Nr.siZ Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Donnerstag, lb. Mai syZS
Aufruf!
Aus Oer Provinzialhauptstadt. Radfahren — gesund oder schädlich?
Das Fahrrad hat sich von Anfang an gegen Unverstand. Neid und Mißgunst durchkämpfen müssen. Es steht aber heute unbestritten fest, daß das Fahrrad für die körperliche Ertüchtigung des Volkes ein wirksames Hilfsmittel geworden ist. Es gab indessen eine Zeit, wo das Radfahren allen nur denkbaren Angriffen ausgesetzt war, und den Hauptstoß glaubte man versetzen zu können, indem man auf „gesundheitsschädliche Wirkungen des Radfahrens" hinwies. Das waren in allen Fällen für das Leben verbrauchte Miesmacher, die alles bekämpfen müssen, was sie nicht verstehen. Der Kampf ist ausgegangen mit einem Siegeszug des Fahrrades ohnegleichen. Wertvolle Mitstreiter erhielt das Radfahren in den maßgebenden Vertretern der medizinischen Wissen- scbast, unter denen sich Namen von unvergänglichem Weltruhm befinden. An ihren klaren und treffenden Ausführungen über den gesundheitlichen Wert des Radfahres mußten alle Unkenrufe abprallen. Und alles, was sie geschrieben und gesprochen haben, ist bestätigt worden durch jene Pioniere des deutschen Radsports, die heute alt geworden sind, aber bis ins hohe Alter hinein dem Fahrrad die Treue hielten, weil sie erkannten, welchen Wert die Ausübung des Radfahrens für ihr körperliches Befinden, für die Elastizität von Körper und Geist hat. Als Illustration hierfür mögen die feit Jahren ausgeführten sog. „Alte-Herren-Fahrten" erwähnt werden, die fünfzig- bis achtzigjährige Teilnehmer zeigten. Durch zwölftägige Wanderfahrten über 700 bis 800 Kilometer gab die stattliche Schar in allen Gegenden Deutschlands ein Beispiel, das mehr sagte, als alle Worte und allen die Augen öffnete über den gesundheitlichen Werte des Radfahrens. Man soll nicht etwa annehmen, daß jene Herren nur deshalb aufs Rad steigen, weil es ein billiges Verkehrsmittel ist und eine billige Reise ermöglicht. Nein, damit rechnen sie nicht. Es sind darunter Volksgenossen aller Stände, auch viele, die daheim ihr Auto haben.
Das Farrad hat sich durchgesetzt. Von der Schuljugend an durch alle Lebensalter, sowohl vom männlichen, als auch vom weiblichen Geschlecht wird es in Anspruch genommen. In welchem Maße die Jugend, ganz abgesehen vom täglichen Verkehr zwischen Haus, Schule und Arbeitsstätte, sich das Fahrrad nutzbar macht für größere Wanderfahrten durch die schöne deutsche Landschaft, möge durch Beispiele näher erläutert werden. Deutschland hat 2300 Jugendherbergen. Angestellte Erhebungen in den besuchtesten Herbergen, wie Eisenach, Weimar, Heidelberg, Koblenz usw., ergaben, daß ein hoher Prozentsatz aller jugendlichen Besucher Radwanderer waren. Wettergebräunt, abgehärtet, mit gestähltem Körper kehrten sie heim. Und was sie von solchen Fahrten an ideellen Geisteswerten heimbrachten, an Lebenserfahrung, Lebenserinnerungen und Kenntnissen, das steht auf einer besonderen Seite geschrieben und wird unsere Jugend durch alle Lebensalter begleiten, wie es bei jenen alten Pionieren des Radsports der Fall ist.
Die Aufzählung einer einzigen Tatsache genügt eigentlich, um die Bedeutung des Fahrrades für den Wandersport zu kennzeichnen: daß auf dem neuen Ostpreußenschiff „Tannenberg" eigens ein großer Unterstellraum für die Fahrräder der Jugendwanderer eingerichtet wird. Das ist ein Zugeständnis an die Masse derer, die alljährlich ein schönes Stück ihres deutschen Vaterlandes kennenlernen wollen, obwohl sie in den meisten Fällen nicht die Mittel haben, zu ihren Reisen die Eisenbahn zu benutzen. Das Fahrrad wird ihnen zum Ersatz. Gewiß, es bietet nicht die gleichen Möglichkeiten wie die Eisenbahn: aber auf einem anderen Gebiete kann es erfolgreich mit ihr konkurrieren: Der Radwanderer ist in der Lage, auf seiner Reise unterwegs jeden Punkt aufzusuchen, der ihm irgendwie besuchenswert erscheint.
Alljährlich in den großen Ferien sind die deutschen Landstraßen von Radwanderern bevölkert. Meist sind es Jugendliche, Schüler, die sich aus Gründen der Unterhaltung und der Sicherheit vielfach zu größeren Gruppen zusammenschließen, um
Deutsche Volksgenossen!
Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt sieht wiederum vor neuen großen Aufgaben. Sie wird auch während des Sommerhalbjahres in wirklich umfassender Weise dort helfen, wo es notwendig ist.
Die bis ins kleinste durchgeführle NSV.Orga- nifation ist tatsächlich in der Lage, jede notleidende Familie zu erfassen und sie nach Maßgabe der zur Verfügung stehenden Mittel zu betreuen. Zur Erleichterung der großen und vielseitigen Arbeit der ehrenamtlich tätigen Zellen- und Vlockwalter werden in den nächsten Tagen
gemeinsam die Wunder erleben zu können, die die deutsche Natur ihnen beschert. Und man muß die Jungens, wenn sie von der Fahrt zurllckkommen. nur erzählen hören, um zu erkennen, daß das Radwandern gerade bei der Jugend die beliebteste Art des Wanderns ist, weil es Schnelligkeit mit dem Vorzug der Billigkeit verbindet.
Allerdings: Ein Nachteil haftet dem Radwandern an und mag manche Mutter veranlassen, ihrem Jungen schweren Herzens die Teilnahme an einer solchen Wanderung zu verbieten. Schweren Herzens, denn sie weiß, daß ihrem Jungen ein Stück Leben verlorengeht. Dieser Nachteil — jeder kennt ihn: daß der Radwanderer die Straße mit dem Kraftfahrzeug teilen muß. Es sind nur wenige Landstraßen in' Deutschland, die dem Radfahrer einen für ihn und nur für ihn bestimmten Teil der Straße reservieren. Auf den meisten Straßen muß er seine Aufmerksamkeit zwischen Landschaft und Verkehr teilen, hat infolgedessen nur die halbe Freude.
Wer aber sein Vaterland ganz kennenlernen will, muß ungeteilt erleben können. Darum die Forderung: Schafft Radfahrwege an den deutschen Landstraßen, damit unsere Jugend ungefährdet das schöne Deutschland genießen kann.
Denise
Kreiswallung Gießen.
Am Freitag, 17. Mai, abends 8.30 Uhr, findet ein O r t s g r u p p e n a b e n d der Hausgehilfinnen sämtlicher GießenerOrtsgrup- p e n im „Cafe Ebel", Burggraben, statt. Es spricht Pg. Hahn von der Kreiswaltung der DAF.
kreiswaltung Fachgruppe Hausgehilfen.
- 4 «Kietzen.
velr. Spiele in den hessischen Schulen für das Schuljahr 1935.
Laut Verfügung der Landesregierung, Abt. 2, sind für das Schuljahr 1935 Spiele ausgeschrieben, an denen jede Schule teilnehmen muß. Die Knaben spielen Fußschlagball, die Mädchen Grenzball.
Es ist folgende Einteilung getroffen (die oberen Klassen der höheren Schulen sind hier nicht einbegriffen):
Gruppe III: Klassen Quarta bis Untertertia der höheren Schulen und 7. und 8. Schuljahr der vier- und mehrklassigen Volksschulen: Knaben: Fußschlagballspiel um den Kreiswimpel der Landesregierung. Mädchen: Grenzballspiel um den Kreiswimpel der Landesregierung.
Gruppe IV: 6. bis 8. Schuljahr der ein- bis dreiklasfigen Volksschulen: Knaben: Fußschlagball um den Kreiswimpel der Landesregierung. Mädchen: Grenzball um den Kreiswimpel der Landesregierung.
Die Organifations- und Spielregelheftchen sind den Schulen in der Zwischenzeit zugegangen.
Der Kreis ist zur besseren Durchführung der Spiele wie folgt in fünf Kreisgebiete untergeteilt I worden:
in allen Häusern der Stabt und der Vororte kleine rote Haustafeln angebracht, aus die alle Hausbesitzer bzw. Mieter hinsichttich ihrer Zugehörigkeit zur NSV. vermerkt werden.
Die Gauamtsteitung erwartet, daß alle Hausbesitzer und Verwalter in der Erkenntnis der Notwendigkeit dieses organisatorischen Hilfsmittels für die NSV.-Arbeit die Anbringung der Haustafeln an geeigneter und gut sichtbarer Stelle des haus- flures fördern.
heil Hitler!
NSDAP., Amt für Volkswohlfahrt, Gau Hessen-Nassau.
1. Gebiet Gießen (Leiter: Studienassessor Fon- t i u s , Gießen, Oberrealschule).
2. Gebiet Londorf (Leiter: Lehrer Heil, Allen- dorf a. d. Lda.).
3. Gebiet Grünberg (Leiter: Lehrer Weisel, Grünberg).
4. Gebiet Lich (Leiter: Lehrer Schön, Lich).
5. Gebiet Hungen (Leiter: Lehrer Sornrner- l a d , Rodheim bei Hungen).
Zu jedem Gebiet gehören mehrere Schulen. Die obengenannten Leiter benachrichtigen die Schulen ihres Gebietes und geben auch Auskunft über Spielaufbau und Spielregeln. Beide Spiele werden anläßlich der Kreiskonferenz am 5. Juni 1935 vor- geführt. Vorläufig muß geübt werden, damit die Schüler die Spiele beherrschen, lieber die Durchführung der Wettspielrunden, die Mitte Juni beginnen, ergeht noch näherer Bescheid.
Der Arbeitseinsatz der Heimarbeiter.
Die zweite Durchführungsverordnung des Gesetzes über die Heimarbeit ist am 1. Mai 1935 in Kraft getreten. Im Vollzug dieser Verordnung haben die Arbeitsämter u. a. die zwingend vorgeschriebenen Entgeltbelege der Heimarbeiter und Hausgewerbetreibenden mit einem amtlichen Sichtvermerk zu versehen und auf Grund dieser Entgeltbelege eine Kartei der Heimarbeiter und Hausgewerbetreibenden anzulegen und fortlaufend zu führen.
Das Gesetz über die Heimarbeit regelt zwar in erster Linie den Entgeltschutz für die Heimarbeiter und Hausgewerbetreibenden: die Vorschriften über die Liftenführung und die Erteilung des Sichtvermerks für die Entgeltbelege geben jedoch zugleich weitgehenden Aufschluß über Umfang, Bedeutung und Erscheinungsformen der Heimarbeit, sowie einen umfassenden Ueberblicf über die wirtschaftliche und soziale Lage der Heimarbeiter und Hausgewerbetreibenden. Damit sind aber auch die Voraussetzungen erfüllt, um den bisher wenig übersichtlichen und unausgeglichenen Arbeitseinsatz der Heimarbeiter künftig planmäßiger als bisher zu gestalten.
Die Umstellung auf das neue Recht soll bis spätestens zum 1. Juli 1935 abgeschlossen sein. Der Präsident der Reichsanftalt hat demgemäß die Arbeitsämter mit den erforderlichen Weisungen versehen. Für die Auftraggeber von Heimarbeitern empfiehlt es sich, sich unverzüglich genaue Kenntnis des neuen Rechts zu verschaffen und aus diesem Grunde mit den Arbeitsämtern in Verbindung zu treten.
Mitgliedsdeitrag der Reichskuttur- und Zieichsmusikkammer-Miiglieder.
Auf Anordnung des Schatzamtes der DAF. werden den Mitgliedern obiger Kammern, die für die Zeit der Doppelmitgliedschaft an die DAF. gezahlten Beiträge zurückvergütet. Hiermit werden alle diese Mitglieder aufgefröert, sich bis zum 1. Juni 1935 unter Vorlage beider Mitgliedskarten (DAF. und Kammer) an die zuständige Dienststelle der DAF. zu wenden und entsprechende Gesuche um
Rückzahlung des DAF.-Beitrages zu stellen. Nach dem 1. Juni 1935 erfolgt keine Rückzahlung mehr.
Muster-Lehrverträge
im Verwaltungs- und Vürodienst sowie für Anwattsbüros.
Das Amt für Berufserziehung der DAF., Sitz beim Rhein-Mainischen Industrie- und Handelstag, hat jetzt für die Ausbildung sowohl von Verwaltungs- und Bürolehrlingen, als auch von Rechtsanwalts- und Notariatslehrlingen für das rhein- mainifche Wirtschaftsgebiet je einen Muster-Lehrvertrag in Kraft gefetzt, der die Lehrverhältnisie von Grund auf neu regelt und der zuständigen Industrie- und Handelskammer 314m Einträgen in dis Lehrlingsrolle vorzulegen ist. Für die Ausbildung find die vom Amt für Berufserziehung der DAF., Gau Hessen-Nassau, feftgelegten Richtlinien maßgebend und gelten als Teil des Vertrags. Der Lehrling darf nicht mit Arbeiten beschäftigt werden, die nicht seiner beruflichen Ausbildung dienen. Ein vom Lehrling zu führendes Lehrlingsbuch muß jedes Vierteljahr durchgesehen und gegengezeichnet werden. Zur ständigen Ueberprüfung ist vom Lehrherrn ein Aus- bilbungsbogen zu führen, aus dem hervorgeht, welche Zeit der Lehrling in den einzelnen Tätigkeitsgebieten verbracht hat und welche Ausbildung ihm zuteil geworden ist. Darüber hinaus soll der Lehrherr darauf achten, daß der Lehrling alle Bildungsmöglichkeiten benutzt, insbesondere an der Uebungs- wirtfchaft und den übrigen Bildungseinrichtungen der Reichsberufshauptgruppen der Deutschen Arbeitsfront teilnimmt. Ebenso ist der Lehrling anzuhalten, an den alljährlichen Berufswettkämpfen teilzunehmen. Nach Beendigung der Lehrzeit ist der Lehrling dem beim Amt für Berufserziehung der DAF., Gau Hessen-Nassau, errichteten „Ausschuß für die Gehilfen- Pflichtprüfung" zur Prüfung anzumelden. Weitere Paragraphen betreffen die Pflichten des Lehrlings, Arbeitszeit und Urlaub, die Lehrlingsvergütung, Sozialversicherung, Pflichten und Haftung des gesetzlichen Vertreters des Lehrlings, feine Weiterbeschäftigung als Gehilfe u. a. m. und finden ebenfalls eine beiderseits befriedigende Neuregelung.
10 Zahre Stahlhelm in Gießen.
Der Gaukulturwart des NSDFB. (Stahlhelm) teilt uns im Auftrage der Ortsgruppe Gießen des NSDFB. (Stahlhelm) folgendes mit:
Am Samstag, 18. Mai, feiert die Ortsgruppe Gießen des NSDFB. (Stahlhelm), der durch Staatsakt des verewigten Reichspräsidenten von Hindenburg und des Reichskanzlers Adolf Hitler Rechtsnachfolger des Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten, geworden ist, ihr lOjähriges Bestehen. Vorgesehen ist 19.30 Uhr Gottesdienst in der Kapelle des Schiffenbergs, 20 Uhr Weihen der Ortsgruppen- fahnen von Daubringen, Lich, Nieder-Gemünden, Watzenborn-Steinberg. Entfernen der Trauerflore von den alten Fahnen. 20.30 Uhr Begrüßung der Gäste und Kameraden durch den Ortsgruppenführer, Ansprache des Landesführers Hessen, Ansprache des Ortsgruppenführers. Anschließend kameradschaftliches Zusammensein in sämtlichen Räumen des Schiffenbergs.
Das Stiftungsfest der „Adelphia"
Im Anschluß an unseren Bericht über den Stiftungsfest-Kommers der studentischen Reformverbindung „Adelphia" im V. D. B. (vergleiche Gießener Anzeiger Nr. 110 vom Montag, 13. Mai) wird uns von der „Adelphia" folgendes geschrieben:
Am Sonntagvormittag fand ein Gesamtkonvent statt, dem sich ein gemeinsames Mittagessen auf dem Hause anschloß. Nach alter Sitte fuhren die Aktiven und Alte Herren nachmittags auf den Gleiberg, um an der Geburtsstätte der Korporation der Gründer zu gedenken, von denen übrigens nur noch einer, der emeritierte Professor für Augenheilkunde an der Universität Hamburg Dr. Hermann Milbrand, am Leben ist. Frohe Tanzweifen hielten die Fest» teilnehrner bis um Mitternacht zusammen.
Den Abschluß des Festes bildete am Montag ein gemütliches Zusammensein mit Tanz auf dem Hause, das mit den Aktiven noch die wenigen Alte Herren
Zunge Katzen aus G am.
Paul Eipper.
Meine erste Siamkatze kam aus Tibet, aus einem buddhistischen Bergkloster. Sie hieß Lulo, und ich hatte einige Schwierigkeiten, in Deutschland den ebenbürtigen Gatten für sie zu finden: damals waren die Siamkatzen noch keineswegs „Mode" bei uns. Als ich dann doch einen fast schwarzen, herrlichen Siamkater fand, geschah das Unerwartete: Lulo lehnte ihn ab. Mit Spucken, Kratzen und unter Zerstörung sämtlicher Gardinen meines Arbeitszimmers.
Ich bin viel zu sehr gegen jede Vermenschlichung der Tiere, um mir einzubilden, Lulo habe schon damals ihren rechten Gemahl vorausgeahnt: doch als sechs Monate später der seidenglänzende, riesengroße „Buddha" in ihr Gesichtsfeld trat, waren keinerlei Schwierigkeiten in der Gesühlseinstellung zu überwinden: Lulo ist Jahr um Jahr Mutter von entzückenden, rassereinen Siamkätzchen geworden.
Wo soll ich anfangen — besser gesagt — wie kann ich jemals enden bei der Erzählung von der Freude und dem Glück, das durch diese anmutigsten Tier- qeschöp e in meine Familie gekommen ist?
Soll ich zuerst von jenem Wurf sprechen, der genau jeden Klingelton in der Wohnung unterscheiden konnte? Wenn das Telephon rasselte sausten sie — wie aus der Kanone geschossen — Brust an Brust in mein Arbeitszimmer, sprangen über den Armstuhl zur Schreibtischplatte hmauf und hockten sich erwartungsvoll neugierig im Kreis um den schwarzen Sprechapparat. Sie liefen stets zur richtigen Korridortüre, verwechselten niemals das Geläut der vorderen und der Hinteren und wenn unten vor dem Haus der 02110)mann klingelte, ratschten sie — muskelstarke Meister Netterer — um die Wette am Mullvorhang hinaus, langgestreckt und gewalttätig.
Mögen Sie vom „Gesang" der Siamkmder etwas hören? Wollen Sie Bericht über das Gemeinschafts- fpiel der Kleinen mit einer weißen Zelluloidkugel? Bei solcher Betätigung zeigt sich ja schon die ganze Persönlichkeit einer Katze: Anmut, Schalkhaftigkeit, die Freude an der schönen Bewegung, aber auch die Klugheit, der raubtierhaste Drang, einen Feind durch Schläue zu überlisten, durch Kühnheit und jähes Zustoßen kampfunfähig zu machen, ihn zu bezwingen. Obwohl die Burschen kaum geradeaus gehen konnten und immer wieder das Gleichgewicht verloren.
Aber sie hatten an ihrer Mutter eine trefsllche Lehrmeisterin, die sie zu körperlicher und geistiger
Lebenstüchtigkeit dauernd schulte, in unauffälliger Spielerei
Ich saß manche Stunde reglos in der dunklen Zimmerecke und sah dem Treiben zu. Eben trollte Lulo gelangweilt durchs Zimmer, tat, als beachte sie keineswegs, daß ihre Brut aufmerksam hinterdrein marschiert, vorsichtige und zugleich tolpatschige Tierzwerge. Als die Mutter mit einem Satz in den weich gepolsterten Wohnkorb springt, bilden sich die Kinder ein, nun käme die Stunde des behaglichen Trinkens, des genußvoll warmen Zusammenliegens.
Weit gefehlt; Lulo beißt unvermittelt ihre Jungen, strampelt wild und mit kurzem, harten Anrucken der Hinterbeine, leckt dann plötzlich wieder die Kleinen, schnurrt, gurrt, brummt und wirft die erschreckt quietschenden Katzenkinder hoch.
Immer ausgelassener und wilder wird die Mutterkatze. Rückwärtsfallend im Korb, stellt sie sich nun auf den Kopf, wippt mit den Beinen, verrenkt in Zuckungen den ganzen Körper, lacht scheinbar über sich selbst (sie sperrt nämlich ihren Rachen weit auf, ohne zu fauchen); aber schon beißt sie wieder das eine Kind ins Hinterteil, stößt das andere, schleudert das dritte seitlich weg: endlich begreifen die Jungen und gehen von verschiedenen Seiten zum Gegenangriff vor. Dies eben will die Tiermutter; ihr Spiel bezweckt die Ausbildung der Körperkräfte ihrer Kinder, das Wecken ihres Temperaments, ihres Muts, der Angriffslust!
Jetzt beißen sie sich einheitlich an die Mutter heran, hüpfen über Lulos Rücken wie Frösche hinweg, verkrampfen sich ineinander, schnurren auch, brummen aber immer wieder kampferfüllt dazwischen, fauchen sogar mit gesträubten Bärten.
Nur eines sitzt abseits, aufrecht in der äußersten Korbecke, als ob es Schiedsrichter spielen müsse, und prüft schrägen Kopfes den Kampf. Eben wird sein Bruder vom Schwesterchen hart ins Ohr gebissen, das dritte Katzenkind fällt vor Schrecken über den Angstruf seinerseits um, nimmt aber flink die Gelegenheit wahr, von unten her in den rosafarbenen Milchbauch des kleinen Katers zu zwicken. Alles wimmert, kämpft, wetzt und hastet durcheinander; nun kann sich auch der Schiedsrichter nicht mehr beherrschen, hebt das linke Vorderpfötchen — um den Kampf zu bremsen? Reinzuschlagen? Jedenfalls verlor das Kätzchen so sein Gleichgewicht, purzelte mitten unter die wilden Geschwister und landete am Kinn der aufmerksam zuschauenden Mutter. Lulo führte zur Begrüßung die Pfote streichelnd über das verdutzte Kind, und mit einemmal erlosch auch bei den anderen jede Lust am Kampf; sie drangen gemeinsam zu den Milchquellen vor.
Als ich Lulo ein paar Tage 'mit aller Zurückhaltung gepflegt hatte, schrieb ich in mein Tagebuch: Muskulöses, hochbeiniges Raubtier. Das Haarkleid kurz, dicht und glänzend braun in allen Schattierungen. Fast unmöglich, den Reiz dieses Farbenakkords zu schildern: isabellzart am Bauch; sandfarben getönt über den Flanken; am Rücken wie das Deckblatt einer guten Zigarre, zur Sattheit gerösteter Kastanien sich steigernd gegen Beine und Schwanz. Aber tiefer braun noch, fast schwarz ist der Kops, ein Maskengesicht mit geheimnisvollen Zeichen über der Stirn.
Rätselvoll wirkt dieser kleine, runde Kops, den spitze Schattenohren zieren. Er wächst scheinbar halslos aus der seidigen, malvenhellen Brust heraus. Ein rotes Zünglein spielt unter der schwarzen Nase; starr stehen die langen, weißen Borsten des Bartes zu beiden Seiten: die Düsternis des Ganzen aber blüht zum frohen Märchen auf durch zwei azurblaue Augen, — Sterne, die tief wie ein Abgrund und lichtglänzend wie der besonnte Aether sind.
Ja, so erschien mir Lulo, und sie blieb trotz jahrelanger Gemeinschaft irgendwie rätselvoll fremd für uns Menschen. Dagegen strömte von Anbeginn alle Liebe der Zugehörigkeit zwischen ,(Hean)‘ und mir. Auch Cleary war ein Lulo-Sohn, flaumig weich und weiß bei seiner Geburt, mit einem drolligen Ringelschwänzchen. Die Färbung seines Fells wechselte allmählich von Weiß zu Heller Sandfarbe; Ohrenecken, Nase, Schwanzspitze glänzten schwarz: die Füßchen waren immer dunkelbraun beschuht. Dazu strahlten himmelblaue Augen!
Doch alle Beschreibung zeigt nicht die Anmut, Zärtlichkeit, Liebe und Schönheit dieses Tiergeschöpfes, das im Charakter auch bann noch kindlich sanft und vertrauensvoll zu uns Menschen blieb, als der kraftstrotzende Siamese schon rührend besorgter Vater von vielen kleinen Kätzchen war.
Dom Kuß im Mai.
In den Sinngedichten Friedrich von Logaus wird vorn Mai gesagt: „Dieser Monat ist ein Kuß, den der Himmel gibt der Erde, daß sie jetzund feine Braut, künftig eine Mutter werde." Da auch sonst der Mai als Jahreszeit der Liebe gilt, so ist die Zusammenstellung von Aeußerungen über den Kuß, die ein dänischer Professor vorgenommen hat, nicht unzeitgemäß. Ein lateinisches Epigramm wird von ihm als Definition des Kusses herangezogen. Es lautet: „Was ist süßer als Met? Der Tau des Himmels. Und was ist süßer als Tau? Honig von Hybla. Was ist süßer als Honig? Nektar. Als
Nektar? Ein Kuß." Auch das den Kuß zuweilen begleitende Geräusch ist schon von Dichtern gedeutet worden. So brachte Johannes Jürgensen einmal den Verglei: „Das Plätschern der Wellen gegen die Strandkiesel ist wie der Klang langer Küsse"; und in Sören Kierkegaards berühmtem „Tagebuch des Verführers" erzählt Johannes von den Brautpaaren, die sich so zahlreich bei seinem Onkel einfanden: „Ohne Unterbrechung hörte man die ganzen Abende einen Klang, als ob jemand mit einer Fliegenklappe umherginge: Das find die Küsse der Liebenden." Noch vor einem Viertel Jahrhundert galt „ein Kuß ohne Bart" als „ein Ei ohne Salz". So klagt in einer rumänischen Ballade ein junger Mann: „Ich bin noch zu jung zum Heiraten, mein Bart ist noch nicht gesproßt. Welche Frau würde mich denn küssen?" Und auf Jütland sagten die Mädchen: „Einen Burschen ohne ein Priemchen Tabak und ohne Bart küssen, das ist, als ob man eine Lehmwand küßt." lieber die Wirkung des Kusses gibt es sehr verschiedene Aeußerungen. Ein italienisches Sprichwort behauptet: „Ein Mund ist darum nicht schlechter, weil er geküßt worden ist", und ein französischer Dichter sagt: „Ach, zwei Küsse! Man tauscht sie aus wie zwei Kugeln, die das Ziel verfehlen, und der Ehre ist Genüge getan." In
Norwegen heißt es in einem Lied: „Jans Johan-
nefen, der tapfere Gote, gab dem Mädchen einen guten Kuß auf den Mund, er küßte sie einmal und
dann wieder, aber jedesmal war sie in gleicher
Weise froh." In Deutschland sagt man: „Einen Kuß kann man zwar abwischen, aber das Feuer im Herzen nicht löschen." Den Gedanken, den wir mit der Redensart bezeichnen „Einen gestohlenen Kuß zurückgeben", drücken die Spanier so aus: „Schilt deine Mutter dich, daß du dir einen Kuß hast geben lassen, so gib ihn zurück, liebes Mädchen; dann muß sie den Mund halten." Auch eine französische Anekdote berichtet von einem Studenten, der sich die Freiheit nahm, ein junges Mädchen zu küssen. Sie wurde jedoch sehr ärgerlich und nannte ihn einen unverschämten Lassen, woraus er mit unwiderleglicher Logik entgegnete: „Aber mein Fräulein, kränken Sie sich nicht! Wenn der Kuß Ihnen unangenehm ist, so geben Sie ihn mir zurück." Freundschaftlicher scheint das Uebereinfommen zwischen einem dänischen Brautpaar gewesen zu sein, das die Verlobung auflösen wollte. „Es ist am besten, wenn wir die ausgetauschten Briefe zurückgeben", sagte er gemessen. „Gut" erwiderte sie, „sollten wir aber nicht gleichzeitig auch alle unsere Küsse zurück- geben?" Das geschah, und so wurde das Verlöbnis neu geschlossen.


