Nr. M Dritter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Donnerstag, W. Mai fW
Legenden um den Storch.
Die Wissenschaft entlarvt den vermenschlichten Vogel.
Zugweges erlernt, eine Kenntnis günstiger und ungünstiger Strecken erwirbt und daraus Nutzen zieht. Nachweislich ist ja, wenigstens bei nicht kurzlebigen Arten, das Gedächtnis des Vogels für gewisse durch Auge oder Gehör aufgenommene Ein-
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Don Dr. E. Schüz, Vogelwarte Vosfltten.
Kaurn ein Tier der freien Natur weiß so die Aufmerksamkeit des Menschen zu fesseln wie der weiße Storch und daher kommen die Irrtümer vermenschlichender Naturbetrachtung diesem Vogel gegenüber besonders deutlich zum Ausdruck. Es ist eben sehr schwer, sich auch nur entfernt in ein Wesen zu versetzen, das ungleich mehr als der Mensch durch ererbte Triebe geleitet wird und ganz jenseits der Begriffswelt von Gut und Böse steht. Wie oft es üblich ist, an solche Geschöpfe einen menschlichen Maßstab anzulegen und sie entsprechend einzuschätzen, sollen ein paar Beispiele vom weißen Storch zeigen.
Die Gattentreue des Storches soll besonders ausgeprägt sein, und man hebt sie bisweilen rühmend hervor; ja, verwitwete Einzelstörche sollen sich aus Trauer über den Verlust des Gemahls keinen neuen Gefährten mehr suchen. Tatsächlich halten wohl oft Paare zur Brutzeit Jahre hindurch zusammen, und sie wehren sich sogar vereint gegen Nestfeinde. Der Irrtum der üblichen Beurteilung wird uns aber im Frühjahr klar, wenn wir sehen, daß e i n Storch (wohl meist das Männchen) Tage und Wochen vor dem zweiten Vogel eintrifft; die Störche haben sich aljo auf der weiten Winterreise getrennt, sie kennen sich gewissermaßen nicht mehr, und sie finden sich dann ereft wieder durch Zusammentreffen am Horst, durch Drtstreue — oder vielleicht auch nicht, denn es ist anzunehmen, wenn auch noch nicht sicher, daß mancher Storchgatte bei der Rückkehr den Partner schon versorgt findet.
Das Brutleben der Störche gibt besonders reichlich Gelegenheit zur Erkenntnis, daß die so zweckmäßigen und scheinbar durchdachten Handlungen bei Brut und Aufzucht der Jungen nicht Ergebnis von Ueberlegung, sondern von ererbten Trieben sind. Es kommt bekanntlich oft vor, daß das Nesthäkchen der Brut aus dem Horst fällt ober herabgestoßen wird. Wenn der Hofbesitzer besorgt den kleinen Storch zurückbringt, so muß er meist erleben, daß der Elternvogel das eigene Kind mit Schnabelhieben aufnimmt, ja sogar tötet und über Bord wirft. In nahrungsarmen Jahren soll diese uns grausam scheinende Gewohnheit häufiger sein als in guten Zeiten. Es handelt sich dabei um eine sehr zweckmäßige Maßnahme, da bei Nahrungsknappheit die Preisgabe des Schwächlings den gesunden Geschwistern eine bessere Aufzucht gewährleistet. Der alte Storch, der den nicht mehr normal girrenden Jungvogel als Fremdkörper empfindet und entfernt, handelt ohne Kenntnis dieses Erfolgs und rein triebmäßig, so daß man diesen arterhaltenden Vorgang weder als überlegt, noch als schlecht bezeichnen kann.
In vielen Menschen lebt die Vorstellung, als ob die alten Vögel die Jungen das Fliegen lehren. Damit steht nicht im Einklang, daß vom Menschen aufgezogene Vögel ebenso das Fliegen erlernen, wie unter der Obhut der eigenen Eltern. Unsere Jungstörche vor dem Fenster pflegen ihre Flug- übungen mit Vorliebe dann abzuhalten, wenn die alten Storche nicht am Nest sind — oerständlicher- weise, denn bei Anwesenheit der Alten heißt es, für die Futteraufnahme bereit zu fein. Gewiß kann das Vorbild der Artgenossen und besonders der Eltern bestimmte Leistungen wie die Ausbildung der normalen Stimme bei Singvögeln fordern, aber dies äst kein Lehren oder gar Erziehen, sondern unbeabsichtigte Weckung vorhandener Anlagen.
Die meisten Fähigkeiten kommen ohne Vorbild zur Entfaltung, so das Fliegen, so auch das Klappe r n des Storchs, denn schon die eben ausgeschlupf- ten Jungen können klappern, wenn auch zunächst unhörbar. Wir haben auch Mühe, die großen Leistungen des Vogelzuges als reine Triebhand- lungen zu verstehen. Die Storche Ostdeutschlands ziehen im Spätsommer nach Palästina und dem Nilgebiet ab und gelangen etwa im November bis_u^
das östliche Südafrika. Man sollte meinen, daß wenigstens bei diesen gegen 10 000 Kilometer weit führenden Wanderungen ein Erlernen des Zugwegs im Spiele fei, allein die auf der Vogelwarte Rossitten ausgeführten Versuche zeigten, daß auch verspätet und also gewiß ohne Führung von Altstörchen aufgelassene Jungvögel den richtigen Weg einzuschlagen wissen; Rückmeldungen dieser (beringten) Versuchsstörche südlich des Mittelmeers liegen allerdings nicht vor. Jedenfalls steht fest, daß die jungen Störche und überhaupt junge Zugvogel beim Antritt der Reife keine Vorstellung von einem Ziel haben, ja sie kennen überhaupt nicht ein Ziel, denn sie wandern eben bis zum Erlöschen ihres Zugtriebes und normalerweise sind sie inzwischen in dem von uns als Winterquartier bezeichneten Gebiet angelangt. Da der Storch verhältnismäßig alt "wird (wohl nicht selten 10 bis 20 Jahre), besteht trotzdem die Möglichkeit, daß der eim^n" ^"o-l Eiaenart-'n d"«
Am Sonntag fand der 2. Mannschaftswettkampf der Kleinkaliberschützenvereine Krofdorf, Wilsbach, Bieber und Launsbach in Krofdorf statt. Dem Kreisschießleiter C h r i st (Bieber) stellten sich zehn Mannschaften zu je vier Mann. Sieger wurde auch diesmal wieder die 1. Mannschaft des Kleinkaliberschützenvereins Launsbach, bestehend aus den Schützen R. Pfeiffer, R. Müller, E. Müller und O. Debus, mit dem sehr guten Ergebnis von 343 Ringen, je drei Schuß liegend, kniend und stehend freihändig ohne angelegt. Dann folgte Bieber mit dem guten Ergebnis von 325, Krofdorf mit
drücke durchaus nicht gering.
Dieser letzte Punkt veranlaßt die ausdrückliche Feststellung, daß nicht alle Handlungen des Vogels auf ererbte Triebe zurückgeführt werden dürfen. Die Vögel wissen sich auch Erfahrungen zunutze zu machen, durch „ S e 1 b st d r e s s u r , die im Leben der Vögel, besonders der höheren Arten, eine große Rolle spielt. Die nächste Stufe geistiger Leistungen wäre die Einsicht in eine gewisse Sachlage und als Ergebnis eine Verstandeshandlung in engerem Sinn: diese Fähigkeit tritt in der Vogelwelt fast ganz zurück, soweit wir bis jetzt beurteilen können.
Solche Einblicke in das Seelenleben der Vögel werden leider durch viele irrtümliche Darstellungen erschwert. Es gibt kaum ein volkstümliches Buch — von einem neuen Werk von Horst Siewert abgesehen, das sich nicht zufällig auf „Störche" bezieht — das das Vogelleben roirEüd) einwandfrei schildert. Das ist sehr bedauerlich, denn wir lernen auf einem solchen Weg nicht nur das Tier, sondern durch Vergleichung mit der Tierseele auch uns selbst
Am 19. Mai werden im Gau Nordhessen nur zwei Fußball-Aufstiegsspiele — in der Gruppe Süd Klein-Steinheim—Bad-Nauheim und Wetzlar—Niederbrechen — mit Rücksicht auf die Kämpfe um den Vereinspokal durchgeführt. Die für den gleichen Tag vorgesehene Treffen der Gruppe Nord wurden abgesetzt, die Rückrunde dieser Abteilung beginnt
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Unser Bild zeigt den SS.-Obersturmführer Ruhl (im Bilde links) und seinen Adjutanten, SS.-Oder- scharführer Schütte, als Beifahrer (im Bilde rechts), auf ihrem Wagen im Wettbewerb bei der Kurheffenfahrt der Motorbrigade Hessen des NSKK. Obersturmführer Ruhl wurde dabei — wie wir gestern schon berichteten — mit der Silbernen Mäkelte ausgezeichnet. — (Aufnahme: SS.)
artö Wilsbach mit 254 Ringen Bester Einzel- Ichütze mit 90 Ringen war R. Pfeiffer, bester Jungschütze mit 80" Ringen B. Bechtold, beide von Launsbach. Der nächste Wettkampf findet Sonntag nach Pfingsten in Bieber statt.
Aufstiegspiele in Nordheffen.
planmäßig am 26. Mai. In der Gruppe Süd wurde das für den 26. Mai vorgesehene Spiel Klein-Steinheim — Wetzlar auf den 2. Juni verlegt. Aufstiegspiel Ruppertsburg - Gedern.
Am Sonntag standen sich in Gedern die ersten Mannschaften von Gedern und Ruppertsburg zum Aufstiegspiel (Bezirksklasse) gegenüber. Gedern, das in der ersten Halbzeit mit dem Wind im Rücken spielte, machte heftige .Angriffe, die aber meist von der Hintermannschaft gestoppt wurden. Bei 0:0 wurden die Seiten gewechselt. Ruppertsburgs Anstrengungen führten in der zweiten Halbzeit nicht zum Siege, da bei dem starken Wind sämtliche Bälle über und neben das Tor gingen. So verlief das Spiel, das gut geleitet war, unentschieden.
Zußbatt-Ergebniffe der KreisNasien.
Treis — Daubringen 3:3
Rodheim — Steinbach 2:1
Rodheim Jgd. — Steinbach Jgd 4:1
Lang-Göns — Vetzberg 1:3
Großen-Linden — Butzbach ausgefallen Leihgestern — Ober-Rosbach ausgefallen Launsbach — Tv. 1846 Gießen 1:2
Wieseck — Alten-Buseck 5.1.
Rekordfahrt
eines Adler-Trnmpf-Lnnior
In Berlin startete Ingenieur van Hugo- Zagreb mit einem Adler-Trumps-Junivr zu einer Fernfahrt nach Zagreb (Jugoslawien) Er legte die 1100 Kilometer lange Strecke unter offizieller Kontrolle in 21 Stunden 15 Minuten zurück und unterbot damit die alte Bestleistung, die vor wenigen Jahren ein schwerer Austro-Daimler-Sportwagen mit 22% Stunden aufgestellt hatte, ganz beträchtlich. MnnsHastskäMe iwO -Spiele
tu den hessischen Schulen für 1935.
Um die Alltagsarbeit in der körperlichen Erziehung der Volks- und höheren Schulen anzuregen und alle Jungen und Mädchen der wertvollen erziehlichen Wirkung einer Gemeinschaftstat zuzuführen, werden, wie der Reichsstatthalter in Hessen (Landesregierung — Abteilung II) den Direktionen der höheren Schulen und den Kreis- und Stadtschulämtern mitgeteilt hat, folgende Mannschafts- kämpfe und - spiele für das Jahr 19 3 5 eingerichtet:
A. Männliche Jugend.
I. Klassen Ila bis la: Mannschafts-Vierkampf nm d i e Plakette der Hessischen Landesregierung. Hebungen: 1. 100- Meter-Laus mit zwei Hindernissen bei 25 Meter und 50 Meter in Form eines Balkens in Höhe von 75 cm, der zu überspringen bzw. zu unter- kriechen ist; 2. Weitsprung mit dem Sprungstab ohne Verwendung eines Sprungbrettes; 3. Wurf mit der Keule (500 Gr.) aus dem Stand; 4. Schwimmen (beliebig) über 50 Meter. 10 v. H. der Gefamtfchülerzahl der obengenannten Klaffen einer Schule haben als Mannschaft anzutreten. Die Beteiligung ist für alle Schulen verbindlich. Die Mannschaft mit der besten Durchschnittsleistung im Endkampfe erhält den Wanderpreis auf die Dauer eines Jahres. Für die Vor- und Ausfcheidungskämpfe werden die Provinzen in Bezirke eingeteilt. Innerhalb dieser Bezirke treten die betreffenden Schulmannschaften an einem neutralen Platz zum Leistungsvergleich an. Die beste Mannschaft jedes Bezirks hat die Berechtigung, an den Provinz-Ausfcheidungs- kämpfen teilzunehmen. Schließlich treffen sich dis Best-Mannschaften aus den drei Provinzen zum Endkampf. Die Durchführung der Kämpfe innerhalb der Provinzen wird bis spätestens zum Beginn der Sommerferien beendet. Bis zum 1. Oktober muß der Endkampf bestritten fein.
II. Klaffen Illa bis Ilb: Fuß-Schlagballspiel um eine Plakette der Landesre- gierung, Abteilung II. Bezüglich Beteiligung, Durchführung ufw. gilt sinngemäß das bereits beim Wanderpreis für die oberen Klassen Gesagte.
Goethe, Seebeck und die Farbenphoiographie. 3um 125 jäf)rigen3ubitäum der Farbenlehre' Von Or. Wolfgang Mejer.
Am 16. Mai des Jahres 1810, pünktlich um 8 Uhr morgens, bestieg Staatsminister Geheimbderath v Goethe in Jena den Reisewagen, der ihn der bewährten Kur in den böhmischen Badern ent- aeqenführen sollte. Die letzten Wochen waren besonders reichlich mit Arbeit gesegnet gewesen. Vor wenigen Tagen erst waren die druckreifen Korrekturbogen des großen Werkes an den Verleger ab- qegangen, das die Ernte jahrzehntelangen Fo^ fchens und Denkens barg: die „Farbenlehre . Noch eine Ergänzung des umfangreichen Stoffes war Goethe notwendig erschienen. Die wahrend der Entstehung der „Farbenlehre" von verschiedenen For chern angestellten Beobachtungen über die Wirkung farbiger Beleuchtung auf Leuchtsteme, Metalloxyde und Pflanzen galt ihm als bedeutendster Punkt, der in den: letzten 20 Weni m unserem Fache vorgekommen . „Ein Capital , fahrt Goethe fort, „das in unserem Entwürfe nur skizziert, in der Chemie von immer größerer Bedeutung werden muß. Wir können unsere Pflicht hierin nicht besser erfüllen, als wenn wir einen ausführlichen Aufsatz von Herrn Doctor S e e b e ck zu Jena einrücken, der von dem scharfen und treuen Beobachtungsgeiste des Verfassers, sowie von besten unvergleichlicher Gabe zu experimentieren em schönes Zeugnis ablegt und bei Freunden der Wissenschaft den Wunsch erregen wird, der Verfasser möge sich immer in dem Falle befinden, seinem natürlichen und beurkundeten Forscher-Berufe zu folgen.
Doktor Thomas Johann Seebeck, dem der große Menschenkenner Goethe solche ausnehmende Anerkennung schenkt, stand damals im 40. Lebensfahr, ßr war Deutschbalte, aus Reval gebürtig. -Von 1802 bis 1812 lehrte er in Jena. Dann folgte er einem Ruf an die Universität zu Berlin, wo er 1831 gestorben ist. Goethes Hoffnungen auf Seebecks wissenschaftliche Begabung wurden nicht enttäuscht. In der Geschichte der Physik lebt Seebeck weiter als ber Entdecker der Thermoelektrizität, die er im Jahre 1821 fand.
In der Abhandlung Seebecks, die Goethe für würdig erachtete, feine „Farbenlehre" zu beschließen, befindet sich ein Abschnitt „Von der chemischen Action des Lichts und der farbigen Beleuchtung . Darin führt Seebeck Versuche pon Vorgängern auf
diesem Gebiete an, besonders von Scheele und S e n e b i e r, die Öem Einfluß des Sonnenlichtes auf salzsaures Silber gegolten hatten. Eins Hemmung der Wirkung „nach der Seite des Gelben und Roten" hatte Senebier schon festgestellt. Mit Kenntnis dieser Ergebnisse machte nun Seebeck eingehende Versuche über die Wirkung des Sonnenlichtes, das durch ein Prisma gebrochen wurde. Schließlich schildert er in einem eigenen Abschnitt Versuche mit farbigen Gläsern, durch die er das Sonnenlicht auf falzsaures Silber, wie auch auf andere Chemikalien wirken ließ. „Das falzfaure Silber wurde unter den violetten, blauen und blaugrü- nen Gläsern wie am Sonnen- oder Tageslichte grau, und zwar nach der Verschiedenheit der Gläser auch verschieden nuanciert, bei der einen mehr ins Bläuliche, bei der andern mehr ins Rötliche ziehend, oft auch fast schwarz. Unter gelben und gelbgrünen Gläsern dagegen veränderte sich das Hornsilber wenig", stellt Seebeck fest. „Die blaue Beleuchtung wirkt überhaupt auf alle Substanzen, welche im Lichte eine Veränderung erleiden, wie das reine Sonnen ober Tageslicht; die rothe Beleuchtung dagegen verhält sich immer entgegengesetzt, häufig bloß wie gänzliche Abwesenheit des Lichtes. Sv wird, um noch einige Beispiele anzuführen, die farblose Salpetersäure unter blauen und violetten Gläsern gelb, wie im reinen Sonnenlichte, unter dem gelbrothen bleibt sie weiß; Bestuscheffs Ner- oentinctur wird im Sonnenlichte weiß, unter dem blauen Glase gleichfalls, unter dem gelbrothen aber bleibt sie gelb usw."
Für uns heute ist es nicht schwer, zu erkennen, daß Seebeck mit diesen Aufzeichnungen den Weg zur Photographie in natürlichen Farben gewiesen hatte! Seebecks Zeitgenossen konnten eine so hervorragende Bedeutung der Untersuchungen des Jenaer Physikers nicht ahnen, weil die Photographie selbst noch nicht erfunden war. Erst mußte die Kamera mit den Platten entsprechender Empfindlichkeit und die Möglichkeit des Fixierens vorhanden fein, bis Seebecks Erkenntnis einen praktischen Wert erhalten konnte. Dreißig Jahre nach Seebecks Tod kam der englische Physiker Clerk Maxwell auf den Gedanken der photographischen Wiedergabe unter Anwendung dreifarbiger Lichtfilter. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts versuchten dann die französischen Amateur» photographen Ducvs de Hauron und C r o s, durch Uebereinanderdrucken von drei verschiedenfarbigen Bildern natürliche Abbildungen farbiger Gegenstände zu erzielen. Doch erst nachdem Professor" H. W. Vogel die Farbempfindlichkeit photographischer Platten entdeckt hatte, tonnte diesem
Wege die naturgetreue Wiedergabe photographierter Dinge im farbigen Buchdruck ausgeführt werden. Die Aufgabe, unmittelbar in der Kamera naturwahre, farbige Aufnahmen zu erreichen, lösten schließlich die Chemiker Gebrüder ßumiere in Lyon mit ihrem „Autochromverfahren." Bei diesem ist die Glasplatte, die eine farbempfindliche Gelatineschicht trägt, von feinen grünen, orangefarbigen und violetten Stärkekörnchen bedeckt, die als winzige Lichtfilter wirken. Wenn sich auch die technischen Mittel erstaunlich verfeinert, die chemischen Verfahren erheblich vervollkommnet haben, so sind doch die Grundlagen die gleichen geblieben, die Thomas Johann Seebeck vor 125 Jahren angab. Sie sind, wie Goethe vorausgesagt, in der Chemie von immer größerer Bedeutung geworden, vor allem durch die Farbenphotographie!
Der „Papier-Zack" ein Londoner Sonderling.
In den Straßen Londons sah man seit Jahren einen sonderbaren Kauz, dem selbst ein härenes Gewand zu kostspielig war und der sich seine Kleidung aus alten Zeitungen zusammensteckte. Mit einigen Schnüren wurde dieses recht mangelhafte Kostüm „gesichert", und wenn ein Regenguß den Anzug allzu sehr durchweichte, dann erhielt der merkwürdige Mann überall, wo er anklopfte, kostenlos wieder einen Stoß alter Zeitungen, aus denen er sich geschickt ein neues Gewand nach dem elegantesten Schnitt schneiderte. Daß er sich auch die Haare nicht scheren ließ und sich Sandalen aus Packpapier schusterte, ist darnach nicht mehr verwunderlich; aber niemand nahm Anstoß an einer so offen zur Schau getragenen Verachtung der Zivilisation. Er übernachtete im Freien und ließ sich bei einem Unwetter allenfalls bewegen, einmal eine Nacht in einem Schuppen zu verbringen, aber in richtige Behausungen ließ er sich nicht einlaben. Den „Papier-Jack" nannten ihn die Gassenjungen von London, und bald nannten ihn auch die Erwachsenen so. Die Schutzleute schlossen sich der öffentlichen Meinung an, standen auf Du und Du mit ihm und trugen Sorge, daß er in seiner Feindschaft gegen die technischen Errungenschaften wohlbehalten von einem Bürgersteig auf den andern kam. Aber trotz dieser freundlichen Fürsorge hat Papier-Jack nun im Kampf gegen die Zivilisation den kürzeren gezogen. Er ist einem Autounfall erlegen, bei dem man weder ihm noch dem Fahrer eine Schuld nachweifen konnte. Erst als der „Papier-Jack" still und stumm im Schauhaus lag, wurden seine Geheim- nifte offenbar. Ma» fanil dte Anschrift eines wohl
habenden Weinhändlers namens Preece bei feinen wenigen Habseligkeiten, und als man den Mann herbeirief, erkannte dieser in dem armen „Papier- Jack" seinen Bruder Alfred (Ellis Preece wieder, den er feit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen hatte. Er berichtete, daß sein Bruder vor dem Kriege ein Landvermesser gewesen sei. Im Kriege hatte man ihn auf Grund feiner besonderen Befähigung zur Entzifferung von Telegrammen herangezogen, eine sehr schwierige Arbeit, die er zur größten Befriedigung feiner Vorgesetzten zuverlässig durchführte. Nach dem Friedensschluß hatte Alfred Ellis Preece bann geheiratet unb war zunächst sehr glücklich gewesen; bann aber würbe bie Ehe geschieben ober für ungültig erklärt, man wußte nicht recht warum. Von biefem Tage an war Alfreb ver- schwunben, unb „Papier-Jack" tauchte an seiner Stelle auf. Unh ber fonberbare Mensch hat nun sein letztes Geheimnis mit ins Grab genommen.
Hochschukuachrichten.
An ber Universität Frankfurt finb zu beamteten außerorbentlichen Professoren ernannt worben ber Dozent für Sinologie unb Bubbhologie unb Direktor bes China-Instituts Dr. jur. et phil. Erwin Rousse 11e unb ber Dozent für beutsche Philologie, insbefonbere für Literaturgeschichte ber beut- schen Stämme unb Lanbschasten Dr. phil. Hermann © u m b e l.
Der bisherige Beauftragte für Luftfahrtmebizin an ber Universität Frankfurt Dr. med. Spahmer tritt mit Wirkung vom nächsten Wintersemester in gleicher Eigenschaft an bie Universität Gießen über. Für bie Universität Frankfurt hat Professor Dr. Koch in Bab-Nauheim einen Lehrauftrag für Luftfahrtmebizin mit Geltung vom nächsten Wintersemester an erhalten.
Der zunächst nur vertretungsweise mit ber lieber- nähme ber burch bas Ableben von Professor Strasburger freigeworbenen Profesiur für innere Medizin in Frankfurt beauftragte Professor Dr. Max G ä n ß 1 e n ist nunmehr endgültig zum planmäßigen ordentlichen Professor und Direktor der Medizinischen Poliklinik ernannt worden.
Professor Dr. Christian vom Hofe, Extraordinarius an der Technischen Hochschule in Wien, ist zum ordentlichen Professor für allgemeine Technologie an der Technischen Hochschule Berlin ernannt worden.
Professor Dr. Anton Fleck, Honorarprofessor für Wirtschafts- ynd Finan^wissenschaften nn der Universität Kiel, ift zum ordentlichen Professor an dev Universität Greifswald ernannt woxdrn.


