Familienfeier und Weihnachtsstimmung auf dem Schiffenberg.
Dornotizen.
Tageskalender für Montag.
316(9. „Kraft durch Freude", Deutsches Volksbildungswerk: 20 Uhr im Hörsaal des Kunstwissenschaftlichen Instituts, Ludwigstraße 34, Vortrag von Professor Dr. Glöckner. — Gloria-Palast, Selters- wea: „Die blonde Carmen." — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Gefangene des Königs."
HZ. im WHW., 18.-22. Dezember.
Der Tag der nationalen Solidarität liegt erfolgreich hinter uns, die Tage der HI. nahen. Vom 18. bis 22. Dezember sammeln sechs Millionen Hitlerjungen und BDM.-Mädel für das Winter- Hilfswerk. Am Abend des 18. Dezember treten die Einheiten in feierlichen Appellen zum Auftakt dieses großartigen Einsatzes zusammen. Am 19. und 20. Dezember rufen ihre Fanfaren und Trommeln zur Straßensammlung. Am 21. Dezember sammeln in herzlicher Gemeinschaft alle Lehrer und alle Schüler in Deutschland. Am Abend feiern sie dann die Wintersonnenwende im Zeichen der deutschen Notwende. Morgenfeiern des Winterhilfswerks am 22. Dezember, eine Straßensammlung — die letzte dieses Jahres — und die Weihnachtsfeiern des WHW. schließen diese sozialistische Arbeit der jungen Nation.
Volksgenossen, wenn euch die strahlenden Augen der Pimpfe und Jungmädel um euer Opfer bitten, dann gebt nicht nur, sondern gebt gerne!
Keine Haftung der OAF. für Verbindlichkeiten der Betriebszellen.
Das Schatzamt der Deutschen Arbeitsfront teilt mit: Verschiedene Fälle geben Veranlassung, darauf hinzuweisen, daß die Deutsche Arbeitsfront nicht für Verbindlichkeiten haftet, die von den bestehenden Betriebszellen bzw. Werksgemeinschaften der einzelnen Betriebe eingegangen worden sind (z. B. Buchbestellungen, Kauf von Sportgeräten oder ähnliche Geschäfte). Diese Rechtsgeschäfte gehen vielmehr auf eigene Rechnung der einzelnen Betriebszellen oder Werksgemeinschaften. Die Deutsche Arbeitsfront erkennt als für sich verbindlich nur solche Verträge an, die von ihr ausdrücklich bevollmächtigte Stellen für die Deutsche Arbeitsfront und ihre Gliederungen abschließen.
Fabrikant Joseph Kreuter 60 Zähre alt.
Am heutigen Montag kann der Seniorchef der Gießener Stempelfabrik Joseph Kreuter in voller Frische feinen 60. Geburtstag begehen. Der Jubilar ist durch sein Unternehmen weit über die Grenzen unserer engeren Heimat hinaus bekannt geworden. Er gründete im Jahre 1903 sein Geschäft in unserer Stadt, das er im Laufe der Jahre zu dem größten Spezialbetrieb seiner Branche im In- und Auslande auszubauen verstand. Zu diesem geschäftlichen Erfolg, der auch für unsere Stadt und die nähere Umgebung bedeutsam wurde, weil durch ihn zahlreiche Volksgenossen in dauernder Arbeitsstellung ihr Brot finden, verhalfen dem Jubilar sein unermüdlicher Schaffensdrang und sein tatfroher Unternehmungsgeist. Mit seinen Mitarbeitern verband ihn allezeit das beste Vertrauensverhältnis, das in der gleichbleibenden Gerechtigkeit und in dem weitgehenden Verständnis des Betriebsführers gegenüber seiner Gefolgschaft begründet ist. Auch über den Kreis seiner Gefolgschaft und seiner Geschäftsfreunde hinaus wird Herrn Kreuter weithin bei der Gießener Bevölkerung und bei allen, die ihn kennenlernten, wegen feiner ausgezeichneten menschlichen Eigenschaften große Wertschätzung entgegen- gebracht. Daher werden am heutigen Tage die herz- lichen Glückwünsche vieler Volksgenossen dem Jubilar gelten.
Der Silberne Sonntag.
Was unsere Geschäftswelt nach dem verheißungsvollen Auftakt am Kupfernen Sonntag von dem gestrigen Silbernen Sonntag sich gewünscht hat, dürfte wohl nicht nur vollkommen in Erfüllung gegangen, sondern vielfach noch übertroffen worden sein. Der gestrige Sonntag brachte unserer Stadt wiederum einen Käuferzustrom von auswärts, wie
Die „Heimatoereinigung Schifffenberg" veranstaltete am gestrigen Sonntagnachmittag auf dem Schiffenberg eine gutbesuchte Familienzusammenkunft, verbunden mit einer Weihnachtsfeier. Eingeleitet wurde die Veranstaltung durch eine eindrucksvolle Vorfeier in der Kapelle des Schif- fenbergs. Unter Glockengeläute versammelten sich die Teilnehmer in dem hinteren Raume der Kapelle, wo unter dem Lichterbaum der Frauenchor Hausen die Feier mit dem Liede „Heilige Ngcht" einleitete. Hierauf hielt Pfarrer Steiner (Hausen) eine Ansprache, in der er u. a. sagte, wie die „Heimatvereinigung Schiffenberg" nicht bei der Pflege der Gemütswerte stehen bleibe, sondern auch erzieherische Ziele verfolge, so würde das Weihnachtsfest seines tieferen Sinnes beraubt, wenn es nur eine flüchtige Aufwallung des Gemütes wäre. Es gelte nicht nur das Kindlein in Bethlehems Stall zu sehen, sondern den von Gott gesandten Helden, so wie ihn unsere Vorfahren gesehen hätten. Die heldische Gestalt Jesu wolle uns auch heute noch zu innerer Größe führen. Wie die Kerzen am Weihnachtsbaum aufrecht stünden, so wolle die Kraft des Christentums auch den deutschen Menschen zu innerer Geradheit und Aufrichtigkeit führen. Den Abschluß dieser Feier bildete das gemeinsame Lied „O du fröhliche".
Die Nachfeier fand im Saale des Schiffen- bergs statt. Nach einem Vorspruch von Else Michel „Weihnacht" erfreute zunächst der Frauenchor durch den Vortrag zweier Lieder: „Heiligste Nacht" und „Hoch tut Euch auf Ihr Tore der Welt". Sodann begrüßte der Vereinsführer, Oberforstmeister Nicolaus, die Besucher, insbesondere Oberbürgermeister Ritter, Bürgermeister Dr. H a m m und leitenden Beigeordneten Sudheime r. Er betonte, daß durch den Besuch der leitenden Stadtverwaltung sinnfällig zum Ausdruck komme, wie sehr der Schiffenberg mit Gießen verbunden sei. Er führte dann in seiner Ansprache u. a. folgendes aus: Vor vielen Jahrhunderten seien wohl unsere Vorfahren, die alten Chatten, auf dem Schiffenberg zusammengekommen, um das Fest der Wintersonnen-
wir ihn in früheren Jahren nur selten bemerken konnten. Nach dem Eintreffen der Mittagszüge setzte vom Bahnhof her eine wahre Völkerwanderung nach den Hauptgeschäftsstraßen ein. Dazu kamen dann noch die Weihnachtskauf-Jnteressenten aus der Stadt selbst, so daß bei dem angenehmen Winterwetter während der Nachmittagsstunden ein außerordentlich großer Verkehr in unserem Geschäftsviertel herrschte. Natürlich wurde auch am gestrigen Sonntag noch viel besichtigt — die Schaufenster waren fast überall von zahlreichen Männern, Frauen und Kindern ständig umlagert — aber in den weitaus meisten Fällen wurde der Sonntag zum Kauftag gestaltet, so daß überall in den Läden stramm zu tun war. In den Abendstunden konnte man die Volksgenossen von auswärts wiederum in langen Zügen mit Paketen und Päckchen beladen zum Bahnhof wandern, oder mit der Straßenbahn fahren sehen. Dabei beschränkte sich fast durchweg das Einkaufsergebnis nicht nur auf ein Paket oder Päckchen, sonderun man hatte meist beide Hände voll zu tragen, manche hatten sogar so umfassend für den Weihnachtsmann vorgesorgt, daß die Rückkehr zum Bahnhof bei den zahlreichen Paketen nur mit der Straßenbahn möglich war. In einigen Geschäften gestaltete sich der Käuferandrang zeitweise so stark, daß vorübergehend die Eingangstüren geschlossen werden mußten und der Käuferschub nur in genau begrenztem Ausmaß zwischen Abgang und Zugang möglich war. Im ganzen gesehen kann man wohl sagen, daß der Silberne Sonntag ein guter Geschäftstag geworden ist, an dem auch die Reichsbahn, die Kraftomnibuslinien und die Straßenbahn ihren erfreulichen Anteil hatten. Soweit bis jetzt bekannt ist, wickelte sich der gesamte Verkehr überall reibungslos und ohne Unfall ab, so daß man allseits mit Befriedigung auf den gestrigen Sonntag zurückblicken kann.
wende zu begehen, den Sieg des Lichtes über die vorausgegangene dunkle Zeit. Nicht der Gabentisch des Reichtums, nicht die prunkende Pracht eines rauschenden Festes bedeute für uns Weihnachten, sondern der tiefe Gedanke an das ewige Licht, das der Welt einen neuen Schein gebe. Wenn auch der Weihnachtsbaum nur eine sinnbildliche Darstellung sei für den Sieg des himmlischen Lichtes, so sei er doch eine Offenbarung der Frömmigkeit. Die Frömmigkeit habe ihren sicheren Rückhalt in Verbindung mit der Natur. Und gerade die Deutschen seien von altersher in ihrem Tun und Denken mit ihrem Gefühl und Herzen innig mit der Natur und besonders mit dem deutschen Wald verbunden gewesen. Das Fest der Geburt Christi habe das deutsche Gemüt, die deutsche Innigkeit, angezogen und zu reicher Entfaltung gebracht. Schon hier zeige sich, daß die Verbindung von Christentum und Deutschtum von beiden Seiten fruchtbar sei. Die deutsche Art dringe in die deutsche Kirche und i h r Fest mache es zu dem innigsten Fest der Deutschen. Und umgekehrt, das kirchliche Fest mit seinem Inhalt dringe in die deutsche Seele ein, vertiefe, präge und gestalte sie.
An die mit Beifall aufgenommenen Ausführungen des Vereinsleiters fangen Frau Steiner und Frau K i r ch m a n n (Haufen) zwei weihnachtliche Lieder aus dem Zupfgeigenhansel. Lehrer Falls (Gießen) erzählte sodann in interessanter Weise über Weihnachten in der Heimat und seine Erlebnisse während seines Aufenthalts im Ausland, besonders in Aegypten.
Anschließend sang der F r a u e n ch o r die Lieder „Der Rotdorn blüht auf dem Schiffenberg" und „Heimat, o Heimat, wie bist du so schön", während Frau Steiner und Frau K i r ch m a n n mit einem weiteren Duett „Deutsches Land" erfreuten. Im weiteren Verlaufe der Veranstaltung brachte die Kapelle Bender noch eine Reihe musikalischer Darbietungen zu Gehör, der Frauenchor Hausen bot noch einige weitere ßieber. In seinem Schlußwort dankte Oberforstmeister Nicolaus allen Mitwirkenden und schloß mit einem Sieg-Heil auf den Führer.
Kameradschastsabend der städtischen Betriebe
Im Anschluß an die große Kundgebung in der Volkshalle versammelten sich am Samstagabend die Angehörigen aller städtischen Verwaltungsdienststellen und Betriebe zu einem kameradschaftlichen Beisammensein im Saale des Cafe Leib. Der Zustrom zu der Veranstaltung war so stark, daß der große Saal bereits nach kurzer Zeit bis auf den letzten Platz besetzt war. In Begleitung des Oberbürgermeisters erschien auch der Gauleiter Reichsstatthalter Sprenger für einige Zeit inmitten dieser Festgemeinschaft, um mit feinem Besuche den Angehörigen unserer städtischen Dienststellen und Betriebe eine besondere Auszeichnung zu geben, zugleich aber auch seine Verbundenheit mit dem Arbeiter der Stirn und der Faust zu bekunden.
Oberbürgermeister Ritter entbot dem Gauleiter und allen städtischen Arbeitskameraden herzlichen Willkommensgruß und betonte dabei den hohen Wert einer solchen frohgestimmten kameradschaftlichen Veranstaltung für die Erhaltung und Stärkung der Arbeitskraft. Unter dem starken Beifall aller Besucher bezeichnete er es als eine besondere Ehre und Freude, daß der Gauleiter, der erste Arbeiter unserer engeren Heimat, in der Mitte der Gießener Betriebsgemeinschaft weile. Sodann erinnerte der Oberbürgermeister an den grundlegenden Wechsel der Verhältnisse gegen früher; damals standen sich in den staotischen Verwaltungen und Betrieben die Angehörigen getrennt gegenüber, heute dagegen beherrscht sie alle der vom Führer verkündete Geist der Volksgemeinschaft und der vollen Bereitschaft, sich gegenseitig zu verstehen, zu achten und einander zu helfen zum Wohle der Gemeinschaft. In kurzen Worten würdigte der Oberbürgermeister noch den
schweren Daseinskampf, den sedet einzelne zu führen hat, aber mit Recht stellte er in den Vorder- gründ, daß es jetzt vor allem darauf ankommt, immer mehr Volksgenossen wieder in Arbeit zu bringen und das Hauptziel darin besteht, nach der Wiedereingliederung aller arbeitslosen Kameraden an die Besserung der Verhältnisse des einzelnen za denken. Bis dahin müßten wir alle kurztreten und in unserem Wirken und Streben immer auf das große Vorbild des Führers schauen. Als Gruß an den Führer und als Bekenntnis der Treue zu ihm und dem Vaterlande wurden anschließend gemeinsam die vier Verse des Horst- Wessel-Liedes gesungen.
Die Unterhaltungsfolge des Abends brachte Darbietungen von Mitgliedern aller städtischen Betriebe, wobei Kräfte des Stadttheaters mit Musik, Gesang usw. den Auftakt bildeten, weiterhin der Ansager vom Stadttheater gestellt wurde und außerdem viele andere gerne und freudig beisteuerten zur schönen Ausgestaltung des Abends. Als einzige außenstehende Kräfte find Angehörige der Kreisriege der Turnerschaft besonders zu erwähnen, die mit glänzenden Darbietungen am Reck den Abend bereicherten. Alle Mitwirkenden bekundeten das eifrige und sehr dankenswerte Bestreben, ihren Arbeit^karne- raden und Arbeitskameradinnen in vielseitigen guten Darbietungen das Beisammensein so genußreich wie möglich zu machen. Allenthalben herrschte die fröhlichste, kameradschaftliche Stimmung, die unter Beweis stellte, wie vorbildlich die kameradschaftlichen Beziehungen unter den Angehörigen unserer städtischen Derwaltungsdienststellen und Betriebe sind.
Zusammenstoß zwischen Lastauto und Straßenbahn.
Arn Samstagabend, während der gesteigerte Verkehr zu der großen Kundgebung in der Volkshalle im Gange war, ereignete sich an der Ecke Neuen Bäue-Johannesstraße ein Zusammenstoß zwischen einem Lastauto der Firma Rinn & Cloos und einem Straßenbahnwagen. Bei dem starken Zusammenprall der beiden Fahrzeuge wurde die vordere Plattform des Straßenbahnwagens völlig zerstört, zum Glück aber kamen der Straßenbahnführer und einige auf der Plattform stehende Fahrgäste unversehrt davon. Dagegen erlitt der Beifahrer des Lastautos Heinrich Weigel aus Heuchelheim durch umherfliegende Glassplitter mancherlei Kopfverletzungen, die es erforderlich machten, den Verletzten nach erster ärztlicher Hilfeleistung durch die Freiwillige Sanitätskolonne nach der Chirurgischen Klinik zu verbringen. Auch das Lastauto trug mancherlei Beschädigungen davon, es konnte aber seine Fahrt fortsetzen, während der Straßenbahnwagen abgeschleppt werden mußte. Die behördliche Untersuchung der Schuldfrage ist noch im Gange.
Bei dieser Gelegenheit möchten wir darauf Hinweisen, daß es sich bei dieser Unfallstelle um eine der größten Gefahrenquellen für den Verkehr im Stadtinnern handelt. Die Mauer und die Bäume der gänzlich unbenutzten Grundstücksspitze an diesem Straßenschnittpunkt vor der Stadtpost behindern die Sicht der Fahrzeuglenker nach beiden Richtungen hin in erheblichster Weise. Es wäre gut und dringend zu wünschen, diese Gefahrenquelle endgültig dadurch zu beseitigen, daß die Grundstücksspitze in öffentliches Eigentum übergeht, die blickhindernden Mauern und Bäume beseitigt und eine freie Fläche geschaffen wird, die für den Fährverkehr aus der Neuen Bäue, dem Neuenweg und von der Johannesstraße her ausreichende unbehinderte Sichtmöglichkeiten bietet. Wenn diese Neuordnung möglichst bald durchgeführt wird, wären die 23er- kehrsinterefsenten den beteiligten behördlichen Stellen noch besonders dankbar.
Elternabend
der Höheren Privatschule Gießen.
Am Samstagabend vereinigte die Höhere Privatschule Gießen die Elternschaft der Schülerinnen und Schüler zu einem Elternabend, der unter dem Leitgedanken der deutschen Kolonialforderung stand. Die Veranstaltung, die im Saale des Katholischen Vereinshauses stattfand, war sehr sorgfältig vorbereitet worden und gut besucht. Ein Marsch, gespielt von einem kleinen Orchester, das sich aus Schülern und Lehrern zusammensetzte, leitete den Abend em. Der Schulleiter, Dr. Fuchs, begrüßte die Teil
Gießener Gtadttheaier.
Tanzgastspiel: M^rrh Wigman.
Das dritte und letzte der Tanz-Gastspiele dieses Winters, welches die älteste und berühmteste Tänzerin Deutschlands nach Gießen führte, unterschied sich von den beiden vorausgegangenen (Kreutzberg; Palucca) grundsätzlich durch den Umstand, daß statt der einzeltänzerischen Individualität die in sich geschlossene und freilich wiederum als vielgliederige Einheit wirkende Gruppe in den Mittelpunkt der Er- eignisse gestellt war — dergestalt, wie gleich gesagt werden soll, daß von den Gruppentänzen die stärksten und entscheidenden Eindrücke des Abends ausgingen.
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Um nicht mißverstanden zu werden, möchten wir hinzufügen: hierin ist keine wertmäßige Einschränkung zu erblicken; vielmehr verfügt die Wigman — abgesehen von ihrer großen und bahnbrechenden tänzerisch-schöpferischen Persönlichkeit an sich — über etwas, was ihren beiden Vorgängern fehlte, oder was sie zum mindesten nicht sichtbar werden ließen. Sie ist nämlich, um es kurz zu sagen, nicht nur eine große Tänzerin, sondern ebenso bewundernswert als Lehrerin und Anregerin, als Komponistin, wenn man den Begriff auf das Tanzkunstwerk anwenden darf, und als Regisseurin. Ihre Persönlichkeit spiegelt sich vielleicht am ausgeprägtesten in den Gruppen, ob sie nun selbst, als Chorführerin gleichsam, inmitten steht, ober ob sie außerhalb unb unsichtbar bleibt; sichtbar jebenfalls und spürbar im Tanz der Schülerinnen wird immer der führende, beseelende, ordnende und geistig durchdringende Wille der Meisterin, welche die Vielheit zur Einheit fügt und dennoch den Einzelglie- dem die Entfaltung ihrer Individualität in der Gemeinschaft und im Raum gestattet.
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Dies wird empfunden gleich zu Beginn in einem Gruppentanz nach Melodien des Altwiener Orgelmeisters Pachelbel: sechs Tänzerinnen in sanftem Schreiten und Wiegen, völlig eingefangen vom Willen der Meisterin wie vom akzentuierenden Rhythmus der Begleitung; die Gesichter hingegeben, aber gottlob völlig unbewegt: nirgends ein Abgleiten in die fälschende Mimik; die Gruppe teilt sich in drei unb drei, rundet sich zum Kreis, regt sich geschmeidig und locker, wird schneller und erregter im Tempo, steigert sich zu freudig-festlicher Bewegtheit und kehrt endlich in wundervoller Geschlossenheit in die Einheit der Ausgangslinie zurück.
Das Duett „Stille Stunde" (Ruth Soin und
Ursula Nufer) wiederholt diese Eindrücke in einer auf die Mindestzahl zurückgeführten „Gruppe": auch hier besticht die völlige Ausdruckslosigkeit der Gesichter und die Parallelität der Linienführung im Raum. Das zweite Duett (Musik ebenfalls vom Begleiter H a st i n g, nicht von Chopin, wie man nach 5en ersten Takten vermutet) wirkt etwas bewegter, fast als ob sie zum Walzer ansetzen wollten, bleibt aber erfreulich abseits von aller flachen Dreivierteltakt-Konvention.
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Ruth Soin allein tanzt eine „Märchengestalt", fast nur vom Gong akzentuiert, mit sparsamster musikalischer Untermalung: das ist ein sehr beherrschtes und geschlossenes tänzerisches Gebilde von ausgesprochener Architektonik der Linienführung. Hier scheint sich die stärkste und „besessenste" Persönlichkeit der jungen Schülergruppe zu äußern, mit großem impulsiven Schwung, der nichts von seiner Sicherheit und seinem innern Antrieb einbüßt, wenn einmal jede Segleitung und selbst der Gongschlag aussetzt.
Mary Wigman selbst und allein beginnt mit dem „Tanz der stillen Freude", der zunächst die erstaunliche Ausdrucksfähigkeit der oberen Körperhälfte, der Hände und Arme vor allem, bewundern läßt und sich in einzelnen Momenten durch eine vogelhafte Bewegtheit, eine gleichsam geflügelte Anmut auszeichnet, dann aber durch den eigentümlichen Stakkato-Rhythmus die Entfaltung des vollen tänzerischen Schwunges zu beeinträchtigen scheint. Doch weckt auch wieder eine sehr edle Gebärde des beherrschten Körpers im einfach fließenden Gewände von stillem Blau Erinnerungen an manche Figuren auf mittelalterlichen Verkündigungsbildern.
Dann folgen zwei Zigeunerweisen, in einem aus Rot und Blau, aus Grün und Gelb zusammengestückten Gewände getanzt: die erste sehr schnell, sehr heftig und fast pathetisch wirkend, in großen raumfüllenben Figuren, die in der Tat das Trotzige und Wilde, das Scheue und Gelöste zum Ausdruck zu bringen scheinen, das wir mit der Vorstellung eines Zigeunermädchens verbinden möchten.
Der zweite dieser Tänze ist ganz kurz, aber noch eleganter und rassiger, bestechend durch Blutfülle und großartiges Temperament, von den Einzeltänzen dieses Gastspiels zweifellos die bestechendste Leistung.
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Nach der Pause erlebten wir die „Tanzgesänge", eine neue, kompositorische Schöpfung derWigman nach musikalischen Motiven von Hanns H a st i n g, unter einem Motto aus dem „Eleusischen Fest" von
Schiller. Diese Tanzschöpfung gliedert sich iy sechs Bilder, welche die Meisterin mit allen Schülerinnen vereinigen. Für die „Tanzgesänge" gilt im Beson- dern, was zu Beginn des Berichtes über die W i g- m a n und ihr Gesamtwert gesagt wurde.
Den Auftakt bildet der „Lobgesang", bestrickend durch Schwingung und Gegenschwingung der in zwei Halbbögen gegliederten Gruppe, die sich streng und feierlich im Glockenklang-Rhythmus wiegt und dabei eine wunderbar disziplinierte Einheit offenbart. Wieder fühlt man sich hier und dort an gotische Engel- oder Stifter-Figuren erinnert, und man spürt die religiöse Grundhaltung dieser Gemeinschaftstanzübung, welche irgendwie zu den kultischen Ursprüngen des Tanzes aller Völker und Zeiten zurückzuweisen scheint.
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Das Schicksalslied tanzt sie wieder allein, im schwarzen Gewand, streng und verhüllt, — ein Höl- derlinsches Thema, das sich doch, wie uns scheint, in seinen letzten Tiefen der tänzerischen Gestaltung entzieht und die Grenzen (nicht nur der Wigman, sondern des künstlerischen Tanzes überhaupt) erkennbar werden läßt.
Dann folgt der „Bittgang", wieder die ganze Gruppe, „mit langsam abgemessenem Schritte" aus der Kulisse hervorgehend, farbig prachtvoll abgetönt in schwerem Blau und Rot, wirkend wie die ins Weibliche übertragene, berühmte Figurengruppe der „Bürger von Calais" von Rodin, „umwandelnd des Theaters Rund", bald aber sich auflösend in leidenschaftlicher, ja dramatischer Steigerung. (Hier wird man, ganz nebenbei, an einen anderen Ursprung erinnert: wie nämlich das primitive Drama sich stufenweise aus dem kultischen Tanz entwickelt.) Und hier wird auch die außerordentliche Durchdringung und Beseelung der ganzen Gruppe vom gestaltenden und lenkenden Willen der Tänzerin Wigman deutlich: in der Herausarbeitung der Individualitäten innerhalb der zugleich sehr bewegten und völlig als einheitlicher Gesamtkörper wirkenden Gruppe.
Im „Mondlied" (Wigman allein) darf man zwar wiederum nicht an Goethe denken, aber das Thema gestattet mehr tänzerische Entwicklung und Durchdringung als das „Schicksalslied", und es schien in den glücklichsten Augenblicken dieser Schöpfung etwas von der Magie und der Beschwörung mancher Naturreligionen eingefangen, welche an die Schicksalsbindungen zwischen Mensch und Gestirn unverbrüchlich glauben.
Eine hinreißende Gestaltung ist der „Feuertanz", welcher die ganze Gruppe in einem flackernden,
zuckenden, wehenden und züngelnden Rhythmus verbindet und mit langen Schleiern und feurigen Kostümen ein wahrhaft tänzerisches Gebilde und Abbild verwirklicht.
Der „Huldigungstanz", sanft, festlich und heiter, ganz auf lichtes Blau gestimmt, läßt den Zyklus mit einem sowohl beherrschten als auch gelösten Akkord abklingen und ausschweben.
Hanns Hosting wirkte»am Flügel unvordringlich und feinfühlig als taktvoller Begleiter. — Das stark besetzte Haus feierte die Gäste mit großem und dankbarem Beifall. hth.
Zeitschriften.
— Ein Aufsatz von Werner Kaegi im Dezember- Januarheft der „Deutschen 'Zeitschrift" (Callwey, München) unter der Ueberschrift „Nationale und universale Denkformen im deutschen Humanismus des 16. Jahrhunderts" weist u. a. überzeugend die nationalen Tendenzen des deutschen Humanismus in seinem bewußten Denken nach. Er erinnert an die Tatsache, daß das Bewußtsein von der unvergleichlichen Kraft, Unbesiegbarkeit und naturhaften Ursprünglichkeit der germanischen Stämme dem deutschen Volke von niemandem lauter gepredigt wurde als von den Humanisten um 1500 und daß nirgends das nationale Denken der Deutschen schärfere und bewußtere Formen angenommen hatte als im Kreise der Elsässer Humanisten mit Jacob Wimphelinq an der Spitze, der im Jahre 1501 seine eigene „Germania" publizierte. Und der die religiöse Bewegung in nationalem Sinne deutet und ihr dadurch ein Schwungrad von unschätzbarer Dynamik anfügt, ist wiederum ein Humanist: Ulrich von Hutten. Diese glänzende Rechtfertigung des deutschen Humanismus einem durch nichts begründeten Vorurteil gegenüber verdient um so größere Beachtung, als wir heute einen Kampf gegen die humanistische Tradition und Bit- bunnsform erleben, d->r geignet ist, die Erinnerung an eine bedeutende Macht deutscher kultureller Entwicklung zu verdunkeln und abzuschwächen. — Aus dem sonstigen wertvollen Inhalte dieses Heftes nennen wir noch: einen Gedenkaufsatz über Platen von P. H. v. Blanckenhagen, die Betrachtung über „Deutsches und antikes Drama" von Karl Reinhardt, einen bebilderten Reisebricht „Wir segelten durch Holland" von Richard Seewald, die Erzählung „Jeli der Hirte" von Giovanni Verga, Bücher- Vorschläge, Filmberichte usw. Besondere Erwähnung verdienen die Wiedergaben von Zeichnungen und Bildern von Hermann Mayrhofer-Passau mit Se- gleittext von Ulrich Christofsel.


