Ausgabe 
16.11.1935
 
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Nr. 269 viertes Blatt

jjjje|ener Anzeiger (General-Anzeiger für lvberhesfen)Samstag, 16. November 1935

Verkehrszeichen

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Aus der Kahrschule geplaudert.

Lampenfieber" im Kraftwagen. - Kfts! Fahrlehrer, hilf! - Solche und solche Schüler! - Und dann die Prüfung!

In der Fahrschule: Theoretischer Unterricht am Fahrgestell.

Alle Aufmerksamkeit gilt den Geheimnissen des Motors.

Beim eingehenden Studium aller neuen Verkehrszeichen.

Letzte Anweisungen vor der ersten Ausfahrt mit dem Motorrad.

Fahrschüler die Reichsstraßen-Verkehrsordnung in einer handlichen Broschüre zum sorgfältigen Lesen in die Hand gedrückt. Im Unterricht selbst werden dann vor großen Tafeln die Verkehrszeichen durch­gesprochen, und schließlich wird jede mögliche, im Großstadtverkehr sich ergebende Situation darge­stellt. Hierzu hat die Fahrschule ein besonderes, anschauliches Unterrichtsmaterial. Wie ein Junge zur Weihnachtszeit seine Zinnsoldaten, so packt der Fahrlehrer eine große Schachtel aus, in der sich alle Verkehrszeichen in Miniaturfiguren, ferner Autos, Verkehrsschutzleute, Fußgänger, Straßen­bahnen, Radfahrer usw. alles in Zinn ge­gossen befinden. Auf einem großen Plan, der die Rekonstruktion der verzwicktesten Verkehrslage ermöglicht, kann dem Schüler jede Gefahr und alle Verantwortung klargemacht werden, die mit der Führung eines Kraftfahrzeuges verbunden find.

Solange sich der Unterricht im geschlossenen

Am Modell-Querschnitt eines Zylinders wird die Arbeitsweise des Motors erklärt.

Autofahren ist eine feine Sache. Manchem wird es immer neu zum Erlebnis. Hauptsächlich dann, wenn andere steuern müssen! Es gibt aber auch Leute, die auf das Auto schimpfen' (so lange sie selbst Feins haben!), und wieder andere behaupten, daß Jie sichaus dem Autofahren gar nichts ma­chen". Das kann wahr fein, ist es aber meistens nicht! Selbstverständlich: wer viel fährt und fahren muß, wird kaum vor Begeisterung überschäumen, wenn er in das Auto steigt. Die Mehrzahl unserer Volksgenossen fährt aber doch gerne Auto. Man kommt so schnell vorwärts, rasch hinaus aus der Stadt, ist unabhängig von Fahrplänen und was dergleichen Annehmlichkeiten mehr sind.

Wie anders ist es aber, wenn ein Fahrschüler im Auto Platz zu nehmen hat. Kaum zu beschreiben sind die Gefühle eines Menschen, der zum ersten Male das Steuerrad in die Hand nehmen soll.

Raume vollzieht, werden vom Schüler nur Auf­merksamkeit und geistige Mitarbeit erwartet. An­ders ist es, wenn zur Praxis übergegangen wer­den muß. Dann beginnt es sehr ernst zu werden. Da bedarf es plötzlich nicht nur der Aufmerk­samkeit, sondern auch der Geistesgegenwart. Für den Fahrschüler lautet jetzt die Aufgabe, an der Seite des Fahrlehrers und nach seinen ersten Anweisungen zu fahren, zunächst auf der Land­straße und dann inner­halb der Stadt. Er muß das Auto beherrschen ler­nen und sich mit dem Fahrzeug sicher im Stra­ßenverkehr zu bewegen wissen. Erst wenn diese Anforderungen erfüllt sind, kann der Schüler zur Prüfung zugelassen wer­den.

Und hier macht der Fahrlehrer, der auch da aus seiner Praxis erzäh­len kann, die vielfältig­sten Erfahrungen. Die meisten jungen Leute bis

Jedermann reagiert auf jede Lage irgendwie anders. Bei manchem dauert die Schreckenssekunde eine halbe Minute, wieder andereriechen" Ge­fahren im voraus und handeln dementsprechend. Es gibt Fahrer, die von Anfang an die Verant­wortung erkennen, die sie übernähmen, als sie sich in das Fahrzeug setzten, andere wieder sind sorglos oder gar leichtfertig, und der Fahrlehrer hat dann energische Erziehungsarbeit zu leisten. Der routi­nierte Fachmann erkennt die verschiedenen Charak­tere bereits im theoretischen Unterricht. Im übrigen läßt sich behaupten, daß Verantwortungsbewußt­sein oder Leichtfertigkeit Angelegenheiten der Er­ziehung von Haus aus sind.

Am liebsten sind jene in der Fahrschule gesehen, dieschon fahren können" und nur nochden

Führerschein machen wollen". Eigentlich darf ja niemand selbständig am Steuer sitzen und fahren können, ohne es ordentlich gelernt zu haben und den Führerschein zu besitzen. Solchen wird also besonders kräftig auf den Zahn gefühlt. Der Fahr­lehrer macht kurzen Prozeß. Der Führerschein- Anwärter wird in den Wagen gesetzt und hat zu beweisen, ob er tatsächlich fahren kann. Der Fahr­lehrer jagt ihn in die schwierigsten Gassen. Da kommt denn häufig dabei heraus, daß Theorie und Praxis zwei grundverschiedene Dinge sind. Es kommt vor, daß der Fahrlehrer alles das, was der Schülerschon kann", erst wieder herauspauken und dann von vorne anfangen muß.

Selbstverständlich ist die Fahrschule auch für den Unterricht im Motorradfahren zuständig. Dieser Unterricht vollzieht sich unter weniger großen Schwierigkeiten, denn das Motorrad ist weitaus leichter zu bedienen. Hemmungen in der Erfassung der Technik des Motorradfahrens treten erst dann auf, wenn der Schüler bereits Autofahrer ist und nun gefühlsmäßig die Autofahrtechnik irgendwie auf das Motorrad Übertragen möchte. Hier geht es ihm wie jemeanden, der in der Stenographie um­lernen soll. Im Unterricht in den Regeln der Reichs- ftpaßenverkehrsordnung kann dem Motorradfahrer natürlich nichts geschenkt werden. Von ihm muß ebenso genaue Kenntnis verlangt werden, wie vom Autofahrer. Ganz abgesehen davon, daß ja auch jeder Radfahrer und jeder Fußgänger mit diesen Verkehrsregeln vertraut sein sollte.

Kein Zweifel: der Beruf des Fahrlehrers ist kein leichter. Er verlangt harte Nerven. Schließlich ge­hört auch Mut dazu, sich demblutigen Anfänger" am Steuer anzuvertrauen. Aber dieser Beruf ist auch ein schöner Dienst an der Volksgememschait, nachdem mehr und mehr die Erkenntnis durchdringt, daß unser Leben und die wirtschaftlichen Beziehun- aen der Menschen untereinander ohne das Krast- fahrzeua nicht mehr denkbar sind.

Den Abschluß der Arbeit bildet die Prüfung. Der Fahrprüfungsingenieur, der aus Darmstadt kommt, stellt zunächst hochnotpeinliche Fragen, insbesondere über die Verkehrsregeln, er fragt nach Motor und Getriebe, und häufig kommt auch die Fragestellung vor:Was tun Sie, wenn ...! (folgt die Darstellung irgendeiner knifflichen verkehrstechnischen Situa­tion).

Schließlich muß sich der Prüfling ans Steuer setzen und den Ingenieur sicher und in überzeugen­der Fahrtechnik in den engsten Straßen und Gassen spazieren fahren.

Erst dann, wenn der Schüler seinen Führerschein abgestempelt, mit Lichtbild versehen, in der Tasche hat, kann er sich dem Heer der Kraftfahrzeugführer zugehörig betrachten, das in der Gegenwart und in der Zukunft eine immer bedeutsamere Rolle spielt.

Aus einem großen Plan, mit Hilfe von Figuren, werden alle möglichen verkehrstechnischen Situationen durchgesprochen. (Aufnahmen s6j: Neuner, Gießener Anzeiger.)

aufgeschnittenen Motors werden dem Schüler die komplizierten Funktionen des Vergasers erläutert, n die Vorgänge im Zylinder (AnsaugendesGas-

Luft-Gemlsches, Verdichtung, Zündung, Verbren­nung, Auspuff des verbrannten Gemisches) kennen, er erfährt, wie im Viertakt-Motor des Kraftwagens die vier oder mehr Zylinder untereinander arbeiten, wie die Ventile von der Nockenwelle aus gesteuert werden, die Kraft vom Zylinderkolben über Pleuel­stangen auf die Kurbelwelle und von hier aus auf das Getriebe übertragen wird, er wird auch mit dem Wunder des Differentialgetriebes bekannt ge­macht, das es grob ausgedrückt dem Wagen allein gestattet, mit Kraftleistung in Kurven zu fahren. Bekanntlich hat in der Kurve das äußere Rad den weiteren Weg zurückzulegen, es muß schneller rotieren, und tut es auch dank des Ausgleichsgetriebes.

Es kommt der Fahrschule natürlich nicht darauf an. Automechaniker herauszubilden, die mit dem Schraubenschlüssel das ganze Auto auseinander­nehmen, nachher aber nicht mehr zusammensetzen können, sondern lediglich darauf, wesentliche Grund­züge der Mechanik eines Kraftwagens zu vermit­teln. lieber dieses, solcher Art begrenzte Wissen muß jeder Kraftwagenführer verfügen, da dieses Wissen die Grundlage für die gefühlsmäßige und richtige Bedienung des Fahrzeuges darstellt. Die­sem Unterricht an Motor und Fahrgestell werden zwei Stunden eingehender Erläuterung gewidmet. Fragen und Antworten helfen dabei in lebendigem Fluß.

Eines der wichtigsten Kapitel und gleichzeitig der wunde Punkt ist die Kenntnis der Verkehrs­regeln. Vier Stunden Unterricht müssen dafür aufgewandt werden, denn kaum einer der Fahr­schüler kennt die neue Reichsstraßen-Verkehrsord­nung. Hier muß der Fahrlehrer ganz von vorne anfangen. Für den Unterricht in den Verkehrs­regeln stehen heute der Fahrschule Lehrmittel zur Verfügung, die eine umfassende Darstellung der Verkehrsordnung gestatten. Zunächst erhalt jeder

Freude, Stolz, Angst sind jene Empfindungen, die sich noch am klarsten feststellen lassen. Aber bei jedem Fahrschüler ist die Mischung anders. Bei einem dominiert die Freude, beim andern der Stolz. Es gibt auch Leute, bei denen die Angst die beiden anderen Empfindungen unterdrückt. (Den Prozent­satz dieser letzteren verrät der Fahrlehrer aus Grün­den der Höflichkeit nicht!) Drei Stunden lang weiß Fahrlehrer Appel, an den wir uns gewandt hat­ten, zu erzählen!

Zunächst: Wie sieht es in einer Fahrschule aus? Es soll möglichst ein Unterrichtsraum vorhanden sein, wenn es auch für die Schüler nicht gerade notwendig ist, eine richtiggehende Schulbank zu drücken. Das Kernstück und der wesentlichste Em- richtungsgegenstand des Unterrichtsraumes ist das Fahrgestell'eines Kraftwagens, das Fahrgestell mit Motor, mit Getriebe, mit Steuerrad usw. Motor und Getriebe sind systematisch ausgeschnitten und geben ihr Innerstes den Augen preis. Vor diesem Fahrgestell erhalten die Schüler, deren manchmal 4 bis 12 Mann in einem Kursus vereinigt sind, einen Begriff von dem komplizierten Mechanismus, der ihnen für die Zukunft anoertraut fein soll. Zahlreiche graphische Darstellungen, etwa 20 große bunte Tafeln, dienen darüber hinaus dem theore- tischen Unterricht.

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum!" dieses bekannte Wort Goethes ist längst auch in die neuzeit­liche Fahrschule durchgedrungen. Es mag manchem verwunderlich erscheinen, daß nicht mit der Theorie begonnen wird, vielmehr legt es der Fahrlehrer darauf an, den Schüler, der noch von keinerlei Fachwissen berührt ist, die notwendigsten und wich­tigsten Handgriffe, sowie die Arbeit mit den Füßen erst einmckl gründlich exerzieren und kapieren zu lassen. Wer es nicht auf Anhieb versteht, muß üben: auskuppeln, Gang schalten, einkuppeln, Gas geben Gas weg, auskuppeln, Gang schalten, einkuppeln, Gas geben usw Oftmals hintereinander. Die Griffe und Handhabungen gehen bei solcher Technik in Fleisch und Blut über. Und darauf kommt es ge­rade an. Für schwer Anstellige wird der Wagen aufgebockt, so daß der Motor laufen kann bte Menschheit aber nicht in Gefahr gerät. Und dann erst werden die auf diese Weise errungenen prak­tischen Kenntnisse theoretisch untermauert

An graphischen Darstellungen und am Modell des

zu 30 Jahren begreifen rasch, worauf es an­kommt, sie haben oft ein sportliches Interesse an der Führung des Autos, und das kommt ihnen zu Hilfe. So kommt es oft, daß wenige Uebungsftunöen und wenige Kilometer Strecke ausreichen, um dem Lehrer die Berech- E'gung zu geben, den Schüler zur Prüfung vor- zuschlagen. Es gibt aber, was das Alter anbe­trifft, auch Ausnahmen: So hörten wir von einer 59jährigen Frau, die in denkbar kurzer Zeit den Wagen beherrschen lernte und die Prüfung aus­gezeichnet bestand.

Die schwierigen Kunden bleiben aber auch in der Fahrschule nicht aus. Ihnen gegenüber muß sich der Fahrlehrer als ein raffinierter Psychologe erweisen. Er muß erfühlen schon nach kurzer Zeit wie er vorgehen muß, ob wortlos oder mit langen, ins einzelne gehenden Erklärungen, mit stetigem milden Druck, eventuell sogar mit etwas Härte. Lernen tut es schließlich jeder!

Tatsächlich: jeder Fahrschüler muß individuell be­handelt werden. Manche habenKomplexe". Der eine gibt Gas grundsätzlich im verkehrten Augen­blick, ein anderer tritt unter Zwangsvorstellungen auf die Bremse, ohne vorher auszukuppeln, so daß dem Fahrlehrer um seines neuen Wagens willen das Herz blutet. Solche Herzlosigkeiten der Schüler dem Wagen gegenüber kosten der Fahrschule jähr­lich mindestens drei Getriebe. Vielen Schülern macht dasGefühl für Wagenbreite" Schwierigkeiten, an­deren wieder die Tempoverringerung vor dem Zu- rückschalten. Tolle Geschichten erlebt der Fahrlehrer dann, wenn es einmal eine kritische Situation im Straßenverkehr gibt und eine Frau am Steuer sitzt. Da kam es schon vor, daß die Schülerin die Hände vom Steuer ließ, die Füße vom Gashebel und von der Bremse nahm und am liebsten fluchtartig und während der Fahrt (dem Hindernis entgegen) den Wagen verlassen hätte. Da gab es denn nur eines: "Hilf! Fahrlehrer, hilf!" Der Fahrlehrer hilft auch, denn was bliebe ihm anderes übrig. Er nimmt in solchen Augenblicken den Zündschlüssel fort, kuppelt so rasch als möglich aus und tritt die Bremse, be­vor es an irgendeiner Ecke Beulen ober Scherben gibt.