Nr.lüZ Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, (6. Zuli 1935
Aus der Provinzialhaupistadt.
Das Fruchtaroma des Obstes.
Nur solches Obst und solche Obsterzeugnisse verlocken zum Genuß, denen noch das vollwertige Fruchtaroma innewohnt. Will man das Fruchtaroma im Obst erhalten, so darf man die Schale nicht vom Obst trennen, da in und unter der Schale die Hauptaromastoffe des Obstes sitzen. Sie sind dort, wie die Zeitschrift „Der deutsche Lebensmittel- verteiler" berichtet, in Form von ätherischen Oelen, bie stark riechend und flüchtig sind, anzutreffen. Deshalb soll man die Aepfel und Birnen nicht nur beim Rohgenuß, sondern auch wenn sie zu Mus ober mit anderen Früchten zusammen zu Marmelade verkocht werden, ungeschält lassen, wenn auch dadurch das Obsterzeugnis in der Färbung etwas dunkler wird, als wenn geschältes Obst verarbeitet worden ist.
Die beim Schälen der Aepfel verbleibenden Schalen können ebenso wie die Kerngehäuse, soweit sie einwandfrei sind, zu Auslaugungsgetränken verwendet werden, indem man sie zwei Tage lang in ein Glas kalten Wassers legt, wo die Duftstoffe vom Wasser ausgelaugt werden und man nach Entfernung der Schalen und einem geringen Zuckerzusatz ein angenehm schmeckendes Getränk erhält. Man kann die Apfelschalen auch auswerten, indem man sie trocknet, am besten auf einer Darrhorde und im Winter als Apfelschalentee verwendet. Je duftiger und aromatischer die Apfelschalen waren, desto aromatischeren Apfeltee erhält man. Man sieht daraus, daß auch die Obstschalen, soweit sie gesund sind, wertvoll sind und man sie nutzbar machen soll.
Weiter ist beim Verarbeiten des Obstes zu beachten, daß durch langes Mitkochen des Zuckers die Aromastoffe sehr leiden, weswegen der Zucker nicht gleich zu Anfang des Kochprozesses zugesetzt werden soll, sondern erst gegen Ende. Am besten ist es, um die Saststoffe des Obstes nach Möglichkeit zu schonen, den Zucker vorerst in heißem Wasser zu läutern und dann erst zuzusetzen. Durch diese Maßnahme wird das Fruchtaroma soweit als möglich geschont. Bei Früchten, die zu Marmelade- und Konfitürenzwecken unbedingt geschält werden müssen, wie Apfelsinen, Zitronen usw., ist es notwendig, damit die starken ätherischen Oele der Früchteschalen nicht ganz verlorengehen, Teile der Schalen zum Aromatisieren mitzuoerwenden. Da jedoch unter Schalen dieser Südfrüchte sich ein weißer Filz befindet, der einen bitteren Geschmack verursacht, muß der weiße Filz vorher sorgfältig entfernt werden.
Als die aromatischsten einheimischen Früchte gelten die Erdbeeren, Himbeeren, Pfirsiche, Aprikosen und Quitten. Auch unter den Aepseln, Birnen und Pflaumen gibt es sehr aromatische Sorten. Die Walderdbeeren, Himbeeren und Brombeeren sind noch aromatischer als die Gartenzüchtungen dieser Beerenfrüchte.
Besondere Aromastofse, die sehr stark sind, findet man auch im Stein der Pflaumen, Zwetschen, Kirschen, Aprikosen und Pfirsiche. Das ist ein ätherisches Oel, welches einen Bittermandelgeschmack aufweist. Um diese Aromastoffe zu erschließen, verwendet man den Inhalt einiger Steine mit zu den Obsterzeugnissen. Auf diese Weise kann man auch die aus dem Steinobst gewonnenen Säfte, Weine, Kompotte usw. aromatisieren. Besonders Pflaumen- und Kirfchenmuse erhalten dadurch einen besonders aromatischen Geschmack.
Man hat festgestellt, daß die bereits in den Blüten der Fruchtbäume vorhandenen Aromastoffe eine Wanderung durchmachen und mit der Entwicklung der Frucht auf diese allmählich übergehen. Ein Haupterfordernis ist es auch, daß das Obst im richtigen Reifestadium gepflückt wird. Am aromatischsten sind die Früchte kurz vor der Vollreife, während überreifes oder durch starke Regengüsse verwässertes Obst schon einen Teil der Aromastoffe eingebüßt hat.
Ferner ist bei der Lagerung des Feinobstes und der Aufbewahrung der Obsterzeugnisse darauf zu achten, daß sie nicht zusammen mit anderen geruch
verbreitenden Stoffen, sondern in geruchfreien Räumen aufbewahrt werden, da sie den fremden Geruch leicht anziehen und dadurch in der Qualität an Wert verlieren.
-Krast durch Freude".
Sonderzug
zu dem Grohfluglag am 21. Juli nach Kassel.
„Das deutsche Volk muß ein Volk von Fliegern werden!" Nach diesen Worten des Oberbefehlshabers der deutschen Luftwaffe, Hermann Göring, und unter diesem Motto findet am Sonntag, dem 21. Juli 1935, in Kassel der 1. N S.- D o l k s f l u g - t a g statt, in dessen Rahmen die besten Flieger, Luftakrobaten und Fallschirmabfpringer (Übet, Oskar Dimpfel, List Schwab u. a. m.) mitwirken. Der Sonberzug I fährt ab Marburg. Die Fahrt kostet einschl. Eintrittspreis 3 Mark. Ab Gießen kostet bie Fahrt einschl. Eintritt 3,60 Mark. Dieser Preis ist wohl für jeben tragbar, bietet boch dieser. Großflugtag, der mit militärischen Hebungen der verschiedensten Waffengattungen ausgestattet ist, ein sicherlich unvergeßliches Erlebnis. Schlußtermin für die schriftliche Anmeldung: 18. Juli 1935.
Motorradrennen „Rund um Schotten" am 21. Juli.
Zu diesem Rennen hat uns die Rennleitung in Schotten Eintrittskarten zum Preise von 50 Pf.
für ihren Geschäftsbereich eine gleiche Anordnung zu treffen. Es steht zu erwarten, daß sich die Privatfirmen diesem Vorgehen anschließen und ihre Angestellten für den Deutschen Stenografentag beurlauben werden.
Oer Verkehr
mit der Reichshauptabteilung III
Der Pressedienst der Landesbauernschaft Hessen - Nassau teilt mit:
Es besteht Veranlassung, nochmals darauf hinzu- weisen, daß es nicht statthaft ist, sich mit Anliegen unmittelbar an die Reichshauptabteilung III in Berlin zu wenden, ohne vorher mit der Landeshauptabteilung III der Landesbauernschaft Hessen- Nassau verhandelt zu haben. Sowohl Erzeuger wie auch Verarbeiter und Verteiler werden erst bei der Reichshauptabteilung III vorgelassen, wenn sie die schriftliche Bestätigung der Landeshauptabteilung III bzw. deren Gebietsverbände nachweisen können, wonach sie bei den zuständigen Gliederungen ergebnislos vorstellig geworden sind.
Daten für den 17. Juli.
1505: Martin Luther wird im Augustinerkloster in Erfurt als Mönch eingekleidet; — 1854: der Admiral Ludwig v. Schroeder, „der Löwe von Flan-
neben dem Führer selbst u. a. die Minister Darre, Rosenberg und besonders Rudolf Heß, dessen Lehrer der Redner acht Jahre hindurch war und dessen Wesen und Charakter er darum auch besonders verständnisvoll zeichnen konnte.
Die beiden Dorträge, belebt durch zahlreiche persönliche Erinnerungen und besonnt durch einen feinen Humor, bedeuteten ohne Zweifel eine wirkliche Bereicherung für alle Hörer.
Sommerfest der 3. Kameradschaft des 71SDFB.
Unter starker Beteiligung hielt am Sonntag die 3. Kameradschaft des NSDFB. (Stahlhelm) auf den Schiehständen der Schützengesellschaft 1926 ihr diesjähriges Sommerfest ab. Die Veranstaltung wurde durch ein Preisschießen eröffnet, zu dem sich bereits um 9 Uhr die ersten Kameraden einfanden. Im Laufe des Vormittags wurden bereits beachtliche Ergebnisse erzielt. Am Nachmittag wurde dem Schießsport weiterhin eifrig gehuldigt, und die 3. Kameradschaft hatte dabei Gelegenheit, sest- zustellen, daß sich in ihren Reihen ausgezeichnete Schützen befinden. Die Nachmittagsstunden vereinigten die Kameraden mit ihren Angehörigen in der reizvollen Umgebung des Schießstandes. Kameradschaftsführer A. Mangold hieß die Kameraden, insbesondere den Ortsgruppenführer, Kam. Z e l t m a n n , sowie die zahlreichen Gäste herzlich willkommen. In seiner Ansprache gedachte er des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler. Zum Schluß rief er zu weiterer treuer Kameradschaft im Geiste der Frontsoldaten auf. Im Verlaufe des Nachmittags wartete die NSDFB.-Kapelle mit guter Musik auf und spielte zum Tanze. Auch die Kinder kamen zu ihrem Rechte. Es gab allerlei Ueberraschungen. Die Bretzelpolonaise hat dabei den kleinen Teilnehmern viel Freude bereitet. In leuchtenden Kinderaugen fanden die Erwachsenen ihren Dank. Durch das prächtige Wetter begünstigt nahm das Sommerfest einen sehr harmonischen Verlauf.
Gin Sändel-Roma«
„Seine Kvaft wav in ihm mächtig" von Ernst Wurm besinnt amIV.StM
in den Gietzenev SamMenblätterrn
zur Verfügung gestellt. Das bedeutet 50 v. H. Ermäßigung gegenüber dem normalen Preis. Wir bitten die Mitglieder der DAF., die das Rennen besuchen wollen, sich die Karten auf unserer Geschäftsstelle, Schanzenstrahe 18, bis Donnerstag, 18. Juli 1935, abzuholen.
Sonderzug zu dem Großen Preis von Deutschland am 28. Juli 1935 auf dem Mrburgring.
Zu diesem Zuge sind noch einige Karten zu 5 Mark (einschl. Eintritt) zu haben. Wir bitten die Arbeitskameraden, sich zu dieser Fahrt möglichst umgehend schriftlich zu melden, oder den Betrag von 5 Mark sofort zu bezahlen.
Beamte und Angestellte werden für den Stenografentag beurlaubt.
Erlaß des Reichsinnenministers.
Der Reichs - und Preußische Mini st er des Innern hat zum Deutschen Stenografentag, der vom 2. bis 5. August in Frankfurt a. M. stattfindet, einen Erlaß herausgegeben, in dem es u. a. heißt: „Mit Rücksicht darauf, daß diese Tagung der Verbreitung und Förderung der Deutschen Kurzschrift und des Maschinenschreibens dient und im Interesse der Reichs-, Staats- und Kommunalbehörden liegt, kann den Beamten und Behördenangestellten, die Mitglieder der Deutschen Stenografenschaft sind und an dieser Tagung teilnehmen wollen, auf Antrag der erforderliche Urlaub ohne Anrechnung auf den Erholungsurlaub erteilt werden, soweit dienstliche Belange nicht entgegenstehen. Die Dienstbezüge sind ungekürzt weiterzuzahlen. Eine Erstattung von Kosten aus der Reichskasse kommt nicht in Frage."
Der Deutschen Reichsbahn und dem Reichsbankdirektorium ist gleichzeitig anheimgestellt worden,
dem", in Hinzenkamp, Kreis Ückermünde, geboren (gestorben 1933); — 1917: Unabhängigkeitserklärung Finnlands; — 1918: Ermordung des Zaren Niköltus II. und seiner Familie in Jekaterinburg (geboren 1868).
Schulungsvorträge im Nationalsozialistischen Deutschen Frontkämpferbund (Stahlhelm).
Auch im Monat Juli wurde die Schulunasarbeit planmäßig fortgesetzt. Es wurden die Themen „Der deutsche Lebensraum" und „D a s Auslandsdeutschtum" behandelt. Als Redner hatte sich für beide Abende Dr. Alfred Kaufmann (Gießen) zur Verfügung gestellt. Der Zweck der Veranstaltungen wurde vollauf erreicht, ist doch der Redner, weithin bekannt als Verfasser des ausgezeichneten Werkes „Ewiges Stromland" und als erfolgreicher Forschungsreisender, einer der besten Kenner des alten Orientes, der lange Jahre vor dem Kriege als Auslandspfarrer und Leiter deutscher höherer Schulen in Aegypten und Palästina gewirkt und diese Länder auch nach dem Kriege wiederholt besucht hat. So beruhten seine Ausführungen und Schilderungen auf genauester Kenntnis von Land und Leuten des sog. Morgenlandes, und liebevoller konnte kein anderer die Bedeutung des Deutschtums in diesen Gebieten schildern, sei es in nationaler und wirtschaftlicher, sei es in sozialer ober kultureller Hinsicht.
Besonberes Gewicht legt ber Vortragenbe auf bie Wanblung in ber Bewertung bes Auskcmddeutsch- tums feit ber Machtübernahme burch ben Nationalsozialismus, ber ja nicht wie bas Bismarck-Reich ausschließlich staatlich, fonbern in erster Linie völkisch benke. Daher auch bie starke Beteiligung ber Auslanbbeutschen an ber heutigen Regierung:
Strandfest der Deutschen Steno- grafenschafi, Ortsgruppe Gießen.
Die Ortsgruppe Gießen der Deutschen Steno- graphenschaft hatte ihre Mitglieber am Samstag roieber einmal zusammengerufen, um die Sieger des Leistungsschreibens anläßlich der Kreisgebietstagung in Wetzlar zu ehren, und zwar im Rahmen eines Strandfestes an der Pulvermühle. Weit über 300 Mitglieder und Freunde waren der Einladung gefolgt.
Der Ortsgruppenführer Gras begrüßte die Anwesenden, insbesondere den Kreisgebietsführer K. H. Kuhl und die Ehrenmitglieder der Deutschen Stenografenschaft H a n st e i n und Karn- bad). Seine weiteren Ausführungen bezogen sich auf die Kreisgebietstagung in Wetzlar, die für die Ortsgruppe Gießen einen glänzenden Erfolg gebracht habe. Es konnten insgesamt 18 Ehrenpreise errungen werden, 24 Arbeiten wurden mit der Note hervorragend, 81 Arbeiten mit der Note sehr gut und 30 Arbeiten mit der Note gut ausgezeichnet. In den höheren Abteilunyen stellte die Ortsgruppe Gießen sämtliche Preisträger. Der Orts-' gruppenführer beglückwünschte alle Preisträger zu ihrem Erfolg und dankte den Wettschreibern für ihre geleistete unermüdliche Arbeit. Wenn die Mitglieder der Ortsgruppe allgemein derartig vorzügliche Leistungen zeigen, so sei dies ein Beweis für die gute Schulung, bie ihnen in ben Kursen zuteil werbe. Nach ber Verteilung ber Urkunden wurden die Preisträger durch ein dreifaches „Schrift-Heil" besonders geehrt.
Mit lebhaftem Beifall wurde die Mitteilung des Ortsgruppenführers ausgenommen, daß die Gaugebietstagung der Deutschen Stenografenschaft im Jahre 1936 in Gießen stattfindet. Diese Tatsache bedeute nicht nur etwas für die unmittelbar interessierten Mitglieder der Ortsgruppe, sondern sie
RASIERCREME
C a macht das Rasieren zum Genuß
Große, langreichende Tube 59 Pf.
Militärmusik.
Von Franz Gchauwecker.
Einer der stärksten künstlerischen Ausdrücke, welche die Macht Preußen-Deutschland hat, ist der Armeemarsch. Die Geschichte des Marsches reidjt bis in die Zeit ber Landesknechte zurück. Trommeln und Pfeifen, Klarinetten und Oboen, sogar Streichinstrumente waren die instrumentale Grundlage.
Die heutige Regimentsmusik existiert noch nicht allzulange. Sie stammt ab von ber Janitscharen- musik. In bieser Marschmusik fap‘ sich klanglich alles zusammen, was Größe unb Macht, Geschichte und Männlichkeit bedeutet. Hier tritt sinnenhaft heraus der politische Machtwille eines Volkes.
Wir alle kennen die ungeheure Erschütterung, die von solcher Musik ausgeht. Wir alle wissen, daß in jenem Augenblick, in welchem das Locken der Trommeln und Pfeifen beginnt, allen, die es hören, ein Ruck durch ben Körper unb durch die Seele geht. Es gibt jene kurze und scharfe Spanne der Erwartung, bis bann plötzlich mit einem ungeheueren Aufschrei ber Marsch losbricht aus den großen metallenen Mündern der Instrumente, welche die Melodie tragen, während der schlitternde Prall der Pauken den Takt angibt, ben Rhythmus, ber burch alle Körper fährt unb ben Gang unb Schritt der Kolonnen unwiderruflich bestimmt.
Wir wissen es aus jener Zeit, in der wir da draußen waren, wo die Schlacht ihre feurigen Fahnen erhob, welch ein riesenhafter Aufschwung aus jenen Preußen-Deutschland-Märschen herausbrach, wenn sie nach vielen Gefechts- und Marschtagen plötzlich vor den vollkommen übermüdeten, zerschossenen, verdreckten Truppen hörbar wurden.
Da war alle Müdigkeit und der Hunger, Verluste und Ungeziefer vergessen, solange dieser peitschende und düster klingende Klang da vor uns seinen zwangvollen Weg ging. In diesen Märschen stand alles auf, was von der Tapferkeit und den Taten der Männer erfüllt war: die Schlacht bei Leuthen und das Werk Beethovens, die Leistung Bismarcks und alles das, was hinter den Horizonten liegt, auf die wir marschieren, ohne sie vielleicht selbst zu erreichen, aber darauf kommt gar nichts an, ob wir selber noch an das Ziel kommen oder nicht, wie gar nichts darauf ankommt, daß wir den Siebenjährigen Krieg mitgemacht haben, sondern das ist entscheidend, daß alles dies in uns ist und Gestalt gewinnt. . .
Angesichts dieser gewalttgen Melodien wird es gleichgültig, ob jemand morgen fällt ober leben bleibt, denn er stirbt ja nicht umsonst wie im Bett, sondern er stirbt unter einem großen Kommando,
das ihn in ein großes Schicksal hineinstellt. Jeder weiß, daß er, wenn er fällt, die große Geschichte des Volkes und des Reiches weitergibt an bie, welche nach ihm kommen, mag es nun fein Nebenmann fein ober fein Enkel. Und wenn er niemand hat und ganz allein steht, auf verlorenem Posten, ohne Frau, ohne Kinder, dann hat das auch nichts zu sagen, dann fällt er nicht umsonst — auch dann gibt er an seinen Teil zwischen Kornfeld und Wald, im Unterstand ober im Flugzeug die große lieber« lieferung von Ruhm und Ehre eines Volkes weiter.
Es bedarf dazu keines Lohnes, keines Prunkes, keines Dankes. Es genügt die schweigende Erfüllung dessen, wozu wir da sind, dessen, was wir „Pflicht" zu nennen gewöhnt sind. Pflicht — auch
das dröhnt in der Musik mit — ist kein
mühseliges und nörgelndes Weiterschleppen durch dünnen Sand, sondern es ist die innere Erkenntnis, das Gefühl und die Bereitschaft für all das, was notwendig, damit es getan werde und lebe.
Zelt am (See.
Von Wolfgang Kummer.
Warrn lag die Dormittagssonne über dem See und über den hohen Fichten, die sich in dem grünen, glasklaren Wasser spiegelten. Die Winde schienen in dieser fonnüberstrahlten Einsamkeit ein« geschlafen zu sein. Da drang plötzlich mehrstimmiges Singen aus dem Walde. Vier Jungen jagten ben Hang hinab, warfen bie Tornister ins Gras unb zogen sich bie Braunhemben über bie Ohren. Heiß war der Tag und das grüne Wasser glänzte. Mit fröhlichem Geschrei tanzte die kleine Horde über die Landzunge in das aufspritzende Wasser. —
Der heiße Mittag war vorübergegangen. Die Vier standen auf dem Rasenstreifen am Walde um die Zeltbahnen herum.
Als die Zeltstangen aufrechtgestellt, die Schnüre gespannt waren, stand ein glattes, kleines Giebelzelt. „Hm! Es fehlt noch etwas", meinte Hans. Wenn es Regen geben sollte, muß das Wasser ad- fließen können." Zweifelnd wurde der Himmel betrachtet. Weit im Blauhimmel zogen sich Federwolken wie mächtige weiße Rippen. Drüben verdichtete es sich aber zusehends. Hans hatte schon zum kurzen Spaten gegriffen. Bald zog sich ein kleiner, verhältnismäßig tiefer Graben um das Zelt herum der in einen nahen Bach auslief. Auf den Zeltbahnrändern lagen mittelgroße Steine, die den Durchzug verhinderten. „Beinahe gemütlich hier? Drinnen räkelte sich Bob, der Kleinste. Weiter draußen auf der Landzunge in den See, weit ab vom Walde, stieg eine Rauchsäule fast unbeweglich em
por. Horst, der Gruppenkoch, braute den Abendtee, während Hans Brote schnitt unb Ernst bie Butter strich. Der Abenbfrieben schien über Walb, Zelt unb See zu liegen. Da aber kam ber Feinb.
Leise, fast geräuschlos kam er. Gerharb bemerkte ihn zuerst, als er bas Holz aus bem Walbe trug. Um ihn zu melben, lief er zum Zelt hinunter unb schlug plötzlich einen Salto. Das Zelt zitterte. „Paß boch auf bie Zeltsteine auf!" rief Hans. „Nicht gesehen!" brummte ber Gefallene. — Von jetzt ab flatterte ftänbig ein Lappen an ber Heltschnur. —
Die Vier lagen um bas Kochgeschirr voll Tee herum unb kauten eifrig. Da machte ber Feinb seinen ersten Großangriff. Als er sie einige Zeit belästigt hatte und immer unverschämter wurde, sprangen sie auf und wehrten sich. Sie rissen die Handtücher aus den Tornistern, ein furchtbarer Kampf begann. Im Eifer schlugen sie sich selbst die Waffen an den Kopf. Der Feind war übermächtig. Er drängte sie zum Ufer hinunter und warf sie schließlich in den See.
Nach einiger Zeit schwammen die vier Jungen wieder an das Ufergrün und schlichen kleinlaut zum Zelt zurück. Doch kaum lagen sie vermummt wie zur Maskerade in ihrem Zelt, als ihr Gegner wieder mit anschwellendem Getön aus dem Dunkel des Waldes vorstieß.
Drinnen im Zelt rieben sie sich ihre Wunden.
Am anderen Morgen lebte der ungleiche Kampf wieder auf. Der Morgenkaffee war ein stetiger Abwehrkampf, als aber die Sonne siegreich über die jenseitigen Wipfel stieg, da jagte sie entsetzt die Feinde, die Mücken, zurück.
Bob rieb sich ohne Unterlaß und seufzte tief.
„Das nächste Mal werden wir das Zelt wohl nicht wieder so dicht an Wald und See legen."
Don der altdeutschen Blumensprache.
Immer sind Blumen Fürsprecher des Menschen gewesen. Ob ein übermächtiges Gefühl ihn verstummen lieh, oder ob er aus Scheu und Ehrerbietung auf das Aussprechen seiner Empfindungen verzichtete, die Blumen liehen ihm ihre Schönheit und ihren Duft, um in ihrer Sprache zu bezeigen, welche Gedanken und Wünsche ihn bewegen. Aus diesem Fürsprecheramt entstand alsdann eine Symbolisierung der Blumen; sie wurden Sinnbilder der verschiedenen Empfindungen, der Freude und des Schmerzes, der Liebe, Treue und des immerwäh» renden Gedenkens, das in einem Fall sogar bleibender Aame wurde, wie bei jenen kleinen beschei. denen Blümchen, die Vergißmeinnicht heißen.
Eine ausgebildete Blumensprache mit einer richtigen Grammatik, mit Lehrsätzen und Auhanwen-
dungen, finden wir sowohl in der persischen, indischen und arabischen, wie in der chinesischen und japanischen Dichtung. Mit Vorliebe werden ihre Gee Heimnisse in die Form von Reim- und Rätselspielen gekleidet, wie dies Goethe in seinen Anmerkungen zum „West-östlichen Divan" aus dem Wesen der Poesie erklärt hat, die „ben weit umgreifenden Blick über alle Weltgegenstände, die Leichtigkeit, zu reimen, sodann aber eine gewisse Lust, Rätsel aufzugeben, und Fähigkeit, Rätsel auszulösen," besitzt. Goethe führte alsdann eine Anzahl solcher Blumen- reime an, die mehr durch den gleichen Ausklang als durch den inneren Sinn zusammengehören. Tiefere Bedeutung wurde dieser Dlumensprache zugelegt, als die deutsche Kultur des hohen Mittelalters die alte Pflanzen- und Blumenverebrung unserer Vorfahren mit dieser übernommenen Versinnbildlichung der Blumenwelt verband. DieMinnesänger bildeten die poetische Kunst dieser wortlosen Sprache aus, und bald haftete vielen Blumen eine Bedeutung an, die ihnen bis zum heutigen Tag geblieben ist. So wurden Lilien und Rosen die Blumen der Unschuld und der Liebe, das Veilchen galt als Liebesbvte, die rote Relke versprach die Gewährung der Liebe, das braune Habmichlieb verriet stille Hoffnung, und die leicht abfallende Schneeballblüte wies auf die Vergänglichkeit irdischen Glückes hin.
Bald hatte jede Blume des deutschen Gartens ihre eigene Stimme und trat als Füriprecher für eine verborgene Empfindung des Menschen auf. Bezeichnend für die Vollständigkeit unb Gründlichkeit dieser altdeutschen Dlumensprache find die Aufzeichnungen ber Clara Hätzlerin in dem von ihr aufgeschriebenen Liederbuch, das vermutlich aus dem Jahr 1470 stammt. „Rupfblumen traget, wer meinet, er fei im Zweifel, ob ihm fein Lieb Gerechtigkeit erweise", heißt es da. „Wer sie aber trägt ausgerupft, ohne bie zwei gleichstehenden Blätter, zeigt an, daß er ganzer Gerechtigkeit gewährt ist von seinem Liebsten. Wenn aber ein Blättlein allein ist blieben stehen, der meint, ihm sei Unrecht geschehen." Nun wird bie Bedeutung anderer Blumen in bedachtsamer Reihenfolge bargelegt, damit sich jedermann danach richten kann und eine U eher ein« stimmung zustande kommt, ohne die leicht eine Komödie der Irrungen entstehen könnte. Vom Wacholder wird gesagt, ihn solle tragen, „wer sich selbst eine Lieb vorsetzet und es ihm nur schlecht darin ergeht, und er sich gern entschließen soll, zu erwarten, ob ihm noch überlang etwas Trostes davon geschehen möge. Denn Wacholder hat die Art: Das erst' Jahr blühet er, das andere trägt er un* zeitige Früchte, das dritte Jahr zeitigt die Frucht erst und muß man sie bann mit Stäben abschlagen."


