Donnerstag, 17.)anuar 1935
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Nr. 14 Zweites Blatt
Warum nationalsozialistische Volkstumsarbeit?
Aus der Pwvinzialhauptstadt.
^Es heißt^ und »man sagt".
„Es heißt" und „man sagt"! Das sind zwei sonderbare Geschwister, wesen- und geschlechtslos, kein „Er", und kein „Sie"; sie scheinen unbedeutend und sind doch in Wirklichkeit so verbreitet, überall und nirgends. Wie Spukgestalten tauchen sie allerorts auf, und doch: will man sie näher ins Auge fassen, so verschwinden sie wie ein Schatten und lassen sich nicht greifen und halten.
„Es heißt" und „man sagt" sind überall zuhause, sie wissen immer etwas Neues zu berichten, und ob sie es auch mit der Wahrheit meistens nicht so genau nehmen, jedermann hört ihnen immer wieder zu. Sie haben keine gute Verwandtschaft: Lüge und Verleumdung sind ihre Schwestern, Schadenfreude und Verleumdung und Klatschsucht ihre Vasen und die Doppelzüngigkeit ihre Mutter.
„Es heißt" — ach, was heißt es nicht alles! Oft das Unglaublichste und Widerwärtigste wird behauptet und geglaubt; das Gerücht wird zuerst nur leise geflüstert, dann immer lauter und zuversichtlicher verkündet, es wird herumgetragen von Haus zu Haus und tritt zuletzt als eine vollendete, fertige „Tatsache" auf. Man wundert sich und fragt, woher die Mitteilung denn gekommen sein könnte, aber sie stammt aus „zuverlässiger" Quelle, und da beruhigt „man" sich nur zu schnell und teilt sie andern mit.
Wo hat dieses Unkraut seine Wurzel, woher kommen die bösen Gerüchte? Niemand weiß es recht; „man" hat es gesagt, und hinter diesem „man" verbergen sich alle. Das muß der Sündenbock sein und alle Schuld auf sich nehmen; der Deckmantel, der alle unwahren Aussagen verhüllt und dem ganzen ein gefährliches Ansehen gibt. Dieses böse „man sagt", dieses schlimme „es heißt"! Wieviel Tränen hat es schon gekostet, wieviel Herzeleid verursacht, wie oft den guten Namen des Nächsten brutal zugrunde gerichtet!
Sollte das nicht eine Lehre und eine Mahnung sein, immer gewissenhaft zu prüfen, ob die fragwürdigen Geschwister „es heißt" und „man sagt" es auch ernst und streng mit der Wahrheit nehmen? Sollten wir nicht alles tun, was eine Weiterverbreitung solcher vagen Behauptungen verhindert? Was wir nicht selbst gesehen, selbst gehört, selbst erfahren haben, das wollen wir niemals weiter verbreiten. Lieber dies oder jenes, was uns nicht direkt angeht, mit Nachsicht entschuldigen, mit schonender Liebe zudecken, als mit einer gewissen, schadenfrohen Vielgeschäftigkeit und Selbstgerechtigkeit sedermann von dem zu berichten, was „es heißt" und „was man sagt".
Die Zähne sind schuld.
In der Fachpresse finden sich Mitteilungen über die ursächlichen Zusammenhänge zwischen Infektionsherden an den Zähnen und Allgemeinerkrankungen mancherlei Art. Wenn man dieser sogenannten Herdinfektion auch nicht die ungeheuere Bedeutung beimessen darf, wie es in Nordamerika geschehen ist, wo geradezu Treibjagden auf verdächtige Zähne gemacht werden, die dann mit mehr oder minder Berechtigung herausgerissen wurden, so ist doch heute, wie Dr. von der Osten-Sacken in „Fortschritte der Orthodontik und Kinderzahnheil' künde" berichtet, kein Zweifel mehr daran, daß für viele Krankheitserscheinungen auch im Kindesalter, für die sich häufig eigentlich keine Ursache finden läßt, der Ursprung in chronischen Infektionsherden an den Zähnen zu suchen ist. Bereits auf dem 42. Kongreß für Innere Medizin in Wiesbaden wurde eine umfangreiche Lifte von Krankheiten aufgestellt, bei denen eine Herdinfektion der Ausgangspunkt war. Hierher gehören Gelenkentzündungen, Anginen, fieberhafte Zustande, Ernährungs- und Stoffwechsel- störungen, psychische und nervöse Störungen, bestimmte Arten von Ausschlag, Nierenentzündungen, Bindehaut- und Lidentzündungen des Auges u. v. a. An diesen Erkrankungen muß nicht, aber kann ein einziger bakterienverseuchter Zahn, der äußerlich nicht einmal einen kranken Eindruck zu machen braucht, die schuldige Ursache sein. Auch auf diesem
Dom Reichsbund Volkstum und Heimat, Landschaft Rheinfranken - Nassau - Hessen, wird uns ge- schrieben:
Wir haben heute gelernt, den Menschen nicht nach Wissen, nach geistiger Gewandtheit und seiner Anmaßung zu beurteilen, sondern nach seinem Charakter und seiner Lebenshaltung. Wir haben inzwi- schen auch eine andere Auffassung vom kulturellen Leben eines Volkes gewonnen.
Ein Bauer, der fernab einer Stadt und ohne die Möglichkeiten, an ihren künstlerischen Darbietungen teilzunehmen, im Leben seiner Dorfgemeinschaft wurzelt, und es zu rechter Zeit durch echte Feste und Anregungen zu gestalten versteht, scheint uns mehr Kultur zu besitzen, als ein „Gebildeter" der vergangenen Zeit, der Abend für Abend kulturelle Zerstreuungen alter Art konsumiert, oder Plaudereien zu steigern bWnüht ist. Ein Arbeiter, der seinen kärglichen Lohn nicht ausschließlich in Lebensmittel oder gar AlkohÄl umsetzt, sondern sich einen Schrebergarten anschaftt und abends nach getaner Arbeit ein gutes Buch liest, ist für die deutsche Dolkskultur gichtiger als ein Honoratiorenstammtisch, dessen kulturelle Tätigkeit in nörgelnder Miesmacherei besteht.
Es ist unendlich wichtig, daß diese neuen Maßstäbe Allgemeingut unseres Dolksempfin ns werden, denn erst von hier aus kann der ei. .cheidende Schritt zu neuer Dolkskultur getan werden.
Denn das ist das Neue, was der Nationalsozialismus zu dem bisherigen kulturellen Leben der Dolks- gesamtheit hinzugefügt hat: das Wissen darin, daß
diese Kräfte ihre letzte Erfüllung erst bann finden, wenn sie in der Gemeinschaft und Kameradschaft wurzeln. Nicht der Einzelne gilt mehr, sondern die Gruppe, die Keimzelle des Volkes. Don Dolkskultur können wir erst reden, wenn die vielen kleinen Gemeinschaften unseres Volkes in Betrieb und Dorf, in SA. und Arbeitsdienst, in Turnverein und Chorgemeinschaft und in den tausendfältigen anderen Formen unseres Dereinslebens wieder zum aktiven Träger des volkskulturellen Lebens der Nation geworden sind. Daher ist die Veranstaltung von öffentlichen Singstunden, ist das gemeinschaftliche Einüben eines Sprechchores oder eines Werkspieles, ist die richtige Gestaltung eines Kameradschaftsabends nicht etwas, das unwichtig ist und nebenher getan werden kann, sondern hier werden die Voraussetzungen für die Erfüllung der nationalsozialistischen Haltung geschaffen, um die es heute geht.
Der Reichsbund Volkstum und Heimat (Berlin NW 40, Herwarthstraße 4), der in allen Teilen des Reiches durch Landschaftsführungen und Ortsringe vertreten ist, ist dazu geschaffen worden, um allen Gliederungen des Volkes und der nationalsoziali- stischen Bewegung mit geeigneten Ratschlägen für die Gestaltung solcher Gemeinschaftsarbeit an die Hand zu gehen. Es ist zu hoffen, daß diese Möglichkeit recht "oft ausgenutzt wird.
In unserer Landschaft wende man sich an den Reichsbund Volkstum und Heimat Landschaft Rhein- franken-Nassau-Hesfen, Geschäftsstelle: Darmstadt, Neckarstraße 3.
1833: Friedrich König, Erfinder der Buchdruckschnell' presse, in Oberzell gestorben (geboren 1774).
Gntopsgencht-SammelergebniS im Kreis Gießen.
Die Sammlung im Kreise Gießen für das Eintopfgericht erbrachte den Betrag von insgesamt 4 100 Mark. Bei dieser Zahl handelt es sich lediglich um das Ergebnis aus den Orten des Kreises. Das Ergebnis der Stadt Gießen veröffentlichten wir bereits gestern.
Gießener Vochenmarktpreife.
* Gießen, 17. Ian. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Molkereibutter, das Pfund 1,50 bis 1,55 Mark, Landbutter 1,42, Matte 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, frische Landeier 12 bis 13, (ausländische) 10 bis 13, (inländische Kühlhauseier) 10 bis 13, Wirsing, das Pfund 10, Weißkraut 8, Rotkraut 12 bis 15, Gelbe Rüben 8 bis 10, Rote Rüben 8 bis 10, Spinat 15 bis 20, Unterkohlrabi 8, Grünkohl 10 bis 12, Rosenkohl 20 bis 25, Feldsalat 70, Zwiebeln 10 bis 12, Meerrettich 20 bis 40, Schwarzwurzeln 25 bis 30, Kartoffeln, das Pfund 4 Pf., der Zentner 3,20 bis 3,40 Mark, Aepfel, das Pfund 10 bis 15 Pf. Nüsse 30 bis 50, Honig 50, junge Hähne 90 Pf. bis 1 Mark, Suppenhühner 75 bis 85 Pf., Gänse 80 bis #0, Tauben, das Stück 50 bis 60, Blumenkohl 35 bis 50, Salat 20, Lauch 5 bis 10, Rettich 5 bis 10, Sellerie 10 bis 30 Pf.
Vornotizen.
— Tageskalender für Donnerstag: Stadttheater 20 bis 22.30 Uhr, Deutsche Bühne, „Der König". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Regine". — Astoria-Lichkspiele, Seltersweg: „Reserve hat Ruh!". — Oberhessischer Kunstoerein, Turmhaus am Brandplatz: 16 bis 17 Uhr 1. Jahres-Ausstellung. — Volkshochschule: Führung durch das Oberhessische Museum, Treffpunkt zwischen 20 und 20.15 Uhr vor dem Eingang zum Museum.
— Stadttheater Gießen. Heute abend geschlossene Vorstellung für die NS.-Kulturgemeinde, Ring Deutsche Bühne, „Der König", Drama von Hermann von Bötticher; Spielleitung Kurt L ü p k e. Kein Kartenverkauf.
— Volkshochschule. Der Kurs über „Hei» mische Dor- und Frühgeschichte" veranstaltet heute abend (Donnerstag) eine Führung durch das Ober- hessische Museum. Näheres siehe heutige Anzeige.
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* Sichert bie Ob ft bäume! Schnee und Frost sinb für vieles Wilb bie Zeit bes Hungerns. Rehe und Hafen, wilde Kaninchen und sonstiges Wild kommen in bie Nähe der menschlichen Siedlungen und richten häufig in den Gärten erheblichen Schaden an. Deshalb gilt es, die Obstbäume rechtzeitig vor Wildverbiß zu schützen. Am sichersten ist dieser Daumsckutz, wenn man bie Stämme mit einer dichen Stroh- oder Schilfschicht fest umwickelt. Auch durch einen Bretterverschlag oder ein engmaschiges Drahtgeflecht können die Bäume geschützt werden. Außerdem haben sich verschiedene Anstreichmittel bewährt, vor allem ein Anstrich mit einer Mischung von Lehm und Rieseldung, dessen Witterung dem Wild unangenehm ist. Ein derartiger Schutz hat aber den Nachteil, daß er von Zeit zu Zeit erneuert werden muß. Das sicherste Mittel, Schaden durch Wildverbiß zu verhüten, ist die Fütterung des Wildes, weshalb überall da, wo irgend möglich, Futterstellen für das Wild unterhalten werden sollten.
** (Sterbefälle in Gießen. In der Zeit vom 1. bis 15. Januar verstürben in Gießen: 1.: Heinrich Aubel, Kaufmann, 65 Jahre alt, Keplerstrabe 11. 3.: Berta Kern, geb. Hooß, 55 I., Frank» fiftter Straße 132. 4.: Katharine Aubel, geborene Schwarz, Witwe, 65 I., Keplerstraße 11. 6.: Caroline Petermann, geb. Welter, Witwe, 92 I., Kaiserallee 50. 7.: Wilhelm Müller, Prokurist, 62 I., Landgrasenstraße 6. 8.: Heinrich Dollmöller, Schreinermeister, 70 I., Großer Steinweg 4. 13.: Ernst Lindig, Schriftsetzer, 34 I., Weserstraße 20.
Nationalsozialistische Kriegsopferversorgung e V. Ortsgruppe Metze«.
würdiger Weise gemacht wird. Der Schulunterricht fällt an diesem Tage nicht aus.
Zum Empfang der schwarzen Sturmfahne unserer Kameraden von der Saar tritt die Ortsgruppe am Donnerstag, 17. Januar, nachmittags 2.30 Uhr auf dem Landgraf-Philipp-Platz an.
Vollzähliges Erscheinen ist Ehrensache.
Der Obmann: M ö l l.
Deutsche Arbeitsfront.
Verufshauplgruppen. — Fachgruppe Lebens- unb Genußmittel.
Am Donnerstag, 17. Januar, abends 8 Uhr, findet im Ortsgruppenheim, Lonyftrahe 18, eine Fachgruppenversammlung statt.
NSLB., Kreis Gießen.
Der Bezirk G i e ß e n - L a n d hält am kommen- den Samstag 15 Uhr im Hotel Köhler zu Gießen eine Bezirkskonferenz ab. Anschließend Tagung der Arbeitsgemeinschaft „Volksschule".
Der Bezirk Lollar und Londorf versammelt sich am kommenden Samstag 14.30 Uhr zur Bezirksversammlung im Schulsaal zu Lollar. Anschließend hört die Arbeitsgemeinschaft „Volksschule" einen Vortrag von Herrn Szczech, Gießen. Die Pflichtturnstunde findet am Samstag um 14 Uhr in der Volkshalle zu Londorf statt, hierzu müssen alle Turnunterricht erteilenden Lehrkräfte erscheinen.
Daten für Donnerstag, 17. Januar.
1600: der spanische Dramatiker Don Pedro Calde- ron de la Barca in Madrid geboren (gestorben 1681); — 1706: der nordamerikanische Staatsmann Benjamin Franklin in Boston geboren (gestorben 1790); — 1812: der Politiker Ludwig Windthorst in Caldenhof bei Hannover geboren (gestorben 1891); —
Gebiet wird die angestrebte Zusammenarbeit zwischen Arzt und Zahnarzt sich schützend vor die Gesundheit des Kindes stellen, das der Dolkskanzler als kostbarstes Gut der Nation bezeichnet hat. Infektiöse Wurzeln müssen entfernt werden, zu allererst aus der kindlichen Mundhöhle! Das Wissen um die Möglichkeit der Herdinfektion geht alle an, den Arzt, den Zahnarzt und den Laien, denn nur durch die vernünftige Mitarbeit aller, unter Führung der wissenschaftlich Berufenen, kann auch auf diesem Gebiete noch unendlich viel zur Erhaltung der Volksgesundheit getan werden.
DankgotteSbien^e m Gießen.
Am gestrigen Mittwochabend fanden in den evangelischen Kirchen unserer Stadt Dankgottesdienste für den herrlichen deutschen Sieg an der Saar statt. In der Johanneskirche predigte Pfarrer B e ch t o l s- heimer über den Bibeltext „Nun danket alle Gott", in der Stadtkirche hielt Pfarrer Balz die Predigt über das Bibelwort „Ich will sie heilen und gesund machen und will ihnen Friede und Treue die Fülle gewähren", die Predigt von Pfarrer Trapp in der Kapelle der Petrusgemeinde stand unter dem Bibelwort „Der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich", Pfarrer A n t h e s predigte in der Kapelle der Luthergemeinde über das Wort „Gott hat Ziel gefetzt und vorgesehen, wie lange und wie weit sie wohnen sollen, daß sie den Herrn suchen sollten, ob sie doch ihn fühlen und finden möchten". Der Gemeindegesang brachte die Choräle „Großer Gott wir loben dich", „Nun danket alle Gott", „Sei Lob und Ehr' dem höchsten Gut".
Schulfeiern om 18 und 30. Januar auch in Hessen.
Der Reichs- und Preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung hat angeordnet, daß am 18. Januar, dem Tag der Gründung des Deutschen Reichs, in allen Schulen Reichsgründungsfeiern veranstaltet werden. Die Feier wird, wie in einem Ausschreiben an die hessischen Schulbehörden gesagt wird, zweckmäßig unter Ausfall der letzten Unterrichtsstunde an den Vormittagsunterricht angeschlossen. Weiterhin hat der Reichsminister angeordnet, daß am 30. Januar des Regierungsantritts unseres Führers und Reichskanzlers unb_bamit des Geburtstags des nationalsozialistischen (Staates in
Wachsende Geschwindigkeiten.
Äon Dr. Helmut Thomasius.
In rascher Folge steigern sich in unseren Tagen bie Geschwindigkeiten. Wir haben uns fast schon daran gewöhnt, daß jede Höchstleistung bald von einer anderen überholt wird. Das gilt sowohl für Lokomotiven wie für Wasserfahrzeuge wie für Flugzeuge, und daß auch der neue im Bau befindliche Zeppelin seine Vorgänger in Bezug auf Schnelligkeit übertreffen wird, erscheint uns nur als selbstverständlich. Die Erde schrumpft, zeitlich betrachtet, immer mehr zusammen. Entfernungen, zu deren Ueberwindung man heute Wochen ober Monate braucht, sinb, wie ber jüngste 21 u ft r a - lienslug lehrte, morgen in Tagen zurückgelegt. Am schwierigsten gestalten sich bei biefem Kamps um die möglichst rasche Ueberwindung des Raums die Verhältnisse bei den Eisenbahnen. Schiffe, Flugzeuge und Zeppeline haben freie Bahn. Der Lokomotive und dem von ihr beförderten Zug stellen sich aber bie mannigfachsten Hindernisse entgegen. Da gibt es enge Täler mit vielen Krümmungen, hohe Gebirge mit starken Steigungen, Bahnhöfe mit Weichen und vieles andere mehr, was die Entfaltung hoher Gefchwindigketten behm- bert. Zwar bemüht man sich, die Strecken möglichst gerade zu legen und die Berge lieber zu durchboh- ren, als zu erklettern. Diesen Bemühungen sind aber gewisse Grenzen gesetzt. Die Oberfläche der Erde läßt sich nicht mit vollkommen geradlinig verlausenden Bahnstrecken ohne jede Steigung überziehen. Also muß man auf andere Weise versuchen, sich den gegebenen Verhältnissen so gut anzupassen, als es eben geht. Ganz besonders schwierig liegen die Verhältnisse in den südamerikanischen Anden. Hier gibt es sehr starke Steigungen. Die Bahnen klimmen vielfach in Kurven mit nur sehr geringem Halbmesser bis zu ungewöhnlichen Hohen empor. Die Ergänzung des Wasservorrats läßt manchmal schwer durchführen, auch der Brennstoff soll möglichst lange vorhalten. Dabei soll natürlich auch hier eine gewisse Geschwindigkeit erzielt werben.
Ilm allen diesen und weiteren Umständen gerecht zu werden, ist in England für den Betrieb auf einer der Andenbahnen eine Lokomotive erbaut worden, zu der es kein Gegenstück gibt. 2Ules ift bei ihr anders als bei anderen derartigen Maschinen, selbst bei den für Gebirgsbahnen bestimmten. Schon von außen macht diese Lokomotive einen merkwürdigen Eindruck. Man stelle sich bie Kühlerhaube eines Autos ums vielfache vergrößert und
auf ein Rädergestell gefetzt vor. Ziemlich weit hinten erhebt sich auf dieser Haube eine flache Trommel, die nur wenig über sie herausragt und aus der Rauch entströmt. Das ist der Schornstein. Hinter der gewaltigen Haube ein Führerhäuschen, das sich kaum über sie erhebt und dessen Stirnseite in so weitem Umfang von ihr eingenommen wird, daß gerade noch Platz zur Anbringung zweier kleiner Fenster bleibt. Hinter dem Führerhäuschen, gegen dieses und die mächtige Haube in seiner Kleinheit geradezu verschwindend, ein gleichfalls auf dem Loko- motivrahmen sitzender schmaler niedriger Kasten, der Tender. Das Ganze läuft auf zwölf Rädern, hat also sechs Achsen, bie sich, samt den Räbern, innerhalb eines bas ganze Triebwerk umkleibenden Rahmens drehen. Dieses Triebwerk ist das Merkwürdigste an der ganzen zu merkwürdigen Lokomotive. Jede einzelne Achse wird nämlich für sich von zwei Zylindern aus angetrieben, einem Hochdruck- unb einem Nieberbruckzylinber. Wir haben also zu den sechs Achsen zwölf Zylinder, genau so viel wie Räder vorhanden sind. Der Zweck dieser eigenartigen Einrichtung besteht darin, die Kraft des Dampfes möglichst wirksam aaszunutzen, um auch bei Steigungen auf eine höhere Geschwindigkeit zu kommen. Außerdem wird der Druck auf die Schienen besser verteilt. Die sechs zweizylinderigen Dampfmaschinen, die an den Rädern sitzen, brauchen durchaus nicht gleichzeitig zu arbeiten. Der Dampf kann für jedes Zylinderpaar für sich gegeben und ebenso abgesperrt werden. M Lokomotive setzt sich daher im" wesentlichen ausMchs Dampfmaschinen zusammen, die einzeln ober in beliebiger Abstufung arbeiten können. Dadurch ist eine besonders weitgehende Anpassung an das Gelände möglich. Außerdem aber hindert ein Schaden an der einen Maschine weder die Verwendung der übrigen, noch die ganze Lokomotive. Das nicht richtig arbeitende Zylinderpaar wirb einfach durch Absperren des Dampfes abgeschaltet. Um das Durchfuhren der engen Krümmungen noch weiter zu erleichtern, find je drei Achsen an einem gemeinschaftlichen Drehge- stell angebracht. Der Wasserbehälter befindet sich nicht hinten im kleinen Tender, sondern im Vorderteil ber riesigen Haube. Hinten wirb nur ein kleine- rcr Vorrat an Wasser mitgeführt, ber für ben Notfall bienen soll. Der Kessel ift zum Zweck ber Platzersparnis nach Art ber Steilrohrkessel ausgebildet. Die Wasserrohre stehen bündelweise und fast senkrecht. Sie Haden eine große Heizfläche und nehmen im Vergleich zur Leistung wenig Platz weg. Die Dampfentwicklung erfolgt in weniger als der halben sonst üblichen Zeit und auch ber Verbrauch an Brennstoff soll sich nur auf bie Halste bes sonst
nötigen belaufen. Alle unter ber Haube sitzenden Teile sind von außen her leicht zugänglich.
Die Lokomotive mit ihren sechs Zylinderpaaren erinnert unwillkürlich an ein Fuhrwerk, vor das zwölf Paar Pferde gespannt sind. Sie erinnert mit ihrer Einrichtung überhaupt an das Wesen des Vorspanns. Wo ein hoher Berg zu nehmen ober eine schlechte Wegstrecke zu überwinden ist, da hilft man sich bei den von Pferden gezogenen Wagen in sehr einfacher Weise durch Vorspannen weiterer Tiere. An die Stelle des Pferdewagens ist in weitem Umfang das Auto getreten. Durchgeführte Versuche mit einem großen Autobus haben gezeigt, daß bei ihm der Vorspann gleichfalls von großem Nutzen fein kann. Auf sandigen Sttecken verminderte der Autobus, wie es zu erwarten war, seine Geschwindigkeit ganz erheblich. Es wurde bann ein kleines Personenauto vorgespannt, wo- burch man wieder auf eine höhere Geschwindigkeit kam. Dieses Ergebnis hat an und für sich nichts Ueberrafchendes an sich. Es ließ sich ooraussehen. Das Ueberraschende liegt darin, daß der Erfolg nicht in dem Matze der zusätzlichen Motorkraft zuzuschreiben war, wie man vielleicht annehmen sollte, sondern dem Umstand, daß nunmehr die Stromlinienform zur Wirkung kam. Diese tritt be- kanntlich erst nach Erreichung einer gewissen Geschwindigkeit ein. Ohne den Vorspann wäre man unterhalb dieser Grenze geblieben. Mit ihm überschritt man sie, so daß nunmehr die Vorteile der Stromlinie sich in einer weiteren Erhöhung der Schnelligkeit geltend machen konnten. Außerdem fand noch durch die Art der Verbindung beider Wagen eine bessere Druckverteilung aüf die Räder statt, wodurch die Bremsung durch den Sand besser überwunden wurde. Es zeigte sich also bei diesen Versuchen, daß die Höchstleistung nicht immer durch die angewendete Kraft allein erzielt wird, sondern daß auch die Art und Weise, wie diese zur Wirkung kommt und sonstige Umstände eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielen.
Ein neuer Autobus erinnert an bie Art und Weise, wie bei diesen Versuchen Vorspann und Wagen miteinander vereinigt wurden. Der eigentliche große zweistöckige Autobus hat nur eine einzige Achse, Die Hinterachse mit den beiden Hinterrädern. Der vordeM Teil ruht auf einem zweiach- figen Vorspann, aus einem Schlepper, auf, dessen Gestalt aber so durchgebildet ist, daß in Verbindung mit dem Autobus die Stromlinienform entsteht. Er wirkt außerdem noch als Drehgellellt, bas enge Wendungen und das Durchfahren scharfer Krümmungen ermöglicht.
Der ideale Gatte.
Wie muß der ideale Gatte beschaffen fein, den sich die Frauen wünschen? Mit dieser Frage ist ein englischer Ehemann an eine ganze Reihe von Frauen herangetreten, und hat auch prompt fünfzig präzise Antworten erhalten. Aber wenn er hoffte, nun zu wissen, wie der ideale Gatte beschaffen sein muß, so wurde er schwer enttäuscht, denn die fünfzig Antworten enthielten nicht weniger als fünfzig verschiedene Angaben über die Eigenschaften des Mustergatten. So schrieb eine Frau: „Mein idealer Gatte müßte nach Hause kommen und rufen: Sorge dich nicht um das Essen, mein Liebling! Wir essen heute irgendwo auswärts und bann gehen wir in das Kino." Eine andere Ehefrau wünschte genau das Gegenteil: „Der ideale Gatte, wie ich ihn mir vorstelle, kommt nach harter Tagesarbeit nach Hause, sagt allen Sorgen und Ärgernissen Lebewohl, wenn er die Haustür schließt und ruft fröhlich: Guten Tag, meine Lieben! Er plaudert mit der Frau, spielt mit den Kindern, gewährt allen Rat und Hilfe und dankt schließlich Gott für einen ruhigen, im Schoß der Familie verbrachten lag." Anspruchsvoller lautete schon folgende Forderung: „Der ideale Gatte müßte frühmorgens aufstehen, Feuer machen, die Zimmer ausfegen, den Kaffee kochen und dann seine Frau rufen, um mit ihr gemütlich zu frühstücken. So würde der Tag für sie freundlich beginnen und es würde ihr Freude machen, nur für ihn zu Mittag zu kochen, um ihm dabei nun ihrerseits ihre Kochkünste zu zeigen." Eine Frau, die bereits vier Männer genabt hat, wünschte sich einen Mann, „ber für seine Frau lebt." Und auch die weiteren sechsundvierzig Antworten enthielten ein ganzes Sammelsurium von sich widersprechenden Wünschen, und wenn man den Versuch hätte machen wollen, alle die dort geforderten Eigenschaften, auf einen einzigen Mann zu vereinigen, so wäre ein schreckliches Monstrum dabei zustande gekommen. So muß man also bie Folgerung ziehen, daß jeder „idealen" Frau ein ganz bestimmter „idealer" Gatte entspricht, und daß das Glück der Ehe davon abhängt, daß sich die richtigen finden. Für alle fünfzig Frauen aber gilt vielleicht doch die eine Antwort, die sich ganz schüchtern unter dem Berg der Forderungen und Wünsche verbarg, und die lautete: „Mein idealer Gatte müßte mich liebhaben, so wie ich ihn liebe!"
Hochschulnachnchten.
Professor Dr. Curt H e r b st, Ordinarius für Zoologie an der Universität Heidelberg, ist von den amtlichen Verpflichtungen entbunden worden.


