens. Wir überlassen es der Religion, bas Wesen der Dinge zu erahnen und dogmatisch zu lassen. Wir verlangen aber, daß sie nicht gottlos sind. Venn der 31 a f i o n a 11 o $ i a l i 5 m u 5 b c b i n g t Gollesglauben. Ieder Ralionalsozialist muh religiös fein, nur die Form feines Glau­bens ist feine Sache. Der Artikel 24 des Pro­gramms ist unumstößlich, der Rationalsozialis­mus steht zum positiven Christen­tum. Ich kenne die Lehre Jefu und bekenne mich zu ihr als evangelischer Christ. Ich bekenne aber gleichzeitig, daß mir die wahre Lehre Christi erst im nationalsozialisti- sch en Kampf auf gegangen ist, denn da habe ich erlebt, was es heißt: der Glaube kann Berge versehen. Weil wir den Glauben hatten, haben wir erreicht, was wir erreicht haben. Richt, weil wir redeten, sondern weil wir positives Christentum leb- t e n hörte Deutschland auf uns. Die Liebe dem Räch'sten gegenüber sehen wir in die Tat um. als praktische Liebe zum Rächsten. den Gott uns gegeben hat, den Volksgenossen der deutschen

Ration.

Mußten die Konfessionen nicht einen solchen Staat mit Freuden begrüßen? Was aus der Lehre des

gewählt und alle drei Jahre zu je einem Drittel er­neuert. Das erste Drittel, die Rubrik A, umfaßt die Departements mit den Anfangsbuchstaben A bis G, das zweite, Rubrik B, von H bis O und das dritte, Rubrik C, von O (zweite Hälfte) bis Y.

Dieses Mal ist die dritte Rubrik dran, in der sich das DepartementSeine" befindet. In diesem Departement der Pariser Vorstädte stehen sich eine rechtsgerichtete Einheitsliste mit dem Ministerpräsidenten Laval an der Spitze und eine Liste der linksgerichtetenVolksfront" in erbittertem Wahlkampf gegenüber, dessen Aus­gang für die innerpolitische Entwicklung in Frank­reich außerordentlich bedeutsam ist. Die Senatoren werden nicht, wie die Kammerdeputierten, nach dem allgemeinen und direkten, sondern nach dem be­schränkten und mittelbaren Verfahren gewählt. Es sind Kollegien von Wahlmännern dazwischen geschaltet, die in der Hauptsache aus d e n Gene­ralräten der Departements (vergleichbar unfern früheren Provinziallandtags - Abgeordneten) und den Stadt- und G e m e i n d e r ä t e n zu­sammengesetzt sind. Die Kandidaten haben es daher leichter als ihre Kollegen von der Kammer. Sie brauchen sich nicht den Strapazen eines anstrengen­den Wahlfeldzuges und großer Massenversammlun­gen zu unterziehen. Es genügt, wenn sie sich geruh­sam mit den wenigen Wahlmännern ihres Bezirkes unterhalten und sie von den Vorzügen ihrer Person zu überzeugen versuchen. Man erzählt sich von dem früheren Staatspräsidenten Millerand, daß er ehemals allen seinen Wahlmännern einen persön­lichen Besuch abstattete, auch denen, die sicher nicht für ihn stimmten.Man kann nie wissen", erwiderte er den Fragern, die sich über feinen Elfer wun­derten. _ ....

Die Bewerber um einen Senatssitz müssen min­destens 40 Jahre alt sein. Tatsächlich sind die meisten Senatoren weit über 60, und Pierre Laval ist einer ihrer jüngsten. Man nennt sie deswegen auch Abgeordnete, die sich zur Ruhe gesetzt haben und den ganzen Senat einParlament der Greise .

Immerhin sind diese ehrwürdigen alten Herren weder politisch leidenschaftslos, noch ungefährlich. Sie haben schon manches Kabinett zu Fall gebracht, und gerade die bekanntesten Ministerpräsidenten sind von ihnen gestürzt worden (Herriot 1925, Tardieu 1930, Laval 1932 und indirekt auch Doumergue, der vor Jahresfrist zurücktreten mußte, da der Senat in die vorgeschlagene Staatsreform nicht einwilligen wollte).

Als Ergebnis der kommenden Senatswahlen wird ein leichter Ruck nach links erwartet. Die Gründe dafür liegen teils in der wachsenden Opposition gegen die Notverord- nungspoIitiE der Regierung Laval, der all­zu enge Bindungen an kapitalistische Auftraggeber oorgeroorfen werden, und teils in der Bundes­genossenschaft der antimarxistischen linksbürgerlichen Parteien und Gruppen mit den marxistischen Sozia­listen und Kommunisten. Sogar der Ministerpräsi­dent Laval ist sich seiner Wiederwahl im Seine- Departement so unsicher, daß er sich vorsichtshalber auch noch in seinem Heimat-Departement Puy-de- Döme als Kandidat hat aufstellen lassen, um nicht seiner parlamentarischen Grundlage, deren er bedarf, um Ministerpräsident bleiben zu können, verlustig zu gehen.

Nationalsozialismus und Glaube.

Reichsminister Kerrl spricht vor der Deutschen Akademie über seine Aufgabe

An abessinischen Wachtfeuern.

Die Berichte der zahlreichen ausländischen Korrespondenten, die sich auf dem abessini­schen Kriegsschauplatz in beiden Lagern befinden, sind, was die tatsächlichen Meldungen anbetrifft, mit außerordentlicher Vorsicht aufzunehmen. Namentlich aus dem italienischen Lager wird dar­über aeklagt, daß die Zensur sehr st r e n g sei und daß kein Bericht herauskomme, der die italienischen Auffassungen irgendwie kritisiere. Dies ist verständlich, denn keine Führung einer kämpfen­den Armee wird es gestatten, daß über ihre Be­wegungen und Absichten Meldungen verbreitet werden, die ihr schädlich werden könnten. Dennoch sind viele dieser Berichte sehr interessant, weniger wegen ihrer tatsächlichen Angaben, als wegen des Gei st es der Führung und der Truppe, den sie getreu widerspiegeln, sei es, daß sie selbst unter der Suggestion ihrer Umgebung stehen, sei es, daß sie das Wohlwollen der Zensur vorwegzunehmen suchen.

So findet man in den ausführlichen Berichten des Korrespondenten des PariserTemps", der sich im italienischen Hauptquartter in Adua befindet, höchst anschauliche Schilderungen der Denkweise italienischer Offiziere und Soldaten, die auch die politische Situation interessant be­leuchten, wie sie durch diesen größten europäischen Heereszug nach Afrika entstanden ist. Wir wollen hier nur eine kleine Episode herausgreifen, die Herr Gentizon an einem Wachtfeuer mit italienischen Offizieren zwischen Asmara und dem Mareb er­lebte. Ein junger Leutnant schilderte die politische Situation Italiens und seiner afrikanischen Armee, wie sie sich in seinem Soldatenhirn spiegelt, etwa folgendermaßen:Wir sind heute die zahlreichste, geschlossenste und mächtigste Armee, die auf afrika­nischem Boden steht. Man kann nicht gegen uns an. Mag Genf alle möglichen Sanktionen verhän­gen, mag man den Kanal von Suez schließen, Afrika ist groß und reich. Nicht allein Abessinien, sondern auch Englisch-Kenya, der Sudan und Aegypten selb st liegen vor uns. Während des Weltkrieges hat sich der General von L e 11 o w - V o r b e ck mit 10 000 Mann vier Jahre in Tanganjika gehalten, ohne von Deufich- land Zufuhr zu bekommen. Er hal alle Mittel seines Widerstandes gegen drei Armeen aus dem Lande selbst bezogen. Wir vom italienischen Heer sind überzeugt, daß uns niemand unfern Weg verlegen kann."

Dieses Gespräch hat auch ein englischer Korrespondent mit angehört. Welche Gedan­ken mögen durch den Kopf des Engländers gegan­gen fein, als er aus dem Munde dieses jungen un- bekümmerten italienischen Offiziers die Worte Kenya, Sudan und Aegypten hörte? Die Worte, die die eng- lifche Diplomatie so sorgfältig vermeidet und an deren Stelle sie den Begriff Völkerbund gesetzt hat. Gewiß ist es nur ein junger, politisch unver­antwortlicher Offizier, der das Kind beim richtigen Namen nennt, denn auch die italienische Diploma­tie beteuert, daß ihr afrikanischer Feldzug bei­leibe nicht gegen englische Interessen gerichtet sei. Aber niemand, weder in London, noch in Rom, glaubt ernstlich an diese Fassade, welche die'Diplomatie aufgerichtet hat. Die italienische Ar­mee von 200 000 Mann, die auf afrikanischem Bo­den steht, weiß es besser, daß sie eine Bedra- hung Englands ist und eine solche sem will.

Liegt in derWachtfeuerphantasie des jungen ita­lienischen Leutnants eine politische und militärische Möglichkeit? Das Bespiel von Le ttow-Vor­deck ist freilich nicht sehr überzeugend, denn es ist leichter, mit 10 000 Mann vier Jahre in Afrika zu leben und zu kämpfen, als mit 200 000 Mann. Aber hat sich nicht auch die Expeditionsarmee Napoleonsin Aegypten unter Kleber jahre­lang gehalten, auch nachdem England die ftanzö- sische Flotte vernichtet hatte und alle Wege nach Aegypten beherrschte? Ist England, vorausgesetzt, daß es der italienischen Armee gelingt, Abessinien niederzuwerfen, in der Lage, abenteuerliche Züge dieses großen siegreichen Heeres zu verhindern, Un­ternehmungen, die sich auf den Besitz und die Be­herrschung eines reichen Landes als Ausgangsstel­lung stützen können und einer fähigen und geroanb* ten Führung ungeahnte Möglichkeiten eröffnen?

Es ist schwer, solche Möglichkeiten, die den Schein, . aber auch nur den Schein des Utopischen haben, in